Die Engländer und die Nordamerikaner. 157 s in der Welt zu etwas zu bringen. Die nationale Festigkeit und Ausdauer bei der Arbeit erstreckt sich selbst auf die unteren Klassen in England. Daher sagt der englische Werkführer von französischen Arbeitern: it can not be called work, they do; it is looking zt it aud wishing it done. Nicht umsonst ist der Engländer mit seinem freien Staatswesen, seiner persönlichen Freiheit, seiner Familienzucht, seinem Rechtsbewußtsein, seiner Gemeindeverfafsung, seiner Fähigkeit, zu herrschen und zu kolonisieren, der Erbe des holländischen Welthandels und des holländischen Reichtums geworden. Nur einer kommt John Bull in der wirtschaftlichen Energie und Einfeitigkeit zleich, das ist sein jüngerer Bruder Jonathan jenseits des Ozeans. Das nord-⸗ Amérikanische V'olf hat wohl schon erhebliche Bruchteile deutschen, französischen, holländischen und irischen Blutes in sich, aber in der Hauptsache ist es englischer Ab— tammung. Die jugendliche Kultur, das Unfertige der Zustände, die außerordentlichen Gewinnchancen in dem bisher unerschöpflich scheinenden Koloniallande stellen dort die elfmade men, die mit nüchterner, rücksichtsloser Thatkraft keinen anderen Lebenszweck kennen als Geld zu verdienen, noch mehr in den Vordergrund als in England. Früh— reife Kinder, halberwachsene Jungen stürzen sich schon in die Dollarjagd. Wohl fehlen daueben die idealen Eliemente nicht; in den alten Neuenglandstaaten besteht noch das puritanische Quäkertum und feinste englische Lebensart; in Newyork steckt noch etwas von holländischer Emsigkeit; in Virginien und anderen südlichen Staaten sind die Traditionen zer englischen Aristokratie nicht erloschen, in Boston und Philadelphia ist englische Gelehr— amkeil mit amerikanischem Puritanertum gemischt. Überall herrscht Sitte und Religiosität. Im Westen freilich ist das Leben roher, die Sitten sind jovialer. In Kentucky mischt fich Fer aristokratische Geist des Südens mit der Arbeitsenergie des Yankee bis zur Tollkühnheit. Im ganzen aber ist der Charakter doch überall ähnlich. Es sind tüchtige Menschen, wver die Mehrzahl ist ohne tiefere Bildung, ohne reiches Gemüt; Bildung, Wissenschaft, Adel, Bureaukratie geben nicht die Ziele des Strebens. Alles arbeitet, spekuliert, hetzt, gewinnt oder verliert. Selbst die Farmer sind Techniker, Kaufleute und Spekulanten, so sehr diese wetterverbräunten Bauerngestalten im Ringen mit Sumpf und Urwald, mit Räubern und Diebsgesellen allem städtischen Leben fern stehen. Begeisterung ift in den Vereinigten Staaten eine seltene Sache, kalte Verstandes— ruhe ist nötig, um reich zu werden. Selbst der Anblick des Niagarafalles ruft im HYankee nur den Gedanken wach, wie viel unverbrauchte Wasserkraft da ungenützt herab⸗ slürze. An Kenntnis und Erfahrung, wie ein Land groß und reich zu machen, wie die Raturkräfte auszubeuten, die Haufen der Menschen zu bewegen sind, ist wohl eine einzige zmerikanische Großstadt reicher als manches europäische Land. Mit fieberhaft bewegter ffentlichkeit wird hier die Reklame betrieben, die Konkurrenz braucht jedes Mittel; die uropaische Menschenklasse, welche in Unwissenheit, Schlendrian und demütiger Selbst— beschrünkung erstarrt ist, fehlt ganz oder geht sofort zu Grunde. Jeder Bürger ist von demokratischrepublikanischem Selbstbewußtsein erfüllt; wer heute Stiefelputzer ist, kann morgen Kraͤmer, in zehn Jahren Bankier, Advolat oder Senator sein. Ein großartiges Geschaäftsleben mit der Perspektive von Newyork nach San Francisco ruft die Tausende von Ehrgeizigen und Waghalfigen in seine ungeheuren Bahnen. Man hat das Leben des Amerikaners schon mit einer dahinbraufenden Lokomotive verglichen. Der Europäer nimmt sich neben ihm allerdings nur wie ein ruhiger Spaziergänger aus. Eiwas von soichen Zügens hat überall das Kolonialleben, das auf reichem, über⸗ schüssigem Boden mit der Technik und den Mitteln einer alten Kultur arbeitet. Auch der Judividualismus, die Abwesenheit jedes kräftigen Regierungsapparates sind ähnlich in anderen Kolonien zu finden. Manche der schroffen Züge werden in dem Maße zurück— treten, wie die Kultur älter wird, aber im ganzen wird der durch Rasse, Klima, Ge— schichte und Gejellschaftseinrichtungen geschaffene und in Fleisch und Blut übergegangene Volkscharakter doch dauernd derselbe bleiben; im ganzen ist nirgends in der Welt ein Volk sonst zu finden, das so einseitig alle körperlichen und geistigen Kräfte auf das technische, kaufmännische, kurz wirtschaftliche Vorwärtskommen konzentriert. Daß ein iolches Volk mit den europäischen Kulturvölkern, vollends mit den Orientalen oder gar