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        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
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      <div>366 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfaffung der Volkswirtschaft.

Gestaltungen der Arbeitsteilung. Aber sie irren historisch und praktisch, wenn sie glauben,
das Individuum hätte vor der Arbeitsteilung dem Ideale eines gleichmäßig ausgebildeten,
körperlich und geistig vollendeten Menschen näher gestanden oder würde ihm heute ohne
fie nüher kommen. Es ist ohne sie ein Barbat, der ißt, trinkt und faulenzt; wir wiffen
heute, daß alle Wilden dem tierischen Zustande viel näher kommen als die gewöhnlichen
Tagelöhner der Kulturstaaten. Das Ideal einer harmonischen Ausbildung, das wir
in Gegensatz stellen zur Arbeitsteilung, ist eine nur in Gebanken zu vollziehende Sum—
mierung dessen, was durch specialifierte Ausbildung der Kräfte in den verschiedensten
Lebensberufen Hohes und Bedeutsames erreicht wurde. Es ist unmöglich, es auf eine
Person zu häufen. Wohl aber ist es die sekundäre historische Folge der vorübergehend
einseitigen Arbeitsteilung, daß spätere Zeitalter gewisse Stücke des so erzielten tech—
nischen und geistigen Fortschrittes, wie z. B. das Lesen und Schreiben, die militärische
Ausbildung, das Buchsühren des Händlers, das ästhetische Gefühl des Künstlers in Forin
der Jugenderziehung oder in anderer Weise zu einem Teilinhalt jedes Menschenlebens
zu machen suchen.
Die Arbeitsteilung schreitet, wie alles Menschliche, durch tastende Versuche, durch
einseitige Gestaltungen und Ordnungen vorwaͤrts. Die harten Interessenkämpfe drücken
auch ihr erst zeitweise einen häßlichen Stempel auf; ganze Gesellschaftsgruppen sind
durch sie, durch eine zu einseitige körperliche oder geistige Arbeit ohne Gegengewicht ver—⸗
kümmert oder verkrüppelt worden. Ihre bisherige Gestaltung in manchen Fabriken ist
unzweifelhaft gegenüber der älteren Gestaltung, wie sie im Bauernhaus und in der
Handwerksstätte sich fixiert hatte, für menschliche Erziehung und Gesittung ein Rück—
schritt. Aber diese Gestaltung ist auch der wesentlichsten Umgestaltung fähig, ebenso
wie früher gewisse Extreme der Arbeitsteilung wieder umgebildet oder gar ganz rück—
gängig gemacht wurden, z. B. die Sklaverei. Es ist felbstverständlich, daß jede zu ein⸗
seitige Ausbildung und Thätigkeit einer einzelnen körperlichen oder geistigen Funktion
die Gesundheit des ganzen Menschen bedroht, und daß so zuletzt auch die Specialkraft
gelähmt werden kann. Aber deshalb ist nicht jede Arbeitsteilung falsch, fondern nur
gewisse extreme Gestaltungen derselben; ihre maßvolle mit Gegengewichten und Schranken
umgebene Durchführung, ist das der beschränkten individuellen Menschenkraft Adaͤquate;
sie ist das Mittel, das Individuelle und Wertvolle im Menschen auszubilden. Deshalb
sagt Hegel mit Recht, wer einen speciellen Beruf ergreift, ergiebt sich nicht dem Nied—
rigen, sondern wird erst ein rechter Mensch. Und Goethe läßt mit Recht den titanischen
Faust als Dämme bauenden Landwirt, den ästhetisierenden Wilhelm Meister als Wund—⸗
arzt enden und glücklich werden.
Es kommt bei jedem Schritte der Arbeitsteilung darauf an, wie er die Motive und
Zielpunkte menschlicher Thätigkeit umgestalte und durch Veränderung des ganzen Lebens
und seines Inhaltes auf die Individuen zurückwirke, wie die unveräußerlichen Eigenzwecke
jedes Menschen und die arbeusteiligen Funktionen sich vertragen, wie der Verlust auf der
Seite der allgemeinen Ausbildung und vielseitigen Thätigkeit ausgeglichen werde durch
die Thatfache, daß die einseitige Specialarbeit den Menschen doch in den Dienst der
Gesellschaft stelle, ihm neben harter Arbeit doch auch höhere Zwecke setze oder wenigstens
ihn einfüge in ein System gefellschaftlichen Zusammenhanges und fittlicher Solidaͤrität.
Die Abrechnung zwischen diesen beiden Konten kann dabel immer wieder zeitweise zu
Ungunsten des Individuums ausfallen; d. h. der gesellschaftliche Fortschritt und die
Arbeitsteilung ist nicht möglich, ohne daß immer wieder zeitweise ihr einzelne Indi⸗
viduen und Klafsen geopfert werden.
Und daher wird stets von neuem der Antrieb entspringen, die gesellschaftlichen
Ordnungen so weit zu bessern und zu korrigieren, daß die Zahl dieser Hpfer abnehme.
Aber es heißt, sich auf den individualistischen statt auf den gesellschaftlichen Standpunkt
stellen, wenn die socialistische Theorie alle Arbeitsteilung aufheben, jeden Menschen für
alle Berufe erziehen und ihn dann stunden-, tage-, monats- oder jahreweise allen zu—
teilen will. Damit wird die menschliche Natur und ihre Ausbildungsfähigkeit gänzuch
verkannt; es wird die Vererbung der menschlichen Fähigkeiten überfehen, 'es wird'der</div>
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