Beurteilung und Würdigung der Kartelle. 453 Erinnern wir uns zugleich, wie neben den Kartellen weitere Teile der volkswirt— schaftlichen Organe unter eine freiwillige, aber sehr stark wirkende centralistische Leitung kommen: die Genossenschaften stehen unter der technischen, kaufmännischen und kredit— nächtigen Kontrolle ihrer Verbände und Centralkassen. Das ganze Kreditsystem übt in steigender Weise über alle Unternehmungen eine Kontrolle aus; man bucht bei allen Kreditorganen die guten und schlechten Eigenschaften jedes Geschäftsmannes und erteilt darnach Kredit. Jedes untere Kreditorgan kommt so in wachsende Abhängigkeit von den höheren, die zuletzt in den großen Centralkreditanstalten sich zusammenfassen. Das Verkehrssystem centralisiert sich nicht minder und schreibt durch seine Tarife und Be— dingungen jedem Geschäft vor, bis wohin es seine Waren bringen kann. Außerdem zrinnern wir an die oben (S. 319 3821) geschilderte starke Zunahme der wirtschaftlichen Funktionen von Gemeinde und Staat. So wird sich nicht leugnen lassen, daß auch durch das privatwirtschaftliche Getriebe wie durch die ganze Volkswirtschaft heute ein centralistischer Zug geht; nicht willkürliche Staatsinteressen schaffen ihn, sondern die Geschäftswelt selbst dräͤngt dahin. Nicht plumpe Reglementierung greift Platz, sondern eine Anpassung und Fügung gegenüber 'ollektiven Organen findet statt, die über größere Talente und größere Erfahrung ver— rzügen, auf höherer Warte stehen. Die wirtschaftliche Freiheit verschwindet damit nicht, aber an gewissen Stellen macht sie allerdings der richtigen Leitung und Vorschrift von oben Platz. Nicht das Kapital hat diese centralistischen Organe erzeugt, sondern die ähigsten Geschäftsleute und Staatsmänner bauen sie auf, allerdings mit Hülfe des Kapitals und der neuen Technik, aber ebenso und noch mehr mit moralisch-politischen EFigenschaften und Faktoren und unter dem Beifall der Massen, hauptsächlich der Arbeiter. Was so entsteht, hebt nicht den Stand der privaten Unternehmer auf, sondern differenziert und gliedert ihn, giebt seinen Spitzen, seinen genialsten kaufmännischen und technischen Talenten eine größere Macht und vermindert so die Fehlgriffe der Produktion und des Handels, die nie ganz zu vermeiden sind. Eine Volkswirtschaft ohne Kartelle produziert aicht anarchisch, eine solche mit Kartellen nicht mit kommunistischer Centralisation; der Begensatz ist nur der, daß für die Voraussicht und den Überblick, der auch vorher auf dem Markt nicht ganz fehlte, an einigen Stellen bessere, einheitlichere und einflußreichere Vertreter durch die Kartelle entstehen. 147. Schlußergebnis. Gesamtbild der gesellschaftlichen Ver— fassung der Volkswirtschaft, speciell des Unternehmungswesens. Die heutige Volkswirtschaft beruht auf dem Zusammenwirken der Familie, der Unternehmung, der Gemeinde und des Staates. Es sind drei Gruppen von Organen, welche alle drei aach innen gegliederte Einheiten mit einer gewissen friedlich harmonisierten Verfassung, nach außen egoistische Körper mit besonderen Interessen darstellen. Nur ruht die harmonisierte innere Verfassung bei der Familie überwiegend auf Sympathie, Verwandt- ichaft und Liebe, bei der Gebietskörperschaft auf Nachbarschaft, Staatsgefühl, Recht und Zwang, bei der Unternehmung auf privatrechtlichen Verträgen, welche dem Erwerbstrieb relativ freien Spielraum lassen. Die Familienwirtschaft will ihre Glieder menschlich mit wirtschaftlichen Gütern versorgen; aber auch ein großer Teil des Produktions⸗ prozesses, besonders des landwirtschaftlichen und des kleingewerblichen, ruht noch auf ihr; sie hat nicht dieselben, aber doch auch gewisse Gewinnabsichten, wie die Unter— nehmung. Diese hat einen steigenden Teil der Warenproduktion und des Handels übernommen und führt diese Aufgabe, wesentlich durch Gewinnabsichten gelockt, in ihren Betrieben durch, welche ihre Waren auf den Markt unter dem Spiel konkurrierender sräfte liefern. Man wirft ihr vor, sie vergesse über den Gewinnabsichten alle Pflichten zegenüber den Arbeitern, den Konsumenten, der übrigen Gesellschaft; sie diene dem Feind wie dem Freund, verkaufe Scheren, die nicht schneiden, und Kleider, die nicht wärmen, wenn sie nur damit gewinne. Es ist wahr, daß sie in den Dienst der Gesamtheit nur auf dem Umwege des egoistischen Gewinnes tritt, daß dieser auch zu vielem Mißbrauch verleitet. Aber 1. bleiben die Unternehmer durch Moral, Sitte und Recht beherrschte Menschen, so viel sie im einzelnen auch durch Habsucht fehlen mögen,