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        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
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      <div>426 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

manchen Hausindustrien waren die Verleger entweder allein zu Zünften vereint, oder
waren sie Zunftgenossen der Heimarbeiter, mußten z. B. in Lyon zehn Jahre Lehrlings—
aund Gesellenzeit am Webstuhl durchgemacht haben. Diente das da und dort auch zu
Verabredungen und Maßnahmen im egoistischen Interesse der Verleger, im ganzen
suchten die Regierungen durch die Organisation und durch die Reglements die Schleuder—
konkurrenz zu hindern, unanständige Elemente aus dem Kreis der Verleger fern zu
halten, den Verlegern mancherlei Pflichten gegenüber den Heimarbeitern aufzuerlegen.
Man köonnte diese früher weit verbreitete Organisation der Hausindustrie ein Mittelding
zwischen Zunft, Gewerkverein und Kartell nennen. Soweit mit ihnen und durch sie eine
kartellartige Konkurrenzregulierung entstand, wirkte sie mannigfach wohlthätig; jedem
zu monopolistischen Treiben der Verleger traten die Regierungen entgegen; oft wurde
ein UÜberangebot von Arbeitskräften so verhindert. Hauptsächlich dem leicht wucherischen
Treiben der vermittelnden Faktoren, Garnhändler ꝛc. suchten die Reglements durch
stonzessionszwang entgegenzutreten; oft mit, oft ohne Erfolg.
Diese staatlichen Reglements der Hausindustrie sind meist nach Anhörung aller
Beteiligten von den Regierungen erlassen worden; sie waren für die Hausindustrie, was
das Zunftrecht für die Handwerke war, was die Arbeiterschutzgesetzgebung für die heutige
Broßindustrie ist. Wo die Hausindustrie erblühen sollte, mußte zuerst häufig das
bestehende hindernde Zunftrecht mit seinen veralteten technischen und Betriebsvorschriften
beseitigt werden; aber dieser gewerbefreiheitlichen Strömung folgte rasch das Bedürfnis
neuer Ordnung, einer Ordnung, die mehrere Gewerbe, Stadt und Land, ganze Gegenden
umfaßte, das technische und wirtschaftliche Zusammenwirken so vieler zerstreuter Einzel—
kräfte und gute reelle Produktion einheitlicher Waren garantierte, die Verleger vor
Veruntreuung, die Heimarbeiter vor Übervorteilung, Druck und Ausbeutung schützte.
Als die Großindustrie aber aufkam und die Gewerbefreiheit fiegte, mußten naturgemäß
die meisten Reglements fallen, weil alle ihre Bestimmungen nur auf die Haus- oder
Werkstattarbeit zugeschnitten waren, und man diesen zu Liebe die Technik höher stehender
Fabriken nicht verbieten konnte; einige der Reglements waren auch längst veraltet; viele
aber hatten sehr segensreich gewirkt, hauptsächlich die Heimarbeiter wesentlich gehoben.
Die wirklich traurigen Zeiten für die Heimarbeiter begannen allerwärts erst nach ihrer
Aufhebung im 19. Jahrhundert.
Ihre wirtschaftliche Lage und ihr Einkommen waren früher und sind heute von
ihrer Bildung, ihrem Besitz, ihrer stärkeren oder schwächeren Stellung im Konkurrenzkampfe
 gegenüber den Verlegern und Faktoren abhängig. Wo die Heimarbeiter noch
nicht verschuldet sind, wo sie auf dem Lande über ein Häuschen und ein Ackerstückchen
zum Kartoffelbau verfügen, sind sie natürlich in ganz anderer Lage als befitzlose Mieter,
die verhungern, wenn der Faktor nicht Beschäftigung brinat. Wo die Heimarbeiter
jelbst noch eine Unternehmerstellung, eventuell anderen Verdienst haben, ihre Arbeit
oder ihre Waren auch selbst verkaufen, z. B. auf Jahrmärkten vertreiben können, ist ihre
Lage ebenfalls noch besser, als wo ihre zerstreute Lage, ihre Marktunkenntnis, ihre
Unfähigkeit zu anderer Arbeit sie ganz vom Verleger abhängig macht. Je höher ihre
technische Kunst steht, desto weniger haben sie bei jeder Haussekonjunktur zu fürchten,
daß alle möglichen Kräfte sich ihrer Beschäftigung zuwenden. Wo sie, wie in den aus
dem Handwerk entstandenen Hausindustrien, noch Werkzeuge eigen haben, den Rohstoff
einkaufen, ein fertiges Produkt verkaufen (Kaufsystem), ist ihre Lage natürlich im Durch⸗
schnitt befser, weil unabhängiger, als wo sie für den Webstuhl teure Miete zahlen, den
Rohstoff geliefert und angerechnet bekommen, das fertige Produkt gegen Lohn abliefern
Lohnsystem). Letzteres ist neuerdings das Häufigere: hier verlegt der Verleger die
Heimarbeiter in der That mit dem Rohstoff, dieser ist Lohnarbeiter desselben, obwohl
er in seiner Wohnung arbeitet. Wo der Verleger dieses System geschaffen hat, die
Heimarbeiter nach seinen Mustern seinen Rohstoff verarbeiten, da kanu man allenfalls
die Hausindustrie decentralifierten Großbetrieb nennen; besser scheint es, diesen Begriff
auf die gewerblichen Betriebe zu beschräͤnken, welche den Arbeiter aus seiner Wohnung
und Werkstatt in die des Arbeitgebers versetzen.</div>
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