2608 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. —ADDDD Raume beherrschen, zumal wo eine gute, moderne Gemeindegesetzgebung und eine gute Bau⸗, Gesundheits- und Niederlaffungspolizei jeder gesunden lokalen Wirtschaftsentwicke— lung gleichmäßig Luft und Licht zum Gedeihen sicherte, während im 18. Jahrhundert zwar die von fürstlicher Politik besonders begünstigien Residenzen, Handels- und Manu—⸗ fakturstädte sich vergrößert hatten, aber in allen anderen Städten und auf dem platten Lande das starre Herkommen kaum eine Anderung gestattet hatte. Die Ausbildung der Statistik setzt uns in den Stand, die seit 100 Jahren erfolgten Umbildungen und den ganzen heutigen Zustand des Siedelungswesens anders zu verfolgen als alle früheren Verhältnisse. Doch sei, wenn wir einige der wichtigsten Zahlen in dieser Beziehung nun anführen, vorher kurz auch der Schwierigkeiten und Schranken unserer diesbezüglichen Erkenntnis gedacht. Als Städte zählt man in Preußen noch heute die Orte, die verwaltungsrechtlich unter der Städteordnung stehen, obwohl gegen 1850 über Us derselben, 1890 1/4 nicht 2000 Einwohner hatten. Es wird oft⸗ mals in der Statistik Großstadt und Landstädtchen in einen Topf geworfen, obwohl sie mindestens so verschieden sind wie Stadt und Land überhaupt. Auch wenn man, wie jetzt die Statistiker allgemein pflegen, alle Orte über 2000 Seelen als Städte aussondert, bleibt wirtschaftlich und socialpolitisch sehr Verschiedenes zusammengeworfen. Dann geben uns die Zählungen in den meisten Ländern nur eine Statistik der Größe der politischen Gemeinden, nicht der Wohnplätze: 500 auf 50 Höfen und 500 in einem Dorfe zusammen Wohnende sind dabei oft statistisch nicht zu unterscheiden, während sie wirtschaftlich und ocialpolitisch mindestens so große Gegensätze darstellen wie Stadt und Land, Großstadt und Landstädtchen. In Preußen werden umgekehrt die so vielfach örtlich ganz zusammen wohnenden Insassen eines Dorfes und des dazu gehörigen Gutsbezirkes als zwei gesonderte Kommunaleinheiten gezählt. Wo man versuchte, die Nebenwohnplätze zu zählen, hat man, wenigstens in Preußen, doch nicht ihre Bevölkerung erhoben, und außerdem un— sichere Ergebnisse erhalten: im Jahre 1864 hatten die 1000 preußischen Städte 4857, die 80248 ländlichen Gemeinden 21990, die 15619 selbständigen Gutsbezirke 7027 Nebenwohnplätze; man erhielt über 80000 Wohnplätze, während man 1861 71742 gezählt hatte. Was ist auch ein besonderer Wohnplaß: jedes Bahnwärterhaus, jedes einzeln stehende Wirtshaus? Von Württemberg wissen wir, daß man dort 1822 und 1880 folgende Wohnplätze zählte: Stadte Marktflecken Pfarrdörfer Dörfer Weiler Höfe Einzelne Häuser 1822: 182 175 1575 1878 2333 3384 1880:. 142 — 1284 414 3120 2587 2151 16098 Aber wir wissen die zugehörige Bevölkerung nicht und müssen zweifeln, ob die Zahl der einzelnen Häuser richtig ist; einzig die Zunahme der Weiler, d. h. der Gemeinde— parzellen von mehreren Wohnhäusern, erscheint als ein wahrscheinliches Resultat der veränderten Verhältnisse. Den Gegensatz des Dorf- und Hofsystems können wir indirekt zahlenmäßig durch geographische Vergleichung der württembergischen Ergebnisse etwas verfolgen. Die Höfe und Weiler liegen hauptsächlich in Oberschwaben, d. h. im Donau— kreise; im Unterland, d. h. im Neckarkreise, bestehen fast nur Dörfer; daher verteilen sich die 623 000 Einwohner des Neckarkreises (1880) auf 1217, die 468 000 des Donau— kreises auf 4808 Wohnplätze. Welch' großer Gegensatz! Für Bayern haben wir (1871) eine Berechnung der durchschnittlichen Bevölkerung der Gemeinden und Ortschaften, wobei mit Ausschluß der unmiitelbaren Städte folgende Zahlen sich ergeben, welche andeuten, wo Höfe und Weiler, wo größere Dörfer vor— herrschen. Es lebten in den folgenden Regierungsbezirken Einwohner: Ober⸗ Nieder⸗ Ober—⸗ Mittel⸗ er⸗ pfalz bayern bayern Schwaben franken rg in einer Ortschaft: 84 48 49 115 1385 108 in einer Gemeinde: 421 591 305 494 415 489