50 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. ein hinzukommendes geistig-sittliches, formendes, auf ihren Zusammenhang mit dem übrigen Leben hindeutendes Element. Die Gegeunstände, welche die ältere Sitte formt, umfassen das ganze äußere Leben, aber auch nur dieses, niemals zunächst die Gesinnung. Die Nahrung, die Kleidung, die Wohnung, das Zusammenleben und der Verkehr der Menschen sind überall die Haupt— objekte der Sitte. Aus Hunger und Instinkt frißt das Tier, wann und wo es Nahrung findet; das Essen zu fest bestimmter Zeit, in bestimmter Form wird durch die Sitte geschaffen. Die Eitelkeit und die Neigung zur Auszeichnung veranlaßt den Menschen, sich zu bemalen, zu schmücken; daraus geht der Kriegsschmuck, die Kleidung als Sitte hervor. Die Begattung erfolgt aus tierischem Antriebe; die Sitte schafft feste Regeln für dieselbe. Geburt und Tod sind natürliche Ereignifse, die Teilnahme der Familie und Freunde, die Rücksicht auf abgeschiedene Ahnen und auf die Götter schafft feierliche Teremonien, die Aufhebung des Kindes durch den Vater, die Taufe, die Toten- und Opfermahle, die Leichenbegängnisse, lauter formale Handlungen, durch welche die Ereignisse in ihrer Bedeutung gewurdigt werden sollen. Aus Bedürfnis tauscht der eine Stamm zinzelne Waffen und Schmuckgegenstände mit dem anderen; die Sitte regelt das durch die seste Anordnung einer gesriedeten Malstatt, wo zu bestimmter Zeit die Taufchenden zusammenkommen. Mag die religiöse Färbung der meisten älteren Sitten, die Verbindung fast aller regelmäßig wiederkehrenden Handlungen mit Kultceremonien daran schuld sein, oder der Umstand, daß der Mensch an sich den geistigen Stempel, den er einer Handlung giebt, höher stellt als ihren materiellen Inhalt, so viel ist sicher, daß diese Formen, an die äich eine Gesellschaft gewöhnt hat, teilweise ein zäheres konservativeres Leben haben als hr Inhalt selbst. Das heranwachsende Geschlecht findet die Sitte als ein Uberliefertes vor, als eine Lebensform, die es vom Erwachen des Bewußtseins an als heilig betrachtet. An herkömmlich bestimmien Worten, Bewegungen, Opfern, Zeichen hängt die Gnade der ßötter. Die Sitte wird zur unbeugsamsten, uͤberwältigenden Macht. Mit der zähesten Angstlichkeit hält das Gemüt oft an ihr fest, auch wenn die materielle Handlung, die in der Sitte steckt, keinen rechten Zweck mehr hat. Andere Zwecke schieben sich unter, die Form sucht sich zu erhalten. Aus Opfermahlen für Götter und Tote werden Leichen— schmäuse, aus uralten Trankopfern zur Verbrüderung wird die heutige Sitte des Zu— rinkens. In fast aller Sitte stecken so Rachklänge von Jahrtausenden; es sind oftmals Ubungen und Formen, die, unter ganz anderen natürlichen und gesellschaftlichen Verhält— nissen entstanden, doch ihren Wert und ihre Bedeutung behaupten. Die einzelne Form der Sitte ist so immer schwer kulturgeschichtlich zu erklären; sie ist ein kompliziertes Ergebnis, zu dem sich sehr verschiedene Vorstellungsreihen und Ursachen vereinigt haben. Sittliches Urteil und Gefühl, materielle Bedürfnisse und Zwecke, uralte Formeln, religiöser Wahn, schiefe Vorstellungen und richtige Kausfal— erkenntnis in Bezug auf individuellen und socialen Nutzen wirken zusammen. Die Sitte der Kleidung ist ursprünglich zu einer Zeit, wo der Mensch nicht bemerkte, daß er nackt sei, und wo die Nacktheit noch keine Summe sexueller Vorstellungen und Erinnerungen aufzureizen pflegte, entstanden aus der Neigung, sich zu schmücken, sich durch Schmuck aus— zuzeichnen; der Mann that das früher als die Frau; daher heute noch Stämme, bei welchen es Sitte ist, daß der Mann sich bekleidet, die Frau nackt geht. Alle Arbeits— teilung und sociale Klassenbildung haben später, wie die Kälte und die Bewaffnungs— zwecke, in die Entwickelung dieser Sitte eingegriffen; in den modernen Zeiten ist die Bekleidung dann allgemein als ein sociales Zuchtmittel erkannt worden, als ein Mittel der sexualen Prophylaxe und der socialen Anweisung, dem Trauernden richtig zu begegnen wie dem Festgeschmückten; es wurde ein Mittel, den Offizier immer an seine Stellung zu erinnern, dem Geistlichen und Richter seine Wirksamkeit auf andere durch die Amts— tracht zu erleichtern. Nur ein unhistorischer Rationalismus kann deshalb ausschließlich alle Sitte auf Überlegungen des gesellschaftlichen Nutzens zurückführen. V Dieser hat freilich überall instinktiv oder klar erkannt mitgespielt. Dasjenige wird Sitte, was den Menschen irrtümlich oder mit Recht als das der Familie, später dem