102 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. durch einen produktiven Akt der Phantasie, der irren kann, wenn nicht reiche Begabung und Schulung den Geist auf die rechte Bahn lenken. Die Beschreibung vollends greisi immer gewissermaßen über die Beobachtung hinaus, indem sie feststehende Begriffe gebraucht, an feststehende Wahrheiten anknüpft, Folgerungen aus dem Beobachteten ausspricht, die einzelnen Beobachtungen zu einem Gesamtbilde vereinigt, Vergleichungen zur Erläuterung heranzieht. Vie Zusammenfassung mehrerer Beobachtungen und ihre Vergleichung, der Versuch, so ausprobierend Gesamtvorstellungen über groößere Gebiete des volkswirtschaftlichen Lebens zu schaffen, ist ein Hauptmittel, in das Chaos zer— streuter Einzelheiten Einheit zu bringen. Es liegt darin auch der Ansatz zu induk— tiven Schlüssen, wie alle Beschreibung ihren Hauptzweck darin hat, die Induklion, d. h. den Schluß vom einzelnen auf das zu Gruͤnde liegende Gesetz vorzubereiten; aber sie ist an sich noch nicht Induktion und dient ebenso der Debuftion vn ihrer Veri⸗ fikation. Je mehr freilich die größer angelegten Beschreibungen das analytisch im einzelnen Festgestellte zu Synthefen zusammenfassen, je mehr sie von der elementaren Teilanalyse zur kausalen, verknüpfenden Analyse vordringen, desto mehr werden wir vermuten, daß nur der erfahrenste Sachkenner, der zugleich ein vollendeter Künstler ist, der mit kurzen Strichen alles Wesentliche hervorzuheben versteht, Vollendetes leiste. Die geistigen Operationen dieser Art verlassen auch stets den Boden der bloßen Beobachtung und Beschreibung, sie umfassen die ganze Wissenschaft; — die vollendete Beschreibung einer ganzen Volkswirtschaft, einer volkswirtschaftlichen Institution, welche zugleich Kaufal— erklärung ist, wird häufig teilweise hypothetisch und teleologisch verfahren; sie kann in Meisterhänden doch so sireng wissenschaftlich bleiben, daß 'fie wahrer Erkenntnis sehr aahe kommt. Die vollendete Beschreibung wird in der Regel nicht vermeiden können, die im Raum nebeneinander auftretenden, in der Zeit sich folgenden gleichen und ähnlichen Erscheinungen heranzuziehen. Nur aus solcher Vergleichung ergiebt sich das Charakle— ristische und Eigentümliche dessen, was man beschreibend klar machen will. Der Kurs von heute ist nur verständlich neben dem von geftern, das Handwerk wird als typische Erscheinung viel klarer, wenn ich Haus- und Großindustrie daneben stelle, die deutsche Arbeiterversicherung wird erst recht verständlich, wenn ich sie mit der englischen vergleiche. Die Beschreibung bedient sich so der vergleichenden Methode, welche neuerdings eine steigende Bedeutung in den verschiedensten Wissenschaften und so auch in der unseren erhalten hat. Das Verfahren führt natürlich in der Regel über die Beschreibung hinaus zu Schlußfolgerungen allgemeiner Art Und hier liegen auch wesentlich die Fehler, welche die vergleichende Methode teilweise in Verruf gebracht haben. Gar manche Gelehrte waren geneigt, wenn keine guten Beobachtungen vorlagen, unvollkommene zu benutzen. Oftmals wurde nicht das Nächstliegende, aus nahen Zeiträumen und ähnlichen Kulturverhältnissen Stammende miteinander verglichen, sondern Fanatiker der Vergleichung stellten oberflächliche Notizen über eine ägyptische, eine römische, eine hottentottische Ein⸗ richtung nebeneinander. Daraus konnten nu— faliche Gesamtergebnisse und schiefe Schlußfolgerungen hervorgehen. Einen je größeren Teil ihres rohen Stoffes die Nationalbkonomie anderen metho⸗ disch durchgebildeten Wissenschaften entnehmen kann, wie z. B. der Psychologie, Anthro— pologie und Geographie, der Geschichte und Statistik, der Rechtsgeschichte, in desto besserer Lage ist sie. Aber so sehr dies heute der Fall ist, so sehr damit die einzelnen Methoden dieser verwandten Wissenschaften, zumal der Hülfswissenschaft der Statistik, damit zu Methoden der Nationaldkonomie selbst geworden sind, so sehr sie in ihrem geschichtlichen Teile sich der philologisch-kritischen Methoden bedient, die dort ausgebildet wurden, so wenig reicht doch häufig die den Stoff vorbereitende Thätigkeit der Nachbarwissenschaften aus. Die Geschichte hat uns zahlreiche einzelne zusammenhangslose Zunfturkunden mit— geteilt, erst der nationalbkonomische Forscher sah, daß es nötig sei, einmal von einer einzigen Zunft einige hundert Urkunden nebeneinander zu stellen; die Geschichte lieferte uns manches Material über ältere Bepölkerungsbewegung; erst bevölkerungsstatistisch