Die ältere Beurteilung der Einzelberufe. Produktivitätslehre. 357 ein so feingebildeter Mann wie Erasmus, um von Luther, Hans Sachs, Hutten zu schweigen, die Kaufleute als die schmutzigste und thörichtste Menschenklasse bezeichnen fonnte. Derartige Übertreibungen und der Übergang der Aufmerksamkeit von den psychologisch-sittlichen auf die damaligen glänzenden gesellichaftlichen Folgen des Handels bebdingten dann den Umschlag zur merkantilistischen Auffassung: man sah, daß die Handelsstaaten, die Länder mit starkem innerem Güterumsatz, mit aktivem, direktem Handel, die Industriewaren ausführenden, seefahrenden, Kolonien erwerbenden Staaten die reichen waren. Und so kam man zu der Lehre, was Edelmetall ins Land bringe, also hauptsächlich der Handel, sei allen anderen Thätigkeiten vorzuziehen. Es kam das Stichwort auf, diese geldschaffende Arbeit sei allein oder vorzugsweise produktiv, welchem dann die Physokraten den Satz entgegenstellten, daß nur die Ackerbauer, welche die brauchbaren Stoffe vermehrten, produktiv, die anderen Gefellschaftsklassen steril seien; der Handel bringe die Waren nur von einer Hand in die andere, vermehre fie nicht, jsei unproduktiv. Ad. Smith will der Landwirtschaft die größere Produktivität lassen, nennt aber auch Gewerbe und Handel produktiv. Und die neuere deutsche National⸗ okonomie will diesen Ehrentitel dann ebenso für die persönlichen wirtschaftlichen Dienst⸗ leistungen wie für die liberalen Berufe in Anspruch nehmen, während die materialistische Demokratie mit Vorliebe bis heute den Satz wiederholt, daß Fürsten und Beamte, Soldaten und Geistliche unproduktiv seien. All' diesen schiefen Theoremen lag der Gedanke einer Klassifikation und Rang— ordnung der arbeilsteiligen Berufe zu Grunde, sowie die Absicht zu beweisen, daß diese oder jene Berufe vorzugsweise befördert, andere eingeschränkt werden müßten. Weil man den ganzen Zusammenhang der Arbeitsteilung, die mit ihr verknüpften Institutionen und Folgen noch nicht übersah, strebte man nach einer einfachen dogmatischen Formel, die den Schlüssel der Erkenninis abgeben sollte. Und an das vieldeutige Wort produktiv knüpfte man nun in wirrer Weise privat- und volkswirtschaftliche, technische, sittliche und politische Gedankenreihen. Der eine dachte au die Vermehrung des Verkehrs, der andere an die Vermehrung der Warenvorräte, der dritte an die Wertbildung, der vierte an den privaten, der fünfte an den socialen Nutzen, der sechste an den moralischen Einfluß und die indirekten Wirkungen der verschiedenen Berufe. Es ist klar, daß von jedem dieser Standpunkte eine andere Rangordnung der arbeitsteiligen Berufe sich ergiebt. Der ganze hieran sich knüpfende, noch von Hermann, Roscher und anderen mit Umständlichkeit vorgetragene Schulstreit kann heute als eine Antiquität der volkswirt⸗ schaftlichen Dogmatik gellen. Er hatte den Wert, die Aufmerksamkeit auf die Gesamt⸗ solgen der Arbeitsteilung gegenüber den früheren, ausschließlich in Betracht gezogenen psychologischen und individuell-moralischen Folgen hinzulenken und zu der Erkenntnis zu führen, daß die schmälere oder reichlichere Besetzung der einzelnen Berufsgruppen zine Folge notwendiger historischer Entwickelung der Gesellschaft und der Volkswirtschaft jei, daß also eine geographische und historische Vergleichung der Zustände eintreten müsse, daß dann die Verschiebenheit der Ergebnifse gedeutet werden könne teils als Produkt des verschiedenen normalen Entwickelungsgrades, teils als eine Abweichung hiervon, die besondere Ursachen habe. Solche Resultate können in der Besonderheit der Zustände, z. B. eines Handelsftaates, liegen, wie in der Hypertrophie ungesunder Bildungen,z. B. eines Übermaßes von Geistlichen, von Zwischenhändlern, von Acker— bauern, gegenüber dem Bedürfnisse und den Leistungen. Hauptsächlich Roscher hat auf diese Verhältnismäßigkeit der Besetzung hingewiesen und betont, daß übermäßig viel Diener und Mönche, wie in Spanien, nicht anormaler erscheinen, als ein Ackerbau⸗ proletariat wie das irische, das pro Kopf nur !4—!/s dessen erzeuge, was die gleiche Zahl englischer Landwirte hervorbringe. Dieses Beispiel zeigt zugleich, wie die älteren Zersuche, mit dem Schlagworte der Produktivität die socialen und wirtschaftlichen Fesamizustände der Länder abzuthun, das aussichtslose Bestreben enthielten, Technitk, Organigation, wirtschaftliche und ethische Leistung aller Berufszweige aller verschiedenen Länder auf einen einheitlichen Nenner zu bringen.