342 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. betrugen sie in Griechenland und Italien seinerzeit nicht leicht irgendwo mehr als die Hälfte der Freien, wozu freilich noch mannigfach Halbfreie, Metöken, Freigelassene kamen. Die Leibeigenen schätzt Grimm schon für das 8.—10. Jahrhundert auf die Hälfte der Bevölkerung, später haben sie wohl vielfach vier Fünftel derselben ausgemacht. Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daß diese Leibeigenen als Klasse mit den Sklaven gar nicht vergleichbar sind. Ein großer Teil von ihnen stand viel höher, repräsentierte trotz seiner Lasten und Pflichten eine Art Mittelstand, ging später in diesen über. Nur die tiefer stehenden Leibeigenen, die, welche mit der Freiheit befitzlos wurden, können mit den Sklaven in Vergleich gezogen werden. 117. Die Entstehung des neueren sreien Arbeiterstandes. Das große Problem unserer Tage ist die Entstehung eines breiten Standes mechanischer Lohn⸗ arbeiter, die auf Grund freier Verträge ganz oder überwiegend von einem Geldlohn leben, den sie durch ihre Arbeit in den Unternehmungen, Familien oder in wechselnder Stel— lung verdienen. Wir fragen: wie kommt es, daß mit dem Siege der persönlichen Frei— heit nicht bloß in den Ländern der alten Kultur, sondern auch in den europäischen Kolonien mit ihrem Bodenüberfluß die alte Zweiteilung der Gesellschaft sich erhielt: in eine leitende Minorität, die überwiegend geiftige, und in eine ausführende Majorität, die überwiegend mechanische Arbeit versieht? Wer alle Menschen für gleich, das Princip der persönlichen Freiheit für ein magisches Mittel zur raschesten Entwickelung aller Körper⸗ und Geistesgaben aller Menschen hält, wer die Vorstellung hat, eine allgemeine Besitz⸗ ausgleichung hätte, mit der Erteilung der persönlichen Freiheit verknüpft, für immer die Klafsengegensätze beseitigt, wer, von den Wundern der heutigen Technik berauscht, annimmt, es wäre wirtschaftlicher Überfluß für alle Menschen bei richtiger Verteilung und demo— kratischer Organisation von Staat und Volkswirtschaft vorhanden, der kann natürlich die große historische Thatsache des modernen Arbeitsverhältnisses nicht richtig verstehen. Wer die Dinge historisch auffaßt, wird die Wucht der überlieferten Klassen- und Be— fsitzverhältnifse, die Bevölkerungsbewegung, die Notwendigkeit herrschaftlicher Organi⸗ sationsformen bei der Entstehung der modernen Institution des freien Arbeitsvertrags mit in Rechnung ziehen und begreifen, daß allerdings seine Ausbildung besser und schlechter gelingen konnte, da und dort verschiedene Resultate erzeugte; er wird ver— stehen, daß er, obwohl von Anfang an ein großer principieller Forischritt, doch erst sangsam und durch mancherlei Reformen zu einer befriedigenden Einrichtung werden lonnte; der wird es für eine kindliche Täuschung erklären, wenn die Lehre aufgestellt wird, ausschließlich boöse, brutale Menschen oder das Gespenst des blutaussaugenden Kapitalismus hätten es dahin gebracht, daß einige wenige sich der Arbeitsmittel und des Bodens bemächtigt und so die Masse der Bevölkerung enterbt, zu befitzlosen mecha— nischen Arbeitern gemacht hätten. Schon die Nachwirkung der Leibeigenschaft, in den Kolonien die der Sklaverei, die großen Schwierigkeiten der Durchführung der allgemeinen Schulpflicht, die Unmöglich⸗ keit, bei der Aufhebung der seudalen Agrarverfassung alle Hörigen mit Besitz auszustatten, schuf, wie wir schon sahen, bhreite Schichten wirtschaftlich, technisch und geistis niedrig stehender Menschen, welche mit der Freiheit auf irgend eine mechauische Lohnacbeit an— zewiesen waren. Sie besaßen nicht die Fähigkeit, auf dem Boden der neuen Technik soliert oder genossenschaftlich gewerbliche oder agrarische Betriebe zu schaffen; auch wo Bodenüberfluß war, wie in den Kolonien, zogen fie Lohnarbeit dem Leben des Squatters im Urwald vor. Die große Menge kleiner Handwerker und Hausindustrieller war ,benfalls nicht recht fähig, fich aktiv an der neuen Organisation des wirtschaftlichen Lebens zu beteiligen. Wo sie verkümmerten, waren sie wie die besitzlosen ländlichen Taglöhner auf Arbeit bei der nicht zu großen Zahl von Unternehmern angewiesen, welche nach ihren persönlichen Eigenschaften und ihrem Besitz den technischen und organisa— torischen Fortschritt in die Hand nehmen konnten. Die gesamten westeuropäischen Staaten waren 1750 —1850 nach langer Stagnation wieder in eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwunges gekommen; aber die überlieferten Klassenabstufungen waren nicht plötzlich zu beseitigen. 'Die Bepölkerung blieb nach Rasse, Abstammung, Lebenshaltung, Arbeits—