Nominal- und Realdefinition. Klaffifikation. Wert der Begriffsbildung. 105 unsicher sein, aber der Kern der Erscheinung, den man in den einzelnen Begriffen zu fassen sucht, entspricht je einem eigenartigen Typus. Richtige Begriffe und Klassifikationen sind eines der wichtigsten Hülfsmittel der Wissenschaft, aber sie machen nicht die Wissenschaft als solche aus, sind nicht die erste oder einzige Aufgabe derselben. Gute Definitionen könnte man scharfen Klingen vergleichen; man muß sie immer wieder schärfen, aus neuem Metall neue Klingen schmieden. Aber an alten Klingen immer nur herum zu hämmern, Klingen zu schmieden, wo nichts zu schneiden und zu scheiden ist, Worte desinieren, die man in der Wissen⸗ schaft nicht weiter gebraucht, hat wenig Sinn. Zeitweise Begriffsrevision ist nötig, wenn neuer Erfahrungsstoff sich angesammelt hat und zu ordnen ist, wenn neue große Ge— danken andere Klassifikationen bedingen. Als die englische Naturlehre der Volkswirtschaft nach Deutschland übertragen wurde, waren schon wegen der Inkongruenz der deutschen und englischen Worte scharfe Begriffsuntersuchungen, wie fie Hufeland, Lotz und Hermann anstellten, wünschenswert. Auch heute wieder haben solche Untersuchungen ihren großen Wert, und ein so scharfsinniger Gelehrter wie F. J. Neumann (Grundlagen der Volks⸗ wirtschaftslehre, 1889; Schönbergs Handbuch, Wirtschaftliche Grundbegriffe; Natur— gesetz und Wirtschaftsgesetz. 3. s. St. 1892), der auch durch ausgezeichnete statistische und methodologische Arbeiten sich auszeichnet, hat diese Teile unserer Wissenschaft erheblich gefördert. Aber eine unheilvolle Verirrung ist es, wenn man die Nationalökonomie sfür eine Wissenschaft erklärt, welche nur die Funktion weiterer Scheidung der Begriffe oder des bloßen Schließens aus Axiomen und Begriffen habe. Dieselbe Bedeutung wie in der Jurisprudenz kann die Begriffsentwickelung in unserer Wisfenschaft nie erhalten; denn jene hat ihren praktischen Hauptzweck in der richtigen Anwendung fest umgrenzter Rechtsbegriffe, diese hat ihren wesentlichen Zweck in der Erklärung realer Vorgänge; sie will deren typische Erscheinung beschreiben und kausale Verknüpfung aufhellen. 45. Bie typischen Reihen und Formen, ihre Erklärung, die Ur— sachen. Wie es überhaupt keine menschliche Erkenntnis ohne die Wiederholung des Gleichen oder Ähnlichen giebt, so knüpft auch alle eigentliche volkswirtschaftliche Theorie an die Erfafsung der typischen Vorgänge, der Wiederholung gleicher Einzelerscheinungen und Reihen von Erscheinungen gleicher oder ähnlicher Formen an. Die typischen Erscheinungen der Haus- und Gemeindewirtschaft, der socialen Klassen und der Arbeitsteilung fielen der denkenden Betrachtung zuerst in die Augen; dann der Geldverkehr, die Steuern, die staatliche Wirtschaftspolilik. Es entstand im 17. und 18. Jahrhundert das Bild einer tauschenden Gefellschaft mit Markt und Ver— kehr, mit Stadt und Land, mit Grundbesitzern, Kapitalisten und Arbeitern. Diese Grundformen wollte man als notwendige, stets sich einstellende begreifen, sie aus gewissen Prämissen ableiten, ihre wirkliche Gestaltung im Einzelfalle an einem Ideale messen. Auch als man begann, die historische und geographische Verschiedenheit der volkswirt— schaftlichen Gestaltungen ins Auge zu fassen, richtete man sein Augenmerk zunächst auf das im Wechsel sich Gleichbleibende, auf den typischen Rhythmus der Anderungen, auf die regelmäßige Kotristenz gewisser Formen und Erscheinungen. Und als es der Statistik gelungen war, neben die qualitative die quantitative Beobachtung der gesellschaftlichen uͤnd volkswirischaftlichen Verhältnisse zu stellen, war die typische Regelmäßigkeit der Zahlenergebnisse von Jahr zu Jahr, wie von Land zu Land ebenfalls das, was zuerst us Auge fiel. Auch die Veränderungen, die man beobachten konnte, wiesen teilweise auf einen typischen Gang hin, der bei verschiedenen Völkern in verschiedenen Epochen sich gleichmaͤßig wiederholt, wie z. B. die Übervölkerung. Es lag der erste große Fortschritt der Wissenschaft in dieser Erfassung qualitativer Formen und quantitativer Maßbestimmung derselben; für einen erheblichen Teil unseres volkswirtschaftlichen Wissens sind wir heute noch nicht weiter. Die Vorstellung solch' schematischer Formenbilder und Reihen ist schon an sich ein Element der Ordnung der Vorstellungen, ein heuristisches Hülfsmittel, Vergangenheit und Zukunft zu verstehen. Nber natürlich weisen solche Typen und Reihen, solche Formen und Regelmäßig— keiten auf eine tiefere Erklärung hin. Und so sehr man von Anfang an in ihnen die