Würdigung der Genossenschaften. Ältere kartellartige Bildungen. 449 ympathischen Gefühlen, auch je nach Zeit und Geschäftslage einerseits mit einander konkurriert, andererseits Anläufe gemacht, sich zu verabreden und zu verbinden, um die Konkurrenz zu ermäßigen, sich gute Preise zu sichern, fremde Konkurrenz, wenn es ging, ern zu halten. Schon der älteste Karawanenhandel zeigt solche Züge. In Ostasien wird die unzweifelhafte partielle Überlegenheit des Chinesen über den Europäer darauf zurückgeführt, daß ersterer fast stets, leßterer selten in geschlossenen Organisationen auf dem Markte auftritt. Der ältere Handel zur See in gemeinsamen Flolten führte viel jach zu einem gemeinsamen gildenartigen Auftreten; wo Händler im Auslande Stationen und Niederlagen erwarben, wie die Italiener des Mittelalters im Orient, die Hansen im Norden Europas, da haben sie Verabredungen getroffen, den Markt nicht zu über— sühren. Die mehr erwähnten regulierten Compagnien, welche vom 14. -517. Jahrhundert thätig waren, wie die englische Staplergesellschaft, die wagenden Kaufleute und viele andere, waren Gesellschaften von Händlern und Reedern, deren jeder für sich Geschäfte machte, die aber mit ihren Vorständen, Abgaben, Aufnahmeerschwerungen wesentlich eine Konkurrenzregulierung erstrebten, oft sogar die Gewinne der einzelnen Geschäfte aus— glichen, Gefahren auf die gemeinsame Kasse übernahmen; sie waren etwas ganz Ähnliches wie heute die Kartelle; sie haben teilweise, wie die holländische und englische ostindische Compagnie, zuletzt ihre Kapitalien zusammengelegt, sich fusioniert wie die heutigen aus Kartellen erwachsenen Riefenaktiengesellschaften. Daß auch die Zünfte eine örtliche Konkurrenzregulierung, Preishaltung, Beschränkung des Angebotes erstrebten, haben wir gesehen, ebenso daß die Salinen eine solche Ver— affung hatten; jahrhundertelang hat der Salzgraf in Halle a.S. jeden Sonnabend die Pfänner versammelt, um zu beschließen, welches Quantum Salz jeder die folgende Woche sieden dürfe. Auch die ähnlichen Bestrebungen der organisierien Verleger der Haus— industrie haben wir kennen gelernt. An die Monopole, Preiserhöhungen, engherzigen Ausschließungstendenzen aller dieser älteren Bildungen dachte A. Smith, als er weh— klagend von den Verschwörungen der Unternehmer gegen das Publikum sprach, an sie dachte die ganze individualistische Aufklärung, als sie Beseitigung aller dieser Verbände und Korporationen forderte und durchsetzte. Ihre früheren guten Seiten kannte man nicht mehr. Man sah von 1750 —- 1870 nur, daß fie, aus älteren technischen, socialen und Verkehrsverhältnissen stammend, die aufstrebenden Talente abhielten, neue größere und technisch vollkommenere Unternehmungen zu schaffen. Freie Bewegung und freie Konkurrenz war damals vor allem nötig. Und was im Moment richtig war, hielt man ür die ewig richtige Rechtsbasis und Verfassung der Volkswirtschaft. Sah man doch, daß die neuen am besten geleiteten Unternehmungen, Handels- und Kreditgeschäfte in ebendigem inneren und äußeren Konkurrenzkampf emporkamen. Ihn zu fördern, jede Verbindung von Händlern und Produzenten zu erschweren oder zu verbieten, schien von 1789 — 1870 der volkswirtschaftlichen Weisheit letzter Schluß; hatte doch schon das römische Recht und seither oftmals die Gesetzgebung alle Preisverabredungen zu derbieten gesucht. Man erreichte mit dieser Gesetzgebung, was zunächst den Verhältnissen entsprach, eine Belebung der Konkurrenz, des Unternehmungsgeistes, aber nicht ein vollständiges Verschwinden aller gemeinsamen Marktverabredungen. Hatten sich doch die alten Innungen aur da aufgelöst, wo man sie verboten oder ihr Vermögen den Mitgliedern zur Plünderung äüberwiesen hatte. In Frankreich ließ man die Bäcker- und Fleischerinnungen bald vieder als kartellartige Institute der Konkurrenzregulierung zu. Die französischen Syndikate der Unternehmer wuchsen 1840—84 schon in großer Zahl, seit ihrer gesetz— lichen Zulassung 1884 zu Hunderten. In Deutschland setzte seit 1879 eine neue Innungsbewegung ein, die in provinziellen und staatlichen Innungsverbänden gipfelte, und ihr parallel entwickelten sich die Verbände der einzelnen Großindustrien, welche ebenfalls in provinziellen und centralen Gesamtorganisationen sich zusammenfaßten: Beneralsekretäre, große Büreaus, Fachzeitschriften, Beeinflussung der Presse, der Handels— tammern, der Parlamente, der Regierungen, große öffentliche Tagungen, das waren die Mittel, mit denen man für die wirtschaftlichen Sonderinteressen der Gruppe wirkte. Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 29