Die neuere deutsche realistische Forschung. 117 so wäre er der Überwinder der Smithschen Schule geworden. Aber obwohl er mehr ein großer geistvoller Agitator blieb, bildet sein Auftreten doch einen Wendepunkt für unsere Wissen— schaft. Indem er an die Stelle der Wert- und Quantitätstheorien A. Smiths eine Theorie der produktiven Kräfte, d. h. der individuellen und gesellschaftlichen Persönlichkeiten fetzte, beseitigte er die materialistische Vorstellung eines mechanischen Naturverlaufes der Wirt— schaftsprozesse; indem er für Schutzzölle wie für ein nationales Eifenbahn- und Kanalsystem kampfte, fuͤhrte er überhaupt zum richtigen Verständnis der socialen und politischen Organi— sativnen zurück, auf denen das wirischaftliche Leben ruht; indem er den historischen Ent— — einseitig und umrißartig, aber doch im ganzen richtig zeichnete, begrub er die schiefen Vorstellungen von natürlichen, uüberall durchzuführenden Wirtschaftseinrichtungen und Idealen. Zu gleicher Zeit schuf A. v. Thunen das Vorbild für streng wissenschaftliche Specialuntersuchungen aus der Gegen⸗ wart. Er verstand es (Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und National⸗ dkonomie, 1826 —68), die Frage der Abhängigkeit des landwirtschaftlichen Betriebes vom Markt und den Trausportkosten erschöpfend in der Wirklichkeit zu beobachten und zu beschreiben, das Wesentliche dieses Verhältnisses glücklich herauszugreisen, von Neben— umständen zu fondern und unter dem gedachten Bild eines einheitlichen, isolierten Staates mit einem städtischen Centralmarkt vorzuführen und zu durchdenken. Er hat so einen Kausalzusammenhang, auf den ihn die Beobachtung führte, erst isoliert, für sich unter— sucht und dann wieder mit den realen Zuständen verglichen. Die Anwendung solch' schematischer, isolierter Betrachtung ist eines der wichtigsten Hülfsmittel wissenschaftlichen Fortschrittes, wenn der dasselbe anwendende Forscher die Hauptpunkte richtig von den Nebenpunkten zu trennen vermag. Und während dann der ausgezeichnete Agrarpolitiker G. Hanssen (Aufhebung der Leibeigenschaft in Schleswig und Holstein, 1861; Agrarhistorische Abhandlungen, 2 Bde., 1880 gesammelt, seit 1832 erschienen) auf Grund rechts- und wirtschaftsgeschichtlicher, wie modernster Reisestudien die Fragen der historischen Entwickelung der landwirtschaftlichen Betriebssysteme und der Agrarverfassung überhaupt meisterhaft anschaulich erörterte und in A. Meitzen (Urkunden schlestscher Doͤrfer, 18883; Boden und landw. Verhältnisse des preußischen Staates, 4 Bde., 1868; Siedelung und Agrarwesen der Deutschen, Skandinavier, Kelten ꝛc. 4 Bde., 1895) wie in A. v. Miaskowski (Verfassung der Land-, Alpen⸗ und Forstwirtschaft der deutschen Schweiz, 1878; Erbrecht und Grundeigentumsverteilung im Deutschen Reiche, 2 Bde, 1884), in Conrad, Knapp und anderen würdige Nachfolger der wissenschaftlichen Agrarforschung erhielt, hatten unterdessen Roscher, Hildebrand und Knies versucht, ganz principiell der deutschen Nationalßkonomie den Stemvel der histo⸗ rischen Methode aufzudrücken. Geistreich und viel beweglich hat Bruno Hildebrand (Die Nationalökonomie der Gegenwart und der Zukunft, 1848; Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, seit 18083 ff.) die historische Entwickelung der Volkswirtschaft unter die Kategorien der Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft gestellt und durch seine litterargeschichtlichen und historischen Specialarbeiten außerordentlich anregend gewirkt. Karl Knies (Die politische Okonomie vom Standpunkte der geschichtlichen Methode, 1853 u. 1888) hat in ausgezeichneter Weise die propädeutischen Fragen der geschichtlichen Methode behandelt, ist dann aber selbst mehr zu dogmatischen und lheoretischen Arbeiten übergegangen (Geld und Kredit, 2 Bde., 1873 79), welche scharfsinnig und fast juristisch gehallen die betreffenden Fragen durch begriffliche Untersuchung wie durch breite Sachkenntnis gefördert haben. Wilhelm Roͤscher aber überragt beide an Einfluß, an litterarischer und akademischer Wirksamkeit, wie er ja auch durch seinen Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft nach geschichtlicher Methode (1842) das erste eigentliche Programm der historischen Schule zufftellte. Er hat dann in einem langen, segensreichen Gelehrtenleben die national⸗ bkonomische Litteraturgeschichte (Zur Geschichte der englischen Volkswirtschaftslehre im 16. und 17. Jahrhundert, 1854; Geschichte der NRationalökonomie in Deutschland, 1874) angebaut, eine Reihe der wichtigsten Specialfragen wirtschaftsgeschichtlich untersfucht (Ideen zur Geschichte und Statistik der Feldiysteme im Archiv von Rau-Hanssen, 7 u. 8: