Adam Smith. 97 Handels⸗, Zoll- und Zunfteinrichtungen, die falsche Begünstigung der Städte aufzuheben, dann kommt die Geseuschaft zur Natur, zur Gerechtigkeit, zur Gleichheit zurück. Dabei ist sehr vieles fein und wahrheitsgetreu beobachtet; in einschmeichelnder, harmloser Weise werden die radikalen Gedauken vorgetragen; sympathisch ist von den Arbeitern und ihrer Hebung die Rede, während der Egoismus der Unternehmer als Ursache künstlicher Gesetz⸗ gebung gebrandmarkt wird. Die geschickte Voranstellung der Arbeit und Arbeitsteilung, die gleichmäßige Betonung, wie überall die Arbeit den Reichtum erzeuge, aller Tausch ein Tausch von Arbeitsprodukten sei, giebt den Ausführungen über Produktion, Verkehr und Einkommensverteilung eine geschlossene Einheit, die gewinnen und bestechen mußte. Daher die ungeheuere Wirkung des Buches trotz seiner Einseitigkeit. Es gab den läberalen Forderungen des wirtschaftlichen Individualismus den vollendetsten Ausdruck; es sprach berechtigte Forderungen der praktischen Reform zur rechten Zeit aus. Es schloß sich den großen philosophisch⸗moralischen Idealen des Jahrhunderts rückhaltlos an und trug doch den Stempel nüchterner Wissenschaft und empirischer Forschung an sich. Mochte Smith alfo fälschlich an die natürliche Gleichheit der Menschen glauben, die bestehenden Macht- und Abhängigkeitsverhältnifse zwischen den Staaten und den socialen Klassen nicht gehörig würdigen, optimistisch das Individuum und seine egoistischen Triebe überschätzen, die Bedeutung des Staates und der staatlichen Einrichtungen ver—⸗ kennen, mochie der Rationalismus des Aufklärungseiferers in ihm immer wieder Herr werden über den historischen und psychologischen Forscher, mochte das ganze Beobachtungs- seld ein recht beschränktes sein, das Buch war doch fähig, für hundert Jahre zur sam⸗ melnden Fahne der Staatsmaänner und der Klassen zu werden, welche die bürgerlich⸗ lͤberale Tauschgesellschaft mit Freiheit der Verson und des Eigentums in Westeuropa voll durchführen wollten. Deun verbreitetsten Lehrbüchern und Schriften der folgenden Generationen diente A. Smith als Vorbild. In Frankreich haben J. B. Say (Traité d'écaonomie politique, 1808 2c.) und Charles Dunoyer (Liberté du travail, 1845), in Deutschland Ch. J. Kraus (Staatswirtschaft, 1808 — 11), Eusebius Lotz (Revision der Grundbegriffe der National⸗ wirtschaftslehre, 1811 14), Karl H. Rau (Lehrbuch der politischen Hkonomie, 1826 -87, neue Auflagen bis 1868/69), F. B. W. Hermann (EStaatswirtschaftliche Untersuchungen, 1832 und 1870) die Smithschen Gedanken popularifiert und systematisiert, teilweise sie schärfer gefaßt, teilweise sie mit anderen Gedankenrichtungen, wie hauptsächlich Rau mit den realistischen Überlieferungen der deutschen Kameralistik, geschickt zu verbinden gewußt. In England hat D. Ricardo (Principles of political economy and taxation, 1817, deutsch 1837) den Versuch gemacht, aus der Smithschen, immerhin weitausgreifenden Darstellung das, was ihm als Bankier und Geldmann geläufig war, auszuscheiden und daraus, sowie aus den Erfahrungen seines Geschäftslebens eine Einkommens-, Geld⸗ und Wertlehre zu machen, die in der Form allgemeiner Begriffe und abstrakter Lehrsätze mit einer gewissen Schärfe operierte, teils zu einer logischeren Formulierung der Smith— schen Gedanken, teils zu schiefen und falschen, nicht mehr auf, empirischer Grundlage ruhenden Schlüssen führte. Nach ihm hat sein Schüler und jüngerer Freund, John Stuart Mill, die englische Nationalbkonomie bis in die Gegenwart beherrscht; auch er bewegt sich trotz seiner universellen Bildung in den Geleisen des abstrakt radikalen individualistischen Naturrechts des 18. Jahrhunderts; er ist der gläubige Schüler der Benthamschen Nützlichkeitsmoral, die zwar das größtmögliche Glück der größten Zahl von Menschen auf ihre Fahne schreibt und um eine empirisch-psychologische Moral⸗ forschung wesentliche Verdienste hat, aber zu einer tieferen Auffassung von Staat, Gejellschaft und Volkswirtschast nicht kam. Mill, der mit den Principles of political eco- nomy Vith somse of their applications to social philosophy (1847, deutsch 1832) gleichsam eine neue Auflage Smiths geben will, führt, wie dieser, eine abstrakte Theorie selbst⸗ süchtiger, tauschender Individuen vor, in die er einzelne historische, rechtsgeschichtliche und spocialpolitische Kapitel unvermittelt einschiebt; besonders im höheren Alter war ihm die Unfähigkeit seiner Grundanschauungen, die socialen Probleme einer neuen Zeit zu lösen, wohl'klar geworden. Aber so sehr er sich nun unter dem Einflusse seiner gefühl—