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        <title>Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft</title>
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            <forname>Gustav von</forname>
            <surname>Schmoller</surname>
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        </author>
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            <idno>1887156429</idno>
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        Srundro

—
— * * d en * F
Sustav Schmoller.
— Ener —9—

ischaftslehre.
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        Grundriß

Allgemeinen Volkswirtschaftslehre.

Eper Teil.
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        Grundriß

Jer

Algemeinen Volköwirhschaftslehre.

J
on

Gustav Schmoller.

Erlter, größerer Teil.

Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Littexatur und Mekhode. Land, Leute und Technik.
Die gesellschaftliche Perkallung der Vnlkswirkschaft.

Vierte bis sechste Muflage.

Leipzig,
Verlag von Duncker &amp;amp;Humblot.
1901.
        <pb n="4" />
        Motto:
Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunteln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.
West-östlicher Divan

8 ——
he *
A

Alle Rechte vorbehalten.
        <pb n="5" />
        Meiner teuren Irau

LIucie.

dem Stolze und dem Glücke meines Lebens, der kreuen Gefährkin
meiner Arbeiken,

der Enkelin B. G. Niebuhrs, der würdigen Tochker

der edlen Mutter Cornelie Rathgen.
        <pb n="6" />
        Vorrede
zur ersten bis dritten Nuflage.

Im folgenden übergebe ich der Offentlichkeit den Versuch, in grundrißartiger Form
zusammenzufassen, was ich seit 36 Jahren in meinen Vortlesungen über allgemeine
Volkswirtschaftslehre vorzutragen pflege; es ist zunächst eine erste größere Hälfte, die
weite ist auch nahezu fertig; sie wird, wie ich hoffe, im Umfang von etwa 20 bis
25 Bogen in kurzer Zeit folgen können. Die erfte Hälsfte enthält die allgemeinen
Grundlagen, dann in zwei Büchern die Lehre von Land, Leuten und Technik, sowie den
wichtigsten Teil der gesellschaftlichen Verfassung der- Volkswirtschaft; die zweite wird in
wei Büchern den gesellschaftlichen Prozeß des Güterumlaufs und der Einkommens—
verteilung, sowie die entwickelungsgeschichtlichen Gesamtresultate enthalten.
Da ich bei den Vorlesungen nie den Zweck verfolge, den Studierenden ein Hand⸗
buch zu ersetzen, auch mich seit Jahren auf vier Wochenstunden des Sommers beschränke,
'o muß ich stets eine engere Auswahl in dem Vorzutragenden treffen, wobei ich von
Jahr zu Jahr wechsele. Alle meine Vorlesungshefte enthalten den doppelten oder drei—
jachen Umfang dessen, was ich vortragen kann. Hier in dem gedruckten Grundrisse
mußte ich natürlich eine gewisse Vollständigkeit anstreben.
Ich habe mich zu dieser Veröffentlichung nicht leicht entschlossen, bin fast durch
äußere Nötigungen zu ihr gedrängt worden. In meinen jüngeren Jahren beseelte mich
die Uberzeugung, daß die erste Aufgabe der heutigen Nationalökonomen sei, durch ge—
lehrte specialifierte Forscherarbeit unsere Wissenschast den übrigen ebenbürtig zu mächen,
daß erst nach einem Menschenalter solcher Arbeiten wieder die encyklopädische Zusammen—
'assung sich lohnen werde. Längst ehe Schönbergs Handbuch der politischen Okonomie
erschien, hatte mich mein verehrter Freund und Verleger, Carl Geibel, aufgefordert, an
die Spitze eines solchen Unternehmens zu treten. Ich hatte es damals rundweg ab⸗
gelehnt, weil erst in 10 —20 Jahren, nach einer intensiven Gelehrtenarbeit, wie die von
1860—80 in Deutschland auf den Plan tretenden meisten wissenschaftlichen National—
zkonomen fie erstrebten, etwas Derartiges nach meiner Meinung angezeigt sei.
Als dann aber 1887 Duncker &amp;amp; Humblot einen kürzeren Grundriß aus der Feder
mehrerer planten und die Leitung einem meiner Schüler übergeben hatten, da entschloß
ich mich, wenigstens einige Kapilel, die mir besonders am Herzen lagen, zu übernehmen,
uind begann mit ihrer Ausarbeitung. Die Schwierigkeiten, einem solchen Werke die
nötige Einheit zu geben, zeigten sich auch hier; Verzogerungen verschiedener Art kamen
dazwischen. Die Mitarbeiter einigten sich zuletzt, die Gesamtunternehmung fallen zu
lassen, und ich entschloß mich, meine Bruchstücke zu einem Ganzen zu vervollständigen.
Der größere Teil meiner freien Zeit war in den letzten 18 Jahren so dieser Arbeit
gewidmet. Viele Kapitel haben eine zwei- und mehrfache Umarbeitung erfahren.
        <pb n="7" />
        VIII

Vorrede.

Einzelne derselben habe ich in ihrer ersten Fassung in meinem Jahrbuch veröffentlicht,
ebenso die umfassenderen Vorarbeiten über die ältere Geschichte der Unternehmungen.
Mein inneres Verhältnis zu der mir anfangs viel zu groß und zu schwierig, ja
unmöglich erscheinenden Arbeit wurde mehr und mehr doch das der höchsten Befriedi—
gung. Ich blieb mir zwar stets klar, daß eine vollendete solche Zusammenfassung die
denkbar schwierigste Aufgabe sei, daß mein Versuch nach den verschiedensten Seiten hinter
dem Ideal, das mir vorgeschwebt hatte, zuruͤckbleiben müsse, daß er in vielen seiner
Ergebnisse nie die Sicherheit empirischer Detailforschung erreichen, daß der einzelne nie
alle die Gebiete, über die er spreche, gleichmäßig beherrschen könne. Aber ich war 1887
doch schon an die paar übernommenen, principiell wichtigen Kapitel deshalb gern
gegangen, weil mich nach 17 Jahren, die ich überwiegend angestrengter archivalischer
Arbeit gewidmet hatte, eine gewisse Übermüdung in Bezug auf diese Thätigkeit und
ꝛine Sehnsucht nach der Beschäftigung mit den großen allgemeinen Fragen unserer
Wissenschaft überfallen hatte. Ich spuͤrte, daß ich mir Klarheit in diesen verschaffen
nußte, gerade auch um das Detail der archivalischen Forschung zum höchsten Ertrag
zu bringen.
Meine alte Liebe zu philosophischen und pfychologischen Studien war mit neuer
Kraft erwacht. Ich fühlte mehr und mehr, daß die Aufgabe nach Charakter, Studien—
gang und Neigungen doch eine mir angemessene sei, daß vor allem meine Vorlesungen
dadurch sehr gewönnen, daß die stärkste Anspannung der geistigen Kräfte doch bei der
Vorbereitung auf die Vorlesung stattfinde, daß meine besten allgemeinen Gedanken mir
dabei kämen, und daß deshalb auch der Versuch, das zu fixieren, was ich den
Studierenden sage, berechtigt und heilsam sei, obwohl er den Autor nötigt, die Bruch⸗
stücke seines Wissens unter dem Gesichtspunkte seiner geschlossenen Weltanschauung zu
einem Ganzen zu vereinigen. Man könnte sagen, gerade deswegen sei der Versuch be—
rechtigt, denn diese Art der Zusammenfassung müsse stets neben der empirischen Detail—
arbeit ihr Recht behaupten.
Die Gesichtspunkte, welche mich bei meinen Vorlesungen beseelen, sind immer die
gewesen: 1. so anschaulich zu sein, daß der, welcher die Dinge noch nicht kennt, sie
einigermaßen sehen und erfassen kann. Die sogenannte Langeweile der juristischen und
staatswissenschaftlichen Vorlesungen beruht meist darauf, daß eine Unsumme von Scharf—
sinn, Definitionen, Detailwissen auf den Zuhörer eindringt, ohne daß er eine anschau—
liche Vorstellung von dem hat, wovon geredet wird. 2.“ Den Studierenden neben den
allgemeinen gesicherten Wahrheiten den Gang beizubringen, auf dem sie gefunden sind,
die Zweifel darzulegen, welche sie eingeben, die empirischen Grundlagen so im Detail
darzulegen, daß er sie sich seibst ableiten kaun. Ich weiß wohl, daß es auch eine andere
Methode giebt, daß sie teilweise für den Anfänger vorzuziehen ist. Auch in der National—
zkonomie, und gerade auch in der historischen, wird ein⸗ konstruierende Methode von
mehreren meiner geschätztesten Kollegen mit Virtuosität gehandhabt: man geht von wenigen
klaren Sätzen und Formeln, von präcisen Defintionen aus nd bringt damit Einfach—
heit und Klarheit in alles, ich möchte sagen, zu viel Einfachheit und oft nur eine schein—
bare Klarheit. Ich fand im Leben immer, daß der Hauptfehler in der praktischen An—
wendung staatswissenschaftlichen Wissens der sei, daß die der Universität Entwachsenen
die gesellschaftlichen Erscheinungen für viel zu einfach halten; sie glauben, dieselben mit
wenigen Definitionen und Formeln bemeistern zu können. Meiner Auffassung und An—
lage entspricht es, den Anfänger stets auf die Kompliziertheit und Schwierigkeit der
Erscheinungen und Probleme aufmerksam zu machen, ihm die verschiedenen Seiten des
Gegenstandes zu zeigen. In den Vorlesungen hat diese Eigentümlichkeit mir den Er—
folg nicht geraubt.“ Ich lafse die folgenden Blätter in die Welt mit der Hoffnung
zehen, daß sie auch den Leser nicht zu sehr abschrecken möge.
Uber die äußere Anordnung und den Umfang füge ich nur die Bemerkung bei:
Das ganze Buch sollte möglichst 40 Bogen nicht übersteigen; es sollte ein lesbarer, nicht
allzu teurer Grundriß bleiben. Dadurch waren Citate ausgeschlossen. Und ebenso konnte
von der Litteratur nur das Wichtigste vor jedes Kapitel gesetzt werden, das, was in
        <pb n="8" />
        Vorrede.

IX

erster Linie dem zu empfehlen ist, der sich von dieser Einführung aus weiter in das
Studium der Fragen vertiefen will.
Ich übergebe den Grundriß der Offentlichkeit mit dem Gefühle glücklicher Dank—
barkeit, daß ich den Abschluß erleben durfte. Denn in gewisser Beziehung ziehe ich
hier doch die Summe meiner wissenschaftlichen und persönlichen Uberzeugungen. Meinem
Assistenten, Herrn A. Spiethoff, und meiner Frau danke ich. für die treue Hülfe bei
der Korrektur und sonstiger Fertigstellung; Herr Spiethoff hat das Register gefertigt,
das bei Ausgabe der zweiten Hälfte vervollständigt fürs ganze Buch erscheinen wird.
Daß ich das Bedürfnis hatte, das Buch meiner Frau zu widmen, wird der wenigstens
verstehen, der uns beide und unser Verhältnis zu einander kennt.

Martinsbrunn bei Meran, Ostern 1900.

Vorrede

zur vierten bis sechsten Auflage.

Da die ersten drei Auflagen im Frühjahr 1901 schon bis auf einen kleinen Rest
verkauft waren und es nicht wünschensweri schien, das Buch längere Zeit im Handel
jehlen zu lassen, so beschlossen Duncker K Humblot und ich einen Neudruck im Laufe
des Jahres 1901 vorzunehmen. Die Anderungen desselben beschränken sich auf einige
leine stilistische und sachliche Verbesserungen, einige neue statistische Zahlen und Ähn—
liches. Die Seitengleichheit ist durchaus festgehalten.
Der Druck des zweiten Teiles mußte teils aus diesem Grunde, teils weil meine
Sesundheit mich zeitweise an zu angestrengter Arbeit hinderte, endlich weil die An—
legung der letzten Hand an ein in vielen Kapiteln schon 4226 Jahre altes Manufkript
doch viel mehr Zeit erfordert als ich dachte, noch etwas verschoben werden. Ich hoffe
aber, daß er nun bald beginnen kann.

Berlin, Ende Juli 1901.

Gustav Schmoller.
        <pb n="9" />
        Inhaltsverzeichnis.

Selte
Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur
und Methode
Der Begriff der Volkswirtschaft.. ... eeeee
J. Vorbemerkung S. 1. — 2. Der Begriff des Wirtschaftens S. 2. — 3. Der Begriff der
Wirtschaften als gesellschaftlicher Organe und der Volkswirtschaft S. 3.
II. Die psychischen, sittlichen und rechtlichen Grundlagen der Volkswirtschaft und der
Gesellschaft überhaupftt.... .. . . ..
. Die Zwecke und die Mittel des gesellschaftlichen Zusammenschlusses
4. Der Geschlechtszusammenhang, Die Friedens- und Kriegsgemeinschaft. Die Siedelungs—
und Wirtschaftsgemeinschaft S. 6.
2. Die psychophysischen Mittel menschlicher Verständigung: Sprache und Schrift...
5. Die Sprache S. 10. —-6. Die Schrift S. 11. — 7. Sie Verbreitung und Vervielfältigung
der Schrift S. 18. — 8. Die Folgen der heutigen geistigen Verständigungsmittel, die
Offentlichteit S. 14.
3. Die geistigen Bewußtseinskreise und Kollektivkräfte.. ........ 13
9. Das allgemeine Wesen derselben S. 15. — 10. Die einzelnen Bewußtseinskreise S. 18.
14. Die individuellen Gefühle und die Bedürfnisse 20
11. Die Gefühle S. 20. — 12. Die Bedürfnisse S. 22.
5. Die menschlichen Triebe ......... . ... 26
13. Allgemeines S. 26. — 14. Der Selbsterhaltungs- und der Geschlechtstrieb S. 27. —
15. Der Thätigkeitstrieb S. 28. — 16. Der Anerkennungs- und Rivaliktätstrieb S. 29.
8. Der Erwerbstrieb und die wirtschaftlichen Tugendeen. 5. 75... 32
17. Dogmengeschichtliches S. 83. — 18. Entstehung, Entartung, Verbreitung des Erwerbs—
triebes S. 33. — 19. Würdigung des Erwerbstriebes S. 86. — 20. Die Arbeit und die
Arbeitsamkeit S. 838. — 21. die anderen wirtschaftlichen Tugenden S. 39.
Das Wesen des Sittlichenn. . * 7.“*. .. . . . . . .
22. Das sittliche Urteil und das sittliche Handeln S. 41. — 28. Die historische Entwickelung
des Sittlichen und, ihre Ziele S. 43. — 24. Die sittlichen Zuchtmittel: gesellschaftlicher
Tadel, staatliche Strafen, religiöse Vorstellungen S. 45.
Die sittlichen Ordnungen des gesellschaftlichen Lebens. Sitte, Recht und Moral ...
25. Die Entstehung und Bedeutung der Sitte S. 49. — 36. vie Entstehung des Rechtes
und Jeine ältere Verbindung mit der Sitte S. 51. 27. Die Scheidung des Rechtes von
der Sitte S. 533. — 28. die Entstehung der Moral neben und über“Sitte und Recht
S. 55. — 29. Die Bedeutung der Differenzierung von Sitte, Recht und Moral S. 87.
d. Der allgemeine Zusammenhang zwischen volkswirtschaftlichem und sittlichem Leben ..
30. Natürliche und sittliche Kraͤfte S. 59. 81. Die gesellschaftlichen Institutionen und
Organe S. 61. — 32. Der Kampf ums Dasein S. 64.38. die religiösen und philo—
sophischen Moralsysteme S. 69.
III. Die geschichtliche Entwickelung der Citteratur und die Methode der Volkswirtschaftslehre 75
1. Die Anfänge volkswirtschaftlicher Lehren bis ins 16. Jahrhundert.....75
34. Einleitung. Definition der Volkswirtschaftslehre S. 78. — 35. Die griechisch-römischen
Lehren S. 77. — 86. Das Christentum S. 79.
2. Das Wiedererwachen der Wissenschaft und das Naturrecht des 17. Jahrhunderts. .. 80
37. Die Anfänge der neueren Wissenschaft überhaupt S. 81. — 38. Das Näturrecht S. 82.

J.
        <pb n="10" />
        XII

Inhaltsverzeichnis.

3.

Die vorherrschenden Systeme des 18. und 19. Jahrhundertsss..
39. Die merkantilistischen Schriften S. 84. — 40. Die individualistische Naturlehre der
Volkswirtschaft S. 88. — 41. Die socialistische Litteratur S. 93.
Die Methode der Volkswirtschaftslehre....
42. Einleitung S 100. — 483. Beobachtung und Beschreibung S. 100. — 44. Die Be—
griffsbildung S. 103. — 45. Die typischen Reihen und Formen, ihre Erklärung, die Ur—
sachen S. 105. — 46. Gesetze, induktive und deduktive Methode S. 108.
Die Ausreifung der Volkswirtschaftslehre zur Wissenschaft im 19. Jahrhundert. .. l11'
47. Die aͤlteren Anfänge einer empirischen Wissenschaft und die Reaktion gegen die Natur—
lehre der Volkswirtschaft S. 112. — 48. Die Statistik S. 114. — 49. Die historische
und sonstige realistische Forschung S. 116. — 50. Das Ergebnis der neueren Forschung,
der heutige Standpunkt der Wissenschaft S. 122.

Seite
84

99

Erstes Buch. Land, Leute und Technik
als Masfsenerscheinungen und Elemente der Volkswirtschaft ..... 128
J. De Stoffeinteilung des Ganzen in vier Bücher, des ersten Buches in vier Abschnitte
.
l. Die Volkswirtschaft in ihrer Abhängigkeit von den äußeren Naturverhältnissen. ...
52. Der Gegensatz von Natur- und Völkerleben. Blick auf die Litteratur S. 126. —
58. Die Erdoberfläche, die Kontinente und Länder S. 128. — 54. Das Klima S. 180. —
55. Die geologischen und Bodenverhältnisse sowie die Wasserverteilung S. 182. — 56. Die
Pflanzen- und Tierwelt in ihrer Verteilung S. 135. — 57. Allgemeine Ergebnisse S. 187.
Die Rassen und Volker.8
58. Überblick über den Gegenstand und die zu Grunde liegenden Wissensgebiete S. 189. —
59. Die verschiedenen Rassen und Völker und das Princip der Bererbung S. 140. —
30. Die einzelnen Ursachen der Rassen- und, Völkerbildung. Klima, Lebensweise, Erziehung,
Rassenmischung S. 144. — 61. Ethnographische Einzelbeschreibung: die niedrigsten Rassen
S. 148. — 62. Ethnographische Einzelbeschreibung: die Neger und verwandten Stämme
S. 149. — 63. Ethnographische Einzelbeschreibung: die Mongolen S. 150. — 64. Ethno⸗
graphische Einzelbeschreibung: die mittelländischen Rassen; die Semiten S. 151. —
35. Ethnographische Einzelbeschreibung: die Indogermanen; die Russen, Italiener, Fran⸗
osen S. 152. — 66. Ethnographische Einzelbeschreibung: die germanischen Völker, die
Deutschen S. 154. — 67. Ethnographische Einzelbeschreibung: die Engländer und Nord—
amerikaner. Schlußergebnis S. 156.
Die Bevölkerung, ihre natürliche Gliederung und Bewegung
68. Vorbemerkung S. 159. — 69. Die Altersverhältnisse S 159. — 70. Das Geschlechts—
berhältnis und die Verehelichung S. 162. — 71. Die Geburten und die Tobesfälle
5. 165. — 72. Die Zunahme und Abnahme der Bevölkerung, ihre absolute Größe
5. 168. — 73. Das Bevölkerungsproblein und die Wege seiner Lösung: a) die
Hemmungen S. 171. — 74. Das Bevölkerungsproblem und die Wege seiner Lösung:
b) die Ausbreitung nach außen, Eroberungen, Kolonisationen, Wanderungen S. 176. —
75. — Bevölkerungsproblem und die Wege seiner Lösung: c) die Verdichtung. Schluß
S.
Die Entwickelung der Technik in ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung
76. Aufgabe des Abschnittes. Einteilung und allgemeinste Ursachen der technischen Ent⸗
wickelung S. 189. — 77. Die ersten technischen Fortschritte; die ältesten Waffen und
Werkzeuge, das Feuer und die Töpferei S. 192. — 78. Die ältesten Fortschritte der
Ernährung, bis zum Hackbau und der Viehzucht S. 194. — 79. Die mongolische
Nomadenwirtschaft S. 197. — 80. Der Ackerbau S. 198. — 81. Die Waffen und
Werkzeuge aus Metall S. 201. — 82. Die Technik der alten, westasiatischen Völker
S. 2083. — 88. Die griechisch⸗römische, die arabische und die mittelalterlich-aAbendländische
Technik bis in die letzten Jahrhunderte S. 205. — 84. Das moderne westeuropäisch⸗
amerikanische Maschinenzeitalter: Beschreibung S. 211. — 85. Würdiaung des Maschinen⸗
zeitalters S. 218. — 86. Schlußergebnisse S. 225

q

84

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft,
ihre wichtigsten Organe und deren Hauptursachen........

229
229

Die Familienwirtschaft......... .
87. Vorbemerkung. Litteratur. Definitionen S. 230. — 88. Die älteste Familien⸗
verfassung bis zum Mutterrecht S. 232. — 89. Die Sippen- oder Gentilverfassung
S. 236. — 90. Die ältere patriarchalische Großfamilie S. 239. — 91. Die neuere ver⸗
leinerte Familie, ihre Wirtschaft und deren Ursachen S. 244. — 92. Gegenwart und
Zukunft der Familie. Frauenfrage S. 250.
        <pb n="11" />
        Inhaltsverzeichnis.

Die Siedelungs- und Wohnweise der gesellschaftlichen Gruppen; Stadt und Land ..
Vorbemerkung. Definitionen S. 254. — 94 Die ältesten Siedelungen, die der heutigen
Vardaren- und afiatischen Halbkulturvölker S. 255. — 95. Die antike Städtebildung S. 257.
yve. Die mitleleuropäische Siedelungsweise der neueren Völker auf dem platten Lande
S. 259. — 97. Die Entwickelung des Städtewesens vom Mittelalter bis gegen 1800
S. 3683. — 98. Stadt und Land im 19. Jahrhundert, S. 267. — 99. Zusammenfassung
der Ergebnisse S. 272. — 100. Die Folgen der verschiedenen Siedelung S. 275.
Die Wirtschaft der Gebietskörperschaften: Staat und Gemeinde68.1456
10 Vorbemertung. Entftehung und Wesen der Gebietskörperschaft und ihrer Wirtschaft
S 278102. Sie Groͤße und die finanzielle Kraft der Gebietstkorperschaften S. 281. —
Tos. Die ältere Dorfwirtschaft S. 287. — 104. Die Grundherrschaft und ihre Wirtschafts—
organisation S. 290. — 105. Die ältere Stadtwirtschaft S. 293. — 106. Die Ausbildung
der Jexritorial- und Vostswirtschaft und des Staatshaushaltes S. 298. — 107, Die
Naturalabgaben⸗ und Naturaldienstverfassung und, die Domänenwirtschaft S. 803. —
108. Die Steuern und das Geldsteuersyftem S. 306. — 109. Der, Staatsschatz und der
ZSlaatekredit S. 800. — 110. Die Finanzbehorden und die Schwierigkeit aller Finanz—
derwaltung und staatlichen Wirtschaft S.“310. — 111. Die heutige Einwohnergemeinde
und ihre Wirtschaft S. 8314. — 112. Gesamtergebnisse. Das neuere, Anwachfen der wirt⸗
schaftlichen Staats- und Gemeindethätigteit, ihre Grenze und Verschiedenheit S. 317.
Die gesellschaftliche und wirtschaftliche ArbeitsteilungLLELAL&amp;amp;
IT8. Dogmengeschichte. Wesen und Entstehung der Arbeitsteilung. Stoffeinteilung
S B28. IIA. Das Priester- und Kriegertum S. 829. — 115. Die Händler S.838. F
I16. Die Entstehung eines Arbeiterstandes. Sklaverei, Leibeigenschaft S. 837. — 117. Die
Entstehung des neueren freien Arbeiterstandes S. 342. — 118. Die Scheidung von
Landbau uünd Gewerbe. Die landwirtschaftliche und gewerbliche Axbeitsteilung S. 846. —
118. Die Arbeitsteilung der liberalen Berufe; die räumliche Arbeitsteilung S. 353. —
120. Die älteren Versuche der Beurteilung und die neuere zahlenmäßige Erfassung der
Arbeitsteilung S. 356. — 121. Die Ursachen und Bedingungen der Arbeitsteilung
S. 359. — 132. Die gesellschaftlichen und individuellen Folgen der Arbeitsteilung S. 364.
5. Das Wesen des Eigentums und die Grundzüge seiner Verteilung.8
123. Begriff, und Bedeutung. Das Eigentum primitiver Jäger- und Hackbaustämme
S. 367. — 124. Das Stklaven- und Vieheigentum der, älteren Ackerbauer und Hirten
S. 369. — 125. Die ältere Grundeigentumsverfassung der, Ackerbau— und Hirtenvölker,
einschließlich der antiken S. 371. — 126. Die Ausbildung des neuen kleinen und großen
Grundeigentums S. 378. — 127. Das heutige Grundeigentumsrecht und die Richtungen
der heutigen Landpolitik S, 377. — 128. Das städtische Grund- und rgen am
S. 378. — 429. BDas bewegliche Eigentum der Kulturvoͤlter S. 880. 130. Das Erb⸗
cecht S. 388. — 181. Bie Ergebnisse der geschichtlichen Betrachtuna S. 385. —
1832. Eigentumsdefinitionen, und Eigentumstheorien S. 388.
. Die gesellschaftliche Klassenbildung . 23.. 363*
183. Begriff, Wesen und psychologische Begründung der Klafsenbildung S. 392. —
134. Die Hauptursachen der Klassenbildung: Rasse, Bexrufs- und Arbeitsteilung, Ver—
mögens- und Einkommensverteilung S. 395. — 185. Die Kasten- und Ständebildung
alterer Zeiten S. 899. — 136. Die neuere sociale Gliederung nach Aufhebung der Erb—
lichkeit und der ständischen Rechtsschranken der Berufe. Das Recht der Vereinsbildung
Di S. 404. — 137. Rree über die sociale Klassenbildung S. 409.
ie Anternehmung. ie Entwickelung der Geschäfts- und Betriebssformen
38. Begriff der Unternehmung. Ihre Ausgangspunkte: Handel, Arbeitsgenossenschaft,
Familie. Die Ausbildung der landwirtschaftlichen Unternehmung S. 418. — 189. Das
Handwerk S. 418. — 140. Die Ansaͤtze zu groͤßeren Betrieben und Organisationen in
ehosenchastticher und korporativer Form bis gegen 1800 S. 421. — 141. Die Haus-*
 unn das Verlagssytem) S. 424 — 142. Die moderne Unternehmung, hauptsachlich
die ir Die Fabrik S. 428. — 148. Das gesellschaftliche Problem des Groß⸗
u J— * 5 Die offenen 53— und die Attiengesellschaften S. 440. —
ndiete nheeneir schaftlichen Genossenschaften S. 444. — 146. Die Verbände der
e udetteheber. dieattete Ringe und Truftz 5 Sschluß⸗
eundene ger giellschaftuichen Verfassung der Volkswirtschaft, speciell des
Register 7

XIII
Seite
254

277

324

367

391

41*

458
        <pb n="12" />
        Verzeichnis der gebrauchten Abkürzungen.

A. f. soc. G. — Axchiv für sociale Gesetzgebung und Statistit. Herausgegeben von Dr. Heinrich
Braun. 1888 ff.
Bluntschli, 33 — J. C. Bluntschli und K. Brater, Deutsches Staatswörterbuch. 11 Bde. 1856
bis 1870.
D. Z. I — Deutsche Zeitschrift für Geschichtswisseuschaft. Herausgegeben von 8. Quidde.
ff.
Hist. r Historische Zeitschrift. Begründet von H. von Sybel, herausgegeben von F. Meinecke.
9
Uff. u. Sup. 1,2 — Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Herausgegeben von J. Conrad
8. Elster, W. Lexis, Ed. Loening. 6 Bde. 18900 1894.2 Supplemente, 1895 u. 1897.
2. Aufl. seit 1898 ff.
J. f. GB. 1877 ff. Z Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im deutschen
Reiche. Jahrgang 124 1877 1880 Herausgegeben von F. von Holtzendorff und L. Brentauo
Jahrgang 5ff. von 1881 an herausgegeben von G. Schmoͤller
N. LF. J, 1863 ff.; 2. F. 1, 1880 ffe 2. F. 1. 1891 ff. — Jahrbücher für Nationalökonomie
und Statistik. 1. Folge, Bd 1234, 1863 1879; 2. Folge, Vd 2 1880- 1890; 3. Folge,
Bd. 1, 1881 ff. Begrundet von Bruno Hildebrand. Herausgegeben von J. Conrad 8. Elster,
Ed. Loening, W. Lexis.
Roscher, Ansichten d. B.W. — Wilhelm Roscher, Ansichten der Volkswirtschaft aus dem geschichtlichen
Standpunkte. 8 Auflagen, 1861 und 1878.
Rümelin, R. A. 1, 2 u. 8 — Gustav Rümelin, Reden und Auffsätze. 3 Bde. 1875, 1881, 1894.
Schmoller, Grundfr. — Gustav Schmoller, Über einige Grundfragen der Socialpolitik und der Volks⸗
wirtschaftslehre. 1898.
Schmoller, Litt. Gesch. — Gustav Schmoller, Zur Litteraturgeschichte der Staats- und Socialwissen—
schaften. 1888.
Schmoller, I. U. — Gustav Schmoller, Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs⸗
und Wirtschaftsgeschichte besonders des preußischen Staates im 17. und 18. Jahrhundert. 1808.
Schmoller, Soc. u. Gew. P. — Gustav Schmoller, Zur Social⸗ und Gewerbepolitik der Gegenwart. 1890.
Schönberg, H. d. p. O. — Handbuch der politischen konomie. Herausgegeben von G. v. Schönberg.
3 Bde. 4. Auflage, 1896 1898.
Stat. Monatsschr. Statistische Monatsschrift. Herausgegeben von der k.k. statistischen Central—
kommission, Wien. 1875 ff.
S. V. f. S. S Schriften des Vereins für Socialpolitik. Bd. 12597. 1878 1901.
V. J.Sch. f. V.W. u. K.G. — Vierteljahrschrift für Volkswirtschaft und Kulturgeschichte. Heraus—
gegeben von Jul. Faucher u. a. 1866 1893
W.B. 1 u. 2 — Wörterbuch der Volkswirtschaft. Herausgegeben von L. Elster. 2 Bde. 18898.
3. d. pr. st. B. — Zeitschrift des königlich preußischen statistischen Bureaus. 1861 ff.
3. f. dige — Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht. Herausgegeben von L. Goldschmidt u. a.
Rsf.
3. f. St.W. 1844 ff. — Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. erausgegeben von
Dr. A. v. Schaͤffle. 1844 ff. 6 geg
3. f. Völterpsych. — Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft. Herausgegeben von
M. Lazarus und H. Steinthal. 20 Voe 1860 - 1890.

J. f.
        <pb n="13" />
        Einleitung.

Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage.
Litteratur und Methode.

J. Der Begriff der Volkswirtschaft.

v. Hermanmn, Staatswirtschaftliche Untersuchungen. 1832. 1870. — v. Mangol dit, Volksrirtschaft,
 in Bluntschli, St. W. — Kunes, Die polilische Skonomie vom Standpunkt der geschichtlichen
Methode. 1853 u. 1883. — Adolf Wagner, Grundlegung der allg. oder theor. Voltswirtschafts⸗
ehre. 1876. 3. Aufl. 1892 94. Schäffre, Das geseschaftliche System der menschlichen Wirt⸗
ichaft. 1878. — v. Schönberg, Handbuch der politischen Okbuomie. 1882 18096 (hauptsächlich die
inleitenden und allgemeinen Abschuitte von v. Schönberg, v. Scheel und Neumann) — Schmoller,
Städtische, texritoriale und staatliche Wirtschaftspolitik. J. f. G.V. 1884 und Schmoller U. U. —
Bücher, Entftehung der Volkswirischaft. 1893, 1898 u. 1901. — v. Philippovich, Grundriß der
volitischen Okonomie. 1893 u. 1898.
4 Gexrber, Grundzüge eines Systems des deutschen Staatsrechts. 1865 u. 1869. — vanKrieken,
Uber die sog. organische Staaislehre 1878. — Gierke, Die Grundbegriffe des Staatsrechts und die
neuesten Staatsrechtstheorien. Zf. St.W. 1871.
. Vorbemerkung. Die Volkswirtschaft, deren allgemeine wissenschaftliche
Lehre in dem folgenden Grundriß dargelegt werden soll, ist ein staatswissenschaftlicher
Kollektivbegriff, ähnlich wie Staat, Volk, Gesellschaft, Kirche, socialer Körper. Solche
Begriffe haben wohl, seit es ein Stammes und Staalsleben gab, nie ganz gefehlt.
Aber erst mit der höheren Ausbildung des gesellschaftlichen Lebens, mit dem selbständigen
Hervortreten einzelner Seiten und besonderer Organe desselben einerseits, mit der Ent—
tehung einer nachdenkenden Beobachtung und wiffenschaftlichen Beschreibung der socialen
Erscheinungen andererseits haben fie eine feste Umgrenzung und größere Deutlichkeit
xhalten. Die Begriffe der 02αα, der res publica, des Staates sind schon alt, sie
Jaben sich mit der wisfenschaftlichen Erörterung der Griechen und Roͤmer gebildet und
seither erhalten; freilich hat der moderne Staatsbegriff auch erst seit dem 18. Jahrhundert
as heutige Gepräge erhalten; der Begriff der Volkswirtschaft hat sich erst im Laufe
des 17.5 18. Jahrhunderts gebildet.
Wir haben unsere Erörterungen mit einer vorläufigen Analyse dieses Begriffes
zu beginnen, um damit den Gegenstand, der uns beschäftigt, im allgemeinen festzuftellen
und bei dem, der ihn noch nicht kenni, zunächst ein fsummarisches Bild dessen hervor—
zurufen, was wir dann im einzelnen untersuchen.
Das, was der Engländer political oconomy, der Franzose économie politique
nennt, der Deutsche erst Staatswirtschaft, dann richtiger Volkswirtschaft nannte, um—
schließt jedenfalls zwei Grundvorstellungen. Es handelt sich um eine Gesamterscheinung,
die auf der menschlichen wirtschaftlichen Thätigkeit beruht, und die zugleich von den
menschlichen Gemeinschaften ihren Stempel empfängt.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4 —6. Aufl.
        <pb n="14" />
        Einleitung. Begriff. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

2. Der Begriff des Wirtschaftens. Das Wort Okonomie stammt von
olxoc, Haus, her und bedeutet die Hauswirtschaft. Der deutsche Wirt besagt Ähnliches,
wie wir aus seinen Zusammensetzungen, Hauswirt, Landwirt, Gastwirt, sehen. Wir
denken bei dem Worte „Wirtschaften“ zuerst an die Thätigkeit für die äußeren körper—
lichen Bedürfnisse, deren Befriedigung die Bedingung unfserer Existenz ist. Der Mutter
Natur durch Jagd und Viehzucht, durch Hacke und Pflug die Nahrung abringen, gegen
Kälte und Feinde uns in einer Wohnung von Holz und Stein schützen, aus Bast,
Lein und Wolle uns Kleider herrichten, Geräte und Werkzeuge für all' das schaffen,
das ist Wirtschaften. Aber auch das Sammeln der Vorrät für die Zukunft, das
Waschen und Reinigen, die Ordnung im Hause, die Schaffung der Güter an den Ort,
vo sie gebraucht werden, die letzte Herrichtung derselben fuͤr den Verbrauch gehört
dazu; und bald sucht der Wirt dieses und jenes auf den Markt zu bringen, zu ver—
kaufen; er will dabei gewinnen, Geld und Vermögen sammeln; bei vielen rückt so
das Verdienen, der Verkehr in das Centrum der wirtschaftlichen Thätigkeit. Und in
all' dem erscheint uns als wirtschaftlich nur die zweckmäßige, von gewissen technischen
senntnissen, von klarer Überlegung und moralischen Ideen geleitete Thätigkeit; eine
solche, welche durch Wertgefühle und Werturteile gelenkt ist, d. h. durch vernünftige
Vorstellungen über die wirtschaftlichen Zwecke und Mittel, ihre Beziehungen aufeinander
und auf Nutzen und Schaden, auf Lust und Leid für den Menschen.
Mag der einzelne all' solche Thaͤtigkeit zunächst und in erster Linie für sich selbst
üben, schon in den frühesten Zeiten hat doch die Mutter für ihre Kinder gesorgt. Und
vie wir Ahnliches schon bei den höheren, klügeren Tieren sehen, so treffen wir auch
deine Menschen, die nicht gruppenweise, durch Bluts- oder andere Bande verknüpft,
sich auf den Wanderzügen, dei der Jagd und dem kriegerischen Beuteerwerb gegenseitig
virtschaftlich helsen. Die Stammes-, Gentil⸗, Familienverfassung wird schlechtweg bei
allen Menschen zu einer Organisation wirischaftlichen Zusammenwirkens. Aus der
gemeinsamen Siedlung entsteht der wirtschaftliche Verband der Mark und des Dorfes.
Aus den Herrschaftsverhältnissen, der kriegerischen, der kirchlichen Organisation entstehen
feste Verpflichtungen zu Dienst und Arbeit, zu Natural- und Geldlieferungen. Es kann
einen etwas entwickelteren socialen Körper geben, in dem nicht so ein Teil der wirt—
schaftlichen Thätigkeit mit den Gesamtzwecken, mit der Regierung, der Gemeinschaft in
dauernde Verbindung gebracht wäre.
Erscheint uns so die wirtschaftliche Thätigkeit bei allen etwas höher stehenden
Stämmen und Völkern bereits gespalten in die individuelle und hauswirtschaftliche
einerseits, die gesamtwirtschaftliche andererseits, begreifen wir so, daß schon die Alten
alle wirtschaftliche Erörterung an Haus und Gemetude anknüpften, so kommt nun mit
der Rassenmengung, der Klassendifferenzierung, dem Geld- und Kreditverkehr die Arbeits—
ceilung zwischen den einzelnen und den Familien hinzu: neben die Hauswirtschaft,
die nur für den eigenen Bedarf thätig ist, stellt sich die Tauschwirtschaft, die Produktion
ür andere, für den Absatz, für den Maͤrkt. Es entsteht die wirtschaftliche Unternehmung,
die nicht wie die Familie zugleich fur alle Zwecke des Lebens eine Anzahl Individuen
zusammenfaßt, sondern nur für die Marktproduktion die Kräfte verschiedener Personen
vereinigt. Wenn die Familie und die Gemeinde im festen, gebundenen Rahmen von
Sitte und Recht wirtschaften, das Individuum zu Dienst und Hülfe zwingen, ihm aber
zuch ohne Entgelt Dienste und Güter zukommen lassen, so entsteht der Tausch- und
Seldverkehr mehr als freies Spiel der Interessen mit der steten Absicht auf Gegen—
leistung. Es entsteht — an tausend einzelnen Punkten anfetzend und immer weiter vor—
dringend — in der bisher wesentlich für den Eigenbedarf des Hauses thätigen Gesellschaft
das tauschwirtschaftliche System, das die wirtschaftliche Thätigkeit in die Guͤterproduktion,
den Verkehr und die Konsumtion als nebeneinander stehende Teile oder Stationen zer⸗
egt, das neben Haus, Gemeinde und Slaat eine zunehmende Zahl gesellschaftlicher
Organe, Anstalten, Geschäfte, die sogenannten Unternehmungen stellt, welche Güter produ—
zieren und verkaufen, Handel treiben, Gewinn machen wollen. Die höhere, verbesserte
Technik, die Anwendung erfparter Gütervorräte durch sie charakterifiert nun diesen
        <pb n="15" />
        Der Begriff des Wirtschaftens.

3

wichtigsten Teil der wirtschaftlichen Thätigkeit der Kulturvölker. Erst wo das wirt⸗
schaftliche Leben diese Formen angenommen hatte, entstand für gewisse Gruppen der
Befellschaft ein so großer Wohlstand, daß der Gegenfatz von Reichen und Armen stärker
»mpfunden wurde, bildete sich auch erst in ausgeprägterer Weise die Unterscheidung
reicher und armer Stämme und Völker.
Im Bereich dieser rechnenden und auf Gewinn spekulierenden Unternehmungen
entstand zuerst die verstandes- und zahlenmäßige Erfassung aller Vorgänge des Wirt⸗
schaftslebens, das Buchen und Rechnen mit Wertgrößen und in Geldpreisen, die Ver—
zleichung von Einnahme und Ausgabe, von Aufwand und Erfolg, die Berechnung
des Rohertrages der für eine Produktion aufgewendeten Kosten und des nach Abzug
der Produktionskosten erzielten Reinertrages. Und alle unter die Kontrolle solcher Uber⸗
legungen und Rechnungen gestellte menschliche Thätigkeit wird nun als specifisch wirt—
schaftlich bezeichnet; die Tugend der Wirtschaftlichkeit ist die planvoll berechnende, klug
den höchsten Erfolg mit den kleinsten Mitteln erreichende menschliche Thätigkeit, ob sie
nun direkt auf Wirtschafts- oder andere Zwecke gehe. Und jede andere nicht wirt—
cchaftliche Thätigkeit, die im System der Arbeitsteilung ein Entgelt fordert, wie die
des Lehrers, Richters, Künstlers, erhält durch diese Entgeltung, durch die Absicht, mit
ihr sich einen Lebensunterhalt zu schaffen, eine wirtschaftliche Seite.
So hat das Wort „Wirtschaften“ neben seiner ursprünglich konkreten Bedeutung
noch eine Reihe von verwandten Nebenvorstellungen in sich aufgenommen; aber der
dern des Begriffs ist derselbe geblieben. Er umfaßt nicht alles „Arbeiten“, denn es
ziebt ein Arbeiten für höhere, nicht wirtschaftliche Zwecke; nicht alle Thätigkeit für
iußere Bedürfnisbefriedigung, denn dazu gehört auch das Turnen, das Spazierengehen,
die Gesundheitspflege. Die Verflechtung der Thätigkeit in einen entgeltlichen Austausch
ist nur einem freilich wachsenden Teil der wirtschaftlichen Thätigkeit bei höherer Kultur
eigen. Was das Individuum für sich, für seine Familie, für Gemeinde und Staat
virtschaftlich schafft, ohne direkt bezahlt zu werden, gehört dem Kreise nicht minder an,
als was für den Markt produziert wird. Die wirtschaftliche Produktion von Gütern,
Vorräten, Waren ist das Hauptgebiet der Wirtschaftsthätigkeit; aber auch die Leistungen
von wirtschaftlichen Diensten, die Handelsthätigkeit gehören dazu.
Die wirtschaftliche Produktion besteht stets in einem aktiven Eingreifen des
Menschen in den großen, nie ruhenden Naturprozeß; er soll so gestaltet werden, daß
die Kräfte der Natur dem Menschen am wenigsten schaden, ihm am meisten nützen.
Die in unbegrenzter Menge von der Natur dem Menschen so gebotenen Güter, daß er
iie ohne weiteres genießen und nützen kann, nennen wir freie, die in begrenzter Menge
porkommenden und daher in das Eigentum von einzelnen oder Korporationen gekommenen,
vom Menschen umgeformten nennen wir wirtschafthiche Güter oder Güter
schlechtweg. Die möglichst reiche Versorgung mit Gütern ist der Hauptzweck des wirt—
chaftlichen Schaffens. Je reichlicher die Versorgung wird, desto gesicherter ist unsere
Eristenz, desto mehr können Vorräte für die Zukunft zurückgelegt werden, desto mehr
sann statt der direkten Gütererzeugung die indirekte, technisch und gesellschaftlich kompli—
zierte angestrebt werden. Das geschieht durch Schaffung größerer, zusammengesetzter
technischer Vorrichtungen, wie z. B. durch Bau einer Wasserleitung statt des Schöpfens
an der Quelle; jeder richtige Fortschritt nach dieser Seite setzt voraus, daß wir, mit
virtschaftlichen Vorräten versehen, auf den augenblicklichen Erfolg verzichten können, um
einen größeren künftigen Erfolg, eine Mehrerzeugung oder Kräfteersparung in der Zukunft
zu erreichen.
3. Der Begriff der Wirtschaften als gesellschaftlicher Organe
ind der, Volkswirtschaft. All' das geschieht nun in —2— ,e
„Wirtschaften“. Wir verstehen unter einer „Wirtschaft“ einen kleineren oder größeren
Kreis zusammengehöriger Perfonen, welche durch irgend welche pfychische, sistliche oder
cechtliche Bande verbunden, mit und teilweise auch für einander oder andere wirt
schaften. Auch die einzelne Person kann unter Umständen eine Wirtschaft für sich führen
»der bilden; meist aber ist sie ein Glied innerhalb einer oder mehrerer größerer Wirt—
        <pb n="16" />
        Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

schaften, wenigstens einer Familienwirtschaft. Jede Wirtschaft hat einen zeitweiligen
ben dauernden Standort, verfügt über wirtschaftliche Mittel, über Güter und Kapi—
alien, über die Arbeit ihrer Mutglieder, hat den Zweck, alle oder bestimmte wirtschaft⸗
liche Zwecke ihrer Mitglieder zu befriedigen; sie hat eine bestimmte innere Organisation,
fie grenzt sich nach außen gegen andere Wirtschaften, deren Standort, Personal und
virtschaflliche Güter ab. Sie ist stets ein Stück technisch-zweckmäßiger Naturgestaltung
und sittlich-rechtlicher socialer Ordnung. Alle Wirtschaftsorganisation knüpft sich zunächst
in die socialen Organe an, welche das Gesellschaftsleben überhaupt für alle menschlichen
Zwecke bildet: Familie, Sippe, Gemeinde, Stamm, Staat sind daher auch die wesent—
üchen Wirtschaftskörper der älteren Zeit; wo und wie überhaupt Herrschafts- und
Genossenschaftsverbände sich bilden, da fungieren sie auch mehr oder weniger für die
wirtschaftlichen Zwecke.
Bei primitivster wirtschaftlicher Kultur, die noch kaum zur Sippen— oder Stammes—
hildung gesührt, sind die erwachsenen Männer und Frauen fast nur für sich und ihre
unerwachsenen Kinder wirtschaftlich thätig. Wo etwas höhere wirtschaftliche und politische
Kultur Platz gegriffen hat, da greift die Haus- und Familienwirtschaft und die Stammes—
ind Gemeindewirischaft ineinander. Der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Thätigkeit
läegt zunächst in Haus und Familie, in der auf gemeinsamen Gefühlen und Einrichtungen
beruhenden Eigenproduktion für die Familie; der Tauschverkehr fehlt oder ist ganz un—
erheblich. Nur für gewisse Zwecke des Viehtriebs, der Siedlung, Acker-, Wald- und
Weidenutzung greift die Gemeinde—- und Stammeswirtschaft Platz. Die begabteren Rassen
uind Stäume bringen es freilich frühe zu wichtigen, ihr Wirtschaftsleben beherrschenden
Einrichtungen der Ackerverteilung und der Kriegs- und Dienstverfassung, zu großen
gemeinsamen Schutzbauten und Vorratssammlungen. Man hat geschwankt, ob man die
sHaus- oder die Stammes- und Dorfwirtschaft als das wesentliche Merkmal
dieser Epoche des Wirtschaftslebens hervorheben soll.
Juͤdem die einzelnen Haus- und Familienwirtschaften sich differenzieren, einzelne
zu größeren Herrschaftsverbänden werden, indem ein gewisser Tauschverkehr sich ausbildet,
die socialen Körper größer und fester organisiert werden, in ihrem Mittelpunkt größere
Orte und Märkie sich bilden, entstehen wirtschaftliche Zustände, welche sich dadurch
charakterisieren, daß wohl noch die Mehrzahl der Familien das meiste selbst produziert,
also auf dem Boden der Eigenwirtschaft stehen bleibt, aber daneben doch in steigendem
— beschränkt sich freilich zunächst haupt—
sächlich auf den städtischen Markt, wo die Landleute ihre Rohprodukte, die Handwerker ihre
Hewerbeprodukte ohne Handelsvermittelung verkaufen. Die antiken kleinen Stadtstaaten,
die meisten mittelalterlichen Stadtgebiete und Kleinstaaten sind Gebilde dieser Art. Da
ine beherrschende Stadt meist den Mittelpunkt bildet, ihr Markt und dessen Einrichtungen
das Charakteristische für solche Zustände sind, so hat man sie neuerdings durch den
Begriff der Stadtwirtschaft bezeichnet.
Wo größere sociale Körper sich bilden mit einer Reihe von Städten und Land—
schaften, wo mit zunehmendem Tausch- und Geldverkehr von der Familienwirtschaft sich
besondere Unternehmungen, d. h. lokal und organisatorisch für sich bestehende Wirt—
schaften mit dem ausschließlichen Zwecke des Handels und der Güterproduktion loslösen,
der Marktverkehr und der Handel immer mehr alle Einzelwirtschaften beeinflufsen und
ibhängig von fich machen, wo zugleich die Staatsgewalt durch Münzwesen und Straßen-—
bau, durch Agrar- und Gewerbegesetze, durch Verkehrs- und Handelspolitik, durch ein
Geldsteuersystem und die Heeresverfassung alle Wirtschaften der Familien, Gemeinden
und Korporationen von sich abhängig macht, da entsteht mit dem modernen Staatswesen
 das, was wir heute die Volkswärtschaft nennen. Sie beruht ebenso auf
der Verflechtung aller Einzelwirtschaften in einen unlöslichen Zusammenhang durch den
zreien Tausch- ünd Handelsverkehr, wie auf den wachsenden einheitlichen Wirtschafts—
einrichtungen von Gemeinde, Provinz und Staat. Der Begriff der Volkswirtschaft will
eben das Ganze der nebeneinander und übereinander sich aufbauenden Wirtschaften eines
üdes, eines Bolkes, eines Staates umfassen. Die Gesamtheit alles wirtschaftlichen
        <pb n="17" />
        Der Begriff der Volkswirtschaft.

9

Lebens der ganzen Erde stellen wir uns, nachdem wir diesen Begriff gebildet, als eine
Summe geographisch nebeneinander stehender und historisch einander folgender Volks⸗
wirtschaften vor. Die Summe der heute einander berührenden, in gegenseitige Abhängig⸗
eil von einander gekommenen Volkswirtschaften nennen wir die Weltwirtschaft.
Man hat gesagt, der Begriff der Volkswirtschaft sei nur ein Sammelbegriff, eine
Abkürzung für eine gewisse Summe von Einzelwirtschaften, es fehle ja die einheitliche,
centralistische Leitung, es seien immer die einzelnen Individuen, die wirtschafteten. Als
b im menschlichen Körper nicht auch die einzelnen Zellen die aktiv thätigen Elemente
vären, und unzählige Vorgänge in ihm sich abspielten, ohne daß ein Bewußtsein hiervon
n Eentralorgan vorhanden wäre. Uns ist die Volkswirischaft ein reales Ganzes, d. h.
ine verbundene Gesamtheit, in welcher die Teile in lebendiger Wechselwirkung stehen,
und in welcher das Ganze als solches nachweisbare Wirkungen hat; eine Gesamtheit,
welche trotz ewigen Wechsels in den Teilen in ihrer Wesenheit, in ihren individuellen
Gruudzügen für Jahre und Jahrzehnte dieselbe bleibt, welche, soweit sie sich ändert,
sich uns als ein sich entwickelnder Körper darstellt. Niemals werden Tausende von
Einzelwirtschaften, die verschiedenen Staaten angehören, als „eine Volkswirtschaft“ vor—
zestellt und zusammengefaßt. Nur wo Menschen derselben Rasse und derselben Sprache,
zerbunden duͤrch einheitliche Gefühle und Ideen, Sitten und Rechtsregeln, zugleich ein—
heitliche nationale Wirtschaftsinstitutionen haben und durch ein einheitliches Verkehrs—
system und einen lebendigen Tauschverkehr verknüpft sind, sprechen wir von einer Volks—
wirtschaft. Die älteren Zeiten kannten wohl größere Staaten, d. h. politisch⸗militärische
Zusammenfafsungen von zahlreichen Stämmen und Stadtbezirken; erst die neuere Ent—
vickelung hat Volkswirtschaften in unserm Sinne erzeugt, und deshalb konnte dieser
Begriff erst im Laufe der letzten drei Jahrhunderte sich bilden.
Indem die Volkswirtschaft sich als ein relativ selbständiges System von Ein—
richtungen, Vorgängen und Strebungen entwickelte, indem die wirtschaftlichen Interessen
zu selbständiger Vertretung in gewissen besonderen gesellschaftlichen Organen gelangten,
hurde das volkswirtschaftliche Leben für die Vorstellungen der Menschen ein begrifflich
don Staat und Recht, Kirche und Familienleben, Kunst und Technik getrenntes Gebiet.
Freilich vollzog sich die Trennung mehr in den Gedanken der Menschen als in der
Wirklichkeit. Denn die wirtschaftenden Personen blieben nach wie vor Bürger und
—V Faiilien, der Kirchen, der socialen Klaffen, sie
handelten auch wirtschaftlich nach wie vor in der Regel unter dem Impuls aller der
Gefühle und Triebe, der Vorstellungen und Ideen, welche ihrer Zeit und Rasse, ihrer
Gesitiung und Bildung überhaupt entsprachen. Freilich konnte unter der Einwirkung
der entwickelteren volkswirtschaftlichen Interessen das ganze Triebleben und die ganze
Moral, zumal in bestimmten Kreisen, sich äandern. Aber immer blieben diese veränderten
psychischen Elemente Teile des einheitlichen Volksgeistes, wie ein großer Teil der wirt—
chaftlichen Organe zugleich solche für andere Zwecke blieb, wie der Staat nicht auf—
zörte, das Centralorgan für die verschiedensten Zwecke zu sein.
Die Volkswirtschaft ist so ein Teilinhalt des gesellschaftlichen Lebens; auf natürlich—
technischem Boden erwachsen, ist ihr eigentliches Princip die gesellschaftliche Gestaltung
der wirtschaftlichen Vorgänge. Auch das Technische, die wirtschaftlichen Bedürfnisse, die
Bepflogenheiten des Ackerbaues, des Gewerbfleißes, des Handels erscheinen der volks—
wirtschaftlichen Belrachtung als Züge gewisser Klassen oder des gemeinsamen Volkstums
oder bestimmter Völkergruppen. Die gesellschaftlichen Beziehungen und Zusammenhänge
des Wirtschaftslebens wollen wir erfassen, wenn wir die Volkswirtschaft studieren. Daher
Honnten zeitweise die Wert-, Preis-, Gelde, Kredit-⸗ und Handelserscheinungen als der
dern der voltswirtschaftlichen Fragen erscheinen. Daher fragen wir, wenn wir die
konkreten Züge einer einzelnen Volkswirtschaft erkunden wollen, zwar zuerst nach Größe,
dage und Klung des Landes, nach seinen Naturschätzen und seinen natürlichen Verkehrs—
mitteln, aber wichtiger ist uns doch, gleich zu erfahren, wie das Volk diese natürlichen
Gaben nutze, durch Veranstaltungen einträglich mache; wir wollen wissen, wie groß
nv vicht vie Bepoölkerung und die vorhandene Kavitalmenge sei, noch mehr, wie diese
        <pb n="18" />
        3 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Menschen geistig und sittlich beschaffen, technisch geschult, wie ihre Sitten und Bedürf—
nisse entwickelt, wie sie in Familien, Höfen, Dörfern und Städten organisiert seien, wie
Vermögen und Kapital verteilt, Arbeitsteilung und sociale Klafsenbildung gestaältet, wie
das Marktwesen, der Handel, das Geldwesen geordnet seien, wie Finanzen und staats—
wirtschaftliche Institutionen die Einzelwirtschaften und den wirtschaftlichen Fortschritt
beeinflussen. Denn die Volkswirtschaft ist das als ein Ganzes gedachte und wirkende,
von dem einheitlichen Volksgeist und von einheitlichen materiellen Ursachen beherrschte
System der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Vorgänge und Veranstaltungen des Volkes.
Zu diesen Veranstaltungen gehört auch der Staat. Ohne eine fest organifierte
Staatsgewalt mit großen wirtschaftlichen Funktionen, ohne eine „Staatswirtschaft“ als
Centrum aller übrigen Wirtschaften kann eine hochentwickelte Volkswirtschaft nicht
gedacht werden. Diese Staatswirtschaft mag, wie die befehlende und eingreifende Staats—
gewalt selbst, eine viel größere Rolle in dieser, eine viel kleinere in jener Volkswirtschaft
spielen, vorhanden ist sie stets. Es war ein schiefes Phantasiebild, sich eine natürliche
Volkswirtschaft außerhalb und getrennt von allem Staate und aller Staatseinwirkung
vorzustellen. Es führt auch leicht zu falschen Schlüssen, wenn man das staatliche Leben
sich ausschließlich unter dem Bilde eines Systems eentralisierter Kräfte, das volkswirt—
schaftliche als unter dem eines Systems freier, sich selbst bestimmender Einzelkräfte vor—
stellt. Beides sind die verschiedenen Seiten eines und desselben socialen Körpers. Im
Staat wie in der Volkswirtschaft ist eine Einheit pfychischer Kräfte vorhanden, die
unabhängig von äußerer Organisation wirken; im Staat und in der Volkswirtschaft
vollziehen sich zahlreiche Vorgänge auf der Peripherie ohne direkte und bewußte Leitung
von einem organisierten Centralpunkt aus. Auch die Volkswirtschaft hat centrale Organe,
wie z. B. große Banken, centrale Verkehrsinstitute, Wirtschaftsvertretungen, Handels—
und Ackerbauministerien. Nur sind sie nicht so zahlreich und so centralisiert, wie die
Organe des Staates. Die politischen Funktionen bedürfen in umfassenderem Maße der
einheitlichen Zusammenfassung. Die Volkswirtschaft ist ein halb natürlich-technisches,
halb geistig-sociales System von Kräften, welche zunächst unabhängig vom Staat ihl
Dasein haben, verkümmern oder sich entwickeln, die aber bei aller höheren und kompli—
zierteren Gestaltung doch von Recht und Staat feste Schranken gesetzt erhalten, nur
in Übereinstimmung mit diesen Mächten ihre vollendete Form empfangen, in steter
Wechselwirkung mit ihnen bald die bestimmenden, bald die bestimmten sind.
Wenn wir so die Volkswirtschaft als einen Teilinhalt des gesellschaftlichen Lebens,
als die eine Seite des socialen Körpers bezeichnen, so liegt es auch nahe, daß sie nur
im Zusammenhang mit den übrigen geseilschaftlichen Erscheinungen zu verstehen ist.
Wir versuchen daher einleitend zu einem Verftändnis des gesellschaftlichen Lebens über—
haupt und hauptsächlich der psychischen, sittlichen und rechtlichen Grundlagen desfelben
zu kommen. Diese Betrachtungen geben uns zugleich Gelegenheit, einige der principiellen
Fragen, welche auf dem Grenzgebiete zwischen Volkswirtschaftslehre einerseits und Staats—
lehre, Pfychologie, Ethik und Kechtsphilosophie andererseits liegen, schon hier zu erledigen.
Daran knüpfen sich dann am passendsten die nötigen Bemerkungen über die Geschichte
der Litteratur und die Methode unserer Wissenschaft an.

II. Die psychischen, sittlichen und rechtlichen Grundlagen der
Volkswirtschaft und der Gesellschaft überhaupt.

Die Zwecke und die Mittel des gesellschaftlichen Jusammenschlusses.
erbert Spencer, Die Principien der Sociologie. 4 Bde. Deutsch 187797. — Schäffle,
Bau 38 Leben erree Körpers. 4 Bde. 1875—78, 2. Aufl. 2 Bde 1896. — Tard'e, Les
ois de l'imitation 1895. 2. Aufl.

J.

