108 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. Untersuchung bewußt sind, nicht einheitlichen Ursachen, sondern einer Reihe von Ursachen⸗ komplexen gegenüber zu stehen, deren jede ihre eigene Natur hat, besondere wissenschait— liche Behandlung verlangt. Die Thatsachen der äußeren Natur, welche die Volkswirtschaft beherrschen und beeinflussen, find nur durch die Methoden naturwissenschaftlicher Forschung zugänglich; sie geben für die Möglichkeiten der volkswirtschaftlichen Entwickelung gewisse Minimal⸗ und Maximalgrenzen, ähnlich wie alle rein äußeren materiellen, wirtschaftlichen Ursachen, 3. B. auch Bevölkerungsdichtigkeit, Kapitalreichtum, Stand der Technik notwendig eine gewisse Gestaltung der ganzen Volkswirtschaft nach sich ziehen, die aber in ihrem wich— ügsten Detail doch ganz verschieden sein kann, jie nach den viychischen und sittlichen Eigenschaften der Menschen. Die Thatsachen der menschlichen Rassen- und Völkerkunde unterliegen naturwissen— schaftlicher, historischer und psychologischer Untersuchung, die in ihrem Gesamtergebnis wesentlich mit die abweichende wirtschaftliche Kultur der einzelnen Nationen bestimmen und daher immer ergänzend heranzuziehen sind zu den generellen pfychologischen Schlüssen aus der allgemeinen Menschennatur. Die Thatsachen der elementaren Bevölkerungsbewegung sind biologischen und psychischen Charakters; bei einer gewissen Kultur und in bestimmtem Klima muß ihr gewoöhnlicher Gang ein gleichmäßiger sein; die Erklärung der Elementarerscheinungen ist Junächst physiologischen Charakters. Die Massenerscheinungen der Bevölkerung wie die Preiserscheinungen des Marktes in relativ ruhig sich entwickelnden Gemeinwesen sind statistisch erfaßt einer Art mechanisch-mathematischer Behandlung zugänglich, wobei dann eine Konstanz der wesentlichen Ursachen vorausgefetzt wird. Die Erklärung der Abweichungen und Schwankungen der Bepvölkerungsstatistik wie der ganzen Moral—⸗ statistik erfordert eine pfychologische, historische, völkerveraleichende und wirtschaftliche Untersuchung. Die allgemeinen psychischen Elemente, welche das volkswirtschaftliche Leben beeinflussen und beherrschen, äußern sich teils in elementarer, direkter Weise gleichsam als Ursachen erster Ordnung, wobei von einer pfychischen Trieblehre und einer Theorie der sittlichen Charakterbildung auszugehen ist, dann aber als komplizierte Ergebnisse eines höheren Kulturlebens, als Sprache, Sitte, Recht, als Institutionen wirtschaftlicher und rechtlicher Art. Das ergiebt ein Netz psychischer Verursachung höherer Ordnung. Für ersteres kommt die individuelle und vergleichende Pfychologie, für diese hauptsächlich die historische Untersuchung, die vergleichende Sitten- und Rechtsgeschichte in Betracht. Es bildet einen der größten Fortschritte der neueren Volkswirtschaftslehre, daß sie auf die Erkenntnis dieser geistigen Zwischenglieder zwischen Natur und Psyche einerseits und volkswirtschaftlichen und socialen Erscheinungen andererseits den rechten Nachdruck gelegt hat, daß sie nicht mehr versucht, bloß aus Natur- und Größenverhältnissen und den rohsten pfychologischen Axiomen, sondern vor allem aus der Geschichte der volkswirt⸗ schaftlichen Institutionen heraus zu argumentieren. 46. Gesetze, induktive und deduktive Methode. Das Ergebnis ist so das allerdings für den Anfänger erschreckende: zu wissenschaftlich allseitigen Untersuchungen auf volkswirtschaftlichem Gebiete gehören Methoden der verschiedensten Art, Kenntniffe aus den verschiedensten Wissensgebieten. Die Ergebnisse sind nirgends vollständige, sie liegen nach Methode und Gegenstand oft so getrennt nebeneinander, daß ihre synthetische Verbindung die größte Schwierigkeit bereitet und nur auf wenigen Gebieten bis jetzt eine vollendete Erkenntnis gewährt. Und doch ist schon unendlich viel gewonnen gegen früher. Die einfacheren Vorgänge des Markt- und Verkehrswesens, der Bevölkerung, den Hauptgang der volkswirtschastlichen Entwickelung übersehen wir ziemlich genau; wir wissen, daß gewisse elementare volkswirtschaftliche Vorgünge und sociale Einrichtungen so ziemlich überall gleichmäßig bei gewisser Kulturhöhe eintreten. Wir haben in den unteren Etagen des Gebäudes die Fähigkeit einer gewissen Voraussage erreicht, die nicht zu verachten ist. Wir sprechen, während wir gestehen, historische Gesetze nicht zu kennen, don volkswirtschaftlichen und statiftischen Geseßen. Wir meinen damit freilich teilweife