Die Populationisten, Malthus und seine theoretischen Gegner. 175 bereits, die Grenzen der Bevölkerung lägen in der Ernährungsmöglichkeit. T. R. Malthus aber stellte fich 1798 unter dem Eindrucke des zunehmenden Proletariats und der erdrückenden Armenlast auf den pessimistischen Standpunkt und kam zu den bekannten Sätzen: die Bevölkerung hat die Tendenz, sich unverhältnismäßig, wie alle natürlichen Organismen, über die Grenzen der bereitliegenden Nahrung hinaus zu vermehren; da, wo die Hemmnisse gering sind, verdoppelt sie sich in 25 Jahren, sie wächst also in 100 Jahren im Verhältnis von 1: 16; in 25 Jahren kann unter den günstigsten Ver— — aus diesem Mißverhältnis ergiebt sich, daß die Bevölkerung nur durch zuvorkommende Hemmnisse, wie moralische Enthaltung, oder durch Laster, Krankheit, Elend aller Art im Einklange mit der Ernährungsmöglichkeit erhalten werden kann. Diese Sätze fanden unter den stockenden Erwerbsverhältnissen 1800 — 1855 weiten Beifall bei den ersten englischen, französischen und deutschen Staatsmännern und Nationalökonomen. J. St. Mill vor allem predigte Enthaltsamkeit in der Ehe und die Bildung einer öffentlichen Meinung, welche das Laster der Trunkenheit und der größeren Kinderzahl gleichstelle. Das Verdienst von Malthus ist es, daß er mit Nachdruck und wissenschaftlichen Beweisen den Zusammenhang der Menschenzahl mit der Ernährungsmöglichkeit betont und die vorhandenen Grenzen der letzteren erläutert hat; aber seine Zahlenformeln sind falsch, und er stellt die sicher vorhandene Vermehrungstendenz zu sehr als natürliche, abfsolute, stets vorhandene hin, unterscheidet nicht genug die verschiedenen Wirtschafts— zustände und Möglichkeiten des Unterhaltes und des Ausweges; er sieht, wie viele seiner pessimistischen Anhänger, auch Zustände als Übervölkerung an, die mehr Folge von schlechter Einrichtung der Produktion und Verteilung der Güter, von technischer Rück— ständigkeit als zu großer Menschenzahl sind. Praktisch hatte die Malthussche Theorie die Folge, daß in vielen Staaten 1815 bis 1856 mancherlei die Zunahme hemmende Gesetze über Eheschließung, Niederlassung, Gewerbebetrieb, Schaffung neuer Ackerstellen erlassen wurden. Aber ihr Erfolg war doch im ganzen gering, Die Fortschritte der Technik und des Verkehrs wirkten in entgegen— gefetztem Sinne, und die längst einsetzende liberale Gesetzgebung, welche nun von 1850 an überall definitiv die alten Schranken der Ehe, der Niederlassung, des Wanderns, der Gewerbe beseitigte, wirkte auf eine außerordentliche Beschleunigung der Zunahme: der Optimismus der Zeit setzte sich in entsprechende gern geglaubte Theorien um. Das liberale Manchestertum nahm an, daß zwischen Bevölkerungs- und Wirtschafts-— jortschritt wie überall an sich Harmonie sein müsse oder erklärte es ohne Rücksicht auf die irdischen Raum- und Guterschranken, jeder Mensch mit gesunden Armen könne so viel produzieren wie er brauche; oder es jubelte über die Kapitalanhäufung, die schneller gehe als die Menschenzunahme, als ob die oft ins Ausland gehende, oft für Kriege zerbrauchte Kapitalmenge allein stets ausreiche, fuür mehr Menschen Nahrung, Absatz, richtige Organisation zu schaffen. Physiologische Optimisten von H. Spencer bis Bebel stützten sich auf die Abnahme der Zeugungskraft, welche der Zunahme der Geistesthätig— keit entspreche, ohne Beweise für die Gegenwart zu exbringen. Manche Socialisten unter der Führung von Sismondi fanden die Huelle alles Übels in der ungleichen Einkommens— verteilung; und gewiß kann eine gleichmäßigere Verteilung zu einer anderen Richtung aller Produktion Anlaß geben und eine vermehrte Möglichkeit des Lebens für etwas mehr Menschen schaffen; aber allzuviel macht das nicht aus; und Vorzugsportionen für die höher Stehenden sind nie ganz zu beseitigen. Andere Socialisten träumen von technischen Fortschritten, welche an das Schlaruffenland erinnern, oder exklären, ohne geographische und landwirtschaftliche Kenntnisse, wie Engels, es gäbe keine Übervölkerung, da erst ein Drittel der Erde angebaut, und die Produktion auf das Sechsfache gesteigert werden könne. Wieder andere, wie Marx, erklären, die heutige überrasche Bevölkerungs— zunahme sei der notwendige Ausdruck der kapitalistischen Epoche; für die Zeit des socialistischen Staates hoffen sie kindlich auf harmonische Selbstregulierung. Die empirische Wifsenschaft und die vernünftige Prarxis tröstete sich zunächst mit der Aushülfe von Auswanderung und Kolonisation und der möglichen Verdichtung der