36 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. leben. Wo heute noch, wie in den mitteleuropäischen Ländern, 10 — 409/0 des Bodens mit Wald bestanden sind, wo man ihn in dieser Ausdehnung erhält, teilweise weil der Boden keine größeren Erträge giebt, seilweise weil der Wald als Feuchtigkeitsregulator unentbehrlich ist, und weil das Holz für gewisse Zwecke sonst zu schwer zu beschaffen wäre, da ist dieser Wald und sein Betrieb ein wichtiges Element der Volkswirtschaft. Die Pflanzen des Waldes wie die der Wiese gehören in den Kulturländern auch heute noch dem Kreise der ursprünglichen Ausstattung an, während das Garten- und Äcker— land mehr eingeführte und acclimatisierte als einheimische Pflanzen trägt. Wo der Baumwuchs fehlt, aber das Wasser nicht gänzlich mangelt, die Steppen— gräser der Landschaft ihren Charakter geben, da ist die Heimat der Nomadenwirtschaft: eine Reihe von Wurzeln und Beeren dienen neben der Jagd und der Nutzung der ge— zähmten Tiere der menschlichen Wirtschaft. Wo die Steppe mit undurqdringlichen, harten Gesträuchern bestanden ist, wie in Australien, hört jede menschliche Kultur auf. In der gemäßigten und warmen Zone ist der Pflanzenbau und die Tierzucht im Anschluß an ihre ursprüngliche Ausstattung entstanden. Daran schloß sich der erste Aubau und die erste Tierzähmung. Die mit der Wärme steigende Zahl der vorkommenden Pflanzenarten ist für die wirtschaftliche Kultur viel weniger bedeutungsvoll gewesen als die relativ kleine Zahl der zum Anbau brauchbaren Pflanzen und der Tiere, deren Zucht man lernte. Obst, Beeren, Wurzeln aller Art spielten bei primitiver Kultur eine relativ größere Rolle als später. Gewisse Bäume und Pflanzen ernähren in den heißen Ländern den Menschen fast ohne Arbeit: so der Brotfruchtbaum, die Dattel-, die Palmyra- und die okospalme sowie die Banane; aber ihr Vorkommen blieb oft unbenutzt wie z. B. die sokospalme in Amerika bis 1500. Der Brotfruchtbaum, der die Südseebewohner haupt— ächlich ernährt, ihnen 9 Monate frische Frucht liefert, für Z Monate das Leben von ein— zemachten Früchten erlaubt, hat wohl auch die Sorglosigkeit dieser Menschen erzeugt. An die Arbeit gewöhnte Neger, z. B. die in St. Vincent, sind durch Einführung des Brotfruchtbaumes in gänzliche Faulheit und Indolenz versallen. Die Gras- oder Getreidearten sind die wichtigsten Kulturpflanzen für die Menschheit geworden; ihre heutige Verbreitung ist ein Werk der Menschen; aber die einzelnen Arten sfind doch von Wärme und Klima abhängig, und die ältere Wirtschaftsgeschichte war durch die ursprüngliche Ausstattung und den Stand der Verbreitung und Accli— matisation bedingt. Im Gebiete der heutigen Vereinigten Staaten fehlten sie, und das erklärt, wie die kümmerlichere Ausrüstung mit Pflanzen und Tieren überhaupt, die geringe ältere wirtschaftliche Entwickelung der Hauptteile Nord- und Südamerikas; in Central— amerika hatten und benutzten die Ureinwohner den Mais und auf den Höhen die Quinoa— dirse; letztere ermöglichte es allein, daß am Titicacasee, in der Höhe von 12000 Fuß, eine dichte Bevölkerung zu relativem Wohlstande kommen konnte. Wenn heute die Volke Afrikas hauptsächlich von den Hirsegattungen (Negerhirse, Durha, Kafferkorn), gegen 7680 Millionen Mongolen und andere Völker Südasiens, Südeuropas und Mitlel amerikas überwiegend von Reis, etwa 42450 Millionen Menschen der südlich ge— mäßigten Zone ebenso von Mais und Weizen, etwa 150 Millionen in der nördlich gemäßigten Zone hauptsächlich von Roggen und die noch weiter nördlich sitzenden Völker von Hafer und Gerste leben, so springt in die Augen, daß, so wenig der heutige Anbau dieser Gramineen ihrem ursprünglichen Standorte entspricht, doch das Klima'die Ver— teilung auch heute im ganzen beherrscht, und daß die Ernten dieser Fruchte von gleicher Fläche und Bodenbeschaffenheit nach Norden hin immer geringer werden. Der Weizen trägt bei uns das 5—8fache der Aussaat, im Süden das 12 -25fache. Die Mais— ernten steigen im Süden bis zum 70-, ja mehrhundertfachen. Der Roggen giebt bei uns 800—1000 kg, der Reis in China 3840 Kg pro Hektar. Auf der QOuadratmeile leben jenseits der Gerstengrenze fast nie mehr als 50, jenseits der Weizengrenze selten nehr als 1000 Menschen, weiter füdlich ernähren die Gramineen 2, 8, 5 ja mehr Tausend. Also große Verschiedenheiten des natürlichen Wohlstandes! Und sie steigern ich noch sehr. wenn wir neben dem Getreide die anderen Pflanzen in Betracht ziehen.