4. Gehen wir, um zu einem ersten rohen Verständnis des gesellschaftlichen Lebens
zu kommen, von der sichersten und allgemeinsften socialen Erfahrung aus, so ist es
        <pb n="19" />
        Der Geschlechtszusammenhang. Die Kriegs⸗ und Friedensgemeinschaft. 7

unzweifelhaft die, daß die Menschen aller Rassen, aller Zeiten, aller Erdteile, sofern sie
ur was über den rohesten Zustand sich erhoben hatten, stets in Gruppen vereinigt
gefunden wurden. Die kleineren Gruppen, die Horden oder Stämmchen, bestehen aus
einer Anzahl blutsverwandter Individuen verschiedenen Alters und Geschlechts; die
größeren, die Stämme und Völker, aus einer Summe zusammenhaltender Untergruppen,
d. h. Familien und Sippen, Gemeinden, Gilden oder sonstwie Vereinten. Die kleineren
alteren wie die größeren späteren Gemeinschaften stehen sich teils feindlich, teils freundlich
gegenüber; stets aber sind die Mitglieder der Gruppen unter sich enger verbunden als
t den Gliedern anderer, häufig ihnen feindlicher Gruppen. Nirgends hat man in
historischer Zeit anders als ausnahmsweise ganz isoliert lebende Menschen getroffen,
die nachweislich plötzlich angefangen hätten, sch zusammen zu thun, ein Gemeinwesen
zu gründen. Der Mensch gehörte stets zu den Herdentieren. Aber er ist kein —
ocrr in dem Sinne, daß ein unterschiedsloser Geselligkeitstrieb ihn veranlaßte,
Anschluß an jedes andere menschliche Wesen zu fuchen; er thut dies stets nur in der
Weise, daß der Anschluß an die einen Absonderung von den anderen bedeutet.
Was sind nun aber die äußeren, jedem sichtbaren Zwecke, wegen deren der Zusammen⸗
schluß sich vollzieht; erst wenn wir auf sie einen Blick geworfen, werden wir uns über
die Milltel verständigen können, durch welche aller Anschluß, alle Verständigung erfolgt.
Hauptsächlich drei Zwecke treten uns da als die wichtigsten entgegen, deren Verfolgung
die Menschen stets zur Gemeinschaft und Gruppenbildung veranlaßt hat, welche starke
Gemeingefühle in Zusammenhang mit den betreffenden Interessen und Vorstellungen
bei den Teilnehmenden erzeugen.
Die Geschlechtsverbindung und der Blutszusammenhang ist das
stärksfte und ältefte Princip gesellschaftlicher Gruppierung. Lange Zeiträume hindurch
haben nur die Blutsverwandten und ihre Rachkommen Staͤmmchen und Stämme gebildet.
Die einheitliche Abstammung und das Zusammenaufwachsen ergab ähnliche Eigen—
schaften und starke sympathische Gefühle; nur wer desselben Blutes war oder künstlich
als solcher durch äußerliche Blutmischung fingiert wurde, war Genosse, jeder andere war
Feind. Wenn im Stamme Untergruppen sich bildeten, so waren sie selbst wieder durch
die Abstammung bestimmt, wie die Stellung jedes einzelnen in Untergruppe und
Stamm; das Verhältnis zu anderen Stämmen hing wesentlich von der Vorstellung
ab, ob man sich für verwandt hielt. Auch nachdem längst andere Bande der Gemein⸗
samkeit hinzugekommen und die Vorstellungen uͤber den Blutszusammenhang gelockert,
teilweise ersetzt hatten, blieb das Gefühl gemeinsamer Abstammung für die Mehrzahl
der Menschen der stärkste Kitt, der die Gruppen, Stämme, Nationen, Völker und Rassen
zusammenhält, blieben die immer neu sich knüpfenden Verwandtschaftsbande in den
engeren Kreisen der Gesellschaft die stärkste Quelle für sympathische Gefühle und die
wichtigste Veranlafsung zu gemeinsamer auch wirtschaftlicher Thätigkeit, zu Verträglich—
keit, zu Aufopferung, zur Entstehung aller möglichen Tugenden. Wir kommen auf diese
Dinge unten in dem Abschnitt über Familie und Geschlechtsverfassung zurück.
Die Friedens- und Kriegsgemeinschaft erwächst naturgemäß aus dem
Blutszusammenhang. Die Stämme und Völker sind nach innen durch die starken
sympathischen Gefühle und tägliches Zusammensein auf den Frieden, nach außen auf
die gemeinsame Abwehr aller Gefahren und aller Feinde angewiesen; nur unter der
Doppelbedingung des Friedens nach innen, des gemeinsamen Kampfes nach außen können
sie sich erhalten, können sie sich fortpflanzen und können sie wachsen. Zugleich ist klar,
daß die Veranstaltungen hiefür eine Menge neuer Vorstellungen und Interessen wecken,
und daß hieran einerseits staärkere Gefühle und Triebe des Hafses, der Kampflust gegen—
über Außenstehenden sich knüpfen, und daß andererseits damit der innere Zusammenhalt
wächst; nichts stärkt die Gemeingefühle mehr als gemeinsame Kämpfe und die Erinnerung
daran; nichts dämpft innerhalb des Stammes die Ausbrüche der rohen Leidenschaft
mehr als die Friedensveranstaltungen. Mögen sie noch so langsam erwachsen; schon
die geordnete Blutrache, dann das Kompositionensystem sind tiefgreifende Versuche der
Streiteinengung, zuletzt siegt das Verbot ijeder Selbsthülfe und die Ersetzung jeder
        <pb n="20" />
        Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

privaten Rache durch den Richterspruch der Altesten, der Fürsten: das große Princip
wird proklamiert, daß im Staate nicht der Faustkampf, sondern die Gerechtigkeit herrschen
solle, daß alle Reibungen und Kämpfe im Innern nur innerhalb enger Schranken fich
bethätigen dürfen. Und solches scheint da doppelt nötig, wo man aller Kräfte nach außen
bedarf. Die sociale Zucht, die Unterordnung der einzelnen unter gemeinsame Zwecke,
die Zusammenfassung der Kräfte gelingt in erster Linie durch den Kampf und den Krieg
mit anderen Stämmen und Gemeinwesen. Die Stämme, deren Lebensweise körperliche
Kraft und Ausbildung des Mutes begünstigte, in denen kühne Kriegshäuptlinge aus
den freiwilligen Beutezügen heraus ein allgemeines Zwangsprincip der kriegerischen
Organisation herzustellen wußten, wurden fähig, die Mittelpunkte von Stammesbündnissen
 zu werden, schwächere Nachbarn zu vernichten oder zu unterwerfen, Reste
halb aufgeriebener Stämme sich in verschiedener Form einzuverleiben. Solches war nur
möglich durch Aufrichtung einer befehleuden Gewalt, durch Gehorsam, Disciplin, kriege⸗
rische Ubung, Vorratssammlung, Schutzbauten, kurz durch eine gesellschaftliche Einrichtung,
die eine königliche Gewalt überhaupt für alle Lebensgebiete schuf, in ihre Hand einen
Machtapparat legte, der fähig war, Recht zu sprechen, Frieden zu stiften, gemeinfame
Zwecke aller Art zu verfolgen. „Daß sich das politische Staatswesen aus dem Kriegs—
wesen entwickelt hat“, sagt Tylor, „unterliegt keinem Zweifel. Eine konstitutionelle
Regierung ist eine Einrichtung, dürch welche eine Nation vermittelst der Maschinerie
eines Militärdespotismus sich selbst regiert.“ Jedenfalls ist durch nichts so sehr wie
durch die militärische Organisation der Einfluüß der Autoritäten in der Gesellschaft
gesteigert, das Princip einer einheitlich-befehlenden Gewalt über gehorchende Massen
ausgebildet worden, hat durch nichts so sehr die rechtsprechende Gewalt die nötige
Macht und Exekutive erhalten, so daß wir heute, den Kernpunkt aller staatlichen
Organisation in der Kriegshoheit und Justizhoheit sehend, nicht fehlgehen, wenn wir
sagen: alle höhere Gefellschaftsentwickelung geht aus von der Friedensgemeinschaft nach
innen und von der Kampfesgemeinschaft nach außen.
Die Siedlungs- und Wirtschaftsgemeinschaft schließt sich direkt an
die primitiven Bluts-, Friedens- und Kriegsgemeinschaften an. Auch so lange diese
noch unstät von Ort zu Ort zogen, je nachdem die Möglichkeit der Ernährung, der
Sieg oder die Niederlage sie weiter trieb, hatten sie zeitweise gemeinsam bestimmte
Gaue, Thäler, Ebenen inne. Aber die Beziehungen zum Boden wurden erst dauernd
und tiefgreifend, als sie den Acker-, Garten⸗ und Wasserbau, als sie gegen Feinde durch
Wall und Graben sich dauernd zu schützen, Häuser zu bauen, den Boden zu teilen
gelernt hatten. Mit der festen Siedlung, diesem so überaus wichtigen wirtschäftlichen.
stets ursprünglich durch die Gemeinschaft vorgenommenen Akte entstehen die dauernden
Nachbarschaftsbeziehungen, das Heimatsgefühl, die Vaterlandsliebe. Die gesamten
Glieder eines Slammes sehen sich nun seltener, die am selben Orte wohnenden häufiger;
neben die Beziehungen der Bluts- treten die der Ortsgemeinschaft; es bilden sich für
wirtschaftliche, für Schutz⸗, für Verkehrs- und andere Zwecke die Orts- und Nachbar—
verbände; die Gebietskörperschasten umfassen bald Leute verschiedenen Blutes; aus dem
Stamme wird der mit einem bestimmten Lande verknüpfte Staat. Wir kommen unten
beim Siedlungswesen und den Gebietskörperschaften hierauf zurück.
Mit der festen Siedlung und der ersten Bodenverteilung erwachsen innerhalb des
socialen Körpers eine Reihe kleinerer fester gefügter Gemeinschaften, die Familien mil
ihrer Haus- und Hofwirtschaft, die Sippen, d. h. die Geschlechtsverbände, die Grund—
herrschaften, die Orisgemeinden und Gaue, welche alle in sich nun stärkere Gemein—
gefühle, festere Ordnungen der Herrschaft und Genossenschaft ausbilden, wie umgekehrt
bestimmte Gegensätze und Spaltungen mit der Berufs und Arbeitsteilung, mit der
verschiedenen Stellung und dem verschiedenen Besitz sich ergeben. Und wo vollends der
Tausch- und Geldverkehr sich entwickelt, die Arbeitsteilung weiter voranschreitet, sociale
Klassen entstehen, da bilden sich in steigendem Umfang eine Menge vielverzweigter wirt—
schaftlicher Beziehungen, Abhängigkeits- Dienst- und Vertragsverhältnisse, neue dauernde
Gruppierungen aller Art neben den tausendfachen täglich erfolgenden vorübergehenden
        <pb n="21" />
        Siedlungs-, Wirtschafts- und sonstige Gemeinschaft. 9

Geschäftsberührungen; Staat und Gemeinde fordern Steuern und Dienste aller Art
nach komplizierten Maßstäben: es bildet sich das unendlich verzweigte System wirt—
schaftlicher Gemeinschaft, das wir schon oben (S. 2—24) kurz zu schildern suchten, das
in seinem Schoße aber ebenso sehr die Gegenfätze steigert, die Individualitäten ent—
wickelt, die einzelnen durch die Lust an der Herrschaft, am Besitz und am Mehr⸗
haben in Gegenjfatz bringt, wie es immer wieder über die Gegensätze hinweg durch
größere gemeinsame Organisationen und Schaffung stärkerer Gemeingefühle die Elemente
zusammenfaßt.
Sind die Blutsbande, die Kriegs- und Friedensgemeinschaft und die wirtschaft⸗
lichen Beziehungen die elementarsten und wichtigsten Veranlaffungen zu gesellschaftlicher
Organisation, so entstehen mit der höheren Kultur daneben eine Reihe weiterer Zwecke,
wie Gottesdienst, Erziehung, Kunst, Gesundheitspflege und Ahnliches,
welche sociale Beziehungen und Gemeinschaften und damit neue Vorstellungsreihen,
Gefühle und Ziele des Handelns erzeugen. Es bilden sich jene höheren Funktionen und
Formen des gesellschaftlichen Lebens, wie Sitte, Recht, Moral, Religion, deren Ent—
wickelung zuerst als Mittel für die älteren nächstliegenden Zwecke, dann aber als Selbst⸗
zweck und beherrschender Regulator alles Handelns erscheint. Ihr eigenartiges Dasein
schafft wieder neue gesellschastliche Beziehungen und Gemeinschaften, auf die wir weiterhin
zu kommen haben werden.
Hier waren sie nur zu erwähnen, um eine Vorstellung davon zu erwecken, wie
die gesellschaftlichen Zusammenhänge sich anknüpfen an eine Reihe gemeinsam erstrebter
Zwecke und Ziele. Jeder dieser Zwecke erzeugt eigenartige Zusammenhänge, Gemein—
schaften, Vorstellungen und Gefühle; jeder muß aber dulden, daß die anderen neben
ihm verfolgt werden. So entsteht ein System, eine Hierarchie von socialen Zwecken
und Zielen, wobei die einen sich keils als Mittel für die anderen, teils als Hindernis
herausstellen; es muß also eine Neben- und Unterordnung der Zwecke, eine Ineinander—
fügung und Anpassung, ein geordneter Zusammenhang in den Gefühlen, Vorstellungen
und Institutionen sich herstellen. Hier liegt gleichsam das Geheimnis der socialen
Organisation, hier liegt der Punkt, von dem aus es zu verstehen ist, daß Familien⸗,
Rechts-, Staats? und Wirtschaftsverfassung sich stets gegenseitig bedingen, nie getrennt
verstanden werden können.
Mit all' diesen Thatsachen und ihrem Zusammenhang ist aber noch keineswegs
erklärt, wodurch die Menscheu in Stand gesetzt sind, für alle möglichen Zwecke Ver⸗
bindungen anzuknüpfen. Man hat darauf hingewiesen, daß auch die höheren Tiere
herdenweise zu Verteidigungs- und Arbeitsgemeinschaften zusammentreten. Man hat
gesagt, der Mensch sei ein kräftigeres und klügeres Raubtier, aber auch ein mit viel
stärkeren Gemütsimpulsen und Gemeinschaftsgefühlen ausgestattetes Herdentier als die
anderen Lebewesen; darauf beruhe seine Herrschaft über die ganze Natur und die Ausbildung
seiner socialen Fähigkeiten. So viel scheint jedenfalls klar, daß die feinere Organisation
unseres Körpers, unserer Nerven, unseres seelischen Apparates eine leichtere Verständigung
der Menschen als der Tiere untereinander herbeiführt. Die höhere Stellung des Menschen
beruht darauf, daß er bessere, reichere Verständigungsmittel für sociales Zusammenwirken
und damit staͤrkere Gemeingefühle, ein helleres Bewußtsein über Zwecke höherer und fern⸗
liegender Art, ihre Folgen, ihre gemeinsame Verfolgung sich erwarb. Eine starke Aus⸗
bildung der Mii- und Gleichgefühle stand an der Geburtsstätte alles gesellschaftlichen
Daseins. Kein anderes Wesen steht so unter der ansteckenden Herrschaft der Umgebung
von Seinesgleichen, kein anderes kann sich schon durch Gesten so verständigen, Gefühle
und Vorstellungen austauschen. Wie der Mensch gähnt und lacht und tanzt, wenn
ex gähnen, lachen und tanzen sieht, wie die rauschende Militärmusik in Hunderten von
Gassenjungen uͤnwillkürlich Reflexbewegungen und Muskelgefühle erzeugt, die sie fort—
reißt, im Takte mit zu marschieren, so wirkt alles Menschliche ansteckend. Wie der junge
Vogel singen lernt durch Nachahmung der alten, so und in noch viel höherem Grade
ahmt der Mensch nach; alle Erziehung der Kinder besteht in unzähligen Anläufen und
Aufforderungen zur Nachahmung. Und so lange der Mensch frisch und bildungsfähig
        <pb n="22" />
        10 Einleitung. Begriff. Pfychologie und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

bleibt, ahmt er bewußt oder unbewußt täglich und stündlich Unzähliges nach. Wie
der Hypnotiseur sein Medium, so zwingen überall die führenden Menschen die Masse
in ihren Bannkreis, und tauschen alle sich Berührenden ihre Gefühle und Gepflogenheiten
unwillkürlich aus. So konnte Tarde sagen: eine Gesellschaft ist eine Gruppe vom Wesen,
die fich untereinander nachahmen, oder die ähnliche Nachkommen solcher Wesen sind, die
sich früher nachgeahmt haben.
Die ununterbrochene und unwiderstehliche psychische Wechselwirkung und Suggestion
aller sich Berührenden stellt den verbindenden Strom dar, der gemeinfame Gefühle,
Verständigung, Ineinanderpassung, sowie Abschließung gegen außen herbeiführt. Aber
dieser Strom wäre ewig schwach geblieben, wenn er nicht durch die Sprache, die Schrift,
die Vervielfältigung derselben, sowie durch die Methoden ihrer Verbreitung und Benutzung
eine Kraft erhalten hätte, welche sich zu der wortlosen Verständigung und Wechselwirkung
verhält, wie die heutigen starken elektrischen Induktionsströme zu den schwachen galva
nischen Strömen.

2. Die pfychophysischen Mittel menschlicher Verständigung: Sprache und Schrift.

Herdex, Uber den Ursprung der Sprache. 1772. — Jakob Grimm, Über den Ursprung
der Spraͤche, Kleine Schriften 1 1864. — La zarus, Geist und Sprache, Leben der Seele. 2, 1867. —
Steinthal, Der Ursprung der Sprache im Zusammenhang mit den letzten Fragen alles Wissens 1877.
Steinthal, Die Entwickelung der Schrift. 18880 Wulltke, Geschichte der Schrift und
des Schrifttums. 18723. — Faulmann, Illustrierte Geschichte der Schrift. 1880. — Kirchhoff,
Die Handschriftenhändler des Mittelalters. 1888 — Wakltenbach, Zas Schriftwesen des Mittel.
alters. 1871. — Treutlin, Geschichte unserer Zahlzeichen. 1875.
Falkenstein, Geschichte der Buchdruckerei 1840. — Kirchhoff, Beiträge zur Geschichte des
deutschen Buchhandels. 1881-53. Archtv für Geschichte des deuischen Buchhandels. — Buchner,
Beiträͤge zur Geschichte des deutschen Buchhandels. 1874. — Jul. Duboc, Geschichte der englischen
Presse. 1873. — Wuttke, Die deutschen Zeitschriften und die Enistehung der öffentlichen Meinung 1875.
Karl v. Raumer, Geschichte der Päbdagogik seit dem Wiederaufblühen klass. Studien bis auf
unsere Zeit. 5. Aufl. 1877 ff. — Karl Schmädit, Geschichte der Pädagogik. 3. Aufl. 1878 -76.
Sander, Lexikon der Pädagogik. 1888.
Edwards, Mémoirs“of libraries. 1889. 2 Bde. — Ders., Libraries and founders of
libraries. 1865.

5. Die Sprache. Die Sprachbildung ist Gesellschaftsbildung, die Sprachlaute
sind Verständigungslaute. Man hat beobachtet, daß gewisse Tiere bis zu 10, 12, ja
20 verschiedene Töne haben, deren jeder den Genossen eine andere Stimmung andeutet.
Der gemeine Mann foll selbst mitten in der heutigen, aufgeklärten Gesellschaft nicht über
300 Worte gebrauchen, während der Gebildete es bis zu 100 000 und mehr bringt.
In diesen Zahlen drückt sich wenigstens einigermaßen die steigende Fähigkeit zur Ver—
gesellschaftung aus.
Die Entstehung der Sprache ist eine Seite an dem Vernünftigwerden des Menschen.
Die Anschauungen und Vorstellungen werden erst in wenigen, dann in mehreren Lauten
und Worten vergegenständlicht. Der Mensch will sich dem Menschen verständlich machen;
wie wir schon sahen, wirken Gebärden, Gefühle und Leidenschaften ansteckend; was
den einen erfüllt, klingt sympathisch beim anderen an. Das Fühlen, Vorstellen und
Denken kommt durch das Zusammensein mit anderen in Fluß, und so entstehen durch
die Gesellschaft und durch die sympathischen Gefühle die Verständigungslaute und mit
ihr die fixierten Vorstellungen und Begriffe, das Denken selbst. Alle Erweiterung fester
Beobachtung, alle umfassende Klafssifikation der Erscheinungen, alle Anhäufung der
Erfahrung, alle Entstehung allgemeiner Urteile und das Weiterschließen daraus hängt
an der Ausbildung fester Lautzeichen. Die Autorität des Vaters, des Häuptlings
wirkt mit, das lose, eben erst entstehende Band, das im verstandenen Worte liegt, etwas
fester zu ziehen. Es entsteht mit der Sprache und dem Denken das gefellschaftliche
Bewußtsein.
Freilich zunächst nur in wenig fester Form. Die Ursprachen umfassen kleine
Gruppen von Menschen. Je niedriger die Kultur, desto zahlreichere verschiedene Sprachen
        <pb n="23" />
        Die Sprache als Vergesellschaftungsmittel. 11

giebt es, und desto rascher bilden sie sich selbst um. Die unstäte Lebensweise wandernder
Jägerstämme erlaubt nicht das stete und scharfe Festhalten derselben Lautzeichen. Die
Urenkel verstehen die Urgroßväter nicht mehr; jeder sich absplitternde Teil hat bald eine
eigene Sprache. Wenn es jetzt gegen 3000 Sprachen auf der Erde geben soll, so
kommen davon auf das kultivierte EüUropa nur 53. Je größer die Gemeinwesen werden,
desto größere Sprachgebiete mit um so ausgebildeterer Sprache entstehen.
Der begabtere Stamm hält das Werkzeug der Gedanken fester; die komplizierteren
Kulturvorgänge, die festere Gliederung der Gesellschaft, die Vergrößerung des Stammes
und Staaltes vefestigen die Sprache und breiten sie aus. Das Bedürfnis, durch deut—
liche, klare Sprache sich einem immer größeren Kreis Verschiedenartiger deutlich zu
machen, wird von den Herrschenden, wie von den Tauschenden empfunden. Einzelne
Sprachen sind wesentlich mit durch den Verkehr in den Grenzgebieten, wo ausgleichender
Güteraustausch herrschte, entstanden. Die Ausbildung der Sprache ist ein stündlich
und täglich sich erneuernder Vertrag aller mit allen, welche sie reden. Im Sprachschatz
sammelt sich das Anschauen, Vorstellen und Denken aller vorangegangenen Geschlechter.
Sie ist die symbolische Kapitalisierung der geistigen Arbeit eines Volkes. Sie ist das
Instrument der geistigen Erziehung für die heranwachsende Generation.
Die Sprache — sagt Herbart — ist es, welche das eigentliche Band der mensch—
lichen Gesellschaft knüpft. „Denn vermittelst des Wortes, der Rede geht der Gedanke
und das Gefühl hinüber in den Geist des anderen. Dort wirkt er neue Gefühle und
Gedanken, welche sogleich über die nämliche Brücke wandern, um die Vorstellungen des
ersteren zu bereichern. Auf diese Weise geschieht es, daß der allermindeste Teil unserer
Gedanken aus uns entspringt, vielmehr wir alle gleichsam aus einem öffentlichen Vorrat
schöpfen und an einer allgemeinen Gedankenerzeugung teilnehmen, zu welcher jeder
einzelne nur einen verhältnismäßig geringen Beitrag liefern kann. Aber nicht bloß die
Summe des geistigen Lebens, sofern sie im Denken besteht, ist ursprünglich Gemeingut,
sondern auch der Wille des Menschen, der sich nach Gedanken richtet. Die Ent—
schließungen, die wir fassen, indem wir auf das, was andere wollen, Rücksicht nehmen,
geben deutlich zu erkennen, daß unsere geistige Existenz ursprünglich gesellschaftlicher
Natur ist. Unser Privatleben ist nur aus dem allgemeinen Leben abgesondert, in
welchem es seine Entstehung, seine Hülfsmittel, jeine Bedinaungen, seine Richtschnur
findet und immer wieder finden wird.“
Die historische Ausbildung der großen Kultursprachen, ihre Fixierung durch die
Schrift, die siegreiche Herrschaft eines Dialekts über die anderen, die räumliche Aus—
breitung der höher stehenden Sprachen stellt den Prozeß des geistigen Werdens der Volks—⸗
seele, des Volkscharakters dar. Wie man das germanische Accentgesetz, nach welchem
im einfachen Wort die Wurzelsilbe den Hauptton trägt, in Zusammenhang brachte
mit den Charakterzügen unseres Volkes, aus welchen auch sein Heldengesang, seine
Heldenideale, sein geistiges Wesen bis auf unsere Tage entsprang, wie man aus den
zgesamten Sprachdentmälern unseres Volkes ein System der nationalen Ethik hat auf⸗
bauen wollen (W. Scherer), so giebt es auch für die anderen Kulturvölker und ihr
innerstes Wesen keine anderen, besseren Schlüsfel der Erkenntnis als ihre Sprache und
ihre Sprachdenkmäler.
Die Berührung der Stämme und Völker untereinander aber von den ersten An—
fängen des Tauschverkehrs bis zum heutigen Welthandelssystem beruht auf der Mehr—
sprachigkeit der Händler, der Gebildeten, der Regierenden, auf der Herrschaft von Welt—
sprachen, wie sie einst das Griechische und Lateinische waren, dann das Franzöfische und
Englische wurden. Die Wirkung der nationalen Kulturen aufeinander, die Überlieferung
der geistigen Schätze vergangener Völker auf die späteren, die zunehmende Ubereinstimmung
aller gesellschaftlichen Einrichtungen der verschiedenen Völker ruhen auf derselben Grund—
lage. Das Ideal einer letzten fernen Zukunst wäre die einheitliche Weltsprache.
6. Die Schrift ist es, welche gleichsam als potenzierte Sprache erst alle die
tiefergreifenden Wirkungen derselben erzeugt hat.
        <pb n="24" />
        —12

Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Um Vorstellungen und Gedanken zu fixieren, Mitteilungen in die Ferne zu machen
und ihnen eine längere Dauer zu sichern, haben rohe Völker Kerbhölzer, Gürtel mit
Schnüren, an denen verschiedenfarbige Muscheln befestigt sind, dann die Tätowierung
angewandt. Die Inkas in Peru hatten eine Knoten-, die Azteken und Chinesen eine
Bilderschrift. Durch die Verkürzung der Bilder und ihre Verbindung mit Strichen
entstand die Wortschrift der Chinesen und Altägypter mit ihren Tausenden von Zeichen.
Es war ein ungeheurer Fortschritt, daß die Zeichen immer mehr den Charakter des
Bildlichen abstreiften, zu Symbolen für Silben und Buchstaben wurden; den Phönikern
gebührt das ungeheure Verdienst, zuerst mit 22 Lautzeichen alle Worte geschrieben zu
haben. Alle Kulturvölker, mit Ausnahme der asiatischen, führen den Stammbaum ihrer
Schriftzeichen auf das phönikische Alphabet zurück.
Dieselben Alphabetzeichen dienten dann ursprünglich auch zum Schreiben der
Zahlen; erst später wandelten sich diese Zeichen zu besonderen abweichenden Zügen um.
ünfere heutige Zahlenschreibweise ftammt aus Indien, ist durch die Araber im 18. Jahr—
hundert nach Italien gekommen, hat von da im 16. Jahrhundert über Europa sich
verbreitet.
Erst wer lesen kann, ist ein Mensch, sagt ein armenisches Sprichwort. Das ver—
nünftige Leben beruht auf dem Verständnis der Schrift, meint Diodor. Der Gedanke,
der mit dem gesprochenen Worte zündet, aber auch im nächsten Augenblicke verweht,
wird in der Schrift in ein totes Zeichen gebannt, das dem Auge für lange Zeiträume,
für Jahrhunderte und Jahrtaufende sichtbar bleibt. Die Zahl der Zuhörer ist immer
beschränkt, die der Leser unbeschränkt. Und so stellt das geschriebene Wort gleichsam
eine höhere Potenz der socialen Berührungsmöglichkeit dar, das Wort hat einen neuen
Leib angezogen, durch den es unabhängig von seinem Urheber eine lautlose Sprache in
alle Fernen und in alle Zeiten erklingen läßt. Mit der Schrift wird die Sprache
selbst erst fest und klar, der Gedanke schärfer; die Schriftsprache erzeugt erst im Laufe
der Zeit einheitliche Kultursprachen, welche autoritativ durch die Großthaten der geistigen
Heroen beherrscht, gereinigt, gehoben werden; die deutsche Sprache ist die Sprache
Luthers, Goethes und Rankes. Mit der Schrift entsteht erst eine sichere Erinnerung
und Überlieferung, eine Verbindung von Ahnen und Enkeln. Schriftlose Stämme und
Völker können nicht leicht voranschreiten, weil die Thaten ihrer großen Männer nur
schwer zu dauernden Institutionen führen. Die großen Fortschritte in Kultus und
Gottesverehrung, Sitte, Recht und Verfassung knüpfen alle an heilige Bücher, an
Gesetzestafeln, an schrifiliche Aufzeichnungen an. Erst aus Schrift- und Zahlzeichen
heraus konnte Maß und Gewicht, Geld und Marktpreis sich entwickeln. Dasselbe Volk,
dem wir unser Alphabet danken, vermittelte diese chaldäischen und ägyptischen Errungen—
schaften dem Westen.
Haben zuerst nur die Könige und die Priester auf Stein und Erz geschrieben, so
hat man später Leder und Pergament, Papyrusrollen und Wachstafeln auch in weiteren
streisen benutzt. Das Rechtsprechen und Verwalten, Befehlen und Berichten wurde
damit ebenso sehr ein anderes als das Kaufen, Tauschen und Geschäfte-Abschließen.
Die Benutzung der Schrift durch die einzelnen in Brief- und anderer Form hat dem
gesamten individuellen Leben einen anderen, höheren Inhalt gegeben. Neben dem Schrift—
tum der Priester, Richter, Gesetzgeber und Beamten entstanden die Aufzeichnungen der
Denker und Dichter, der Gelehrten und Journalisten, der Kaufleute und Unternehmer.
Aus dem mythischen Heldengesang und den Rhapsodien der fahrenden Sänger entstand
die Litteratur mit all' ihren Gattungen und tiefgreifsenden Wirkungen.
Herder hat Recht, wenn er sagt: „Die Sprache ist das unwesenhafteste, flüchtigste
Gewebe, womit der Schöpfer unser Geschlecht verknüpfen wollte. Die Tradition der
Schrift ist als die dauerhafteste, stillste, wirksamste Gottesanstalt anzusehen, dadurch
Nationen auf Nationen, Jahrhunderte auf Jahrhunderte wirken, und sich das ganze
Menscheugeschlecht mit der Zeit an einer Kette brüderlicher Tradition zusammenfindet.“
Das Schrifttum ist das große Behältnis alles geistigen Lebens der Menschheit, ein
Schatz, der, so lange die Kultur steigt, nur zu- nicht abnehmen kann.
        <pb n="25" />
        Die Schrift und ihre gesellschaftliche Wirkung.

13

7. Die Verbreitung und Vervielfältigung der Schrift bedeutet
eines der wichtigsten und tiefgreifendsten Mittel, das gesellschaftliche Dasein auf höhere
Stusen zu erheben.
Während die Schrift zuerst ein Geheimnis der Priester und der Herrscher darstellt
und ihr einflußreichstes geiftiges Machtmittel bildet, gewinnt schon das Bürgertum in
ben Staaten des Orients keil daran. Es wird üblich, daß die Eltern und die Haus—
lehrer der Vornehmen den Kindern Unterricht im Lesen und Schreiben erteilen. Und
bald sehen wir besondere Anstalten entstehen, welche den Unterricht systematisch an viele
erteilen. So hatten die Israeliten Knabenschulen, um die Kenntnis der heiligen Sprache
und die Kunde des Gesetzes zu erhalten, die Athener hatten neben ihren Redner- und
Philosophen- einfache Knabenschulen; ein Gesetz, das auf Solon zurückgeführt wurde,
gestattete dem Sohne, den Vater zu belangen, der ihn nicht gehörig hatte unterrichten
'assen. Das ältere Mittelalter kam über die Kirchen- und Klofterschulen für eine kleine
Minderheit nicht hinaus; erst vom 18. und 14. Jahrhundert an kamen dazu die
deutschen und lateinischen Stadtschulen. Die Reformalion erfaßte den Gedanken des
allgemeinen Volksunterrichts, aber bis in unsere Tage scheiterte er an der Schwierigkeit
der Kosten und der Schuleinrichtungen. Erst die preußischen Edikte von 1717 und
1736 sprachen den staatlichen Schulzwang aus; die Gebildeten zweifelten noch das ganze
18. Jahrhundert, ob den unteren Klassen dadurch nicht mehr geschadet als genützt
werde, ob'die Mädchen dadurch nicht liederlich würeen. Das 19. Jahrhundert endlich
—AV—— gemacht, die Analphabeten in den meisten Kultur—
staaten fast ganz beseitigt. Und über der Volksschule steht heute, seit lange vor—
Hereitet, ein geschlossenes System der mittleren und höheren Schulen, das nun zusammen
nit jener einen der wichtigsten Zweige nationaler Organisation und Verwaltung in
sedem Staate darstellt. Für die Geschichte der socialen Schichtung der Völker ist es
ines der wichtigsten Momente, wie die einzelnen Stände und Klassen zu jeder Zeit
mit Schulen ausgestattet waren, an dem Schrifttum teilnahmen oder von ihm aus⸗
geschlossen waren. J
Die ältesten Schriften- und Büchersammlungen gehen auf Agypten und Assyrien
zurück. In Griechenland hatten die großen Philosophen solche; später war die Bibliothek
n Alexandrien betühmt. Die ersten öffentlichen Bibliotheken in Rom gründeten Afinius
Pollio und Augustus. Die Aufgabe ging in christlicher Zeit auf die Klöster, in neuerer
auf die Fürsten über. Umsangreiche, und zahlreiche Stadt, und Schulbibliotheken hat
erst das 19. Jahrhundert gesehen, wie es auch erst die großen Bibliotheken der Haupt—
tädte und Universitäten auf den Rang der Alexandrinischen wieder drhob, den unteren
dlassen durch die Volksbibliotheken die entsprechende geistige Nahrung zuführte.
In Italien war zur Kaiserzeit die Kunst des Lesens und Schreibens wenigstens
in den Großstädten sehr verbreitet: es gab ein billiges und bequemes Material, die
zubereiteten Blätter einer Pflanze, eine große Klasse von Lohn- und Sklavenschreibern,
die von Unternehmern beschäftigt waren, einen ausgebildeten Buchhandel. In den
Schreibstuben der Unternehmer wurden Bücher abgeschrieben, Urkunden ausgefertigt,
Briefse diktiert. Rom erhielt sich stets als Büchermarkt. Aber im übrigen beschränkte
ich nach der Völkerwanderung die Schriftkunde während eines Jahrtausends auf die
Kleriker, die eben damit die geistige Herrschaft von Staat und Gesellschaft in Händen
hatten. Erst mit dem Aufkommen der Städte und des Bürgertums vom 13. Jahr⸗
hundert an entsteht wieder ein weltliches Schrifttum mit Lohnschreibern, Handschriften⸗
Jjandel und Vervielfältigung. Die chinefische Erfindung der Papierverfertigung aus
Baumwolle verbreitete ich seit den Kreuzzügen von den Arabern her nach Europa.
Die deutschen Papiermühlen entstehen von 1347 -1500. Mit dem steigenden Verkauf
der Bücher und Flugblätter auf den Messen sann man auf mechanische Mittel der Ver—
ielfältigung, schnitt erst die gangbarsten Schriften auf Holzplatten; Guttenberg erfand
1440 die dinzeinen Holzlettern und damit die Buchdruckerei. Ein lesendes Publikum
ind billiges Papier kam der großen Erfindung entgegen. Die Buchdruckerei wird der
große Hebel einer neuen Epoche des geistigen Lebens, einer vertausendfachten Wirkung
        <pb n="26" />
        4 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

des Schrifttums. Es entsteht der moderne Bücherdruck und die Presse, eine staatliche
Ordnung der Beaufsichtigung und Kontrolle derfelben, die Censur, die sogenannte Preß—
freiheit und alles, was damit zusammenhängt.
Die gazeta ist das Lesegeld, für welches man im 16. Jahrhundert die geschriebenen
Rachrichten über Kriegsereignisse in Venedig einsehen konnte. In Frankfurt kamen
Relationes semestrales halbjährlich deutsch und lateinisch heraus, denen 1618 die erste
wöchentlich gedruckte Zeitung solgte. In England verwandelte Nathaniel Butter seine
handschriftlich versandten News-Loettres 1622 in gedruckte. Das erste Tageblatt Eng—
ands datiert aber erst von 1709. In Deutschland war der Hamburger Korrespondent
m 18. Jahrhundert eigentlich die einzige Zeitung, welche die Weltbegebenheiten mit—
teilte. Das ganze heutige Zeitungswesen entwickelte sich stoßweise seit den politischen
Entscheidungsjahren 1789, 1880, 1848. Die großen deutschen politischen Zeitungen hatten
es bis vor kurzem über tägliche Auflagen von 10—270 000 Exemplaren nur ausnahms⸗
weise gebracht, die englischen haben solche bis zu 80 und 200 000, die amerikanischen bis
zu 8 und 400000. Die Gartenlaube setzte 1868 übrigens auch schon 250 000 Exemplare
ab. Die deutsche amtliche Zeitungsliste umfaßte Juli 1809 183658 Zeitungen und Zeit—
schriften, 8688 in deutscher Sprache. Wenn wir bedenken, daß jedes einzelne Zeitungsblatt
n viele, einzelne in Hunderte von Händen kommen, so können wir ung eine Vorstellung
davon machen, wie dieselben Nachrichten, Gefühle, Stimmungen heute täglich an
Millionen von Menschen herantreten und einen geistig verbindenden Strom herstellen,
der früher fast gänzlich fehlte, außer für die in den großen Städten täglich auf dem
Markte, dem Theater, in den Bädern, in den öffentlichen Versammlungen sich Sehenden.
Telegraphen, Posten, Eisenbahnen, Briefe, Bücher und Zeitungen vermitteln heute einen
Lerkehr, der den mündlichen so überragt, wie die Zahlungen im Wechsel- und Bank—
derkehr den Kleinverkehr mit Scheidemünze.
8. Die Folgen der heutigen geistigen Verständigungsmittel, die
Affentlichkert. Unser gesellschaftliches und politisches Leben, wi⸗ unser Marktverkehr,
die Preisbildung, die Kursnotierungen, der Welthaudel ruhen auf diesem organisierten
Nachrichtenwesen. Die Epochen der Ausbildung der Sprache, Schrift, Schule und Presse
sind zugleich die Epochen des politischen und wirtschaftlichen Fortschrittes. Es ist ein
sangsam in Jahrtausenden gebildeter großer psychophysischer Apparat, der in unseren
heutigen Gesellschaften gleichsam die Stelle der Nerben vertritt; alle geistige sociale
bg hangt von der Summe, Art und Organisation der in diesen Dienst gestellten
räfte ab.
Die öffentliche Meinung ist die Reaktion der zunächst mehr passiv sich verhaltenden
Teile der Gesellschaft auf die Wirkungsweise des aktiven Teiles. Bestimmte Nachrichten
erwecken bestimmte Gefühle und Stimmungen. Regierung, Parteiführer, Journalisten,
Kirchen⸗ und andere Lehrer, Geschäftshäuser und Boͤrsenlenile fuchen durch diesen psycho—
physischen Apparat heute auf das Publikum zu wirken, wie es früher nur Redner
sonnten. Reklame und Marktschreieret greifen ein, wie wahre Nachrichten und wirkliche
Aberzeugungen. Die öffentliche Meinung ist wie eine große Aolsharfe von Millionen
don Saiten, auf die die Winde von allen Richtungen heranstürmen. Der Klang kann
nicht immer ein einfacher und harmonischer sein; die verschiedensten Strömungen und
Melodien klingen durcheinander. Die öffentliche Meinung schlägt jäh um, fordert heute
dies und morgen jenes. Sie verzerrt die Nachrichten und bildet Mythen; sie arbeitet
jeute mit den Leidenschaften des Gemüts wie morgen wieder mit ruhiger Überlegung.
Man hat gesagt, die Unabhängigkeit von ihr sei die erste Bedingung zu allem Großen
und Vernuͤnftigen (Hegel). und doch ist sie andererseits die Traͤgerin der größten,
begeistertsten Thaten und Leistungen der Bölker und vie Voraussetzung der dauernden
Ausstoßung alles Ungesunden und Schlechten. Eine richtige Organisation der Offentlich—
eit, welche die Hervorzerrung des rein Privaten zu persönlichem Angriff nicht duldet,
aber ebenso wenig die Verheimlichung dessen, was alle oder größere Kreise wissen müssen,
im nicht getäuscht und betrogen zu werden, wird mit Recht heute als eine der ersten
Voraussetzungen eines normalen gesellschaftlichen Zustandes angesehen.
        <pb n="27" />
        Die Hffenklichkeit und die geistigen Kollektivkräfte. 15

Und Hartenstein sagt: „Hffentlichkeit ist eigentlich nur ein verschiedener Ausdruck
sür Gesellung. Der Grad der Offentlichkeit, der in einer Gesellschaft herrscht, ist so
ziemlich der direkte Maßstab für den Grad ihrer innern Verbindung.“

z. Die geistigen Bewußtseinskreise und Kollektivkräfte.

Herbart, Sämtliche Werke, Ausgabe 1851 (die Schriften fallen in die Zeit von 1006—),
hauptsächlich 4: Bruchstücke der Statik des Staates, Bruchstücke der Mechanik des Staates; 9: Uber
inige Beziehungen zwischen Psychologie und Staatswissenschaft. — Hartenstein, granmareisie
der ethischen Wissenschaften. 1844. — Lind ner, Ideen zur Psychologie der Gefellschaft. 1871. —
Lazatus und Steinthal, Zeitschrift für Völkerpsychologie, daraus hauptsächlich 13 Lazarus,
Einleitende Gedanken über Völkerpsychologie; 2: derf, Über das Verhältnis des Einzelnen zur Ge—
samtheit; 8: ders., Einige synthetische Gedanken zur Völkerpfychobogie; Rüdiger, Uber Natio⸗
nalität ꝛc. — Bagehot, Der Urspruug der Nationen. Deutsch 1874. 7 Gustave Rümelin, Über
den Begriff des Volkes. R. A. 1. Thnnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. 1887. — F. J. Neu—
nann, Volf und Ration. 1888. — Manche der neuesten sociologischen Schriften bewegen sich in
ihnlichen Wegen wie meine Ausführungen, ohne daß ich sie mehr im einzelnen benutzen konnte,
B. Novicovw, Conscience et volonté sociales. 1897. — Giddings,. The principles of
zociology. 1896.

9. Das allgemeine Wesen derselben. Man könnte die Sprache und die
Schrift als die Bindemittel der Gesellschaft bezeichnen, weil durch sie die Gefühle und
Vorstellungen, die Triebe und Willenskräste der einzelnen Menschen in Verbindung
und Übereinstimmung gebracht werden, und so die kollektiven geistigen Vorgänge und
die psychischen Maffenerscheinungen entstehen. Nur mit einer Theorie dieser Art ge⸗—
angen wir zu einer verständigen Vorstellung von dem, was man die geistigen Kollektiv—
räfte nennen kann, und damit zu einer richtigen Auffassung der Wechselwirkung von
Individuum und Gesellschaft.
Natürlich entsteht jedes Gefühl, jede Vorstellung, jeder Willensakt im einzelnen
Menschen; seine Sinne, fein Gehirn, sein Geistesleben sind das Instrument, an das sie
geknüpft sind. Dieses Instrument hat sich im Laufe der Kultur sehr vervollkommnet;
es erreicht in einzelnen Individuen jene wunderbare Kraft und Wirksamkeit, die wir
mit dem Namen des Genius bezeichnen. Es war begreiflich, daß mit den großen
historischen Tendenzen, welche vor allem seit dem 15. Jahrhundert auf größere An—
erkennung der einzelnen Individualität hinarbeiteten, in der praktischen Behandlung
und wißfenschaftlichen Betrachtung der einzelne Mensch für sich als das Letzte und
Höchste, als isolierte, selbständige Kraft erschien. Heute kommen wir von dieser Auf—
asfung zurück: wir mögen die Wirkung der großen Männer noch so sehr anerkennen,
sie erscheinen uns doch nicht mehr als isolierte Kräfte, die ganz allein von sich aus
Reues schaffen; wir sehen in ihnen nur führende Spiten, in denen die Gefühle und
Willensimpulfe bestimmter Kreise und Zeiten wie in einem Brennpunkt sich gesammelt
haben, und die von diesem Brennpunkt aus eine sehr verstärkte Wirkung ausüben. Wir
zeben heute zu, daß, um das Seelenleben der Völker zu verstehen, wir immer wieder von
der Untersuchung des gewöhnlichen, individuellen Seelenlebens ausgehen müssen, wie wir
3 in dem folgenden Abschnitte thun; aber wir betonen zugleich auch, daß das einzelne
Individuum ein Lämpchen oder eine Lampe, sei, auf das Familie und Umgebung, Nation
und Kirche, Kultur und Wissenschaft das Ol gieße, welches die Leuchtkraft ganz oder
teilweise bestimme. Natürlich kann das Lämpchen an sich vollkommener oder schlechter
sein; aber das Wichtigere ist doch meist, in welcher Verbindung es stehe mit dem un—
zeheuren Behältnis der überlieferien geistigen Arbeit. Wir sagen heute, mit dem nicht
zerade geschmackvollen Ausdruck, jeder Mensch sei beherrscht und bedingt von seinem
Milieu, d. h. von den ihn umgebenden Menschen und Bedingungen der Existenz, unter
welchen die geistigen Elemente die wichtigsten sind.
Wenn dem so ist, so werden die unter denselben Bedingungen lebenden, derselben
Rasse, demselben Volke, demselben Orte und damit denselben Urfachen und Einflüssen
unterliegenden Menschen, trotz vieler kleiner Abweichungen im einzelnen in den Grund—
        <pb n="28" />
        6 Einleitung. Begriff. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

zügen ähnliche körperliche und seelische Eigenschaften haben. Je niedriger die Kultur
eines Stammes und Volkes, je weniger Klassen-⸗, Bildungs- und andere Gegensätze in
ihm sind, je gleichere Lebensbedingungen alle beherrschen, desto homogener, unterschieds—
loser pflegen die Glieder einer Gemeinschaft in ihren Gefühlen, Interessen, Vorstellungen
und Sitten zu sein. Und wenn mit höherer Kultur, mit Klassen- und Bildungsgegen—
sätzen, mit Rassenunterschieden im selben Staate die persönliche Verschiedenheit wächst,
jo bleiben doch gewisse wesentlich bestimmende Einflüsse für alle oder die meisten Menschen
einer sochAn Gemeinschaft dieselben, und es wächst mit Sprache, Schrift und Litteratur,
mit dem ganzen geistigen Leben der einheitliche Strom der psychischen Beeinflussung,
der immer wieder, was social so wichtig ist, die zunehmende psychologische Rafsen- und
die wirtschaftliche Vermögensverschiedenheit zu überwinden sucht. Und gerade damit
entstehen die für alles gesellschaftliche Leben so wichtigen einheitlichen Stimmungs- und
Bewußtseinskreise, welche wir als geistige Kollektivkräfte bezeichnen. Sie reichen so weit
wie die Einheit der Ursachen und der geistigen Strömungen und Kontakte.
Es müssen sich in der einfachsten und kleinsten, wie in der größten und kompli—
ziertesten Gesellschaft, je nach der Übereinstimmung der körperlichen und geistigen Eigen—
schaften, je nach Berührung und Verbindung und je nach der Stärke des psychophysischen
Apparates, der das geistige Leben vermittelt, kleinere und größere Kreise bilden, welche
durch ähnliche oder gleiche Gefühle, Interessen, Vorstellungen und Willensimpulse ver—
zinigt sind, trotz aller Verschiedenheit im einzelnen. Die Kreise liegen teils in konzentrischen
Ringen übereinander, teils in excentrischen, sich schneidenden und berührenden neben—
zinander. Sie sind in steter Bewegung und Umbildung begriffen, stellen Kollektiv—
kräfte dar, welche das sociale, wirtschaftliche, politische, litterarische, religiöse Leben be—
herrschen. Nicht einen objektiven, unabhängig von den einzelnen und über ihnen
valtenden, sie inystisch beherrschenden Volksgeist giebt es, wie die historische Rechtsschule
sehrte; ebenso wenig einen allgemeinen Willen, der in allem übereinstimmte, wie
Roufseau träumte. Aber es giebt in jedem Volke eine Reihe zusammengehöriger,
einander bedingender und nach einer gewissen Einheit drängender Bewußtseinskreise, die
man als Volkẽgeist bezeichnen kann. Auch mit dem Namen des objektiven Geistes
können wir die Gesamtheit dieser geistigen Massenzusammenhänge, die von den kleinsten
Kreisen der Familie und der Freundschaft hinaufreicht bis zur Menschheit, bildlich und
im Gegensatz zur Psyche der einzelnen benennen. Man muß ihn nur richtig verstehen,
ich erinnern, daß er nicht außerhalb der Individuen, sondern in ihnen lebt, daß jedes
Individuum mit einem größeren oder kleineren Teil seines Selbst Bestandteil mehrerer
oder vieler solcher Kreise, solcher Teile des objektiven Geistes ist.
Sie äußern sich nun als Gefühls-, Vorstellungs- und Willensübereinstintmung
und werden dadurch zu Kräften eigentümlicher Art. Ihre Wirksamkeit ist deshalb eine
so große, weil das Gefühl oder das Bewußtsein der Gemeinsamkeit jeden geistigen
Vorgang merkwürdig verstärkt und befestigt. Jedes Gefühl wird lebendiger durch das
Bewußtsein der Teilnahme anderer; jede Vorstellung im isolierten Individuum fühlt
sich schwach und kümmerlich; jeder Mut des Willens wächst durch den Erwerb von
»einem oder wenigen Genossen. Je roher, je weniger kulturell entwickelt ein Mensch noch
st, desto weniger kann er ertragen, allein mit einer Idee oder einem Plan zu stehen.
Was zehn glauben, nehmen leicht weitere hundert an. Was Hunderte glauben, wird
leicht ohne Prüfung das Losungswort für Tausende und Millionen. Die rechte
Aulorität und die rechte Empfänglichkeit vorausgesetzt, ballen sich die geistigen Kollektiv—
kräfte lawinenartig zusammen. Die Übereinstimmung erzeugt Kräfte, welche die bloße
Summierung unendlich übertreffen. Die Mehrzahl der Menschen schließt sich, ohne
im einzelnen prüfen zu können, den Bewußtseinskreisen an, die für sie durch Abstammung,
Eltern, Freunde oder andere Autoritäten die gegebenen sind. Die Macht der Ideen hängt
wohl auf die Dauer von ihrer Wahrheit und Brauchbarkeit, vorübergehend stets nur
von der Zahl ihrer Bekenner ab.
Man hat den Vorgang auch durch einen Vergleich aus dem individuellen Seelen—
eben verdeutlicht. In der Seele jedes Menschen schlummern unzählige Vorstellungen,
        <pb n="29" />
        Die Bildung und Wirkung einheitlicher Bewußtseinskreise. 17

nur die jeweilig stärksten erheben sich aus diesem psychischen Untergrunde und treten
zeitweilig über die Schwelle des Bewußtseins. So, hat man gesagt, besitzt auch jede
menschliche Gemeinschaft eine Bewußtseinsschwelle. Nur einzelnes, das Bedeutendere
erhebt sich über diese gemeinsame Schwelle und verbindet nun die betreffenden Individuen.
Mancherlei, was in den einzelnen vorgeht, strebt nach Erhebung über die gemeinsame
Schwelle. Aber nur das Erhebliche vermag, in dem Wettkampf der um die Schwelle
sich drängenden Vorstellungen, meist nach langem Ringen und Streben, emporzukommen,
nur das Bedeutsame und Große kann sich dauernd da erhalten.
Aus dem Kampfe und der Reibung der Geister gehen so die Bewußtseinskreise
und geistigen Kollektivkräfte stets neu hervor. Es kann keinen solchen Kreis geben ohne
Autoritäten, ohne einen mehr aktiven, führenden und bestimmenden Teil und einen mehr
passiv aufnehmenden, folgenden und geleiteten. Nirgends ist die demokratische Fiktion
von der Gleichheit aller unwahrer als in diesem freiesten Spiel geistiger Accommodation.
Wenn nichts anderes, bestimmt in stabilen Verhältnissen das Alter die geistige Autorität:
die über 40—50 Jahre alten Männer mit ihren nicht mehr schwankenden befestigten
Uberzeugungen beherrschen die Frauen und die jüngeren Männer. So haben schon
hiedurch in der Regel die geistigen Kollektivrräfte ein gewisses befestigtes, nicht allzu
schwankendes Dasein. Aber stets sind sie auch durch den Wechsel der Generationen,
durch das Empordringen jüngerer Kräfte und neuer Ideen, einer Umbildung und
Regeneration unterworsen. Aus der Wechfelwirkung zwischen den Alten und den Jungen,
zwischen absterbenden und neu sich bildenden Bewußtseinskreisen, zwischen führenden
Geistern und geführten Massen beruht alles geschichtliche Leben, alle Änderung der
Sitten, sowie der rechtlichen und volkswirtschastlichen Justitutionen. Nur wenn man
sich über dieses nie ruhende Spiel der geistigen Massenbewegungen klar ist, begreift
man, wie die großen Ideen langfam emporkommen, dann aber für Jahre, oft für
Jahrhunderte und Jahrtausende die Herrschaft behaupten, wie- die scheinbar vielköpfigen
Mengen von Tausenden und Millionen Menschen nicht das Schauspiel eines krausen
Chaos' und Wirrwarrs aufführen, sondern als Glieder großer geistiger Einheiten zu
Tausenden geschart, in einheitlichen, klar zu überblickenden Richtungen sich bewegen.
In jedem socialen Körper wird man die vorhandenen Elemente, zu solchen
Kollektivkräften geschart, nicht unschwer erkennen können. Sie erscheinen als Mitlel—
ursachen zwischen den Individuen und den großen Einrichtungen der Gesellschaft, wie
Staat, Kirche und Volkswirtschaft. Nur ein Teil dieser Kräfte krystallisiert sich in festen
Institutionen, ein anderer behauptet ein gleichsam formloses Dasein, dokumentiert sich
aber doch in Erscheinungen, wie die sociale Klassenbildung, die geselligen Kreise,' die
politischen und anderen Parteien, die Schulrichtungen in Kunst und Wissenschaft, die
Beziehungen des Marktes der Kundschaft, der Klientel. Ein jeder einheitliche Be—
wußtseinskreis wird fich in übereinstimmenden Werturteilen äußern, die leicht zu fest—
stehenden Wertmaßstäben sich verdichten und so läugere Zeit das Urteil auf dem Markte,
in der Politik, in der Gesellschaft beherrschen. Dieser Art ist vor allein neben dem
wirtschaftlichen das sociale Werlurteil bestimmter Kreise, das sich in der Ehre ausdrückt.
Die Ehre ist objektiv das sociale Geschätztwerden durch größere oder kleinere gesellschaftliche
 Kreise; fie äußert sich subjektiv in dem Bedürfnis des einzelnen, geschätzt sein zu
wollen; die Ehre wird so zu einer der stärksten mafsenpsychologischen Kräfte.
Natürlich unterscheiden sich diejenigen geistigen Kollektivkraͤfte, die nur einen losen,
unorganisierten Massenzusammenhang darstellen, von denen, welche aus sich heraus eine
organifierte Spitze, eine korporatide Verfafsung erzeugt haben und durch diese Ein—
richtungen nun Stärkung und Nahrung erhalten. Aber andererseits darf man auch
nicht übersehen, daß die freiesten und lofesten gesellschaftlichen Massenerscheinungen und
die festesten Einrichtungen des Rechtes und des Staates zu ihrer letzten Voraussetzung
dieselben geistigen Massenprozesse haben. Die freieste Sekte und die katholische Kirche,
die freieste Republik und der ceutralisterleste Despotismus, die Volkswirtschaft mit
freiestem Tauschverkehr und die mit socialistischer Leitung und Verteilung, — sie setzen alle
gleichmäßig geistige Kollektivkräfte, einheitliche Bewußtseinskreise, führende Autoritäten,
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.—26. Aufl.
        <pb n="30" />
        18 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

folgende Massen voraus; der Unterschied liegt nur in der verschiedenen Art der Be—
festigung und Stellung der Autoritäten, in der verschiedenen Krystallifierung und
Organisierung der Kräfle, in der loseren oder gebundeneren Wechselwirkung zwischen
Spitze und Peripherie.
10. Die einzelnen Bewußtseinskreise. Haben wir bisher die geistigen
Kollektivkräfte im allgemeinen kurz zu charakteristeren gesucht, so ist jetzt noch ein
Wort über ihre Erscheinung im einzelnen beizusügen. Es kann freilich dabei nicht
die Absicht sein, sie erschöpsend aufzählen oder darstellen zu wollen. Nur das Aller—
wichtigste kann berührt, einiges mit unserem Zwecke enger Zusammenhängende er—
wähnt werden.
Die Bewußtseinskreise, die auf täglicher oder häufiger persönlicher Berührung
und Aussprache beruhen, haben eine andere Farbe, erzeugen einen anderen Kitt des Zu⸗
sammenhangs, als die auf schriftlichem Gedankenaustausch, auf Vermittelung durch
zahlreiche persönliche Mittelglieder beruhenden. Wo aller Zusammenhang der Menschen
untereinander auf bloßem Sehen und Sprechen beruht, der schriftliche Verkehr und die
feste Überlieferung noch fehlt, da werden zwar nur kleine, oft auch wenig fest gefügte
Gemeinwesen entftehen können, aber es werden doch je nach den Menschen und ihren
Gefühlen zwischen den Nächststehenden innerhalb Stamm, Sippe und Familie um so
festere sympathische Bande fich schließen können. Wo das Stammleben größere
Menschenzahlen umfaßt, sich stärker und fester entwickelt, müssen bestimmte Einrichtungen
das tägliche oder östere Sehen herbeiführen, es müssen Versammlungen, Feste, Kriegs⸗
übungen einen immer sich erneuernden Kontakt schaffen. Die antiken Städtestaaten und
die mattelalterlichen Städte erzeugten so in sich einen Gemeingeist, den große Staaten
trotz Presse und Litteratur niemals haben können. Größere sociale Gebilde kommen
dann durch Stammesbündnifse oder Unterwerfung zustande, welche aber meist Sprach—
derwandtschaft oder Sprachverschmelzung und die Entstehung gemeinsamer Regierungen,
Heiligtümer und Gottesverehrung voraussetzen oder im Gefolge haben. Im übrigen
setzt die Entstehung größerer Bewußtseinskreise von zerstreut, in weiten Gebieten lebenden
Menschen und damit die Entstehung größerer Staaten stets den schriftlichen Verkehr
bporaus. Derselbe kann freilich zunächst auf eine herrschende Klasse beschränkt sein, welche
in sich fest zusammenhängend, weit zerstreut wohnt, überall mit den lokalen Kreisen
Fühlung hat, sie zu behandeln versteht. So hat die römische Aristokratie den orbis
erraxum, später der katholische Klerus halb Europa mit der Lateinsprache umspannt
und regiert. So hat das moderne Beamtentum die meisten europäischen Staaten zu
einer Zeit einheitlich zu verwalten angefangen, ehe noch der Lokal- und Provinzial—
geist dom nationalen beherrscht war. Doch hat der letztere nach und nach sich zu
zinem immer mächtigeren und stärkeren Bewußtseinskreis entwickelt; die großen euro—
päischen Nationalsprachen und -Litteraturen, das nationale Recht und die nationalen
Staatseinrichtungen, eine große gemeinsame Geschichte knüpften die Bande des Blutes
und der Heimat für Millionen so fest, daß das Volkstum als solches zum ersten Princip
gesellschafllicher Gruppierung in der neueren Geschichte nach und nach werden konnte.
Und eben deshalb sprechen wir heute von einem Volksgeist und meinen damit die starken,
einheitlichen Gefühle, Vorstellungen und Willensimpulse, welche alle anderen im Volke
enthaltenen kleineren Kreise und Gegensätze, alle Mitglieder eines Volkes einschließen
und beherrschen. Wir sagen, ein Volk sei gesund, so lange diese centralen Kräfte stärker
sind als die trennenden Gefühle und Strebungen. Ein Volk in jenem stolzen Sinne,
in welchem Fichte seine Reden an die deutsche Nation hielt, ist nur ein solches, das
von der Erinnerung an eine große Vergangenheit beherrscht ist, in dem sehr starke ein—
heitliche Gefühle und Geistesströmungen vom letzten Bauer und Proletarier bis zur Spitze
hinaufreichen, in dem alle oder die Mehrzahl bereit ist, das Äußerste, selbst das Leben
für das Vaterland und seine Zukunft zu opfern.
Wenn das deutsche Wort „Volk“ gerade in diesem Sinne mit Vorliebe gebraucht
wird, wenn auch in den Begriff der Volkswirtschaft davon etwas übergegangen ist, so
schließt das doch nicht aus, daß im Volke wie in jedem großen Bewußtseinskreisfe viele
        <pb n="31" />
        Das Volkstum, die kirchlichen und wirtschaftlichen Bewußtseinskreise. 19

Individuen mit abweichender Stimmung, viele kleinere Bewußtseinskreise mit unter sich
verschiedenen und teilweise dem einheitlichen Volksgeist abgewendeten oder gar feindlichen
geistigen Strömungen vorhanden seien. Jedes Dorf, jede Stadt, jede Provinz hat ihren
besonderen Lokalgeist, die socialen Klassen fühlen sich bald in stärkerem, bald in
schwächerem Gegensatz zum nationalen Geist; bestimmte, sich aussondernde Bewußtseins—
kreise beginnen in der Gegenwart in steigendem Maße mit den entsprechenden Kreisen
des Auslandes Fühlung zu suchen und zu erhalten: so die Aristokratie des Grundbesitzes
und des Geldes, die Wissenschaft, die Arbeiterkreise. Jeder Verein, jede Genossenschaft
wird durch einheitliche Interessen und Überzeugungen zusammengehalten, welche nach
innen sympathisch, nach außen abgrenzend oder antipathisch wirken; jede Compagnie
Soldaten, jedes Regiment hat durch den Corpsgeist einen festen Kitt und eine bestimmte
psycho-moralische Färbung. Keine Familie, keine Werkstatt, keine große Unternehmung,
kein Markt kann existieren, ohne auf einem eigentümlichen, einheitlichen Bewußtseins—
kreis, auf gewissen Gefühlen der Sympathie, des Gemeininteresses, der Verträalichkeit
und Übereinstimmung zu ruhen.
Unter den besonderen Bewußtseinskreisen zeichnen sich die religiös-kirchlichen
durch ungewöhnliche Stärke zumal in den älteren Epochen der Geschichte aus; die religiösen
Gefühle erfafsen das Gemüt leicht in so tiefer Weise, weil der einfache, natürliche
Mensch gegenüber den unverstandenen Naturgewalten und dem scheinbar blind über ihm
waltenden, Schmerz und Tod bringenden Schicksal meist nur im Glauben an eine höhere
göttliche Macht Ruhe und inneres Glück findet, und ein solcher Glaube nur in der
Gemeinsamkeit großer Kreise seine volle Kraft gewinnt. Die älteste Religion ist Ahnen—
kultus, die ältere Gottesverehrung ist stets an das Stammesleben geknüpft, verstärkt den
Stammesgeist, das nationale Sonderdasein. Nachdem die großen Weltreligionen diese
Begrenzung beseitigt, mit ihren Glaubenswahrheiten an alle Menschen und Rassen sich
gewandt hatten, wurde die Glaubens- und Religionsgemeinschaft neben Rasse, Sprache
und Volkstum eines der wichtigsten Bindemittel, um verschiedene Elemente zusammen—
zufassen, große einheitliche Bewußtseins- und Gesittungskreise zu erzeugen. Ganze
Staaten und Staatenwelten bauten sich auf dieser Grundlage auf, und alle anderen
Lebensgebiete wurden von den Gefühlen und Vorstellungen dieser Kreise mehr oder
weniger berührt und beeinflußt. Erst die neuere Geschichte hat mit dem Zurücktreten
des religiösen Geistes Staaten entstehen lassen, die verschiedene Religionen nebeneinander
dulden.“ Es können in freien Staaten nur solche sein, die in den Grundzügen des
Glaubens und der Sittenlehre sich sehr nahe stehen, sonst zerreißt der verschiedene
Glaube die unentbehrliche Einheitlichkeit des Volkstums, ähnlich wie große Rassen- und
Nationalitätsgegenfätze, fowie verschärfte Klassenunterschiede unter Umständen das Leben
einer Nation, eines Staates, einer Volkswirtschaft tödlich bedrohen.
Die wirtschaftlichen Bewußtseinskreise sind ursprünglich mit denen
der Blutsverwandtschaft, der Nachbarschaft, des Stammes identisch. Die gemeinsamen
gleichen Bedürfnisse, die gleichen technischen Kenntnisse und Fertigkeiten bilden den
Grundstock des Gemeinbewußtseins; daneben aber auch die auf sympathischen Gefühlen
beruhenden Familien⸗-, Sippen- und Stammeseinrichtungen wirtschaftlicher Art. Alle
weitere genossenschaftliche oder herrschaftliche Ordnung des Wirtschaftslebens kann nur
Hand in Hand mit der Ausbildung ähnlicher Gefühle und Interessen Leben und Gestalt
gewinnen, muß stets auf gemeinsamen Bewußtseinskreisen sich aufbauen oder solche er—
zeugen. Im Gegensatz hiezu entwickelt sich der Tausch, der Handel, der Geldverkehr
und alles hiemit in der modernen Volkswirtschaft Zusammenhängende an der Hand
individualistischer und egoistischer Triebe, aber doch stets so, daß die Tauschenden, ihren
Sondergewinn suchenden Personen in stärkerer oder schwächerer Weise einen Bewußtseinskreis
 bilden. Gewisse Vorstellungen über die Bedürfnisse, die Brauchbarkeit des zu
Tauschenden, den Wert der Waren und Leistungen, gewisse Regeln, wie man tauscht,
bezahlt, sich während der Geschäfte der Gewaltthaten enthält, müssen ein gemeinsames
Band geschlungen haben, ehe der Verkehr sich entwickeln kann. Wir werden öfter darauf
zurückzukommen haben, wie in dieser Weise die Tauschgesellschaft zwar die Individuen
        <pb n="32" />
        20 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

einander in einer Art gleichgültiger Ferne gegenüberstellt, manche Rücksichten in den
Hintergrund drängt, die man in der Familie, im Stamm bisher gehabt, wie aber in
ihr doch weder große und immer größere Bewußtseinskreise und Kollektivkräfte, noch
ein gewisses Maß sympathischer Gefühle und Gemeinschaftsordnungen fehlen können.
4. Die individnellen Gefühle und die Bedürfnisse.

