42 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. Abweichung erfährt oder erfahren kann. Diese Abweichung ist unter Umständen eine bloß individuelle, nicht sich weiter vererbende; sie kann aber, zumal wenn beide Eltern unter denselben Nebenursachen stehen, wenn diese sich durch Generationen fortsetzen, wenn die Modifikation sich mit dem vorherrschenden Typus gut verträgt und deshalb mit ihm verschmilzt, zu einer erblichen werden. Und dies wird in dem Maße leichter und stärker geschehen, als diese Nebenursachen ihre modifizierende Wirkung auf eine größere und in sich geschlofsene Zahl von Menschen, die unter sich geschlechtlichen Verkehr haben, lange Zeiträume hindurch ausüben. Die Variation befestigt sich dadurch, wird zu einem neuen, besonderen Typus, der nun, sei es für immer, sei es für sehr lange Zeiten, sich gleichmäßig erhält. Damit haben wir die Möglichkeit, die einheitliche Entstehung der verschiedenen Kassen und Völker zu verstehen. Der Streit darüber, ob die heute lebenden 1500 Millionen Menschen einheitlichen oder mehrfachen Ursprungs seien, ist freilich noch nicht geschlichtet; manche Naturforscher leugnen die Einheit, Darwin bejaht sie. Die Wahr⸗ scheinlichteit, daß die amerikanischen Ureinwohner mongolischer Abkunft seien, spricht für sie. Ebenso die Thatsache, daß fast alle Rassen sich gegenseitig mit Erfolg begatten, daß die Entwickelung der Sprache, der Gebräuche und Reigungen, der Werkzeuge und Waffen, der fittlichen Vorstellungen und Gesellschaftseinrichtungen doch bei allen eine ähnliche ist, daß alle Rassen in eine gewisse Wechselwirkung treten. Wenn daneben die Ratur- und die Kulturvölker, die paffiven und die aktiven Rassen außerordentlich große Unterschiede zeigen, wenn die plötzliche Ubertragung der Einrichtungen und Sitten der höheren auf die niederen letztere oft vernichtet, so beweist das nicht sowohl gegen die Einheit als für die große Verschiedenheit und die unendlich langen Epochen der Ent— wickelung, für den durch die Variabilität erzeugten Fortschritt der höheren Rassen. Die aiederen sieht man heute allgemein als den Typus der ältesten Menschenart an, welchen wahrscheinlich manche noch niedriger stehende ausgestorbene vorangingen. Bei der Kompliziertheit des Entwickelungsprozesses der Rassen und Völker, bei dem großen Einfluß der unten noch zu besprechenden Rassenmischung ist es naheliegend, daß alle Versuche, Klarheit über ihr Verhälinis zu schaffen durch eine Einteilung je nach einem einzigen Merkmal, wie Hautsarbe, Schädelform und -Größe, Haarart und Farbe, Heimatland und Sprache scheitern mußten. Wir haben uns hier auch nicht mit der Frage aufzuhalten, wie viele Haupt- und Nebenraässen es gebe: die abend— ländische, weiße (kaukasische) und die mongöolische, gelbe mit je etwa 580 Millionen, die schwarze der Neger mit etwa 200 Millionen Menschen sind jedenfalls die wichtigsten. Daß die verschiedenen Rassen ausschließlich oder ganz überwiegend durch den natür— lichen Daseinskampf der Individuen und Gruppen und die geschlechtliche Zuchtwahl, durch welche jeweilig die höchststehenden Männer und Weiber sich begatteten und eine höher stehende, sich den Lebensbedingungen besser anpassende Nachkommenschaft erzielten, entstanden seien, wie Darwin will, wird heute nicht mehr zuzugeben sein. Darwin selbst hat seine Gedanken hierüber nicht näher ausgeführt. Der brutale Daseinskampf hat ficher viele schwächere Stämme vernichtet; innerhalb derselben hat er zumal früher keine große Rolle gespielt, wie wir schon sahen; die geschlechtliche Zuchtwahl hat inner— halb der Völker wohl einzelne Familien und Klassen emporgehoben, die aber keineswegs dann immer die kinderreichsten waren; sie kann einzelne Rafsen verändert haben; wie fie die Rassen- und Völkerscheidung beherrscht oder beeinflußt habe, ist nicht recht ersichtlich. Ansprechender scheint daher die Migrationstheorie von Moritz Wagner, welche die Darwinsche nicht negiert, sondern als Bestandteil, aber von geringerer Be— deutung, einschließt. Dieser große Reisende und Naturforscher verlegt mit dielen anderen die Entstehung des eigentlichen Menschen in das Ende der Tertiärzeit, also in eine Spoche der größten Veränderungen der Erdoberfläche und der Lebensbedingungen für alle organischen Wesen. Er knüpft hieran und an die Wanderungen aller Lebewesen und speciell der Menschen an; er läßt die Menschenrassen, wie die Tier- und Pflanzen— arten durch Wanderung von Individuenpaaren oder kleinen Gruppen nach verschiedenen Weltteilen mit verschiedenem Klima, verfschiedenen Lebensbedingungen in eben dieser Zeit