222 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. Die zweite große Folge der neueren Technik und des so sehr verbesserten Verkehrs ist die räumliche Veränderung im Standort der landwirtschaftlichen, gewerblichen und händlerischen Unternehmungen und der Menschen überhaupt: die Bildung der Großstädte, der Industrie- und Bergwerkseentren, die stillstehende oder gar abnehmende Land— bevölkerung, die Zunahme der Wanderungen, die wachsende geographische und sonstige Arbeitsteilung erscheinen als zusammenhängende Ergebnisse des Maschinenzeitalters, auf die wir anderwärts kommen. — Als dritte Folge heben wir die Verschiebung hervor, welche zwischen den Haupt— organen des volkswirtschaftlichen Lebens und ihren Funktionen stattfand, nämlich zwischen Familie, Gebietskörperschaft (GGemeinde, Provinz, Staat) und Unternehmung. Familie und Unternehmung fiel früher noch meist zusammen. Vor allem die neuere Technik schied sie, machte einen steigenden Teil der Unternehmungen zu selbständigen, technisch— geschäftlichen Anstalten, trennte Familienwirtschaft und Werkstatt. Und dieselben Ursachen, die steigende Kapital- und Maschinenanwendung, der technische Vorteil, welchen größere Anstalten gaben, begünstigten mehr und mehr den Großbetrieb. Er lag zuerst im 17. und 18. Jahrhundert vielfach in fürstlichen Händen, dann löste er sich von der bureaukratischen Schwerfälligkeit, die damit gegeben war, los. Der private Großbetrieb, neuerdings der in Aktien- oder Kartellhänden, schien als der voll— kommenste, weil in der freien Hand hochstehender kaufmännisch-technischer Führer liegend. Aber seit den letzten Jahrzehnten hat auch die Großtechnik der Gemeinden, Provinzen und Staaten nicht bloß im Straßen- und Wasserbau, in der modernen Kriegstechnik, sondern gerade auch in specifisch wirtschaftlichen Funktionen, im Eisenbahn-, Post- und Telegraphenwesen, in öffentlichen Bauten aller Art erhebliche Triumphe gefeiert. Und schon kann man hören: gerade die moderne Technik nötige zu einer Vergesellschaftung hrer Anwendung. Dem Vorwurf, daß unsere Städte aus einem Organismus verbundener Wohnhäufer ein anarchischer Haufen von Werkstätten, Fabriken und Bahnhöfen geworden, könnte man, optimistisch übertreibend, heute schon den Satz entgegenstellen: die moderne Stadt werde eine technische Gesamtbauanlage werden, in welcher durch Straßen- und Baupolizei den Wohnungen und Werkstätten, den Parks und den Schulen, den Markt— hallen und Bahnhöfen ihr Platz angewiesen sei, und alle diese Stätten durch einheitliche Wasser- und Abzugs⸗-, Gas- und elektrische Leitungen, durch den gemeinsamen Dienst —D auf die Kommune gehäuften Funktionen verbunden seien. Man hat den technischen Fortschritt schon danach einteilen wollen, ob er mehr den Individuen und Familien oder mehr den größeren socialen Körpern zufalle oder diene. Es ist kein falscher Gedanke. Der Pflug diente der Wirtschaft der Familie, die Bewässerungsanlage war stets Sache der Gemeinde; die Flinte kam in die Hand des Individuums, die Kanone in die des Staates. Aber doch können viele technische Fort— schritte je nach ihrer gesellschaftlichen Ausgestaltung, je nach den Institutionen von dem Individuum wie von der Gesamtheit gehandhabt werden. Und es wäre schwer, von den heutigen technischen Fortschritten mehr zu sagen als das, daß viele derselben zu einer Großtechnik hindrängen; vor allem gilt dies vom Dampf, der Elektricität, von vielen Teilen unseres Bauwesens. Aber specifisch technische Ursachen entscheiden nicht, ob die Gasanstalt in Privat- oder Gemeindehänden zu liegen habe, ob die Eisenbahn dem Staate gehören solle oder nicht. Hobsons halb socialistischer Schluß, alle Großtechnik gehöre in die Hände der öffentlichen Korporation, weil diese Technik, von der Maschine beherrscht, Mechanisierung der Arbeitsprozesse, Uniformierung der Bedürfnisse und zur Ausbeutung verführende Monopolbildung bedeute, schießt übers Ziel hinaus; er übersieht, daß die Maschinenindustrie auch sehr wechselnden Bedürfniffen dient und insoweit also der privaten kaufmännischen Leitung nicht wohl entraten kann. Die sociale Ausgestaltung der Großtechnik ist je nach Rasse, volkswirtschaftlichen Traditionen, Staatseinrichtungen, sehr verschiedenartig möglich. So viel aber ist richtig, daß sie unserer heutigen Volks— wirtschaft gegenüber der früher überwiegenden Haus- und Kleinbetriebstechnik einen ganz neuen Stempel aufgedrückt hat, freilich ohne die Hauswirtschaft aufzuheben und