34 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. denn der Ausspruch Pindars, daß das Wasser das Herrlichste sei, ist vor allem auch wirtschaftlich wahr. Ohne Wasser ist nirgends ein wirtschaftliches Gedeihen. Man könnte fast sagen, die am Wasser gelegenen Gebiete seien die reichen. Die Regenmenge und das örtliche Vorkommen des Wassers stehen in engster fausaler Wechselwirkung; aber im einzelnen ist der Reichtum an Ouellen, Flüssen und Küsten doch nicht durch die Regenmenge des Ortes bedingt, und jedenfalls wird das Vorkommen fließenden Wassers um so wichtiger, je mehr es an Regen in der Gegend fehlt. Wie schon die Tiere des Waldes und der Wüste dem Wasser nachgehen, so hat es der primitive Mensch gethan; die Wanderungen und Siedelungen der Ureinwohner sind zwar von großen Wasserläufen oft auch gehemmt worden, große Ströme bieten sange eine fast unüberbrückbare Völkerscheide; aber umsomehr folgt der primitive Mensch den Quellen und Flußrändern. Und mit der Seßhaftigkeit und der höheren Kultur nimmt der Zug nach dem Wasser nicht ab. Die Ouellen haben überall die Wohnsitze der Menschen bestimmt, weil Mensch und Vieh, Küche und Haus ohne Wasser nicht eristieren können. Wo die Feuchtigkeit durch Regen fehlt, bestimmen Quellen, Bäche und Flüfsse alle Vegetation; freilich erst eine hohe gesellschaftliche und technische Entwickelung hat in trockenen Ländern wie in Agypten, Indien, China, Mesopotamien, in Nord— afrika, Spanien und Italien die Wunder jener bewässerten Ackerbau- und Gartendistrikte geschaffen, wobei nicht bloß die Zuführung der nötigen Feuchtigkeit, sondern auch die des düngenden Schlammes die reichen Ernten erzeugte. Ein großer Teil alles älteren Gewerbebetriebes bedurfte der Nähe bedeutender Wassermengen, mußte also den Bächen und Flüssen folgen: der Flachsbereiter und -Bleicher, der Gerber, Walker und Färber, der Bierbrauer und Fleischer suchte das Wasser auf. Als die Wassermühlen erfunden waren, war für die Mahl- und Sägemühlen, die Eisenhämmer und alle Werkstätten, die mechanischer Kraft bedurften, der Standort am Wasser gegeben; und wenn heute Dampf und Elektricität teilweise die große Industrie von dieser Bannung ans Wasser befreit haben, billiger bleibt stets die Wasserkraft, und noch heute ist die ganze Ver— teilung unserer Gewerbe doch überwiegend durch die Wasserläufe bestimmt. Und wenn wir so Siedelungen, Ackerbau und Gewerbe dem Wasser mit Vorliebe folgen sehen, wenn deshalb überall die dichte Bevölkerung in den mit Wasser reichlich versehenen Thälern sich zusammendrängt, so ist die Wirkung auf den Verkehr fast eine noch größere. Wie alle menschliche Kultur von den Küsten und Flußmündungen die Thäler aufwärts ging, so entstanden alle größeren Orte und Städte hauptsächlich durch den Verkehr, der von hier aus landeinwärts und stromaufwärts ging; in primitiven Zeiten war der Wasserverkehr, der Handel zu Schiff vielfach die einzige Art größeren Warenaustausches, lebendiger Berührung verschiedener Stämme und Händler; nur am Meere und an großen Strömen saßen alle bekannten reichen Handelsvölker. Freilich hat nicht überall, sondern nur an wenigen besonders günstigen Stellen das Wasser fähige Rassen zu selbständiger Erfindung des Schiffsbaues und Handels angeleitet; an den un— zünstigen Küsten hat die Nachahmung erst langsam und nach und nach einen Wasserverkehr geschaffen. Nur an Punkten wie Tyrus, Alexandria, Karthago, Venedig, Genua, Amsterdam, London, Hamburg, Newyork konnten die vorangeschrittensten Völker Mittelpunkte des Welthandels und höchsten Reichtums schaffen. Und wenn heute die Eisenbahnen teilweise dem Wasser seine Verkehrsrolle abgenommen haben, wenn falsche gesellschaftliche und politische Einrichtungen, sowie politische Schicksale die Kultur an großen Strömen, die früher die Hauptlinien des Handels bildeten, verfallen ließen, die großen Fluß- und Strom— ysteme sind doch auch heute mehr als je die Hauptadern alles, auch des Eisenbahnverkehrs: am Lorenzo⸗- und Mississippistrom, an Rhein und Elbe, an Seine und Themse kon— zentriert sich auch heute der Pulsschlag des höchsten wirtschaftlichen Lebens. Das Ergebnis all' solcher an die Erdoberfläche anknüpfender volkswirtschaftlich— geographischer Betrachtungen ist immer wieder die Erkenntnis, wie engbegrenzt die Punkte und Gebiete sind, an welchen eine hohe und allseitige, reiche wirtschaftliche Entwickelung möglich ist, wie die an diesen Punkten sitzenden Menschen und Gesellschaften naturgemäß