418 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft. Früher als er kommt der größere Herden- und Grundbesitzer so weit; die römische und die englische Grundaristokratie haben, wie uns geistreiche Historiker gezeigt, wesentlich durch vergrößerte Viehzucht und den Verkauf von Wolle und Vieh ihren Wohlstand begründet. Auch die mitteleuropäischen Grundherren des Mittelalters, die Klöster und Bischöfe begannen schon seit den Tagen Karls d. Gr., einzelne Produkte, an denen sie Überschuß hatten, zu versilbern; aber doch erst in den späteren Zeiten der Geldwirtschaft wurde der Großgrundbesitzer eigentlicher Kornz-, Woll- und Viehproduzent, mit kaufmännischem, ja teilweise spekulativem Charakter. So die römische Aristokratie in der letzten Zeit der Republik und den ersten Jahrhunderten des Principats. Es waren Gruͤndbesitzer, die zugleich Kaufleute, Feldherren, Verwalter von Staatsämtern, Pächter von Steuern waren, in der Herrschaft über unterworfene Lande zu befehlen und Geschäfte in großem Stil zu treiben gelernt hatten, die Hunderte und Tausende von Sklaven besaßen, und zwar teilweise technisch Hochstehende. Damit waren sie befähigt, zroße Unternehmer zu werden, ihren Landbau, ihre Bergwerke, ihre Fabriken und den Handel unter Anwendung großer Kapitalien und technischer Fortschritte, mit Hülfe shrer wohlgegliederten und disciplinierten Sklaven, ihrer familia urbana und rustica zum höchsten Ertrag und Gewinn zu bringen. In den neueren Zeiten haben die Europäer in ihren Kolonien mit Sklaven eine ähnliche Plantagen- und Unternehmer— wirtschaft organisiert. In Europa ist die ältere Grundherrschaft nie zur eigentlichen Unternehmung geworden; wohl aber haben die Gutsbesitzer Englands, Ostdeutschlands, Rußlands vom 16. Jahrhundert an solches erstrebt; die englischen gleich mit freien Arbeitern, die mitteleuropäischen mit erbunterthänigen, teilweise mit Bauern, die auf erblicher oder nicht erblicher Hufe saßen. Das Gutsland ist vergrößert, meist aus dem Gemenge gezogen, mit dem Vieh, den Hand- und Spanndiensten der Bauern wurde eine Art Großbetrieb vom Gutsbesitzer organisiert, der viel mehr den Markt als die Ver— lorgung der gutsherrlichen Familie oder die Lokalverwaltung im Auge hat. Knapp fieht deshalb hier den Anfang des kapitalistischen Betriebes, d. h. der modernen Unter— nehmung. Nur war diese gutsherrliche Unternehmung dadurch gehemmt, daß die obern Schichten ihrer Arbeiter, die Hufner, einen eigenen Hof hatten, und daß alle Arbeiter nur innerhalb fester, gewohnheitsmäßiger oder vom Staate gesetzter Rechtsschranken zu Diensten verpflichtet waren. Daher beginnt die eigentliche landwirtschaftliche Unternehmung doch erst da, wo der größere Besitzer oder Pächter mit freien Arbeitern für den Markt produziert. Die Familienwirtschaft der Inhaber, oft auch die einiger Beamten und einer Anzahl noch halb in Naturalien bezahlter Arbeiter bleiben zwar in der Regel auf dem Gute und mit seinem Betrieb verknüpft; die Arbeiter sinken für den anständigen Landwirt nicht zu „Händen“ herab, fie bleiben mehr als in der Stadt Nachbarn und Gemeindegenossen, wenn sie nicht bloß für die Bestell- und Erntezeit aus der Fremde kommen. Nicht leicht siegen die, rein geschäftsmäßigen Gesichtspunkte so wie in der großstädtischen Fabrik. Aber andererseits ist ein solch' moderner Betrieb doch spekulative Unternehmung geworden: das Kapital soll sich verzinsen, ein Gewinn erzielt werden; der Buchwert des Grund— kapitals äußert seine große Bedeutung, er steigt oder fällt und verhält sich demgemäß zünstig oder ungünstig zu der festen Höhe der eingetragenen Hypotheken, der schuldigen Zinsen, die herausgewirtschaftet werden sollen. Der technische Fortschritt wird in den Dienst der besseren und billigeren Produktion gestellt; die betreffenden Landwirte sind die Führer und Träger dieses Fortschrittes und deshalb eben dem Bauer überlegen, bis dieser beginnt, ähnliche Wege zu wandeln. Am deutlichsten tritt dieses hervor bei den großen Pächtern; sie sind als Nichtgrundbesitzer keine Aristokraten mit dem sicheren Gefühl des Rentenbezuges, sondern ganz Geschäftsleute, die erwerben wollen. Die kleineren Pächter dagegen produzieren wie die Bauern und Kleinstellenbesitzer überwiegend für die eigene Wirtschaft; ihre Landwirtschaft bleibt vieliach mehr Anhängsel der Haus- und Familienwirtschaft als Unternehmung. 139. Das Handwerk. Ist so die Ausbildung landwirtschaftlicher Unter— nehmungen ein sehr langsam sich vollziehender Prozeß, sind heute noch fast alle land—