74 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. denken dabei vor allem an das antike sinkende Griechenland und Italien und ihre Bevölkerungsabnahme. Immer bleibt es wahrscheinlich, daß die ungünstigen Folgen von einzelnen Völkern früh erkannt wurden, und daß sie in Verbindung mit den großen technischen Fortschritten der Hirten- und Ackerbauvölker, mit den geläuterten Religionssystemen derselben zu der nit der höheren Kultur siegenden Auffassung führten, welche alle folche hemmenden Ein⸗ griffe für verwerflich und strafbar, jede Bevblkerungszunahme für ein Glück erklärt. die Juden, das Christentum, die christlich-germanischen Völker stellten sich auf diesen Standpunkt. Letztere konnten ihn um so leichter festhalten, als sie Jahrhunderte lang eroberten, kolonisierten, bei großem Verluste durch Kriege und Krankheiten bis in die weite Haͤlfte des Mittelalters über einen unausgefüllten Nahrungsspielraum verfügten. Seit fie aber von 1200 -1400 doch mehr und mehr zur Ruhe gekommen, den Ausbau n Stadt und Land vollendet hatten und nun nicht mehr ebenso leicht weiter wachsen konnten, da haben fie zwar nicht wieder so naiv zu Kindsmord, Abtreibung und Ahnlichem gegriffen wie einstmals die älteren Völker, aber sie haben in Einrichtungen die Rettung Jesucht, welche mehr indirekt die Zunahme verlangsamen sollten. Es sind die, welche die uropätsche Bevölkerungsbewegung in der Hauptsache von 1800 —1800 beherrschten. Schon das Altertum hatte gewisse Institutionen, welche indirekt die Zunahme hemmten: vor allem die Sklaverei; sie stellle den Geschlechtsverkehr aller Sklaven unter Zie Kontrolle des Herrn, verminderte die Zahl der Ehen bei den Sklaven außerordentlich, schränkte auch die eheliche Fruchtbarkeit der Herren durch Laster und Mißbrauch der Sklavinnen ein. Im Mittelalter kam die Eheschließung der Unfreien und Halbfreien vieder unter die Kontrolle der Herren. Die patriarchalische Familienverfassung, sowie die ganze feudale Agrarverfassung mit der Bevorzugung eines Erben, der Geschlossenheit der Vüler, dem Gesindezwangsdienst verschob das Heiratsalter, zwang viele Erwachsene zu ehelosem Leben, regulierte die Bevölkerung in beschränkendem Sinne. Und in den Städten wirkten erschwerte Niederlassung, Zunft- und Realrechte seit 1400 — 1500 ahnlich. Je stabiler die wirtschaftlichen Zustände und je gebundener durch Sitte und Recht sie waren, desto mehr näherte man sich dem, was Malthus auf seinen Reisen in Rorwegen und im Kanton Bern als sein Ideal fand: vorsichtige Anpaffung der Ehen und der Kinderzahl an einen gegebenen engen Nahrungsspielraum mit geringer oder jast verschwindender Zunahme. Die zu starke Wirkung solcher Einrichtungen hatte lange Zeit hindurch in Ver— bindung mit den noch vorhandenen kKrankheiten und Hungersnöten, mit den Kriegen da und dort Stillstand, ja Rückgang der Bevölkerung erzeugt. Daraus entsprangen die populationistischen Theorien und die entsprechende Bevölkerungspolitik des aufgeklärten Despotismus. Weil es in der That von 1600 -1800 in vielen Staaten an Menschen jehlte, so konnten jene optimistischen Lehren von Sir William Temple, Vauban, dem älteren Mirabeau und Rousseau, von J. J. Becher, Süßmilch, Justi und Sonnenfels bis zu Adam Smith entstehen, daß die zunehmende Menschenzahl an sich ein Glück, mit allen Mitteln zu fördern sei, daß sie den Reichtum der Staaten ausmache und erzeuge. Und sie hatten damit für ihre Zeit und die ihnen bekannten Länder im ganzen gar aicht Unrecht; es handelte sich darum, durch gute Verwaltung, Aufhebung aller mög— lichen Schranken, durch Erleichterung der Ehen, Förderung der Einwanderung, Hemmung der Auswanderung die zu geringe Menschenzahl zu vermehren. Diese Theorien irrten aur darin, daß sie den bestimmten stagnierenden Verhältnissen entnommenen Satz: die größere Menschenzahl erzeugt größeren Wohlstand, allzu sehr generalifierten, die zahl⸗ reichen Mittelursachen und Nebenbedingungen der Kausalkette übersahen. Als die englische Bevölkerung von 18600 -1800 aber von 2,5 auf 9 Mill. gestiegen war, erzeugte die Zunahme, welche von 3000 jährlich 1700 41751 suecessive auf 180/00 1811 —21 gewachsen war, auch, 1881—61 noch, 120/00 betrug, immer häufiger ein periodisches Unbehagen. Schon die Puritaner, die 1620 nach Neuengland zogen, klagen, daß der Mensch, das Wertvollste auf der Welt, wegen der Überzahl in der Heimat wertlos geworden sei. Sir Walter Raleigh, Child, Sir James Steuart betonten dann