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        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
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      <div>Die Gefahr einer Auflösung der Familienwirtschaft. 251

Unterricht, Bildung, Erziehung und was alles sonst noch. Nicht bloß die erwachsenen
Töchter sind im Hause nicht mehr notwendig, selbst Frau und Kinder gehen viel mehr
als früher nach Arbeit außer dem Hause; sie thun es teils durch die Not, teils durch
den Selbständigkeitsdrang getrieben; die jungen Leute verdienen vom 12. oder 14. Jahre
an selbständig, sie wollen sich die elterliche Zucht nicht mehr gefallen lassen, wohnen
für sich in Schlafstellen, wollen für ihr Geld auch ihr Leben genießen. Wo die modernsten
Verhältnisse walten, da sind die Kinder am frühreifsten, da heiraten einzelne junge
Leute, ohne Vater und Mutter zu fragen, da sind die Familienbande am losesten. Die
Schließung der Ehe wird andererseits immer schwieriger; die Zahl der Ehelosen nimmt
zu; die Zahl der Jahre, welche vom Verlassen des Elternhauses bis zur eigenen Ehe
verstreichen, wird größer, schon weil Lehr-, Bildungs-, Reisezeit, das Herumsuchen nach
einer Existenz es so mit sich bringen, man gewöhnt sich an Freiheiten aller Art, an
Genüsse, die in der Familie nicht möglich sind, an außerehelichen Verkehr; das Familien—
leben erscheint den so Gewöhnten oft nur noch als eine lästige Fessel, die man mindestens
jederzeit will wieder abstreifen können; man fordert unbedingte Scheidungsfreiheit und
beruft sich darauf, wie in allen Großstädten die Ehescheidungen zunehmen, wie in Nord—
amerika heute teilweise jährlich schon auf O—10 Eheschließungen eine Ehescheidung komme.
Indem man im Anschluß an die Theorien des 18. Jahrhunderts die Gleichheit
von Mann und Frau predigt, fordert man die ganz gleiche Erziehung beider Geschlechter,
die Zulafsung der Frauen zu allen Berufen, betrachtet die Beseitigung gewisser Arbeitsschranken
 für die Frauen, wie sie mit dem Zunftwesen fielen, nur als eine erste dürftige
Abschlagszahlung. Man erhofft die Beseitigung der Geld-, Konventions- und Ver—
sorgungsehen, wenn die Frauen alle Berufe erlernen und ergreifen dürfen; man hofft,
daß, wenn die Frau durch eigenen Erwerb auf sich selbst stehe, der stets kündbare Ehe—
bund erst ein wirklich freier werde, und den bisher schon so eingeschränkten Familien—
haushalt glaubt man als ein Rumpelstück aus der Vorväter kümmerlicher Zeit bald
vollends ganz über Bord werfen zu können.
Wenigstens der Socialismus träumt von einem Leben der durch die Ehe Ver—
bundenen in Hotels und Logierhäusern; alle gebärenden Frauen will er in öffentliche
Gebärhäufer, alle Kinder in Kinderbewahranstalten, die Halberwachsenen in Lehrwerkstätten,
Pensionate und öffentliche Schulen, die zugleich verpflegen, schicken; für alle Kranken
sollen die Krankenhäuser, für alle Alten die Invalidenhäufer sorgen. So brauchen die
arbeitenden Erwachsenen nichts als ein Wohn- und Schlafzimmer einerseits, Klubs,
Speisehäuser, öffentliche Vergnügungsorte, Bibliotheken, Theater, Arbeits-und Produktionsxäume
 andererseits. Der Familienhaushalt ist angeblich verschwunden.
Daß einer oberflächlichen Betrachtung unserer heutigen technischen und socialen
Entwickelung derartige Ziele als die notwendigen und heilsamen Endergebnisse erscheinen
können, wer wollte es leugnen? Und wer wollte, wenn er die großen Veränderungen
früherer Epochen, den ungeheuren Wandel der heutigen Technik und das chaotische
Ringen unserer sittlichen Vorstellungen und socialen Einrichtungen betrachtet, sicher
sagen, Derartiges sei unmöglich? Aber bei ruhiger, näherer Betrachtung erscheinen uns
doch diese Ideale und Zukunftspläne als starke Übertreibungen, ja Verirrungen, als
einseitig logische Schlüsse aus partiellen Bewegungstendenzen, die historisch notwendig
wieder entgegengesetzten Strömungen weichen oder vielmehr mit anderen notwendigen
Tendenzen sich vertragen müssen.
Die Familie soll verschwinden zu Gunsten des Staates und des Individuums?
Glaubte man, als der Staat im 18. Jahrhunderte den alten Korporationen zu Leibe
ging, nicht dasselbe von der Gemeinde und allen Genossenschaften und Vereinen? 1I
n'y a que l'stat et l'individu, dekretierte die französische Revolution, und heute sucht
überall eine entwickelte Gesetzgebung die Kreise, die Gemeinden, die Vereine, die Genossen—
schaften zu fördern. Die höhere Kultur schafft immer kompliziertere Formen und erhält
daneben doch an ihrer Stelle jede für bestimmte Zwecke als brauchbar gefundene typische
Lebensform. Sollte sie plötzlich die seit Jahrtausenden ausgebildete wichtigste, kräftigste,
noch heute für 99 0/0 aller Menschen unentbehrliche ausstoßen?</div>
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