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        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
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      <div>Wesen und historische Bedingtheit des Sittlichen. 48 
bezüglich des eigenen Handelns und Empfindens ein. Nur indem der Mensch das Gute, 
was er von anderen fordert, auch von sich verlangt, befriedigt er sein Denken, gewinnt 
er Achtung vor sich selbst. So erwächst nach und nach in der eigenen Brust jener 
unparteiische und stets völlig unterrichtete Zuschauer, der auf all' unsere Motive, auf 
all' unser Handeln reagiert, das Gewissen, das mit unnachsichtiger Strenge und mit im— 
perativem Charakter uns ermahnt, nach dem Guten und Edlen, nach Ehre und Würde 
des Charakters zu streben. Es entstehen so durch den Widerstreit zwischen Gewissen 
und augenblicklichen Triebreizen die zwei Seelen in jeder Brust, von denen Plato wie 
Goethe reden, jene zwei Gruppen von Antrieben, die im ewigen Kampf den Inhalt alles 
Menschenlebens und aller. Geschichte ausmachen. Der Kampf kommt niemals ganz zur 
Ruhe; in ewiger Oscillation bewegen sich niedrige elementare Vorstellungen und Impulse 
neben den höheren, sittlich mehr gebilligten auf und ab in unserer Seele. Aber die höheren 
werden doch nach und nach in dem Maße zur vorherrschenden und überwiegenden, ja 
ausschließlich bewegenden Kraft in uns, wie sie durch Vererbung und Anlage, durch 
Erziehung und Übung gestärkt werden, wie der Gedankenzug und die Gedankenverbindungen 
immer wieder nach dieser Seite geführt, durch verstandesmäßige Ausbildung geklärt, zur 
Gefühlsmacht geworden sind. Durch Gewohnheit, Fertigkeit und Sicherheit im Wollen 
bildet sich der sittliche Charakter. 
23. Die histor ische Entwickelung des Sittlichen und ihre Ziele. 
Das Sittliche ist so stets ein Werdendes; die sittliche Entwickelung der Individuen, der 
Völker, der Menschheit steht nie still. Die Wahrnehmung also, die schon die Sophisten, 
dann Hobbes und Locke machten, daß das Sittliche bei verschiedenen Völkern und zu 
verschiedener Zeit ein verschiedenes gewesen, die Wahrnehmung, welche uns die heutige 
geographische Aufschließung der Erde noch nachdrücklicher bestätigt hat, wird uns nicht 
überraschen. Nur das wäre auffallend, wenn es, wie Lubbock meint, Stämme ohne 
sittliches Urteil gäbe. Das ist aber nicht der Fall. Denn die Vorstellungen von gut 
und böse, von zu billigenden und zu mißbilligenden Handlungen fehlen nirgends ganz. 
Sie haben nur notwendig einen verschiedenen materiellen Inhalt, je nach den gesellschaft— 
lichen und kulturellen Voraussetzungen, unter welchen die Menschen leben, je nach der 
Ausbildung der sittlichen Gefühle und des Denkens. Beim Übergang zu anderen Lebens— 
bedingungen muß den einen noch für gut gelten, was den anderen schlecht und ver— 
werflich scheint. Wer den wahren Kausalzusammenhang von Handlung und Wirkung, 
von komplizierten gesellschaftlichen Einrichtungen nicht kennt, wird sittlich anders urteilen, 
als wer ihn durchschaut. Das rohe sittliche Gefühl nimmt keinen Anstoß an dem, wo— 
vor das verfeinerie schaudert. So muß das sittliche Urteil stets sich ändern; aber da 
immer neben dem Wechfel der äußeren Verhältnisse die Vervollkommnung unserer Kennt— 
nisse und Vorstellungen und die Veredelung unserer Gefühle an der Umbildung arbeitet, 
so werden wir einen Fortschritt auf dieser Bahn annehmen können, so werden wir hoffen 
können, daß das sittliche Urteil die Zwecke immer richtiger werte. 
Wenn der Buschmann es als gute That preist, daß er das Weib eines anderen 
sich gewaltsam angeeignet, als böse That verurteilt, wenn ein anderer ihm seine Frau 
raubt, so beweist das so wenig einen gänzlichen Mangel sittlichen Urteils, wie wenn 
man in Sparta die Jünglinge hungern ließ und sie zum Stehlen anleitete, das un— 
bestraft blieb, wenn sie sich nur nicht ertappen ließen. Es hat einst für berechtigt ja 
notwendig gegolten, einen erheblichen Teil der neugeborenen Kinder und die Greise zu 
töten, einem Baumfrevler die Gedärme aus dem Leibe zu winden, um den Baum ein— 
zuwickeln, dem angesehenen fremden Gastfreund Frau und Tochter zum Gebrauch anzu— 
bieten, Scharen von Sklaven und Weibern beim Tode des Häuptlings zu verbrennen. 
Heute erscheint uns dasselbe unsittlich und barbarisch. Aber die Not des Lebens, der 
Glaube, nur so den Geistern und Göttern zu gefallen, ließen meist solche Bräuche als 
gut und zweckmäßig erscheinen. Nur wenn wir die gesamten äußeren Lebensbedingungen 
und die gesamten Kausalvorstellungen und religiösen Ideen eines Stammes und Volkes 
kennen, werden wir verstehen, wie das nie ruhende sittliche Werturteil bestimmte Ge—</div>
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