Der heutige wissenschaftliche Standpunkt der Volkswirtschaftslehre. 123 müsse, um die gerechten Ansprüche aller Teilnehmenden zu befriedigen; p) daß die zu große Differenzierung der socialen Klassen mit ihren socialen Kämpfen unsere Gegenwart dedrohe, daß nur große sociale Reformen uns helfen können; o) daß in dem Verhältnis der Staaten untereinander, so sehr jeder für sich sein wirtschaftliches Leben ausbilden, unter Umständen seine Sonderinteressen mit Energie verteidigen müsse, doch eine steigende Annäherung im Sinne der Weltwirtschaft stattzufinden habe. Bewegen sich in dieser Richtung die von uns schon charakterifierten deutschen Werke bon L. v. Stein und von Roscher, so werden wir sagen können, daß die ersten heutigen franzoösischen Autoritäten, Paul Cauwès (Principes d'économie politique, 1884, seither diele Auflagen) und Charles Gide (Précis du cours d'économie politique, 1878 und seither bfter) ihr ebensalls nahe stehen, und daß auch Marshall (Principles of economies, 1890, seither dfter, auch eine abgekürzte Ausgabe), obwohl mit der J. St. Millschen Nationalökonomie noch verwandter, als die deutschen Werke es durchschnittlich find, doch durch psychologisch-sociologische Analyse und durch ideale Gesichtspunkte sich ihr nähert. Von den deutschen zusammenfassenden Werken, in welchen sich der heutige, eben im ganzen charakterisierte Slandpunkt unserer Wissenschaft am deutlichsten spiegelt, sind hauptsächlich folgende zu nennen: Albert Schaͤffle (Gesellsch. System der menschlichen Wirtschaft, 1888, 67 u. 78; Kapitalismus und Socialismus, 1870; Bau und Leben des socialen Körpers, 4 Bde., 1875) ist ein philosophischer Politiker, Socialreformer und Tagesschriftsteller großen Stils, er hat sich mit einigen Schwankungen dem Socialismus ziemlich stark genähert, verbindet umfassende staatswissenschaftliche mit naturwissenschaftlicher Bildung; er ver— sucht die Nationalbkonomie auf sociologischen Boden zu stellen, entwickelungsgeschichtlich borzuführen; doch haftet sein Interesse an den Fragen der Tagespolitik, und seine Bücher find mehr geist- und ideenreich als durchgearbeitet und zum Unterricht brauchbar. Adolf Wagner ging von monographischen Arbeiten über Bank. und Geldwesen und einem liberal- individualistischen Standpunkt ursprünglich aus, hat dann aber, von Schäffle, Rodbertus und dem ganzen Socialismus angeregt, ganz andere Wege eingeschlagen, ein bedeutsames systematisches Lehrbuch zu schreiben begonnen, zu dessen Vollendung er auch andere hervorragende Kräfte (Buchenberger, Bücher, Dietzel) heranzog. Er selbst lieferte bis jetzt mehrere Bände Finanzwissenschaft und eine Grundlegung zur Volkswirtschafts⸗ ehre (1875, 1879, 8. Aufl. in 2 Bdn., 1898-94), worin er die Grundbegriffe, die Methodologie, die großen Principienfragen der wirtschaftlichen Rechtsordnung und des Socialismus und die Bevölkerungslehre in tiefgreifender Weise erbrtert. Er will auch heute noch methodologisch mehr an der abstrakt-deduktiven Art der wissenschaftlichen Behandlung als die meisten anderen deutschen Nationalbkonomen festhalten; praktisch vird sein Standpunkt gewöhnlich als Staatssocialismus bezeichnet, womit aber nur Jemeint ist, daß er dem Gesetz und dem Staate einen größeren Teil der heutigen socialen —V bon einem System der Nationaldkonomie bis jetzt einen ersten grundlegenden (1888), zinen finanzwissenschaftlichen (1889) und einen Band über Handel und Verkehrswesen 1898) erscheinen lafsen; in diesen Bänden, deren ersterer freilich mehr einen essayistischen als lehrbuchartigen Charakter hat, spiegeln sich die Anschauungen und Tendenzen der heutigen deutschen Nationalökonomie wohl am deutlichften und in der anziehendsten Form wieder. Daneben kommt E. v. Philippovich (Grundriß der politischen Okonomie, J. Bd. Allgem. Volkswirtschaftslehre, 1898, 97 u. 99, 2. Bd. Volkswirtschaftspolitik, . Teil 1899) in Betracht; er will principiell Menger und der österreichischen abstrakten Schule treu bleiben, praktisch steht er aber durchaus auf dem neuen, vorhin charakte— risierten Boden. In dem folgenden Grundriß wird ebenfalls der Versuch gemacht, die allgemeinen und im ganzen jeststehenden Resultate unseres nationalökonomischen Wissens einheitlich, systematisch von dem Standpunkte aus zusammenzufassen, wie er im vorstehenden dar— — G schließt sich der in Deutschland feit Rau her— szmmlichen im zanzen an, aber doch mit anderer Absicht, als sie Rau vorschwebte