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        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
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      <div>262 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

auf seine Studien über die Slaven und Finnen; auch eine kritische Würdigung ist hier
nicht am Platze. Wir können nur sagen: die Hypothese hat viele Anhänger, aber auch
erheblichen Widerspruch gefunden; sie erklärt geographische Verschiedenheiten, für die
bisher kein rechter Schlüssel da war; sie trägt der Stammes- und Volkseigentümlichkeit
Rechnung, welche man bisher nicht sehr berücksichtigte. Aber sie überspannt vielleicht
die Bedeutung der verschiedenen Gemütsanlage und Rechtsanschauung der Kelten und
Germanen, negiert wohl zu sehr den Einfluß der Bodenbeschaffenheit, der Bodengüte und
Ahnlichem. Sie führt überwiegend auf aristokratische und demokratische Gliederung der
Kelten und Germanen die verschiedene Siedelung zurück, wobei Zweifel und Fragen aller
Art offen bleiben. Wir selbst können nach unseren obigen Ausführungen uns Kelten
und Germanen nicht vorher als reine Nomaden denken; ebensowenig ist es uns leicht
glaublich, daß die Kelten so früh und allgemein ein Hofsystem sollten ausgebildet haben,
das doch sonst überwiegend ein Produkt höherer landwirischaftlicher Kultur oder natür—
licher Nötigung ist. Die Zweifel, welche Henning und Knapp ausgesprochen haben,
wird Meitzen wohl selbst erneuter Prüfung unterziehen. Am meisten begründet erscheint
der Einwurf, daß der keltische wie der germanische Üübergang von der Nomadenwirtschaft
zum Hof- und zum Dorfsystem bei Meitzen zu sehr als eine einmalige rationaliftisch
ersonnene Maßregel erscheint, während es sich doch wohl um einen Umbildungsprozeß
von vielen Jahrhunderten handelt.
Müssen wir so die Darlegung der Siedelungstheorien mit einem „non liquet“
abschließen, müssen wir auch konstatieren, daß alle Versuche, aus Stellen von Tacitus
das Dorf- oder das Hofsystem herauszulesen, vergeblich sind (nur daß die Germanen ihre
Holzhäuser nicht Mauer an Mauer, wie die Römer ihre Steinhäufer, bauten, sagt er),
müssen wir zugeben, daß überhaupt über der älteren europäischen Siedelungsgeschichte
bis ins 10. und 11. Jahrhundert zunächst noch ein gewisser Schleier ruht, — so viel
scheint mir doch wahrscheinlich, daß kleine Dörser wohl das Älteste waren, daß dann
vielfach Hofbildungen entstanden, vor allem durch Könige, Große, Klöster und ihre Leute,
daß dann mit der Zeit der Grundherrschaft, der Städtebildung, der höheren allgemeinen
Kultur die Dörfer sich erheblich vergrößerten, die Höfe teilweise wieder verschwanden,
und daß die eigentlich intensive Ausbildung des Hofsystems erst den letzten Jahr—
hunderten angehöre. Keußler hat auch für Rußland nachgewiesen, daß bis ins 16. Jahr⸗
hundert ganz kleine Dörfer und Höfe neben einander vorkommen, dann erst sich etwas
größere Dörfer bildeten.
Das Zusammenleben im Dorfe ist in dem Maße für die meisten menschlichen
Zwecke zuträglicher, als der Verkehr, die Presse und andere Verbindungen nach außen
fehlen, als die genossenschaftliche Schulung wie das tägliche Sich-helfen und Fördern
erstes Bedürfnis für die kleinen Ackerwirte ist. Unter fremdem Volkstum bei ungeord⸗
neten politischen und rechtlichen Zuständen gelingt ja eine Kolonisation als Einzelsiede⸗
lung überhaupt nicht leicht, wohl aber als genossenschaftliche Dorfsiedelung. Die ersten
agrarischen Kolonien Neuenglands im 17. Jahrhundert konnten nur als geschlosfene
Dorfanlagen sich halten. Und als im Anfange des 18. Jahrhunderts die preußische
Regierung ganz Littauen neu besiedelte und die bäuerlichen Verhältnisse dort neu orb—
nete, einigte man sich nach langer Debatte über Dorf- und Hoffystem doch für das erstere,
als unentbehrlich. Noch heute ist vielfach im Osten Deutschlands der einzeln lebende
Bauer auf isoliertem Hof zu schwach; er kann sich da nicht halten, wo das Dorf ganz
gut gedeiht. Die englische und die deutsche Landflucht in der Gegenwart geht nicht
sowohl von den Dörfern als von den isoliert oder in zu kleinen Gruppen wohnenden
Tagelöhnern aus. Einer gewissen Gesellschast bedarf der Mensch.
All' diesen Gründen steht nun freilich die größere wirtschaftliche Zweckmäßigkeit
des Hofsystems für den landwirtschaftlichen Betrieb gegenüber. Sie konnte aber, wie
wir schon bemerkten, doch erst bei höherer Kultur voll und ganz erfaßt werden. Die
Vereinddung des Hochstifts Kempten gehört dem achtzehnten Jahrhundert an, die Auflösung
der englischen Doͤrfer in isoliert liegende Pachthöfe der Zeit der Einhegung der Gemein—
heiten (1780 — 1860). Die isoliert wohnenden Marschbauern Deutschlands stammen auch</div>
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