352 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. Vieles, was man von der Arbeitsteilung überhaupt aussagte, gilt nur von dieser weitgehendsten Art der gewerblichen Arbeitszerlegung, die zugleich ihren eigentümlichen Charakter dadurch erhält, daß sie vom Unternehmer angeordnet, meist in der Fabrik und unter ihrer Disciplin ausgeführt wird. Es ist eine Art specialisierter Arbeit, die in schroffem Gegensatze zur haus- und landwirtschaftlichen, zur gewerblichen alten Werk— stattarbeit steht. Einen etwas verschiedenen Charakter hat diese Arbeitszerlegung, je nachdem sie mehr an specialisierte Werkzeuge anknüpft und so virtuose Teilarbeiter schafft, deren Ausbildung, in Jahren erworben, gleichsam einen wertvollen Besitz darstellt oder, je nachdem die Arbeitsmaschinen gesiegt haben und damit die virtuosen Teilarbeiter über— flüssig, durch ungelernte und sogenannte Futterarbeiter ersetzt wurden. Gewiß ist mit der fortschreitenden Maschinenanwendung so ein Teil der Arbeiter technisch herabgedrückt worden, aber es ist eine große Übertreibung, wenn Marx die Sache so darstellt, als ob hierdurch fast alle Arbeiter in ungelernte verwandelt, der ganze Arbeiterstand gesunken wäre. Die neueste deutsche Berufszählung hat über das Vorkommen der gelernten und ungelernten Arbeiter zum erstenmale volles Licht verbreitet. Ich führe nach ihr und anderweiten Nachrichten folgendes an. Es ist zuerst zu bemerken, daß auch viele so— genannte ungelernte Arbeiter, wie die Spinner und Weber, durch gute und lange Übung zu halbgelernten werden können. Der ausgezeichnete Maschinenweber kann die doppelte, oft dreifache Zahl mechanischer Webstühle bedienen. Sehr wichtig ist, daß die ungelernte gewerbliche Arbeit fast doppelt so stark bei dem weiblichen Geschlecht vorkommt wie beim männlichen; ferner daß sie in der Landwirtschaft mehr als noch einmal so zahlreich, im Handel und Verkehr mehr als dreimal so häufig vertreten ist wie im Gewerbe. Die ungelernte weibliche Arbeit liegt aber im Wesen des weiblichen Geschlechtes an sich mehr begründet; und die ungelernte landwirtschaftliche Arbeit ist abwechslungsvoll und ge— sund, ist in der Unmöglichkeit der Arbeitsteilung in der Landwirtschaft begründet; die im Handel und Verkehr besteht vielfach aus Vertrauenspersonen, aus Kutschern, Hausdienern ꝛc. Außerdem beschränkt sich in der Industrie die starke Zunahme der ungelernten Arbeiter auf gewisse Industriegruppen, wie Spinnerei, Weberei, Wäscherei, Färberei, Buchbinderei, Papier-, chemische, Zuckerfabriken, Hütten ꝛc. In dem größeren Teile der Maschinen⸗, Metall-⸗, Holz-, Möbel-, Lederindustrie, in den Kunstgewerben, in den alten Handwerken überwiegt noch heute die gelernte Arbeit; in vielen Industrien hat bis in die neuere Zeit trotz zahlreicher Maschinen die Specialisierung der Operationen zu— genommen, und stehen überall neben Futterarbeitern feine Specialarbeiter, z. B. in einer englischen Tuchfabrik wurden neuerdings 34 Operationen, in einer deutschen Schuh— warenfabrik 16 unterschieden. Ich führe zuletzt das Gesamtresultat der deutschen Be— rufszählung und einer Erhebung an, die Bücher für Bafel im Jahre 1888 gemacht hat. Es gab unter 100 Gewerbetreibenden: Unternehmer Beamte gelernte ungelernte Arbeiter in Basel.. .. 24,8 —EX 50,8 9,s in Deutschland .. 24,8 320 468 25,8 (darunter auch die Familien⸗ glieder, die mit arbeiten). In diesen Zahlen liegt zugleich ein Hinweis auf die vier socialen Gruppen, welche die moderne gewerbliche Arbeitsteilung geschaffen hat. An der Spitze der größeren Ge— schäfte steht die leitende, kaufmännisch und technisch geschulte Aristokratie; die betreffenden sind meist zugleich die Eigentümer eines erheblichen Teiles des in den Geschäften steckenden werbenden Kapitals; aber vielfach sind es auch mittellose Kapazitäten, die als Direktoren von Gesellschaften, als Associss, als Prokuristen die Geschäfte leiten. Neben dieser Klasse steht im Verhältnis zu bezahlten Beamten heute die rasch wachsende Zahl der Commis, Techniker, Künstler, Contremaitres, Aufseher, die teils aus dem Handel, teils aus den liberalen Berufen, teils aus dem höheren Arbeiterstande hervorgehen. Sie bilden zusammen mit den kleineren Unternehmern die höhere Schicht des Mitielstandes. An dritter und