276 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. ihn nicht mit anderen vergleichen können; je dichter die Siedelung fei, je mehr auch die höher Stehenden gleiche neben sich haben, desto geringer sei ihre Überlegenheit: das platte Land fühlt aristokratisch, die Stadt demokratisch. Man kann einwerfen, daß in den deutschen Marschen und den Alpen die bäuerliche Demokratie bei loser Siedelung sich erhalten hat, daß der Pöbel der antiken Großstädte sich zuerst der kaiserlichen Tyrannis gefügt, ja fsie hervorgerufen hat, daß die kaufmännischen Aristokratien von Genua und Venedig, wie heute die von London, New PYork oder Hamburg durch mindestens gleichen Abstand von den untersten Klafsen getrennt sind wie der Tagelöhner vom Rittergutsbesitzer. Es handelt sich eben bei allen Folgen des zerstreuten und dichten Wohnens nur um Möglichkeiten, die sich je nach den mitwirkenden geistig-sitt— lichen Faktoren aus der häufigeren Berührung und Reibung der Menschen ergeben. Das aber ist klar und hat sich zu allen Zeiten doch überwiegend gezeigt: die verschiedene Wohnweise differenziert die Menschen und ihre körperlichen und geistigen, technischen und wirtschaftlichen Eigenschaften, und als wichtigstes Ergebnis dieses Prozesses wird man sagen können: das einfachere Leben auf dem Lande ist für die moralischen und Charaktereigenschaften günstiger; die Lebensziele sind da klarer, die Lebenswege kontrollierter, die Sitte stärker; das Leben auf dem Lande ist meist der Gesundheit, der Muskelausbildung zuträglicher; der Landmann ist politisch konservativ, technisch hängt er mehr am Alten. Das Leben in der Stadt macht rühriger, klüger, dem Fortschritte zugänglicher; es bildet mehr die Nerven als die Muskeln aus; die Menschen sind aber auch genußsüchtiger; die moralischen Einflüsse sind geringer, die Zerstreuung größer, die Sitte schwächer, das Leben ist ungebundener; die Menschen reiben sich mehr auf. Der Städter ist liberal, fortschrittlich, socialdemokratisch. In den Jahren 1845—70 hat die Statistik mit dem raschen Wachsen der Groß— und Fabrikstädte teilweise überraschend ungünstige Ergebnisse der Sterblichkeit, der Gebürtigkeit, der Vergehen, der Ehescheidungen ꝛc. zu Tage gefördert; Wappäus, Schwabe, Engel und andere beleuchteten daher die städtische Wohnweise und ihre Folgen in düsterer Weise, wie es allerdings schon von Süßmilch geschehen war. Und bis in die neuere Zeit setzte sich diese pessimistische Auffassung fort; ja sie erhielt in dem geistvollen, aber stark übertreibenden Buche von G. Hansen ihren stärksten Ausdruck; er wollte beweisen, daß die Städte, in sich lebensunfähig und ungesund, in zwei Generationen die ihnen vom Lande gelieferten Menschen aufbrauchen. In dieser Litteratur ist Wahres mit Falschem gemischt. Konservativ-agrarische Vorurteile spielen in ihr, fortschrittlich-industrielle in den Gegenschriften eine Rolle. Die Wahrheit ist nicht so schwer zu finden. Zuerst haben Rümelin und andere gezeigt, daß die durch die Städtebevölkerungsstatistik zu Tage geförderten Eigentümlichkeiten wesentlich auf die Thatsache zurückgehen, daß in den Städten die Allersklassen vom 15.—-40. Jahre heute teilweise doppelt so stark besetzt sind als auf dem Laude, also schon deshalb Todesfälle, Geburten, Verbrechen und alles Derartige im Durchschnitte sich anders gestalten müssen. Peuerdings haben Brentano und seine Schüler eine Reihe Studien veröffentlicht, die die Ubertreibungen Hansens mit Recht bekämpfen, die Gleich— wertigkeit und Vorzüge der städtischen Bevölkerung ins Licht gesetzt haben. Sie haben dabei viel Richtiges gesagt, aber auch ihrerseits teilweise übers Ziel hinaus geschossen. Das ländliche Leben, sofern es mit guter Wohnung und guter Ernährung verbunden ist, hat mit seinem Aufenthalt und seiner Arbeit in freier Luft für alle körperlichen Eigenschaften doch unzweifelhafte Vorzüge. Longstaff, der übrigens Brentano nahe steht, meint: das Stadtkind bleibt blasser, schwachäugiger, mit schlechten Zähnen versehen, auch wenn die städtische Hygiene sein Leben verlängert. Gewiß haben manche Städte und Gewerbe heute so viel oder fast so viel Militärtüchtige wie das Land; die Sterblichkeit ist in gut gebauten Städten teilweise eine so niedrige wie auf dem Lande; verkommene Landdistrikte mit schlechter Ernährung haben teilweise schwächlichere Menschen als Fabrik— gegenden mit hochstehender Arbeiterbebölkerung. Aber daß das Land einfachere, schlichtere, bescheidenere, kräftigere Menschen, die Stadt klügere, beweglichere, geistig entwickeltere,