Über Gefühle und Triebe: Lotzze, Medizinische Psychologie 1882 u. 1880. — Ders., Mikro—
kosmus. 83 Bde. 1864—269. — Wundt, Grundzüge der physiologischen Psychologie. 1874. — Volk—
mann, Lehrbuch der Psychologie vom Standpunkt des Realismus. 1875. — Horwicz, Psychologische
Analysen auf physiologischer Grundlage, hauptsächl. 2. Abt., 2: Analyse der qualitativen Gefühle.
1878. — Herbert Spencer, Principien der Pfychologie. Deutsch 1882. — Höffding, Psychologie in
Umrissen. 1887. — Theobald Zieglex, Das Gefuͤhl. 1893. — Fechner, Über das hoͤchste Gut. 1846.
Über Bedürfnifse: Mischler, Grundfätze der Nationalßkonomie. 1, 1856. — A. Wagner,
Grundlegung der allg. oder theoret. Volkswirtschaftslehre. 1876. 88 94-105; 1892. 88 268 ff. —
Cohn, Gründlegung der Nationalökonomie. 1885. 88 187- 212. — Wilhelm Böhmert,
Stanley Jevons und seine Bedeutung für die Theorie der Volkswirtschaftsl. J. f. G. V. 1801. —
Roscher, Über den Luxus, Ansichten der Voltswirtschaft. 1, 1878. 8. Aufl. — Baudrillart.
Histoire du luxe privé et public. 1880. 4 Bde.
11. Die Gefühle. Die Grundlage alles individuellen Bewußtseins wie der
letzte Ausgangspunkt alles Handelns sind die Lust- und die Schmerzgefühle; die neuere
Psychologie hat ihre Bedeutung und ihren innigen Zusammenhang mit den Vorstellungen
einerseits, mit den aus ihnen entstehenden Trieben, Interessen, Willensanstößen und
Handlungen andererseits in ein richtigeres Licht gesetzt, als dies früher üblich war.
dotze sagl: „Fragen wir nicht nach den Idealen, welche das Handeln bestimmen sollen,
sondern nach den Kräften, die es allenthalben wirklich in Bewegung setzen, so können
vir nicht leugnen, daß das Trachten nach Festhaltung und Wiedergewinnung der Lust
und nach Vermeidung des Wehe die einzigen Triebfedern aller praktischen Regsamkeit
sind.“ Zahlreiche Moralsysteme sind auf der Lust aufgebaut, andere haben sie aus—
chließen oder in ein Jenseits verlegen wollen; aber die Lehre von der Glückseligkeit und
bom höchsten Gute hat mannigfach auch in der spiritualistischen Ethik wieder auf das
Glück zurückgeführt, z. B. bei Lotze und Fechner. Die Sehnsucht nach dem Glücke, das
doch zuületzt aus der Abwesenheit der Unlust und Anwejenheit der Lust entspringt, ist
der unvertilgbarste Zug des menschlichen Bewußtseins. Er ist identiich mit dem Leben
überhaupt.
Was ist aber Lust und Schmerz? Was bedeuten sie? Sind alle diese Gefühle
etwas Einheitliches? Können wir die Lust der Appetitbefriedigung ohne weiteres gleich—
setzen mit der Freude an einem musikalischen Genuß und der idealen Stimmung, in
welche eine herodische That oder die Tröstung der Religion uns versetzt? Wir können
nur sagen: alle Lust und alles Glück befriedigt und erhebt uns, aller Schmerz drückt
und bekümmert uns. Die Gefühle der Billigung und Mißbilligung sind nur eigen—
tümlich gefärbte Stusen von Lust und Schmerz. Der Nervenphysiologe sagt uns, daß
alle Gefuͤhle mit Erregungen, mit Veränderungen in den Nervenzellen verbunden seien.
Es finde, lehrt er uns, in jeder Nervenzelle jederzeit ein Umsatz, eine Thätigkeit statt:
es werden zeitweise, besonders im Schlafe, kompliziertere Produkte geschaffen, in denen
Kraft sich ansammelt; bei der Auslösung der Kraft, bei der Thätigkeit gehen die kompli—
zierteren Produkte wieder in einfachere über. Hiebei, bei jeder Erregung der Nerven,
entstehen Empfindungen, mit welchen bei einer gewissen Stärke, unter bestimmten Be—
dingungen Lust- und Schmerzgefühle sich verbinden. Die Lustempfindung ist bei gewiffer
Thaͤtigkeit ausschließlich die Folge einer mittelstarken Erregung, die beim Ubermaß und
beim Mangel ins Gegenteil sich verkehrt; bei anderer Thätigkeit wächst die Freude ent—
——
Die ganzen Vorgaͤnge sind außerordentlich kompliziert, sind auch heute noch keines—
wegs voll aufgehellt; was wir als These aufstellen können, ist von zahlreichen Ausnahmen
scheinbar durchbrochen. Aber das haben doch alle großen Denker der Vergangenheit und
der Gegenwart vermutet und behauptet, daß in den Veränderungen der Nerven und den
        <pb n="33" />
        Die Bedeutung der Lust- und Schmerzgefühle. 21

daran sich knüpfenden Empfindungen das Bewußtsein von Vorteilen und Nachteilen,
von Förderung und Schaden erwache, daß im ganzen die Zunahme an Kraft und Leben
uns angenehm, die Abnahme unangenehm berühre, daß die Lust als Wegweiser des
Lebens, der Schmerz als Warner vor Gefahr uns gegeben sei. „Im Gefühl nimmt die
Seele das Maß der Übereinstimmung oder des Streites zwischen den Wirkungen der
Reize und den Bedingungen des Lebens wahr“ (Lotze). Eine Welt, in welcher über—
wiegend und regelmäßig das, was das Leben zerstört, Lust bereitete, in der Schmerz
entstünde durch das, was das Leben fördert, müßte sich rasch zu Grunde richten. Die
positiven und negativen Gefühle dienen als elementarer Steuerungsapparat in dem
ewigen Kampf der Selbsterhaltung und Erneuerung des Menschengeschlechts. Nur aus
dem positiven und negativen Empfinden kann das richtige Sich-Bestimmen und Handeln
hervorgehen.
Man kann hiegegen scheinbar nun mancherlei einwenden: bestimmte Arten über—
mäßiger Lust können leicht Schmerz, Krankheit und Tod bringen; alle Erziehung des
Menschen beruht auf der augenblicklichen Luftvermeidung; nichts muß der Jugend mehr
eingeprägt werden als: lerne Schmerz ertragen und auf Genuß verzichten; das Gift
kann zuerst Lust bereiten, nachher töten. Es ist auf solche Einwürfe zu antworten:
schon der einzelne Mensch ist ein unendlich kompliziertes Wesen, in welchem zahllose
Nervenzellen in jedem Augenblick positiv und negativ angeregt sein können, in welchem
aber jede dauernde Schmerzvermeidung und Lustbereitung auf einem harmonischen Gleich—
gewicht aller Nervenzellen beruht. Dieses Gleichgewicht kann nur erreicht werden durch
Erziehung und Lebenserfahrung. Im Kinde, beim Unerfahrenen, beim Menschen ohne
Selbstbeherrschung, bei dem mit ungesunder Gefühlsentwickelung kommen einzelne Gefühle
zeitweise zu einer falschen Herrschaft über die anderen. Ebenso lernt der Mensch nur
iangsam die Einfügung und Eingewöhnung in die Gesellschaft; er sieht nicht sofort
ein, daß ihm diese momentane Lustverluste, aber dauernde Glücksgewinne bringe. Die
Gefühle des Menschen sind in steter Entwickelung, die höheren erlangen erst nach und
nach das Übergewicht. Die einzelnen und die Völker haben zunächst die Gefühls—
ausbildung, welche ihrem bisherigen Zustand, ihren bisherigen Lebensbedingungen ent—
sprechen. Werden sie in andere versetzt, so reagieren ihre Gefühle doch zunächst noch
in alter Weise, können sich erst langsam den anderen Zuständen anpassen. Aus allen
diesen Gründen müssen einzelne Gefühle und zumal solche von anormaler Entwickelung
immer zeitweise den Menschen irreführen, der nicht verstäändig genug ist, die Zusammen—
hänge zu übersehen, der nicht durch sociale Zucht und Erziehung, durch Umbildung und
Anpassung auf den rechten Weg geführt wird. Die Gefühle sind nicht blinde, sondern
vom Intellekt zu regulierende Wegzeiger. Der Mensch muß erst lernen, daß Arbeit und
Zucht, wenn im ersten Stadium auch unbequem, auf die Dauer glücklich mache, daß die
verschiedenen Gefühle einen verschiedenen Rang haben, daß die elementarsten sinnlichen
Befühle zwar die stärksten seien, aber auch die kürzesten Freuden geben, daß sie ein
Ubermaß der Reize so wenig ertragen wie Unterdrückung, daß hier die regulierte mittlere
Reizung allein das Leben sordere, daß schon die zu haäufige Wiederholung schade, daß
mehr und mehr für den Kulturmenschen das dauernde Glück nur durch die Ausbildung
und Befriedigung der höheren Gefühle erreichbar sei.
Die Lustgefühle des Essens und der Begattung sind die stärksten, elementarsten;
durch sie wird es bewirkt, daß das Individuum und die Gattung sich erhält. Je
aiedriger die Kultur steht, desto mehr stehen sie im Vordergrund, beherrschen überwiegend
oder gar allein die Menschen. Aber auch der rohe Mensch lernt nach und nach daneben
die Freuden kennen, die sich an die höheren Sinne des Auges und des Ohres knüpfen.
Es entstehen die ästhetischen Gefühle, das Wohlgefallen an der Harmonie der Töne und
der Farben, die Gefühle des Rhyihmus, des Takles, der Symmetrie. Aus ihnen ent—
wickeln sich die intellektuellen Gefühle, die Freude an der Lösung jedes praktischen oder
theoretischen Problems, am Begreifen und Verstehen irgend einer Erscheinung. Ebenso
entstehen aber mit dem Gattungsleben und mit der eigenen Thätigkeit die moralischen
Befühle. Der Mensch kann nicht bloß essen und lieben, er muß seine Zeit und seine
        <pb n="34" />
        —A ——

Seele mit anderem erfüllen. Er nimmt gewahr, daß unterhaltende Geselligkeit, glück—
liches Familienleben, Erziehung der Kinder, die Übung der eigenen Kraft und Gewandt—
heit gleichmäßigere und dauerndere Lust gewährt. So erwachsen das Kraft- und das
Selbstgefühl, das Mitgefühl und die Liebe, die Verbands- und Gemeinschaftsgefühle aller
Art, zületzt die moralischen und Pflichtgefühle nach und nach unter der Einwirkung der
Erfahrung, der Gesellschaft, der Ideenwelt. Erst eine psychologische Geschichte der Mensch—
heit, vor allem eine Geschichte der Entwickelung der Gefühle, wie sie andeutungsweise
Horwicz giebt, würde uns eine richtige Grundlage für alle Staats- und Gesellschaftswissenschaft
 bieten.
An alle die einzelnen, nach und nach sich ausbildenden Gebiete des Empfindungs—
lebens knüpfen sich nun Lust- und Schmerzgefühle, und dieselben wirken als Wegweiser
für den menschlichen Willen und das Handeln. Und wenn wir zweifeln, ob wir das
beglückende Gefühl des Heldentodes jür das Vaterland mit dem gleichen Namen bezeichnen
sollen wie die Lust am Becher schäumenden Weines, so ist das Gleiche und Verbindende
a nur die Natursfeite des Zustandekommens eines Glücks- oder Lustgefühls. Wie auf
den wilden Stamm der Rose die verschiedensten Blütenarten gepfropft werden, so sind
unsere Nervenreize der physiologische Untergrund für das Verschiedenste, was Menschen—
seelen bewegt. Und alle höheren, reineren Freuden können voll nur aus unserem geistigen
und socialen Leben erklärt werden, wie die natürlichen aus unseren animalischen Prozessen.
Mit der Erfahrung, daß die verschiedenen Gefühle stärkere oder schwächere, einfache
oder mannigfache, vorübergehende oder dauernde, kurz nach den verschiedensten Seiten
dem Grad und der Art nach unterschiedene Freuden gewähren, verbindet sich die denkende
Ordnung, welche alle die verschiedenen Gefühle nach ihrer Bedeutung für das Leben
gliedert und in Reihen bringt. Es entsteht eine Skala der Lust- und Glücksgefühle.
Eine tiefere und edlere Lebensauffassung kommt zu dem Ergebnis, daß die Lustgefühle
——
Verknüpfungen und Verhältnisse sie sich anheften (Fechner). Das Gefühl steht höher,
das nicht an einen einzelnen, sondern an mehrere Sinne sich anknüpft, das nicht den
Abrper, sondern die Seele, nicht die Lage des Moments, sondern die dauernde des
Individuums, nicht das Individuum allein, sondern die Genossen, die Familie, die
Mitbürger betrifft oder mitbetrifft. Allen sittlichen Fortschritt kann man von diesem
Standpunkt aus betrachten als den zunehmenden Sieg der höheren über die niedrigen
Gefühle. Aller Fortschritt der Intelligenz und der Technik, der Mehrproduktion und
der komplizierteren Gesellschaftseinrichtungen führt nur daun die Völker sicher und dauernd
aufwärts, wenn die Gefühle, welche das Handeln bestimmen, sich in dieser Richtung
entwickelt haben.
Es ist klar, daß bei dem Sieg der höheren über die niedrigen Gefühle die letzteren
selbst etwas anderes werden. Auch die elementaren, natürlichen Lustgefühle verfeinern
und veredeln sich oder verknüpfen sich immer enger mit höheren Gefühlen. Die Lust
der Sättigung verknüpft sich beim Kulturmenschen mit den Freuden des Familien—
lebens und der angeregten Geselligkeit, mit gewissen ästhetischen Gefühlen. Aus dem
Behagen, in Höhle und Hütte sich gegen Kälte und Wetter zu schützen, wird mit der
besseren Wohnung die Freude am eigenen Herd, an seiner Ordnung und anmutenden
sauberen Gefstaltung. So wird die Verknüpfung der verschiedenen Gefühle miteinander
zugleich zu ihrer richtigen Ordnung. Auch die sinnlichen verschwinden nicht, aber sie
werden an ihre rechte Stelle gefetzt und durch ihre Einkleidung in höhere gezügelt und
reguliert.
Die wesentlichen habituellen Gefühle erscheinen in ihrer Beziehung zur Außenwelt
a Ied risse in ihrer aktiven auf bestimmtes Wollen und Handeln hinzielenden Rolle
als Triebe.
12. Die Bedürfnisse. Die Lust- und Unlustgefühle weisen den Menschen über
sich hinaus; sie nötigen ihn, tastend, suchend, überlegend das aufzusuchen, zu benutzen, sich
zu assimilieren, was ihn von Schmerz befreit, was ihm Befriedigung, Lust und Glück ver—
schafft. Die ihn umgebende Außenwelt mit ihren Schätzen, die sie nach Klima und Boden,
        <pb n="35" />
        Die Ordnung der Gefühle. Die Bedürfnisse. 28

nach Flora und Fauna bietet, die eigene Arbeit und die der Mitmenschen, die ganzen
Jesellschaftlichen Einrichtungen reichen die Mittel dar, die historisch, ethnographisch und
individuell verschieden gearteten Gefühlsreize immer wieder aͤbzustumpfen. Als Bedürfnis
hezeichnen wir jede mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Dringlichkeit auftretende
gewohnheitsmäßige, aus unserem Seelen⸗ und Körperleben entspringende Notwendigkeit,
durch irgend eine Berührung mit der Außenwelt unsere Unlust zu bannen, unsere Lust
zu mehren. Die materiellen oder ideellen Objekte, die wir benutzen, ge- oder verbrauchen,
die Verhältnisse, die ein bestimmtes Verhalten oder Thun ermöglichen, nennen wir
ebenfalls Bedürfnis. Der Wein, der Mittagsschlaf, das Rauchen, der Opernbesuch sind
it odece anderen Bedürfnis, heißt so viel wie, ich bedarf ihrer, um einem Unbehagen
auszuweichen. Der ganze Umkreis menschlicher Gefühle, der niedrigen wie der höheren,
erzeugt so Bedürfnisse. Der Mensch hat sinnliche, ästhetische, intellektuelle, moralische
Bedürfnisse. Aber mit Vorliebe gebraucht unsere Sprache das Wort für die Notwendig—
keit, durch den wirtschaftlichen Apparat von Gütern und Diensten den niedrigen wie den
höheren Gefühlen die gewohnte Funktion zu verschaffen. Die Bedürfnisbefriedigung, hat
nan darum gesagt, ist das Ziel aller Wirtschaft; die Bedürfnisse hat man als den
Ausgangspuntt alles wirtschaftlichen Handelns und aller wirtschaftlichen Produktion
hingestellt, was ganz richtig ist, wenn man das Wort Bedürfnis in diesem engeren
Sinne nimmt. Tenn im weiteren Sinne ist Bedürfnisbefriedigung der Zweck alles
menschlichen Handelns, nicht bloß des wirtschaftlichen, denn zu allem Handeln geben
dust⸗ und Unlustgefühle und die Erinnerung an sie den Anstoß.
Man hat in der bisherigen Nationalökonomie die Bedürfnisse in leibliche und
geistige, in Ratur-, Anstands- und Luxusbedürfnisse, in Existenze und Kulturbedürfnisse,
eividuelle und Gemein- oder Kollektivbedürfnifse eingeteilt. Man hat ihre Er—
zrterung in der Regel an die Spitze aller theoretischen Betrachtung gestellt, oft auch bei
der Erdrterung der Nachfrage, der Haushaltungsbudgets, der Konfumtion, der socialen
Fragen das Wesentliche über sie gesagt.
Es will mir scheinen, daß mit der bloßen Einteilung der Bedürfnisse in einige
Qategorien nicht viel gewonnen gewesen sei; die Scheidung von individuellen und
Gemeinbedürfnissen, wie sie Sax und A. Wagner vornahmen, hatte den theoretischen
Zweck, gleichsam ein Fundament der wirtschaftlichen Gemeinde- und Staatsthätigkeit zu
schaffen Aber es ist für sie doch wenig gewonnen und bewiesen, wenn man der Armee
oder dem Eisenbahubau die Etikette des Gemeinbedürfnisses aufklebt; es handelt sich
doch um den Nachweis, daß die Tausende und Millionen das Bedürinis des militärischen
Schutzes und des Verkehrs erst individuell fühlen, daß dann hieraus eine Kollektivströmung
erwachse, und die rechten Staatsorgane hiefür vorhanden seien, welche die Sache in die
Hand nehmen, die Widerstrebenden überzeugen oder zwingen, daß so große historifch—
politische Prozesse gewisse wirtschaftliche Funktionen in die Hand öffentlicher Organe legen.
Am meisten scheint mir die Lehre von den Bedürfniffen durch die historische Untersuchung
des Luxus, wie sie Roscher und Baudrillart anstellen, und ähnliche kulturgeschichtliche
—D die Versuche von Bentham, Jevons
und anderen, von mathematisch⸗mechanischem Standpunkte aus die Lust- und Schmerz—
zefühle einer Messung zu unterwerfen, die Bedürfnisse zu begründen auf ein Rechen—
erempel des Maximums an Lust und des Minimums an Unlust, uns wohl in einzelnen
Hunkten, so weit sie auf empirisch-historischer Grundlage, auf Beobachtung des praktischen
Seelenlebens beruhen, gefördert, aber doch überwiegend zu Gemeinplätzen geführt haben.
Nur füͤr die Wertlehre haben sich die Unterscheidungen von Jevons und der österreichischen
Schule teilweise als fruͤchtbar erwiesen, weil es sich nicht sowohl um die Bemessung der
Gefühle und Bedürfnisse, als um die Bemessung der Brauchbarkeit der Güter nach ver—
schiedenen Gesichtspunkten hin in diesen Untersuchungen handelte. Wir kommen bei der
Wertlehre und der Nachfrage darauf zurück.
Da wir auch auf andere specielle Ergebnisse der Bedürfnisentwickelung besser im
Zusammenhang der einzelnen volkswirtschastlichen Fragen eingehen, so handelt es sich
hier nur um ein allgemeines Wort über Wesen und Entwickelung der Bedürfnisse; wir
        <pb n="36" />
        24 Einleitung. Begriff. Psychologische und fittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
müssen verfuchen, sie als psychologische, individuelle und Massenerscheinung, als wirt⸗
schaftliche Ursache, als historische Entwickelungsreihe, als Ergebnisse unseres geistig-sittlichen
Lebens zu begreifen.
Die in gewissen Grundzügen überall ähnlichen Bedürfnifsse entwickeln sich ver—
schieden, je nach Naturumgebung, Technik und Gesellschaftsverfassung, je nach körperlicher
und geistiger, in Nerven und Gehirn sich fixierender Umbildung. Sie sind bei jedem
Individuum das Resultat seiner Rafse, feiner Erziehung, seiner Lebensschicksale. Sie
zeigen bei höherer Kultur nach Individuum, Klasse und Einkommen an jedem Orte und
in jedem Volke erhebliche Abweichungen; auch beruht der Ausbreitungsprozeß der höheren
Bedürfnisse natürlich darauf, daß die an einem Punkte von einzelnen gemachten Fort—
schritte langsam von Person zu Person, von Klasse zu Klafse, von Land zu Land über—
gehen. Aber wir können davon zunächst hier absehen; für alle gesellschaftliche und
voltswirtschaftliche Betrachtung können wir hier zunächst davon ausgehen, daß kleine
oder größere gesellschaftliche Kreise, die unter ähnlichen Lebensbedingungen stehen, durch—
schnittlich ähnliche Bedürfnisse haben; wir können daran erinnern, daß nirgends so sehr
wie bei den Bedürfnissen der Mensch sich als Herdentier zeigt und vom Nachahmungs—
trieb beherrscht wird.
Der ursprüngliche Grundstock der menschlichen wirtschaftlichen Bedürfnisse ist nun
durch die tierische Natur des Menschen gegeben; ein gewisses Maß von Nahrung,
Wärme, Schutz gegen Feinde muß auch der roheste Mensch sich verschaffen. Man hat
häufig diesfes Maß das Naturbedürfnis genannt. Aber es ist heute nirgends zu finden.
Selbst die wildesten Stämme sind darüber hinaus. Und die Frage, wie, warum der
Mensch über diese rohesten Naturbedürfnisse hinausgekommen sei, ist eben das hier zu
besprechende Problem.
Bleibt man beim Außerlichen stehen, so wird man sagen können, die Bedürfnisse
hätten sich verfeinert und vermehrt in dem Maße, wie der Mensch die Schätze der Natur
direkt oder durch den Handel kennen lernte, wie die fortschreitende Technik, die Bau—,
die Kochkunst, die Kunst der Weberei und andere Fertigkeiten ihm immer kompliziertere,
schönere, bessere Wohnungen, Werkzeuge, Kleider, Geräte, Schmuckmittel zur Verfügung
stellten. Die Zufälligkeiten der äußeren Kulturgeschichte und die Geschichte der Ent—
deckungen, des Handels, der Technik, die Berührungen der jüngeren mit den älteren
Völkern bestimmten diesen ganzen Entwickelungsprozeß, auf dessen wichtigsten Teil wir
bei der Geschichte der Technik zurückkommen. Natürlich erklären nun aber diese äußeren
Ereignisse entfernt nicht ihren inneren Zusammenhang; sie sind selbst das Produkt der
Rassen- und psychologischen, der geistig-moralischen, ästhetischen und gesellschaftlichen
Entwickelung der Menschheit, so sehr die einzelnen erwähnten Ereignifse von Zufällen mit
bestimmt sind und so da und dort hin Bedürfnisse bringen, für welche die Betreffenden
nicht reif sind, die ihnen mehr schaden als nützen. Dies gilt vor allem von der Ein—
ührung der verfeinerten Kulturbedürfnisse in die Sphäre der Naturvölker.
Der innere Grund der zunehmenden, höheren, feineren, der fämtlichen Kultur—
bedürfnisse liegt in der zusammenhängenden Kette der Ausbildung der Gefühle, des
Intellekts, der Moral, der Gesellschaft. Indem neben die sinnlichen die höheren Gefühle
des Auges, des Ohrs, des Intellekts, die Sympathie traten, entstand das Bedürfnis
des Schmuckes, der Kleidung, der Wohnung, entstanden die schönen Formen, die ver—
besserten Hülfssmittel, die Werkzeuge, entstanden die Hallen und Kirchen, die Wege und
die Schiffe, die Musik und die Schrift, entstand jener große, stets wachfende äußere
wirtschaftliche Apparat, der schon vor Jahrtausenden dem Kulturmenschen unentbehrlich
wurde, heute für die Mehrzahl aller Menschen Lebensbedürfnis ist. Das Unnötige, sagt
der Dichter, wurde der beste Teil der menschlichen Freude. Eine Welt der Formen, der
Konvention, des schönen Scheins umgab alle ursprünglich einfachen Naturbedürfnisse.
Nicht die Stillung des Hungers zu jeder beliebigen Zeit, in jeder Form, an jedem
Orte, der Sicherheit vor Raub und Neid gewährte, genügte dem Menschen mehr; er
wollte in Gesellschaft, zu bestimmter Stunde, mit bestimmten Gefäßen und Ceremonien,
mit einer gewissen Abwechslung und unter Zusammenstellung verschiedener Speisen essen
        <pb n="37" />
        Die historische Entwickelung der Bedürfnisse. 25

und so durch diese Ordnung das einzelne Bedürfnis einfügen in den rechten Zusammen⸗
hang seiner Lebensführung. Alles, was geschah, sollte durch solche verfeinerte Formen
als ein Glied in dem Plane des Lebens erkannt und gestempelt werden. Immer neue
Bedürfnisse kamen zu den alten, und die alten verfeinerten sich, komplizierten sich,
wurden vielgestaltiger, wechselvoller, anspruchsvoller. Und wir können verstehen, daß
dieser Prozeß, so viel er zugleich Falsches, Häßliches, Bizarres erzeugt, doch zugleich
das notwendige Instrument ist, uns auszubilden, unsere innere Kultur zu fördern.
Ohne die bessere Wohnung, ohne die Trennung von Wohn-, Schlaf⸗ und Arbeitszimmer
kein edleres, höheres Familienleben, ohne Trennung von Werkstätte und Wohnung keine
große maschinelle Produktion. Ja, wir können sogar sagen, ohne eine gewisse Ver—
seinerung unfserer Tafel kein hochgespanntes geiftiges Leben, keine funkensprühende
Geistesthätigkeit.
Der Stoiker mag klagen, daß wir Sklaven unserer Bedürfnisse sind, der laudator
emporis acti, daß wir die alte Einfachheit verloren haben und ein immer schwerfälligeres
Kulturgepäck mit uns schleppen. Wir mögen mit Recht immer wieder bemüht sein,
unseren Körper so zu stählen, daß er mal Mangel und Entbehrung erträgt. Im ganzen
liegt doch ein Forischritt gerade darin, wenn selbst die unteren Klassen Fleisch, gute
seleidung, saubere Wohnung und Anteil an der geistigen Kultur fordern; wenn alle Klassen
um jeden Preis an ihrem Bedürfnisniveau festhalten, es steigern wollen. Die dauernde
seste Anpassung des Menschen an einen immer komplizierteren Apparat der Bedürfnisbefriedigung
 ist der Sperrhaken, der ihn vor dem Zurücksinken in die Barbarei bewahrt.
Auch wer an falsche, übermäßige Genüsse jahrelang gewöhnt ist, kann sich ihnen nicht
plötzlich entziehen. Die Nerven halten jeden mit starker Fessel an dem gewohnten Lebens—
Jeleise von Bedürfnissen fest. Soweit die Bedürfnisse aber normale sind, ist das ein
Glück; es entsteht dadurch die Kraft, auf dem erreichten Kulturniveau sich zu behaupten,
wie die Zunahme der Bedürfnisse den Fleiß, die Thatkraft, die Arbeitsamkeit immer
vieder angespornt und gefördert hat, die höhere Kultur bedeutet.
Betonen wir so die Berechtigung der wirtschaftlichen Bedürfnissteigerung im ganzen
und ihren Zusammenhang mit aller höheren Kultur, aus der sie zuletzt entspringt.
sehen wir in dem großen wirtschaftlichen Mechanismus, der unseren Bedürfnissen dient,
die in die Außenwelt verlegte Projektion innerer Vorgänge, eine komplementäre Er—
scheinung unserer höheren Gefühlsentwickelung, so foll damit doch entfernt nicht gesagt
sein, daß schlechthin jede Bedürfnissteigerung ein Segen sei, daß keine Gefahren mit ihr
sich verbinden.
Große und lange Epochen der Menschheit haben einen fast stabilen Zustand der
Bedürfnifse gehabt; solche wechseln naturgemäß mit Zeiten, in welchen eine verbesserte
Technik und wachsender Wohlstand eine große Bedürfnissteigerung erzeugten und erlaubten.
In den erstgenannten Epochen wird das Streben, alle Bedürfnisse miteinander und
nit einer gulen Gesellschaftsverfassung in Harmonie zu bringen, sogar leichter gelingen;
und deshalb wird eine fest gewordene, eingewurzelte, von sittlichen Ideen beherrschte
Bestaltung der Bedürfnisse daun von allen konservativen Elementen und von den Moral—
predigern als ein Ideal verteidigt werden, an dem nicht gerüttelt werden dürfe. Neue
Bedürfnisse erscheinen so leicht an sich als Unrecht, als Überhebung, als Mißbrauch;
und sie führen häufig auch zunächst zu häßlichen Erscheinungen, zu unsittlichen Aus—
schreitungen, die man durch Verbote, Luxusgesfetze, Moralpredigten mit Recht bekämpft.
Jedes Bedürfnis erscheint als Luxus, sofern es neu ist, über das Hergebrachte
hinausgeht. Sehr häufig ist in der Folgezeit berechtigtes Bedürfnis, was zuerst als
verderblicher Luxus erschien. Aber der steigende Luxus kann auch ein Zeichen wirtschaft⸗
licher und sittlicher Auflösung im ganzen doder gewisser höherer Kreise sein.
Die Bedürfnisse jedes Volkes und jedes Standes sind ein Ganzes, das dem Ein—
kommen und Wohlstand ebenso entsprechen soll, wie der richtigen Wertung der Lebens—
zwecke untereinander. Und zumal in einer Zeit großer wirtschaftlicher Fortschritte,
großer Anderung und Steigerung der Bedürfnisse wird es immer zuerst sehr schwer
sein, das richtige Maß im ganzen zu halten und im einzelnen iedem Lebenszwecke sein
        <pb n="38" />
        26 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

gebührendes Maß von Mitteln zuzuführen. Rohe Zeiten haben durch ein Ubermaß
don Fressen und Saufen, civilisierte durch Kleider- und Festluxus gefehlt; verschwende—
rische Fürsten und Völker haben, statt sparsam die Mittel zusammen zu halten, durch
Bauten und Vergnügungen sich erschöpft; die sinkende Kultur des Allertums und der
Despotismus der neueren Zeit zeigen genug solcher Beispiele. Die Verbreitung der
Trunkenheit und des Alkoholgenusses der neueren Zeit beweist, wie wenig wir noch
über solche Irrwege hinaus sind.
Jebe Bedürfnissteigerung, zumal die rasch möglich werdende und eintretende, ist
für jede Klasse und jedes Volk eine Prüfung, die nur bestanden wird, wenn die sittlichen
Träfte gesund sind, wenn Besonnenheit und richtiges Urteil den Umbildungsprozeß
deherrschen, wenn die Mehrproduktion und die Spaͤrsamkeit gleichen Schritt mit den
— E— starke Bedürfnissteigerung
erzeugt die Gefahr, daß das Genußleben an sich für einzelne oder weite Kreise zu sehr
an Bedeutung gewinne gegenüber der Arbeit und dem Ernst des Lebens. Es entsteht
die Möglichkeit, daß die sersten Schritte auf dieser Bahn die Thatkraft steigern, die
päteren sie lähmen. Vor allem aber handelt es sich um die Art der Bedürfnissteigerung
ind ihre Rückwirkung auf die sittlichen Eigenschaften. Es dürfen nicht die gemeinen,
innlichen Bedürfnisse auf Kosten der höheren gesteigert werden. Es dürfen mancherlei
weischneidige Genußmittel nicht in die Hände halb kultivierter, sittlich schwacher Ele—
nente fallen: sie werden bei höchster Selbstbeherrschung vielleicht Gutes wirken, wenigstens
nicht schaden, sonst aber nur zerstbren. Allein die Bedürfnissteigerung ist die normale,
welche die geistigen und körperlichen Kräfte, vor allem die Fähigkeit zur Arbeit erhöht,
welche das innere Leben ebenso bereichert wie das äußere, welche den socialen Tugenden
einen Eintrag thut.
Die Gejsaht jeder Bedürfnissteigerung liegt im Egoismus, in der Genußsucht, im
ybaritischen Kultus der Eitelkeit, die sie bei falscher Gestaltung herbeiführen kann. Es
var kriechende Schmeichelei der früheren Jahrhunderte, jeden Wahnsinn fürstlicher Ver—
schwendung zu preisen; es war knabenhafte Demagogie, dem Arbeiter von der Sparsamkeit
bzuraten, weil die Bedürfnissteigerung stets wichtiger sei. So redete Lassalle von einer
berdammten Bedürfnislosigkeit der unteren Klassen, die ein Hindernis der Kultur und
der Entwickelung sei.

5. Die menschlichen Triebe.
Über die Litteratur siehe den vorigen Abschnitt.

13. Allgemeines. Die Lust- und Schmerzgefühle, die zur Bedürfnisbefriedigung
Anlaß geben, erscheinen als Triebe, sofern sie bleibende Dispositionen des Menschen zu
inem der Art, aber nicht dem Gegenstande nach bestimmten Begehren darstellen. Was
der Instinkt im Tier, ist der Trieb im Menschen. Er giebt die Anstöße zum Handeln,
die immer wieder in gleicher Richtung von der Thätigkeit unseres Nervenlebens, haupt—
ächlich von den elementaren Gefühlen ausgehen. Aber die heute vorhandenen, in
bestimmter Art auftretenden Triebe dürfen wir deshalb doch nicht als etwas ganz Un—
deränderliches, mit der Menschennatur von jeher an sich Gegebenes betrachten, so wenig
wie unser Gehirn und unsere Nerven stets ganz dieselben waren. Die Natur hat dem
Menschen nicht etwa einen Essenstrieb mitgegeben, sondern Hunger und Durst haben
als qualvolle Gefühle, welche die Nerven aufregen, Menschen und Tiere veranlaßt, nach
diesem und jenem Gegenstand zu beißen und ihn zu verschlingen; und aus den Er—
ahrungen, Erinnerungen und Erlebnissen von Jahrtaufenden, aus den körperlichen und
zeistigen damit verknüpften Umbildungen ist der heutige Trieb, Nahrung aufzunehmen,
entstanden, der in gewissem Sinne freilich als elementare, konstante Kraft, auf der anderen
Seite aber in seinen Außerungen doch als etwas historisch Gewordenes erscheint. Jeder so
mit der Entwickelungsgeschichte gewordene, auf bestimmten Gefühlscentren beruhende Trieb
        <pb n="39" />
        Das Wesen der Triebe.

27

regt den körperlichen Mechanismus wie unser Seelenleben an, mit einer Art mechanischer
Aoͤfolge in bestimmter Weise zu handeln. Wir sprechen wenigstens mit Vorliebe da
bon einem Trieb, wo wir glauben, das Handeln auf ein „Getriebensein“ zurückführen
zu können, wo wir große Menschengruppen oder alle Menschen in ähnlicher Weise glauben,
durch bestimmte seelische Grundkräste in ihren Willensaktionen beherrscht zu sehen. Wir
bezeichnen die Handlungen als Triebhandlungen, welche uns unter der unmittelbaren
Wirkung einer solchen Grundkraft zu stande zu kommen scheinen.
Die Vorstellung, daß es möglich sei, eine bestimmte Anzahl sich immer gleich
hleibender Triebe bei allen Menschen aller Zeiten nachzuweisen, müssen wir dabei freilich
fallen lassen. Das Triebleben ist, wie wir schon bemerkt, ein Ergebnis der historischen
Entwickelung unserer Nerven und unserer ganzen geistig-fittlichen Natur. Alle starken
Gefühle geben Impulse zum Handeln; je niedriger die menschliche Kultur, desto unwill—
ürlicher folgt dieses Handeln, desto näher steht es unbewußien Reflexbewegungen, desto
nehr handelt es sich um ein wirkliches „Gelriebensein“. Je mehr die Reflexion und
—D— zwischen den Gefühlsimpuls
und das Handeln Vorstellungen über die Folgen, Überlegungen fittlicher Art, desto
mehr geht das impulsive Handeln in ein überlegtes, durchdachtes, durch die Erziehung
nodifiziertes über. Die Triebe verschwinden damit nicht, aber die reinen und bloßen
Triebhandlungen. Unsere Handlungen werden etwas anderes, Komplizierteres, den sitt⸗
lchen Lebensplänen Angepaßtes; die Triebe selbst ändern sich in ihren Wirkungen. Der
Erwerbstrieb des rohen Indianers, des Bauern, des Gelehrten, des Börsenspekulanten
sind qualitativ und quantitativ ebenso verschieden wie der Geschlechtstrieb einer Südfee—
infulanerin und einer gut erzogenen englischen Lady.
Der Trieb ist der organische, von unserm Gefühlsleben und bestimmten Vor⸗
stellungen ausgehende Reiz zum Handeln. Er ist der natürliche Untergrund dessen, was
durch Zucht und Gewöhnung, durch Ubung und Zähmung zur civilisserten Gewohnheit
wird. Alle menschliche Erziehung will die Triebe ethisieren und in gewissem Sinne zu
Tugenden erheben; aber die Triebe der heutigen Generation sind immer schon das Er—
Jebnis einer sittlichen Erziehungsarbeit von Jahrtausenden.
Die neuere Pfychologie, wesentlich auf andere Fragen gerichtet, hat in der Trieb⸗
lehre noch keine großen Forlschritte gemacht; man ist noch zu keiner einheitlichen Klassifi—
kalion der Phänomene und zu keinen jesten Begriffen gelangt. Nichtsdeftoweniger drängt
sich das Bedürfnis, eine Reihe von Trieben zu unterscheiden, immer wieder auf. Und
venn die Versuche, ganze Wissenschaften aus einem oder ein paar Trieben zu er—
klären — ich erinnere an den geselligen Trieb des Aristoteles und Hugo Grotius, an
die Trieblehre der Socialisten, an den Erwerbstrieb der Nationalbkonomen, an die
Heirats- und Verbrechenstriebe der Statistiker —, noch unvollkommener sind als die
Trieblehren der Psychologen, so wird eine sociologische Betrachtung, welche nicht um
ystemalischer Einheit willen alles aus einer Ursache ableiten will, doch immer am
besten thun, in Anlehnung an die heutige Psychologie die wesentlichsten der gewöhn⸗
lichen Triebe einfach nebeneinander zu stellen und auf, ihren Zusammenhang mit den
Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens zu prüfen, ohne damit die Prätension zu er—
heben, eine neue Trieblehre zu geben oder gar auf sie ein ganzes System zu bauen.
Wir kommen dabei freilich auf eine Wiederholung dessen, was wir über die Ge⸗
fühle gesagt; wir müssen uns andererseits mit wenigen aphoristischen Bemerkungen über
den Selbsterhaltungs⸗ Geschlechts-, Thätigkeits⸗, Anerkennungs- und Rivalitätstrieb
beschränken; aber diese, sowie die Hinweisung auf ihre historische Entwickelungsfähigkeit
werben immer nicht wertlos sein und uns für die Erörterung des Erwerbstriebes vor—
dereiten.
74. Der Selbsterhaltungs- und der Geschlechtstrieb werden in allen
Trieblehren vorangestellt; sie entsprechen den stärksten Lustgefühlen, wie wir bereits
erwähni. Sie können auch, viel eher als der Egoismus oder der Erwerbstrieb, als
der psychologische Ausgangspunkt des Wirtschaftslebens ja der ganzen gesellschaftlichen
Orgaͤntsation angesehen werden: Durch Hunger und durch Liebe, sagt ein bekanntes
        <pb n="40" />
        28 Einleitung. Begriff. Psychologische und fittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Sprüchlein, erhält sich das Getriebe. Und Goethe meint in den venetianischen Epi—
grammen:

Warum treibt sich das Volk so und schreit? Es will sich ernähren,
Kinder zeugen und die nähren, so gut es vermag.
Merke dir, Reisender, das und thue zu Hause desgleichen —
Weiter bringt es kein Mensch, siell' dr sich, wie er auch will.

Der Selbsterhaltungstrieb umfaßt nicht bloß das Essen und Trinken; wir führen
auf ihn alle menschliche Thätigkeit zurück, die auf Erhaltung des eigenen Ich direkt
gerichtet ist; der Mann, der sich gegen seine Feinde oder wilde Tiere verteidigt, der sich
gegen Kälte oder Gefahren schützt, wird ebenso von ihm geleitet wie der, welcher Waffen
und Werkzeuge zu künftigem Thun bereitet. Aus dem Selbsterhaltungstrieb entwickeln
sich bei höherer, komplizierterer Kultur alle möglichen Anstrengungen, die indirekt das
Individuum erhalten und fördern wollen; aller Kampf mit der Natur, alle Anstrengung
und Arbeit hängt mit demselben zusammen, sofern sie das eigene Ich im Auge haben
auch List und Betrug, Gewaltthat und Diebstahl, Raub und Nord entspringt aus ihm,
wie der heftige, rüksichtslose Konkurrenzkampf der Gegenwart. Damit ist aber schon
gesagt, daß der Trieb kein einfacher sei, mit höherer Kultur immer kompliziertere Ge—
biete, indirekte Ziele umfasse und in seiner Bethätigung sich bei den meisten Menschen
nur in den Schranken der Sitte und des Rechtes äußere. Die Ziele, die ihm gesteckt
sind, wechseln ebenso wie die Kraft und Nachhaltigkeit, mit der er auftritt. Er äußert
sich beim Wilden als Veranlassung zu Jagd und Fischfang, beim Ackerbauer zur Pflug⸗
ührung und Ernte. Faulheit und Arbeitsscheu, gedankenlose Verschwendung sind hier mit
— Fleiß. Erst eine durch die Jahrtausende
ortgesetzte Zucht und die Institute der socialen Ordnung haben ihn zu dem gemacht,
vas wir heute als Selbsterhaltungstrieb in der civilisierten Gesellschaft bezeichnen. Von
der Sorge für die eigene Brut und Familie ist er heute schwer zu trennen. Vermöge
jenes Princips der Association der Vorstellungen, welches zuerst Hartley in die pfycho⸗
logischen Untersuchungen des Sittlichen eingeführt hat, vereinigen sich die Vorstellungen
der Menschen nach beiden Richtungen mehr oder weniger stets. Nur bei gänzuch
schlechten, verwahrlosten Menschen oder im Moment der Todesgefahr hat der Selbst—
erhaltungstrieb nur das eigene Ich im Auge.
Auch der Geschlechtstrieb ist — zumal in der civilifsierten Gesellschaft —
kein einfaches Phänomen, keine blinde Triebkraft mehr. Gewiß tritt er auch heute noch
mit einer gewissen elementaren Kraft auf, er kann einzelne im Moment blind beherrschen,
r ist für die meisten erwachsenen, noch nicht gealterten Menschen einer der wichtigften
Faktoren ihres Trieblebens; aber der sittliche und sociale Erziehungsprozeß hat ihn vei
der Mehrzahl der Menschen gemildert, geformt, mit Schranken umgeben, ihn mit allen
möglichen anderen Zielen in Verbindung gebracht. Er tritt vor allem als Trieb auf,
eine Familie zu gründen; er verbindet sich so unauflöslich mit all' den Hoffnungen auf
Blück und Behagen, welche die Ehe und die Familie bietet. Aus und mit den Lust⸗
empfindungen der Begattung sind so seit Millionen Jahren sympathische Erregungen,
Güte, Leutseligkeit, Aufopferungsfähigkeit erwachsen, die Freude vor allem an dem Dafein
der Kinder und Enkel, der Gattin und der Verwandten, ja das ganze Stammesgefühl.
Und wenn der Saz wahr ist, daß für die große Masse der Menschen noch heute nach
o vielen Jahrtausenden der Geschichte der natürliche Zusammenhang des Blutes immer
noch der weitaus wichtigste, wo nicht der einzige Hebel milderer Sinnesart im Gegensatz
zum rohen Ich sei (Cohn), daß erst langsam und nach und nach die Familiengefühle
auf weitere Kreise sich ausdehnen, so ist damit zugegeben, daß auf dem natürlichen
Boden des Geschlechtstriebes höhere und reinere gesellige Triebe erwachsen sind, welche,
einmal fest gewurzelt und zu felbständigem Streben nach bestimmten Zielen ausgebildet,
sich dem Geschlechistrieb als etwas Eigenartiges und Höheres gegenüberstellen.
15. Der Thätigkeitstrieb ist teilweise verwandt mit dem Selbsterhaltungstrieb,
 aber doch wieder von ihm wesentlich verschieden. Er geht zunächst hervor aus
einem der allgemeinsten menschlichen Gefühle, dem Kraftgefühl der Rerven und Muskeln,
        <pb n="41" />
        Der Selbsterhaltungs-, Geschlechts⸗ und Thätigkeitstrieb. 29

die ihre überschüssige Energie irgendwie verbrauchen müssen. Alle phyfsiognomische und
mimische Bewegung hängt damit zusammen, wie die Sprache, welche nach ihrer anima—
lischen Seite nichts ist als die unwillkürliche lautliche Entladung gewisser Nerven- und
Muskelkräfte. Der Thätigkeitstrieb nötigt uns aber nicht bloß, Muskeln und Nerven
zu beschäftigen, unter dem Einfluß ordnender, mit dem Zweckleben sich ergebender Vor—
telluügen und Lustgefühle will er sie sachgemäß beschäftigen, er will die Kräfte üben,
die Grenzen der eigenen Macht erproben; er geht so dem erwachenden Selbstgefühl
parallel; ursprünglich ein Ergebnis rein animalischen Daseins nimmt er alle höheren
nenschlichen Zwecke, sofern wir unsere Kraft an ihnen versuchen, in sich auf; die ihm
eigentümlichen Lust- und Schmerzgefühle verbinden sich auf jeder Kulturstufe mit Gefühlen
höherer Ordnung. —
Außert er sich beim Kannibalen nur in der Befriedigung, einen Feind getötet oder
skalpiert zu haben, beim rohen Jäger in der Spannung und dem Genuß, welchen die
Erlegung des Elchs und des Hirsches gewähren, so werden die Ziele desselben beim
ulturmenschen unendlich mannigfaltige, die Lust aber bleibt immer dieselbe. Es ist
die Freude, die eigene Kraft richtig eingesetzt und verwertet zu haben. Wir beobachten
»en Trieb ichon beim Kinde, das mit Bauklötzchen ein Haus baut, das sägen und leimen,
pappen und malen will, das in tausenderlei Formen die kleine Welt der Hauswirtschaft
vie die große der Technik in seinen Spielereien nachahmt und entzückt in die Händchen
schlägt, wenn ihm die kleinen Kraft- und Kunstproben gelungen sind. Und was der
Jugend das Spiel, ist dem Alter die Wirklichkeit. Den Schmied, welchem der rechte
Schlag mit dem Hammer gelungen ist, die Köchin, welche den duftenden Sonntagsbraten
anrichtet, den Maler, welcher vor dem fertigen Bilde den Pinsel weglegt, den Maschinen—
abrikanien, der die tausendste Lokomotive auf die Ausstellung schickt, durchglüht dasselbe
Innervationsgefühl gelungener eigener Thätigkeit wie den hungernden Prediger, welcher
nit dem Bewußtsein von der Kanzel steigt, wieder einmal als Wecker der Gewissen die
Herzen und Nieren seiner Gemeindeglieder erschüttert zu haben. Es giebt keine größere
Freude für den Menschen als die vust thätigen Schaffens und Wirkens, und sie ist
bis auf einen gewissen Grad unabhängig von dem bkonomischen Erfolg, der Bezahlung
des Produktes, dem Lohn oder Gehalt. Millionen von Menschen arbeiten in der Familie
und in Staat und Kirche ohne direkte Bezahlung, bei anderen Millionen ist Belohnung
und Arbeit nicht in so nahe Beziehung und oft nicht so in Proportion gebracht, daß
die Belohnung das allein ausschlaggebende Motiv wäre. Aber sie arbeiten um des
Erfolges willen. Ihr Vorstellungsvermögen und ihre Nervenerregung läßt ihnen keine
Ruhe, es treibt sie unwiderstehlich zur Thätigkeit; die wesentlichsten wirtschaftlichen
Tugenden, die Ausdauer, der Mut des kühnen Ünternehmers, die frische Erfindungsgabe
des Zeichners und Modelleurs entspringen hier. Der reiche Mann will noch mehr
Jewinnen, nicht so sehr, weil ihn der Mehrbesitz als weil ihn das Kraftgefühl der Erwerbs⸗
äühigkeit erfreut. In diesem Thätigkeitstrieb hat der sittliche Segen der Arbeit seine
aaturliche Wurzel. Die Thätigkeit, welche sich ganz in den Gegenstand versenkt, darüber
das eigene Ich und seine Kümmernisse vergißt, ist das einzige, was auf die Dauer für
die Mehrzahl der Menschen jenes harmonische Gleichgewicht zwischen Lust- und Unlust—
gefühlen herstellt, das wir als dauernde Zufriedenheit bezeichnen.
Aus diesem Trieb entspringt nebenbei auch das Selbstgefühl und Selbstbewußt—
sein; freilich nicht aus ihm allein; es ist ein kompliziertes Ergebnis individueller
und gefellschaftlicher Vorgänge; die Anerkennung in der Gesellschaft stärkt es, wie das
Bewußtsein des Besitzes, das die Furcht, von der Gnade anderer leben zu müssen, ver—
hannt. Vor allem aber erzeugt das Bewußtsein, auf bestimmtem Gebiet etwas Vollendetes
leisten zu können, die bestimmte Sicherheit des Auftretens, die zu unserem inneren Glück
ebenso notwendig ist wie zu jedem äußeren Erfolg. Und das Kolorit des Selbstgefühls
entsteht durch die bestimmte Art der Arbeit. Der Maschinenarbeiter schlägt mit Leiden—
schaft auf den Tisch, der Schneider streichelt sanft den Freund über Achsel und Arm,
zugleich den Stoff befühlend; der Soldat erinnert an die Feldzüge, die er mitgemacht,
her Kaufmann erzählt von den Spekulationen, die ihm gelungen.
        <pb n="42" />
        30

Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

16. Der Anerkennungs- und der Rivalitätstrieb. Gehen wir nach
diesen elementaren Trieben, die in ihrer Wurzel alle an bestimmte physische Lustgefühle
anknüpfen, zu dem über, was man sonst noch als Trieb zu bezeichnen pflegt, so wird
die Unterfuchung sehr viel schwieriger. In gewissem Sinne entspricht auch allen höheren
ausgebildeten Gefühlen ein Triebleben: der Mensch hat ästhetische, intellektuelle, moralische,
gesellige Triebe. Aber es handelt sich hier um viel kompliziertere Vorgänge, um Nerven—
reize, die keineswegs mit gleicher Dringlichkeit den Menschen zu bestimmten Richtungen
des Handelns antreiben. Es handelt sich da um ein Handeln, auf das sittliche und
andere Vorstellungen und Erfahrungen soviel stärker einwirken als der an sich vor—
handene Nervenreiz, so daß wir hier mit der Annahme eines Triebes viel weniger
erklärt haben. Ja an einzelnen Stellen erscheint uns die Annahme eines Triebes nur
als Mäntelchen, unsere Unwissenheit zu verdecken. So müssen wir uns entschieden gegen
die Annahme eines allgemeinen socialen Triebes erklären, obgleich wir zugeben, daß es
auch auf gesellschaftlichem und geselligem Boden Triebreize giebt. Aber diese Triebreize
lösen sich uns auf in eine Reihe von Gefühlen, die wir wieder unterscheiden können
als Gefühle der Blutsverwandtschaft, der Sprach-, der Kulturgemeinschaft, als Freude
an der Geselligkeit und was sonst noch dazu gehört. Und deshalb möchten wir das so
klar zu Unterscheidende nicht mit einem Sammelnamen bezeichnen, der uns die Unter—
ichiede zudeckt.
Dagegen scheint es uns viel eher berechtigt, von einem allgemeinen Triebe der
Menschen nach Anerkennung im Kreise von ihresgleichen zu sprechen. Wir haben schon
oben (S. 9, 15—16) darauf hingewiesen, wie sehr das geistige Leben überall nach
Zusammenschluß hindrängt. Ad. Smith leitet aus der stets und überall wirksamen
Sympathie der Menschen miteinander alle sittlichen Urteile und alle gesellschaftlichen
Einrichtungen ab.
Kein Mensch kann ohne die Billigung eines gewissen Kreises leben; und je niedriger
er steht, desto mehr ist er in jedem Schritt, den er thut, von dem Urteil seiner Um—
gebung abhängig. Der Mensch ißt und trinkt, er kleidet sich und richtet seine Wohnung
so ein, wie es seine Freunde, seine Standesgenossen für passend halten. Jeder fürchtet
sich in erster Linie vor dem, was man von ihm sagen werde; er fürchtet die Sticheleien,
er fürchtet, sich lächerlich zu machen. Viele geben Feste über ihre Mittel, weil sie
fürchten, sonst getadelt zu werden. Die arme Witwe ruiniert sich und ihre Kinder, um
dem Mann ein anständiges Begräbnis zu verschaffen. d. b. ein solches, wie sie alaubt,
daß es die Nachbarn erwarten.
Wir beherrschen unfere Leidenschaften, weil wir fürchten, sonst ungünstig beurteilt
zu werden; die Mäßigung, die Selbstbeherrschung entspringt so zuerst wesentlich aus
Rücksicht auf andere. Mag der einzelne Mensch im Herzen sich noch so sehr allen anderen
vorziehen, er darf es, sagt Ad. Smith in der Theorie der sittlichen Gefühle, doch nie
eingestehen, ohne sich verächtlich zu machen, er muß die Anmaßungen des Egoismus zu
dem herabstimmen, was andere nachempfinden können. Es giebt keine Lage des Lebens,
in welcher der Mensch ganz auf Anerkennung der Menschen verzichten könnte, die er selbst
achtet und hoch hält.
Der Kreis derer, auf die man dabei achtet, deren Anerkennung, Billigung oder
diebe man wünscht, kann je nach der Kultur, der Gesellschaft, der Lebenslage, der
Handlung, die in Frage steht, ein sehr verschiedener sein. Aber diese Anerkennung oder
Billigung ist für die Mehrzahl der Menschen eine Hauptquelle ihres Glückes, ihrer
Zufriedenheit. Selbst der Auswurf der Menschheit kann nicht ohne solche Billigung
leben. Es ist ohne Zweifel eine der Hauptursachen der größeren Moralität in kleineren
Orten, wo jeder jeden kennt, daß hier Nachbarn, Freunde, Verwandte von jedem
die gewöhnlichen Tugenden des ehrbaren Mannes, des guten Familienvaters, des
sparsamen Hauswirts fordern. In der großen Stadt, vollends in der Welistadt,
entzieht sich das Privatleben der allgemeinen Kenntnis. Der schneidige Offizier, der
pünktliche Beamte, der gewandte Commis wird von den Personen, die sein Schicksal
bestimmen, nur nach Bruchstücken seines Wesens gekannt und beurteilt. Vollends der
        <pb n="43" />
        Der Anerkennungs- und der Rivalitätstrieb. 31

betrügerische Börsenspieler, der wucherische Kreditgeber, der Hehler und der Dieb wissen
hre Thätigkeit vielen, mit denen sie in Berührung kommen, zu verbergen, sind anderer—
seits in den Kreisen derer, die mit ihnen ein gleiches Gewerbe treiben, vielleicht als die
Geriebensten geachtet und darum stolz auf diesen Ruf. Er ersekßt ihnen, was sie an
Anerkennung im übrigen entbehren.
Die beständige Rückficht, sagt Lotze, auf das, was andere, für uns die Vertreter
des Allgemeinen gegenüber unserer Individualität, von uns denken werden, vertritt
sowohl in den ersten historischen Zeiten der Menschheit als in den Anfängen der persön—
lichen Entwickelung, endlich auf jenen niedrigen Bildungsstufen, auf denen ein Teil
unseres Geschlechts beständig verharrt, mit mehr oder weniger Glück und Vollständigkeit
das eigene inoralische Gewissen. Lazarus nennt dieses Sich-Fühlen in einem größeren
Ganzen eine Erweiterung des Selbstgefühls. Und unzweifelhaft vertritt für alle weniger
entwickelten Individuen dieses Teilhaben an dem Selbst— und Ehrgefühl eines gesell—
schaftlichen Kreises das Selbstgefühl.
In seinem älteren Werke führt Ad. Smith sogar in übertreibender Weise alles
Streben nach Reichtum auf die Anerkennung durch andere zurück. Dieses Streben erscheint
ihm nach den idealistischen Rousseauschen Empfindungen seiner Zeit überhaupt ziemlich
thöricht. Der Tagelbhner ist ihm so glücklich wie der Millionaͤr; die Bedürfnisse der
Ratur könne auch der erstere befriedigen. Was also, sagt er, treibt uns darüber hinaus?
Wir wollen, antwortet er, bemerkt, mit Sympathie, mit Beifall umfangen werden. Der
Arme schämt sich seiner Armut; der Besitz wird nur erstrebt, um bemerkt zu werden.
Smith berührt hier denselben Gedanken, den neuerdings die Kulturhistoriker ganz richtig
betoni haben, welche alle Kleidung aus dem Schmuck und allen Schmuck aus der Absicht
hergeleilet haben, sich durch die Abzeichen, Federn, Farben, durch die Tätowierung,
durch die Gürtel und Ringe auszuzeichnen, von anderen sofort erkannt und als höher
Gestellle, als Mitglieder einer Sippe, eines Stammes sich anerkannt zu sehen.
Wir sind damit gewissermaßen schon zu einem anderen menschlichen Triebe oder
zu einer Abart des Anerkennungstriebes gekommen, zu dem Trieb der Rivalität.
Beruht auf dem Anerkennungstrieb der Bestand und die Gruppierung der gesellschaft⸗
ichen Kreise, so beruht auj dem Rivalitätstrieb die Bewegung der Gesellschaft.
Es ist gewiß das Ursprünglichere, daß der Menschals Gleicher unter Gleichen,
als Glied eines Ganzen, einer Sippe, eines Stammes, eines Standes, einer Körperschaft
sich fühlen will; alle ursprungliche Gesellschaftsverbindung und noch heute alle einfacheren
gesellschaftlichen Beziehungen beruhen darauf. Die feinere Geselligkeit lebt heute noch
hon der Fiktion, die sich in einem Salon Versammelnden seien gleich und erkennten sich
als solche an. Aber alle Ausbildung der Individualität wie alle kompliziertere Gesellschafts⸗
verfassung hängt mit dem Triebe, der zunächst bei den Stärksten, Begabtesten sich zeigt,
zusammen, über diese Anerkennung als Gleicher unter Gleichen hinauszukommen.
Indem der Mensch seine Gefühle und Vorstellungen zum Selbstgefühl zusammen—
faßt, sein eigenes Ich der übrigen Welt, den Gliedern seiner Familie, seinen Genossen
enlgegensetzt, entsteht notwendig in ihm die Reigung, diesen Schnitt zwischen sich und
den übrigen zu benutzen zu einer Erhebung über sie. Es entstehen die selbstischen Ge—
fühle, die Eigenliebe, die Schadenfreude, der Hochmut, das Bessersein- und Besserwisfen⸗
wollen. Der Knabe freut sich der stärkste, der Jüngling der tapferste zu sein. Die
primitivsten Anfänge einer komplizierteren Gesellschaftsverfassung schaffen Häuptlings-,
Fuhrer⸗, Richter⸗, Priesterstellen, auf Grund deren sich einzelne über die anderen erheben;
— Auswahl der schönsten Weiber für die
ungesehenen Manner; die wachsende Habe, der Herdenbesitz, später das Grundeigentum
schaffen Abstufungen in der socialen und wirtschaftlichen Lage, die mit den Abstufungen
der socialen Ehre erst parallel gehen, später auch getrennt von ihnen als Ziel die
Kraftvolleren locken. Kurz es entsteht nach und nach der Kampf um höhere Ehre,
zroöͤßeren Besitz, schönere Weiber, das Ringen um höheres gesellschaftliches oder irgendwie
specialisiertes Ansehen. Die Rivalitätskämpfe sowohl der einzelnen als der Gruppen
der einelnen spielen bald eine größere, bald eine geringere Rolle; ganz fehlen sie in
        <pb n="44" />
        32 Einleitung. Begriff. Psfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

keiner menschlichen Gesellschaft; sie sind das Schwungrad des Fortschritts, erzeugen den
Kampf ums Dasein in seinen verschiedenen Formen.
Der Erwerbstrieb in den mit ausgebildetem Eigentum wirtschaftenden Völkern
ist eine Unterart dieses allgemeinen Rivalitätstriebes. Wir gehen auf ihn nun noch
etwas genauer ein.

