362 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. einzelnen Arbeitsleistungen werden das Instrument, die Arbeitsteilung in größerem Maßstabe als je früher durchzuführen. Das System ist einer geographischen Aus— dehnung, einer qualitativen Steigerung, einer Verfeinerung fähig, wie keine der anderen Formen. Auf Grund desselben haben sich Landwirtschaft und Gewerbe, Handel und Verkehr in ihrer heutigen specialisierten Gestaltung ausgebildet. Die bisherige National— »konomie hat an diese Form fast ausschließlich gedacht, wenn sie von der Arbeitsteilung und ihren Bedingungen sprach. Daher die bekannten Sätze: die Ausdehnung des Marktes ei die Grenze der Arbeitsteilung, die höchste Arbeitsteilung finde statt bei der Produktion der transportabelsten Waren, deren Markt über die ganze Erde sich erstrecke; größere Arbeitsteilung in der Stadt als auf dem Dorfe, in der dichtbevölkerten als in der sparsam bevölkerten Gegend, im Lande mit Flüfssen, Kanälen und Eisenbahnen als in dem mit schlechten Landwegen; größere Arbeitsteilung im Gewerbe als in der Land— wirtschaft mit ihren schwer transportablen Waren. Kurz die Lehre: der Verkehr und seine Ausbildung sei das große Schwungrad für die Ausbildung der Arbeitsteilung. Der Markt, die Börse, das Maß-, Gewichts- und Geldwesen, die Unternehmung, das Arbeitsvertragsrecht sind die socialen Institutionen, die zur Verwirklichung dieser Art von Arbeitsteilung gehören. Angebot und Nachfrage, sowie Preisbildung sind die socialen Hülssmittel, um die Cirkulation der Güter und Arbeitsleistungen in Bewegung zu halten. Von all' diesen Erscheinungen ist an anderen Orten zu reden. Die Resultate dieser Art der Arbeitsteilung sind bald über alle Maßen verherrlicht, bald maßlos angegriffen worden. Sicher ist, daß durch diese Arbeitsteilung die Indi— diduen bei steigender Thätigkeit für andere doch unabhängiger von einander werden, daß die höhere wirtschaftliche und sittliche Entwickelung der Individualität mit ihr in Ver⸗ bindung steht, daß sie aber auch die Menschen zunächst trennt und in scharfe Konflikte und Interessengegensätze hineinführt, daß die Ausbildung der richtigen Institutionen, Befühle und Sitten so viel Schwierigkeiten macht, daß die richtigen Grenzen und Gegengewichte gegen übermäßige Arbeitsteilung hier oft lange nicht gefunden werden. Wenn diese Form der Arbeitsteilung also auch bei vollendeter Ausbildung einerseits freie Bewegung und Wegfall von Zwangsmaßregeln, andererfeits eine im ganzen zu— aehmende Gerechtigkeit der Einkommensverteilung herbeiführt oder wenigstens nicht aus⸗ schließt, so ist doch der allgemeine Satz Dürkheims, daß die zunehmende Arbeitsteilung tets wachsende Solidarität bedeute, nur beschränkt wahr; das ist mehr eine ideale Möglichkeit als eine Wirklichkeit, wenigstens für unsere heutige sich umbildende, an krisen und Verkümmerung großer socialer Klassen leidende Voltswirtschaft. Und daß diese Mißstände mit der Arbeitsteilung, mit den aus ihr entsprungenen Institutionen entstanden sind, wird man nicht leugnen können. Es fragt fich nur, ob diese Übel⸗ tände nicht doch gegenüber den älteren und anderen Rechtsformen der Arbeitsteilung und ihren Härten die geringeren, ob sie nicht zu beseitigen find. Und jedenfalls wird sede denkbare Organisation der Volkswirtschaft aus einer irgendwie vollzogenen Mischung der vier erwähnten Formen haushalten müssen. — Neben den neuen Institutionen, welche die Arbeitsteilung ermöglichen, kommen aun als letzte Vorbedingung derselben die Veränderungen im ganzen Seelenleben der Menschen. Die Menschen ohne wesentliche Arbeitsteilung werden wirtschaftlich durch das einfache Motiv, ihren Bedarf zu decken, beherrscht und direkt geleitet; die Interessen— gegensätze sind geringer, Habsucht und Erwerbssinn fehlen; in Hauswirtschaft, Sippe, Stamm, Gemeinde, Staat entstehen in solcher Zeit unschwer die verbindenden sym⸗ pathischen Gefühle, ohne welche die Gesellschaft nicht bestehen kann. Mit der Arbeus— eilung hört die klare, einfache Leitung des wirtschaftlichen Handelns nach dem Bedarfe auf; eder muß nun, statt direkt auf die wirtschaftliche Versorgung loszugehen, nach Arbeits⸗ gelegenheit, Absatz, Gewinn, Verdienst sich umsehen, darum mit anderen kämpfen; der Erwerbssinn, die Konkurrenzleidenschaft entsteht bei den oberen Kreisen; die unteren sollen für ferne, ihnen unverständliche Zwecke arbeiten, was fie lange nur gezwungen, urch Not und Hunger getrieben thun. In jedes individuelle Leben zieht nun ein kompliziertes System von wirtschaftlichen Motiven ein: Hunger und Durst, die Vor—