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        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
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      <div>30 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. 
eine Fürsorge für die Armen und Schwachen, die man im Altertum vergeblich sucht. 
Die Idee der Gleichheit vor Gott trat den bestehenden harten Gesellschaftsunterschieden 
versöhnend, mildernd zur Seite; in jedem, selbst dem Riedrigsten, wurde die Würde des 
Menschen anerkannt, wenn auch die spätere aristokratische Kirchenlehre den Ständeunter— 
schied wieder als eine göttliche Fügung deutete. 
Die ethische und die praktische Einseitigkeit der mittelalterlich-christlichen Ideale 
jand ihre Auflssung in der weltlichen Entartung der romanisch⸗-regimentalen, hierarchischen, 
nach politischer Weltherrschaft statt nach religios-sittlicher Verbesserung strebenden Kirche, 
in den veränderten wirtschaftlich-socialen Lebensbedingungen der abendländischen Völker 
seit dem 18. Jahrhundert, in dem Wiederaufleben der antiken Studien und vdes wissen⸗ 
schaftlichen Betriebes. Schon Thomas von Aquino trägt im 18. Jahrhundert in vielem 
wieder die nationalbkonomischen Lehren von Aristoteles vor; und in der politischen und 
ethischen Gedankenbewegung der folgenden Jahrhunderte wächst der Einfluß des roͤmischen 
Rechtes, der Stoa und Epikurs neben der Macht der neuen wirtschaftlichen Thatsachen. 
In der italienischen Renaissance des 15. Jahrhunderts entdeckt das Individuum gleichfam 
sich selbst und sein Recht an eine lebensvolle Wirklichkeit. In der deutschen Reformation 
des 16. Jahrhunderts schüttelt die germanische Welt das geistige Joch der entarteten 
römischen Kirche ab und findet eine neue, höhere Form der Froͤmmigkeit, welche nicht 
nehr mystischen Quietismus und Weltflucht fordert, welche jedem einzelnen den freien 
Zugang zu Gott läßt, diesen nicht mehr allein durch die Priesterkirche vermittelt, welche 
mit dem höchsten Gottvertrauen kräftigstes aktives Handeln in dieser Welt verbinden 
will. Eine Lehre, welche in der Arbeit jedes Hauses, jeder Werkstatt, jeder Gemeinde 
ein Werk Gottes sah, führte erst recht die chriftlichen Tugenden in das Leben ein und 
zab den germanisch-protestantischen Staaten jene attiv ethischen Eigenschaften, jene Ver— 
tiefung des Volkscharakters, jene Stärkung der Familien- und Gemeingefühle, welche 
je bis heute an die Spitze des geistigen, politischen und volkswirtschaftlichen Forischrittes 
stellte. Wie großes aber praktisch so die Reformation leistete, wie sehr sie sich bemühte, 
ius ihren dogmatischen und philosophischen Prämissen und Idealen heraus zu gewissen 
Lehren über Staat, Gesellschaft und soeiales Leben zu kommen, eine selbstaͤndige und 
zroße Leistung auf diesem Gebiete war ihr doch versagt. Was die Reformatoren über 
wirtschaftliche und sociale Dinge lehrten, knüpft halb an die Kirchenväter und das Ur— 
hristentum, halb an die Stod an; was sie praktisch vorschlugen, war von den ver— 
ichiedenen realen Zuständen ihrer Umgebung bedingt und war so in Wittenberg etwas 
anderes als in Zürich oder Genf. Es kam teilweise üͤber theoretische Anläufe nicht hinaus; 
die Wirtschafts- und Socialpolitik Luthers war nicht frei von Fehlgriffen, mißverstand 
die Gärung der Bauern, wußte das brüderliche Gemeindeleben nicht zu beleben, wie es 
den Reformierten gelang. Die Bedeutung der Reformatoren für die Staatswissenschaft liegt 
o nicht sowohl in dem, was sie etwa über Wucher, Geld, sociale Klassen, Obrigkeit 
jagten, als in dem sittlichen Ernst ihrer dem Leben zugewendeten Moral, in dem Hauche 
geistiger Freiheit, der von ihnen ausging, in dem Versuche, die Uberlieferung antiker 
Wisfenschaft mit christlicher Gesittung und Empfindung zu verbinden. Aus diesen Ten⸗ 
denzen entsprang dann zu Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts jenes 
Naturrecht, das zum erstenmal seit den Alten den selbständigen wissenschaftlichen Versuch 
iner Lehre von Staat, Recht, Gesellschait und Volkswirischaft eunalt 
. 
Das Wiedererwachen der Wissenschaft und das Naturrecht des 17. Jahr⸗ 
hunderts. 
Zur Litteraturgesch. der Volkswirtschaftslehre überhaupt: Kautz, Die geschichtl. Entwickelung 
der Nationalötonomikiund ihrer Liltccatueat Dühring, Kritische Geschichte der National 
konomie und des Socialismus, i873 Aufl. 1879. — Roschoͤr, Geschichte der Nationalökonomik. 
1881. 2. Aufl. 1891. Eisenhart, Geschichte der Nationalökonomik. 1881 u. 91. — Schmoller, 
Zur Litteraturgeschichte der Stauts und Socialwissenschaften. 1888. — Ingram, Geschichte der 
Volkswirtichaftslehre“ Deutsch 1806</div>
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