ß. Der Erwerbstrieb und die wirtschaftlichen Tugenden.

Mandeville, Fable of the bees or private vices public benefits. 1713. — Heéelveétius,
De l'esprit 1758, de l'homme, Oeuvres 1792. — Bentham, Worbks 1848. Über Bentham und
die Benthamiten: Held, Sociale Geschichte Englands 1881, S. 246-287. — Lotz, Handbuch der
Staatswirtschaftslehre I, S. 6ÿ57. 1821. — Rau, Grundsätze der Volkswirtschafslehre. 6. Aufl.
38 7 u. 11. 1855. — Ders., Bemerkungen über die Volkswirtschaftslehre und ihr Verhältnis zur
Sittenlehre. Z. f. St.W. 1870.
J Schütz, Das sittliche Moment in der Volkswirtschaft. Z.f. St. W. 1844 — Knies, Ppolitische
konomie vom Standpunft der geschichtlichen Methode. S. 147-168. 1853. 2. Aufl. S. 227-258.
1883. — Vorländer, Über das sittliche Princip der Volkswirtschaft in Rücksicht auf das sociale
Problem. 3.f. St.W. 1857. — Schmoller, Grundfr. S. 50ff. — H. Dietzzel, Selbstinteresse. H.W.
Riehl, Die deutsche Arbeit. 1861. — G. Jäger, Die menschliche Arbeitskraft. 1878. —
Lohn, Grundlegung der Nationalökonomie. 1885. 88 217282. — Bücher, Arbeit und Rhythmus.
1896. — Smiles, Die Sparsamkeit. 1876. — Über die wirtichaftlichen Tugenden ist die ganze
thische Litteratur zu vergleichen.
17. Dogmengeschichtliches. So oft über die Ursachen menschlichen Handelns
ernsthafter nachgedacht worden ist, haben sich Denker gefunden, welche alles Handeln,
auch die Tugenden der Menschen auf die Selbstliebe zurückführten. Die Sophisten und
Epikur gingen voraus; ihnen folgte der englische Senfualismus, Hobbes und Mandeville,
der mit brutalerer Offenheit als alle anderen die Ableitung des menschlichen Thuns
aus der Selbstliebe in seiner Bienenfabel vornahm, endlich die französischen Materialisten
des 18. Jahrhunderts, voran Helvetius, der mit seltenem Scharfsinn den Wandlungen
des Egoismus im menschlichen Herzen nachgehend, die Lust und Unlust mehr nur in
ihren niedrigeren Sphären verfolgend, der glänzendste Theoretiker des Egoismus geworden
ist und auf die ganze geistige Atmosphäre seiner Zeit einen erheblichen Einfluß geübt hat.
Die ganze zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war an sich dem Kultus des Individuums
zgewidmet, das die einen als boshaftes, nur durch die Gesetze im Zaum gehaltenes Tier,
die anderen als edles herrliches Wesen sich konstruierten, das vom Schutt der Über—
lieserung befreit und sich selbst überlassen, nur Gutes vollbringe. Die Beschäftigung mit
den wirtschaftlichen Fragen legte eine Betonung der Selbstliebe überdies besonders nahe.
Ein so feiner Psychologe und Ethiker, wie Ad. Smith, der im übrigen ein Gegner
dieser materialistischen Theorien war, brauchte nun nur in seinen volkswirtschaftlichen
Erörterungen von der natürlichen Neigung jedes Menschen, sein eigenes Interesse zu
verfolgen, zu sprechen und optimistisch die guten durchschnittlichen Folgen dieser Neigung
zu rühmen, und ein Geschlecht von Epigonen, voran die englischen Empiristen ünter
Benthams Leitung und die etwas steifleinenen unphilosophischen deutschen Kameralisten
wie Rau und Lotz kamen nun zu einer allgemeinen Theorie, die dahin lautete, daß der
Egoismus, der Eigennutz, das Selbstinteresse, der Erwerbstrieb (diese keineswegs identischen,
aber verwandten Begriffe wurden häufig zusammengeworfen) die ausschließliche Grund—
lage der Volkswirtschaft sei, daß wenigstens in unserer Wissenschaft nur die Folgen
dieses Triebes zu untersuchen seien. Bentham zieht aus einer Untersuchung der ver—
schiedenen Arten des menschlichen Glückes die Folgerung, daß die Freude am Reichtum
eine centrale Stellung einnehme, da er die Mittel für alle anderen Freuden darbiete.
Für Senior ist der Satz, daß jeder Mensch ein Mehr von Wohlstand mit so wenig
Opfern als möglich erreichen will, der Eckstein der politischen Okonomie, die letzte
Thatsache, über welche nicht zurückgegangen werden könne. Rau erklärt das Verhältnis
der Menschen zu den sachlichen Gütern für ein unwandelbares, die Selbstsucht als
ortdauernde Triebkraft ist ihm die Voraussetzung, ohne welche kein einziges volkswirt
ichaftliches Gesetz aufgestellt werden könne.
        <pb n="45" />
        Der Erwerbstrieb. Dogmengeschichte. Entstehung. 33

Die Tragweite dieser Sätze ist teilweise von Rau selbst schon etwas eingeschränkt
worden; andere haben sie in anderer Art zu modifizieren gesucht. Man hat die Selbst⸗
sucht in die Selbstliebe oder in das sogenannte geläuterte Selbstinteresse umgedeutet, das
bei edlen Menschen alle höheren Lebensziele mitumfasse. Man hat den Gemeinsinn, das
Recht und die Billigkeit oder den sogenannten Altruismus (die Liebe zu anderen im
GBegensatz zum Egoismus) als gleichwertige Triebe neben den Erwerbstrieb gestellt, um
alle wirtschaftlichen Handlungen zu erklaͤren (Hermann, Roscher, Knies, Sax). Man
hat aus dem Erwerbstriebe einen allgemeinen wirtschaftlichen Sinn gemacht, der Kraft⸗
ufwand und Erfolg stets vergleiche (Dietzel). Oder man hat zugegeben, daß die socialen
Erscheinungen von dem Ganzen der Eigenschaften der menschlichen Natur beeinflußt
werden, aber daneben das Verlangen nach Reichtum als ausschließliche Ursache der
Volkswirtschaft dadurch zu retten gesucht, daß man die Wissenschaft für eine hypothetische
rklart hat (J. St. Mill), die nur die Folgen dieses Verlangens zu untersuchen habe
und deren Ecgebnisse von der Wirklichkeit sich ebenso weit entfernten, wie die hupothetische
Ursache von der Gesamtheit der Ursachen entfernt sei.
In all' diesen Abweichungen zeigt sich die Erschütterung und Unsicherheit der
alten dehre, ohne daß eine neue, ebenso anerkannte an die Stelle getreten wäre. Nach
wie vor wird hier das sogenannte privatwirtschaftliche System auf den Erwerbstrieb
zurückgeführt, dort die ganze Preisuntersuchung an die Voraussetzung des Eigennutzes
zeknüpft. Wir müssen auch zugeben, daß unser heutiges und wohl alles Erwerbsleben
mit dem Eigennutz in einer innigeren Verbindung steht, als etwa unser Staatse und
Kirchenleben. Es wird sich also, um das Wahre zu finden, darum handeln, einsach noch
einen Schritt weiter zurüczugehen, als dies Hermann, Roscher und Knies gethan, sich
nicht mit zwei Abstraktionen, Erwerbstrieb und Gemeinsinn, zu begnügen, sondern, wie
wir dies bereits begonnen, psychologisch und historisch zu untersuchen, was die Triebfedern
des wirtschaftlichen Handelns überhaupt seien, wie der sogenaunnte Erwerbstrieb neben
anderen Trieben sich ausnehme, wie die bloßen wirtschaftlichen Triebe sich verhalten zu
den Eigenschaften, die wir als wirtschaftliche Tugenden bezeichnen, wie neben dem Erwerbs⸗
rieb die Arbeitsamkeit, die Sparsamkeit, der Unternehmungsgeist entstehe.
18. Entstehung, Entartung, Verbreitung des Erwerbstriebes.
Wir beginnen mit der Frage, hat der Mensch von Haus aus einen egoistischen Erwerbs—
rrieb in dem Sinne, daß er größere Vorräte sachlicher Güter für sich anzuhäufen, zu
ammeln strebt; ist ein Trieb dieser Art die primäre Verursachung alles wirtschaftlichen
Handelns, d. h. des Handelns, das die Unterwerfung der materiellen Außenwelt
unter die Zwecke des Menschen erstrebt, die wirtschaitliche Bedürfnisbefriedigung im
Auge hat?
Darauf ist zu antworten, daß die elementaren sinnlichen Lust- und Schmerz⸗
Jefühle und das an sie sich knüpfende Triebleben, daß ferner die Freude am Glanz und
Schmuck, an Waffen und Werkzeugen, am Erfolg der eigenen gelungenen Thätigkeit un—
weifelhaft die ersten und dauerhaftesten Veranlassungen wirtschaftlichen Handelns sind.
Mischt sich auch in die früheste Bethätigung dieser Gefühle schon die Neigung, dieses
und jenes ausschließlich dem eigenen Gebrauch vorzubehalten, wie wir es beim Kind
und beim Wilden sehen, ein eigentlicher Erwerbstrieb ist weder beim Kind und Jüng—
ing, noch bei all' den primitiven Slämmen vorhanden, die noch zu keinem größeren
Herden- oder sonstigen Vermögen, zu keinem Handel gekommen sind. Die wirtschaftliche
AÄnstrengung wird ursprünglich wesentlich durch den Hunger veranlaßt, träge Faulheit und
derschwendender Genuß wechseln; der unbedeutende Besitz an Werkzeugen und Waffen
vird'als Instrument der Selbsterhaltung geschätzt; aber nicht sowohl der Vorrat an
ich, der Besitz an sich erfreut, zumal ein größerer kaum nutzbar zu machen wäre, sondern
der Mann sreut sich seines Schmuckes, seiner Werkzeuge, seiner Waffen, weil sie ihm An—
sehen und Gelegenheit zu gelungeneren Kraftproben und besserem Jagderfolg geben. Mit
der Zunahme der Bedürfnisse und des Befitzes, mit der Ausbildung des Thätigkeits⸗
triebes, mit der wachsenden Geschicklichkeit fängt eine gewisse Gewöhnung an Anstrengung
ind Arbeit an. Der Anerkennungs- und Rivalitätstrieb mischt sich ein; der Mann
586wmoöolfer. Grundrik der Volkswirtschaftslehre J. 4.-6. Aufl.
        <pb n="46" />
        34 Begriff. Einleitung. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

will nicht als schlechter Kämpfer und Jäger verachtet sein. Die Frauen, die Greise,
die Sklaven widmen sich wirtschaftlicher Thätigkeit für andere teils aus Sympathie für
die Ihrigen, teils aus Furcht vor Mißhandlung, nicht aus Erwerbstrieb. Der natür—
liche Trieb jedes rohen Menschen, die eigenen Interessen denen anderer vorzuziehen,
zeigt sich auf dieser Kulturstufe, soweit er nicht durch gesellschaftliche Einrichtungen
unlerdrückt ist, eher noch in dem Streben nach größeren und besseren Portionen der
Rahrung und des Trankes, nach schöneren Schmuckgegenständen, nach dem Ehrenplatz bei
Festen, als in dem nach einem angehäuften Gütervorrat.
Erst mit dem Herdenbesitz, dem Besitz mehrerer Weiber und Sklaven, noch mehr
später mit dem Handel und dem Edelmetallbesitz, mit dem Leihgeschäft entsteht eine
ntensivere Richtung der menschlichen Selbstsucht auf Besitzanhäufung. Der Vornehme
rühmt sich seiner Rinder und seiner Goldringe; ein gewaltiges Kämpfen und Ringen
um die in den Truhen anzusammelnden Metallschätze beginnt; die Poesie der Germanen
ist nach ihrer Berührung mit der südeuropäischen Kultur jahrhundertelang erfüllt von
dem Schatze der Nibelungen. Mord und Gewalt, blutige That und verräterische List
wird gepriesen und geehrt, wenn sie nur Schätze bringt. Erst sehr langsam geht der
gewaltthätige Kampf, den der gesteigerte Besitz unter den einzelnen wie unter den
Stämmen anfangs erzeugt, in das über, was dann innerhalb einer gefesteten Rechts—
ordnung und unerbittlich strenger Religionssatzungen und Sittenregeln eine beruhigtere
Zeit als erlaubtes Streben nach Geld und Gut anerkennt. So entsteht der Erwerbs—
trieb bei den Kulturvölkern; er geht Hand in Hand mit der Ausbildung des Selbst⸗
zefühls und des Selbstbewußtseins, mit der Entstehung der modernen Individualität.
die Selbsterhaltung und Selbstbehauptung, früher viel mehr auf anderes gerichtet,
konzentriert sich jetzt bei vielen Menschen auf Erwerb, Gewinn, Vermögensbesitz. Das
Emporsteigen über andere, die Thätigkeit für die Familie und die Zukunft, der Ehrgeiz
und die Freude an der Macht, der Lebensgenuß und der Kunstsinn, — alle diese Ziele
jordern nun Vermögenserwerb.
Die Ausbildung des Erwerbstriebes ist eines der wichtigsten Mittel, welche die
Menschen nach und nach der Barbarei, der Faulheit, dem Leben in den Tag hinein
entziehen. Indem der Sinn sich mehr darauf richtet, statt augenblicklichen Suchens von
Benüssen, statt Essens und Spielens, überhaupt wirtschaftliche Mittel zu sammeln,
wird das Leben zerlegt in die zwei großen einander stetig ablösenden Teile: Arbeit und
Genuß. Die erste Erziehung zum Fleiß mag durch den Stock erfolgen, die dauernde,
intensive, innerlich umwandelnde erfolgt durch den Gewinn, welchen erst der Raub und
die Gewalt, später aber der Fleiß und die Anstrengung bringt. Mit der Richtung des
Willens guf erlaubten, rechtlichen Gewinn ist die Unterdrückung der augenblicklichen
dust, die Uberwindung des Unbehagens der Arbeit gegeben; es ist der Anfang des sitt—
lichen Lebens, den Moment unter die Herrschaft künftigen Gewinns, künftiger Lust zu
stellen. Der Erwerbstrieb wird so zur Schule der Arbeit, der Anstrengung, er erhebt
— D——
herrschens; er giebt durch seine Erfolge dem Individuum erst die wahre Selbständigkeit
und Unabhängigkeit, die Würde und die Freiheit, zeitweise Höherem zu leben. Alle
Zulturvölker haben so einen Erwerbstrieb, der dem Wilden, dem Barbaren fehlt. Der
Indianer, welchen ein Rechts- und Ehrgefühl, ein Mut im Ertragen, ein Selbstgefühl
auszeichnet, das jeden Europäer beschämt, teilt mit jedem Hungrigen sein Mahl, und
oerachtet nicht bloß den Besitz überhaupt, sondern noch mehr die europäische Unruhe
and Sorge um den Besitz: jeder Europäer kommt ihm geizig und habsüchtig vor. Wie
tönnt ihr, fragt er, so große feste Häuser bauen, da das Menschenleben doch so kurz
ist? Die vollendete Ausbildung aber erhält der Erwerbstrieb erst da, wo die wirt—
schaftliche Eigenproduktion zurücktritt hinter die für den Markt, wo die Mehrzahl der
Menschen aus einem komplizierten Tauschmechanismus den größeren Teil ihres Einkommens
empfangen, und wo die Beeinflussung dieser Einkommensverteilung durch den Stärkeren,
slügeren, Fleißigeren diesem leicht größere Anteile bringt. Es ist zugleich die Zeit,
in welcher viele der alten, kleinen socialen Gemeinschaften mit ihrer Gemütlichkeit, ihrer
        <pb n="47" />
        Die Ausbildung und Verbreitung des Erwerbstriebes. 35

gegenseitigen persönlichen Rücksichtnahme sich auflösen; ein steigender Teil der Wirt—
schaftenden steht sich jetzt auf dem Waren- und Arbeitsmarkt in einer gewissen abstrakten
Gleichgültigkeit schon deshalb gegenüber, weil man sich, abgesehen von den Geschäfts—
beziehungen, nicht kennt. Es entsteht in diesen wirtschaftlichen Kreisen die moralische,
reilweise durch das Recht geschützte Lehre, jeder dürfe ohne Rücksicht auf den Schaden
inderer sein wirtschaftliches Interesse verfolgen. Es entsteht für die an den Konkurrenz—
zämpfen Teilnehmenden der Erwerbstrieb, wie er in Handelsstädten die Kaufleute, Groß—
unternehmer, Spekulanten beherrscht, wie er auf der Bborse als berechtigt, heilsam und
notwendig angesehen wird.
Der hiftorischen Entwickelung des Erwerbstriebes entspricht seine geographische
Verbreitung. Die südlichen und östlichen Völker Europas kennen ihn nicht so wie die
gordöstlichen; am stärksten ist er in England und Nordfrankreich ausgebildet; in Deutsch—
land kennt ihn der Norden mehr als der Süden. Daß er in den Vereinigten Staaten,
wie in allen Kolonialländern mit klugen, energischen Einwohnern hochentwickelter Rasse
besonders stark zu Hause ist, kommt wesentlich mit daher, daß man dort andere höhere
Lebensziele weniger kennt als in den Ländern alter Kultur.
Nirgends ist dieser Erwerbstrieb über alle Klassen der Gesellschaft gleichmäßig
verbreitet. Händler, Bankier, Großunternehmer haben ihn mehr als die rationellsten
Landwirte; dem Offizier, Geistlichen, Beamten fehlt er vielfach nur zu sehr; der Hand—
werker und Kleinbauer hat erst langsam und sporadisch, je nachdem er rechnen, buch—
ühren, spekulieren lernt, Teil daran. Die Arbeiter und die unteren Klassen überhaupt
haben fast allerwärts noch eher einen zu geringen Erwerbstrieb. Das sinnliche Trieb—
leben des Augenblickes ist noch stärker als der Sinn für die Zukunft, als die Selbst—
zeherrschung, die sich für die Kinder, für künftige Genüsse anstrengt. Wir hatten bis
vor kurzer Zeit ländliche Arbeiter, die nach einer guten Kartoffelernte einige Tage in
der Woche faulenzten. Man mag diese stumpfe Trägheit teilweise auf die erschöpfende
nechanische Arbeit zurückführen, wie sie die moderne Volkswirtschaft geschaffen, mehr ist
äe doch bei den ländlichen als bei den industriellen Arbeitern zu Hause, die in ihrer
oberen Hälfte heute mit höheren Bedürfnissen, mit ihrem Eintritt in harte Lohnkämpfe
auch einen kräftigen Erwerbstrieb zu entwickeln beginnen. So roh er da und dort
auftreten mag, so liegt darin doch ein unzweifelhafter Fortschritt.
Der Erwerbstrieb ruht so in seiner successiven Ausbildung 1. auf bestimmten
technisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen, 2. auf bestimmten moralischen Anschauungen,
Sitten und Rechtsschranken, und 8. auf den ursprünglichen Trieben und Lustgefühlen,
die in jedem Individuum thätig, aber bei den verschiedenen Menschen einen sehr ver—
schiedenen Grad von egoistischer Leidenschaft erreichen. Diese Lustgefühle, der Wunsch
nach Lebensgenuß, Macht und Ansehen stehen stets mehr oder weniger im Hintergrund.
In Zeiten, wo die Genüsse des Lebens, der Luxus, der Ehrgeiz wächst, und an Orten
wo dies geschieht, wie in den modernen Großstädten, nimmt auch der Erwerbstrieb
tark zu. Aber doch spielen bei vielen, überwiegend vom Erwerbstrieb Geleiteten diese
Motive keine ausschlaggebende Rolle. Der Reichtum, ursprünglich nur ein Mittel für
höhere Lebensgenüfse, ist für sie zum Selbstzweck geworden; sie freuen sich nicht sowohl
des Besitzes als des guten jährlichen Geschäftsabschlusses, ihrer Fähigkeit, anderen im
Besitz zuvorzukommen und etwa noch der socialen Macht, die ihnen der Besitz giebt,
der steigenden Abhängigkeit anderer von ihnen, unter Umständen der Möalichkeit, Gutes
im großen Stil zu thun.
In den Zeiten der höchsten wirtschaftlichen Blüte der Völker, welche in der Regel
mit einem hochentwickelten Waren-, Geld- und Kredithandel zusammenfallen, in welcher
jahlreiche überkommene Schranken der Sitte und des Rechtes fallen, wird leicht der an
sich berechtigte Erwerbstrieb zu jener fieberhaften Sucht des Erwerbes, die nicht sowohl
durch eigene Anstrengung und tüchtige Leistung, als durch Ausnutzung anderer, durch
Druck und Überlistung, durch Schamlosigkeit und Betrug rasch möglichst viel verdienen
will. Es sind die Zeiten, in welchen die Millionäre scherzen, daß sie mit den Armeln
das Zuchthaus gestreift, und die radikalen Arbeiterführer jeden Unternehmer der
        <pb n="48" />
        36 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

räuberischen Profitwut anklagen. Da herrscht jene ruhelose Habsucht, von der Plinius
'agt, daß sie alles vernichtet habe, was dem Leben wahren Wert gegeben habe, jene
ungerechte Pleonexie, von der Aristoteles meint, daß sie keine Grenzen kenne und die
größten Ungerechtigkeiten begehe, nur um mehr zu haben als andere. Wenn ein naiver
Materialismus in unseren Tagen jede Art des rücksichtslosen Erwerbstriebes als das
Schwungrad des Fortschrittes preist, so ist zwar zuzugeben, daß die großen wirtschaft—
lichen Anstrengungen und Leistungen unserer Kulturnationen nicht ohne einen starken,
ja rücksichtslosen Erwerbstrieb möglich wären. Aber ebenso sicher scheint uns zu sein, daß
die Uberspannung des Erwerbstriebes bis zur Hartherzigkeit die socialen Beziehungen
vergiften, den Frieden in der Gesellschaft vernichten und durch die erzeugte Gehässigkeit
und sittliche Roheit, durch die entstehenden Kämpfe den vorhandenen Wohlstand unter—
graben und verschütten kann. Es ist daher die große Frage unserer Zeit, durch welche
fittliche Mittel und durch welche sociale Einrichtungen einerseits das Maß gesunden
Erwerbstriebes zu erhalten ist, ohne welches das wirtschaftliche Streben großer Gemein—
schaften (die berechtigte Selbstbehauptung), die Freiheit der Person und die Entwickelung
der Individualität nicht zu denken ist, und andererseits doch jene Habsucht und sociale
Ungerechtigkeit zu bannen wäre, die unsere sittliche wie unsere wirtschaftliche Existenz
bedrohen. Die Socialdemokratie glaubt, es sei nur zu helfen durch Ausrottung aller
Profitmacherei, sie hofft auf ein goldenes Zeitalter mit Menschen ohne Egoismus. Der
Historike und Geograph wird daran erinnern, daß es mancherlei Volkstypen gebe,
wie z. B. die Madagassen, bei denen der Erwerbstrieb viel schamloser, ohne die bei
uns meist damit verbundene Energie und wirtschaftliche Thatkraft, rein als Geiz, als
Habgier, als bloßes Laster auftrete. Er wird daran erinnern, daß auch der Erwerbs—
trieb im späteren Rom und Athen schlimmer war als bei uns, daß der germanische
Erwerbstrieb in Grenzen bleibt, die andere Rassen nicht kennen, daß manche Kultur—
nationen einen reellen anständigen Kaufmannsgeist, eine Kaufmannsehre kennen, die in
einer eigentümlichen Verknüpfung des Erwerbstriebes mit höheren Eigenschaften der Seele
und mit mancherlei Tugenden besteht. Er wird es also für möglich halten, daß der
Erwerbstrieb immer gereinigter auftrete, in einer komplizierteren Weife mit anderen
ättlichen Kräften sich verbinde, durch höhere Formen des gesellschaftlichen Lebens nicht
vernichtet, sondern richtig reguliert werde.
19. Würdigung des Erwerbstriebes. Wir haben im bisherigen nur
»om Erwerbstrieb gesprochen: denn er ist in der Hauptsache auch von denen gemeint,
welche vorgeben, aus dem Egoismus, der Selbstsucht, dem Selbstinteresse die Volks—
wirtschaft abzuleiten. All' das sind weitere Begriffe, die sich nicht auf das wirtschaftliche
 Leben beschränken, sich nicht mit dem Erwerbstrieb decken. Der Egoismus und
seine Potenzierung, die Selbstsucht, bezieht alles auf das Individuum, hat nur sich im
Auge, vernachlässigt alles übrige; es giebt Leute mit starkem Erwerbstrieb, die aber
keine Egoisten sind. Das Selbstinteresse des Menschen steht im Gegensatz zum Interesse
jür andere; das geläuterte Selbstinteresse hat aber auch, alle höheren Gefühle, besonders
die für nahestehende Personen, das Vaterland und Ahnliches in sich aufgenommen.
Wir brauchen dabei nicht zu verweilen. Wir haben nur den wirtschaftlichen Erwerbs—
trieb zu würdigen.
Er ist, wie wir sahen, kein ursprünglicher und fundamentaler Trieb, wie etwa
der Selbsterhaltungstrieb; er kann nicht mit einigen anderen klar von ihm geschiedenen
Trieben den Anspruch erheben, die Reihe der menschlichen Triebe zu erschöpfen. Er ist
ein spätes Ergebnis der höheren Entwickelung des Selbsterhaltungs- und Thätigkeits—
triebes, sowie des individuellen Egoismus, die auf gewisser wirtschaftlicher Kulturstufe
hn erzeugen; er wächst hervor aus den sinnlichen Bedürfnissen und dem rechnenden
Sinn für die Zukunft, aus Selbstbeherrschung und kluger Anstrengung. Es hat Jahr—
ausende wirtschaftlichen Handelns gegeben ohne ihn. Auch wo er heute ausgebildet
ist, erhält er seine Färbung bei den einzelnen durch eine verschiedene Verbindung mit
anderen Gefühlen und Trieben; er verknuͤpft sich beim einen mit starken sinnlichen Be—
gierden; beim anderen mit aufopferndem Familiensinn, beim dritten mit Ehrgeiz und
        <pb n="49" />
        Wirtschaftliche und sittliche Würdigung des Erwerbstriebes. 37

Machtgelüsten; derselbe Erwerbstrieb ist hier mit Verschwendung, dort mit Geiz, hier
mit Euergie und Thatkraft, dort nur mit Schlauheit verbunden.
Der Erwerbstrieb ist keine überall gleiche Raturkraft, er ist stets gebunden und
gebändigt durch gewisse fittliche Einflüsse, Rechtssatzungen und Institutionen. Aber
Ziese können zu einer gewissen Zeit, in einem bestimmten Volke, bei einer socialen
Klasse im Durchschnitte so einheitliche sein, daß allerdings gesagt werden kann, auf dem
Maurkte und im Geschäftsleben werden bestimmte Menscheugruppen regelmäßig durch ihn,
durch den Trieb, mit möglichst wenig Opfern viel zu erwerben, bestimmt. Und darauf
beruht die Möglichkeit, die Preisbildung, die Einkommensverteilung, die Zinsbildung
und ähnliche volkswirtschaftliche Erscheinungen unserer Kulturstaaten auf den vorher
bestimmt geschilderten oder den allgemein angenommenen Erwerbstrieb zurückzuführen.
Man darf nur dabei nie übersehen, daß selbst unter den Kaufleuten derselben Stadt
dieser Erwerbstrieb nicht stets derselbe ist; vollends hat der schamlose Wucherer oder der
harte Faktor einer Hausindustrie nicht denselben Erwerbstrieb, wie der vornehme reelle
uͤnternehmer, der jeden unrechten und unbilligen Gewinn verschmäht, seinen Kunden
stets mil kleinen Diensten und Gefälligkeiten enigegen kommt, fich mit ihnen auf dem—
selben sittlichsympathischen Boden weiß, seine Leute gut behandelt.
Auch wenn heute das Feilschen, Kaufen und Verkaufen und ähnliche Handlungen
auf den Erwerbstrieb zurückgeführt werden können, so ist damit nicht alles wirtschaft⸗
läche Handeln, so sind damit nicht alle volkswirtschaftlichen Erscheinungen erklärt. Ist
twa die Haus- und Familienwirtschaft, find die Unternehmungsformen, die staatliche
Finanz auf den Erwerbstrieb zurückzuführen? Noch weniger läßt sich behaupten, daß
das Maß des zunehmenden Erwerbstriebes zugleich das Maß des steigenden Reichtums
der Völker sei. Nur das ist richtig, daß die zunehmende Ausbildung der Tauschwirt⸗
schaft und Tauschgesellschaft die stärkere Ausbildung des Erwerbstriebes voraussetzte, und
daß die Steigerung individueller wirtschaftlicher Energie und Thatkraft in den letzten
Jahrhunderten ohne ihn nicht denkbar wäre.
Darin liegt auch der Maßstab für seine sittliche Beurteilung. Der wachsende
Erwerbstrieb hat eine fteigende Zahl von Menschen erzeugt, die vor allem Vermögen
gewinnen wollen: die Leule mit kräftigem Willen, klugem Unternehmungsgeist, harter
Energie, welche oft von Ehrgeiz und Eitelkeit, oft von starken animalischen Trieben
deherrscht, häufig ohne höhere Interessen und ohne stärkere sympathische Gefühle sind,
spielten eine erhebliche Rolle, wurden vor anderen reich. Gewiß sind das häufig keine
anziehenden, edien Persönlichkeiten; ebensowenig ist zu wünschen, daß sie ausschließlich
—V viel größer
ist als ihr Erwerbstrieb, ihre Härte gegen ihre Konkurrenten, Kunden und Arbeiter,
ragt es sich stets, ob sie der Wohlfahrt des Ganzen nicht mehr dienen, als wenn an
ihrer Stelle edle Schwächlinge und unkluge, geschäftsunkundige Unternehmer stünden.
überhaupt ist für alle Klassen die Ausbildung des Erwerbstriebes so lange ein Fort—
schritt, als er die Thätigkeit im ganzen steigert, ohne zur Ungerechtigkeit, zur Herz⸗
losigkeit und Freude an der Mißhandlung der Schwachen zu führen, wie wir sie als
daster des Geizzhalses, des Arbeiterschinders, des Wucherers kennen.
Es gilt so vom Erwerbstrieb, was von allen selbstischen Neigungen gilt: sie haben
ihr Recht un System des menschlichen Handelns, wenn sie einerseits die Individuen in
ihrer Selbstbehauptung, in ihrer Gesundheit, ihrer Kraft und Leistungsfähigkeit stärken
und andererseils die Grenzen inne halten, die durch die Wohlfahrt des Ganzen gesteckt
sind, wenn sie als Teilinhalte des menschlichen Willens sich den höheren Zwecken richtig
eingliedern. Der bloße nackte Erwerbstrieb ist böse und ist auch wirtschaftlich zerstörend,
sofern alles höhere wirtschaftliche Leben in Verbänden sich vollzieht, die nicht ohne
sympathische Gefühle und sittliche Einrichtungen existieren können. Die Familienwirtschaft,
die Unternehmung, das wirtschaftliche Vereins- und Korporationswesen, ja selbst der
einfache Markt- und Tauschverkehr ruhen auf dem Gefühl eines gewissen Verbundenseins,
eines wechselseitigen Vertrauens; sie sind ohne eine Summe moralischer Eigenschaften,
wie Billigkeit und Gerechtigkeit, nicht möglich. Mindestens all' das, was man als wirt—
        <pb n="50" />
        38 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

schaftliche Tugenden bezeichnet, muß ebenso wie der Erwerbstrieb in einem wirtschaftlich
voranschreitenden Volke vorhanden sein. Und man könnte aus diesen Tugenden viel
eher versuchen, psychologisch die ganze Volkswirtschaft abzuleiten, als aus dem Erwerbs—
trieb, zumal aus der centralen und wichtigsten wirtschaftlichen Tugend, aus der Arbeit—
samkeit. Wenn wir im folgenden von ihr sprechen, dürfen wir nicht vergessen, daß die
Betrachtung dieser wie der anderen individuellen wirtschaftlichen Tugenden im ganzen
denseiben psychologischen und historischen Prozeß im Auge hat, wie die Untersuchung des
Erwerbstriebes, nur von einem anderen Gesichtspunkte aus. Auf die wesentlich individuellen
beschränken wir uns hier, da wir die sympathischen Gefühle und die an sie sich knüpfenden
Eigenschaften teils schon erwähnt haben, teils im Zusammenhange mit den socialen Ein—
richtungen, an die sie sich knüpfen, erörtern werden.
20. Die Arbeit und die Arbeitsamkeit. Wenn wir unter Arbeit jede
menschliche Thätigkeit verstehen, welche mit dauernder Anstrengung sittlich-vernünftige
Zwecke verfolgt, so können wir zweifeln, ob wir die einzelnen Anläufe des Barbaren, das
Wild zu erlegen oder sonstwie Nahrung zu suchen, schon ganz als Arbeit bezeichnen
follen. Von den Tieren legen wir nur denen Arbeitsamkeit bei, welche, wie die Bienen,
instinktiv planvoll und andauernd für ihre Lebenszwecke thätig sind. Der Mensch muß
erst langsam die Arbeit lernen. In geistvoller Weise hat Bücher nachzuweisen versucht,
daß hiebei in ältester Zeit der Rhythmus, Musik und Gesang, vieljach erziehend ein—
gewirkt, dem Menschen über Ermüdung und Trägheit weggeholfen, ihm die gemeinsame
Arbeit mehrerer erleichtert habe. Er hat damit die alte Wahrheit gestützt, daß die Aus—
bildung der ästhetischen und der ethischen Gefühle und Eigenschaften aufs engste zusammen—
hängt. Mit der Seßhaftigkeit, dem Acker- und Garlenbau, welche eben deshalb der
Wilde verabscheut, beginnt jene größere Mühsal, die das deutsche Wort Arbeit bezeichnet,
beginnt die Notwendigkeit, in fest geregelten Perioden thätig zu sein. Aus solcher Zeit
stammt der Fluch: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ und die
Regel der sechstägigen Arbeit auf einen Ruhetag, welche seitdem die ganze Welt be—
herrscht. Lange waren bei vielen Völkern überwiegend die Schwächeren gezwungen, die harte
Arbeit des Ackerns, Schleppens, Hütteubauens zu vollführen: die Weiber und die Knechte.
Es ist ein großer Fortschritt, wenn auch die freien Männer hinter dem Pfluge zu gehen
beginnen. Auch thun es nicht sofort alle Volksgenossen; die eigentlich wirtschastliche
Arbeit bleibt lange für die Aristokraten eine Schande. Und noch heute haben wir
thörichte Parvenüs, verzogene Muttersöhnchen und eitle Weiber genüg, die Faulenzen
für vornehm halten, die nicht einsehen wollen, daß die Faulheit aller Laster Anfang
und alles Glückes Grab sei. Die gewöhnliche Ackerbestellung in unseren Klimaten läßt
für die Arbeit noch lange Pausen zu. Der Bauer alten Schlages kann träge einige
Monate hinterm Ofen sitzen, er arbeitet nicht nach der Uhr, sondern nach der Sonuͤe
und der Jahreszeit. Die Hauswirtschaft aber und das gewöhnliche Gewerbe führen zu
einer Thätigkeit, die Tag für Tag, von früh bis spät gethan sein will. Im Hause, in
der Werkstatt lernt der Mensch intensiver, gleichmäßiger arbeiten, weil das eine sich stets an
das andere anknüpft, weil Vorräte an künftigen Gebrauchsmitteln hier geschaffen werden
können, die Freude am häuslichen Herd und am technischen Erfolg der Arbeit neue
Reize giebt. Hauptsächlich aber lockt, wie wir sahen, die Möglichkeit des Verkaufes zur
Arbeit. Die Handelsthätigkeit wird ausschließlich durch den Gewinn veranlaßt. Die
Arbeit des Kriegers, des Priesters hat zuerst auch Beute und allerlei Gewinn neben
der Ehre und der Macht in Aussicht. In komplizierter Weise verbinden sich die ver—
schiedensten Motive für die Entstehung und Ausbildung aller höheren Arbeitsthätig—
keit, während für die mechanischen Arbeiten, wie sie mit der Arbeitsteilung das Los
der unteren Klassen bleiben, bisher überwiegend entweder der äußere Zwang oder der
Hunger das wesentliche Motiv blieb. Doch darf, wenn man heute so vielfach und
mit Recht über eintönige mechanische Arbeit und Überarbeit klagt, wenn man be—
tont, wie viele Menschen heute gezwungen sind, eine ihnen innerlich fremde, unver—
ständliche Arbeit zu verrichten, nicht übersehen werden, daß es ohne solche Opfer,
seit es eine höhere Kultur mit Arbeitsteilung gab, nicht abging. Es muß nur das
        <pb n="51" />
        Die Arbeitsamkeit, der Fleiß, die Wirtschaftlichkeit. 39

Ziel sein, diese Opfer zu vermindern, möglichst alle Arbeit so zu gestalten, daß sie mit
Teilnahme und Verständnis, nicht bloß aus Hunger und Not geschieht.
Der Erziehungsprozeß der einzelnen, der Völker und der ganzen Menschheit zur
Arbeit ist troß der modernen Kehrseiten einer mechanischen Überarbeit ein Weg nach
oben: alles was zur Arbeit zwingt und veranlaßt, ist besser als das Gegenteil, als
Faulheit und Indolenz, enthält Elemente der wirtschaftlichen und der sittlichen, der
körperlichen und geistigen Schulung. Arbeit ist planvolle Thätigkeit, sie besteht in der
Beherrschung der wechselnden Einfälle und Triebreize; sie ist stets ein Dienst für Zwecke,
die nicht im selben Augenblick, sondern erst künftig Gewinn, Lohn, Genuß verheißen.
Jede Atbeit setzt Uberwindung der Trägheit und der Zerstreutheit voraus. Der Arbeitende
muß fich selbst vergessen und sich versenken in sein Objekt; die Natur einer Arbeit, nicht
seine Lust schreibt ihm Gebote vor. Der Arbeitende muß sich Zwecken unterordnen, die
er in der Schule, in der Werkstatt, im vielgliedrigen Arbeitsorganismus oft gar nicht,
oftmals nicht sofort als heilsam und notwendig einsieht, er muß zunächst gehorchen und
fich anstrengen lernen. Er wird freilich ein um so tüchtigerer Arbeiter, je mehr er die
Zwecke begreift, billigt, je mehr es direkt oder indirekt — durch den Lohn und durch
das Gefühl, einem großen Ganzen zu dienen — seine eigenen Zwecke sind, je mehr sein
Körper und sein Geist durch Bererbung und Schulung für die bestimmte Art der Arbeit
geschickt gemacht sind.
Jede mechanische Arbeit hat geistige Elemente, kann, wie die des Holzhackers,
Mähers, Steinträgers, geschickt, klug, überlegt gethan werden; je künstlicher Werkzeuge
und Maschinen werden, desto mehr Üümsicht und Verständnis erfordert auch die mechanische
Lohnarbeit. Auch die rein geistige Arbeit hat ihre mechanischen Teile, wie der Schriftsteller,
 der Klavierspieler oft die Muskeln und Nerven der Arme ruiniert. Die ein—
seitige körperliche wie die einseitige geistige Arbeit darf nicht zu viele Stunden des Tages
fortgesetzt werden, muß mit Erholung, Schlaf und anderer Thätigkeit richtig abwechseln.
Aber im rechten Maße, von den rechten Schutzmitteln gegen Gefahren umgeben, ist die
Arbeit in der Regel eine Stärkung des Körpers und des Geistes. Die Arbeit giebt, wie
uns die neuere Physiologie gezeigt hat, den geübten Körperteilen eine bessere physische
Zusammensetzung, macht fie fsester, gegen Ermüdung widerstandsfähiger, in der Bewegung
unabhängiger, erregbarer. Der arbeitende Mensch, zumal der seit Generationen arbeitende,
ist flinker, rühriger, entschlossener, weil er über brauchbarere Knochen, Muskeln und Nerven
verfügt als der träge. Die Nervenerregbarkeit ist die wesentliche Ursache, daß dem Kultur⸗—
menschen die stete Ärbeit Bedürfnis und Freude ist. In der Arbeit lernt der Mensch
beobachten und gehorchen, er lernt Ordnung und Selbstbeherrschung. Nicht umfonst
verknüpßft der Volksmund: Beten und Arbeiten. Nur durch die Arbeit giebt der Mensch
seinem Leben einen Inhalt, der sonst — bei Hingabe an die elementaren Triebreize —
fehlt. Nur durch die Arbeit lernt der Mensch seine Kräfte kennen, seine Zeit einteilen,
einen Lebensplan entwerfen. Mit der Übung wachsen die Kräfte, mit den Kräften die
Arbeitsfreude und das menschliche Glück. In der Arbeit wurzelt alle sittliche That—
kraft. Nur die Individuen, Familien, Klassen und Völker, die arbeiten gelernt, erhalten
sich; die, welche sich der Arbeit entwöhnen, in Arbeitseifer und Geschicklichkeit zurück—
gehen, verfallen. Otium èét reges et beatas perdidit urbes.
21. Die anderen wirtschaftlichen Tugenden. Während wir unter dem
Fleiß die habituelle Richtung des Willens auf eine emsige Arbeitsthätigkeit verstehen,
bezeichnen wir mit der schon oben (S. 8) berührten Wirtschaftlichkeit jene Eigenschaft,
die sich zuerst in der Hauswirtschaft entwickelt, dann auf alle wirtschaftliche, ja überhaupt
in abgeleitetem Sinne auf alle äußere menschliche Thätigkeit ausgedehnt hat, jenen Sinn,
der sorgsam die Mittel für einen bestimmten Zweck zu Rate hält, mit Umsicht an Kräften
und Verbrauch spart, stets daran denkt, mit den kleinsten Mitteln den größten Erfolg
zu erzielen. Sie ist eine Eigenschaft, welche ebenso sehr auf genauer Kenntnis und Be—
herrschung der technischen Mittel für einen Erfolg wie auf steter Aufmerksamkeit beruht.
Sie ift ein Ergebnis der Erfahrung, der Nachahmung des guten Beispiels, sie hängt mit
der sittlichen Selbstbeherrschung wie mit der Verstandesausbildung zusammen. Das
        <pb n="52" />
        10 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Rechnen und Buchführen, die Vergleichung des Aufwandes mit dem Erfolg in Geldwerten,
die Aufzeichnung jeder Ausgabe und jeder Einnahme ist nötig, wo sie sich einstellen und
ausbilden soll. Die sittliche Zucht, welche das Leben als ein geordnetes Ganzes auf—
faßt, niemals aus dem Stegreif, nach Launen handelt, unverhältnismäßigen Genüssen nach—
geht, den Versuchungen der Verschwendung, der Putzsucht, der Eitelkeit widersteht, ist für
die Ausbildung dieses wirtschaftlichen Sinnes das Wichtigfte. Er ist die wirtschaftliche
Tugend der großen Masse des Volkes, vor allem des Mitlelstandes. Daß die Wirtschaftlichkteit
 in den untersten Klassen noch so vielfach fehlt, ist ein wichtiger Umstand für ihre
wirtschaftliche Lage. Die Frauen müsfen sie vor allem haben, weil, mit haushälterischem
Sinne ausgegeben, der Thaler doppelt und dreifach so weit reicht. Mit dem Erwerbs—
triebe verwandt, fällt sie doch nicht ganz mit ihm zusammen, noch ist sie nur eine Folge
desselben. Taufende, die gar keinen Erwerbssinn haben, zeichnen sich durch große Wirl—
schaftlichkeit aus. Der Erwerbstrieb ist mehr die Eigenschaft einzelner, die Wirtschaft—
lichkeit ist oder sollte die aller sein.
Die Wirtschaftlichkeit schließt den Fleiß, die Ordnungsliebe, die Geduld, die Be—
harrlichkeit, vor allem aber die Sparsamkeit ein. Die Sparsamkeit beginnt in
der Haushaltung, im Verbrauch; sie ist dem Wilden fremd; er ist immer der größte
Verschwender, der den Baum fällt, um eine einzige Frucht zu ergreifen, der an einem Tag
verzehrt und verjubelt, was ihn wochenlang ernähren könnte. Die Erziehung zur
Mäßigung, die steigende Herrschaft höherer Gefühle uüͤber die niedrigen, der Sieg der
Vorstellungen über künftige Genüsse und Erfolge über die des Momentes sind not—
wendig, damit die Sparsamkeit beginne. Alle Sparsamkeit ist momentane Selbst—
verleugnung. Wer sie üben soll, muß die Aussicht auf einen künftigen Vorteil haben.
Dieser künstige Vorteil erscheint fraglich, wenn das ersparte Gut durch Willkürherrschaft
oder Gewalt bedroht ist, wenn es dem Sparenden keine anderen Freuden bringt, als sie
der nicht Sparende ebenfalls genießt, wenn ersparte Vorräte, z. B. solche von Lebens—
mitteln, doch rasch verderben. Die Geldwirtschaft ist daher eines der wichtigsten Beförderungs—
mittel der Sparsamkeit; die Freude, einen Schatz an Geldstücken zu sammeln, wird baäld
ein Beweggrund für viele; solche Schätze sind am leichtesten zu verbergen, sie behalten
für Jahre und Jahrzehnte ihren Wert. Es kann nun auch der sparen, der das Er—
sparte nicht in seinem Hause, im vergrößerten Viehstand, in Geräten und Linnenzeug
anlegen kann. Noch wichtiger aber war die Ausbildung der Kreditwirtschaft, haupt
sächlich derjenigen Formen des Kapitalanlegens und Zinsengebens, welche dem kleinen
Mann zugänglich sind, wie die Einrichtung der Sparkassen, Genossenschaften, der Ver—
sicherungskaffen, der Baugesellschaften. Wo derartige Institutionen zumal in Ländern
mit vollständiger Rechtssicherheit allgemein werden, da kann erst die Sparsamkeit aus
einer Tugend der höheren Klassen eine allgemeine Eigenschaft werden. Immer aber muß
sie wieder jedem einzelnen Kinde anerzogen werden, immer arbeiten Leichtsinn, Gedanken—
losigkeit, Genußsucht ihr entgegen. In dem Alter von 16—80 Jahren, wo unverheiratete
Arbeiter am meisten sparen könnten, oft doppelt soviel verdienen, wie sie brauchen, geben
sie für Getränke und Feste, für Kleider und andere Genüsse allzuviel aus. Auch später
unterliegen sie zu leicht der Versuchung unnützer Ausgaben, wenn sie nicht von einer
tüchtigen Hausfrau beeinflußt werden, wenn ihre Lohnzahlung zu Stunden und an
Orten erfolgt, welche Gelegenheit zu unnötigen Ausgaben bieten.
Die Sparsamkeit wächst mit der Wirtschaftlichkeit, mit dem guten Familienleben,
mit dem Sinn für Besitz, für Sicherung der Zukunft, mit dem Wunsch des gesellschaft—
lichen Aufsteigens; sie ist vor allem aber ein Ergebnis sittlicher Energie und Spannkraft
und intellektueller Weitsichtigkeit.
Wie die Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit, der Fleiß und die Arbeitsamkeit mit
dem Erwerbstriebe zusammenhängen, ohne sich mit ihm zu decken, ohne eine bloße Folge
desselben zu sein, so verhält es sich auch ähnlich mit dem Handels- und Unten,
nehmungsgeist, auf den wir zuletzt einen Blick werfen.
Er entspringt mit den Möglichkeiten des Tausch- und Handelsgewinnes, nimmt in
dem Maße zu, wie in bestimmten Klassen infolge der Arbeitsteilung und des Markt—
        <pb n="53" />
        Die Sparsamkeit, der Unternehmungsgeist. 41

verkehrs wachsende Chancen sich bilden, durch kluge Kombinationen einen Erwerb zu
gewinnen. Die bisher erörterten wirtschaftlichen Tugenden sind zumal für den kleinen
uͤnternehmer wesentliche Stützen des Unternehmungsgeistes; aber der pfychologische
Schwerpunkt liegt anderswo. Der Händler und Unternehmer muß einerseits eine um—
fassende Kenntnis des Bedarfes, des Geschmackes, der Absatzwege und eine technische
Beherrschung der möglichen und üblichen Produktionsmethoden, andererseits Organisations—
talent, Menschenkenntnis, Kombinationsgabe, eine gewisse geschäftliche Phantasie, die sich
ein Bild von der Zukunft machen kann, vor allem aber Mut, Energie, Thatkraft und
Rückfichtslosigkeit besitzen. Es find nicht die höchsten fittlichen Eigenschaften, aber Quali—
taͤten, welche nur in bestimmter gesellschastlicher Umgebung und Schulung erlernt werden.
Es find zu einem Teil dieselben Eigenschaften, die für einen Truppenführer, einen
Bürgermeister, einen Landrat oder Minister nötig sind. Die Unternehmer sind die
Offiziere und der Generalstab der Volkswirtschaft. Je komplizierter dieselbe wird, desto
Irbßer sind die Anforderungen an sie. Und zwar steigen sie jast nicht so sehr in Bezug auf
Kenntnisse und Geschicklichkeit wie auf den Charakter. Wenn es auch nur bestimmte
Seiten desselben sind, die in erster Linie gefordert werden, wenn andere weiche und
edlere Seiten des sittlichen Charakters in einer Zeit harten Konkurrenzkampfes sogar
dem Unternehmer schädlich sein können, so sind doch der energische, wagende Mut, die
Fähigkeit, Hunderten zu befehlen und sie mit Gerechtigkeit in Ordnung zu halten, die
findige Entschlossenheit, neue Absatzwege zu eröffnen, sittliche und männliche Charakterzüge.
Ohne diese hat es bis jetzt keine höher entwickelte Volkswirtschaft gegeben, und wird
auch in Zukunft die Leitung der wirtschaftlichen Geschäfte nicht möglich sein.

7. Das Wesen des Sittlichen.

Jodl, Geschichte der Ethik in der neueren Philosophie. 1.1882. 2, 1889. — Adam
Smith, Théory of moral Sentiments. 1759. Deutsch 1770 u. 1791. — Hegel, Grundlinien der
Hhilosophie des Rechts oder Natuxrecht und Staatswissenschaft im Grundriß. 1821. 3. Aufl. 1854. —
Schleiermacher, System der, Sittenlehre. 1838. — Herbart, Allg. praktische Philosophie, Werke
Bde 8. — Hartenstein, Die Grundbegriffe der ethischen Wissenschaften. 1844. — Herbert Spencer,
Die Thatsachen der Ethik. Deutsch von Vetter, 1879. — Steinthal, Allgem. Ethik. 1885. —
Wund, Ethik. 1888. 2- Paulsen, System der Ethik. 2. Aufl. 1891. 2 Bde. — G. Simmel,
Einleitung in die Moralwissenschaft. 1892 —883.
Lippert, Die, Religionen der europäischen Kulturvölker. 1881. — Pfleiderer, Die Religion,
hr Wesen und ihre Geichichte. 1869.

