452 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft. die Detailhändler der betreffenden Waren sinken leicht zu Agenten oder Kommissionären oder gar zu Beamten der Kartelle herab. Das Urteil über diese neue centralistische Ordnung großer Gebiete der Produktion schwankt naturgemäß: die einen sehen darin nur einen Rückfall in alte Mißbräuche und Monopole, rufen nach Polizei und verbietenden Gesetzen; sie klagen, daß die Konkurrenz und die Gewerbefreiheit mit ihnen verschwände, daß sie die Preise und die Gewinne unmäßig erhöhten, das Publikum schamlos ausbeuteten, einen steigenden Druck auf die Arbeiter ausübten. Die alten Freihändler, der kleinbürgerliche Radikalismus urteilen so; die Socialisten, die Socialreformer, teilweise auch konservative Politiker, vollends die Vertreter des großen Kapitals sehen auch die günstigen Seiten und vielfach nur diese. Als solche erscheinen die großen technischen, Verkehrs- und Organisationsfortschritte, welche die genialen Leiter vieler Kartelle herbeigeführt haben; manche derselben sind freilich zugleich die geriebensten Geldmacher, ja kaufmännische Spitzbuben. Daß Miß— bräuche im großen Maßstabe sich an einzelne Kartelle knüpfen, Pressekorruption, unlautere Spekulation, Börsentreibereien, Ausbeutung des Publikums durch das Monopol, wird sich nicht leugnen lafsfen. Die Verteidiger der Kartelle betonen aber vor allem, daß die Preise durch die Karlelle teilweise ermaͤßigt, keineswegs allgemein erhöht wurden, daß jedenfalls die großen Schwankungen in Produktion und Absatz durch sie sehr ermäßigt worden feien. Das ist ihr weitaus wichtigster Vorzug. Im ganzen wird man sagen können, sie seien so segensreich oder so unheilvoll, wie die Leiler maßvoll und staatsmännisch oder kurzsichtig und habsüchtig find. Die Kartelle sind eine Erscheinung, die mit Notwendigkeit aus derselben Tendenz erwuchs, welche den maschinellen Großbetrieb, den heutigen Verkehr, die Kreditentwickelung und Spekulation schuf. Die Großbetriebe mit ihren festen Anlagen auf Jahre, mit ihrer notwendigen Spekulation auf die Zukunft mußten, durch gegenseitige übermäßige Konkurrenz gepeinigt, durch den Wechsel der Nachfrage und die Krisen bedroht, auf den Ausweg der Kartellierung kommen, gerade wo große kaufmännische und organisatorische Talente an der Spitze standen. Die Kartelle wiederholen nur, was immer in ähnlichen Fällen früher geschah, was auch heute auf der Börse und sonst mit mehr Verheimlichung und weniger Berechtigung vorkommt. Es ist ein Entwickelungsprozeß, der unserer Zeit, ihren materiellen, wirtschaftlichen Bedingungen, ihren organisatorischen Tendenzen entspricht. Er kann entarten zu geführ⸗ lichen monopoliftischen Mißbräuchen, zu wucherischer Riesenvermögensbildung für wenige. Er kann aber auch in die rechten Wege gelenkt werden, wenn es beizeiten gelingt, volle Sffentlichkeit in das Verfahren und in die Gewinnbildung zu bringen, und wenn in die Leitung dieser centralistischen Organisationen mehr weitblickende und staatsmännische Patrioten als Geldmacher und neben den Kapitalvertretern solche der Allgemeinheit, Vertreter des Staates, vielleicht später auch einmal der Arbeiter kommen, wenn die Monopolgewinne zu einem entsprechenden Teil der Allgemeinheit zugeführt werden. Die Organisation des deutschen Kalikartells mit den in demselben dem preußischen Handels— minister vorbehaltenen weitgehenden Rechten ist ein Beispiel für richtige Staatseinmischung. Auch die Versassung der deutschen Reichsbank mit ihren halb vom Staate berufenen, halb von den Anteilseignern gewählten Organen, zeigt den Weg, der zu gehen ist. Die Verfassung der zu einem Riesenbetrieb verschmolzenen Pariser Omnibus- und Straßenbahngefellschaften zeigt, wie man Gemeinde und Staat größere Vorteile als den Aktionären züwenden kann. Es wird schwere Kämpfe geben, bis diese Ziele erreicht find; die bisherigen Anläufe einer die Kartelle beschränkenden Gesetzgebung waren refultat⸗ lios, waren hölzerne Schüreisen. Nur große und starke, die Zukunft richtig erkennende Regierungen werden im Bunde mit einer gesunden öffentlichen Meinung, mit den besseren Kräften der Kartellleiter und der Geschäftswelt, sowie mit den aufgeklärtesten Arbeiterführern das Ziel erreichen: die Kartelle nicht zu vernichten, sondern sie aus den heute teilweise falschen Bahnen hinüber zu lenken in gesunde, so daß sie als die richtigen Organe einer höheren Form der vergesellschafteten Volkswirtschast, als die berufenen centralen Steuerungssorgane der Produüktion gelten können.