72 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. das praktische hatte. In der neueren geistigen Entwickelung ist es die ältere psycho— logisch-ethische Schule der Engländer Shaftesbury, Hutcheson, Hume, A. Smith, in Deutschland sind es Herbart, Lotze, Horwicz, Wundt, Paulsen, die überwiegend hieher ge— gerechnet werden müssen. Diese Richtung, welche eine empirische Ethik versucht, schließt all— gemein an die Spitze des Systems geftellte Konzeptionen über einheitliche Entwickelung und Vervollkommnung nicht aus, wie wir an Herbert Spencer sehen, der alles, auch das fittliche Leben, aus der Entwickelungstheorie ableitet. Aber das Metaphysisch⸗Idealistische ritt doch mehr zurück. Und am deutlichsten tritt die Richtung mit ihren Grundtendenzen dadurch hervor, daß man neben den ethischen Systemen, welche das Ganze der menschlichen Handlungen darstellen und lehren wollen, versuchte jogenaunte Sociologien zu schreiben. Diese neuere Gesellschaftslehre will nicht bloß, wie seiner Zeit R. Mohl, ein Gefäß sein, um einige in Staatslehre, Statistik und Nationalbkonomie nicht recht unter— zubringende Erörterungen über die Gesellschaft aufzunehmen, nein, sie will die Gesamtheir der gesellschaftlichen Erscheinungen, welche in der Ethik oft übersehen, oft stiefmütterlich als sittliche Güter behandelt, jedenfalls nur vom Standpunkte eines bestimmten Moral— systems betrachtet wurden, als ein zusammenhängendes natürlich-geistiges, kaufales System von Erscheinungen schildern, begreifen und erklären. Gewiß eine Riesenaufgabe, an die man erst denken konnte, nachdem in einer Reihe Specialwissenschaften, wie in der Staatslehre, Nationalökonomie, Finanz, Statistik wenigstens für gewisse Teile der Anfang einer streng wissenschaftlichen Einzelerkenntnis begonnen. Es ist daher auch aatürlich, daß die Einzelforscher den Sociologen zurufen, laßt uns doch bei unserer Detailarbeit. Aber ebenso notwendig hat die empirische Begründung der Ethik, wie das Bedürfnis, für die gesellschaftlichen Specialwissenschaften eine allgemeinere Grundlage zu gewinnen, zu jenen erwähnten Versuchen geführt, deren wichtigste wir in Aug. Comtes Werken, in Spencers Sociologie, in Schäffles Bau und Leben des socialen Körpers vor uns haben. Es sind gewiß unvollkommene Versuche, aber doch die wichtigsten Stützen ür eine empirische Ethik und unentbehrliche Hülfsmiitel für die allgemeinen Fragen der socialen Specialwissenschaften. Mag man dabei den Nachdruck mehr auf die Zusammen— assung oder auf die Specialuntersuchung der allen diesen Wiffenschaften gemeinsamen Fragen legen, man wird dieser Sociologie, die freilich nur eine Art ausgebildeter empirischer Ethik ist, ihr Bürgerrecht in dem Reiche der Wiffenschaften nicht Jehr4 treiten können. c) Die praktische Wirksamkeit der Moralsysteme wie der später aus ihnen ab— geleiteten Systeme der Wirtschafts- und sonstigen Politik wurde stets in dem Maße erhöht, wie es ihnen gelang, für die dauerud oder jeweilig bevorzugten Richtungen des Handelns und der Refsorm möglichst einheitliche Schlagworte und packende Gedanken, ogenannte ethische Principien und Ideale an die Spitze zu stellen. Zwar ist es kaum je ge— lungen, ein einziges Princip oder eine Formel so zu finden, daß mit vollständiger logischer Folgerichtigkeit daraus alle anderen sittlichen Ideale und Forderungen aͤb— zeleitet werden könnten; aber es hat doch jedes System versuchen müssen, die fämtlichen zepredigten Pflichten, die verschiedenen sittlichen Forderungen und Ideale entweder in eine zewisse Beziehung zu einem Grundgedanken zu bringen oder sie auf eine kleine Anzahl soordinierter Principien zu reduzieren. Dabei mußten diefe Principien oder der Gruͤnd— zedanke, um an die Spitze zu treten, möglichst generell gefaßt werden aber es ergab ich damit die Kehrseite, daß fie verschiedener Anwendung und Deutung unterlagen; auch konnte nie ausbleiben, daß auf die Formulierung die jeweiligen Kultur⸗ und Gesellschaftsverhältnisse, die geistigen Strömungen der Zeit Einfluß erhielten. Wir haben nun hier nicht etwa den Versuch zu machen, den großen Prozeß der Entwickelung dieser Leitideen, wie die Geschichte der Religionen, der Moralsysteme und der ganzen menschlichen Kultur ihn uns enthüllt, zu skizzieren und die einzelnen Systeme und ihre Ideale zu kritisieren, sondern wir haben nur kurz zu resümieren, wie die vichtigsten neueren dieser Formeln und leitenden Ideen lauten, und welche Bedeutung ie für das volkswirtschaftliche Leben gehabt haben und noch haben.