Wir haben das Wesen des Sittlichen schon in unseren bisherigen Betrachtungen
wiederholt berüuhrt. Wir haben die Sprache als das Instrument kennen gelernt, das
die Menschen denken lehrte und sie zu gesellschaftlichem Dasein erhob. Wir sahen, daß
mit dem unterscheidenden Denken eine Wertung, Ordnung und Hierarchie der Gefühle
und der Triebe entsteht, daß die Triebe, und besonders die höheren, durch ihre Regu—
lierung und richtige Einfügung in das System des menschlichen Handelns zu Tugenden
werden. Von da' ist es nur ein Schritt bis zur Erkenntnis, daß die Rückwirkung der
reflektierenden Werturteile auf unsere Gefühle und Handlungen uns zu sittlichen Wesen
mache, uns jenen Adelsbrief gebe, durch den wir gleichsam zu Gliedern einer höheren
Welt werden.
Aber wir haben hier doch noch etwas näher das Wesen des sittlichen Urteils und
des sittlichen Handelns zu untersuchen, über die sittliche Entwickelung und ihre Zucht—
mittel uns zu verständigen und uns klar zu machen, inwiefern das Sittliche die Grund—
lage und die Voraussetzung aller gesellschaftlichen Organisation, also auch der volks—
wirtschaftlichen sei.
22. Das sittliche Urteil und das sittliche Handeln. Das sittliche
Denken besteht stets in einem Urteil, daß etwas gut oder böse sei; das sittliche Handeln
in einer thatsächlichen Bevorzugung dessen, was wir für das Gute halten. Die Frage
nach dem Wesen des Sittlichen ist vor allem eine psychologische: wie kommen wir zu
siltlichen Urleilen und sittlicheim Handeln? Dabei kann die Rückwirkung anderer Menschen
        <pb n="54" />
        12 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

und der Welt auf uns eine noch so große Rolle spielen, verstanden haben wir das
Sittliche nur, wenn wir es als das notwendige Ergebnis unseres inneren Seelenlebens
erfassen.
Die körperliche Ausstattung des Menschen, seine Hand, sein Auge, seine feineren
Muskeln haben ihm ermöglicht, sein Triebleben zu anderen Ergebnissen, als das Tier
es vermag, zu verwerten. Durch feinere Wahrnehmung und sehr viel zahlreichere Vor—
stellungen lenkt er seine Thätigkeit auf höhere Ziele; schon indem er sich Nahrung und
Kleidung mit weiterem Blick, mit Schonung, mit Selbstbeherrschung bereitet, lernt er
Besonnenheit, d. h. er hemmt, auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, momentane Triebe, er
beherrscht Gefühle, die im Augenblick hinderlich wären. Er lernt so durch die Arbeit
sich selbst beherrschen, er läßt reflektorische Bewegungen nicht zum Ausbruch kommen;
er sammelt seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Vorstellungsreihen, die er zusammenwirken
läßt, und erreicht so mit relativ einfachen Mitteln außerordentlich viel. Auf derselben
Veiter steigt der Mensch so zum Werkzeug, zur Arbeit wie zur Sittlichkeit empor. Alles
sittliche Handeln ist zweckmäßiges Handeln. Aber sobald neben die niederen sinnlichen
die höheren und socialen Ziele getreten sind, so bezeichnen wir mehr und mehr nur das
Handeln im Sinne der letzteren als das Sittliche und setzen das zweckmäßige Handeln
auf dem ersteren Gebiete als das Nützliche dem Sittlichen entgegen. Die Zweckmäßigkeit
der Natur erhebt sich so im nützlichen und sittlichen Handeln auf seine hoͤheren Stufen.
Indem der Mensch die niedrigen Zwecke den höheren unkerordnet, die Wohlfahrt in jenem
höheren Sinne anstrebt, die auf das Ganze gerichtet ist, handelt er gut.
Wie gelingt ihm aber die Unterscheidung von gut und böse, wenn er vor der
Wahl steht, wenn er in jedem Momente von verschiedenen Möglichkeiten die richtige, von
verschiedenen Zwecken den guten wählen soll? Die Erkenntnis, die Weisheit, sagt
Sokrates, muß ihm den Weg weisen. Und gewiß giebt es keinen sittlichen Fortschritt,
— O
hänge, der Kausalverbindungen, der Zwecke und der ihnen dienenden Mittel, ohne Vor—
stellung von den Folgen des guten Handelns in der Zukunft. Aber die Erkenntnis
giebt nicht an sich die Kraft der richtigen Entscheidung, des guten Handelns. Das
höhere Gefühl, das den Wert des Guten und des Besseren findet, mit impulsiver Kraft
dafür entscheidet, giebt den Ausschlag. Die Freude, unter den möglichen Handlungen
nicht die schlechte, sondern die gute zu thun, hebt uns über Zweifel und Versuchung
hinweg, sie durchglüht und elektrisiert uns, sie befestigt die Kraft, in ähnlichen Faͤllen
wieder gut zu handeln. Aber dieses Gefühl erwächst und stärkt sich erst im Zusammenhang
 mit unserer Beobachtung der Handlungen dritter Personen.
Es wird, je weniger unser sittliches Gefühl und Ürteil noch entwickelt ist, uns
biel leichter, beim Anblick der Handlungen dritter zu sagen, das ist gut, das ist böse.
Der Mensch fällt bei der Beobachtung der Fehltritie eines anderen viel sicherer als bei
seinen eigenen das Urteil: du thust Unrecht, verdienst Strafe. Wir haben bei solchem
Anblick von der mißbilligten Handlung keinen augenblicklichen Vorteil, wie in dem Fall,
in welchem wir selbst der Versuchung ausgesetzt find. Wir haben von der gebilligten
Handlung die reine Freude des Mitempfindens, von der gemißbilligten die volle Unlust
der Entrüstung. Auf diesem Mitklingen und Anklingen der Thaten und der Motive
dritter in unserer eigenen Brust, auf diesen sympathischen, zu Freude und Vergeltung
anregenden Gefühlen beruht wesentlich die Ausbildung der sittlichen Gefühle, des sitt—
lichen Urteils und der Fähigkeit, sittlich zu handeln. Je energischer und je regelmäßiger
—— unterwerfen, desto mehr wird
sich uns durch die notwendige Einheit alles Denkens die Frage aufdrängen: sollen wir
nicht denselben Maßstab, wie auf andere, auf uns anwenden? Wir werden uns daran
zrinnern, daß andere uns so messen werden, wie wir sie. Wir werden selbst bei geheimen
Handlungen uns fragen, was die Welt, die Freunde, die Nachbarn dazu sagen würden.
Der Mensch lernt so im Spiegel der Mitmenschen sich selbfi erst richtig beurteilen. Er
wendet notwendig die Reflexionen, mit denen er die Handlungen und Motive anderer
begleitet, auf sich an; dieselben Gefühle der Billigung und Mißbilligung stellen sich
        <pb n="55" />
        Wesen und historische Bedingtheit des Sittlichen. 48

bezüglich des eigenen Handelns und Empfindens ein. Nur indem der Mensch das Gute,
was er von anderen fordert, auch von sich verlangt, befriedigt er sein Denken, gewinnt
er Achtung vor sich selbst. So erwächst nach und nach in der eigenen Brust jener
unparteiische und stets völlig unterrichtete Zuschauer, der auf all' unsere Motive, auf
all' unser Handeln reagiert, das Gewissen, das mit unnachsichtiger Strenge und mit im—
perativem Charakter uns ermahnt, nach dem Guten und Edlen, nach Ehre und Würde
des Charakters zu streben. Es entstehen so durch den Widerstreit zwischen Gewissen
und augenblicklichen Triebreizen die zwei Seelen in jeder Brust, von denen Plato wie
Goethe reden, jene zwei Gruppen von Antrieben, die im ewigen Kampf den Inhalt alles
Menschenlebens und aller. Geschichte ausmachen. Der Kampf kommt niemals ganz zur
Ruhe; in ewiger Oscillation bewegen sich niedrige elementare Vorstellungen und Impulse
neben den höheren, sittlich mehr gebilligten auf und ab in unserer Seele. Aber die höheren
werden doch nach und nach in dem Maße zur vorherrschenden und überwiegenden, ja
ausschließlich bewegenden Kraft in uns, wie sie durch Vererbung und Anlage, durch
Erziehung und Übung gestärkt werden, wie der Gedankenzug und die Gedankenverbindungen
immer wieder nach dieser Seite geführt, durch verstandesmäßige Ausbildung geklärt, zur
Gefühlsmacht geworden sind. Durch Gewohnheit, Fertigkeit und Sicherheit im Wollen
bildet sich der sittliche Charakter.
23. Die histor ische Entwickelung des Sittlichen und ihre Ziele.
Das Sittliche ist so stets ein Werdendes; die sittliche Entwickelung der Individuen, der
Völker, der Menschheit steht nie still. Die Wahrnehmung also, die schon die Sophisten,
dann Hobbes und Locke machten, daß das Sittliche bei verschiedenen Völkern und zu
verschiedener Zeit ein verschiedenes gewesen, die Wahrnehmung, welche uns die heutige
geographische Aufschließung der Erde noch nachdrücklicher bestätigt hat, wird uns nicht
überraschen. Nur das wäre auffallend, wenn es, wie Lubbock meint, Stämme ohne
sittliches Urteil gäbe. Das ist aber nicht der Fall. Denn die Vorstellungen von gut
und böse, von zu billigenden und zu mißbilligenden Handlungen fehlen nirgends ganz.
Sie haben nur notwendig einen verschiedenen materiellen Inhalt, je nach den gesellschaft—
lichen und kulturellen Voraussetzungen, unter welchen die Menschen leben, je nach der
Ausbildung der sittlichen Gefühle und des Denkens. Beim Übergang zu anderen Lebens—
bedingungen muß den einen noch für gut gelten, was den anderen schlecht und ver—
werflich scheint. Wer den wahren Kausalzusammenhang von Handlung und Wirkung,
von komplizierten gesellschaftlichen Einrichtungen nicht kennt, wird sittlich anders urteilen,
als wer ihn durchschaut. Das rohe sittliche Gefühl nimmt keinen Anstoß an dem, wo—
vor das verfeinerie schaudert. So muß das sittliche Urteil stets sich ändern; aber da
immer neben dem Wechfel der äußeren Verhältnisse die Vervollkommnung unserer Kennt—
nisse und Vorstellungen und die Veredelung unserer Gefühle an der Umbildung arbeitet,
so werden wir einen Fortschritt auf dieser Bahn annehmen können, so werden wir hoffen
können, daß das sittliche Urteil die Zwecke immer richtiger werte.
Wenn der Buschmann es als gute That preist, daß er das Weib eines anderen
sich gewaltsam angeeignet, als böse That verurteilt, wenn ein anderer ihm seine Frau
raubt, so beweist das so wenig einen gänzlichen Mangel sittlichen Urteils, wie wenn
man in Sparta die Jünglinge hungern ließ und sie zum Stehlen anleitete, das un—
bestraft blieb, wenn sie sich nur nicht ertappen ließen. Es hat einst für berechtigt ja
notwendig gegolten, einen erheblichen Teil der neugeborenen Kinder und die Greise zu
töten, einem Baumfrevler die Gedärme aus dem Leibe zu winden, um den Baum ein—
zuwickeln, dem angesehenen fremden Gastfreund Frau und Tochter zum Gebrauch anzu—
bieten, Scharen von Sklaven und Weibern beim Tode des Häuptlings zu verbrennen.
Heute erscheint uns dasselbe unsittlich und barbarisch. Aber die Not des Lebens, der
Glaube, nur so den Geistern und Göttern zu gefallen, ließen meist solche Bräuche als
gut und zweckmäßig erscheinen. Nur wenn wir die gesamten äußeren Lebensbedingungen
und die gesamten Kausalvorstellungen und religiösen Ideen eines Stammes und Volkes
kennen, werden wir verstehen, wie das nie ruhende sittliche Werturteil bestimmte Ge—
        <pb n="56" />
        Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

pflogenheiten und Sitten billigte, für lebensförderlich, zweckmäßig und gut hielt. Auch
zur Zeit, als es Sitte war, daß die Mutter einen Teil ihrer Kinder erwürgte, gab es
Mutterliebe und Anfänge reinerer Empfindungen; aber sie waren zunächst von anderen
Gefühlen zurückgedrängt; religiöse Vorstellungen von der Notwendigkeit, die Erstgeburt
den Göttern zu opiern, mag da, Hunger und Not, die Lebensfürsorge auf flüchtiger
Wanderung, das Interesse der Familie und des Stammes mag dort überwogen haben,
eine solche Sitte zu erzeugen, welche dann als das Gute, das Gebilligte im Stamme
galt. Es entspricht einem rohen Zeitalter, zunächst nur Tapferkeit, Lift, Verwegenheit
als Tugenden anzuerkennen, spätere Epochen setzen andere Eigenschaften daneben. Auch
die sprachliche Thatsache, daß die für gut und böse gebrauchten Worte bei den meisten
Völkern urfsprünglich sinnliche und physische Vorzüge, erst später moralische und geistige
bezeichneten, daß die virtus des Römers in ältester Zeit nicht Tugend, sondern Kriegs—
tüchtigkeit bedeutete, beweist nur, daß das sittliche Urteil ein werdendes ist, nicht daß
es irgendwo ganz fehlte.
Jede Zeit und jedes Volk lebt unter bestimmten äußeren Bedingungen, die eine
Reihe von Zwecken und von Handlungen als die für Individuen und Gesamtheit not—
wendigsten bestimmen; sie müssen bevorzugt werden, wenn das Individuum und die
Gattung bestehen soll; sie müssen an andere Stelle rücken, sobald die äußeren Lebens—
bedingungen andere werden. Auch jeder wirtschaftliche Zustand steht unter dieser Voraus—
setzung: die wirtschaftlichen Eigenschaften und Handlungen gelten als gut, welche nach
Lage der Dinge die dauernde Wohlfahrt der einzelnen und der Gesellschaft am meisten
fördern. Dabei mögen Aberglaube, falsche Kausalitätsvorstellungen, die Interessen der
Machthaber in die konventionelle Feststellung dessen, was für gut gilt, noch so sehr
eingreifen, das sittliche Werturteil im ganzen wird doch stets die wichtigeren und höheren
Zwecke voranstellen, es wird fordern, daß die Lust des Augenblickes dem Glücke des
folgenden Tages hintangestellt werde, daß das Individuum nie sich als einzigen Selbst—
zweck, sondern als Glied der Sippe, der Familie, des Stammes betrachte. Wenn das
reflektierende Denken und die höheren Gefühle sich stärker entwickeln, so beginnt man
das Leben des Individuums als ein Ganzes aufzufassen, die Jugend als Vorschule des
Mannesalters zu betrachten, sie durch strenge Ubung und Zucht zu bändigen; was dem
Leben im ganzen Bedeutung, Inhalt und Glück verleiht, gilt nun als das Gute. In
dem Maße, wie etwas größere gesellschaftliche Verbindungen entstehen, erscheint als das
sittlich Gute nunmehr das, was den socialen Körper und seine Wohlfahrt fördert. Ent—
steht endlich im Menschen die Ahnung eines Zusammenhanges aller menschlichen Geschicke
mit einer höheren Weltordnung, das demütige Gefühl der Abhängigkeit unseres armen
Menschenlebens von einer göttlichen Weltregierung, so wird dadurch notwendig auch
das sittliche Werturteil wieder ein anderes als früher. Nun erscheint dem Menschen als
gut, was die Gottheit gebietet, was ihn in das richtige Verhältnis zu ihr bringt. Kurz,
jedes Princip sittlicher Wertschätzung von Handlungen baut sich auf bestimmten materiell—
technischen, gesellschaftlichen und psychologisch-geschichtlichen Voraussetzungen auf. Die
ethische Vorstellungswelt erstreckt sich von der sinnlichen Lust des individuellen Lebens
durch zahllose Glieder hindurch bis zur Menschheit, zum Weltganzen, zur Ewigkeit.
Das Gute hat kein ruhendes, sondern ein sich stetig vervollkommnendes Dasein. Der
nie ruhende Sieg des Höheren über das Niedrige, des Ganzen über das Vartielle macht
das Wesen des Guten aus.
Jede Zeit hat so ihre Pflichten, ihre Tugenden, ihre sittlichen Zwecke. Die all—
gemein anerkannten sittlichen Gebote, mit welchen das sittliche Werturteil einer Zeit dem
einzelnen gegenübertritt, sind die Pflichten; die durch fittliche UÜbung erlangten Fertig—
keiten, im Sinne der Pflicht zu handein, sind die Tugenden; die Zwecke, auf die das
sittliche Streben gerichtet ist, sind die sittlichen Güter. Und jede Zeit und jedes religidse
und philosophische Moralsystem bestimmt sie nicht nur an sich, grenzt fsie vom natur—
lichen Handeln und Geschehen, vom reinen Triebleben, vom fittlich gleichgültigen Handeln
ab, sondern stellt eine Wertordnung der Zwecke, der Tugenden, ver Pflichten her. Einem
Zeitalter gilt die Tapferkeit, einem anderen die Gerechtigkeit, einem dritten die Abtötung
        <pb n="57" />
        Die wachsenden Ziele und die Zuchtmittel des Sittlichen.

45

der Sinnenwelt als höchste Tugend. Dem einen gilt Schmerzlosigkeit, dem anderen
Thätigkeit, dem dritten Hingabe an das Gemeinwesen als das höchste Gut.
Trotz aller dieser Abweichungen hat die gleiche Menschennatur, die gleiche gesell—
schaftliche Entwickelung und die gleiche Ausbildung der Ideenwelt bei allen höher
stehenden Völkern eine merkwürdige Übereinstimmung der geforderten Pflichten, Tugenden
und Guüter erzeugt. Eine Erfahrung von Jahrtausenden hat immer mehr dieselben
Handlungen, dieselben Gefühle als die notwendigen Bedingungen des Glückes der ein—
zelnen, wie der Wohlsfahrt der Gesellschaft aufgedeckt. Bei allen Völkern arbeiten sich
nach langen Irrwegen dieselben Ideale durch, die in relativ wenigen und einfachen
Sähzen und Ideen sich zusammenfassen lassen. Sie sind ebenso sehr ein Ergebnis unserer
steigenden Erkenntnis der Welt und der Menschen, wie ein Produkt der sittlichen Zucht,
der' Veredelung unseres Gemütslebens. Behaupte und vervollkommene dich selbst; liebe
deinen Nächsten als dich selbst; gebe jedem das Seine; fühle dich als Glied des Ganzen
dem du angehörst; sei demütig vor Gott, selbstbewußt aber bescheiden vor den Menschen.
Derartiges wird heute in allen Weltteilen und von allen Religionen gelehrt. Und
überall ruht der Bestand der Gesellschaft darauf, daß diese schlichten und kurzen Sätze
zur höchsten geistigen Macht auf Erden geworden sind.
21. Dre siltlichen Zuchtmittel: gesellschaftlicher Tadel, staatliche
Strafen, religiöse Vorstellungen. Wie kam es aber, daß diese Sätze zur
höchsten Macht auf Erden wurden? Die sittlichen Urteile entstanden und entstehen immer
dieder auf Grund der geschilderten psychischen Vorgänge; aber wie wir dabei schon der
Mitwirkung der Gesellschaft gedenken mußten, so tragen gesellschaftliche Einrichtungen
und piychische Pressionsmittel, die aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen ihre Kraft
schöpsen, dazu bei, die Wirkung dieser Urteile zu stärken, im Gemütsleben der Menschen
jene ftarken Emotionen hervorzurufen, die zunächst viel mehr als kluges Uberlegen und
Einficht in den gesellschaftlichen Nutzen oder den künftigen eigenen Vorteil die Menschen
auf der Bahn des Sittlichen vorangebracht haben.
Die socialen Pressions- und Zuchtmittel, die wir meinen, sind einfach und bekannt:
sie entspringen der Furcht vor Tadel und Rache der Genossen, der Furcht vor der Straf⸗
gewalt der Mächtigen und Fürsten, der Furcht vor den Göttern. Es ist, wie H. Spencer
sagt, eine dreifache Kontrolle, unter welcher die menschlichen Handlungen stehen, so weit
wir die Geschichte zurück verfolgen können. Wir haben schon im bisherigen Gelegenheit
gehabt, sie teilweise zu berühren, hauptsächlich bei Erdrterung des Anerkennunastriebes
S. 30) die Furcht vor der tadelnden Umgebung erwähnt.
Lange ehe die Gewalt des Häuptlings oder Koͤnigs entsteht, die Führung im
Kriege übernimmt, die Feigen bestraft, die Tapferen belohnt, besteht in der primitivsten
Geseulschaft die Furcht vor Nichtanerkennung und Ausschluß aus der Sippe und dem
Stamm, die Gesahr der rächenden Nemesis von Verwandten, wenn ein Frevler einen
Stammesgenossen aus anderem Geschlecht erschlagen hat. Nicht im Widerspruch mit
dem sittlichen Werturteil, den Gefühlen der Sympathie und Vergeltung, sondern eben
aus ihnen heraus wachsen die entsprechenden Übungen und Gepflogenheiten der Blut—
rache, der Äusstoßung, die dann wieder mit großer Macht auf die Einbildung und die
Gefühle zurückwirken. Vorstellungen künftiger Schmerzen und künftiger Freude werden
so mit größtem Nachdruck vor die Seele geführt, daß sie dauernd die einzelnen und die
Gesellschaft beherrschen.
Reben diese niemals verschwindende, nur später in milderen Formen auftretende
Kontrolle der Nachbarn und Genossen tritt nun mit der Ausbildung einer öffentlichen
Gewalt, eines Häuptlings- und Königtums, eines kriegerischen Führertums die Macht
der Staatsgewalt. Es ist zuerst ein roher Despotismus, zuletzt eine fest durch das Recht
umgrenzte oberste, vielleicht ganz unpersdnliche Befehlsbefugnis, die Vorschriften erläßt
und straft; immer ruht sie auf Machtmitteln aller Art, kann den Widerstrebenden
zwingen, einsperren, töten; der einzelne muß sich ihr und ihren Geboten unterwerfen;
die staatliche Zwangsgewalt mit ihrem System von Strafen und Zwangsmitteln, von
Auszeichnungen und Ehren wird gleichsam das feste Rückgrat der Gesellschaft; die Bürger
        <pb n="58" />
        16 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

wissen es nicht anders, als daß sie unter dieser zumal in alten Zeiten barbarisch strafenden
Gewalt stehen, und auch heute ist die Strafgewalt die ultima ratio, welche das Gute
und damit die Gesellschaft aufrecht erhält.
Der äußere Zwang zu sittlichem Verhalten, der mit der Rute des Vaters und
Lehrers beginnt und durch alle Zwangsveranstaltungen der Gesellschaft und des Staates
hindurch mit der Zwangspflicht endigt, eventuell sein Leben fürs Vaterland zu lassen,
bringt zunächst ein äußerlich legales Verhalten in der Mehrzahl der Fälle zuwege,
keine innere Sittlichkeit, aber er beseitigt die direkten Störungen der sittlichen Ordnung,
er gewöhnt die Menge daran, das Unsittliche zu meiden, er erzieht durch Gewöhnung
und Vorbild, er bringt einen äußeren Schein der Anständigkeit und Tugend hervor, der
nicht ohne Rückwirkung auf das Innere bleiben kann, in Verbindung mit der Furcht
vor gesellschaftlichem Tadel auch innerlich die Gefühle veredelt.
Noch mehr aber vollzieht sich die innere sittliche Umbildung durch die religiösen
Vorstellungen, so grob sinnlich sie anfangs sind, so sehr sie lange sich äußerer staatlicher
Zwangsmittel bedienen. Das letzte Ziel des religiösen Kontrollapparates ist doch, die
Menschen in ihrer innersten Gesinnung zu ändern. Die Religionssysteme waren das
wichtigste Mittel, das sinnlich-individuelle Triebleben zu bändigen. Die religiösen Vor—
stellungen ergriffen das menschliche Gemüt mit noch ganz anderer Gewalt gls die beiden
anderen Zuchtmittel. Die zitternde Furcht des naiven Urmenschen vor dem Übersinnlichen
ist einer der stärksten, wenn nicht der stärkste Hebel zur Befestigung der sittlichen Kräfte
und der gesellschaftlichen Einrichtungen gewesen.
Die ältesten religiösen Gefühle und Satzungen entsprangen den Vorstellungen über
die Seele, ihre Wanderungen im Traume, ihr Fortleben nach dem Tode; die Seele des
Toten könne, so glaubte man, ihren Sitz im Stein, im Baum, im Tiere wie im Leichnam
selbst nehmen; der Totenkultus, die Sitte des Begrabens, das Opfern für die Toten
entsprang aus diesen Vorstellungen; die toten Könige und Häuptlinge erschienen, wie
die ganze mit Geistern erfüllte Natur, als Mächte der Finsternis oder des Lichtes, denen
man dienen, opfern, sich willenlos unterordnen müsse, deren Willen die Zauberer und
Priestr erkundeten und mitteilten. So entstanden priesterliche, angeblich von den Geistern
und Göttern diktierte Regeln, meist ursprünglich Regeln der gesellschaftlichen Zucht, der
Unterordnung des Individuums unter allgemeine Zwecke, welche Millionen und Milliarden
von Menschen veranlaßten, dem irdischen Genusse zu entsagen, die unmittelbaren, nächst—
liegenden individuellen Vorteile den Göttern oder einer fernen Zukunft zu opfern. Nicht
aus Überlegung des eigenen oder gesellschaftlichen Nutzens handelten sie so, sondern weil
ein überwältigendes Gefühl der Demut und der Furcht vor der Hölle und ihren Strafen
sie nötigte, die Gebote der Götter höher zu achten als sinnliche Lust oder eigenen Willen,
weil sie sich selbst für besser hielten, wenn sie so handelten, wie es die Vorschriften der
Religion forderten.
Die religiöse Stimmung ist ursprünglich bei den rohesten Menschen nichts als ein
unaussprechliches Bangen vor körperlichem Leid, ein Gefühl der eigenen Schwäche, eine
Furcht vor den unverstandenen Gewalten, die den Menschen allmächtig umgeben. Die
Phantasie sucht nach Kräften, nach Ursachen, die das Geschehene erklären, die man als
handelnde, strafende, zürnende Wesen sich denkt, die als Kräfte vorgestellt werden, welche
in das menschliche Leben eingreifen können, nach deren Wunsch man das häusliche wie
das öffentliche Leben einrichten müsse, deren Zorn man abwenden müsse durch Gebet,
durch Folgsamkeit gegen ihre Diener und Willensüberbringer, durch schlechthinige Er—
gebung in ihre Befsehle. Unendlich lange hat es gedauert, bis die uünklaren und rohen
Vorstellungen über böse Geister und ihr vielfach tückisches Verhalten gegen die Menschen
sich abklärte zu einem edleren religiösen Glauben, der in den Göttern Vorbilder und
Träger einer idealen, über der sinnlichen erhabenen Weltordnung sah. Diese setzte an
die Stelle der Vorstellungen vom Zorn und der Leidenschaft der Götter den Glauben
an eine alles Gute belohnende, alles Böse strafende göttliche Gewalt. Die Vergeltung,
die den menschlichen Einrichtungen in der Gegenwart immer nur unvollkommen gelingen
konnte, wurde den Göttern zugetraut; man rechnete bald auf eine Vergeltung auf Erden
        <pb n="59" />
        Gesellschaftlicher, staatlicher und religiöser Zwang. 47

wie bei den Semiten, auf Lohn und Heimsuchung am dritten und vierten Gliede des
eigenen Geschlechts; bald, mit dem Erwachen des Unsterblichkeitsgedankens, auf eine
Vergeltung in einem anderen Leben. Das irdische Leben schrumpfte zu einer Vorbereitung
für ein jenseitiges zusammen; alle Freuden dieser Welt erschienen nun vergänglich und
nichtssagend gegen die Hoffnung einer ewigen Seligkeit, die als Lohn guter Thaten und
Gesinnungen erwartet wurde. Damit entstand eine sociale Zucht und eine sociale Kraft,
eine Fähigkeit der Unterordnung unter, der Hingabe an gesellschaftliche und ideale
Zwecke, welche die betreffenden Völker allen anderen überlegen machte, ihnen die herrschende,
führende Rolle übertrug. Die höchste Ausbildung des religiösen Lebens erfolgte unter
der Führung von historischen Idealgestalten, die durch ihr Beispiel und ihre Lehre nicht
bloß gute Handlungen, sondern gute Gesinnung verlangten. Die Furcht vor der Hölle
und die Hoffnung auf den Himmel verwandelten sich in die edelsten Affekte, in die Liebe
zu Gott, in die Hingabe an das Ideale. Die sittliche Gesinnung wurde zur Hauptsache
bvor dem Herrn, der die Herzen und die Nieren prüft. Es genügte jetzt nicht mehr, um
der bloßen Belohnung willen äußerlich gut zu handeln; man kann nicht aus verwerflichen
Motiven gut, edel, christlich gesinnt sein.
Die großen ethischen Religionssysteme, hauptsächlich das christliche, sind es so,
welche die außere Zwangskontrolle und die rohere innere Kontrolle, die auf Lohn und
Strafe rechnet, mehr und mehr in jene höhere innere Kontrolle umwandeln, die mit
der vorherrschenden Vorstellung eines sittlichen Lebensideals all' unser Thun beleuchtet
und reguliert. Das Gute wird nunmehr als die wahre und innere Natur des Menschen
erklärt und befolgt, es wird um seiner selbst willen geliebt, weil es allein dauernde,
ungetrübte, über alles menschliche Leid erhebende Befriedigung, das höchste Glück, die
reinste und dauerndste Lust gewährt. Aber auch wo die innere Umwandlung nicht so
weit geht, erheben die geläuterten religiösen Vorstellungen der ethischen Kulturreligionen
alles Einpfinden und Handeln der Menschen auf eine andere Stufe. Die Selbstsucht
wird gezähmt, das Mitleid und alle sympathischen Gefühle werden ausgebildet. Die
Wahrheit, daß der einzelne nicht für sich selbst lebt, daß er mit seinem Thun und Lassen
großen geistigen Gemeinschaften angehört, daß er mit den endlichen Zwecken, die er
versolgt, unendlichen Zwecken dient, diese Wahrheit predigt die Religion jedem, selbst
dem einfachsten Gemüt; sie verknüpft für die große Menge aller Menschen auf diese
Weise das alltägliche Treiben des beschränktesten Gesichtskreises mit den höchsten geistigen
Interessen. Durch die Religion bildet sich jenes abstrakte Pflichtgefühl aus, das als
kräftig wirkender Impuls überall den niedrigen Trieben entgegentritt. Es entsteht durch
sie jene allgemeine sittliche Lebenshaltung, welche nicht bloß die große Mehrzahl in den
Bahnen der Anständigkeit und Rechtschaffenheit, sondern auch einen erheblichen, und
gerade den führenden Teil der Völker in den Bahnen einer bewußten und beabsichtigten
Sittlichkeit festhält.
Zu jener unbedingten sittlichen Freiheit des Willens allerdings, für welchen die
Imperative des Zwanges ganz gleichgültig geworden sind, für welchen die Vorstellungen
von einer Vergeltung nach dem Tode wegfallen können, ohne zu sittlichen Gefahren zu
führen, haben zu allen Zeiten und auch heute nur wenige der edelsten und besten Menschen
sich erhoben. Und wenn dem so ist, so dürfte es klar sein, daß die Auflösung und
Verblassung unserer religiösen Vorstellungen in breiten Schichten der Gesellschaft nicht
bloß eine fittliche, sondern auch eine gesellschaftliche und politische Bedeutung haben.
Bis ins vorige Jahrhundert hat es kein großes Kulturvolk gegeben, in dem nicht
das ganze äußere und innere Leben von der einheitlichen Herrschaft eines ethischen
Religionssystems getragen war. Seine Autorität und seine Regeln beherrschten Staat,
Volkswirtschaft, Klassenbildung, Recht, Familie, Tauschverkehr, Geselligkeit gleichmäßig.
Jetzt machen wir nicht bloß Versuche, in demselben Staate verschiedene, allerdings meist
verwandte, in ihren Grundlehren übereinstimmende und darum wohl neben einander
zu duldende Religionssysteme zuzulassen. Nein, in breiten Schichten erst der höheren
Gesellschaft, teilweise aber auch schon der unteren Klassen ist das religiöse Empfinden
zurückgetreten oder verschwunden; weltliche Ideale und naturwissenschaftliche Betrachtungen
        <pb n="60" />
        48 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

sind an die Stelle getreten, deren sittlicher Kern und Wert teilweise noch recht zweifelhaft
ist. Es wird die große Frage sein, ob die Ausbildung philosophischer, ethischer Systeme
und das Anwachsen anderer sittlicher Lebensmächte, des Staates, der Schule, der öffent—
lichen Meinung heute schon, ob sie jemals stark genug ist und sein wird, um für die
Menge der gewöhnlichen Menschen die religibsen Stützen und Normen entbehrlich zu
machen, ob nicht eine religionslose Gesellschaft einem Schiffchen gleicht, das, in gefähr—
licher Lage zwischen tausend Klippen, in der Hoffnuug auf eine gute Brise neuen
materialistischen Windes das Ankertau gekappt hat, das es bisher festhielt, das es bisher
im wilden Spiel roher Naturmächte und Leidenschaften vor dem Zerfschellen an dem
Felsen menschlicher Gemeinheit bewahrte.
Die Läuterung unserer religiösen Vorstellungen bis zu dem Grade, daß sie mit
unseren wissenschaftlichen und sittlichen Uberzeugungen wieder in UÜbereinstimmung kommen
und so von neuem die volle alte religiöse Kraft auf unser Gemütsleben erhalten, scheint
den Ausweg zu bieten, den in analogen Fällen die Geschichte schon öiters gesucht und
gefunden hat.

8. Die sittlichen Ordnungen des

gesellschaftlichen Lebens. Sitte, Recht und
Moral.

Lazaxus, UÜber den Ursprung der Sitten. Berlin 1867. — Schmoller, Grundfragen des
Rechts und der Volkswirtschaft. 1875. S. 31 -52;, Wirtschaft, Sitte und Recht; jetzt Grundfr.
S. 43-69. — Rümelin, RA. 2. S. 149 -175: Über das Wesen der Gewohnheit.
v. Ihering, Geist des römischen Rechts auf den verschiedenen Stufen seiner Entwickelung
14 Bde. 1852 -84. — Ders., Der Zweck im Recht. 2 Bde. 1877-84. — Maine, Ancient law.
1861. 3. Aufl. 1874. — Ders., Barly history of institutions. 1875. — Arnold, Kultur und
Rechtsleben. 1865. — Ders., Knltur und Recht der Römer. 1868. — Trendelenburg, Naturrecht
auf dem Grunde der Ethik. 1868. 2. Aufl. — v. Kirchmann, Die Grundbegriffe des Rechts und
der Moral. 1869. — Jellinek, Die socialethische Bedeüutung von Recht, Unrecht und Strafe. 1878.
— Bastian, Rechtsverhältnisse bei verschiedenen Völkern der Erde. 1872. — A. H. Post, Bau—
steine für eine allgemeine Rechtswissenschaft, 2 Bde. 1880-81. — Schmoller, Die Gerechtigkeit
in der Volkswirtschaft. J. f. G. V. 1881, jetzt auch Soc. u. Gew.ßP. — A. Merkel, Recht und
Macht. J. f. G.V. 1881, jetzt auch in den Ges. Abhandlungen aus dem Gebiet der allg. Rechts—
lehre 1, 1899. — Ders,, Juristische Enchklopädie. 1888. — A. Wagner, Grundlegung.“ 2. Teil.
Volkswirtschaft und Recht. 1896 u. 1900. — Stammler, Wirtschaft und Recht nach materia—
— 1896. — Henry C. Adams. Volkswirtschaft und Rechtsordnung.
J. f. G.V. 1898.

Alles sittliche Leben einschließlich des religiösen ist ein nie ruhender psychischer
Prozeß, eine stete Umsetzung von Vorstellungen und Urteilen in Gefühle, von Gefühlen,
die als Impulse wirken, in Handlungen. Auf Grund der natürlichen und historischen
Bedingungen dieses Prozesses muß sich durch Wiederholung gleicher Fälle und gleicher
Beurteilung immer wieder in bestimmten Kreisen ein fester Maßstab der Beurteilung
bilden, der praktisch zur Durchschnittsregel, zur Norm des Handelns wird.
Es hieße Ubermenschliches vom gewöhnlichen Individuum verlangen, wenn es ohne
solche Durchschnittsmaßstäbe und Durchschnittsregeln, die dem gewöhnlichen Lauf des
Lebens und den realen Bedingungen und Thatsachen desselben einerseits, den sittlichen
Idealen andererseits angepaßt sind, sich jeden Augenblick zurecht finden sollte. Diese
Regeln erhalten durch die oben geschilderten Kontroll- und Strafapparate ihren autori—
kativen Charakter. Sie schärfen täglich und stündlich das Sittliche ein; sie sind gleichsam
die geprägte Münze des Sittlichen, die stets umlaufend, stets gebietend und verbietend
jede Handlung, jeden Schritt begleitet. Für die Mehrzahl der gewöhnlichen Menschen
faßt sich so das Sittliche zusammen in diesen Normen, die den niedrigen Trieben ent—
gegentreten, den Menschen in genereller und einfacher Weise sagen, welche Handlung die
zu billigende, vorzuziehende, fittliche sei. Ob sie im einzelnen immer ganz genau passen,
ist nicht so wichtig, als daß sie überhaupt bestehen, daß fie als Macht über den einzelnen
und ihrem Triebleben anerkannt werden. Sie ersparen dem gewöhnlichen Menschen Prüfung
und Wahl, zu der er bei den ewig sich wiederholenden inneren Konflikten und ihren
        <pb n="61" />
        Die Sitte, ihre Entstehung, ihr Wesen.

49

schwierigen Entscheidung nicht jäͤhig wäre. Indem die Regel, welche Sitte und Recht,
königliche oder priesterliche Macht aufgestellt hat, sagt, das sollst du thun und jenes lassen,
greift in das unfertige Werden und Drängen der Triebe, in den Kampf der Leiden—
schaften und Instinkte doch überhaupt eine ordnende sittliche Gewalt ein; die Gewöhnung,
ihr sich zu beugen, ist an sich eines der wesentlichsten Mittel der Erziehung.
Das Entstehen dieser Regeln, welche alles gesellschaftliche, auch alles wirtschaftliche
Leben beherrschen, welche in der Art ihrer formalen Gestaltung zugleich wesentlich die
Epochen dieses Lebens bestimmen, haben wir nun darzustellen. Wir haben zu zeigen,
wie sie in der ältesten Zeit als einheitliche Sitte entstehen und später sich spalten in
Recht, Sitte und Moral, welche Folgen diese Spaltung hat.
25. Die Entstehung und Bedeutung der Sitte. „Es giebt“, sagt Lubbock,
„keinen größeren Irrtum, als den Wilden den Vorzug einer größeren persönlichen Freiheit
zuzuschreiben; jede ihrer Lebensäußerungen wird durch zahllose Regeln beschränkt, die
freilich ungeschrieben, aber darum nicht minder bedeutend sind.“ Lange ehe es einen
eigentlichen Staat, ein Gerichtsverfahren, ein ausgebildetes Recht giebt, beherrschen feste
Normen, welche vielfach in rhythmischer Rede überliefert, durch Ceremonien und Symbole
aller Art in ihrer Ausübung gesichert sind, alles äußere Leben der primitiven Stämme.
Es handelt sich um die Sitte und die Gewohnheiten, die aus den geistigen Kollektivkräften
hervorgehen. Alles bei einer Gesamtheit von Menschen Geübte, Gewohnte, Gebräuchliche,
das nicht als eine Außerung der Naturtriebe sich darstellt, und andererseits von der
Willkür der einzelnen unabhängig als gut und schicklich, als angemefsen, als würdig
angenommen wird, sagt Lazarus, bezeichnen wir als Sitte. Die Gewohnheit, sagt
Marheineke, ist eine zweite durch den Geist gesetzte Natur. Die gemeinsame Gewohnheit
mehrerer, die als Verpflichtung gefühlt wird, die übertreten, verletzt werden kann, wird
zur Sitte.
Die Gewohnheit entsteht mit und durch die Gesellschaft; aber sie zeigt sich auch
schon im Leben des einzelnen, muß schon hier sich bilden. Sie ergiebt sich aus der
Wiederkehr des Gleichen im menschlichen Leben. Ohne Wiederkehr eines Gleichen gäbe
es keine Erinnerung, keine Erkenntnis, kein Vergleichen und Unterscheiden. Der Kreislauf
des tierischen Daseins, Wachen und Schlafen, periodisches Essen, Arbeit und Erholung,
dann der Kreislauf der Natur, Sommer und Winter, der Auf- und Niedergang von
Sonne, Mond und Sternen prägen allem menschlichen Leben den Stempel ewiger Wieder—
holung des Gleichen auf. Das Kind schon, das täglich zu gleicher Zeit seine Milch
erhält, verlangt stürmisch die Einhaltung der Regel, wie die gemeinsamen Mahlzeiten
den Ausgangspunkt für eine regelmäßige Zeiteinteilung des Tages bildeten. Auch die
höheren Tiere haben ihre Instinkte unter demselben Drucke der sich gleichmäßig wieder—
holenden Bedürfnisse zu festen Gewohnheiten ausgebildet, wie die Bienen im Bienenstaat.
Bei dem Menschen kommt hinzu, daß es sein Denkgesetz und seinen Ordnungssinn
befriedigt, wenn im gleichen Falle gleich gehandelt wird. Aus dem Wirrwarr der Reize
und Triebe, der Einfälle und Leidenschaften entwickelt so stets Erfahrung und Erinnerung
gewohnheitsmäßiges gleiches Handeln.
Es wird zur Sitte durch die gemeinsamen Vorstellungen und Gefühle mehrerer,
durch die gemeinsamen sittlichen Urteile und Erinnerungen; aus gleicher Lage entspringen
gleiche Willensanläufe und Handlungen, gleiche Ceremonien, gleiche Formen des Handelns.
Das sittliche Urteil sagt, diese bestimmte Form sei die zu billigende. Es entsteht daraus
das Gefühl der Verpflichtung, das sofort durch Mißachtung der Genossen, Strafe, religiöse
Furcht verstärkt wird. Die Formen des religiösen Kultus waren überall die wichtiaste
Veranlassung zur Entstehung fester Sitten überhaupt.
Jede Sitte giebt irgend einer sich wiederholenden Handlung ein bestimmtes, stets
wieder erkennbares Gepräge. Von den einfachen Bewegungen des Körpers bis zu den
verwickeltsten Lebenseinrichtungen sucht der Mensch an die Stelle des natürlichen Ablaufes
der Ereignisse eine ceremoniöse Ordnung zu setzen, mit dem Anspruch, daß nur das so
Gethane richtig geschehen sei. Alle menschlichen Handlungen werden so gestempelt, in
konventionelle Form umgeprägt. Sie erhalten zu ihrem natürlichen materiellen Inhalt
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. JI. 4. —26. Aufl
        <pb n="62" />
        50 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

ein hinzukommendes geistig-sittliches, formendes, auf ihren Zusammenhang mit dem
übrigen Leben hindeutendes Element.
Die Gegeunstände, welche die ältere Sitte formt, umfassen das ganze äußere Leben,
aber auch nur dieses, niemals zunächst die Gesinnung. Die Nahrung, die Kleidung,
die Wohnung, das Zusammenleben und der Verkehr der Menschen sind überall die Haupt—
objekte der Sitte. Aus Hunger und Instinkt frißt das Tier, wann und wo es Nahrung
findet; das Essen zu fest bestimmter Zeit, in bestimmter Form wird durch die Sitte
geschaffen. Die Eitelkeit und die Neigung zur Auszeichnung veranlaßt den Menschen,
sich zu bemalen, zu schmücken; daraus geht der Kriegsschmuck, die Kleidung als Sitte
hervor. Die Begattung erfolgt aus tierischem Antriebe; die Sitte schafft feste Regeln
für dieselbe. Geburt und Tod sind natürliche Ereignifse, die Teilnahme der Familie
und Freunde, die Rücksicht auf abgeschiedene Ahnen und auf die Götter schafft feierliche
Teremonien, die Aufhebung des Kindes durch den Vater, die Taufe, die Toten- und
Opfermahle, die Leichenbegängnisse, lauter formale Handlungen, durch welche die Ereignisse
in ihrer Bedeutung gewurdigt werden sollen. Aus Bedürfnis tauscht der eine Stamm
zinzelne Waffen und Schmuckgegenstände mit dem anderen; die Sitte regelt das durch
die seste Anordnung einer gesriedeten Malstatt, wo zu bestimmter Zeit die Taufchenden
zusammenkommen.
Mag die religiöse Färbung der meisten älteren Sitten, die Verbindung fast aller
regelmäßig wiederkehrenden Handlungen mit Kultceremonien daran schuld sein, oder der
Umstand, daß der Mensch an sich den geistigen Stempel, den er einer Handlung giebt,
höher stellt als ihren materiellen Inhalt, so viel ist sicher, daß diese Formen, an die
äich eine Gesellschaft gewöhnt hat, teilweise ein zäheres konservativeres Leben haben als
hr Inhalt selbst. Das heranwachsende Geschlecht findet die Sitte als ein Uberliefertes
vor, als eine Lebensform, die es vom Erwachen des Bewußtseins an als heilig betrachtet.
An herkömmlich bestimmien Worten, Bewegungen, Opfern, Zeichen hängt die Gnade der
ßötter. Die Sitte wird zur unbeugsamsten, uͤberwältigenden Macht. Mit der zähesten
Angstlichkeit hält das Gemüt oft an ihr fest, auch wenn die materielle Handlung, die
in der Sitte steckt, keinen rechten Zweck mehr hat. Andere Zwecke schieben sich unter,
die Form sucht sich zu erhalten. Aus Opfermahlen für Götter und Tote werden Leichen—
schmäuse, aus uralten Trankopfern zur Verbrüderung wird die heutige Sitte des Zu—
rinkens. In fast aller Sitte stecken so Rachklänge von Jahrtausenden; es sind oftmals
Ubungen und Formen, die, unter ganz anderen natürlichen und gesellschaftlichen Verhält—
nissen entstanden, doch ihren Wert und ihre Bedeutung behaupten.
Die einzelne Form der Sitte ist so immer schwer kulturgeschichtlich zu erklären;
sie ist ein kompliziertes Ergebnis, zu dem sich sehr verschiedene Vorstellungsreihen
und Ursachen vereinigt haben. Sittliches Urteil und Gefühl, materielle Bedürfnisse und
Zwecke, uralte Formeln, religiöser Wahn, schiefe Vorstellungen und richtige Kausfal—
erkenntnis in Bezug auf individuellen und socialen Nutzen wirken zusammen. Die Sitte
der Kleidung ist ursprünglich zu einer Zeit, wo der Mensch nicht bemerkte, daß er nackt
sei, und wo die Nacktheit noch keine Summe sexueller Vorstellungen und Erinnerungen
aufzureizen pflegte, entstanden aus der Neigung, sich zu schmücken, sich durch Schmuck aus—
zuzeichnen; der Mann that das früher als die Frau; daher heute noch Stämme, bei
welchen es Sitte ist, daß der Mann sich bekleidet, die Frau nackt geht. Alle Arbeits—
teilung und sociale Klassenbildung haben später, wie die Kälte und die Bewaffnungs—
zwecke, in die Entwickelung dieser Sitte eingegriffen; in den modernen Zeiten ist die
Bekleidung dann allgemein als ein sociales Zuchtmittel erkannt worden, als ein Mittel
der sexualen Prophylaxe und der socialen Anweisung, dem Trauernden richtig zu begegnen
wie dem Festgeschmückten; es wurde ein Mittel, den Offizier immer an seine Stellung
zu erinnern, dem Geistlichen und Richter seine Wirksamkeit auf andere durch die Amts—
tracht zu erleichtern. Nur ein unhistorischer Rationalismus kann deshalb ausschließlich
alle Sitte auf Überlegungen des gesellschaftlichen Nutzens zurückführen.
V Dieser hat freilich überall instinktiv oder klar erkannt mitgespielt. Dasjenige wird
Sitte, was den Menschen irrtümlich oder mit Recht als das der Familie, später dem
        <pb n="63" />
        Die Sitte und die Entstehung des Rechtes.

51

Stamme, zuletzt dem Volke und der Menschheit Förderliche erscheint. Aber die erste Er—
fassung geschieht unmittelbar mit dem Gefühle und die letzte Ursache der Entstehung ist immer
das sittliche Urteil, ein pfychischer, einem gewissen Kreise gemeinsamer Vorgang.
Die Sitte ist die grundlegende äußere Lebensordnung der menschlichen Gesellschaft,
sie erstreckt sich auf alle äußeren Lebensgebiete, vor allem auch auf das wirtschaftliche.
Es ist deshalb angezeigt, gleich hier auf die auch für alle spätere Zeit ähnlich bleibende
volkswirtschaftliche Bedeutung der Sitte hinzuweisen. Wir sahen schon bei der Be—
sprechung der Bedürfnisse, wie ihre ganze Entwickelung auf der Sitte ruht; dement—
sprechend ist alle Untersuchung der Nachfrage eine Untersuchung von Sitten und Kon—
sumtionsgewohnheiten. Die Gestaltung der Hauswirtschaft ist durch die Sitte be—
herrscht; alle Arbeitsteilung kann nur an der Hand bestimmter Sitten zur Ausführung
ommen. Alle Unternehmungsformen vom Handwerk bis zum Großbetrieb, der Aktien—
gesellschaft, dem Kartell ruhen auf Gewohnheiten und Sitten; aller Handel und Markt—
verkehr, Geld und Kredit sind ein Ergebnis langsam sich bildender Sitten. Jede volks—
wirtschaftliche und sociale Beschreibung ist ein Stück Sittengeschichte. Die großen Fragen
der socialen und wirtschaftlichen Reform hängen mit der Möglichkeit und Schwierigkeit
der Umbildung der Sitten zusammen. Alles neue Recht ist in seinem Erfolge davon
abhängig, wie es zu den bestehenden Sitten, ihrer Zähigkeit oder Bildsamkeit paßt.
Wer das wirtschaftliche Leben ohne die Sitte begreifen, nur materiell, technisch, zahlen⸗
mäßig fassen will, wird immer leicht irren, er ergreift von dem wirtschaftlichen Vorgang
eben das nicht, was ihm Farbe und bestimmtes Gesicht giebt. Wie z. B. beim Arbeits⸗
verhältnis unter Umständen eine kleine Erhöhung oder Erniedrigung des Lohnes weniger
bedeutsam ist als die Sitte, wie, wo, wann, mit welchem Gelde gezahlt wird.
Die Sitte ist nicht das Sitktliche, aber sie ist der äußere und gesellschaftliche Anfang
desselben; sie ist und bleibt eine Offenbarung dessen, was den Menschen über das Tier
erhebt; sie ist aus dem geistig-sittlichen Schatze des Volkes geboren; sie stellt dem ein—
zelnen eine äußere Norm des Guten, des Schicklichen, des Wohlanständigen vor Augen,
sie bändigt die Willkür, den Egoismus; sie setzt den ungezügelten Reizen der momentanen
Lust feste Schranken, sie schlingt ein gemeinsames außeres Band um die Stammesgenosfen
und um die wechselnden Geschlechter, sie verknüpft die abrollenden Geschicke des materiellen
Lebens durch ihre Formen zu einem höheren geistigen Ganzen. Sie baut in die natür—
liche Welt die Welt der Konvention, aber auch die der Kultur hinein. Jede Sitte ist
historisch geworden, kann zur Unsitte werden; aber sie ist in ihren gefamten Außerungen
ein wesentlicher Gradmesser der geistigen und moralischen Kultur. In den Anfängen
des gesellschaftlichen Lebens ist es die Sitte, die vor Entstehung einer staatlichen Gewalt
und eines geordneten Strafrechts den Frieden aufrecht erhält, die rohen Ausbrüche der
Leidenschaft zurückhält und sühnt.
26. Die Entstehung des Rechtes und seine ältere Verbindung mit
der Sitte. In dem Maße, wie die Stämme etwas größer werden, wie Ungleichheit
des Berufes, des Besitzes und Ranges eintritt, wie eine Häuptlingsaristokratie sich bildet,
die patriarchalische Familienverfassung einzelne weit über die anderen emporhebt, fängt
die bloße Sitte an, nicht mehr auszureichen, um den Frieden in der Gesellschaft aufrecht
zu erhalten. Die Macht einzelner wird zur Gewalt und Gewaltthat; der Verletzte kann
sich nur helfen, indem er der Macht des Gegners eine größere entgegenstellt, indem er
die Angesehenen, die Häuptlinge zu Schiedsrichtern, oder indem er den ganzen Stamm
zu seiner Hülfe herbeiruft. Und indem diese beiden Elemente beginnen, die Ausführung
der gesellschaftlichen Regeln in ihre Hand zu nehmen, wird das Recht geboren.
Alles Recht erwächst aus der Sitte; wo es entsteht, giebt es bereits Regeln und
den Glauben an eine sittliche Regelung; aber sie ist vom Streit bedroht; die ver—
schiedenen Interessen sind aufeinander geplatzt oder drohen, sich nicht der Regel zu fügen.
Die vom Streit Geschädigten, die Verletzten, oft einzelne, oft wachsende Teile des ganzen
Stammes, suchen eine überlegene Gewalt zu schaffen, eine vorhandene zu veranlafsen, daß
sie zwangsweise aussühre, was den Frieden sichert, was im Gesamtinteresse unerläßlich
ist. Vollends dauernde Kämpfe gegen andere Stämme sind nur durchzuführen, wenn
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        52 Einleitung. Begriff. Phsychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

im Inneren der Kampf, der Widerspruch ruht, wenn alle einzelnen dem Führer gehorchen,
wenn jeder Ungehorsam bestraft wird. Die kriegerischen Sitten befestigen am meisten
eine königliche Gewalt (siehe oben S. 7-28); und einmal aufgerichtet, wird sie zur rich—
tenden und strafenden Gewalt überhaupt, sucht Selbsthülfe und Eigenmacht zu beschränken,
verlangt, daß der Eigentümer den Dieb, der Gläubiger den Schuldner nur fasse unter
Teilnahme und Kontrolle der neuen, öffentlichen Gewalt. Wenn es dieser Gewalt, wie
in Rom, relativ früh gelingt, jeden Mord aus einer nach der Sitte zu begleichenden
Privatsache der Gentes und der einzelnen zu einer Angelegenheit zu machen, die das
ganze Gemeinwesen angeht und straft, so giebt sie damit demselben eine viel höhere
Friedenssicherheit, eine viel größere Möglichkeit inneren wirtschaftlichen Fortschrittes und
größerer Kraftentwickelung gegen andere Stämme. Der Keim zum Rechtisstaat ist gelegt.
Wie im Körper des Kindes aus einem Teile der weichen Knorpeln nach und nach
feste und harte Knochen sich bilden, so entsteht alles Recht in der Weise, daß ein Teil
der althergebrachten Regeln der Sitte zu festen, durch die Macht gesicherten Ordnungen
werden. Was als besonders wichtig, als besonders bedeutungsvoll für die Lebens—
interessen der Gesamtheit, für die Streitbeseitigung und Friedenserhaltung gilt, das wird
aus der übrigen Menge der socialen Lehensregeln durch Stammes- und Häuptlingsbeschlüfse,
 durch Gebote der Könige und Ältesten oder auch durch bloße strengere übung
als Recht ausgesondert, mit höherer Kraft und Weihe ausgestattet, mit Strai- oder
Achtungsklauseln versehen.
So sehr diese im Anfang nicht allzu zahlreichen Rechtsregeln nur unter dem
Schutze der Macht, der Gewalt entstehen und wachsen und durch diese größere Sicherung
ihrer Ausführung sich von der Sitte, der Gewohnheit zu unterscheiden anfangen, so
schwankend bleibt Jahrhunderte lang die Grenze zwischen Sitte und Recht; die Brücke
des Gewohnheitsrechtes verbindet beide; die Furcht vor der Strafe der Götter wirkt auch
beim Recht lange Zeit mehr als der strafende Arm des Königs. So lange so Sitte
und Recht ohne strenge Scheidung nebeneinander stehen und ineinander übergehen, ist
die sociale Zucht, die sie üben, außerordentlich stark. Die meisten älteren eigentlichen
Kulturstaaten zeigen ein solches Bild. Die Völker, die unter dem Impulse starker
religiöser Vorstellungen die alte Kraft der Sitte auf allen Lebensgebieten noch bewahrt
und daneben doch auch schon den starken Apparat eines stautlichen Rechtes ausgebildet
haben, machten nach allen Seiten, vor allem auch nach der wirtschaftlichen, größere
Fortschritte als die Stämme, welchen dies weniger gelang.
Kirche und Staat, Recht und Sitte, religiöser und rechtlicher Zwang fallen auf
dieser Kulturstufse noch mehr oder weniger zusammen; Ihering hat in geistreicher Weise
darauf aufmerksam gemacht, wie das indische Wort dharma, das hebräische mischpat
und das griechische dinn Sitte, Sittlichkeit, Kecht und Ritus zugleich bezeichnen. In
gleichem Zusammenhang der Gedanken hat Peschel daran erinnert, daß eine der
reinsten der älteren Religionen, nämlich die eranische Lehre Zarathustras und seiner
Nachfolger, jeden Verstoß gegen schamanistische und Ritualvorschriften ebenso als Sünde
bezeichne wie Lüge und Diebstahl. Die Priester und die Richter sind noch ein und
dieselben Personen, wie bei den meisten indogermanischen Völkern, vor allem im älteren
Rom. Rechtliche, censorische und kirchliche Straf- und Zuchtmittel sind noch nicht recht
getrennt. Die Agypter und die Römer hatten mit am frühesten einen staatlich geordneten
Apparat des Rechtes, aber zugleich die unerbittlichste Herrschaft einer strengen Sitte auf
allen Lebensgebieten. In dem Satz: Moribus plus quam legibus stat res Romana lag
eine tiese Wahrheit. Das gesamte Leben der Agypter, hat man gesagt, war geordnet wie
ein Gottesdienst. Sie haben, sagt Herodot, einen harien und strengen Dienst und viele
heilige Gebräuche. Unzählig waren die Vorschriften über Reinheit des Körpers, über
Kleidung und Essen, über Klystiere und Ceremonien. Hoben sich dagegen die Gesetze
Moses als einfache ab, so gingen doch die späteren Satzungen der israelitischen Priester
auch auf alle Einzelheiten des Lebens ein. Und weunn wir die Bußordnungen der
abendländischen Kirche aus dem 8. —10. Jahrhundert nachlesen oder die Kapilularien
der Karolinger, so versetzen sie uns auch in eine Zeit, in welcher Sitte und Recht der
        <pb n="65" />
        Die Scheidung von Sitte und Recht. 53

