<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1887156429</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>Bronze⸗ und Eisengewinnung. Westasiatische Technik. 203

erkennbar. Das Eisen bleibt etwas Seltenes und Kostbares: auf einem Gutshof
Karls d. Gr. sind zwei Arte, zwei breite Hacken, zwei Bohrer, ein Beil, ein Schnitzmesser.
Immer waren die Folgen schon sehr große. Mit der Bronze⸗ und Eisenart, mit
der Saͤge und dem Bohrer war das Eindringen in den Urwald, die Rodung und
Baumfällung, der Haus-, Schiffs- und Brückenbau, mit dem eisernen und stählernen
Meißel die Bearbeitung der Gesteine ganz anders möglich als früher. Die metallenen
Waffen erzeugten viel wirksameren Angriff; das eiserne Zeitalter der Stammes- und
Völkerkämpfe wird durch sie herbeigeführt. Auch der bessere Schmuck, die feinere Ver—
zierung der Kleidung und der Wohnung wird erst mit feineren und mannigfaltigeren
Metallwerkzeugen möglich; die Metalle selbst geben den Stoff für Nadeln, Ringe und
anderen Schmuck. Die Überlegenheit der Stämme und Familien, welche die Metall—⸗
technik besaßen, als Geheimnis bewahrten und überlieferten, mußte eine außerordentliche
werden. Der Urtypus des Gewerbsmannes entsteht: der Schmied; er tritt uns zuerst
als Aristokrat und Zauberer, als Kenner aller Geheimnisse der Natur, als Arzt, oft
auch als Musiker, als Wirt, bei dem sich alle versammeln, als Händler, bei dem alle
tauschen, entgegen. Aller Handel und Verkehr wurde mit der Metalltechnik, mit der
Verbreitung von Bronze-, Eisen⸗, Gold- und Silberstücken ein anderer. Metallstücke
vestimmter Form und Größe wurden das beliebteste Tausch- und Verkehrsmittel; Geld
und Münze ist die Folge hiervon.
Im einzelnen ist die Wirkung sehr verschieden, im ganzen ist sie kaum zu über—
schätzen; die fämtlichen sogenannten Halb- und Ganzkulturvölker von den Chinesen,
Sumeriern und Akkadiern, AÄgyptern, Assyrern, Phönikern an sind ohne Metalltechnik
nicht zu denken.
82. Die Technik der alten, westasiatischen Völker. Mit der Vieh—
zucht, dem Ackerbau, sowie mit den Metallwaffen und Werkzeugen waren für die
befaͤhigtsten Rassen unter günstigen Naturbedingungen die Elemente des Wirtschaftslebens
gegeben, welche in den zehntausend Jahren v. Chr. zum erstenmale seßhafte, wohlhabende,
deilweise schon nach Millionen zählende Völker und Staaten der Halbkultur schufen.
Es handelt sich hauptfächlich um die Akkadier und Sumerier, die Assyrer und Babylonier,
die Ägypter und Phöniker, die Inder und Eranier (Perser), deren wirtschaftlich blühende
Reiche in die Zeit von 5000 bis 500 v. Chr. fallen.
Drei große weitere technische Fortschritte wurden von diesen Völkern vollzogen:
1. beobachteten ihre Priester den Himmel und die Gestirne, sie teilten das Jahr in
Monate, schufen das Zahlensystem und die Arithmetik, ein geordnetes Maß- und
Gewichtssystem, die Schriftzeichen und die Schrift. Sie wurden damit die ersten
Begründer alles empirischen Wissens und aller Wissenschaft, sie führten damit zugleich
in alle Technik die Anfänge eines planvollen Entwerfens, einer mathematischen Genauigkeit
 ein. 2. Eng verknüpft hiermit ist der andere Fortschritt der Technik, der diesen
Völkern zu danken ist: sie begründeten alles eigentliche Bauwesen. Sie schufen die
ersten Steinbauten, die ersten großen Mauer- und Straßenbauten, die ersten großen
Wasserbauten; ferner die ersten Wohnhäuser und Tempel aus Stein, endlich die ersten
größeren Schiffe. Und im Zusammenhang mit der Bronze- und Eisentechnik und dem
Bauwesen schufen sie 8., was damals mit in erster Linie stand, eine hoch stehende
Kriegstechnik, komplizierte Kriegsmaschinen, wie sie vorher nicht existiert hatten.
Wir können diese technischen Fortschritte hier nicht alle im einzelnen schildern;
nur über den Hausbau und die hauswirtschaftliche Technik einerseits und die Technik
großen Stils, die in den Händen der socialen Gemeinschaften lag, andererseits möchten
wir einige Worte sagen.
Jährtausende hindurch hatten die Menschen Schutz gegen Witterung, Kälte und
Hitze, Regen und Wind wie gegen Feinde teils in bloßen Schutzdächern, teils in bienen—
korbartigen, mit Reisig überdeckten Hütten, teils in Höhlen und überdeckten Erdlöchern
gefunden; das Wohnen in Zelten oder Wagen war dem gegenüber schon ein Fortschritt.
Die ersten geschlossenen Räume waren sehr klein, dunkel, schmutzig, oft von Menschen
und Vieh gemeinsam benutzt; man mied sie, soweit man konnte; das Leben spielte sich</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
