Antike Philosophie und Christentum. 79 von Kräften, das von der göttlichen Centralkraft, der Vernunft, bewegt wird, Auch im Menschen lebt das göttliche Gesetz, die naturgesetzliche Vernunst, die ihn zur Gemeinschaft ührt, die das menschliche Handeln und die Gesellschaft regiert. Im Anfange bestand ein goldenes Zeitalter, das währte, so lange das reine Naturgesetz herrschte; aber auch spaͤter ist das Raturrecht neben den falschen positiven Gesetzen vorhanden; die menschlichen Satzungen müssen nur wieder in Übereinstimmung mit dem Naturgesetz gebracht werden: das wird der Fall sein, wenn alle Leidenschaften von der Vernunft gezähmt sind, wenn alle Menschen einen Staat ausmachen, in dem die Einzelstaaten enthalten sind, wie die Häuser in einer Stadt. Mag ein stoischer Kaiser, wie Mark Aurel, den mensch— lichen Trieb nach Gemeinschaft und das Vernünftige der Staatseinrichtungen betont haben, mögen die von der Stoa beherrschten römischen Juristen für das Verständnis iner festgefügten herrschaftlichen Staatsordnung energisch gewirkt haben, das welt⸗ bürgerlich-quietistisch-brüberliche, gesellschaftliche Ideal der entsagenden, den Selbstmord verherrlichenden Stoiker blieb jene Weltgemeinschaft Zenos „ohne Ehe, ohne Familie, ohne Tempel, ohne Gerichtshöse, ohne Gymnafien, ohne Münze“, d. h. ein unrealisier— barer Traum, aus dem keine praktische Kraft des Schaffens und keine lebenskräftige Theorie erwachsen konnte. 36. Das Christentum. Der Neuplatonismus rückte die sinnliche Welt noch eine Stufe tiefer als die Stoa; er sah im Körper das Gefängnis der Seele, im Tode die Befreiung von Sünde und Zeitlichkeit. Die christliche Erlösungslehre liegt in der— selben Richtung. Die Wiedervereinigung mit Gott, die Erlösung von Sünde und Welt ist das Ziel, das alles irdische Thun als eine kurze Vorbereitungszeit fürs Jenfeits erscheinen läßt; je mehr der Mensch den irdischen Genüssen und Guͤtern entsagt, desto besser hat er seine Tage benützt. Stoa, Neuplatonismus und Christentum sind Stufen derselben Leiter, sind die notwendigen Endergebnisse eines geistig-fittlichen Prozesses, der nus dem Zusammenbruch der antiken Kultur zum Höhepunkt des religiös⸗sittlichen debens der Menschheit führt. Nur aus der Stimmung der Verzweiflung an Welt und irdischem Dasein heraus konnte jene christliche Sehnsucht nach Gott und Erldsung ent⸗ stehen, welche eine Anspannung der sittlichen Kraͤfte und sympathischen Gefühle ohne Gleichen jür Jahrtausende und damit für die ganze Zukunft eine neue moralische und gesellschaftliche Welt erzeugte. Freilich war es nur in den langen Jahrhunderten des Niederganges der alten wirtschaftlichen Kultur und der vorherrschenden Naturalwirtschaft des älteren Mittelalters nöglich, daß Weltflucht fast noch mehr als brüderliche Liebe, Ertötung der Sinne und beschaulicher Quietismus als höchste Ideale galten, daß man Arbeit und Eigentum wesentlich als Fluch der Sünde betrachtete, daß man den Gelderwerb überwiegend als Wucher brandmarkte, ein Almosengeben um jeden Preis, ohne Uberlegung des Erfolges, empfehlen konnte. Es ist heute leicht, die Überspanntheit und Unausführbarkeit vieler praktischer Forderungen des mittelalterlich-asketischen Christentums nachzuweisen; noch leichter zu jeigen, daß ein irdischer Gottesstaat im Sinne Augustins auch der Welt⸗ herrschast und dem Millionenreichtume der römischen Kirche durchzusühren unmöglich war. Die vollständige Weltflucht und die Indifferenz gegen alles Irdische artete in trägen Quietismus, in falsches Urteil über Arbeit und Besitz, in Zerstörung der Gesundheit, die überspannung der Brüderlichkeit in kommunistische Lehren, in Verurkeilung aller höheren Wirtjschaftsformen und Auflbösung der Gesellschaft aus. Aber ebenso sicher ist, daß diese Finseitigkeiten notwendige Begleiterscheinungen jenes moralischen Idealismus waren, der vie ein Sauerteig die Völker des Abendlandes ergriff und emporhob. Es entstand mit dieser christlichen Hingabe an Gott, mit diesen Hoffnungen auf Unsterblichkeit und ewige Seligkeit ein Gottvertrauen und, eine Selbstbeherrschung, die bis zum moralischen Heroismus ging; eine Seelenreinheit und Selbstlosigkeit, ein Sich-Opfern für ideale Zwecke durde möglich, wie man es früher nicht gekannt. Die Idee der brüderlichen Liebe, der Nächsten- und Menschenliebe begann alle Lebensverhältnisse zu durchdringen und erzeugte eine Erweichung des harten Eigentumsbegriffes, einen Sieg der gesellschaftlichen ud Gattungsintereffen über die egoistischen Individual-, Klassen- und Nationalinteressen,