vordringenden christlichen Kultur die Mahlzeiten ebenso wie die Ehe, das Fasten und
das Beien ebenso wie den Staat ordnen wollte. Auch in späteren Epochen, im kalvi—
nistischen Genf, in manchen lutherischen Kleinstaaten, in dem von einem demokratischen
Klerus ganz beherrschten Schottland des 17. Jahrhunderts wiederholen sich Analogien
dieser älteren Kuͤlturzustände; neben einer längst vorhandenen staatlichen Rechtsordnung
hat sich die unbedingte Herrschaft einer strengen kirchlichen, alles beherrschenden starren
Sitte echalten. Das Wejen aller älteren theokratischen Gesellschaftsverfassung scheint darin
zu liegen, daß Recht und Sitte hoch ausgebildet, ungetrennt von einer einheitlichen,
halb geistlichen, halb weltlichen Gewalt überwacht und streng ausgeführt wird. Das
Kesultat kann ein glänzendes in Bezug auf Macht und wirtschaftliche Erfolge, Zucht
und Ordnung sein, so lange Recht und Sitte den realen Menschen und Verhältnissen
richtig angepaßt sind. Die Anpassungsfähigkeit geht aber durch die Starrheit von Recht
und Sitte stets mit der Zeit verloren.
Die Voraussetzungen einer solchen Gesellschaftsverfassung waren: kleine, einheitliche
Gemeinwesen, unveraͤnderte geistige, wirtschaftliche und sociale Verhältnisse, keine großen
intellektuellen und wissenschaftlichen Fortschritte. In größeren Staaten mit verschiedenen
Volkstypen und Lebensbedingungen kann die einheitliche Sitte weder entstehen, noch
erhalten sich da leicht dieselben Vorstellungskreise und religiösen Satzungen durch viele
Generationen hindurch. Aus der Wechselwirkung der verschiedenen Elemente entspringt
Reibung und Fortschritt. Auch in den kleinen Gemeinwesen entsteht mit fortschreitender
Technik, mit Verkehr und Handel das wissenschaftliche Denken, die Kritik, der Zweifel. Die
veränderte Schichtung der Gesellschaft verlangt andere Satzungen, erzeugt andere Ideale
und Ziele. Die alte Sitte, die alte Kirchensatzung, das alte Recht kommt da und dort
ins Wanken; in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft, an den verschiedenen Orten
entstehen verschiedene Regeln der Sitte. Während aber so das sittliche Urteil und die
Sitte sich differenziert, muß das Recht oder wenigstens der wichtigste Teil desselben in
den Huͤnden einer starken Staatsgewalt ein einheitliches bleiben. Es scheidet sich so
nach und nach Sitte und Recht (mores und jus), priesterliche und staatliche Satzung
(cισ und vuoç, fas und jus). Priester und weltliche Richter find nicht mehr eins.
Neben den alten Lehren und Kosmogonien der überlieferten Religion entstehen neue
religiöse oder philosophische Theorien und Systeme. In schwerem, erschütterndem Kampfe
ringt das Alte mit dem Neuen. Edle konservative Charaktere kämpfen, wie Cato, für
die Erhaltung des Bestehenden, weil fie fürchten, daß mit seiner Auflösung alle sittliche
Zucht und Ordnung verschwinde; größere Geifter, wie Sokrates, Christus, Luther, stehen
auf der Seite der Neuerer und schaffen den Boden für eine neue Kulturwelt, wenn sie
mit dem kühnen Mut des Reformators den Adel des sittlichen Genius verbinden.
Zugleich knüpft an diese Epochen der großen Geisteskämpie sich die definitive
Scheidung von Sitte, Recht und Moral an.
271 Die Scheidung des Rechtes von der Sitte. In unseren modernen
Kulturstaaten stehen sich Sitte und Recht als zwei scheinbar ganz getrennte Lebens—
ordnungen gegenüber. Nur zu oft scheint man zu vergessen, daß sie Kinder derselben
Mutter sind, daß sie eigentlich mit verschiedenen Mitteln dasselbe wollen. Freilich äußern
sie sich zunaͤchst recht verschieden, haben einen verschieden formalen Charakter.
Dieser tritt allerdings erst zu Tage, wenn das Recht aufgezeichnet und besonderen
Organen zur Handhabung übergeben wird. So lange das Recht nicht aufgezeichnet ist,
bleibt die Grenze zwischen Sitte und Recht eine fließende. Auch die älteren Aufzeich—
nungen, wie z. B. die Weistümer der bäuerlichen Gemeinden, die Zunjtstatute, die
Hofordnungen des 15. und 16. Jahrhunderts enthalten noch neben dem Recht mancherlei
Regeln der Sitte. Aber mehr und mehr muß die Trennung Platz greifen. Die schrift—
liche Fixierung der Sitte ist nicht Bedürfnis, ist oft sehr schwierig oder gar nicht möglich;
fie muß in freiem Fluffe sich überall verschieden gestalten können, während das Recht
die wichtigsten Regeln für weitere Kreise, ganze Städte und Staaten immer mehr
klar, genau, für jeden verständlich verzeichnen soll; es entstehen die Rechtsbücher und
Gesetze, es bildet sich jenes positive Recht, das nach geographischer Ausdehnung, nach
        <pb n="66" />
        34 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Einheit im Staate, nach logischer Durchbildung, nach der Herrschaft allgemeiner Ge—
danken strebt. Die Entstehung einer absfichtlichen Gesetzgebuͤng durch Volksbeschlüffe,
Königsbefehle, zuletzt durch einen besonderen komplizierten staatlichen Apparat, der auf
zenau bestimmtem Zusammenwirken verschiedener Organe beruht, ist der wichtigsie Schritt
in der Loslösung des Rechtes von der Sitte, in der Erhebung bestimmtet Regeln des
socialen Zusammenlebens zu einer höheren Würde, Bedeutung und Wirksamkeit. Mit
dem Gesetzesrecht beginnt die absichtliche Regulierung des socialen Lebens durch das seiner
Kraft und seiner fittlichen Macht bewußt gewordene Recht. Freilich will auch das Gesetz
oft nur Bestehendes genauer fixieren und durchführen, aber ebenso oft will es Neues
anordnen, will es für die Mehrzahl einführen, was nur wenige bisher gethan. Erst
das bewußte Gesetzesrecht kann die reale gesellschaftliche Welt als Willensmacht nach
gewissen Idealen gestalten. Je kühner es freilich vordringt, desto zweifelhafter ist es,
ob die neue Regel sich behauptet, in die Sitten übergeht, ob die hinter dem Rechi
stehende Macht allen Widerstand brechen kann.
Das Recht auf dieser Kulturstufe können wir definieren als denjenigen Teil der
auf das äußere sociale Leben gerichteten sittlichen Lebensordnung, welcher zur Macht
geworden, auf die politische Gewalt des Staates gestützt, durch Feststellung der Grenz⸗
verhältnifse des gesellschaftlichen Lebens und durch Vorschriften über das Zusammen⸗
wirken zu gemeinsamem Zwecke die wichtigste Vorbedingung für einen friedlichen und
gesitteten, fortschreitenden Kulturzustand schaffen will. Dieses Recht muß die älteren
Formen, die Symbole, die poetische Sprache abgestreift haben; sein Zweck ist, daß stets
der gleiche Satz auf den gleichen Fall angewandt werde. Dazu bedarsf es der verstandes⸗
mäßigen, logischen Durchbildung, der Ordnung, der sprachlichen Präcisierung, der
zesicherten Überlieferung, der wissenschaftlichen Behandlung, der Zurückführung auf
oberste Principien. Es muß die Anwendung des beftehenden Rechtes durch Richter und
Behörden sich trennen von der Neuschaffung des Rechtes durch die Staatsgewalt. Es
nuß alles Willkürliche aus den Rechtsentscheidungen weichen. Der Einfluß der Mäch—
tigen und der oberen Klassen soll durch Gerichtsorganisation und Offentlichkeit möglichst
beschränkt werden. Die Sicherheit der gerechten, gleichförmigen Anwendung des Rechtes
bleibt das oberste Ziel. Deshalb sind fur alles seste, klare, formale Vorschriften nötig.
Feste Termine über Fristen, Verjährung, Altersgrenzen werden notwendig, auch wenn
sie im einzelnen Fall oft nicht passen, weil sie allein gerechte, immer gleiche Anwendung
garantieren. Die feste Form des Rechtes muß oft über die Sache, über die materielle
Gerechtigkeit gestellt werden, weil sie allein die gleiche Durchführung garantiert. Und
so sehr man sich bemüht hat, die Maßstäbe, die das Recht anwendet, zu verfeinern, es
Zweden und Verhältnissen anzupassen, auf die es sich früher nicht erstreckte, wie z. B.
auf die Gewalthandkungen der Staatsbehörden, es muß feiner Natur nach ein sprödes,
starres System von Lebensregeln bleiben, die, auf den Durchschnitt gegründet, immer
nach rechts und links hin leicht unpassend werden; das formale Recht muß dem
Leben oft Zwang anthun, es kann nicht alle Forderungen der Sittlichkeit durch⸗
ühren, es muß, auf falsche Gebiete angewandt, ein Prokrustesbett bilden, das Wunden
schlägt. Der zu komplizierte Rechtssatz wird leicht, weil er Gefahr leidet, ungleich
angewandt zu werden, zur harten Ungerechtigkeit. Auch dadurch, daß das positive Recht
dem Flusse steter Umbildung und Anpassung an neue reale Verhältnisse mehr entzogen
ist als Sitte und Moral, muß die Anwenduͤng oft als Härte erscheinen. Geschaffen als
Grenzwälle, um Streit zu vermeiden, geben die Rechtssätze Individuen und Gemein—
schaften hinter ihrem Wall einen freieren Spielraum des Handelns und Wirkens in dem
Maße, als sie die Übergriffe über die Grenze verbieten und hindern; eben dadurch aber
liegt es in ihrer Natur, daß sie einerseits die individuelle Ausbildung, die perfönliche
Freiheit, die freie Bewegung des einzelnen auf dem Boden seines Eigentums, seiner
Sonderrechte fördern, andererseits aber auch zu moralischem Unrecht Anlaß geben; sie
erteilen in der Hauptsache immer mehr Befugnisse, als daß sie Pflichten auferlegen.
Die Moral betont die Pflicht in erster Linie, das Recht kaun seiner Natur nach nur
die gröbsten Pflichten erzwingen, im übrigen betont es die freie Thätigkeit des einzelnen,
        <pb n="67" />
        Die formale Natur des Rechtes und seine Grenzen. 55

der Gruppen, der Staaten innerhalb des Rechtes und giebt so dem Egoismus und der
Femeinheit, der Korruption und Entartung in Zeiten sinkender Moral und Sitte
freieren Spielraum.
Dem Recht gegenüber bleibt alle Sitte formlos und schwankend, sie ist unter
Umständen leicht im Fluß begriffen, oft aber auch äußerst zähe und konservativ; sie
ist leicht an jedem Orte, in jedem Stande wieder eine andere; unaufgezeichnet hat sie
keinen strengen Exekutor hinter sich, wie das Recht. Die älteren Pressionsmittel der Sitte,
wensorische, uͤrchliche und sociale Achtungen kommen eher ab, werden teilweise verboten.
Die Sille verliert so an Kraft und Erzwingbarkeit in eben dem Maße, wie das Recht
diese Eigenschaften immer mehr gewinnt. Aber dafür greift sie in alle Gebiete ein, wo
das Recht mit feinem schwerfälligen Apparate nicht hindringen kann. Sitte und Recht
ind beide Regeln für das äußere Leben; sie stehen beide als ein AÄußerliches der Moral
ind der Sitllichkeit als einem Inneren gegenüber. Aber beide haben, wie jene, ihre
letzten Wurzeln im sittlichen Urteil und bezwecken beide, wie jene, die gute, die normale
Ordnung der Gesellschaft. Sie können aber beide mit der Moral und unter sich in
Widerspruch kominen, weil sie noch am Alten kleben, während das feinere sittliche Urteil
schon ein anderes geworden, weil sie je mit eigenen Organen verschieden rasch, verschieden
vonsequent sich ausbilden. Daher kann die Sitte und das Recht mit den sittlichen
Befühlen und Urteilen einzelner Kreife, ja der Besten eines Volkes zeitweise in Wider—
jpruch kommen.
Im Verhältnis zum Recht bleibt die Sitte der Untergrund, auf dem jenes erwächst;
oft will die kühnste Reformgesetzgebung nur erzwingen, was in den Kreisen einer Elite
schon Sitte geworden. Die deutschen Genossenschaften waren längst durch Ubung und
Sitte eingelebt, als ein Gesetz ihnen den Stempel des Rechtes aufdrückte. Aber aus den
angeführten formellen Gründen kann doch entfernt nicht alle Sitte in Recht umgewandelt
werden: Daher ist das Gebiet der Sitte ein unendlich viel umfangreicheres als das
des Rechtes. Auf die meisten Gebiete materiellen Handelus erstreckt fich sowohl Sitte
als Recht: Ehe, Familienleben, Geschäftsverkehr, Wirtschaftsorganisationen, Geselligkeit,
politisches Leben haben ihre Sitten und ihr Recht. Aber das Recht ordnet dabei nur
das Wichtigste, das für Staat und Gesellschaft Unentbehrliche, die Sitte erfaßt das
Ganze, aber in loserer Weise. Die Sitte ordnet z. B. alle unsere Kleidung; die des
Richters, des Geistlichen, des Offiziers ist durch rechtliche Vorschriften bestimmt. Die
Sitle beherrscht alles Familienleben, aber das Recht bestimmt, daß der Vater seine
Kinder zur Schule schicke, daß die Frau ihm gehorche, daß die Kinder unter bestimmten
Bedingungen die alten Eltern ernähren müssen. Die Sitte entsteht überall von selbst,
wo eine Regel Bedürfnis ist, das Recht nur da, wo häufige Streitigkeiten und das
schwierigere Zusammenwirken vieler zu höheren socialen und staatlichen Zwecken eine
testere, klare Regel fordern, wo es lohnt, seinen viel schwerfälligeren Apparat anzuwenden,
ind es ist daher natürlich, daß alle kleineren, unerheblicheren Vorkommnisse des indivi—
zuellen Alltagslebens, des gesellschaftlichen Verkehrs, die meisten Teile des gewöhnlichen
wirtschaftlichen Lebens nur von der Sitte geregelt sind.
Je vollendeter Sille und Recht sind, desto mehr stimmen sie mit den sittlichen
Idealen überein, desto mehr machen sie die Forderungen der Gerechtigkeit wahr. Aber
e ist zu vergessen, daß seiner Natur nach das positive Recht sich diesem Ziele nur
langsam nähern, daß es auch entartet, veraltet, gefälscht sein kann. Dann gilt das
Wort des heiligen AÄugustin: quid civitates remota justitia quam magna latrocinia.
28. Die KEntstehung der Moral neben und über Sitte und Recht.
Indem man begann, die in Spruch und Lied, in gereimter und ungereimter Form
uͤberlieferten socialen Normen zu sammeln, zu vergleichen, zu interpretieren, ergab sich
das Bedürfnis, sie gewissen obersten Vorstellungen von der Welt, von den Göttern,
vom Menschenschicksal unterzuordnen; die Regeln erschienen nun als Gebote der Gottheit,
herbunden durch kosmogonische Vorstellungen, die man erklärte, ausdeutete. Es ergaben
sich so einheitliche religiöse Lehrsysteme, die die ersten Versuche rationaler Erklärung
Nes Selenden ebenso enthalten, wie sie die Lenkung alles Handelns zum Guten beawecken:
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        56 Einleitung. Begriff. Psychologische und fittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

es handelt sich um einen Glauben, der die Zweifel beruhigt, das Gemüt beherrscht,
der das Gute finden lehrt, der ein klares und deutliches Sollen vorschreibt. Alle ältere
Moral wird so als das logische Resultat eines religiösen Glaubenssystems erfaßt; sie
fällt mit Sitte und Recht noch ganz oder teilweise zusammen. Man ist sich, wie wir
oben sahen, lange über den Gegensatz von Sünde, Ritualvorschrift, Sitte und Recht
nicht klar. Aber immer zielt die priesterliche Moral schon auf etwas anderes als Sille
und Recht. Die äußeren Satzungen der Priester mögen noch auf Befestigung der gesell⸗
schaftlichen Verfassung gerichtet sein; die Spekulation über den Willen der Gottheit
führt zur Erörterung des inneren Seelenlebens der Menschen. Zumal die höheren
Religionssysteme erkennen mehr und mehr die Bedeutung der sittlichen Gesinnung für
das Leben und die Handlungen. Das zusammenhängende einheitliche Nachdenken über
die Ursachen, warum wir gut handeln sollen, über die sittlichen Gefühle, Urteile, Hand⸗
lungen erzeugt die Moral, d. h. einheitliche Lehrgebäude, welche das Gute begreifen,
darstellen und lehren wollen, welche aus einheitlichen Grundgedanken und Principien
die sittlichen Pflichten, Tugenden und Güter ableiten wollen. Die Moral, das Moral—
ystem ist so stets im Gegensatz zu Sitte und Recht ein theoretisches und prattisches
Ganzes; sie will Regeln und Gebote für alles Leben geben, aber sie formuliert sie nicht
jest und klar, wie Sitte und Recht. Und sie will nicht bloß das äußere Leben regulieren,
sondern auch das innere in die rechte Verfafssung setzen. Sie will das Gute' an sich
lehren, sie will überreden, überzeugen, sie will die sittlichen Kräfte schaffen, aus denen
Sitte und Recht selbst als abgeleitete Erscheinungen hervorsprießen.
So lange in einem socialen Körper Kirche und Staat zusammenfallen, eine ein—
heitliche Kirchenlehre alles innere und äußere Leben beherrscht, giebt es nur die eine
kirchliche Moral, die eventuell mit Zwang und Gewalt ihre Gebote durchfetzt, ihren
Blauben und ihre Lehrsätze jedem aufdringt. So ist es in den muhamedanischen Staaten
noch heute; wie es dort noch kein weltliches Recht neben dem Koran giebt, so giebt es
auch noch keine selbständige weltliche Moral. Das Christentum hat einen fertigen Staat
vorgefunden, ihn der Kirche zeitweise untergeordnet, ihn mit seinen Säften und An—
schauungen ganz erfüllt, aber die beiden Organisationen Staat und Kirche blieben doch
stets getrennt. Neben der kirchlichen erhielt sich die philosophische Tradition des Alter,
tums. Das Recht und die Sitte der germanischen Völker waren niemals bloß kirchlich;
ein weltliches Recht blieb neben dem kirchlichen bestehen. Eine philosophische Moral—
spekulation verknüpfte sich im Mittelalter mit der kirchlichen, machte sich aber mit der
Renaissance der Wissenschaften vom 16. —18. Jahrhundert an von ihr los. Die Kämpfe
innerhalb der Kirche erzeugten eine katholische, eine protestantische, eine Sektenmoral.
Reben ihnen bildeten sich seit dem 17. Jahrhundert die weltlichen philosophischen Moral—
systeme. Und so können wir heute sagen, jede Kirche habe heute ihre Moral, wie jede
philosophische Schule; wir können beifügen, die Moral jedes Volkes, jedes Standes habe
ihre eigenen Züge. Ein kräftiges, selbständiges Leben hat jedes Moralsystem in dem
Maße, wie es eine Litteratur und Prefse erzeugt, in Wissenschaft, Kunst und Schule
besonderen Ausdruck gewinnt, in Geistlichen, Vhilosophen, Dichtern und Schriftstellern
besondere Träger erhält.
Die selbständige Entwickelung der Moral gegenüber Sitte und Recht hat einerseits
in den verschiedenen persönlichen Trägern, in den verschiedenen Spitzen der betreffenden
Bewußtseinskreise, andererseits in verschiedener formaler Beschaffenheit, in den verschiedenen
Zwecken ihren Grund. Sitte und Recht sind Regeln des äußeren Lebens, die Moral
umfaßt äußeres und inneres Leben, alles menschliche Handeln und alle Gesinnung.
Sitte und Recht sind in bestimmten Geboten und Verboten fixiert; die Moral wendet
sich ohne feste Formeln und Sätze an die Wurzel des Handelns, sie will die Seele zum
richtigen Handeln fähig machen, das Gewissen schärfen. Ihr Höhepunkt ist die freie
Sittlichkeit, die ohne Bindung an schablonenhafte Regeln sicher ist, aus sich heraus
überall das Gute und Edle zu' thun. Die Moral leuchtet als führende Fackel der Sitte
und dem Recht, die ihr gar oft nur zögernd folgen, voran; sie fordert Gesinnungen
aund Thaten, denen oftmals nur die Sitte der Besten enispricht die zu einem großen
        <pb n="69" />
        Die Moral im Verhältnis zu Sitte und Recht. 57

Teil vom Rechte nicht verlangt werden können. Die Sitte hat in der öffentlichen Meinung,
in der Ehre, im Klatsch der Nachbarn, das Recht in der Staatsgewalt, die Moral haupt—
sächlich im Gewissen ihren Exekutor. Die Moral ist ein unendlich feineres, verzweigteres
Gewebe als Sitte und Recht; aber sie hat keine anderen Mittel, zur Geltung zu
kommen, als Überredung und Uberzeugung.
Die jeweilig in einem Volke herrschenden und zu Tage tretenden theoretischen und
praktischen Moralsysteme sind der prägnanteste Ausdruck der in ihm herrschenden sitt—
lichen Kräfte; Sitte und Recht sind nur ein Ausdruck von Teilen derselben, und zwar
oft mehr ein Ausdruck für die Beschaffenheit dieser Kräfte in vergangener Zeit. Niemals
aber können Moral, Sitte und Recht eines Volkes in zu schroffen, zu weiten Gegensatz
untereinander treten, weil alle drei ein Ergebnis der herrschenden sittlichen Gefühle und
Urteile sind. Die Moral beherrscht Sitte und Recht oder sucht sie zu beherrschen; jene
ist das Allgemeine, diese sind das Besondere. Wo die Moral des Volkes eine gesunde ist,
da ist auf eine Besserung von Sitte und Recht auch stets noch zu hoffen. Wo auch die
Moral vergiftet ist, da steht es schlimm. Nur darf man nicht verzagen, wenn in ein—
zelnen Klassen eine einseitige und falsche Klassenmoral sich breit macht, wenn in einzelnen
philosophischen Schriststellern und Künstlern eine verkehrte Moral zu Tage tritt. Die
freie geiftig-sittliche Entwickelung kann nicht ohne solche Symptome, zumal in den Zeiten
großer Gärung und Umbildung, sich vollziehen.
29. Die Bedeutung der Differenzierung von Sitte, Recht und
Moral. Indem die höheren Kulturvölker diese Scheidung der sittlichen Lebensordnung
in drei Gebiete vollzogen haben, die unter sich aufs engste verwandt, doch selbständig
nebeneinander stehen, aufeinander wirken, sich korrigieren, verschiedene Teile des gesell—
schaftlichen Lebens verschieden binden und ordnen, haben sie einen der größten Fortschritte
der Geschichte vollzogen. Nur die Trennung der sittlichen Regeln in Moral, Sitte und
Recht erklärt die moderne Freiheit der Individuen einerseits und die Festigkeit unserer
heutigen Kulturstaaten andererseits. Es ist eine Arbeitsteilung, welche den Zweck zu
verfolgen scheint, einen Teil der socialen Lebensordnung immer fester, härter, unerbitt—
licher, einen anderen immer elastischer, freier, entwickelungsfühiger zu machen.
Nur das Recht verbindet sich mit der Macht und dem staatlichen Zwang; es wird
das feste Rückgrat des socialen Körpers; durch die Sicherheit und Kraft seiner Wirkung
allein werden große Staaten und große Wirkungen in ihnen möglich. Bis zur Härte
steigert sich seine Kraft; der einzelne wird unbarmherzig von dieser starren Maschine
auf die Seite geworfen, zermalmt, wenn er widerstrebt und sich mit dem Gange derselben
nicht eins weiß oder sich nicht fügt. Aber dieser ungeheuere Zuwachs an Kraft und Wirk—
samkeit, an einheitlichen Resultaten ist nur möglich durch Beschränkung auf das Wichtigste.
Man hat das Recht ein ethisches Minimum genannt (Jellinek); das ist es, verglichen mit
dem materiellen Umfang der sittlichen Lebensordnung überhaupt; aber es ist andererseits
ein ethisches Maximum, nämlich an Kraft, an Wirksamkeit, an Resultaten.
In der Beschränkung der stets starren Rechtsregeln auf das gesellschaftlich Not—
wendigste liegt die Möglichkeit aller individuellen Entwickelung, aller persönlichen Frei—
heit. Beide sehlen in den älteren Staaten mit ungeschiedenen, unerbittlichen Sitten und
Rechtsregeln. Indem bei höherer Kultur die Sittenregel elastischer, ihre Exekution schwächer
wird, die Moralregel nur noch den Exekutor des eigenen Gewissens hat, entsteht erst die
Möglichkeit vielgestaltiger, eigenartiger Entwickelung, die Möglichkeit, daß neue Ideen
rascher zur Wirksamkeil gelangen, daß die Kritik das Veraltete tadelt, daß Neues in
größerem Umfange versucht wird. Dem Princip der fortschreitenden Entwickelung ist
damit die Bahn eröffnet, und doch ist für die Menge nirgends die Regellosigkeit und die
Willkür statuiert. Es sind nur gewisse Teile der Lebensordnung weicher, bildsamer ge—
macht, es sind die Thüren aufgemacht für Ausnahmen und Besonderheiten. Es ist durch
die höhere und feinere Ausbildung von Sitte und Moral eine unendliche Vielgestaltigteit
zugelassen, die, für das Recht statuiert, den socialen Körper erdrücken würde.
Auf niedriger Kulturstufe straft und tötet, verbrennt und rädert mian die Menschen
wegen verschiedener Ansichten, man peinigt sie bis aufs Blut wegen Übertretung kirch⸗
        <pb n="70" />
        58 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

licher Ritualvorschriften, man straft auf den polynesischen Inseln den, welcher die dem
Fürsten vorbehaltenen Speisen berührt, aufs unerbittlichste. Und Derartiges war und ist
notwendig, so lange Recht, Moral und Sitte nicht geschieden sind. Erst unsere sefsi—
zefügte staatliche Justiz einerseits, die große geiftige Kraft unserer Sitte wie unserer
ausgebildeten Religions- und Moralsysteme andererseits haben es gestattet, den Rechts—
und Strafapparat von Kirche und innerer Überzeugung so weit zu entfernen, daß wir
uns darauf beschränken, nur einzelne ganz besondere Ausschreitungen auf diesen Gebieten
durch Preß- und Strafrecht zu verbieten. Nur diese Entwickelung ermöglicht es uns,
eine Freiheit der Wisfsenschaft, der Presse, des häuslichen Lebens, der Geselligkeit, des
Konsums, der Wirtschaft zu gestatten, die früher undenkbar war.
Damit ist eine Reihe schiefer Vorstellungen widerlegt, die bis in die neuere Zeit
in den Staatswissenschaften, zumal in der Nationalökonomie, ihr Wesen trieben.
Die schiefe Theorie von einer natürlichen Gesellschaft und einer natürlichen Volks—
wirtschaft, wie sie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entstand, beruhte
auf einer Verkennung oder Ignorierung der Thatsache, daß alle unsere Handlungen von
Moral, Sitte und Recht beeinflußt sind. Man leitete das gefellschaftliche und wirtschaft⸗
liche Leben aus sogenannten freien, natürlichen Trieben ab; man nahm an, diesen sei nur auf
einigen bestimmten und beschränkten Punklen durch das Recht ein Zügel angelegt. Im
übrigen erschien das möglichst freie Spiel dieser Triebe als das gesellschaftliche Ideal;
iie follten sich in möglichst freiem Kampfe bethätigen. Daß sie doch ein glückliches Gesamt—
ergebnis herbeiführen, leitete man aus einer prästabilierten Harmonie ab. Die unbedingte,
uneingeschränkte politische, wirtschaftliche und jonstige individuelle Freiheit erschien als
der Ausdruck dieser Lehre. Je unbeschränkter der Erwerbstrieb walte, desto gesünder fei
die Volkswirtschaft. Die Satire aller Moral, eine brutale Ellbogenmoral der Starken,
blieb bei dieser Auffassung vom Sittlichen übrig.
J Wir können in einer solchen Auffassung nur eine Summe von Irrtümern und
Ubertreibungen sehen, die freilich wohl historisch erklärbar sind. Man hatte 1750 - 1850,
in einer Zeit der größten technischen, wirtschaftlichen und socialen Umbildungen, vor
allem das Bedürfnis, veraltete sittliche Lebensordnungen zu beseitigen, veraltete Sitten
und Rechtsinstitutionen über Bord zu werfen. Man sah in diesem Kampfe eine Rückkehr
zum Natürlichen und Gerechten und mußte dabei dem freien Triebleben zeitweise sehr
großen Spielraum gönnen. Aber der ganze Umschwung vollzog sich doch unter Leitung
sittlicher Ideen, neuer Moralsysteme, und das letzte Resultat waren überall neue Sitten
und neue Rechtsinstitutionen. Die Frage der wirtschaftlichen und politischen Freiheit
var hier und ist stets nur die Frage der richtigen Grenzregulierung zwischen Sitte,
Recht und Moral. Wenn ich im Krämerladen zusehe, wie ein armes, altes Mütterchen
durch schlechten, gefärbten Kaffee betrogen wird, während vielleicht die vornehme Dame
gute Ware zu solidem Preise erhält, dann frage ich, ist unsere heutige Moral so ge⸗
unken? ist die Sitte der anständigen Geschäftsleute durch eine Übermacht der Konkurrenz
ins Wanken geraten? Ich frage weiter, ist nicht eine Strafklausel in einem Lebens—
nittelfälschungsgesetz vorhanden oder zu schaffen, die solches hindert? ist es wahr⸗
scheinlich, daß sie Besserung schafft, daß sie gerecht und allgemein durchgeführt wird?
Der Vernünftige, der heute für freie Konkuͤrrenz, für Beseitigung dieser oder jener
Rechtsschranken eintritt, der daraus eine Belebung des Selbstbewußtseins, eine Stärkung
der Selbstverantwortlichkeit, sowie aller individuellen Kräfte ableitet, rechtfertigt dies
in der Regel nicht damit, daß die Willkür, der Egoismus, das schrankenlose Triebleben
herrschen soll, sondern damit, daß er nachweist, die Moral und die gute Sitte werde von
elbst vordringen, die Rechtsregel sei zu schablonenhaft, schade da und dort, die freie
Umbildung reiche aus, sei vorzuziehen, weil die inneren sittlichen Kräfte genügten.
— Der historische Entwickelungsprozeß in Bezug auf diese Fragen wird sich weder in
dem Schlagwort des älteren Liberalismus zusammenfassen lassen, die Freiheit erringe
sich notwendig ein stets zunehmendes Gebiet, noch in die Formel von Lafsalle und
Rodbertus, alle höhere Kultur sei sortschreitende Rechtsregulierung und Einschränkung
der perfönlichen Freiheit.
        <pb n="71" />
        Das Wesen der wirtschaftlichen Freiheit.

59

Die Gesamtheit der Regulative von Moral, Sitte und Recht muß in gewissem
Sinne zunehmen, sofern die gesellschaftlichen Körper komplizierter werden, die Menschen
dichter wohnen, die Interessenkonflikte wachsen. Aber je mehr die Menschen sich innerlich
vervollkommnen, desto weniger empfinden fie auch die normalen Regulative als Hemmnis
und Schranke. In der großen Scheidung zwischen dem harten Zwang des Rechtes und
der leisen Nötigung durch Sitte und Moral liegt der wichtigste Schlüssel für das Ver—
tändnis des Fortschrittes. Das Recht kann sich vom inneren geistigen Leben, auch von
bielen wirtschaftlichen Vorgängen in dem Maße zurückziehen, wie jene kräftiger wirken.
—
bloß in Zeiten der sinkenden Kultur und der Auflosung, welche die gesetzgeberische
Maschinerie übermäßig in Anspruch zu nehmen pflegen. Auch alle Epochen großer und
sortschreitender Neubildung sind regelmäßig zugleich Zeiten umfangreicher, specialisierter
Gesetzgebung und Ausdehnung des Rechtes und des staatlichen Zwanges auf mancherlei
Bebikte. Ost kann man denselben freilich nach einigen Jahrzehnten wieder fallen lassen,
weil nun in der Hauptsache von selbst geschieht, was man früher erzwingen mußte.
Diejenigen, welche im zeitweisen Vordringen oder Zurückweichen des Rechtes und des
staatlichen Zwanges das wesentliche Symptom des Auf- und Niederganges der Völker
oder ihrer Wirtschaft sehen, beweisen ein geringes Maß historischer Kenntnisse, sie haften
an formalen AÄußerlichkeiten. Der Fortschritt der Völker liegt darin, daß die Gesamt—
heit ihrer Regulative sich formell und materiell bessere, und daß mit deren Hülfe die Menschen
besser erzogen, geistig und körperlich auf höhere Stufen gehoben werden. Ob dabei
zeilweise das positive Recht eine größere oder kleinere Rolle spiele, ob zeitweise die
Aktion der staatlichen Zwangsgewalt eine stärkere sei oder die freie Bewegung der Volks—
kräfte, das hängt von den jeweilig im Vordergrunde stehenden Aufgaben und davon
ab, wo im Augenblicke mehr Verstand, Kenntnisse und sittliche Kraft sei, — im Centrum
des Staates, in der Regierung, oder in der Peripherie, in den freien gesellschaftlichen
Kräften.

). Der allgemeine Zusammenhang zwischen volkswirtschaftlichem und sittlichem
eben.

Zu 30, 31 u. 38 siehe die Litteratur der letzten Abschnitte. Außerdem: J. St. Mill, Ge—
sammelte Werke. Deutsch 1860 ff.; hauptsächlich das Nützlichkeitsprincip in Bd. J. Aug, Comte und
* Sentiginun go— Kroͤh'n, Beitraͤge zur Kenninis und Würdigung der Sociodlogie. J. f.
RN. 2. F. U.
R. d. Mohl, Die Staatswissenschaften und die Gefellschaftswissenschaften in: Gesch. u. Litt.
der Staatswifs. 1, 1855, S. 67-110. — v. Treitschke, Die Gesellschaftswissenschaft. 1859.
Schmoller, Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft. J. f. G.V. 1880 u. Soc.« u. Gew.⸗P.
— Rümelrn, Über die Idee der Gerechtigkeit. R.A. Bd. 2. 1881.
Zu 832: Darwin, Die Abstammuͤng des Menschen. Deutsch 1871. — Knapp, Darwin und
die Sockalwissenschaften. J. f. N. 1. F. 18, 1872. — Fick, Einfluß der Naturwissenschaft auf
das Recht. Daselbst. — Schäffle, Dex kollektive Kampf ums Dasein; zum Darwinismus vom
Standpunkt dex Gejsellschaftslehre. 8. f. St.W. 1876 u. 79. — Ders. Bau und Leben des socialen
Körpers. Bd. 2, 1878. — Haecckel, Freje Wissenschaft und freie Lehre. 1878. — O. Schmidt,
Darwinismus und Socialdemokratie.“ 1878. — Gumplowicz, Der Rassenkampf. 1888. —
Ammon, Der Tarwinismus gegen die Socialdemokratie. 1801. — Derß, Die Gesellschafts⸗
ordnung und ihre natürlichen Grundlagen. 1895. — H. E. Ziegler, Die Naturpissenschaft und
die socialdemokratische Theorie. 1894. — B. Kidd, Sociale Evolution. Deutsche Übers. 1895. —
Plötßß, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schuß der Schwachen. 1895. — Thomas H. Huxley,
Sociale Essays. Deutsch 1899.

30. Natürliche und sittliche Kräfte. Man kann die Volkswirtschaft als
ein System natürlicher, wie als ein System sittlicher Kräfte betrachten; sie ist beides
zugleich, je nach dem Standpunkte der Betrachtung.
Blicke ich auf die handelnden Menschen, ihre Triebe, ihre Zahl, auf die Schähe
des Bodens, bie Kapital- und Warenvorräte, die technischen Fertigkeiten, die Wirkung
von Angebot und Nachfrage, den Austausch der in bestimmter Menge vorhandenen Dienste
und Waͤren, so sehe ich einen Prozeß ineinander greifender natürlich-technischer Kräfte,
        <pb n="72" />
        350 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

ich sehe Kraftwirkungen, die von Größenverhältnissen abhängig sind, die ich teilweise
messen kann; ich sehe Resultate, die das Ergebnis von Krastproben und Machtkämpfen
find, die bis auf einen gewissen Grad wenigstens mechanischer Betrachtung unterliegen
können. Ich sehe natürlich-technische und physiologische Vorgänge, die, jeder für sich
isoliert betrachtet, gar nicht als sittlich oder unfittlich, sondern nur als nützlich, geschickt,
zweckmäßig, normal oder als das Gegenteil bezeichnei werden können. Wir verden im
folgenden Grundrisse die natürlichen Kräfte und Größenverhältnisse der Volkswirtschaft,
den Einfluß von Natur und Technik, das Spiel von Angebot und Nachfrage, die mecha—
nische Wirksamkeit der Kräfte, foweit sie irgend faßbar ist, darzustellen suüchen.
Alle oder die meisten dieser Kraftäußerungen, soweit sie menschliches Handeln be—
kreffen, gehen nun aber zurück auf nicht bloß natürliche, sondern durch die geistige und
moralische Entwickelung umgestaltete Gefühle, auf ethisierte Triebe, auf ein geordnetes
Zusammenwirken natürlicher und höherer, d. h. wesentlich auch sittlicher Gefühle, auf
Tugenden und Gewohnheiten, welche aus dem sittlichen Gemeinschaftsleben entspringen.
Alle diese Kräfte sind bedingt durch die pfychischen Massenzusammenhänge, durch sittliche
— Willensimpulse, durch Moral,
Sitte und Recht, durch Religion und sittliche Leitideen oder Ideale. Das wirtschaftliche
Handeln ist also zwar nach seiner Naturseite ein technisch zweckmäßiges oder unzweck—
mäßiges und deshalb sittlich indifferentes, aber nach seinem Zusammenhang mit den
zanzen seelischen Kräften und der Gesellschaft ein sittlich normales oder anormales,
d. h. ein dem sittlichen Urteil unterliegendes und dadurch beeinflußtes. Natürliche
technische und fittliche Zweckmäßigkeit können sich unter Umständen in der einzelnen
Handlung wohl trennen, im Zusammenhang des menschlichen Handelns überhaupt sind
iie immer in loserer oder engerer Wechselwirkung; sie sind nur die unteren und oberen
Sprossen derselben Leiter. Das Wesen des Sittlichen besteht eben, wie wir schon sahen,
in dem nie ruhenden Prozeß, der die niedrigen Gefühle den höheren unterordnet, der
die Körper- und Geisteskräfte in einheitliche Harmonie bringen, die menschlichen Lebens⸗
zwecke in die richtige Über- und Unterordnung, die einzelnen Menschen den Zwecken
und Einrichtungen der Gesellschaft einsfügen und immer das Niedrige in den Dienst des
Höheren bringen will. In jedem zusammenhängenden Ganzen (und' das ist jeder Mensch
und jede Gesellschaft) haben die Teile nie ein ganz selbständiges Leben; jeder hängt vom
anderen ab, kann nur richtig funktionieren, wenn die Nachbarn und daß Ganze gefsund
find, wenn alle Teile richtig ineinander greifen, in richtiger Neben⸗-, Unter⸗- und über—
ordnung sind. Das Sittliche will diese Ordnung im Judividuum und in der Gesellschaft
herbeiführen, die einzelnen erziehen, die sympathischen Gefühle ausbilden, das rechte
gesellschaftliche Zusammenwirken herbeiführen. Und die Kräfte, welche im Individuum
und der Gesellschaft dahin wirken, nennen wir die sittlichen, obwohl sie ihre natürliche
Unterlage haben, mit natürlich-technischen Mitteln wirken, durch den natürlich⸗technischen
Mechanismus der Volkswirtschaft bedingt sind. Sie find es, welche die Triebe zu
Tugenden, die Menschen zu Charakteren, die Gesellschaften zu harmonisch und geordnet
wirkenden Gesamtkräften machen. Und die Volkswirtschaft sollte dieser Kräfte entraten
können?
Schäffle führt aus, das Ideal socialer Mechanik sei die Zusammenordnung zahl—⸗
reicher menschlicher Kräfte in der Art, daß die Bewegungen jeder einzelnen mit einem
Minimum von Verlust an eigener Kraft und unter min maler Störung aller anderen
Bewegungen stattfinde; es musse eben durch Moral, Sitte und Recht eine Koordination
der Kräfte eintreten; das Gaußsche Grundprincip der Mechanik gelte so auch für die
Gesellschaft. Durch die Sprache, die Nachahmung, die Erziehung, die gegenseitige An—
passung, die Herrschaft der sittlichen Ideen und Einrichtungen entsteht eben die Moglich—
keit gesellschaftlich garmonischen Zusammenwirkens; alle sittlichen Kräfte find auf dieses
Ziel hingerichtet; auch das wirtschaftliche Zusammenwirken der Menschen in jeder Familie,
jeder Unternehmung, auf jedem Markte, in jeder Gemeinde ist so von dieser koordi—
nierenden sittlichen Arbeit abhängig. Und ebenso das Zusammenwirken von heute auf
morgen, von verschiedenen Generationen, die sich folgen.
        <pb n="73" />
        Natürliche und sittliche Kräfte; Institutionen und Organe. 61

Indem der Niederschlag aller sittlichen Arbeit vergangener Zeiten durch Gewohn—
heit und Erziehung, durch die bestehenden Institutionen von Generation zu Generation
überliefert wird, kommen alle natürlichen Kräfte der Volkswirtschaft nur innerhalb dieses
Rahmens zur Geltung; bestimmen sie die etwaige Umbildung diefes gesellschaftlichen
Rahmens mit, wirkt z. B. eine neue Technik auch sicher auf eine neue sociale und
sittliche Ordnung der Volkswirtschaft, so wirken ebenso sicher die allgemeinen gefestigten
ethischen Gedanken und Ideale der Sittlichkeit auf die Art, wie die neue Technik sich
zu Gewohnheiten und Institutionen ausprägt. Jede Generation ruht auf dem geistig—
sittlichen Schatze der Vergangenheit. Die Überlieferung dieses Besitzes, wie die Erziehung
jeder jungen Generation und ihre Einschulung in die Sitten und Gepflogenheiten der
Gesellschaft bilden eine der wichtigsten Funktionen der sittlichen Kräfte. Auch die ganze
Volkswirtschaft ist nicht denkbar ohne diesen Erziehungs- und Einübungsprozeß. Die
inder und jungen Leute werden im Interesse ihrer Zukunft und der Gesellschaft durch
Vorbild, Unierricht, Gewöhnung, Strafe und Belohnung angeleitet, ihre natürlichen
Triebe in gesellschaftliche umzuwandeln; sie müssen das ihnen zunächst Unangenehme
mit Mühe erlernen, sich ihm durch Wiederholung anpassen; sie müssen gehorchen und
arbeiten lernen, an Verträglichkeit, Zucht und Ordnung sich gewöhnen, sie müssen Kennt—
nisse und Fertigkeiten erwerben; sie können es, weil die Jugend bildsamer ist als das
Alter, weil jede Handlung Spuren in Geist und Körper zurückläßt, welche die Rückkehr
ins selbe Geleise erleichtern. Ohne diesen Prozeß gäbe es keinen Fortschritt, auch keinen
wirtschaftlichen. Er macht aus dem rohen Spiele natürlicher Kräfte den geordneten Gang
sittlich harmonisierter, zu gesellschaftlichem Zusammenwirken brauchbarer Kräfte.
Wir versuchen diese Wahrheit noch weiter zu beleuchten, indem wir einige Worte
über die gesellschaftlichen Institutionen und Organe, über den- Kampf ums Dasein,
endlich über die Moralsysteme und die sittlichen Leitideen sagen.
31. Die gesellschaftlichen Institutionen und Organe treten uns als
das wichtigste Ergebnis des sittlichen Lebens entgegen. Es sind die Krystallisationen
desselben. Aus den oben geschilderten psychischen Massenzusammenhängen, aus Sitte,
Recht und Moral, aus den täglich sich ergebenden Berührungen, Anziehungen und Ab—
stoßungen, aus den Verträgen und vorübergehenden Ineinanderpassungen ergeben sich
dauernde Formen des gesellschaftlichen Lebens, welche den verschiedenen Zwecken der
Besellschaft, vielleicht am meisten den wirtschaftlichen dienen.
Wir verstehen unter einer politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen Institution
eine partielle, bestimmten Zwecken dienende, zu einer selbständigen Entwickelung gelangte
Ordnung des Gemeinschaftslebens, welche das feste Gefäß für das Handeln von Gene—
rationen, oft von Jahrhunderten und Jahrtausenden abgiebt: das Eigentum, die Sklaverei,
die Leibeigenschaft, die Ehe, die Vormundschaft, das Marktwesen, das Münzwesen, die
Gewerbefreiheit, das sind Beispiele von Institutionen. Es handelt sich bei jeder In—
sttitution um eine Summe von Gewohnheiten und Regeln der Moral, der Sitte und
des Rechtes, die einen gemeinsamen Mittelpunkt oder Zweck haben, unter sich zusammen—
hängen, ein System bilden, eine gemeinsame praktische und theoretische Ausbildung
mpfangen haben, festgewurzelt im Gemeinschaftsleben, als typische Form die lebendigen
Kräfte immer wieder in ihren Bannkreis ziehen. Wir verstehen unter einer Organ bildung
die persönliche Seite der Institution; die Ehe ist die Institution, die Familie ist das
Organ. Die socialen Organe sind die dauernden Formen der Verknüpfung von Personen
und Gütern für bestimmte Zwecke: die Gens, die Familie, die Vereine, die Korporationen,
die Genossenschaften, die Gemeinden, die Unternehmungen, der Staat, das sind die wesent—
lichen Organe des socialen Lebens.
Alle ältere Organbildung geht aus der Geschlechts- und Blutsgemeinschaft hervor:
der Stamm, die Sippe, die Familie sind Organe, die ursprünglich alle Zwecke umfassen,
aus denen durch Scheidung, Ablbsung und Differenzierung ein großer Teil auch aller
späteren Organe hervorgehen. Die dauernden gemeinsamen Zwecke schaffen die Organe.
Je höher die Kultur steigt, desto mannigfaltiger wird ihre Zahl und ihre Gestaltung,
desto häufiger treten neben die gewordenen die gewillkürten Organe; aus tastenden Ver—
        <pb n="74" />
        32 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

suchen gehen dauernde Bildungen hervor. „Zufällige Berührungen und gegenseitige
Hülfeleistungen führen zum Gefühl von Vorteil und Nachteil; nach vielen Wandlungen
stellen sich haltbare Formen des Zusammenlebens fest, in denen, wie in jedem Orga⸗—
nismus, die Bedürfnisse der Teile in Einklang mit den Daseinsbedingungen des Ganzen
gesetzt sind“ (Lotze). Je komplizierter die Gesellschaft wird, desto mehr kann der Mensch
Mitglied einer Reihe der verschiedensten socialen Organe sein, denen er teils auf immer,
teils vorübergehend, teils mit ganzer Hingabe, teils nur mit kleinen Bruchteilen seines
Interesses angehört. Alle diese Organe find entweder mehr Herrschafts- und Abhängigkeits⸗
verhältnifse oder mehr genossenschaftliche Bildungen. In jedem Organe oder Verband
oleibt jedem Individuum eine gewisse Freiheitssphäre. Es handelt sich stets um eine
dauernde, auf einen Zweckzusammenhang gegründete Willensmehrheit mehrerer Personen,
die eine gewisse Struktur und Verfassung hat; die Willen sind in einer bestimmten
Form zum Zusammenwirken verbunden (Dilthey), während sie nach anderer Seite frei
ind; der gemeinsame Zweck bestimmt diese Form, diese Struktur, welche in einer be—
immten historischen Entwickelung nach und nach ihren typischen Charakter erhält.
Die größeren und festeren Organe haben durch ihre rechtlich fixierte Verfassung, durch
die Herstellung einer selbständigen, über den einzelnen stehenden leilenden Spitze ein
dauerndes Leben, wie der Staat und die Korporationen, die Aktiengesellschaften; sie
erhälten sich dadurch, daß sie die im Laufe des Generationswechsels absterbenden oder
sonst ausscheidenden Glieder durch neue, in der verschiedensten Form herangezogene
erfetzen. Die heutigen Familien, auch die meisten Privatunternehmungen, viele Vereine
und Gesellschaften sind Organbildungen, deren einzelne Exemplare im Laufe des Gene—
rationswechsels immer wieder mit Leben und Sterben, mit Ein⸗ und Austritt der
Bründer und Mitglieder erlöschen, um neuen gleichen Bildungen Platz zu machen. Jedes
Organ hat seine leitenden und seine ausführenden Kräfte. Fast alle Menschen befriedigen
einen erheblichen Teil ihrer Bedürfnisse und erfüllen ihre meisten Pflichten nicht als
Individuen, sondern als Glieder bestimmter socialer Organe. Selbst das kleinste Geschäft
einer Wäscherin, eines Packträgers ist angelehnt an eine Familienwirtschaft. Selbst der
Haushalt des Junggesellen ist an eine Familienwohnung angehängt, hat Hülfskräfte
aus einer anderen Familie; sein Essen erhält der Vetreffende in inem Gasthof, seine
Arbeit verrichtet er in irgend einem Geschäftsbureau. Fur die Gesamtheit, ihre Ord⸗
nungen, ihre Leitung kommen so stets ebenso sehr die socialen Organe wie die Individuen
in Betracht.
Die verschiedenen Organe unterscheiden sich vor allem durch die verschiedene Art,
wie Sitte und Recht die einzelnen Individuen zusammenbindet und das Vermögen
beschafft, wie das sociale Organ nach außen als Cinheit, nach innen als gegliederte
VBielheit, mit bestimmten Pflichten, Einsätzen und mit bestimmtem Anteil an den
Erfolgen der Thätigkeit organifiert ist. Auf allen Lebensgebieten zeigt sich eine unendliche
Verschiedenheit der Organe und ein gegenseitiges Sich Stützen und-Helfen verschiedenartiger
Organe von der losesten Privatverbindung bis zum geschlossensten Korporationszwang.
Aber allerdings haben die einzelnen Lebensgebiete ihren Schwerpunkt in gewissen Arten
der Organbildung: das mililärische Leben ist heute überwiegend Staatsorganisation,
während daneben einzelne Vereine für Zwecke der Verwundetenpflege und Derartiges
bestehen; das wirtschaftliche Leben ist heute teils Familien-, teil⸗ Unternehmungs⸗
organisation, reicht aber in wichtigen Punkten in die Korporations- und Staats—
organisation hinein und wird das künftig wahrscheinlich noch mehr thun. Das
kirchliche Leben ist teils Vereins-, teils Korporationsorganisation, das wiffenschaftliche
und künstlerische ist überwiegend individuell persönlich, an Familie und kleine Unter—
nehmungen angelehnt. Jedes Lebensgebiet, das einheitliche Zwecke verfolgt, hat so ein
System von Organen, die ein Ganzes bilden, aber in innigster Verbindung und teilweise
in Parallelentwickelung mit den Organen anderer Gebiete sich ausbilden. Wo auf einem
Bebiete die Organe fehlen, treten die auf anderen Gebieten entstandenen stellvertretend
in die Ldücke. Die Sitten⸗ und Rechtsbildung ist eine einheitliche; dieselben Personen
handeln auf den verschiedenen Gebielen und übertragen die Anschauungen von einem
        <pb n="75" />
        Die Institutionen und Organe; ihre Beurteilung. 63

auf das andere. Ein Volk mit ausgebildetem Vereinsleben überträgt seine Gewohn—
heiten vom politischen auf das wirtschaftliche Gebiet; ein Militärstaat mit schärfster
Centralisation übernimmt auch auf wirtschaftlichem Gebiete Funktionen, die anderswo
der Aktiengesellschaft, dem Vereine, der Kirche anheimfallen.
Es ist das Verdienst Schäffles, die Grundlinien einer allgemeinen Lehre von den
socialen Organen gezeichnet zu haben, nachdem die ganze Entwickelung der Wissenschaften
von Staat und Recht, Gesellschaft und Volkswirtschaft seit den letzten paar Jahr—
hunderten erwachsen war unter einem heftigen Schwanken der Über- und Unterschätzung
der Institutionen und der Organbildung. Die Ansichten in dieser Beziehung gehen
freilich auch heute noch je nach den Partei- und Klasseninteressen, je nach den geschichts—
ohilosophischen Standpunkten auseinander.
Der Merkantilismus und die Kameralistik überschätzten die Möglichkeit, durch Staat,
Gesetz und Fürstenwillen alles neu zu ordnen und zu schaffen; selbst Moral und Recht
galten den ersten Denkern von Hobbes bis auf Friedrich den Großen als Produkte
ftaatlicher Anordnung: die Institutionen galten ihnen deshalb alles, das freie Spiel
der Individuen wenig. Die Aufklärung kehrte die Sätze um, und die liberale Doktrin
hält heute noch an diesem Vorstellungskreis fest: die individuellen Gefühle und Hand—
iungen, das freie Spiel der Verträge, das freie Vereinswesen und der Voluntarismus
werden gegenüber Staat, staatlichen Institutionen, festen und dauernden Organisationen
gerühmt; man fürchtet auf diesem liberalen Standpunkte, wie ihn z. B. Hartenstein in
seiner Ethik vertriti, daß bei jeder dauernden, festen Ausbildung von Institutionen die
einseitigen Interessen der Herrschenden zu sehr zu Worte kommen, daß jede Institution,
auch die zufällig einmal gelungene, rasch veralte, zum Hindernis für weitere Fortschritte
werde. Man beruft sich (Sir S. Maine) darauf, daß die Entwickelung der Gesellschaft
von Statusverhältnissen zu Verträgen führe, d. h. daß in älterer Zeit das Individuum
allseitig durch feste Institutionen gebunden, später durch ein System freier Verträge seine
Beziehungen zu anderen ordne. J
Der ältere Socialismus ist dann wieder zur Überschätzung der Institutionen und
absichtlicher Organbildung zurückgekehrt; er glaubt durch äußerliche Anordnung des
gesellschaftlichen Lebens sogar die inneren Motive alles menschlichen Handelns ändern
zu können. Die Hegelsche Philosophie, die im Staate die höchste Sittlichkeit sucht, und
andere konservative Strömungen haben, wie die neueste europäische Staatspraris, teils
alte Institutionen, wie die Zünfte, wieder günstiger angesehen und behandelt, teils
energisch für die Reubildung von Institutionen und Organen gekämpft. Die neueste
socialdemokratische Lehre verwirft ja den bestehenden Staat mit allen seinen Institutionen,
träumt entsprechend ihrem radikal-individualistischen Ursprung von einem freien Spiele
aller individuellen Kräfte; aber sie kommt mit dem ungeheuren Sprung, den auch sie
für das psychisch-sittliche Leben erwartet, doch zur Vorstellung einer absorbierenden Herr—
schaft öffentlicher Institutionen über alle private Willkür.
Der Streit ist im ganzen derselbe wie der im letzten Abschnitte erörterte über den
Fortschritt von individueller Freiheit und positivem Rechte. Die liberalen Individualisten
verwechselten die Abschaffung veralteter Institutionen mit der Beseitigung aller dauernden
Einrichtungen. Sie überschätzten die Gefahr der Erstarrung in allen Institutionen für
unsere Zeit. Die öffentliche Diskussion, der Kampf der Parteien und Parlamente, die
gesetzgeberische Materialsammlung und Vorbereitung der Gesetze in den Ministerien geben
heute wenigstens eine gewisse Garantie für eine flüssige und gute Neubildung. Und so
wahr es ist, daß neuerdings vielfach der Vertrag an Stelle von Institutionen getreten
ist, neue Organbildungen und sociale Einrichtungen sehen wir doch in Masse daneben
entstehen. Wir freuen uns, wenn sie der Entwickelung feste, sichere Bahnen weisen.
Es isi klar, daß die Institutionen, wenn sie segensreich wirken sollen, eine gewisse
Starrheit und Festigkeit haben müssen. Ihr Zweck ist ja, dem Guten, dem Lebens—
förderlichen, Zweckmäßigen die feste Form zu geben, die allein die Anwendung erleichtert,
die Erfahrungen der Vergangenheit fixiert, die Millionen abhält, die alten Mißgriffe
zu machen, sich ewig von neuem um dasselbe Ziel abzumühen. Offenbar liegt der
        <pb n="76" />
        64 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

vollendete sociale Zustand darin, daß die gesunden psychischen Kräfte des Volkslebens
durch die Institutionen nicht gehemmt, sondern gefördert werden, daß die festen Ein—
richtungen und das freie Spiel der individuellen Kräfte in richtiger Wechselwirkung
einander ergänzen, daß die Institutionen die freie Bewegung nicht unnötig hemmen,
die erwünschte Entwickelung aber befördern. Die Institutionen sind nicht fubjektive
Anläufe, sondern objektive verkörperte Methoden und Maxime dessen, was die Erfahrung,
die Weisheit der Jahrhunderte in Bezug auf die vernünftige und richtige Behandlung
praktischer Verhältnisse gefunden hat.
Das vergleichende Studium der Volkswirtschaft verschiedener Zeiten und Länder wird
auch die natürlichen und technischen Unterschiede, die der Rasse, der Kapitalmenge und Ahn—
liches in Rechnung ziehen; aber sie wird vor allem die Institutionen und Organe vergleichen,
die wirtschaftliche, Familien-, Gemeinde- und Staatsverfaffung, die agrarischen und gewerb—
lichen Betriebs- und Unternehmungsformen, die Institutionen des Markt- und Verkehrs—
wesens, des Geld- und Kreditwesens, die Art, wie Arbeitsteilung und Klasfenbildung sich in
Vereinen und Korporationen, Ständen und Institutionen fixiert haben. Das Studium der
Organe und Institutionen ist für die Erkenntnis des socialen Körpers dasfelbe, was die
Anatomie für die des physischen; auch die Physiologie der Säfte und das Verständnis ihrer
Cirkulation kann nur auf einer Kenntnis der Organe sich aufbauen. Die alte Volkswirtschafts—
lehre mit ihrem Untergehen in Preisuntersuchungen und Circulationserscheinungen stellte den
Versuch einer volkswirtschaftlichen Säftephysiologie ohne Anatomie des socialen Körpers dar.
Der historische Fortschritt des wirtschaftlichen Lebens wird gewiß zunächst in
besserer Produktion und Versorgung der Menschen mit wirtschaftlichen Gütern bestehen;
aber er wird nur gelingen mit besseren Institutionen, mit immer komplizierteren Organ—
bildungen. Das Gelingen derselben wird immer schwieriger, aber auch immer erfolg—
reicher sein. Wie die wahre Methode über dem wahren Gedanken, so steht, sagt Lazarus,
die weise Konstitution über dem weisen Fürsten, die gerechte Gesetzgebung über dem
gerechten Richter; wir können hinzufügen, die vollendete Verfassung der Volkswirtschaft
über dem wirren Spiele der sich bekämpfenden wirtschaftlichen Kräfte. Es sind die großen
Fortschrittsideen und die sittlichen Ideale, die in den Institutionen sich fixieren. Alle
großen Epochen des Fortschrittes, auch die des volkswirtschaftlichen, knüpfen sich an die
Reform der socialen Institutionen, an neue Organbildungen, wie z. B. neuerdings an
die Genossenschaften, Gewerkvereine, Aktiengesellschaften, Kartelle, an die Fabrik- und
Arbeitsgesetzgebung, an die Versicherungsorganisationen an. Die großen Männer und
die großen Zeiten sind die, welche neue sociale, politische, wirtschaftliche Institutionen
geschaffen haben.
32. Der Kampf ums Dasein. Wenn Sitte, Recht und Moral, wenn alle
gefellschaftlichen Institutionen den Zweck haben, den Frieden in der Gesellschaft zu
iichern, die widerstrebenden Kräfte zu versöhnen und zu bändigen, die ungeschulten zu
erziehen und in übereinstimmende Bahnen zu führen, die einzelnen Individuen zu
gewissen Kraftcentren zu vereinigen, so könnte es den Anschein haben, als ob in der
nenschlichen Kulturgesellschaft kein Platz für den Kampf ums Dasein wäre. Und doch
hat man seit den tiefgreifenden Forschungen Darwins wieder einmal, wie schon oft seit
den Tagen der Sophisten, auch das ganze gesellschaftliche und historische Leben auf diese
Formel zurückgeführt und uns mit darwinistischen Kulturgeschichten, Sociologien, Volks—
virtschaftslehren beschenkt. Was ist das Richtige an dieser Auffaffsung? Ist der Frieden
oder ist der Kampf das Princip der Gesellschaft? Oder sind es vielleicht beide, jedes
in seiner Art und an seiner Stelle?
Die Lehre Darwins läßt sich kurz so zusammenfassen: Die Tiere vererben ihre
Eigenschaften einerseits von Generation zu Generation in so ziemlich gleicher Weise,
aber andererseits verändern sich diese Eigenschaften doch in einer gewissen beschränkten
Art. Das Passendste überlebt sich im Kampfe ums Dasein, und die Veränderlichkeit
der Eigenschaften von Generation zu Generation (die Variabilität) hängt hiemit zu—
sammen; die für den Kampf am besten Ausgestatteten erhalten und paaren sich, ihre
Eigenschaften summieren sich in ihren Nachkommen. So erklärt Darwin die Entstehung
        <pb n="77" />
        Der Kampf ums Dasein in Gesellschaft und Volkswirtschaft. 65

der Arten aus einer geringeren Zahl von Wesen: das Princip der Zuchtwahl. Daß
mit dieser großen Perspektive Darwins ein Fortschritt epochemachender Art erzielt sei,
)arüber ist heute kein Streit, wohl aber darüber, ob diese Vorgänge allein die Ent—
tehung der Arten erklären oder nur in Verbindung mit anderen Thatsachen. Und noch
mehr darüber, ob die Schlüfse generalisierender heißblütiger Schüler Darwins richtig
seien, die nun ohne weiteres die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Erscheinungen
einfeitig und allein aus diesen Principien erklären wollen und sich gar zu dem Ge—
danken versteigen, es gebe keinen anderen Fortschritt als den durch Kampf bedingten,
und jede Hinderung und Abschwächung irgend eines Kampfes der Individuen und der
Völker sei verfehlt, weil sie die Unfühigen erhalte und den Fähigen erschwere, den Erfolg
für sich einzuheimsen, den Unfähigen zu knechten oder zu vernichten. Es wird so für
die Volkswirtschaft und für die Gefellschaft, für das Verhalten der Individuen, der
Klassen und der Völker das nackte Princip proklamiert, der Stärkere habe das Recht,
den Schwächeren niederzuwerfen.
Die mit diesen Fragen sich eröffnenden Zweifel und Kontroversen sind außer—
ordentlich zahlreich und kompliziert; sie hängen mit den Vererbungsfragen zusammen,
liegen teilweise auf medizinischem und physiologischem Gebiete; sie sind zu einem guten
Teile noch nicht ganz geklärt. Aber ein Gedankengang ist einfach; er entfpringt den
Betrachtungen, die uns hier beschäftigen, und beseitigt die stärkste Unklarheit, die in den
UÜbertreibungen der Darwinianer, in der summarischen Zusammenjsassung heterogener
Verhältnisse und Ursachen unter dem Schlagwort „Kampf ums Dasein“ liegt. Es ist
der Gedanke, daß jede sociale Gruppenbildung schon eine Negation gewisser, vor allem
— —
Gehörigen in sich schließe, daß sympathische Gefühle, Sitte, Moral und Recht gewisse
Kämpfe innerhalb der socialen Gruppen stets verhindert haben oder zu verhindern suchten.
Wir können, indem wir diese ethische Wahrheit versuchen historisch zu formulieren,
sagen: die Organisation der Stämme, Völker und Staaten beruhte in älterer Zeit ganz
überwiegend nach innen auf sympathischen, nach außen auf antipathischen Gefühlen,
nach innen auf Frieden, gegenseitiger Hülfe und Gemeinschaft, nach außen auf Gegensatz,
Spannung und jedensalls zeitweiligem, bis zur Vernichtung gehendem Kampfe.“ Aber
es fehlte daneben doch auch nicht der Gegensatz im Inneren der Stämme, die friedliche
Beziehung nach außen. Nur überwog, je roher die Kultur war, das Umgekehrte. Je
höher sie stieg, je größer die Gruppen, Stämme und Völker wurden, desto mehr milderte
sich auch der gemeinsame Kampf nach außen, desto häufiger trat auch in den Beziehungen
der Völker unter einander an die Stelle der Kämpfe und der Vernichtung die friedliche
Arbeitsteilung, die Anpassung, die gegenfseitige Förderung. Im Inneren aber der
gefestigten größeren Gemeinschaften muüßte den kleineren Gruppen und Individuen nun
ein etwas größerer Spielraum der freien Selbstbethätigung und damit weiteren Streites
eingeräumt werden; es entstand hier ein gewisser Kampf der Gemeinden, der Familien,
der Unternehmungen, der Individuen, der aber stets in den Grenzen sich bewegte,
welche durch die üͤberlieferten sympathischen Gefühle, durch die gemeinsamen Interessen,
durch Religion, Sitte, Recht und Moral gezogen wurden. So handelt es sich um
eine fortschreitende historische Verschiebung der Gruppierung und der Kampf- und
Friedensbeziehungen der einzelnen und der Gruppen untereinaunder, um eine wechselnde
Normierung und Zulassung der Kampfpunkte, der Kampfarten und der Kampfmittel.
Niemals hat der Kampf schlechtweg geherrscht; er hätte zum Kriege aller gegen alle,
zur auflösenden Anarchie geführt, er hätte niemals größere sociale Gemeinschasten ent—
stehen lassen; er hätte durch die Reibung der Elemente untereinander jede große mensch—
liche Kraftzusammenfafsung und damit die großen Siege über die Natur, die Siege der
höheren Rasse über die niedrigere, der besser über die schlechter organisierten Gemein—
wesen verhindert. Niemals hat aber auch der Friede allein geherrscht; ohne Kampf
zwischen den Stämmen und Staaten wäre keine historische Entwickelung entstauden, ohne
Reibung im Inneren der Staaten und Volkswirtschaften wäre kein Weitstreit, kein Eifer,
keine große Anstrengung möglich gewesen.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.—6. Auflage.
        <pb n="78" />
        36 Einleitung. Begriff. Piychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Die einzelnen und die socialen Gruppen standen so stets zugleich zueinander in
einem Verhältnis der Attraktion und der Repulsion, des Friedens und des Streites.
Überall herrschen zwischen denselben Personen und Gruppen heute feindliche, morgen
reundliche Beziehungen; man liebt sich heute, wirkt zusammen, fördert sich, und morgen
haßt und beneidet, bekämpft und vernichtet man sich. Die zwei Seiten aller Menschen—
iatur konnten nur durch dieses Doppelspiel der egoistischen und der sympathischen
Willensanstöße entwickelt werden: die Thatkraft konnte nur durch die kraftvolle Selbst—
behauptung, die gesellschaftlichen Instinkte konnten nur durch Frieden und Streitvermeidung
ausgebildel werden. Und da der Kampf selbst stets ein doppelter, ein individueller und
ein kollektiver war, so ist es wohl verständlich, wie beides in den verschiedensten Kombi—
nationen nebeneinander sich ausbildete. Der kollektive Kampf war stets nur durch die
Gemeinschaft möglich; innerhalb der Stämme und Völker fanden sich meist und über—
wiegend Menschen ähnlicher Körper- und Geisteskräfte zusammen, die auch ohne heftige
innere Kämpfe eine tüchtige, unter Umständen eine durch Variation sich vervollkommnende
Nachkommenschaft haben konnten, die jedenfalls nur durch ihr friedliches Zusammenleben
und Zusammenwirken die großen Fortschritte der Sprachbildung, der Ausbildung der
ympathischen Gefühle, der Religion, des Rechtes vollziehen konnten, die nur unter der
Herrschaft dieser Friedenseinrichtungen zur Ausbildung der politischen Tugenden, des
patriotismus, der Treue, des Gehorsams kommen konnten. Alle staatliche, zumal alle
kriegerische Organisation und Disciplin konnte nur durch starke Verbote und Ein—
schränkungen des individuellen Daseinskampfes entstehen, welche gewiß oftmals den
Fähigeren und Stärkeren hinderten, den Schwächeren zu vernichten. Aber das that
nichts; denn die Kindersterblichkeit, die Krankheiten, der Kampf mit den Tieren und
den fremden Stämmen, die wirtschaftliche Konkurrenz schafften Auslese genug. Und nicht
aller menschliche Fortschritt beruht doch auf der Auslese. Darwin selbst muß gestehen,
daß die moralischen Eigenschaften, auf denen die Gesellschaft beruhe, mehr durch Ge—
vohnheit, vernünftige Überlegung, Unterricht und Religion gefördert wurden. Die Lebens—
bedingungen der menschlichen Gesellschaft lafsen sich eben mit denen der Tiere und Pflanzen
nicht ganz direkt parallelisieren, weder in Beziehung auf die Fortpflanzung und Ver—
erbung, noch in Beziehung auf die Kämpfe der Individuen untereinander, noch in Be—
ziehung auf die der Gruppen und Gesellschaften. Es waren voreilige Analogieschlüsse,
durch welche man sich der konkreten Untersuchung der gesellschaftlichen Verhältnisse und
der jpeciellen Natur der in der Gesellschaft sich abspielenden Kämpfe und Kampfschranken
überhoben glaubte.
Wir haben hier nun die einzelnen Anwendungen der Analogieschlüsse nicht erschöpfend
zu erörtern, wollen nur noch kurz andeuten, welche Rolle der Kampfgedanke in der Aus—
bildung der neueren Volkswirtschaftslehre gespielt hat, wie er zwar fruchtbar auf der
einen Seite wirkte, auf der anderen aber auch Irrtum erzeugte, weil man meist die
richtige Begrenzung des Gedankens nicht sofort erkannte.
Die Merkantilisten sahen in allem Handel, in allen wirtschaftlichen Beziehungen
der Staaten untereinander wesentlich nur einen Kampf, wobei der eine Teil gewinne,
was der andere verliere; ihre wirtschaftliche Politik war Kampfpolitik in übertriebener
Weise; die Staaten sollten sich möglichst gegenseitig wehe thun; die Individuen im
Staate sollten umgekehrt durch alle denkbaren Schranken und polizeilichen Vorschriften
n freundlichen, förderlichen Kontakt und Tauschverkehr gesetzt werden. Die liberale
RNaturlehre der Volkswirtschaft, festgefügte, wohlgeordnete Staaten vorfindend und von
dealistischen Harmonievorstellungen ausgehend, glaubte, die Staaten und Völker könnten
ich kaum wirtschaftlich schaden, nützten sich durch freien Verkehr immer; aber die
Individuen, ihren Erwerb und Gewinn, ihre Bemühung um den Markt und gute
Preise stellte man sich um so mehr als einen Kampf vor, als einen Verdrängungs—
prozeß der schlechteren Produzenten durch die besseren: der rücksichtslose, freie, individuelle
Konkurrenzkampf erschien als das einzige Ideal; seine Schranken durch Moral, Sitte
und Recht, die niemals in der Wirklichkeit verschwanden, übersah man in der Theorie.
Malthus hat dann den Kampf der Individuen um den Nahrungsspielraum für die
        <pb n="79" />
        Alle Gesellschaft ein Kompromiß zwischen Streit und Frieden. 67

