<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1887156429</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>214 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

einer Hülfskraft; aber sie steigert diese erzeugende Kraft unendlich; sie ist viel billiger
als Dampf und Gas; die Kraft läßt sich ohne zu viel Verlust aufspeichern und wieder
auslösen; daher ist ihre zeitliche und örtliche richtige Verteilung viel leichter dem Be—
darfe anzupassen; sie ist durch billige, einfache Drahtleitungen weithin zu übertragen,
macht die teueren, schwerfälligen Transmissionen der Wasser- und Dampfmaschinenanlagen
überflüssig. Am 1. Oktober 1895 waren in Deutschland, ohne Bayern und Württemberg,
schon 1419 Starkstromleitungen thätig. Nach Dr. Lux bestanden Ende 1888 erst 15
große elektrische Werke, am J. März 1897 aber 265, und weitere 82 waren im Bau.
Die Hauptverwendung ist noch die für Beleuchtung, aber die Kraftverwendung für Bahnen,
Fabriken und Werkstätten nimmt sehr rasch zu: am 14. Juni 18985 verwendeten schon
2259 deutsche Gewerbebetriebe elektrische Kraft. Ganze Fabrik- und hausindustrielle
Bezirke stützen sich schon auf diese centralisierten Werken entnommene Kraft. Eine
decentralisierende Wirkung tritt für den Gewerbebetrieb ein. In St. Etienne und seiner
Umgebung zahlt der hausindustrielle Weber im Monat für die Bewegung eines Stuhles
samt Instandhaltung 10 Francs. Andere Wirkungen kommen hinzu. Die größten Hütten—
und Eisenwerke der Welt besorgen heute schon alle Ortsveränderung im Innern ihres
Betriebes elektrisch, wie dasselbe auch auf den größeren Kriegsschiffen geschieht. Die
ganze chemische Industrie, die ganze Metallurgie ist durch die Elektricität in Umwand—
lung begriffen; sie verdrängt das Gas und hat daneben das Acetylen geschaffen, das
10- bis 15 mal leuchtender als Gas ist. Ob sie auf den Eisenbahnen den Dampf
ersetzen wird, scheint noch zweifelhaft; den kleinen Schienenverkehr in Stadt und Land,
der in kurzen Zwischenräumen viele einzelne Wagen befördern muß, wird sie in Kürze
ganz an sich reißen. —
Giebt dieser Überblick der Entwickelung der bewegenden wirtschaftlichen Kräfte
schon ein ungefähres Bild der technischen Revolution der Gegenwart, so gehört doch zu
seiner Vervollständigung ein Einblick in die parallel gehende Veränderung der eigent—
lichen Arbeitsprozesse; sie haben sich wohl in der Textilindustrie am kompliziertesten
zerlegt und verfeinert, durch chemische und mechanische Fortschritte vervolllommnet. Man
hat schon gemeint, an ihr und durch sie sei das ganze Maschinenzeitalter erwachsen.
Spindel und Webstuhl waren die seit mehreren Jahrtausenden gebräuchlichen und
kaum verbesserten technischen Hülfsmittel. Freilich die Walkmühlen (1200 - 1400), das
Spinnen der Wolle mit dem Rade (seit 1298), das Spinnen des Flachses mit Jüͤrgens
Tretspinnrad (seit 1830), welches mit dem Drehen der Spindel und dem Aufwickeln des
Fadens den Kern der späteren Spinnmaschine schon enthielt, waren wie die Bandmühle
(1570 — 1600) und die Strumpfwirkmaschine (1590 — 1610) erhebliche Fortschritte.
Wassermühlen zur Zwirnerei und zum Seidehaspeln entstanden 1880—1750. Aber der
allgemeine Charakter der Textilgewerbe blieb im ganzen doch der alte, zumal da die
wichtigsten Fortschritte, z. B. die Bandmühle, die Strumpfwirkmaschine, wie später die
Spinnmaschine gar zu oft der zerstörenden Wut der Arbeiter, zeitweise auch dem zünft—
lerisch angehauchten Staatsverbot ausgesetzt waren. Erst als 1788 mit der Erfindung
der Schnellschütze am Webstuhl durch John Kay das Produkt des Webstuhles sich ver—
doppelte und vervierfachte, nirgends genug Spinnerinnen, die doch stets schlecht bezahlt
waren, aufzutreiben waren, da entstand in unendlich vielen kleinen Absätzen durch
L. Paul, Th. Highs, J. Hargreaves, R. Arkwright, S. Crompton, R. Roberts (zugleich
mit der Dampfmaschine) die Baumwollspinnmaschine von 1730 bis 1825: der selbst—
thätige mechanische Spinnstuhl mit einigen hundert Spindeln nahm der menschlichen
Hand das Spinnen, zuerst der Baumwolle, ab, die eben damit der wichtigste Bekleidungs—
stoff wurde; 1832 waren in Europa 11, 1875 etwa 58, 1895 etwa 75 Mill. Baumwoll⸗
spindeln thätig (in Großbritannien 44—45, in Deutschland 5—6 Mill.). Die einzelnen
Spinnereien hatten bis 1850 durchschnittlich in Großbritannien 10000, auf dem Kon—
tinente 1256000 Spindeln; jetzt sind es etwa 15 000 und 7500, in Lancahhire durch—
schnittlich 65 000 Spindeln, ja es giebt dort Riesenspinnereien mit 185 000 Spindeln.
Die mechanische Wollspinnerei ist viel langsamer gefolgt; die preußischen Spinne—
reien, meist noch im Besitze kleiner Gewerbetreibender, hatten 1861 noch durchschnittlich</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
