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        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Gustav von</forname>
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      <div>Gesellschaftlicher, staatlicher und religiöser Zwang. 47 
wie bei den Semiten, auf Lohn und Heimsuchung am dritten und vierten Gliede des 
eigenen Geschlechts; bald, mit dem Erwachen des Unsterblichkeitsgedankens, auf eine 
Vergeltung in einem anderen Leben. Das irdische Leben schrumpfte zu einer Vorbereitung 
für ein jenseitiges zusammen; alle Freuden dieser Welt erschienen nun vergänglich und 
nichtssagend gegen die Hoffnung einer ewigen Seligkeit, die als Lohn guter Thaten und 
Gesinnungen erwartet wurde. Damit entstand eine sociale Zucht und eine sociale Kraft, 
eine Fähigkeit der Unterordnung unter, der Hingabe an gesellschaftliche und ideale 
Zwecke, welche die betreffenden Völker allen anderen überlegen machte, ihnen die herrschende, 
führende Rolle übertrug. Die höchste Ausbildung des religiösen Lebens erfolgte unter 
der Führung von historischen Idealgestalten, die durch ihr Beispiel und ihre Lehre nicht 
bloß gute Handlungen, sondern gute Gesinnung verlangten. Die Furcht vor der Hölle 
und die Hoffnung auf den Himmel verwandelten sich in die edelsten Affekte, in die Liebe 
zu Gott, in die Hingabe an das Ideale. Die sittliche Gesinnung wurde zur Hauptsache 
bvor dem Herrn, der die Herzen und die Nieren prüft. Es genügte jetzt nicht mehr, um 
der bloßen Belohnung willen äußerlich gut zu handeln; man kann nicht aus verwerflichen 
Motiven gut, edel, christlich gesinnt sein. 
Die großen ethischen Religionssysteme, hauptsächlich das christliche, sind es so, 
welche die außere Zwangskontrolle und die rohere innere Kontrolle, die auf Lohn und 
Strafe rechnet, mehr und mehr in jene höhere innere Kontrolle umwandeln, die mit 
der vorherrschenden Vorstellung eines sittlichen Lebensideals all' unser Thun beleuchtet 
und reguliert. Das Gute wird nunmehr als die wahre und innere Natur des Menschen 
erklärt und befolgt, es wird um seiner selbst willen geliebt, weil es allein dauernde, 
ungetrübte, über alles menschliche Leid erhebende Befriedigung, das höchste Glück, die 
reinste und dauerndste Lust gewährt. Aber auch wo die innere Umwandlung nicht so 
weit geht, erheben die geläuterten religiösen Vorstellungen der ethischen Kulturreligionen 
alles Einpfinden und Handeln der Menschen auf eine andere Stufe. Die Selbstsucht 
wird gezähmt, das Mitleid und alle sympathischen Gefühle werden ausgebildet. Die 
Wahrheit, daß der einzelne nicht für sich selbst lebt, daß er mit seinem Thun und Lassen 
großen geistigen Gemeinschaften angehört, daß er mit den endlichen Zwecken, die er 
versolgt, unendlichen Zwecken dient, diese Wahrheit predigt die Religion jedem, selbst 
dem einfachsten Gemüt; sie verknüpft für die große Menge aller Menschen auf diese 
Weise das alltägliche Treiben des beschränktesten Gesichtskreises mit den höchsten geistigen 
Interessen. Durch die Religion bildet sich jenes abstrakte Pflichtgefühl aus, das als 
kräftig wirkender Impuls überall den niedrigen Trieben entgegentritt. Es entsteht durch 
sie jene allgemeine sittliche Lebenshaltung, welche nicht bloß die große Mehrzahl in den 
Bahnen der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, sondern auch einen erheblichen, und 
gerade den führenden Teil der Völker in den Bahnen einer bewußten und beabsichtigten 
Sittlichkeit festhält. 
Zu jener unbedingten sittlichen Freiheit des Willens allerdings, für welchen die 
Imperative des Zwanges ganz gleichgültig geworden sind, für welchen die Vorstellungen 
von einer Vergeltung nach dem Tode wegfallen können, ohne zu sittlichen Gefahren zu 
führen, haben zu allen Zeiten und auch heute nur wenige der edelsten und besten Menschen 
sich erhoben. Und wenn dem so ist, so dürfte es klar sein, daß die Auflösung und 
Verblassung unserer religiösen Vorstellungen in breiten Schichten der Gesellschaft nicht 
bloß eine fittliche, sondern auch eine gesellschaftliche und politische Bedeutung haben. 
Bis ins vorige Jahrhundert hat es kein großes Kulturvolk gegeben, in dem nicht 
das ganze äußere und innere Leben von der einheitlichen Herrschaft eines ethischen 
Religionssystems getragen war. Seine Autorität und seine Regeln beherrschten Staat, 
Volkswirtschaft, Klassenbildung, Recht, Familie, Tauschverkehr, Geselligkeit gleichmäßig. 
Jetzt machen wir nicht bloß Versuche, in demselben Staate verschiedene, allerdings meist 
verwandte, in ihren Grundlehren übereinstimmende und darum wohl neben einander 
zu duldende Religionssysteme zuzulassen. Nein, in breiten Schichten erst der höheren 
Gesellschaft, teilweise aber auch schon der unteren Klassen ist das religiöse Empfinden 
zurückgetreten oder verschwunden; weltliche Ideale und naturwissenschaftliche Betrachtungen</div>
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