Vorzug und Schwäche“ des Handwerks. Seine neuere Lage. 421 Bei den 1,3 Mill. Handwerksmeistern 1895 darf man nicht vergeffen, daß die Mehrzahl auf das Land und die kleinen Städte kommt, daß ein sehr großer Teil nur noch als Lohnarbeiter für Magazine, als Hausindustrielle ihr Dasein fristen. Die seit 1840-50 dauernde, seit 1875—290 immer stärker einsetzende Handwerkerkrisis ist trotz dieser Zahl vorhanden. Wir sehen, daß es in den großen Städten, wo die Entwickelung weiter ist, nur noch halb so viel Meister giebt wie in den Mittelstädten. Aber die Abnahme hier wird teilweise noch durch die Zunahme auf dem Lande, zumal wo dichte Bevölkerung ist, ausgeglichen. Im ganzen mußten die Groß- und die Hausindustrie, sowie die städtischen Magazine immer weitere Teile des Handwerks zuruͤckdrängen, gerade weil es noch nicht eine volle Unternehmung mit ihren wirtschaftlichen Vorzügen darstellt. Das Handwerks- geschäft alten Stils ist von der Form und den Sitten der Familienwirtschaft beherrscht; darin liegt seine Kraft und fseine Schwäche. Der Meister ist Familienvater, Unter— nehmer, technischer Arbeiter, Besitzer des kleinen Kapitals zugleich; der Meister besitzt sein eigenes Werkzeug, das ihn sittlich erzieht, indem er es technisch bemeistern lernt; Körper und Geist, Gemüt und Sinn der Mitarbeitenden werden durch die Einfügung in Familie und Werkstatt zugleich in einem normalen Gleichgewicht erhalten und richtig erzogen. Der Handwerker kennt seinen Kunden, für den er arbeitet; er fühlt sich ihm verantwortlich; das Verhältnis erhält damit einen ethischen Charakter, der später weg— fällt, wo Produzent und Konsument sich nicht mehr kennen. Aber die Arbeitsteilung fehlt, häufig auch die wissenschaftliche Kenntnis, die höhere, feinere Technik; der Sinn für technischen Fortschritt erlahmt in der Routine; mechanische Kräfte und erhebliche Kapitale werden nicht angewandt; der Betrieb bleibt Jahrhunderte lang gleich einfach und elementar. Das Verkaufsgeschäft, dem lokalen, engen Marktverkehr angepaßt, ist technisch noch unvollkommener. Die Technik der Produktion und das Verkehrs- und Absatzbedürfnis mußten mit der Zeit über die alte Form des Handwerksbetriebes hinaus— drängen, wo es große Märkte, einen Absatz in die Ferne zu erobern galt. Ein Teil der alten Handwerker, die Spinner und Weber, die Böticher und Seiler, die Brauer und die Seifensieder, die Nagelschmiede und andere Metallarbeiter sind bei— nahe ganz verschwunden; ein anderer Teil ist erst neuerdings bedroht: die Schuhmacher, Tischler, Schmiede, Stellmacher, sie sind im Begriff, ihre Thätigkeit an Fabriken, Hausindustrien, Magazine abzugeben. Ein dritter Teil ist stabil geblieben, weil ihre Geschäfte heute noch überwiegend nach ihrer Technik und ihrem Markt lokale sind: die Bau- und Anbringungsgewerbe, die Buchbinder, die Sattler, auch ein Teil der Schneider, so viel sie auch schon an die großen Konfektionsgeschäfte verloren. Endlich hat ein vierter Teil der alten Handwerke sich noch mit Bevölkerung und Wohlstand vermehrt, weil sie Kundengeschäfte sind und bleiben: die Bäcker, die Fleischer, die Tapezierer, die Barbiere ꝛc. In allen Branchen halten sich kleine Handwerker als Laden- und Flick— geschäfte. In sehr vielen konservieren sie sich dann, wenn die intelligenten Meister so viel kaufmännischen Sinn und Marktkenntnis erwerben, um sich das Wichtigste für heute, einen guten Absatz nah und fern zu erwerben und zu erhalten. Aber immer bleibt die Thatsache, daß unter den 1,8 Mill. Meistern von 1895 wohl drei Viertel allein ohne Gesellen, also kümmerlich ihr Gewerbe treiben; neben ihnen stehen aber in der Gewerbestatistik von 1895 nun O,«6—-0,1 Mill. Gewerbetreibende, die 2—5 Per⸗ fonen beschäftigen; sie repräsentieren immer noch einen breiten gewerblichen Mittelstand in Deutschland, der allerdings auch schon ziemlich umfangreich Maschinen unb Arbeits— teilung anwendet, mit Kapital und Kredit arbeitet. Die Gewerbefreiheit, welche die kleinen Gewerbetreibenden von den Schranken des Zunftwesens befreite, kaufmännische Leiter und allerlei Arbeiter in allen Gewerben zuließ, hat die Umwälzung befördert, aber nicht erzeugt; sie liegt in der Hauptfache in den Forderungen der Technik, des Absatzes, der Kapitalanwendung, der kaufmännischen Leitung. So. Die Ansätze zu größeren Betrieben und Organisationen in genossenschaftlicher und korporativer Form bis gegen 1800. War im