Das Wesen der wirtschaftlichen Freiheit. 59 Die Gesamtheit der Regulative von Moral, Sitte und Recht muß in gewissem Sinne zunehmen, sofern die gesellschaftlichen Körper komplizierter werden, die Menschen dichter wohnen, die Interessenkonflikte wachsen. Aber je mehr die Menschen sich innerlich vervollkommnen, desto weniger empfinden fie auch die normalen Regulative als Hemmnis und Schranke. In der großen Scheidung zwischen dem harten Zwang des Rechtes und der leisen Nötigung durch Sitte und Moral liegt der wichtigste Schlüssel für das Ver— tändnis des Fortschrittes. Das Recht kann sich vom inneren geistigen Leben, auch von bielen wirtschaftlichen Vorgängen in dem Maße zurückziehen, wie jene kräftiger wirken. — bloß in Zeiten der sinkenden Kultur und der Auflosung, welche die gesetzgeberische Maschinerie übermäßig in Anspruch zu nehmen pflegen. Auch alle Epochen großer und sortschreitender Neubildung sind regelmäßig zugleich Zeiten umfangreicher, specialisierter Gesetzgebung und Ausdehnung des Rechtes und des staatlichen Zwanges auf mancherlei Bebikte. Ost kann man denselben freilich nach einigen Jahrzehnten wieder fallen lassen, weil nun in der Hauptsache von selbst geschieht, was man früher erzwingen mußte. Diejenigen, welche im zeitweisen Vordringen oder Zurückweichen des Rechtes und des staatlichen Zwanges das wesentliche Symptom des Auf- und Niederganges der Völker oder ihrer Wirtschaft sehen, beweisen ein geringes Maß historischer Kenntnisse, sie haften an formalen AÄußerlichkeiten. Der Fortschritt der Völker liegt darin, daß die Gesamt— heit ihrer Regulative sich formell und materiell bessere, und daß mit deren Hülfe die Menschen besser erzogen, geistig und körperlich auf höhere Stufen gehoben werden. Ob dabei zeilweise das positive Recht eine größere oder kleinere Rolle spiele, ob zeitweise die Aktion der staatlichen Zwangsgewalt eine stärkere sei oder die freie Bewegung der Volks— kräfte, das hängt von den jeweilig im Vordergrunde stehenden Aufgaben und davon ab, wo im Augenblicke mehr Verstand, Kenntnisse und sittliche Kraft sei, — im Centrum des Staates, in der Regierung, oder in der Peripherie, in den freien gesellschaftlichen Kräften. ). Der allgemeine Zusammenhang zwischen volkswirtschaftlichem und sittlichem eben. Zu 30, 31 u. 38 siehe die Litteratur der letzten Abschnitte. Außerdem: J. St. Mill, Ge— sammelte Werke. Deutsch 1860 ff.; hauptsächlich das Nützlichkeitsprincip in Bd. J. Aug, Comte und * Sentiginun go— Kroͤh'n, Beitraͤge zur Kenninis und Würdigung der Sociodlogie. J. f. RN. 2. F. U. R. d. Mohl, Die Staatswissenschaften und die Gefellschaftswissenschaften in: Gesch. u. Litt. der Staatswifs. 1, 1855, S. 67-110. — v. Treitschke, Die Gesellschaftswissenschaft. 1859. Schmoller, Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft. J. f. G.V. 1880 u. Soc.« u. Gew.⸗P. — Rümelrn, Über die Idee der Gerechtigkeit. R.A. Bd. 2. 1881. Zu 832: Darwin, Die Abstammuͤng des Menschen. Deutsch 1871. — Knapp, Darwin und die Sockalwissenschaften. J. f. N. 1. F. 18, 1872. — Fick, Einfluß der Naturwissenschaft auf das Recht. Daselbst. — Schäffle, Dex kollektive Kampf ums Dasein; zum Darwinismus vom Standpunkt dex Gejsellschaftslehre. 8. f. St.W. 1876 u. 79. — Ders. Bau und Leben des socialen Körpers. Bd. 2, 1878. — Haecckel, Freje Wissenschaft und freie Lehre. 1878. — O. Schmidt, Darwinismus und Socialdemokratie.“ 1878. — Gumplowicz, Der Rassenkampf. 1888. — Ammon, Der Tarwinismus gegen die Socialdemokratie. 1801. — Derß, Die Gesellschafts⸗ ordnung und ihre natürlichen Grundlagen. 1895. — H. E. Ziegler, Die Naturpissenschaft und die socialdemokratische Theorie. 1894. — B. Kidd, Sociale Evolution. Deutsche Übers. 1895. — Plötßß, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schuß der Schwachen. 1895. — Thomas H. Huxley, Sociale Essays. Deutsch 1899. 30. Natürliche und sittliche Kräfte. Man kann die Volkswirtschaft als ein System natürlicher, wie als ein System sittlicher Kräfte betrachten; sie ist beides zugleich, je nach dem Standpunkte der Betrachtung. Blicke ich auf die handelnden Menschen, ihre Triebe, ihre Zahl, auf die Schähe des Bodens, bie Kapital- und Warenvorräte, die technischen Fertigkeiten, die Wirkung von Angebot und Nachfrage, den Austausch der in bestimmter Menge vorhandenen Dienste und Waͤren, so sehe ich einen Prozeß ineinander greifender natürlich-technischer Kräfte,