Die wachsenden Ziele und die Zuchtmittel des Sittlichen. 45 der Sinnenwelt als höchste Tugend. Dem einen gilt Schmerzlosigkeit, dem anderen Thätigkeit, dem dritten Hingabe an das Gemeinwesen als das höchste Gut. Trotz aller dieser Abweichungen hat die gleiche Menschennatur, die gleiche gesell— schaftliche Entwickelung und die gleiche Ausbildung der Ideenwelt bei allen höher stehenden Völkern eine merkwürdige Übereinstimmung der geforderten Pflichten, Tugenden und Guüter erzeugt. Eine Erfahrung von Jahrtausenden hat immer mehr dieselben Handlungen, dieselben Gefühle als die notwendigen Bedingungen des Glückes der ein— zelnen, wie der Wohlsfahrt der Gesellschaft aufgedeckt. Bei allen Völkern arbeiten sich nach langen Irrwegen dieselben Ideale durch, die in relativ wenigen und einfachen Sähzen und Ideen sich zusammenfassen lassen. Sie sind ebenso sehr ein Ergebnis unserer steigenden Erkenntnis der Welt und der Menschen, wie ein Produkt der sittlichen Zucht, der' Veredelung unseres Gemütslebens. Behaupte und vervollkommene dich selbst; liebe deinen Nächsten als dich selbst; gebe jedem das Seine; fühle dich als Glied des Ganzen dem du angehörst; sei demütig vor Gott, selbstbewußt aber bescheiden vor den Menschen. Derartiges wird heute in allen Weltteilen und von allen Religionen gelehrt. Und überall ruht der Bestand der Gesellschaft darauf, daß diese schlichten und kurzen Sätze zur höchsten geistigen Macht auf Erden geworden sind. 21. Dre siltlichen Zuchtmittel: gesellschaftlicher Tadel, staatliche Strafen, religiöse Vorstellungen. Wie kam es aber, daß diese Sätze zur höchsten Macht auf Erden wurden? Die sittlichen Urteile entstanden und entstehen immer dieder auf Grund der geschilderten psychischen Vorgänge; aber wie wir dabei schon der Mitwirkung der Gesellschaft gedenken mußten, so tragen gesellschaftliche Einrichtungen und piychische Pressionsmittel, die aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen ihre Kraft schöpsen, dazu bei, die Wirkung dieser Urteile zu stärken, im Gemütsleben der Menschen jene ftarken Emotionen hervorzurufen, die zunächst viel mehr als kluges Uberlegen und Einficht in den gesellschaftlichen Nutzen oder den künftigen eigenen Vorteil die Menschen auf der Bahn des Sittlichen vorangebracht haben. Die socialen Pressions- und Zuchtmittel, die wir meinen, sind einfach und bekannt: sie entspringen der Furcht vor Tadel und Rache der Genossen, der Furcht vor der Straf⸗ gewalt der Mächtigen und Fürsten, der Furcht vor den Göttern. Es ist, wie H. Spencer sagt, eine dreifache Kontrolle, unter welcher die menschlichen Handlungen stehen, so weit wir die Geschichte zurück verfolgen können. Wir haben schon im bisherigen Gelegenheit gehabt, sie teilweise zu berühren, hauptsächlich bei Erdrterung des Anerkennunastriebes S. 30) die Furcht vor der tadelnden Umgebung erwähnt. Lange ehe die Gewalt des Häuptlings oder Koͤnigs entsteht, die Führung im Kriege übernimmt, die Feigen bestraft, die Tapferen belohnt, besteht in der primitivsten Geseulschaft die Furcht vor Nichtanerkennung und Ausschluß aus der Sippe und dem Stamm, die Gesahr der rächenden Nemesis von Verwandten, wenn ein Frevler einen Stammesgenossen aus anderem Geschlecht erschlagen hat. Nicht im Widerspruch mit dem sittlichen Werturteil, den Gefühlen der Sympathie und Vergeltung, sondern eben aus ihnen heraus wachsen die entsprechenden Übungen und Gepflogenheiten der Blut— rache, der Äusstoßung, die dann wieder mit großer Macht auf die Einbildung und die Gefühle zurückwirken. Vorstellungen künftiger Schmerzen und künftiger Freude werden so mit größtem Nachdruck vor die Seele geführt, daß sie dauernd die einzelnen und die Gesellschaft beherrschen. Reben diese niemals verschwindende, nur später in milderen Formen auftretende Kontrolle der Nachbarn und Genossen tritt nun mit der Ausbildung einer öffentlichen Gewalt, eines Häuptlings- und Königtums, eines kriegerischen Führertums die Macht der Staatsgewalt. Es ist zuerst ein roher Despotismus, zuletzt eine fest durch das Recht umgrenzte oberste, vielleicht ganz unpersdnliche Befehlsbefugnis, die Vorschriften erläßt und straft; immer ruht sie auf Machtmitteln aller Art, kann den Widerstrebenden zwingen, einsperren, töten; der einzelne muß sich ihr und ihren Geboten unterwerfen; die staatliche Zwangsgewalt mit ihrem System von Strafen und Zwangsmitteln, von Auszeichnungen und Ehren wird gleichsam das feste Rückgrat der Gesellschaft; die Bürger