Die neueren Wanderungen. 179 haben sich teils passiv gehalten, teils nur durch Erwerb von Kolonien und Handels— fstationen und ihre erste Einrichtung, durch internationale Verträge und Ahnliches die Wanderungen ermöglicht, jedenfalls nicht in dem Maße wie früher im Altertum, in der Völkerwanderung, zur Zeit der deutschen Kolonisation der Slavenlande, systematisch einheitlich diesen ganzen Prozeß geleitet. Die älteren Wanderungen und Kolonisationen waren Volks- und Staatssache, die modernen sind überwiegend Sache der Individuen. — Die neueren Wanderungen können geschieden werden in periodische und dauernde, in innere und äußere. Die periodischen Wanderungen, welche die Wanderer stets wieder zur alten Heimat zurückbringen, haben früher bei Nomaden und Jägern wohl noch umfassender stattgefunden als heute. Aber auch jetzt sind sie in gebirgigen Ländern vielfach für die Viehernährung nötig; sie finden dann in umfassendem Maße von Seiten land- und forstwirtschaftlicher, auch gewerblicher Arbeiter statt; Hausierer und Kaufleute, Schiffer und Matrosen sind einen großen Teil des Jahres in Bewegung. An all' diese periodischen Wanderungen knüpft sich häufig die dauernde Loslösung. Die außer— ordentliche Ausdehnung des heutigen Reiseverkehrs, des Suchens von Stellen in der Ferne, im Auslande, hat eine große Zahl von Menschen geschaffen, die viele Jahre nicht sicher wissen, ob sie dauernd an ihren neuen Wohnorten bleiben oder in die Heimat zurückkehren werden. Der Unterschied zwischen den Wanderungen nach dem Auslande und im Inlande ist zunächst ein rein formaler, vom jeweiligen Staats⸗, Verwaltungs- und Völkerrecht vedingter. Je kleiner die Staatsgebiete sind, desto häufiger ist schon die Übersiedelung an einen Ort von 1410 Meilen Entfernung Auswanderung, nicht Binnenwanderung. Überall an den Grenzen der Staaten, wo lebendiger Austausch der Kräfte stattfindet, ist auch die definitive Übersiedelung wirtschaftlich kein so erheblicher Wanderschritt, wie wenn der rheinische Bauernsohn in Posen sich ansiedelt. Die vorübergehenden und dauernden Binnenwanderungen sind durch die heutige Niederlassungsfreiheit, die ins Ausland durch die neueren internationalen Verträge außerordentlich erleichtert worden. Die Rechtssysteme in Bezug auf die Entlassung aus den heimatlichen Rechtsverhältnissen sind heute noch sehr verschieden; England halt auch die draußen Wohnenden rechtlich e p als Deutschland. Der Wanderprozeß selbst aber wird dadurch nicht viel eeinflußt. Die Ziele der Wanderung sind teils im Inlande liegend, teils sind es andere kultivierte Länder unserer Zone, teils unbesiedelte fremde Länder und Kolonien. Der große Strom unserer inneren Wanderungen geht vom Lande nach den Mittelpunkten der Industrie und des Handels; teilweise findet aber auch eine Bewegung nach bisher weniger besiedelten ländlichen Gebieten des Inlandes statt; man spricht da von innerer Kolonisation, wo noch Platz zu Neuansiedelungen, zur Bildung kleinerer Güter, zu Anlagen auf bisher unwirtlichem, nun melioriertem Boden vorhanden ist. Reiche, die, wie Nordamerika und Rußland, sich neuerdings noch in unmittelbarer Nähe großartig ausdehnen konnten, haben auch noch eine große innere Kolonisation, welche wirtschaftlich die Folgen der eigentlichen Auswanderung anderer Staaten übertrifft und den großen Vorteil hat, die Neuansiedler als Staatsbürger und im geographischen Zusammenhang mit der alten Heimat zu erhalten. Die Staaten, welche sich nicht so ausdehnen und auch in der Ferne keine neuen Besitzungen erwerben konnten, wie Deutschland, Italien, die skandinavischen Reiche, haben ihre Auswanderer meist nach den Vereinigten Staaten oder in englische Kolonien geschickt. Die Folge war fast stets, daß die Auswanderer und ihre Nachkommen bald die Sprache und Nationalität verloren, auch wirtschaftlich von der alten Heimat sich löften. Solche Auswanderung hat entfernt nicht den Vorteil fürs abgebende Land wie die in eigene Kolonien. Unler Kolonien im weiteren Sinne versteht man vom Mutterlande getrennte, von ihm in irgend welcher Rechtsform abhängige Gebiete, hauptsächlich solche, welche, in erheblicher Entfernung, auf niedriger wirtschaftlicher Kulturstufe stehen, durch ihre Ab— hängigkeit vom Mutterlande diesem als wirtschaftliche Glieder dienen. Volkswirischaftlich 12*