* Erstes Buch. Land, Leute und Technit. 614. Ethnographische Einzelbeschreibung: die niedrigsten Rassen. Gehen wir nach dem vorstehenden von der Annahme aus, es gebe verschiedene Rassen— und Völkertypen, welche durch die Vererbung ihrer körperlichen und geistigen Eigen— schaften wie durch die im ganzen vorhandene Überlieferung ihrer Vorstellungen, Sitten und Einrichtungen einen jedenfalls nur sehr langsam sich ändernden Charakter haben, so muß der wissenschaftliche Versuch, diese Typen zu schildern, angezeigt sein, so schwierig die Aufgabe sein mag, so sehr ich gestehe, daß mir viele Kenntnisse und Eigenschaften dazu fehlen. Der Versuch wird doppelt schwierig, wenn man, wie hier, ganz kurz sein muß. Aber ich wage ihn, weil auch der Anfänger volkswirtschaftlicher Studien ein Bild davon bekommen muß, wie der verschiedene Volkscharakter auf die verschiedenen Gesellschafts- und Wirtschaftszustände wirkt. Die Mittel zu dem Versuche liegen in der heutigen Völkerkunde, der Geschichte, der vergleichenden Psychologie, den Reise— beschreibungen, also in weit auseinander liegenden Wissensgebieten. Schon die Hetero— zenität des Materials wird eine nachsichtige Beurteilung des billigen Lesers herbeisühren. Ich beginne, hauptsächlich im Anschluß an H. Spencer, mit einigen Strichen, welche sich auf die Australier, Polynesier, Buschmänner, Hottentotten, die niedrigft stehenden Indianer ꝛc. beziehen; sie gehören zwar verschiedenen Rassen an, aber sie gehören zusammen, sofern sie die unentwickeltsten, ältesten Rafsentypen darstellen oder durch Ungunst ihres Standortes, Trennung von den Kulturvölkern und andere Miß— stände auf das niedrigste Niveau menschlichen Lebens herabgedrückt sind. Sie sind von niedriger Statur, haben im allgemeinen als Folge der Wirkung primitiver Lebensweise unentwickeltere Beine als Arme, eine übermäßige Entwickelung der Verdauungsorgane, die der Ungleichmäßigkeit der Ernährung entspricht. Die Busch— nänner verfügen über einen Magen, welcher demjenigen der Raubtiere sowohl hinsichtlich der Gefräßigkeit als hinsichtlich des Ertragens von Hunger vergleichbar ist. Damit hängt die Unthätigkeit und Unfähigkeit zur Arbeit zusammen; zeitweise Überfüllung und zeitweiser Mangel hemmen gleichmäßig die zur Arbeit notwendige Lebensenergie. Die Körperkraft ist mäßig, nicht sowohl wegen mangelnder Muskel- als Nerven— ausbildung; das kleinere Gehirn, die geringere Gefühlsthätigkeit lassen es nicht zu erheblichen Kraftansammlungen kommen. Dagegen ist die Anpassung an die Unbilden des Klimas, der Witterung größer, ebenso wie die Fähigkeit, Wunden und Krankheiten zu überwinden. Unempfindlich gegen äußere Einwirkungen, bleiben solche Menschen auch passiv und stumpf; früh geschlechtsreif, altern sie auch früh. Arm an Vorstellungen, welche die nächstliegenden Begierden überschreiten, und unfähig, den unregelmäßigen dauf seiner Gefühle zu beherrschen, zeigt der primitive Mensch eine außerordentliche Unbeständigkeit, ein impulsives Wesen, ein unbedachtes Handeln, das sich aus den Emotionen fast nach der Art instinktiver Reflexbewegungen entladet. Künftige Erfolge werden nicht vorgestellt, bewegen das Gemüt nicht; daher gänzliche Sorglosigkeit um die Zukunft, kein Streben nach Besitz und dessen Erhaltung; Freigiebigkeit und Ver— schwendung, Mitgabe der Waffen und Werkzeuge ins Grab. Lange andauernde Faulheit vechselt mit kurzen, großen Anstrengungen des Spiels, des Tanzes, der Jagd und des Kampfes; meist fehlt noch jede Gewöhnung an stete Arbeit. Die gesellschaftliche Rücksicht⸗ nahme auf andere Menschen wird durch die Leidenschaften des Augenblickes stets wieder zerstört; sie zeigt sich fast nur in der Eitelkeit und Putzsucht, in der Furcht vor Ver— achtung und Hohn, vor Gewalt und Strafe. Die heterogensten Gemütsbewegungen stehen unvermittelt und unausgeglichen nebeneinander, zärtliche Liebe und Milde neben härtestem Egoismus und Grausamkeit. Die geringe Entwickelung der gesellschaftlichen Instinkte hindert jedes Leben in größeren Gemeinschaften; es fehlt das Wohlwollen, das durch die Rücksichtnahme auf andere, ferner stehende Menschen sich bildet, der Gerechtigkeitssinn, der erst eine Folge verwickelter Vorstellungen sein kann. Aber diese Menschen werden viel stärker und unerbittlicher, viel konservativer von den äußeren Gebräuchen des Lebens, von der Sitte beherrscht, die sie in der Jugend gelernt. Ihr Nervensystem verliert überfrüh jede Bildiämkeit, wie sie zur Aufnahme der geringsten Neuerung nötig ist.