Erklärung der Bevölkerungserscheinungen benutzt und aus Erscheinungen, in denen sein
deutscher Vorgänger Süßmilch eine göttliche Ordnung sah, Faustkämpfe gemacht, die
mit Recht den Armen, dessen Arbeit die Gesellschaft nicht bedürfe, wieder durch Hunger
und Krankheit entfernen. Die Socialisten haben nur die Kämpfe der socialen Klassen
gesehen, das Recht der Schwachen auf Organisation in Anspruch genommen, um den
Mächtigen und den Aristokraten entgegen zu treten, während sie in ähnlichem Optimismus
wie A. Smith die Kämpfe der Völker nicht kannten oder als bloßes Unrecht verurteilten.
Ihre aristokratischen Gegner und die Anwälte des Kapitals, die Reichen, die Starken
haben ebenso einseitig das Herrenrecht dieser Kreise gepredigt und in jeder Armenunter—
stützung, jeder Arbeiterversicherung, jedem Kampfe gegen Arbeitslosigkeit eine falsche Er—
haltung der geringeren und schlechteren Elemente gesehen, nicht einmal eingedenk des
Darwinschen-Wortes, daß die heutigen Sieger im Kampf ums Geld keineswegs stets
die Besten und die Tüchtigsten seien.
Wir sehen, wie wechselvoll der Kampfgedanke verwertet wurde, wie wenig Sicheres
dabei bisher herauskam, weil man ein Schlagwort ohne nähere Prüfung der konkreten
Verhältnisse, Menschen, Institutionen und der Folgen des Kampfes im einzelnen an—
wandte. Wir kommen auf diese speciellen Verhältnisse unten. Hier ist nur zu sagen:
im internationalen Handelskampfe, im individuellen Kampfe auf dem Markte um den
Preis und den Absatz, im socialen Kampfe der Klassen handelt es sich um große psfycho—
'ogische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse, wobei stets zugleich Gruppen zu
friedlichem Zusammenwirken durch bindende Ordnungen des Rechtes, der Sitte und der
Moral zusammen zu fassen sind, wobei dem egoistischen Interesse der einzelnen und der
Bruppen ein gewisser Spielraum zu gönnen, aber zugleich eine Grenze zu setzen ist.
Teilweise reguliert der Egoismus sich selbst und hält durch Druck und Gegendruck den
Mißbrauch ab; ebenso oft aber muß er gebändigt werden.
Man hat Sitte, Moral und Recht Streitordnungen genannt; das ist bis
auf einen gewissen Grad richtig, nur muß man hinzufügen, daß die immer feinere und
gerechtere Ausbildung der Streitordnungen eine Hauptaufgabe der höheren sittlichen
Kultur sei, und daß der letzte Zweck der Streiteinengung nicht bloß die Schaffung des
Friedens, sondern die immer größerer, harmonisierter, komplizierterer und wirkungsvollerer
Kollektivkräfte fei. Concordia parvae res crescunt. Je höher unsere sittliche und staat—
liche Entwickelung geht, desto mehr müssen auch die Leute mit starker Faust und großem
Beldbeutel, mit verschlagener Pfiffigkeit sich den sittlichen Lebensordnungen fügen, desto
weniger werden brutale Vergewaltigungen, Ausbeutungen, harte Herrschaftsverhältnisse
nehr zugelassen. Mehr und mehr läßt man nur bestimmte Arten des Sieges zu, den
Sieg der größeren Intelligenz und Fähigkeit, der sich im Konkurrenzkampf vor der
Offentlichkeit, im Kampf um die Ämter vor der Prüfungsbehörde ausgewiesen hat.
Man muß suchen, die Siege der Klugen zugleich zu Siegen der Edlen und Guten zu
machen. Man wird im Kampfe der socialen Klassen nicht den unteren Handschellen
anlegen, den oberen freie Bahn geben, — aber auch nicht die Ausschreitungen der
unteren Klassen, soweit sie zu maßloser, vergiftender Leidenschaft, zu Gewaltthätigkeiten,
zur Bedrohung des ganzen öffentlichen Friedenszustandes und der volkswirtschaftlichen
Blüte der Nation führen, dulden dürfen. Man wird mit allen Mitteln suchen müssen,
an die Stelle roher, mit brutaler Gewalt durchgeführter Kraftproben, an Stelle von
Kämpfen mit zufälligem Ergebnis billig vernünftige Entscheidungen von Schiedsgerichten
oder Behörden zu setzen. Man wird sich stets erinnern, daß nur ein gewisses Maß
des Streites und Kampfes die Energie und Thatkraft fördert, ein weiteres diese Eigen—
schaften auch lähmen kann. Schutzmaßregeln, Erziehung, Wettkämpfe beschränkter Art
können für viele Kreise richtiger sein, auch die Energie mehr fördern als überharte,
erschöpfende und tötende Kämpfe. In jeder civilisierten Gesellschaft findet eine fort—
währende Ethisierung aller Kämpfe statt. Selbst die kriegführenden Truppen unter—
werfen sich den Satzungen des Völkerrechts.
Der Kampf hört damit nicht auf, und er soll nicht aufhören. Jedes Individuum
und jede Gruppe will sich behaupten, will leben, sich ausdehnen, an Macht zunehmen.
        <pb n="80" />
        58 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Jede starke, irgendwo sich sammelnde Macht kommt in Konflikt mit den überlieferten
Ordnungen, will sie zu ihren Gunsten ändern. Das geht nicht ohne Streit, und
insofern ist dieser der Ausdruck des Lebens, der Neubildung, des Fortschrittes. Es ist
das Recht des Kräftigeren und Befsferen zu siegen; aber jeder solche Sieg soll nicht
bloß das Individuum, sondern zugleich die Gesamtheit fördern. Ist es für diese besser,
daß über dem Sieg einzelne zu Grunde gehen, so muß das in den Kauf genommen
werden. Wie in den großen Kämpfen der Geschichte ganze Völker und ganze Klassen,
so müssen zu schwache, zurückgebliebene Familien und Personen im wirtschaftlichen und
socialen Kampfe des Lebens untergehen. Verkommene Aristokratien, verkümmerte Mittel—
stände, tief gesunkene Schichten des Proletariats sind zeitweise so wenig zu retten wie
an gewissen Stellen körperlich und geistig schwache Individuen. Die Ausstoßung des
Unvollkommenen ist der Preis des Fortschrittes in der Entwickelung. Aber ob im ein—
zelnen Fall das schwächere Volk, die bedrohte Klasse, die notleidenden Individuen nicht
mehr zu retten seien, ob sie nicht neben Fehlern und Schwächen noch entwickelungsfähige
Kräfte haben, ob sie nicht durch Erziehung, Unterstützung, Ubergangsmaßregeln zu
retten seien, ob nicht der jeweilige Druck gerade neue Eigenschaften zu Tage fördere und
sie so wieder emporhebe, das ist eine offene Frage, über die stets nur das Leben ent—
scheiden kann. Jeder solche Kampf ist ein unendlich komplizierter, von vielen ver—
schiedenen Eigenschaften, Konjunkturen und Zufällen abhängiger. Die Regierungen,
Parteien und Klassen, die führenden Geister werden je nach ihrer Kenntnis der persön—
lichen Kräfte und der Gesamtverhältnisse, je nach ihrer Auffassung des Gesamtwohles
und der wünschenswerten Entwickelung bald für Milderung und Einschränkung des
Kampfes, für Unterstützung der Schwachen, bald für ihre Preisgebung und Gestattung
des Kampfes sein. Nur darf das Losungswort „freie Bahn für den Starken“ nicht
stets als felbstverständlich gelten: es kommt unter Umständen nicht sowohl der guten
und entwickelungsfähigen, sondern auch der rohen und der gemeinen Kraft zu gute.
Der deutsche Bauernstand ist durch eine glückliche Politik vom 17. -519. Jahrhundert
gerettet worden, der englische ist zu Grunde gegangen; wollen wir etwa darum Eng—
land preisen?
So unzweifelhaft es immer Kämpfe wird geben müssen, so sicher ist es oft die
Aufgabe der Politik, sie zu mildern und das Entwickelungsfähige zu retten. Die
Hoffnung der Socialdemokratie, daß es je eine Zeit ohne Konkurrenz, ohne Kampf,
ohne Kriege geben werde, ist so einseitig und so falsch wie die Freude des cynischen
Aristokraten und Millionärs, der das Elend der Massen nur als die notwendige Folge
ihrer Schwäche und Fehler, seinen Besitz als die Folge seiner Eigenschaften ansieht. Wir
werden die Hoffnung nicht aufgeben, daß im Laufe der Geschichte auf die Dauer die
Stärke siegt, die zugleich die sittlich größere Kraft, die entwickelungsfähigsten Keime
in sich birgt. Aber davon giebt es im einzelnen viele Ausnahmen, befonders überall
da, wo Ehrlichkeit mit Unehrlichkeit, die Kraft der Vergangenheit mit der der Zukunft
ringt. Und daher ist der Schutz hiegegen häufig eine sittliche Pflicht der Gesellschaft;
sonst müßten wir auch die Diebe, Ruber und Mörder walten lassen.
Die Gefahr, daß wir durch Sitte, Moral und Recht, durch den Schutz der Schwachen
eine einschläfernde Streitlosigkeit erzeugen, ist zumal in unserer Zeit sehr gering. Die
heutige wirtschaftliche Konkurrenz ist gegen früher so enorm gewachsen, daß die weit—
gehendsten socialen Reformen und Schutzmaßregeln den schwächeren Elementen der Ge—
sellschast den Schutz und die Hülfe noch nicht geben, die sie früher hatten. Auch in der
humanisiertesten Gesellschaft wird mit immer dichterer Bevölkerung der Kampf um Ehre,
Befitz, Einkommen, Macht, nicht aufhören, so wenig wie der Kampf zwischen den socialen
Bruppen und den Staaten aufhören wird, der in gewissem Sinne eben deshalb berech—
tigter ist, als er stets die einzelnen, die Glieder einer Klasse, die Bürger eines Staates
zusammenfaßt, sie nötigt, ihre kleinlichen egoistischen Leidenschaften zurückzudrängen und
ür Gesamtinteressen materieller und ideeller Art einzutreten. Damit wird der Streit
zurückgedrängt, der Patriotismus belebt, die sittlichen Kräfte geschult und gefördert.
Broße Kriege — solche mit günstigen und solche mit ungünstigen Erfolgen — wurden
        <pb n="81" />
        Die Ethifierung der gesellschaftlichen Kämpfe. Die Moralsysteme. 69

für die Völker oftmals die Ausgangspunkte innerer Reform und neuen wirtschaftlichen
Auffchwunges. —
33. Die religibsen und philosophischen Moralfsysteme. Wir haben
oben (S. 46—47) die Bedeutung der Religion für die Ausbildung der sittlichen Urteile
und Handlungen zu charakterisieren versucht und —V
psychologischen Zusammenhang hingewiesen, in welchem aus Sitte und Recht heraus
inheitliche Gedankensysteme der Moral sich bildeten. Im Anschluß an das dort Gesagte
haben wir hier auf diese Systeme nochmal zurückzukommen. Wir haben einmal den
geistig-methodologischen Prozeß kurz zu charakterisieren, der diese Systeme geschaffen hat;
es ist im ganzen derselbe, der auch politische, sociale und volkswirtschaftliche Systeme
später erzeugt hat und immer wieder erzeugt; die volkswirtschaftlichen Systeme sind
Ableger und Ausläufer der Moralsysteme, hangen mit ihnen zusammen; Moral— und
politische Systeme wirken auf alles praktische, also auch auf alles volkswirtschaftliche
Leben bei höherer Kultur tiefgreifend ein. Wir haben dann kurz auseinander zu setzen,
welche Hauptgattungen von Moralsystemen das geistige Leben der Kulturvölker erzeugte,
und wie gewisse große praktische Lebensideale und Leitideen aus ihnen hervorgingen,
velcher Natur diese verschiedenen Ideen und Principien sind; sie haben in den letzten
Jahrhunderten eine führende, oft aber auch irreführende Rolle im volkswirtschaftlichen
Leben gespielt.
q) Jede Religion wie jedes Moralsystem ruht auf einheitlichen Vorstellungen
aiber Gott und die Welt, über ihr gegenfeitiges Verhälinis, über Natur und Geist,
iüber Leben und Sterben, über die leßten Zwecke der menschlichen Existenz. Nach den
jeweiligen Erkenntnissen und Kausalitätsvorstellungen, nach den psychologischen An—
schauungen und ethischen Bedürfnissen muß jedes System über diese Grundfragen zu
einem einheitlichen Ergebnis kommen, das, dem geistig-sittlichen Niveau der betreffenden
Menschen angepaßt, für Tausende und Millionen überzeugende Kraft hat und oft Jahr—
hunderte lang behält. Wie alles menschliche Selbstbewußtsein nur zu stande kommt
durch Verbindung und Konzentrierung alles Wahrgenommenen, Erlebten und Erstrebten
in der Synthese des einheitlichen Ichs, so erzeugt auch in jeder menschlichen Gesellschaft
der unwibdersiehliche geistige Zug zur Einheit ein die bestimmte Gesellschaft verbindendes,
mehr oder weniger einheitliches Gedankenfystem. Die denkenden Menschen fühlen sich
erst glücklich, wenn sie zu einem solchen Punkte gekommen sind, in dem sie wie in einem
Brennpunkte alle theoretischen und praktischen Vorstellungen zusammenfassen, der ihr
Denken wie ihr Gewissen befriedigt, der mit einer plausibeln Vorstellung von der Welt
zugleich den richtigen Leitstern für alles Handeln abgiebt. Das geschieht in den Religions—
ind Moralsysiemen, wie sie die Völker und Zeitalter im ganzen einheitlich beherrschen.
Die Religionen sind stets zugleich Versuche einer Kosmogonie, einer rationalen
Erklärung des Seienden, wie sie Systeme der praktischen Lenkung alles Geschehenden
darstellen. Und wenn die philosophischen Moralsysteme dann wennigstens teilweise auf
die Vorstellung einer göttlichen Offenbarung und eines steten Neueingreifens der Gott—
heit verzichten, eine beimmte Metaphysik, eine bestimmte Vorstellung von der Welt und
Weltregierung, vom Leben nach dem Tode, den Zwecken alles Lebens liegt ihnen doch
ebenso zu Grunde; sie ruht auf fortschreitender Natur- und Geschichtserkenntnis; aber
sie reicht nicht aus, ein abgerundetes Bild der Welt zu geben, wie es notig ist, um als
Hintergrund und Ausgangspunkt eines praktisch wirkenden einheitlichen Verpflichtungs⸗
grundes und Systems zu dienen. Jedes Moralsystem repräsentiert eine bestimmte ein—
heitliche Weltanschauung und stellt ein einheitliches Lebensideal auf, das auf Erkenntnis
Ind Glauben zugleich beruht; ein Sollen lehrt man, Ideale predigt man wirksam nur,
die Well und die Menschen üͤberwindet man nur von einem centralen Punkte aus, der
das Ganze aller Zusammenhänge erfassen will. Der dabei stattfindende psychische Prozeß
ist immer ein ähnlicher, wie er in Bezug auf alle Religionsbildung und auf alle Herr—
schaft religiöser Gefühle stattfindet. Es handelt sich um eine Ergänzung unserer wirk—
lichen Erkenntnis durch ein Hoffen und Glaͤuben. Der menschliche Geist sucht sich intuitiv,
ynthetuch, mit der Phantasie ein Bild von der Welt, von den in ihr herrschenden
        <pb n="82" />
        70 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Principien und Ideen, von ihrer Entwickelung, vom Zusammenhang des Einzelschicksals
mit Gott, mit der ganzen Menschheit, mit Staat und Gesellschaft, ein Bild von der
Zukunft nach dem Tode zu machen. Und von hier aus versteht er die Welt und sich
jelbst, seine Aufgaben und seine Pflichten. Der Christ des älteren Mittelalters, der das
baldige Herannahen des jüngsten Tages erwartete, in der Abtötung des Leibes die erste
Pflicht, in dieser Welt nur das Böse sah, mußie sehr vieles anders beurteilen, sein
Handeln anders einrichten als der Materialist, sür den es nur ein Diesseits und sinn—
liche Freuden giebt. Wer die Anfänge des Menschengeschlechtes in tierartigen Zuständen
erblickt und aus ihnen heraus durch die Annahme großer Fortschritte zum Bilde einer
nach und nach wachsenden Vervollkommnung der Individuen und der Gesellschaft kommt,
muß über die meisten Pflichten und socialen Einrichtungen anders denken, als wer, wie
die Kirchenväter, an den Beginn der Geschichte ideale, vollkommene Menschen ohne
Sünde, ohne Staat, ohne Eigentum setzt, die nur durch den Sündenfall der Schlechtigkeit
verfallen sind. Aber auch wo die Gegensätze nicht so groß sind, bleibt immer für den
Optimismus und für den Pessimismus, für antike und christliche, idealistische und
materialistische Auffassung die Möglichkeit verschiedener Weltanschauung, verschiedener
Lebensideale und Moralsysteme, die nun bei den höheren Kulturvölkern nebene nander
bestehen, einander bekämpfen und ablösen.
Die Systeme nähern sich einander, je mehr zu ihrem Aufbau eine steigende Summe
feststehender Erfahrungserkenntnis verwendet ist. Aber diese ist stets unvolendet, bruch⸗
stückartig. Und das Wesen der Weltanschauung, des Moralsystems ist es, ein Ganzes
zu geben. So steckt in diesen Systemen stets ein Stück Hypothese und Glauben; es
handelt sich um ein teleologisches Verfahren, das, ausgehend von einem Bilde des
Banzen, von seinen Zwecken, das einzelne zu begreifen sucht, durch reflektierende Urteile
alles Zusammengehörige unter einen einheitlichen Gesichtspunkt ordnet. Kant hat in
der Kritik der Urteilskraft uns gezeigt, wie der menschliche Geist notwendig auf ein
solches Verfahren angewiesen sei, und die Philosophie hat seither anerkannt, daß die
Teleologie mit Recht als symbolisierende Ergänzung in diesen letzten Fragen der empi—
rischen Wissenschaft zur Seite trete. Es handelt sich um die Versuche der Ausdeutung
des Ganzen und seiner Zwecke, um so die Spannkraft des Willens zu erreichen, ohne
die nichts Großes zu leisten, kein Fortschritt zu machen ist. Die Vorstellung, daß die
Welt überhaupt eine einheitliche sei, daß es ein einheitliches Stufenreich der Ratur und
der Geschichte, eine Vervollkommnung gebe, ist, wie aller Gottesglaube, nur auf diesem
Wege entstanden. Die neuen, zundenden, praktischen Systeme der Religion, der Moral
und der Politik erwachsen nur so; ihre Principien sind stets bis auf einen gewissen
Srad einfeitig, aber sie wirken weltbewegend; sie lösen das Alte auf, erschüttern alles
Bestehende, sind oft revolutionär; aber fie bauen auch das Neue auf, beherrschen mit
ihren Principien die Neugestaltung, so einseitig diefe zunächst ausfallen möge.
Die Religions- und Moralsysteme und alle an sie sich anknüpfenden ähnlichen
Systeme und allgemeinen Theorien des Staates, des Rechtes, der Volkswirtschaft, der
Socialpolitik sind mehr praktische Lebensmächte als Ergebnifse der strengen Wissenschaft.
Während es stets nur ein richtiges, für alle überzeugendes Resultat im Gebiete empirisch—
methodischer Forschung und Erkenntnis geben kaun, wird es über die praktischen Ideale,
über Pflicht und zukünftige Entwickeluüg, über Bevorzugung des einen Lebens- und
Besellschaftszweckes vor dem anderen immer leicht verschiedene Auffafssungen und Lehren
zeben. Auch in jenen älteren Tagen, als einheitliche kirchlichreligiöse Überzeugungen
zanze Stämme und Völker beherrschten, fehlten die Zweifel und die abweichenden Mei⸗
aungen einzelner nicht. Wo aber die höhere Entwickelung mit ihrer freien Kritik, ihrer
Litteratur, ihrem Unterricht ein offenes Feld des geistigen Kampfes eröffnet hat, da
müfsen noch viel mehr als früher die verschiedenen möglichen Weltanschauungen zu ent—
zegengesetzten, sich bekämpfenden Systemen und Lehrgebaͤuden führen. Ihr Aufeinander—
wirken, gefährlich für niedrig stehende Völker, bedingt gerade die Fortschritte der höher
stehenden. Mit ihrer Einseitigkeit werden die verschiedenen Systeme, welche die ver—
schiedenen Seiten des menschlichen Lebens repräsentieren, periodisch abwechselnd die Führer
        <pb n="83" />
        Der Arfsprung der Moralsysteme, ihre Hauptarten. 71

des Menschengeschlechtes auf der nur durch tastende Versuche fortgebildeten Bahn besserer
Organisation.
b) So sind seit dem fünften Jahrhundert vor Christi in Griechenland und dann
seit dem Wiedererwachen wissenschaftlicher und philosophischer Studien gegen Ende des
Mittelalters hauptsächlich zwei Gruppen von Systemen der Moral miteinander im
sampfe, die senfnalistisch-materialistischen und die metaphysisch⸗idealistischen. Die ersteren,
mehr von der nächsten Wirklichkeit ausgehend, ohne großen Überblick und tieferen Sinn
ür das Uberirdische und Ideale, waren das Ferment der Auflösung der überlieferten
Religionen, die Totengräber der überlebten Kultur, die Erzieher der Individualität, die
Begrunder moderner Kinrichtungen, teilweise auch die Vernichter der vorhandenen sitt—
lichen Spannkräfte und der bestehenden Gesellschaftsinstitutionen. Ihnen stellten sich
mner wieder die idealistischen Systeme gegenüber, teils versuchend, das Gute der Ver⸗
zangenheit zu retten, teils Idealbilder einer besseren Zukunft vorzuführen.
Zu den ersteren gehören im Altertum die Sophisten und Epikur, in neuerer Zeit
Gafsendi, Hobbes, Locke, die französischen Encyklopädisten, Bentham, J. St. Mill,
Benecke, Feuerbach und ihre modernsten RKachfolger; zu den letzteren Plato, die Stoa,
der Neuplatonismus, Augustin, Thomas von Aquino, Hugo Grotius und die an die
Stoa sich anschließenden Naturrechtslehrer, dann Leibniz, Kant, Schelling, Hegel, in
zewissem Sinne auch Auguste Comte. Die ersteren Schulen wollen eine Formel für das
Gute, für das richtige Handeln finden; sie stellen die Lust, das Nützliche, die Gemüts⸗
ruhe des Individuums, neuerdings das Glück der einzelnen oder der Gesellschaft in den
Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Staat, Gesellschaft und Volkswirtschaft lassen sie durch
iußeres Zusammentreten der Individuen entstehen, die sie bald mehr als im Kampf,
hald als von Rotur in friedlichen Beziehungen begriffen sich denken. Das indivi⸗
dualistische Naturrecht des 17. und 18. Jahrhunderts und die neuere Utilitätsethik find
hre Hoöhepunkte; beide wesentlich beeinflußt von den antiken Lehren Epikurs, des flachen
Verteidigers der individuellen Glückslehre einer absterbenden Kulturepoche. Die Systeme
dieser Richtung haben vieles einzelne richtig beobachtet, sie haben in richtiger Weife
tets das Sittliche an das Natürliche angeknüpft, sie haben darin Recht, daß das Streben
nach Glück im Centrum aller ethischen Betrachtung steht. Aber im ganzen ist ihre
Beobachtung des sittlichen Thatbestandes, der sittlichen Kräfte und Güter doch eine ein—
zeitige, das Leben nicht erschöpfende; fie überschätzen die Reflexion und die Verstandes—
hätigkeit; sie stehen den großen gesellschaftlichen Erscheinungen und den großen Epochen
chöpserischer Leistungen teilweise ohne das rechte innere Verständnis gegenüber.
Die idealistischen Moralsysteme gewinnen ihre Kraft durch großartige und tief—
zedachte Welt- und Geschichtsbilder, duͤrch religibss empfundene, künstlerisch abgerundete
Vorstellungsreihen über Gott, die Welt und die Menschheit. Mit der Wucht idealistischer
Forderungen, mit der Autorität schlechthin über das Menschliche erhabener sittlicher
Febote treten sie den Menschen entgegen, leiten die Pflichten aus angeborenen Vernunftideen
oder Erinnerungen der Menschenseele an ihren göttlichen Ursprung ab. Sie stellen das
Fule in schroffen Gegensatz zum Natürlichen, verschmähen haäufig das Glück als Beweg—
zrund des Sittlichen; sie stellen Staat und Gesellschaft stets als das Ganze, als das
höhere und Gute, als einen Teil der sittlichen Weltordnung dem Individuum und dem
Egoismus gegenüber. Sie haben Großes gewirkt für die Erziehung der sittlichen Kräfte,
für die Heiligung eines strengen Pflichtbegriffes, für das Berständnis und die Würde
der gesellschaftlichen Institutionen. Aber sie ruhten vielfach mehr auf Hypothefen und
ideaustischen Annahmen, übersahen das empirische Detail der psychologischen Vorgänge
und gesellschaftlichen Einrichtungen. Sie hielten nicht Stand vor der fortschreitenden
strengeren Wissenschaft.
Diese Wissenschaft, welche nicht sowohl ein Sollen lehren und Ideale aufstellen,
als das sittliche Leben empirisch beschreiben, aus den psychologischen und gesellschaft—
ichen Elementarthatsachen verstehen und ableiten will, hat sich so naturgemäß feit alter
Zeit neben beiden Arten von Systemen entwickelt. Wir können Aristoteles als den
Froßen Ethiker feiern, in dem zuerst das wissenschaftliche Interesse das Ubergewicht über
        <pb n="84" />
        72 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

das praktische hatte. In der neueren geistigen Entwickelung ist es die ältere psycho—
logisch-ethische Schule der Engländer Shaftesbury, Hutcheson, Hume, A. Smith, in
Deutschland sind es Herbart, Lotze, Horwicz, Wundt, Paulsen, die überwiegend hieher ge—
gerechnet werden müssen. Diese Richtung, welche eine empirische Ethik versucht, schließt all—
gemein an die Spitze des Systems geftellte Konzeptionen über einheitliche Entwickelung
und Vervollkommnung nicht aus, wie wir an Herbert Spencer sehen, der alles, auch das
fittliche Leben, aus der Entwickelungstheorie ableitet. Aber das Metaphysisch⸗Idealistische
ritt doch mehr zurück. Und am deutlichsten tritt die Richtung mit ihren Grundtendenzen
dadurch hervor, daß man neben den ethischen Systemen, welche das Ganze der menschlichen
Handlungen darstellen und lehren wollen, versuchte jogenaunte Sociologien zu schreiben.
Diese neuere Gesellschaftslehre will nicht bloß, wie seiner Zeit R. Mohl, ein Gefäß
sein, um einige in Staatslehre, Statistik und Nationalbkonomie nicht recht unter—
zubringende Erörterungen über die Gesellschaft aufzunehmen, nein, sie will die Gesamtheir
der gesellschaftlichen Erscheinungen, welche in der Ethik oft übersehen, oft stiefmütterlich
als sittliche Güter behandelt, jedenfalls nur vom Standpunkte eines bestimmten Moral—
systems betrachtet wurden, als ein zusammenhängendes natürlich-geistiges, kaufales
System von Erscheinungen schildern, begreifen und erklären. Gewiß eine Riesenaufgabe,
an die man erst denken konnte, nachdem in einer Reihe Specialwissenschaften, wie in
der Staatslehre, Nationalökonomie, Finanz, Statistik wenigstens für gewisse Teile der
Anfang einer streng wissenschaftlichen Einzelerkenntnis begonnen. Es ist daher auch
aatürlich, daß die Einzelforscher den Sociologen zurufen, laßt uns doch bei unserer
Detailarbeit. Aber ebenso notwendig hat die empirische Begründung der Ethik, wie
das Bedürfnis, für die gesellschaftlichen Specialwissenschaften eine allgemeinere Grundlage
zu gewinnen, zu jenen erwähnten Versuchen geführt, deren wichtigste wir in Aug. Comtes
Werken, in Spencers Sociologie, in Schäffles Bau und Leben des socialen Körpers vor
uns haben. Es sind gewiß unvollkommene Versuche, aber doch die wichtigsten Stützen
ür eine empirische Ethik und unentbehrliche Hülfsmiitel für die allgemeinen Fragen der
socialen Specialwissenschaften. Mag man dabei den Nachdruck mehr auf die Zusammen—
assung oder auf die Specialuntersuchung der allen diesen Wiffenschaften gemeinsamen
Fragen legen, man wird dieser Sociologie, die freilich nur eine Art ausgebildeter
empirischer Ethik ist, ihr Bürgerrecht in dem Reiche der Wiffenschaften nicht Jehr4
treiten können.
c) Die praktische Wirksamkeit der Moralsysteme wie der später aus ihnen ab—
geleiteten Systeme der Wirtschafts- und sonstigen Politik wurde stets in dem Maße
erhöht, wie es ihnen gelang, für die dauerud oder jeweilig bevorzugten Richtungen des
Handelns und der Refsorm möglichst einheitliche Schlagworte und packende Gedanken,
ogenannte ethische Principien und Ideale an die Spitze zu stellen. Zwar ist es kaum je ge—
lungen, ein einziges Princip oder eine Formel so zu finden, daß mit vollständiger
logischer Folgerichtigkeit daraus alle anderen sittlichen Ideale und Forderungen aͤb—
zeleitet werden könnten; aber es hat doch jedes System versuchen müssen, die fämtlichen
zepredigten Pflichten, die verschiedenen sittlichen Forderungen und Ideale entweder in eine
zewisse Beziehung zu einem Grundgedanken zu bringen oder sie auf eine kleine Anzahl
soordinierter Principien zu reduzieren. Dabei mußten diefe Principien oder der Gruͤnd—
zedanke, um an die Spitze zu treten, möglichst generell gefaßt werden aber es ergab
ich damit die Kehrseite, daß fie verschiedener Anwendung und Deutung unterlagen;
auch konnte nie ausbleiben, daß auf die Formulierung die jeweiligen Kultur⸗ und
Gesellschaftsverhältnisse, die geistigen Strömungen der Zeit Einfluß erhielten.
Wir haben nun hier nicht etwa den Versuch zu machen, den großen Prozeß der
Entwickelung dieser Leitideen, wie die Geschichte der Religionen, der Moralsysteme und
der ganzen menschlichen Kultur ihn uns enthüllt, zu skizzieren und die einzelnen Systeme
und ihre Ideale zu kritisieren, sondern wir haben nur kurz zu resümieren, wie die
vichtigsten neueren dieser Formeln und leitenden Ideen lauten, und welche Bedeutung
ie für das volkswirtschaftliche Leben gehabt haben und noch haben.
        <pb n="85" />
        Die Leitideen und Ziele der verschiedenen Moralsysteme. 73

Die Moralsysteme, welche den Egoismus überhaupt oder den verfeinerten Egoismus
als Grundprincip predigten, haben sich in neuerer Zeit teils zu einer individuellen Glück—
seligkeitslehre, teils zu der Theorie erhoben, daß aller sittliche Fortschritt in dem Streben
bestehe, die größte Summe von Glück oder Lust für die größte Menschenzahl her—
zustellen; diese Ütilitätslehre, scheinbar von Christentum und idealistischer Moral so
weit entfernt, will in den Händen edler und feinfühliger Ethiker und Politiker im ganzen
dassfelbe. Sagt doch selbst Lotze: „alle moralischen Gesetze sind Maxrimen der allgemeinen
dustökonomie“. Auch die ideglistischen Systeme schmuggeln indirekt eine Glückslehre ein.
Die Wirksamkeit dieser realistischen Schule ist in der Gegenwart fast noch im Wachfen;
der ganze englische Radikalismus mit fseinen politischen und wirtschaftlichen Idealen ist
auf diesem Boden erwachsen. Aber freilich kann dieses Ideal der Glückssteigerung je
nach der Klaffifikation, nach der Einzeldarstellung und Ausführung der Lustarten sehr
derschieden sich gestalten und deshalb ebenso leicht zu irreführenden socialen Ideen, zu
einer falschen Ordnung der menschlichen Zwecke als zu einer richtigen führen. Auch
dem feinsten Theoretiker des Utilitarismus, J. St. Mill, ist es nicht gelungen zu
heweisen, daß seine Behauptung, es sei vorzuziehen, ein unbefriedigter Mensch, als ein
befriedigtes Schwein zu sein, allgemein geteilt werde und als Princip den fittlichen
Fortschritt beherrschen könne.
Die idealistischen Moralsysteme haben ihre Formeln und idealistischen Zweck—
gedanken aus der sittlichen und politischen Geschichte der Menschheit abstrahiert; ich
denne nur: die Hingabe des Menschen an Gott und an die gesellschaftlichen Gemein—
schaften sowie die Ausbildung der Persönlichkeit (mit der Selbstbehauptung und Berufsruͤsbildung),
 die fortschreitende Vervollkommnung des einzelnen und der Gesellschaft, die
Ausbildung des Wohlwollens, des Mitleides, des sogenannten Altruismus, die Ideen der
Gerechtigkeit, der Freiheit und der Gleichheit. Es sind Ideale und Zweckideen, welche
seit Jahrtausenden ausgebildet, auch in allen höheren Religionen im Mittelpunkte der
ethischen Betrachtung stehen, ja in allen Kulturmenschen einen wesentlichen Bestandteil
hres höheren Gefühlslebens, ihrer Pflichtbegriffe, ihres gesellschaftlichen Handelns bilden.
Ihre jeweilige Gestaltung in den leitenden Geistern, in der herrschenden Litteratur, in
den Strömungen der Zeit drückt dem praktischen Leben, vor allem auch dem volkswirt—⸗
schaftlichen und socialen, seinen Stempel auf; und zwar deshalb mehr als die noch so
seinen Überlegungen und Vorstellungen der Lustvermehrung, weil solche Ideale mit dem
Siege der höheren Gefühle siets an sich an Kraft gewinnen und zumal in bewegten
Zeiten die Herzen der Masse ganz anders erfassen, elektrisieren können als jene.
Ihre jeweilige praktische Einzelgestaltung erhalten diese Leitidern und Zweckideale
durch die natürlichen, technischen, wirtschaftlichen und socialen Zustände des betreffenden
Volkes; ihre innerste Natur aber liegt im sittlichen Wesen des Menschen und seiner
gesellschaftlich-historischen Entwickelung überhaupt; es sind Ideale, die vor Jahrtausenden
schon in derselben Grundrichtung wirkten wie heute, und wie sie in späteren Jahrtausenden
wirken werden. Es wird keine Zeit kommen, in der man nicht Billigkeit und Gerechtig—
eit, Wohlwollen und Hingabe an die socialen Gemeinschaften als Ideale anerkennen
wird. In ihrer allgemeinen Tendenz und Wirksamkeit sind diese Ideen das Höchste, was
im menschlichen Geiste existiert. Sie stellen auch die höchsten Kräfte der Geschichte und
der gesellschaftlichen Entwickelung dar. Sie werden immer als die Führer auf dem
Pfade des Fortschrittes dienen. Die großen Zeiten und Männer sind es, welche im
Kampfe für sie Reformen durchgesetzt haben. Das gilt auch für alle wirtschaftlichen
und socialen Reformen.
Aber das schließt nicht aus, daß daneben in ihrem Namen oft das Thörichtste
gefordert wurde. Jedes einzelne dieser Ideale drückt eine partielle Richtung der pfychisch—
aͤttlichen und gesellschaftlichen Entwickelung aus, ohne Maß, Grenzen, Gestaltung derselben,
Möglichkeit der Durchführung anzugeben. Jedes hat sich im praktischen Leben zu paaren
mit einem gewissermaßen entgegengesetzten Ideal: die Ausbildung des Individuums muß
sich der der Gesellschaft anpassen und unterordnen; die Selbstbehauptung muß sich mit
den Forderungen des Staates, die Freiheit mit der Ordnung des Ganzen vertragen.
        <pb n="86" />
        74 Einleitung. Begriff. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Der einseitige, vom Klaffen- und Parteigeist erfüllte Doktrinarismus, welcher stets gern
m Namen der großen idealen Principien redet und einseitig nur die Freiheit oder die
Gleichheit oder die Gerechtigkeit auf die Fahne schreibt und aus einer möglichst all⸗
gemeinen Formel des einzelnen Princips die weitgehendsten Folgerungen zieht, jeden
Verräter nennt, der nicht das Princip bis in sein Extrem durchführen will, — er irrt
zar leicht, verlangt Wahres und Falsches nebeneinander, oft Unmögliches. Schlüsse und
Theorien, die so einseitig begründet sind, werden häufig zu ideologischen Kartenhäusern,
zu verheerenden revolutionären Fahnen, wenigstens wenn sie in der Hand von Dema—
zogen und Schaumgeistern liegen. Ich versuche nur an einigen, in das Wirtschafisleben
»eingreifenden Beispielen dies zu zeigen.
Es war ein großer, segensreicher Reformgedanke, als gegenüber unerhörtem Klassen⸗
mißbrauch und veralteten, feudalen Rechtsinstitutionen der moderne Staat die Rechts⸗
und Steuergleichheit, die Zugänglichkeit aller Berufe und Laufbahnen für alle Stacis.
zürger proklamierte, als neuerdings die Socialreform gleiches Recht für Arbeitgeber und
nehmer forderte. Aber das waren festumgrenzte partielle, den konkreten Zeitverhältnissen
richtig angepaßte Forderungen, während die Fanatiker der Gleichheit alle Unterschiede
der Menschen leugnen oder mit Gewalt beseitigen wollen, auch die Verschiedenheit von
Alter und Geschlecht ignorieren, die von Einkommen und Besitz aufheben wollen und
so alle höhere Entwickelung, welche stets Differenzierung ist, bedrohen.
Die Freiheit der Rede, der Wissenschaft und des religiösen Bekenntnisses, die
politische Freiheit in dem festumgrenzten Sinne, daß die Regierten auf die Regierung
einen gesetzlichen Einfluß haben, und daß es für jede Regierung eine Grenze ihrer Macht
gegenüber der Freiheitssphäre des Individuums gebe, die wirtschaftliche Freiheit in dem
Sinne, daß die mittelalterlichen Zunft-, Markt- und Verkehrsschranken fallen, — das find
sür die Kulturstaaten der Gegenwart große berechtigte Ideale. Aber wenn man schranken⸗
ose Freiheit im wirtschaftlichen Kampfe der Starken mit den Schwachen einführt, so
erzeugt man nur harten Druck und brutale Ausbeutung der unteren Klassen; wenn man
jeden Betrug und jeden Wucher mit dem Schlagwort der Freiheit verteidigt, so verkennt
man, wie wir schon sahen, Moral, Sitte und Recht von Grund aus, wie man durch
die Lehre von der Volkssouveränität, d. h. die Lehre, daß die Summe der Regierten
die Regierung jeden Moment in Frage stellen dürfe, die politische Freiheit in ihr Gegen—
teil, in die Herrschaft von Demagogen und zufälligen Majoritäten oder gar Minoritaͤten
über die Masse der vernünftigen und besseren Bürger verwandelt. —
Die Idee der Gerechtigkeit, schon von den Juden, Griechen und Römern, dann
von den neueren Kulturvölkern, von Religion, Philosophie und positivem Rechte in langer
Entwickelung ausgebildet, an die edelsten Gefühle anknüpfend, spielt in allem gesellschaftichen
 Leben, vor allem auch in der Volkswirtschaft eine maßgebende Rolle; sie giebt
für alles gesellschaftliche Leben die idealen Maßftaͤbe, nach denen geprüft wird, wie weit
die Wirklichkeit dem „Gerechten“ entspreche; fie begleitet unser wirtschaftlichen und
socialen Handlungen und unterwirft sie einer stets erneuten Kritik. Bet jedem Tausch—⸗
geschäft, bei jedem gezahlten Lohn, bei jeder wirtschaftlichen Institution wird gefragt,
ob sie gerecht seie. Und aus den Antworten entspringen Gefühle, Urteile, Willens—
anläufe, die sich wenigstens teilweise in Reformtendenzen, ÄAnderungen der Sitte, des
Rechtes, der ganzen volkswirtschaftlichen Verfassung umfetzen. Wer weiß nicht, daß die
Bewerbefreiheit, die Handelsfreiheit, der freie Arbeitsvertrag im Namen der Gerechtigkeit
zefordert wurde und nur unter dieser Fahne siegte? daß aber auch alle Forderungen
)es Socialismus an Gefühle und Betrachiungen anknüpfen, welche den Betreffenden als
Berechtigkeitsforderungen sich darstellen, daß jede Revolution und alle ihre Greuel sich
mnit dieser Fahne decken zu können glaubten.
Daraus ergiebt sich schon, daß das Princip der Gerechtigkeit kein einfaches ist,
aus dem alle ihre Forderungen mit unfehlbarer Sicherheit, mit einer für alle Menschen
zleichen Evidenz abzuleiten wären. Es ift eine der stärksten idealen Lebensmächte. Mit
mmer gleicher pfychologischer Notwendigkeit vergleicht unser Inneres stels die irgendwie
zusammengehdrigen Menñschen und siellt sie in einer Ordnung, die ihren Eigenächaften
        <pb n="87" />
        Das Wesen der sog. ethischen Principien; die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft. 75

und Handlungen entspricht, den Gütern, Ehren, socialen Vorzügen, Übeln und Strafen
gegenuͤber, welche zu verteilen in der Macht der Gesellschaft liegt, findet es gerecht,
Henn in diesen beiden Reihen eine Proportionalität stattfindet, ungerecht, wenn sie sehlt,
bezeichnet es als ungerecht, wenn Individuum oder Gruppe gegenüber der Wertung, der sie
— DD— Strafen erhalten.
Ich habe anderweitig versucht, den hier vorliegenden psychologisch-jocialen Prozeß,
soweit er das wirtschaftliche Leben betrifft, genauer zu analysieren und zu zeigen, wie
die fuccessive Ausbildung der komplizierteren wirtschaftlichen Verhältnisse einerseits, der
jeineren Gefühle und der geläuterten Urteile in Bezug auf das Gerechte andererseits immer
wieder zu anderen praktischen Resultaten führt, wie nur fest krystallisierte, in breiten
Schichten zur Herrschaft gelangende Maßstäbe des Gerechten nach und nach das positive
Recht und die Institutionen beherrschen küönnen, wie die formale Grenze aller Rechts—
satzungen und das Eingreifen gleichberechtigter anderer oberster sittlicher Ideale die
Duͤrchführbarkeit des Gerechten immer einengt; ich habe haupisächlich zu zeigen gefucht,
daß die Idee der Gerechtigkeit, indem sie jedem einzelnen das Seine zuteilen will, stets
mehr individualistisch ist, die Forderungen der Gesamtheit und ihrer Zwecke nicht ebenso
in den Vordergrund rückt, daß also schon deshalb die idealen Forderungen der Gerech⸗
tigkeit nicht stets im positiven Recht praktisch durchführbar sind. Ich kann hier das
inzelne dieser Untersuchung nicht wiederholen, ebensowenig den Nachweis, wie es kommt,
daß verschiedene Menschen, Klassen, Varteien das Gerechte immer leicht verschieden
»mpfinden und beurteilen.
Das Angeführte genügt als Beweis dafür, daß die großen sittlichen Ideale, so
herechtigt sie im ganzen sind, so heilsam sie als Fermente des Fortschrittes bei richtiger
Begrenzung und bei richtiger Verbindung untereinander wirken, doch vereinzelt leicht zu
alschen Forderungen und zu jalscher Beurteilung des Bestehenden führen. Sie stellen
tets begrenzte historische Richtungen des Geschehens, partiell berechtigte Zwecke dar. Sie
haben uch erst im Leben, in der Ausführung, im Kampfe der Ideen zu bewähren und
ju gestalten. Sie werden in der Theorie und im Kampfe der Parteien stets leicht miß⸗
herstanden und überspannt, weil die Grenzen nicht mit ihrer allgemeinen Formulierung
gegeben sind. Wenn der Liberale heute sagt: die moderne Volkswirtschaft ruht auf
heisönlicher Freiheit und sfreiem Eigentum, so ist das so wahr und so falsch, wie
wenn der Socialift sagt, sie ruht auf zunehmender Vergesellschaftung des Produktions—
und des Verteilungsprozesses; in beiden Fällen ist eine thatsächliche und berechtigte
Bewegungstendenz abstrakt ohne ihre Grenzen in einem allgemeinen Satze ausgesprochen
und daher leicht zu falschen Schlüssen zu brauchen.
Alle die vorstehenden Ausführungen werden uns nun zugleich erleichtern, die Ge⸗—
schichte der volkswirischaftlichen Theorien und Systeme zu verstehen, zu der wir uns
setzt wenden. So weit sie in älterer Zeit auseinander gehen, liegt es wesentlich daran,
daß einseitig gewisse große sittliche Ideale, die als berechtigte Zeitforderungen natur—
gemäß im Vordergrunde standen, als Bewegungen und Forderungen aller Zeiten, als
infeitige Grundlage der Wissenschaft überhaupt hingestellt wurden. —

III. Die geschichtliche Entwickelung der Litteratur und die
Methode der Volkswirtschaftslehre.

1. Die Anfänge volkswirtschaftlicher Lehren bis ins 16. Jahrhundert.

Über Definition der Volkswirtschaftslehre: Schmoller, Über einige Grundfragen der
Socialpolitik und Volkswirtschaftslehre. 1898. — Der Art. Volkswirtschaft und Volkswirtschafts⸗
lehre und Methode, im 88 Sü.W. — Die ersten Paragraphen der meisten Lehrbücher.
ber die griechisch⸗ römische Litteratur; Bruno Hildebra nd, Xenophontis et Aristotelis
Joctrina de beconomia publics. 1845. — Stein, Die staatswissenschaftl. Theorie der Griechen von
bldld d AÄristteles. 35f. St.W. 18838. — Karl Hildebrand. Geschichte und Systeme der Rechts⸗
        <pb n="88" />
        76 Einleitung. Begriff. Psychologische und fittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

und Staatsphilos. 1. Altertum. 1860. — 8. Schmidt, Ethik der alten Griechen. 2 Bde. 1882. —
ZelLex, Die Philosophie der Griechen. Zuerst 18414 ient 6 Bde. 1882 -92, und ders., Grundriß
der Geschichte der griech. Philosophis. 6. NAufl. 1888088. Dümmler, reeeee zu Platos
Staat. 1891. — Pohlmann, Geschichte des antiken Kommunismus und Soria ismus. 1893. —
Dertmann, Die Volkswirtschaftslehre des Corpus juris civilis. 1891.
Uber die christliche Litteratur: v. Eicken, Geschichte und System der mittelalterlichen Welt—
anschauung. 1887. — Adolf, Harnack, Die evangelisch- sociale Aufgabe im Lichte der Geschichte der
Kirche. Weuß Jahrb. Bd. 76. 1894. — Ders., Wefsen des Christentlums, 1900. — Endemann,
Die nationalbkonomischen Grundsätze der kanonistischen Lehre. J. f. N. J. F 1868. — Funk, Die
okonomischen Anschauungen der mittelalterlichen Theologen. 8. f. St. W. 1869. — Ders., Zins und
Wucher im christlichen Altertum. 1875. — Schmoller, Zur Geschichte der nativnalskonom. Au—
sichten in Deutschland während der, Reformationsperiode. Zs. St.WB. 1801* Dilthey, Auf—
Wung puv Analyse des Menschen im 15. u. 16. Jahrh. Acrchiv s. Gesch. d. Philosophie Bd. 4 u. 5.
189192.

34. Einleitung. Definition der Volkswirtschaftslehre. Die Keime
aller Wissenschaft liegen in der älteren Vollspoesie, in welcher Glauben und Ideale der
Menschen ihren ersten Ausdruck fanden, und in den Regelsammlungen, welche Priester
und Richter veranstalteten und erklärten. In diesen Regeln wurde Sitte, Ritual, Recht
und Verhalten in allen möglichen Lebenslagen verzeichnet; mit dem erwachenden Nach—
denken schlossen sich daran Überlegungen, Urteile, Anderungsvorschläge. So wurde auch
die wirtschaftliche Sitte und das wirtschaftliche Verhalten nach und nach erörtert; zumal
als das volkswirtschaftliche Leben in die neuen, komplizierten Bahnen der Geld- und
Kreditwirtschaft, der Gewerbe- und Handelsentwickelung überging, die Formen der alt—
hergebrachten Naturalwirtschaft sich Dösten, da traten neben die überlieferten Vorstellungen
die Kritik, die neuen Vorschlaͤge über wirtschaftliche Moral und wirtschaftliche Gesetze,
über Geldwesen, Handelserwerb, Steuern und Kolonien; es entstand eine lebendige,
praktische Erörterung, und wir sehen ihren Reflex in den ethischen und politischen
Schriften der Zeiten, welche volkswirtschasftliche und sociale Fragen zum erstenmale zu—
sammenhängend besprachen. So haben zuerst die Griechen im 5. uͤnd 4. Jahrhundert vor
Christi in ihren philosophischen Schriften wissenschaftlich⸗ volkswirtschaftliche Probleme
erörtert. Und ähnlich begann man seit der Renagissance den volkswirtschaftlichen Er—
scheinungen eine größere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Fragen erlangten rasch in
den philosophischen und ethischen Systemen, in den Staatstheorien des 16.—18. Jahr—
hunderts einen breiteren Raum. Jim letzteren wurde eine besondere Unterweisung der
studierenden Jugend in volkswirtschaftlichen Fragen Bedürfnis. Und nun führte der
große Aufschwung des wissenschaftlichen Denkens uͤberhaupt zu der besonderen Wissen—
schaft der Nationalökonomie oder Volkswirtschaftslehre; d. h. die volkswirtschaftlichen
Sätze und Wahrheiten und die als Ideal empfohlenen volkswirtschaftlichen Maßregeln
wurden aus der Moralphilosophie, dem Naturrecht und der Staatslehre ausgelöst und
zu einem selbständigen Systeme durch gewisse Grundgedanken, wie staatliche Wirtschafts—
politit, Geldcirkulafion, natürlicher Verkehr, Arbeit und Arbeitsteilung verbunden und
als selbständiges Wissensgebiet hingestellt. Seither giebt es in der Litteratur, im
Unterricht, im Volksbewußtsein die besondere Wissenfchaft der Volkswirtschaftslehre, welche
die volkswirtschaftlichen Erscheinungen beschreiben und definieren, ein zutreffendes Bild
von ihnen auf Grund wissenschaftlicher Begriffe im ganzen und einzelnen entwerfen,
owie diese Erscheinungen als ein zusammenhuͤngendes Ganzes und als Feil des gesamten
Volkslebens begreifen, das einzelne aus seinen UÜrsachen erklären, den volkswirtschaftlichen
Entwickelungsgang verstehen lehren, die Zukunft womöglich voraussagen und ihr die
rechten Wege bahnen will.
Dieser letzte praktische Gesichtspunkt ist es, der neben dem erst nach und nach sich
ausbildenden rein theoretischen Interesse den Anstoß zu allem Nachdenken und aller
wisfenschaftlichen Erdrterung gegeben hat. Und daher ist es begreiflich, daß die älteren
Anfänge des volkswirtschaftlichen Nachdenkens hauptsächlich in den Moralsystemen und
dem an sie anschließenden Naturrecht enthalten find. Was wir bis ins 17. Jahr⸗
sudecne volkswirtschaftliche Lehren bexichten können, steht in der Hauptsache auf
iesem Boden.
        <pb n="89" />
        Antike volkswirtschaftliche Litteratur.

