332 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfaffung der Volkswirtschaft. Nur bei einem sehr niedrigen Grade der wirtschaftlichen Kultur, bei kleinen Stämmen, bei steter Bedrohung oder Wanderung konnten alle Männer Krieger sein. Die wirtschaftliche Last des Unterhaltes fiel dabei überwiegend auf die Weiber, die Jugend, die alten Leute, die Knechte. Als die höchste kriegerische Leistung rechnet man heute, daß 250/0 eines Stammes, die Gesamtheit der erwachsenen Männer, in den Krieg zogen; für gewöhnlich werden 15 — 20 00 schon eine außerordentlich große Leistung gewesen sein. Jeder Fortschritt im Landbau und in der Seßhaftigkeit, jede friedliche Kultur, jede Vergrößerung des Stammgebietes drängte zu einet Arbeitsteilung, welche einen Teil der erwachsenen Männer vorübergehend oder dauernd von der kriegerischen Arbeit entlastete. Es geschah in der Weise, daß kriegerische Stämme durch Eroberung und Unterwerfung sich zum Kriegsadel eines größeren Gebietes machten, wie in Sparta, oder so, daß nur die Besitzer größerer Landlose noch Kriegsdienste thalen, wie in Athen oder in Deutschland mit Einfuührung des Reiterdienstes und Lehnswesens. Die indische, ägyptische, japanische Kriegerkaste waren Ergebnisse einer ähnlichen Entwickelung. Wo die Kriege seltener wurden, der Kriegsschauplaß ferner lag, auf die Grenzen sich beschränkte, da genügte ein kleiner Teil des Volkes für die kriegerusche Verteidigung. Aber es war der angesehene, meist mit erheblichem Grundbesitz ausgeftattete. Die Entwöhnung des Bauern von der Führung des Schwertes bedeutete für ihn ein besseres wirtschaftliches Fortkommen, aber allerdings auch eine tiefere sociale Stellung. Die Scheidung des Volkes in einen kriegerischen und nicht kriegerischen Teil war zugleich eine solche in einen befehlenden und einen gehorchenden; denn die Kriegeraristokratie kam neben den Priestern ebenso an die Spitze des Staates, den sie allein nach außen verteidigte, wie lokal an die Spitze der Selbstverwaltung, da sie allein Ruhe und Ordnung in jenen gewaltthätigen Zeiten aufrecht erhielt. Ein heroisches Zeitalter ritterlicher Kultur knüpft sich an die Tage ihrer Herrschaft: für Jahrhunderte zerfielen die Völker in die drei Hauptgruppen der Priester, der Krieger, der Bauern und Bürger, wobei jedoch die zwei ersten herrschenden Klafsen nur einen mäßigen Bruchteil ausmachten, die Masse des übrigen Volkes häufig in eine untergeordnete, abhängige Stellung kam. Mit der Zeit aber geht ein wachsender Teil der Amtsgeschäfte der Kriegeraristokratie auf das Beamtentum, ein immer größerer Teil ihrer militärischen Thätigkeit auf die mittleren und unteren Klassen über. Die größeren technischen Ansprüche in beiderlei Richtung erzwingen diese weiteren Schritte der Arbeitsteilung. Mit dem Vordringen der Geldwirtschaft und des beweglichen Besitzes, mit der dichteren Bevölkerung, die ihren Unterhalt auf dem besetzten Boden immer schwieriger findet, mit der Umwandlung des Kriegsadels in einen Grundbesitz- und Amtsadel, mit der Schwierigkeit, die Ritterschaft stets schlagfertig und kriegstüchtig zu erhalten, sie auf entferntere Kriegsschauplätze zu jühren, beginnt der Kriegsdienst gegen Geldsold, in den erst die Söhne der Riller und die verarmten Adeligen, dann die unteren Klassen des eigenen Volkes, endlich Fremde, zuletzt die besitzlosen Proletarier von überallher eintreten. An den dauernden Solddienst knüpfen sich die großen technisch-militärischen Fortschritte: das Heer wird stehend, der Soldatenberuf ein ausschließlicher Lebensberuf. Nicht nach Familie, Heimat, Grundbesitz werden die Leute mehr gruppiert, sondern nach Fähigkeit, Bewaffnung und Ausbildung; es entstehen die administrativen und taktischen Einheiten des Heeres, die Waffen⸗ specialitäten, die hierarchische Ordnung von Ober-, Unteroffizieren und Mannschaften. Ein gut geschultes stehendes Heer von wenigen Prozenten der Bevölkerung reicht jetzt für die größten Staaten aus. Die stehenden Heere machen heute (nach Zahn) zwischen O,190 (Vereinigte Staaten) und 8,40/0 (Frankreich) der Erwerbsthätigen aus; in Groß— britannien sind es 10/0, in Deutschland 2,89/0. Von der Gesamtbevölkerung wären es noch wesentlich niedrigere Bruchteile. So ist der historische Fortschritt, welcher in der Linschränkung des Waffendienstes in den letzten 2-53006 Jahren liegt, etwa in dem Zahlenverhälinis auszudrücken: wo einst 25 o4 der Bevölkerung, 35 — 40 0/0 der Erwerbs— thätigen, zum kriegerischen Schutze notig waren, da reichen heute etwa 0..1, ver Bevölkerung, 186/0 der Erwerosthäligen aus!