110 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. Stimmt nun das Ergebnis unserer deduktiven Schlüsse mit der Wirklichkeit nicht überein, oder sind die bereits feststehenden Wahrheiten nicht ausreichend, unseren That— bestand zu erklären, dann schreiten wir zur Induktion; d. h. wir suchen aus dem vor— liegenden, genau beobachteten und geprüften Fall auf eine allgemeine Regel, auf ein bisher uns verschlossenes Kausalverhältnis zu kommen. Aber die so gefundene neue Wahr— heit verwerten wir sofort wieder deduktiv, wir prüfen, ob fie auf analoge Fälle paßt. In der Regel oder sehr häufig pflegt man nun aber alle empirische Beobachtung als Induktionsverfahren zu bezeichnen; alle statistische und historische Forschung, alles synthetische Kombinieren von Resultaten solcher Untersuchungen gilt als induktiv. Wer ein gegebenes volkswirtschaftliches Verhältnis nicht aus dem Egoismus erklärt, sondern aus dem Volkscharakter, den Zeitverhältnissen, wird als induktiver Nationalbkonom bezeichnet, wie der, welcher aus einer Reihe hausindustrieller Schilderungen allgemeine Wahrheiten über das Vorkommen dieser Betriebsform zu gewinnen sucht. Und trotzdem liegen hier wohl mehr deduktive als induktive Operationen vor. Das aber ist richtig, wer in erster Linie auf dem Boden der Erfahrung steht, der traut deduktiven Schlüssen nie so ohne weiteres; er hat mindestens das Bedürfnis, sie stets wieder durch die Erfahrung zu verifizieren, durch neue Induktionen die Probe aufs Exempel zu machen. Diese Rolle gesteht auch John Stuart Mill der Induktion in der Volkswirtschaftslehre zu, während er im übrigen sie auf den deduktiven Weg ver— weist. Die experimentelle Psychologie und Ethnologie soll ihr die Obersätze liefern, aus denen sie schließen soll; sie selbst könne keine brauchbare Induktion vornehmen, weil sie kein Erperiment vornehmen könne. Erhalte sie so nur annähernde Generalisationen, fo genüge das. Wir geben zu, daß wir uns oft mit ungefähren Generalisationen genügen lassen müssen; aber wir leugneten schon oben, daß der Mangel des Erxperimentes uns jede Induktion aus guten Beobachtungen unmöglich mache. Wenn aus den verschiedenften Schilderungen der Arbeits- und Industrie-, der Ackerbauverfassung immer wieder allgemeine Refultate zu ziehen versucht werden, wenn immer zahlreichere Beobachtungen vergleichend nebeneinander gestellt werden, so mögen die Schlüsse nicht immer bereits feststehende sein; ein außerordentlicher Fortschritt, den wir der Induktion danken, liegt doch darin. Diejenigen, welche in der neueren deutschen Nationalökonomie als Vertreier induktiver Forschung gelten, bekämpfen nicht die Deduktion überhaupt, sondern nur die aus ober— dlächlichen, unzureichenden Prämissen, welche sie glauben auf Grund besserer Beobachtung durch genauere Obersätze ersetzen zu können. Sie behaupten, daß die letzten Ausläufer der englischen deduktiven Schule wie K. Menger und Dietzel das Gebiet unserer Wissen— schaft allzusehr einengen, wenn sie nur Deduktionen aus einem oder ein paar psycho— logischen Sätzen oder dem Princip der Wirtschaftlichkeit als theoretische Nationalbkoönomie anerkennen; sie glauben, durch zahlreichere Induktionen und Zuhülfenahme anderweiter Deduktion das Gebiet der bloß hypothetischen, mit der Wirklichkeit in immer stärkeren Konflikt kommenden Schlüsse mehr einengen zu können. Sie bekämpfen vor allem, wie wir schon oben ausführten (S. 73 —75), das einseitige deduktive Schließen aus sittlichen Principien und socialen Idealen, wie z. B. aus dem Princip der Gleichheit, der Frei— heit, der Gerechtigkeit. Sie betonen, man könne nur aus fest umgrenzten Aussagen über Kausalverhältnisse deduktiv schließen, nicht aus Postulaten und Zweckideen, die nur all— gemeine Richtungen der wünschenswerten Entwickelung andeuten, die stets durch koordinierte andere Ideale begrenzt werden. Was unserer Wissenschaft mehr genützt habe, induktives oder deduktives Verfahren, ist eine überhaupt nicht zu beantwortende Frage, zumal die größten Fortschritte hier wie überall mehr dem genialen Instinkt oder Takt gedankt werden, der blitzartig Zusammenhänge und Kausalketten klar vor sich sieht, für die erst lanasam nachhber di— Beweise gefunden werden. Gerade aber um zu solchen Lichtblicken zu kommen, ist in den Geisteswissenschaften und mit am meisten in den Staats- und Socialwissenschaften eines noͤtig, was mehr in das Gebiet des deduktiven Schließens hinüberführt: Überblick über Weite Wissens.