77

35. Die griechisch-römischen Lehren von Staat, Gesellschaft, Moral,
Kecht und Volkswirtschaft gehören der Epoche an, in welcher theoretisch zum erstenmale
ein gedankenmäßiger Zusammenhang des gesellschaftlichen Lebens gefunden und in
welcher praktisch die älteren kleinen Städtestaaten sich erst in das makedonische, dann in
das römische Weltreich auflösten. In Griechenland ist es das 5. bis 8. Jahrhundert
bvor Christi, in Rom das Ende der Republik, der Anfang des Principats. Dort hatten
in rascher Entwickelung die alten aristokratischen Verfassungen der äußersten Demokratie
Platz gemacht: den dorischen Ackerbaustaaten stand die Blüte des Seehandels und der
Gewerbe bei den Joniern gegenüber; Geldwirtschaft, Kredit, Spekulation, Luxus, scham—
lose Erwerbssucht hatten hier Platz gegriffen, die alten Zustände aufgelöst; der Mittel—
stand verschwand; die wenigen Reichen und die Masse der armen Bürger, die nicht
arbeiten, sondern vom Staate leben wollten, standen sich aufs schroffste gegenüber; ver—
nichtende sociale Kämpfe und kommunistische Projekte waren an der Tagesordnung.
Unter dem Einfluß der großen Verfassungs- und Wirtschaftskämpfe entstand die uns
heute noch, wenigstens bruchstückweise, erkennbare Litteratur.
Während der Verächter der Demokratie, der große Heraklit (sf 478 v. Chr.) noch
alle Gesetze und alle Ordnung der Gesellschaft auf die Gottheit zurückführt und zur
Eintracht im Staate mahnt, sind es die Lehrer und Freunde der siegenden Demokratie,
die Sophisten, welche das Individuum, seine Lust und seinen Nutzen als Princip ihrer
Ethik, Recht und Gesetz als willkürliche Satzungen, als ein Machwerk der Starken hin—
stellen, die Gesellschaft unter dem Bilde des Kampfes der Starken mit den Schwachen
hegreifen, den Staat als durch Vertrag entstanden betrachten. Ihnen stellt Plato
47347 v. Chr.) feine Lehre von der Objektivität des Guten und der Herrschaft der
göttlichen Ideen in der Welt und das Ideal eines aristokratifch-agrarischen Staates
zutgegen, in welchem eine philosophische Beamtenklasse ohne Privatbesitz regiert, in dem der
Grundbesitz, der Erwerb, die Aus- und Einfuhr, die Erziehung durch strenge Ordnungen
gebunden und reguliert sind. Seine beiden Werke über den Staat und über die Gesetze
sind die tiefernsten Mahnworte zur Umkehr und Besserung an die genuß- und herrsch—
füchtige Demokratie seiner Vaterstadt Athen, an deren Zukunft er verzweifelt. Er ist nicht
sommunist, sondern verlangt nur für die kleine herrschende Aristokratie Verzicht auf
Sondereigen und Sonderkinder, um deren Egoismus und Habsucht zu bannen.
Dem großen Idealisten treten teils gleichzeitig, teils direkt folgend die drei Realisten
zur Seite: der Historiker Thukidides, der seine historische Erzählung aufbaut auf die
Beobachtung und Würdigung der wichtigsten staatlichen und volkswirtschaftlichen Er—
scheinungen seiner Zeit; der Feldherr Xenophon, der neben historischen staatswissenschaft—
liche und volkswirtschaftliche Werke und darin über Staatseinnahmen, Hauswirtschaft,
Geldwesen, Arbeitsteilung schreibt und den gesunkenen Republiken das Bild eines edlen
sKönigtums vorhält; endüich Aristoteles (88—822 v. Chr.), dem die vollendetste Ver—⸗
bindung empirischer Beobachtung mit generalisierender wissenschaftlicher Betrachtung im
Altertum gelingt, der mit seiner Ethik, Politik und Okonomik auch als der Ahnherr
aller eigentlichen Staatswissenschaft gelten kann. Sein Hauptinteresse ist den politischen
Verfassungsformen zugewendet; aber auch über das wirtschaftliche und sociale Leben hat
er bedeutsame Wahrheiten ausgesprochen.
Überall vom praktischen Leben ausgehend, knüpft Aristoteles das Gute und Sitt—
liche an das Natürliche, die Tugenden an die von der Vernunft regulierten Triebe an.
Staat und Gesellschaft läßt er nicht aus dem Kampfe feindlicher Individuen, aus Not
und Vertrag, sondern aus einem angeborenen gesellig-ympathischen Triebe hervorgehen.
Der Staat ist ihm nicht ein möglichst einheitlich organisierter Mensch im großen, wie
dem Plato, sondern eine Vielheit von fich ergänzenden Individuen, Familien und
Bemeinden; er betrachtet ihn als ein in der Natur begründetes Zwecksystem, in dem
die Teile sich dem Ganzen unterzuordnen haben, dessen Selbständigkeit und Harmonie
den Herrschenden und Beherrschten, den Klassen und den Individuen ihre Sphäre, ihre
pflichten vorschreibt. Er schildert, wie aus der Arbeitsteilung und Besitzverteilung die
dreialen Klafsen und Berufsstände sich bilden. Er setzt die natürliche alte Haushalts—
        <pb n="90" />
        78 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage, Litteratur und Methode.

kunst, die in der Urproduktion wurzelt, der neuen Gelderwerbskunst, die mit dem Handel
entsteht, gegenüber; er untersucht, welche psychologischen und sittlichen Folgen die ver—
schiedenen Erwerbsarten und Beschäftigungen haben. Allen Erwerb, der ohne Schranken
gewinnen will, der über das Bedürfnis hinaus und mit dem Schaden anderer gemacht wird,
oerurteilt er als verderblich. Das Geld betrachtet er als ein notwendiges Tauschmittel
und Wertäquivalent, aber es soll keine Zinsen tragen, denn Geld gebiert kein Geld. Auf
Grund seiner Einsicht in die sittliche und politische Entartung der griechischen Demo—
tratien und Handelsstädte verlangt Aristoteles, daß die höher gebildeten und besitzenden
Klassen im Staate herrschen, die arme, taglöhnernde Volksklasse ohne politische Rechte
sei. Doch scheint ihm die Gesellschaft die beste, wo der Mittelstand überwiegt. In
Bezug auf die socialen Pflichten des Staates betont er vor allem seine Sorge für Er—
ziehung; denn alle Tugend ist ihm Folge der Gewöhnung. Er giebt auch zu, daß
manches im Staate gemeinsam sein soll; im übrigen aber verlangt er getrenntes Eigentum.
Als Mittel, den bleibenden Wohlstand der unteren Klassen zu heben, verlangt er Koloni—
jation und Landzuweisungen. An der von manchen bereits als widernatürlich bezeichneten
Sklaverei will er nicht gerüttelt haben; die großen Unterschiede der Rasse, der Fähig—
keiten erkennend, meint er, wenigstens da sei Sklaverei gerechtfertigt, wo der Sklave so
verschieden vom Herrn sei wie die Seele vom Leib. Die zahlreichen Projekte seiner
Zeit, die auf Güter- und Weibergemeinschaft zielen, unterzieht er der schärfsten Kritik:
was vielen gemeinsam ist, wird ohne Sorgfalt besorgt und führt stets zu Händeln, wie
man bei jeder Reisegesellschaft sieht; gemeinsame Kinder werden schlecht erzogen; die
Bande der Liebe werden bis zur Wirkungslosigkeit verwässert, wenn der Bürger tausend
und mehr Söhne hat. Die Revolutionen, die aus den wirtschaftlichen Mißständen und
den Fehlern der Regierenden entspringen, erörtert er eingehend; aber er glaubt nicht,
daß hier socialistische Projekte helsen. Eine erzwungene Gleichheit des Befitzes hält er
für weniger durchführbar, als eine staatliche Regelung der Kindererzeugung, welcher er
richt abgeneigt ist.
Weder die idealistischen Lehren und Ideale Platos, noch die realistischen Aristoteles'
konnten die griechische Kultur in ihrem Werdegang aufhalten. Und in ähnlicher Weise
haben sich einige Menschenalter später die Dinge in Rom und Italien entwickelt. Aus
dem individualistischen Egoismus und der cynischen Genußfucht der Zeit, aus den
Klassfenkämpfen und Bürgerkriegen, aus den Rivalitäten der Kleinstaaten gab es keinen
anderen Ausweg als die eiserne Militärdiktatur in geordneten bureaukratischen Welt—
reichen und den weltflüchtigen Idealismus der Philosophie und des Christentums, beides
eng zusammengehörige, einander bedingende Erscheinungen. Das Imperium der Cäsaren
war halb demokratischen Ursprunges und suchte durch staatssocialistische Brotspenden und
ähnliche Maßregeln die unteren Klassen zu befriedigen; aber vor allem stellte es Ruhe,
Frieden und Ordnung wieder her. Eine Nachblüte geistiger und wirtschaftlicher Kultur
trat ein; Landbauschriftsteller, Juristen, Historiker und Philosophen erbrterten nun im
Anschluß an die griechischen Autoren auch mannigfach einzelne volkswirtschaftliche Fragen.
Aber zu einer Wissenschaft der Volkswirtschaft kam es weder in Alexandria noch in Rom,
während eine solche des Rechtes, der Physik, der Medizin in jenen Tagen entstand. Die
Jeistig vorherrschenden philosophischen Schulen des Epikur und der Stoa waren nicht
darauf gerichtet, ein tieferes Studium der gesellschaftlichen Einrichtungen herbeizuführen.
Epikurs Atomistik erklärt, wie die Sophisten, die Gesellschaft aus dem Zusammentreten
elbstsüchtiger, sich bekämpfender Individuen, die einen Staatsvertrag aus Nützlichkeits⸗
rwägungen eingehen; der epikureische Weise zieht sich aus der Welt, aus der Ehe, dem
Familienleben, dem Staate zurück; ein vernünftiges, sinnlich-geistiges Genußleben, das in
Gemütsruhe kulminiert, das Streben nach Ruhin und Reichtum ausschließt, ist sein
Lebensideal; ein jester monarchischer Staat, widerftandsloser Gehorsam sind die politischen
Forderungen der passiv müden Lehre. Diesen Individualisten der genießenden stehen
die Stoiker als die Individualisten der entsagenden Gemütsruhe gegenuͤber. Sie erheben
sich mit ihrer tiefsinnigen pantheistischen Weltanschauung zwar turmhoch über Epikur,
aber praktisch kommen fie doch zu ähnlichen Ergebnissen. Die Natur ist ihnen ein System
        <pb n="91" />
        Antike Philosophie und Christentum.

79

von Kräften, das von der göttlichen Centralkraft, der Vernunft, bewegt wird, Auch im
Menschen lebt das göttliche Gesetz, die naturgesetzliche Vernunst, die ihn zur Gemeinschaft
ührt, die das menschliche Handeln und die Gesellschaft regiert. Im Anfange bestand
ein goldenes Zeitalter, das währte, so lange das reine Naturgesetz herrschte; aber auch
spaͤter ist das Raturrecht neben den falschen positiven Gesetzen vorhanden; die menschlichen
Satzungen müssen nur wieder in Übereinstimmung mit dem Naturgesetz gebracht werden:
das wird der Fall sein, wenn alle Leidenschaften von der Vernunft gezähmt sind,
wenn alle Menschen einen Staat ausmachen, in dem die Einzelstaaten enthalten sind,
wie die Häuser in einer Stadt. Mag ein stoischer Kaiser, wie Mark Aurel, den mensch—
lichen Trieb nach Gemeinschaft und das Vernünftige der Staatseinrichtungen betont
haben, mögen die von der Stoa beherrschten römischen Juristen für das Verständnis
iner festgefügten herrschaftlichen Staatsordnung energisch gewirkt haben, das welt⸗
bürgerlich-quietistisch-brüberliche, gesellschaftliche Ideal der entsagenden, den Selbstmord
verherrlichenden Stoiker blieb jene Weltgemeinschaft Zenos „ohne Ehe, ohne Familie,
ohne Tempel, ohne Gerichtshöse, ohne Gymnafien, ohne Münze“, d. h. ein unrealisier—
barer Traum, aus dem keine praktische Kraft des Schaffens und keine lebenskräftige
Theorie erwachsen konnte.
36. Das Christentum. Der Neuplatonismus rückte die sinnliche Welt noch
eine Stufe tiefer als die Stoa; er sah im Körper das Gefängnis der Seele, im Tode
die Befreiung von Sünde und Zeitlichkeit. Die christliche Erlösungslehre liegt in der—
selben Richtung. Die Wiedervereinigung mit Gott, die Erlösung von Sünde und Welt
ist das Ziel, das alles irdische Thun als eine kurze Vorbereitungszeit fürs Jenfeits
erscheinen läßt; je mehr der Mensch den irdischen Genüssen und Guͤtern entsagt, desto
besser hat er seine Tage benützt. Stoa, Neuplatonismus und Christentum sind Stufen
derselben Leiter, sind die notwendigen Endergebnisse eines geistig-fittlichen Prozesses, der
nus dem Zusammenbruch der antiken Kultur zum Höhepunkt des religiös⸗sittlichen
debens der Menschheit führt. Nur aus der Stimmung der Verzweiflung an Welt und
irdischem Dasein heraus konnte jene christliche Sehnsucht nach Gott und Erldsung ent⸗
stehen, welche eine Anspannung der sittlichen Kraͤfte und sympathischen Gefühle ohne
Gleichen jür Jahrtausende und damit für die ganze Zukunft eine neue moralische und
gesellschaftliche Welt erzeugte.
Freilich war es nur in den langen Jahrhunderten des Niederganges der alten
wirtschaftlichen Kultur und der vorherrschenden Naturalwirtschaft des älteren Mittelalters
nöglich, daß Weltflucht fast noch mehr als brüderliche Liebe, Ertötung der Sinne und
beschaulicher Quietismus als höchste Ideale galten, daß man Arbeit und Eigentum
wesentlich als Fluch der Sünde betrachtete, daß man den Gelderwerb überwiegend als
Wucher brandmarkte, ein Almosengeben um jeden Preis, ohne Uberlegung des Erfolges,
empfehlen konnte. Es ist heute leicht, die Überspanntheit und Unausführbarkeit vieler
praktischer Forderungen des mittelalterlich-asketischen Christentums nachzuweisen; noch
leichter zu jeigen, daß ein irdischer Gottesstaat im Sinne Augustins auch der Welt⸗
herrschast und dem Millionenreichtume der römischen Kirche durchzusühren unmöglich war.
Die vollständige Weltflucht und die Indifferenz gegen alles Irdische artete in trägen
Quietismus, in falsches Urteil über Arbeit und Besitz, in Zerstörung der Gesundheit, die
überspannung der Brüderlichkeit in kommunistische Lehren, in Verurkeilung aller höheren
Wirtjschaftsformen und Auflbösung der Gesellschaft aus. Aber ebenso sicher ist, daß diese
Finseitigkeiten notwendige Begleiterscheinungen jenes moralischen Idealismus waren, der
vie ein Sauerteig die Völker des Abendlandes ergriff und emporhob. Es entstand mit
dieser christlichen Hingabe an Gott, mit diesen Hoffnungen auf Unsterblichkeit und ewige
Seligkeit ein Gottvertrauen und, eine Selbstbeherrschung, die bis zum moralischen
Heroismus ging; eine Seelenreinheit und Selbstlosigkeit, ein Sich-Opfern für ideale Zwecke
durde möglich, wie man es früher nicht gekannt. Die Idee der brüderlichen Liebe,
der Nächsten- und Menschenliebe begann alle Lebensverhältnisse zu durchdringen und
erzeugte eine Erweichung des harten Eigentumsbegriffes, einen Sieg der gesellschaftlichen
ud Gattungsintereffen über die egoistischen Individual-, Klassen- und Nationalinteressen,
        <pb n="92" />
        30 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

eine Fürsorge für die Armen und Schwachen, die man im Altertum vergeblich sucht.
Die Idee der Gleichheit vor Gott trat den bestehenden harten Gesellschaftsunterschieden
versöhnend, mildernd zur Seite; in jedem, selbst dem Riedrigsten, wurde die Würde des
Menschen anerkannt, wenn auch die spätere aristokratische Kirchenlehre den Ständeunter—
schied wieder als eine göttliche Fügung deutete.
Die ethische und die praktische Einseitigkeit der mittelalterlich-christlichen Ideale
jand ihre Auflssung in der weltlichen Entartung der romanisch⸗-regimentalen, hierarchischen,
nach politischer Weltherrschaft statt nach religios-sittlicher Verbesserung strebenden Kirche,
in den veränderten wirtschaftlich-socialen Lebensbedingungen der abendländischen Völker
seit dem 18. Jahrhundert, in dem Wiederaufleben der antiken Studien und vdes wissen⸗
schaftlichen Betriebes. Schon Thomas von Aquino trägt im 18. Jahrhundert in vielem
wieder die nationalbkonomischen Lehren von Aristoteles vor; und in der politischen und
ethischen Gedankenbewegung der folgenden Jahrhunderte wächst der Einfluß des roͤmischen
Rechtes, der Stoa und Epikurs neben der Macht der neuen wirtschaftlichen Thatsachen.
In der italienischen Renaissance des 15. Jahrhunderts entdeckt das Individuum gleichfam
sich selbst und sein Recht an eine lebensvolle Wirklichkeit. In der deutschen Reformation
des 16. Jahrhunderts schüttelt die germanische Welt das geistige Joch der entarteten
römischen Kirche ab und findet eine neue, höhere Form der Froͤmmigkeit, welche nicht
nehr mystischen Quietismus und Weltflucht fordert, welche jedem einzelnen den freien
Zugang zu Gott läßt, diesen nicht mehr allein durch die Priesterkirche vermittelt, welche
mit dem höchsten Gottvertrauen kräftigstes aktives Handeln in dieser Welt verbinden
will. Eine Lehre, welche in der Arbeit jedes Hauses, jeder Werkstatt, jeder Gemeinde
ein Werk Gottes sah, führte erst recht die chriftlichen Tugenden in das Leben ein und
zab den germanisch-protestantischen Staaten jene attiv ethischen Eigenschaften, jene Ver—
tiefung des Volkscharakters, jene Stärkung der Familien- und Gemeingefühle, welche
je bis heute an die Spitze des geistigen, politischen und volkswirtschaftlichen Forischrittes
stellte. Wie großes aber praktisch so die Reformation leistete, wie sehr sie sich bemühte,
ius ihren dogmatischen und philosophischen Prämissen und Idealen heraus zu gewissen
Lehren über Staat, Gesellschaft und soeiales Leben zu kommen, eine selbstaͤndige und
zroße Leistung auf diesem Gebiete war ihr doch versagt. Was die Reformatoren über
wirtschaftliche und sociale Dinge lehrten, knüpft halb an die Kirchenväter und das Ur—
hristentum, halb an die Stod an; was sie praktisch vorschlugen, war von den ver—
ichiedenen realen Zuständen ihrer Umgebung bedingt und war so in Wittenberg etwas
anderes als in Zürich oder Genf. Es kam teilweise üͤber theoretische Anläufe nicht hinaus;
die Wirtschafts- und Socialpolitik Luthers war nicht frei von Fehlgriffen, mißverstand
die Gärung der Bauern, wußte das brüderliche Gemeindeleben nicht zu beleben, wie es
den Reformierten gelang. Die Bedeutung der Reformatoren für die Staatswissenschaft liegt
o nicht sowohl in dem, was sie etwa über Wucher, Geld, sociale Klassen, Obrigkeit
jagten, als in dem sittlichen Ernst ihrer dem Leben zugewendeten Moral, in dem Hauche
geistiger Freiheit, der von ihnen ausging, in dem Versuche, die Uberlieferung antiker
Wisfenschaft mit christlicher Gesittung und Empfindung zu verbinden. Aus diesen Ten⸗
denzen entsprang dann zu Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts jenes
Naturrecht, das zum erstenmal seit den Alten den selbständigen wissenschaftlichen Versuch
iner Lehre von Staat, Recht, Gesellschait und Volkswirischaft eunalt

.

Das Wiedererwachen der Wissenschaft und das Naturrecht des 17. Jahr⸗
hunderts.

Zur Litteraturgesch. der Volkswirtschaftslehre überhaupt: Kautz, Die geschichtl. Entwickelung
der Nationalötonomikiund ihrer Liltccatueat Dühring, Kritische Geschichte der National
konomie und des Socialismus, i873 Aufl. 1879. — Roschoͤr, Geschichte der Nationalökonomik.
1881. 2. Aufl. 1891. Eisenhart, Geschichte der Nationalökonomik. 1881 u. 91. — Schmoller,
Zur Litteraturgeschichte der Stauts und Socialwissenschaften. 1888. — Ingram, Geschichte der
Volkswirtichaftslehre“ Deutsch 1806
        <pb n="93" />
        Die Reformation und die neueren Wissenschaften. 81

Zum Naturrecht: Stahl, Geschichte der Rechtsphilosophie. 1880. 5. Aufl. 1878. — Hinrichs,
Geschichle des Natur- und Völkerrechts. 128, 1848 50 (geht von der Reformation bis Wolf). —
Borlaͤnder, Geschichte der philosophischen Moral, Rechts- und Staatslehre der Engländer und
Franzosen 1885. — Bluntschli, Geschichte des allgemeinen Stagtsrechts und der Politik. 1864. —
Dilthey, Das natürliche System der Geisteswissenschaften im 17. Jahrhundert. Archivef. Gesch. d.
Philof i898 908. . Seydel und Rehm, Geschichte der Staatsrechtswissenschaft. 1896.

37. Die Anfänge der neueren Wifsenschaft überhaupt. Aus der
Wiederbelebung der antiken Studien, wie sie ihren Ausdruck im Humanismus des 15.
und 16. Jahrhunderts fand, und aus der Reformation entsprang eine geistige Bewegung,
die mit Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton zur Begründung der Naturwissenschaften,
mit Bacon, Descartes, Spinoza und Leibniz zu einer der antiken ebenbürtigen Philosophie
und im Zusammenhange mit den praktischen Bedürfnissen der neuen Staats- und Gesell⸗
schaftsbildung in Bodinus, Hobbes, Hugo Grotius, Pufendorf, Shaftesbury, Adam Smith
erst zu einer allgemeinen Staatslehre (dem sogenannten Naturrecht), dann zur National⸗
zkonomie führte, Alle diese wissenschaftlichen Anläufe stehen auf demselben Boden. Uber
die Kirchenlehre der Reformation hinausgehend, traut sich die menschliche Vernunft direkt
die Gottheit, die Natur und das Menschenleben zu begreifen; die Wissenschaft sucht sich
loszulbsen von Offenbarung und kirchlicher Satzung; sie traut sich im stolzen Gefühle der
erreichten Mundigkeit den Flug nach oben, auch auf die Gefahr hin, daß er teilweise ein
Ikarusflug werde. Das Beduͤrfnis, über Natur und Welt, Staat und Gesellschaft ge—
dankenmäßig Herr zu werden, ist so groß und so dringlich, die Staatsmänner wie die Ge—
lehrten jener Tage haben einen so starken positiven Zug, haben so festen Glauben an sich
und die Resultate ihrer Überlegungen, daß Kritik und Zweifel immer wieder rasch in
'est geschlossene Systeme umschlagen, welche bestimmte Ideale enthalten, an welchen mit
deidenschaft gehangen, für welche praktisch gekämpft wird. Wenigstens für die wissen⸗
schaftlichen Versuche der Ethik, der Staats- und Rechtslehre, der Volkswirtschaftslehre
zilt dies zunächst und in abgeschwächter Weise bis auf unsere Tage. Es entstehen
Theorien, die, obwohl teilweise auf Erfahrung und Beobachtung ruhend, obwohl auf
Erkennen gerichtet, doch in erster Linie praktischen Zwecken dienen. Aus den Bedürfnissen
der Gesellschafi und ihrer Neugestaltung heraus werden Ideale aufgestellt, werden Wege
gewiesen, Reformen gefordert, und dazu wird eine Lehre, eine Theorie als Stützpunkt auf⸗
gestellt. Und die Möglichkeiten sind so auseinandergehend, die Auffassung und Beurteilung
Zessen, was not thut, ist nach philosophischem und kirchlichem Standpunkte, nach Klassen—
interesse und Parteilosung, nach Bildung und Weltanschauung so verschieden, daß in
verstärkten Maße das Schauspiel des späteren Altertums und des Mittelalters sich
wiederholt: eine Reihe entgegengesetzter Theorien entwickelt sich und erhält sich neben—
»einander, wie in der Moral, so auch in der Staatslehre, der Nationalökonomie, der
Socialpolitik. Die letzten Ursachen hievon sind die von uns schon (S. 69—70) besprochenen.
Aus den Bruchstücken wirklicher Erkenntnis läßt sich zunächst nur durch Hypothesen
und teleologische Konstruktionen ein Ganzes machen. Aber ein solches ist nötig, weil
der Einheitsdrang unseres Selbstbewußtseins nur so zur Ruhe kommt, und weil nur
durch geschlossene, einheitliche Systeme der menschliche Wille praktisch geleitet werden
kann. Der nie ruhende Kampf dieser Systeme und Theorien hat eine kaum zu über—
schätzende praktische und theoretische Bedeutung; die jeweilig zur Herrschaft kommenden
Theorien übernehmen die Führung in der Politik und die Umgestaltung der Gesellschaft,
und aus der immer wiederholten gegenseitigen Kritik und Reibung entsteht der Anlaß
zum wirklichen Fortschritte im Leben und in der Erkenntnis. Die späteren Systeme
und Theorien enthalten einen steigenden Anteil gesicherten Wissens neben ihren ver—
zänglichen Bestandteilen.
Wir betrachten nacheinander das sogenannte Naturrecht, den Kreis der merkantilisti—
ichen Schriften, die Naturlehre der Volkswirtschaft und die socialistischen Systeme als die
am meisten hervortretenden sich folgenden Richtungen des volkswirtschaftlichen Denkens,
ofern es in bestimmte Ideale und Systeme der pratktischen Politik auslief, um erst
Schmoller, Grundriß der Volkswirtichaftslehre. J. 426. Aufl. 8
        <pb n="94" />
        82 Einleitung. Begriff. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

nachher von der Methode der Volkswirtschaft und den neueren Versuchen zu reden, auf
Grund tieferer Forschung ein wirklich wissenschaftliches Gebäude derselben zu errichten.
Es erklärt sich aus der Natur dieser Litteratur, daß ihre Träger nur teilweise
Gelehrte des Faches sind; man findet unter ihnen Staatsmänner, Arzte, Naturforscher,
Praktiker aller Art, Tagespolitiker. Die Begründer der neuen Theorien find häufig
messiasartige Persönlichkeiten, die nach Sektenart Gläubige um sich sammeln, die einen
halb mystischen Glauben an bestimmte Formeln und politische Rezepte haben. Es fehlen
uͤnter ihnen nicht die marktschreierischen und agitatorischen Elemente, ebensowenig aber
die edelsten Idealisten, die mehr intuitiv und mit dem Gemüte die Aufgaben der Zeit
exfassen als mit umfassender Gelehrsamkeit und nüchternem Scharfsinn die Erscheinungen
intersuchen. Große Kenner des Lebens sind darunter wie Stubengelehrte, die kühne
Bebäude aus den unvollständigen Elementen unseres Wissens zimmern. Immer aber sind
die Führer der betreffenden Schulen Pfadfinder gewesen auf dem dornenvollen Wege
der Neugestaltung; sie haben der Gefellschaft eine praktische Leuchte vorangetragen, die,
wenn sie nicht die ganze Zukunft, so doch partielle Wege derselben aufhellte.
38. Das Naturrecht. Die sogenannte natürliche Religionslehre, das Natur—
recht oder die natürliche Lehre vom Recht, Staat und Gesellschaft, sowie die natürliche
Pädagogik sind Früchte desselben Baumes, sie gehören alle derselben großen geistigen
Bewegung an, die im 16. Jahrhundert entsprang, im 17. und 18. als Aufklärung
vorherrschte. Aus dem gehässigen Kampfe der Konfessionen und Sekten, der Religions—
riege entsprang die Sehnsucht nach einem reinen Gottesglauben, der, aus dem Wesen des
ratürlichen, von Gott mit gewissen Gaben ausgestatteten Menschen abgeleitet, alle
Völker und Rassen, alle christlichen Konfesstonen unter Zurückdrängung der Dogmen und
der mit der natürlichen Vernunft im Widerspruch stehenden Glaubenselemente einigen
könnte. Geläuterte christliche Empfindungen und stoische Traditionen verbanden sich
zu jenem universal-religiösen Theismus, zu jener Lehre von der Toleranz, zu jener
natürlichen Religion, welche die edelsten Geister jener Zeit einte: Erasmus, Sebastian
Frank, Thomas Morus, Coornhert, Bodinus, Hugo Grotius, Spinoza, Pufendorf, die
Socinianer und Arminianer. Auch Zwingli und Melanchthon hatten sich diesem
Gedankenkreise stark genähert; letzterer mit seiner Theorie, daß dem Menschen ein natür—
liches Licht mitgegeben sei, in dem die wichtigsten theoretischen und praktischen Wahr—⸗
heiten enthalten seien; gewisse notitae, sagt er, hauptsächlich die Grundlagen der Ethik,
der Staats- und Rechtslehre seien dem Menschen von Gott eingepflanzt, stünden mit
dem göttlichen Denken in Übereinstimmung. Von da war es nur ein kleiner Schritt zu der
Annahme, die menschliche Vernunft habe an sich das Vermögen, die religiös-moralischen
Wahrheiten zu erkennen, wie sie Herbert von Cherbury für die Religion, Bacon unter
Berufung auf das Naturgesetz für die sittlichen Ordnungen annahm. In der UÜber—
einstimmung der Völker und in der Analyse der menschlichen Natur findet Hugo
Grotius die Wege, zu diesen Wahrheiten zu kommen. Die Unterordnung der neuen
zroßartigen Naturerkenntnis unter oberste logisch-mathematische Principien steigerte das
stolze Bewußtsein der Autonomie des menschlichen Intellektes, und man war rasch bereit,
in aͤhnlicher Weise oberste Sätze als mit dem Wesen Gottes, der Vernunft und der
menschlichen Natur, welche drei Begriffe man in stoischer Weise identifizierte, als gegeben
anzunehmen; sie erschienen nun tauglich zu einer Konstruktion der natürlichen Religion,
des natürlichen Rechtes, der natürlichen Gesellschaftsverfassung.
Das sogenannte Naturrecht jener Tage, wie es uns ausgebildet hauptsächlich in Bodinus
(De la république 1577), Joh. Althusius (Politica 1603), Hugo Grotius (De jure belli et
bacis 1625), Hobbes (Leviathan 1651), Pufendorf (De jure naturae et gentium 1672),
Locke (Two treatises on government 1689), Christian Wolf (Jus naturae 1740) ent—
gegentritt, will die gesamte staatswissenschaftliche, rechtliche und volkswirtschaftliche Er—
kenntnis der Zeit systematisch darstellen: Völkerrecht, Verfassungsformen, Strafrecht, Privat—
cecht, Finanzen, Eigentum, Geldwesen, Verkehr, Wert, Verträge sollen als überall wieder—
kehrende, gleichmäßige Lebensformen dargelegt, aus der menschlichen Natur abgeleitet werden.
Fin ursprünglicher Raturzustand, ein UÜUbergang desselben in die sogenannte bürgerliche
        <pb n="95" />
        Das Naturrecht, seine Stellung und Bedeutung. 83

Gesellschaft auf Grund bestimmter Triebe und Verträge, ein gesellschaftlicher Zustand
mit Regierung, Finanzen, Arbeitsteilung, Verkehr, Geldwirtschast, verschiedenen socialen
Klassen, wie er dem 17. und 18. Jahrhundert entsprach, wird ohne weiteren Beweis
als selbstverständlich vorausgesetzt. Es gilt, diesen letzteren Zustand einerseits rationa—
listch zu erklären, andererseits ihn zu prüfen nach dem abstrakten Ideal des natürlichen
Rechtes. Dieses natürliche Recht wird teils gedacht als die Lebensordnung einer
idealen Urzeit, teils als das von Gott dem Menschen eingepflanzte, beim vollendeten
ulturmenjchen am meisten sichtbare Urmaß der sittlich-rechtlichen Normen, teils als das
zlug zum Nutzen der Gesellschaft ersonnene und von der Staatsgewalt durchgeführte
Syftem von Regeln des socialen Lebens. Selbst bei denselben Autoren schwankt das,
was als Natur, als natürliche Eigenschaft, als natürliches Recht bezeichnet wird, sehr
hzäufig bedeutend. Aber man bemerkt das nicht, im sicheren Glauben, das Wesen des
iatürlichen Menschen durch Vergleichung, durch Beobachtung, auf Grund der Nachrichten
der Bibel und der Alten sicher fafsen zu können. Der Gedanke einer historischen Entwickelung
der menschlichen Eigenschaften und der Institutionen fehlt noch ganz. Um so sicherer
zlaubt man, aus der abstrakten Menschennatur, ihren Trieben und den ihr von Gott
eingepflanzten vernünftigen Eigenschaften absolut sichere Lebensideale für das individuelle
und sociale Leben aufstellen, aus der Vernunft konstruieren zu können.
Die praktischen Ideale für das gesellschaftliche Leben gehen nun freilich weit aus—
einander: gemäß den zwei stets vorhandenen Polen des gesellschaftlichen Lebens und den
gerschiedenen Bedürfnissen der jeweiligen Politik erscheint den einen eine kraftvolle, un—
beschränkte staatliche Centralgewalt, den anderen eine Sicherstellung der ständischen und
individuellen Rechte als das aus dem Naturrechte in erster Linie Folgende. Dem entsprechend
äind schon die Ausgangspunkte sehr verschiedene; die einen gehen mit Epikur von den
jelbstischen Trieben, von einem Urzustand rohster Barbarei, vom Kampfe der Individuen
intereinander aus; so Gassendi, Spinoza, Hobbes, bis auf einen gewissen Grad Pufen—
dorf; die anderen schließen sich mehr der Stoa an und sehen als die natürliche Eigen⸗
schaft des Menschen, welche die Gesellschaft erzeugt, die sympathischen Triebe an. So
jagt Bacon, die lex naturalis sei ein focialer, auf das Wohl der Gesamtheit gerichteter
Trieb, der sich mit dem der Selbsterhaltung auseinander zu setzen habe. So ist der
sociale Trieb des Hugo Grotius ein Streben nach einer ruhigen, geordneten Gemeinschaft
des Menschen mit seinesgleichen; Pufendorf sucht beide Ansichten zu verbinden. Locke
leugnet den angeborenen socialen Trieb, läßt aber seine Menschen im Naturzustande als
reie und gleiche, mit Ehe und Eigentum, ohne kriegerische Reibungen friedlich leben und die
damals schon innegehabten Naturrechte in der bürgerlichen Gesellschaft beibehalten. Dem
Shaftesbury sind die geselligen Neigungen, Sympathie, Mitleid, Liebe, Wohlwollen die
natürlichen, die selbstischen und egoistischen die unnatürlichen, während umgekehrt Spinoza
die Selbstsucht natürlich findet, sie im status civilis durch die Ordnungen des Staates
händigen läßt, aber der Wirkungssphäre des Individuums möglichst breiten, dem Staate
möglichst engen Raum gewähren will.
Das Raturrecht hat in Bodinus, Hobbes, Pufendorf, Wolf der monarchischen
Staatsallmacht ebenso gedient, wie in Althusius, Spinoza, Locke und seinen Nachfolgern
der freien Bewegung des aufstrebenden Buͤrgertums, deren Ideal die Volkssouveränität
und der schwache Staat war. Die ersteren sind die rechtsphilosophischen Vorläufer und
Begründer der merkantilistischen Theorien, die letzteren die der individualistischen, wirt⸗
schaftlichen Freiheitslehren. Die sämtlichen Systeme der Folgezeit bis zum Socialismus
hzaben sich methodologisch an das Naturrecht angelehnt, haben in ihren wichtigsten Ver—
tretern Ideale und Argumente der naturrechtlichen Philosophie entlehnt. Noch heute stehen
zahlreiche Manchesterleute und Socialisten im ganzen auf diesem Boden.
Zur Zeit seiner Entstehung hatte das Naturrecht seine Stärke und seine Berechtigung
darin, daß es die Wissenschaft von Staat und Gesellschaft loslöste von der Methode der
Scholastik und der Bevormundung durch die Theologie, daß es versuchte, Staat und
Wirtschaft aus dem Wesen der Menschen abzuleiten, daß es an der Hand der praktischen
Bedürjnisse geschlossene Gedankensysteme als Ideal des Lebens aufzustellen suchte. Seine
        <pb n="96" />
        34 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Schwäche aber lag von Anfang an darin, daß es auf Grund ganz abstrakter Sätze und
iiktiver Annahmen seine Theorien aufbaute, daß es vermeinte, gar zu kurzer Hand das
innerste Wesen der Natur, der Gesellschaft, die Zwecke der Weltvernunft und der Gottheit
erfassen und daraus deduktiv schließend Staat und Volkswirtschaft konstruieren zu können.
Das Naturrecht war unhistorisch und rationalistisch. Ein mechanisches Kräftespiel, ein
»der mehrere fiktive Staatsverträge sollten genügen, das komplizierte sociale Dasein zu
erklären. Man vergaß allzu rasch, durch welche Abstraktionen man die obersten Grund—
lagen gewonnen, und wurde so im Weiterschließen hohl, unwahr, teilweise phantastisch.
Was an bestimmter Stelle das berechtigiste Ideal war, die starke Staatsgewalt oder die
freie Bewegung der Person, wurde schablonenhaft generalisiert; man kam nicht zur
Untersuchung und zum vollen Verständnis, warum bestimmte Ursachen hier das eine,
dort das andere als das dringlichere Ziel der Politik erscheinen ließen.
Aber zunächst war eine tiefere und bessere wissenschaftliche Behandlung nicht
möglich. Die Bodinus, Hobbes, Pufendorf waren im 16. und 17. Jahrhundert die
hellsten Köpfe und die aufgeklärtesten Beobachter, die Hugo Grotius, Locke, A. Smith
ttanden mit gleichem Rechte in der folgenden Epoche an der Spitze des geistigen Lebens. Erst
m 19. Jahrhundert wird die Berechtigung derer eine zweifelhafte, die noch nach der
ilten Art der Naturrechtslehrer die Wissenschaft von Staat und Gesellschaft betreiben.

3. Die vorherrschenden Systeme des 18. und 19. Jahrhunderts.

Zu 39: Roschex, Zur Geschichte der englischen Volkswirtschaftslehre im 16. u. 17. Jahrh. Abh.
d. fächs. Ak. d. W.8. 1881. — Laspeyres, Geschichte der volkswirtschaftlichen. Anschauungen der Niederländer
 und ihrer Litteratur zur Zeit der Republik. 18658. — Bidermann, Üüber den Merkantilismus.
1871. Schmoller, Das Merkantilsystem in seiner hist. Bedeutung. J. f. G.V. 1884. u, Schmoller U. U.
Zu 40: Daire, Collection des principaux économistes. 824, 1844. - Kellner, Zur
Geschichte des Physiokratismus. 1847. — v. Sivers, Turgots Stellung in der Gesch. der National—
konomie. J. fN. 1.F. 22, 1874. — Stephan Bauer, Zur Entstehung der Physiokratie. Das.
2. F. 21, 18900. —,Oncken, Die Maxime laissez faire et Jaissez passer. 1886. — Has bach,
Die allgem. philos. Grundlage der von F. Quesnay und A. Smith begründeten politischen Okonomie.
1890. — Feil bogen, Smith und Turgot. 1898. — Hasbach, —————— über A. Smith
uind die Entwickelung der politischen Skonomie. 1891. — Zeyß, Adam Smith 'und der Eigennutz.
1889. — Knies, Die Wissenschaft der Nationalbkonomie feit A. Smith bis auf die Gegenwart.
Die Gegenwart 7, 1852. Die übrige große Litteratur über A. Smith fiehe H.W. 8.
Zu 41: Reybaud, Etndes sur les réformateurs contemporains ou socialisstes modernes.
840. —Stein, Der Socialismus und Kommunismus des heutigen Frankreichs. 1842. 2. Aufl. 1848.
3 Die deutsche Socialdemokratie, ihre Geschichte und ihre Lehre. 1877. 8. Aufl. 1879. —
Robert Meyer, Der Emancipationskampf des vierten Standes. 2 Bde. 1875 (1.: 2. Aufl. 1885.) —
Laverleyse, Le socialisme contemporain. 1881. 5. Aufl. 1892. (Deutsch 1884: die socialen
Parteien der Gegenwart.) — Raye, Contemporary socialism. 1884 u. 1891. - Léroy-Béauliéèu,
e collectivisme, examen critigue du nonyéau socialisme. 1884 u. 1888. — Andon Menger,
Das Recht auf den vollen Inheerran 1886 u. 1891. — Warschauer, Geschichte des Socialismus
und Kommunismus (seit 1892 im Erscheinen begriffen). — Malon, Histöire du vocialisme depuis
ses origines jusqu'à nos jours. 5 vol. 1880285. — Georg Adler, Socialismus und Kommu—
nismus. —5 5. — Stammhammer, Bibliographie des Socialismus und Kommunismus.
1893, der Socialpolitik. 1896. — Sombart, Sscialismus und sociale Bewegung im 19. Jahr⸗
undert. 1896. — Mehring, Geschichte der deutschen Socialdemokratie. 2 Bde. deoohh
Uber die einzelnen Socialisten: Brandes, Ferd. Lassalle. 1877. — Plener, Ferd. Lassalle.
884. — Groß, Karl Marx. 1885. — v. Wenckstern, Marx, 1896. — Adler, Rodbertus 1884.
Dietzel, Karl Rodbertus. 188688. — Jentsch, Rodbertus. 1899.
38. Die merkantilistischen Schriften, welche die Staaten- und Volks—
wirtschaftsbildung im 17.—-18. Jahrhundert begleiten und fördern, enthalten zuerft
nehr praktisch-theoretische Erörterungen der einzelnen großen volkswirtschaftlichen Zeit—
ragen, die sich damals aufdrängten; die Gedanken gelangen erst im 18. Jahrhundert
zu einer Art systematischer Zusammenfafsung, getrenne vom Naturrecht. Beherrscht sind
alle diese Schriften von dem Vorstellungskreis, der mit der siegreich aufstrebenden Staats—
zewalt und deren rasch wachsenden Aufgaben und Rechten gegeben war.
Die Vorstellung einer besonderen, selbständig neben dem Staate stehenden Volks
        <pb n="97" />
        Der Standpunkt des Merkantilismus. 85

wirtschaft ist eigentlich noch nicht vorhanden. Finanzen, Arbeitsteilung, Verkehr sind
den Denkern jener Tage integrierende Teile des angeblich durch den Staatsvertrag ent⸗
ftandenen Gemeinwesens. Das ganze politische und wirtschaftliche Leben ist ein Mecha⸗
ismus, der durch klug ersonnene Gesetze und staatliche Organe zu regulieren ist; die
scharfsinnigsten Realisten, von Macchiavelli bis auf James Steuart, sehen darin in erster
Linie eine Schöpfung des Staatsmannes. Und die meisten damaligen Staaten waren
es auch in ihrer Gruͤndung, wie in ihrer weiteren politischen und wirtschaftlichen Ent⸗
wickelung. Vielfach wenigstens mit Blut und Eisen und mit allen Künsten der
Diplomatie waren aus den kleinen Gebieten, aus den selhständigen Städten und
Provinzen die größeren Staaten damals hergestellt worden. Überall stand die Herbei—
ührung gleicher und einheitlicher wirtschaftlicher Ordnungen innerhalb dieser neugebildeten
Slaaten im Vordergrunde der staatlichen Aufgaben; selbst Colbert hat unendlich mehr
r die innere Verwaltungseinheit Frankreichs als für dessen Abschluß nach außen
gethan. Innerhalb der neugebildeten Staaten mit ihrem vergrößerten inneren Markte
zilt es nun für die entsprechende Zahl Menschen und ihre richtige Verteilung zu sorgen;
zas Verhältnis der Ackerbauer zu den Gewerbtreibenden nach Zahl und nach Art des
Austausches beschäftigt die Aufmerksamkeit, ebenso die Frage, ob in jedem einzelnen
Frwerbszweige die rechte Zahl von Menschen sei; es ist Sache der Regierung, überall
das Zuviel und Zuwenig, das „Polypolium“ und das „Monopolium“ der Produzierenden
zu hindern. Die Vorstellung von Angebot und Nachfrage begegnet uns bereits; als
das Mittel, sie in regelmäßige Berührung zu bringen, erscheint das Geld, die Münze;
ie Geldcirkulation wird gefeiert als der große Motor des socialen Körpers; sie soll
befördert werden; eine zunehmende Geldmenge wird ebenso gepriesen wie eine raschere,
gleichmäßigere Geldcirkulation. Aber abgesehen von wenigen Großkaufleuten, die, schon
damals an den Sitzen des lebendigsten Verkehrs, teils an sich der Freiheit der Geld—
irtulation und aller Verkehrstransaktionen vertrauen, teils diese Freiheit in ihrem
Interesse finden (wie Pieter de la Court in Holland), erscheint diese Cirkulation des
Feldes und der Waren, welche gerade damals sich außerordentlich vermehrte und
rusdehnte, niemandem als ein Strom, der sich selbst überlassen werden könne. Man
ürchtete vom Handwerker die Lieferung schlechter Waren, von der natürlichen Preis⸗
hbildung eine Berteuerung, die den Absatz vernichte; man lebte noch ganz in den über—
eferten Zuständen, welche mit ihren hergebrachten Stapelrechten, Binnenzoͤllen, Markt⸗
cechten, ihrem Fremdenrechte leicht jede Anderung und Ausdehnung des Verkehrs
hemmten. Alles rief nach dem Staatsmanne, der jedem Angebote seinen Absatz ver—
schaffen, der allen Verkehr von Markt zu Markt, von Stadt zu Land, von Provinz zu
Provinz und vollends von Staat zu Staat regulieren, der ordnend, Warenschau
haltend, preissetzend eingreife. Nur so — fand man — könne dieses künstliche Gewebe
des Verkehrs gedeihen, vor falscher, dem Staate ungünstiger Entwickelung bewahrt
bleiben. Ein Heißhunger nach wirklicher oder fiktiver Statistik, welche als staatlicher
Kontrollapparat allen Verkehrsvorgängen dienen sollte, erfüllt die aufgeklärten, am besten
regierten Staaten von den italienischen Tyrannen des Cinque Cento bis zu den großen
Regenten des 18. Jahrhunderts.
Nicht sowohl das Geld als einziger Gegenstand des Reichtums steht so im Mittel⸗
punkte der Betrachtung, als die Cirkulation desselben, das Geld als Schwungrad des
Verkehrs. Da dieses Geld aber obrigkeitliche Münze ist, vom Fürsten geprägt wird,
da die Staatsgewalt für die genügende Menge verantwortlich ist, so erscheint, zumal
iu den Staaten ohne Bergwerke, die Pflicht, durch Handelsmaßregeln für die ent—
sprechenden Geldsummen zu sorgen, als die wichtigste volkswirtschaftliche Aufgabe der
Regierung. Und da zugleich die neuen Geldsteuern für Heer und Beamtentum nur da
reichlich fießen, wo Verkehr und Industrie erblüht find, da man diese überall da ent—
stehen sieht, wo der auswärtige Handel, vor allem der nach den Kolonien, und der
Handel, der inländische Industriewaren ausführt, gedeiht, so wird die Frage, wie durch
Kolonialhandel und Manufaktenausfuhr eine günstige Handelsbilanz zu erzielen sei, zum
Prüfstein der richtigen staatlichen Wirtschaftspolitik.
        <pb n="98" />
        36 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Wie die mittelalterlichen Städte schon naturgemäß ihre Aus- und Einfuhr als
ein Ganzes angesehen hatten, so geschah dasselbe nun für die Territorien und Sigaten.
Es war ein großer Fortschritt in der praktischen Verwaltung und in der theoretischen
Erkenntnis, daß man versuchte, sich ein einheitliches Bild von der Aus- und Einfuhr
ganzer Länder zu machen, daß man feststellen wollte, ob man mehr aus- oder einführe,
W man durch Mehrausfuhr ein Plus von Edelmetall gewinne. Und daß man den
Staat dabei als in einem feindlichen Spannungsverhältnis zu anderen Ländern begriffen
dachte, war natürlich. In dem schweren Kampfe um die Kolonien, um die Grenzen,
um die Absatzgebiete standen sich die neugebildeten Staaten Jahrhunderte lang feindlich
zegenüber; die wichtigsten derselben waren fast häufiger in Handels- und Kolonialkrieg
miteinander begriffen als in Frieden; die kleineren und schwächeren wurden unbarmherzig
wirtschaftlich von den größeren und stärkeren mißhandelt und ausgebeutet oder fürchteten,
es zu werden. Was Wunder, wenn die Frage in den Vordergrund rückte, was gewinnen
oder verlieren wir bei der Berührung mit dem anderen Staate? Verri drückt die
Wahrheit für einen großen Teil der damaligen internationalen Beziehungen aus, wenn
er sagt: „Jeder Vorteil eines Volkes im Handel bringt einem anderen Volke Schaden,
das Studium des Handels ist ein wahrer Krieg.“ Nur wenn man durch Kriege, Kolonial—
rwerbung und besonders durch kluge Verträge neue Märkte gewonnen, durch Sperren und
Schutzmaßregeln den eigenen Absatz erweitert, durch Berechnung der Bilanz konstatiert hatte,
daß man mehr aus- als einführe, was besonders in günstigen Jahren und bei rasch
emporblühender Industrie zutraf, glaubte man sich gegen die Gefahr der Ubervorteilung,
der Verarmung gesichert. Jedenfalls bewies eine waächsende Ausfuhr in der Regel, daß
das Ausland der Waren des Inlandes dringender bedürfe als umgekehrt, jedenfalls
zerband sich mit der genauen Beobachtung der Aus- und Einfuhr häufig die richtige
Pflege des inländischen Verkehrs und der inländischen Industrie. Und wenn also nicht
alle Sätze richtig waren, die man an die Bilanzlehre anknüpfte, wenn die Erwartungen,
durch Zollmaßregeln die Geldmenge im Lande steigern zu können, übertrieben waren,
die Beobachtung der Aus- und Einfuhr war ein Instrument des volkswirtschaftlichen
Fortschrittes; die durch Zollgrenzen erfolgende Abschließung des Landes entsprach der
Beförderung eines freien inneren Verkehrs. Die Auffassung, die Staatsgewalt habe die
Pflicht, die Volkswirtschaft des Landes als ein Ganzes in ihren Interessen zu fördern,
in den internationalen Rivalitätskämpfen zu stützen und zu vertreten, entsprach durch—
aus den Verhältnissen. Die Regierungen, welche rasch, selbstbewußt und kühn die Macht
ihrer Flotten und Heere, den Apparat ihrer Zoll- und Schiffahrtsgesetze in den Dienst
der staatlichen Wirtschaftsinteressen zu stellen verstanden, erreichten damit den Vor—
prung im handelspolitischen Kampfe, in Reichtum und industrieller Blüte; und wenn
die Regierungen jener Tage oft zu weit gingen, von halbwahren theoretischen Sätzen
sich leiten ließen, wenn Holland, England uͤnd Frankreich ebenso durch Gewalt und
Kolonialausbeutung wie durch eigene innere Arbeit Reichtümer sammelten, so gaben sie
doch durch ihre volkswirtschaftliche Politik dem inneren wirtschaftlichen Leben der betreffenden
Nation die notwendige Unterlage der Macht, der wirtschaftlichen Bewegung der Zeit
den rechten Schwung, dem nationalen Streben große Ziele. Die merkantilistischen Ideale
varen so für jene Jahrhunderte ein nicht nur berechtigtes, sondern das einzig richtige
Ziel. Ganz ist die Berechtigung solcher Ziele auch heuͤte noch nicht verschwunden, obwohl
das Völkerrecht und der Welthandel die internalionalen Beziehungen so viel friedlicher
gestaltet haben.
Die Schriften der verschiedenen europäischen Nationen, welche an dieser geistigen
Bewegung teil genommen haben, unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, daß sie je nach
der Lage und den nationalen Gesamtinteressen verschiedene staatliche Verwaltungs—
naßregeln empfehlen. In Holland rühmt man staatliche Admiralitäten, große mono—
polisierte Handelsgesellschaften und alle die Maßregeln, die Amsterdam zum Mittelpunkte
des Welthandels machen. Außerhalb Hollands empfiehlt man allgemein die Nachahmung
dieses kleinen, rührigen Handelsvolkes, aber man dringt in England in erster Linie auf
nationale Schiffahrtsgesete, die gegen Holland gerichiet sind, anf Pflege der Seefischerei.
        <pb n="99" />
        Die merkantilistische Litteratur der einzelnen Länder. 87

des ostindischen Handels, auf eine staatliche Herabdrückung des Zinsfußes und eine
Foörderung der heimischen Industrie; in Deutschland empfiehlt man vor allem Erschwerung
und Verbot der fremden Manufakteneinfuhr, um das gewerbliche Leben der Heimat nicht
ganz durch die fremde Konkurrenz erdrücken zu lassen. Die einzelnen Mittel sind ver—
schieden, die Ziele sind überall dieselben: die egoistische Förderung der eigenen Volks—
wirtschaft mit allen Mitteln des Staates.
Während die viel bewunderten Holländer mehr das praktische Leben ausbildeten
ind über wirtschaftliche Einzelfragen schrieben, erzeugten in Italien die alte geistige Kultur
und die Münzgebrechen der Zeit Schriftsteller, die vom Geldwesen zum Handel und
zur allgemeinen Wirtschaftspolitik vordringen: Antonio Serra (Breve trattato delle cause
he possono far abondare li regni d'oro e d'argento, dove non sono miniere 1618)
ist als einer der ersten und Antonio Genovesi (Lerione di Commercio, osia di Ecoiomia
 Civile, 1769, deutsch 1776) als einer der umfassendsten und maßvollsten Schrift⸗
eller der von uns bezeichneten Gedankenrichtung zu nennen. In England wirkte das
reie politische Leben, der sonstige wissenschaftliche Geist, der zur Beobachtung besonders
geschickte Nationalcharakter und der handelspolitische Kampf mit Holland zusammen, die
hervorragendsten Schriften des Merkantilismus ins Leben zu rusen. Thomas Mun
(A discourse of trade from England into the East Indies, 1609; Englands treasure
y foreign trade ect, 1664) ist der erste erhebliche Theoretiker der Handelsbilanz, der
Fompagniedirektor Sir Josiah Child (Brief ohservations concerning trade and the interest
»f money, 1668; A new discourse of trade, 1690) tritt für Zinsfußerniedrigung,
HZandelscompagnien, strenge Abhängigkeit und Ausnutzung der Kolonien auf, Sir William
Petty, Autodidakt, Arzt, Chemiker, glücklicher Geschäftsmann und Spekulant (A treatise
f taxes ect, 1662; Several essays in political arithmetic, 1682; The political anatomy
t Ircland, 1691 und 1719), weiß volkswirtschaftliche Zustände zu beobachten und zahlen⸗
näßig zu schildern, ähnlich wie sein Nachfolger auf diesem Gebiete, Charles Davenant,
»essen zahlreiche Schristen in die Zeit von 1695 -1712 fallen (The political and comaercial
 orke, 1771); dieser erbrtert in geläuterter Weise die Handelsbilanz, die Pro—
hibitivmaßregeln, den Kolonialhandel. Fast alle englischen Schriftsteller dieser Zeit
schließen sich den neugebildeten Parteien der Tories und der Whigs an, stehen in deren
Dienst, verherrlichen als Whigs die maßlose Überspannung des Schutzsystems, eifern
als Tories dagegen. Den theoretischen und systematischen Höhepunkt der englischen
Merkantilisten vildet erst der viel spätere, etwas breite und ungelenke James Steuart
Inquiry into the principles of political economy being an éessay on the science of
Jomestic policy in free nations, 1767, deutsch 1768), der Adam Smith an Eleganz
ind Klarheit unzweijselhaft, aber kaum an historischem und pfychologischem Verständnis,
an praktischer Lebenskenntnis nachsteht.
Wenn in Deutschland die ersten kameralistischen Professuren auf den Universitäten
errichtet werden, um die Kammerbeamten für ihre Verwaltungsthätigkeit besser vor—
zubereiten, und wenn so in der deutschen Litteratur jener Tage die landwirtschaftliche
und gewerblich-technische Unterweisung neben Finanz— und volkswirtschaftlichen Fragen
eine besonders große Rolle spielt, den Schriften einen erdig realistischen Beigeschmack
m ganzen giebt, so hat andererseits doch das deutsche Schulmeistertum am frühesten
ystematische Werke geschaffen. Wie die Engländer aus Pufendorfs Naturrecht einen
exheblichen Teil ihrer systematischen Betrachtungen nahmen, so hat Johann Joachim
Becher schon 1667 eine Art merkantilistisch kameralistischen Lehrbuches geschrieben; er ist
ursprünglich Arzt und Chemiker, später Kommerzienrat und Projektenmacher; sein
„Politischer Diskurs von den eigentlichen Ursachen des Auf- und Abnehmens der Städte,
nder And Republiken“ hat von 1667-1759 sechs Auflagen erlebt, hat mit seiner
Lehre von der staatlichen Regulierung alles Verkehrs, mit seiner Forderung von Com—
pagnien, Werk- und Kaufhäusern, von Schutzzollmaßregeln gegen Frankreich die deutsche
Praxis fast drei Menschenalter beherrscht. An ihn schließen sich die meisten der folgenden
Kameralisten an: Hörnigk, Schröder, Gasser, Zinken bis zu dem glatt systematifierenden
J. 8. 6von Justi und seinen zahlreichen Lehrbüchern (Grundsätze der Staatswirt—
        <pb n="100" />
        38 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

schaft, 17585; Polizeiwissenschaft, 1766; System des Finanzwesens 1766 ꝛc.). Neben ihnen
vertreten die Staatsrechtslehrer und Philosophen mit fast noch größerer Energie die Pflicht
der Regierungen zu wirtschafts-polizeilicher Thätigkeit. Christian Wolf ist der Lehrer
der Generation, die bis zu 1786 regiert hat; er preist aus vollster Uberzeugung China
mit seiner Vielregiererei und seinem Mandarinentum als Musterstaat. Der Regierung wird
in schrankenloser Weise die Sorge für die allgemeine Glückseligkeit zugewiesen; sie soll
für richtigen Lohn und Beschäftigung aller Menschen, für mittleren Preis, für die rechte
Zahl Menschen im ganzen und in jedem Berufszweige, für die Tugenden und guten
Sitten der Kinder, der Hausfrauen, der Bürger und der Beamten sorgen.
Der Franzose Melon (Essai politique sur le commerce, 1734, deutsch 1756)
verlangt von der Regierung Sorge für Kornvorräte, Bevölkerungs- und Geldvermehrung.
Forbonnais (Eléements du commerce, 1754; Recherches et considérations sur les finances
de France, 1758 ꝛc.) steht ungefähr mit Steuart auf, demselben Boden. Die Schriften
beider haben die merkantilistischen Einseitigkeiten und Übertreibungen so abgestreift, find
so reich an scharfer Beobachtung und guter Schlußfolgerung, daß sie neben Smith,
Hume, Turgot zu den großen Leistungen der ersten Glanzzeit nationalökonomischer Wissen—
schaft (1160 —90) 4u rechnen sind.
Die ganze hier aufgezählte Litteratur hat überwiegend einen politischen und ver—
waltungsrechtlichen Charakter; die allgemeine psychologische Voraussetzung ist zumal bei
den deutschen Kameralisten die Dummheit des Pöbels, der Schlendrian selbst der Kauf—
leute, die man mit Gewalt zu ihrem Vorteil hinziehen müsse. Man fürchtet, daß alles
schlecht gehe, wenn man der Dummheit und Gewinnsucht freie Bahn gebe. Man ist
pessimistisch in Bezug auf die Individuen, optimistisch in Bezug auf die Staatsthätig—
keit; wir finden eine gewisse Unbehülflichkeit bei viel praktischer Lebenskenntnis. Die
volkswirtschaftliche Theorie ist noch ganz verknüpft mit der Betrachtung des Staates,
der Polizei, der Finanz, weil die Staats- und die Volkswirtschaftsbildung im 17. und 18.
Jahrhundert zusammenfiel, weil nur in den eben gebildeten größeren Nationalstaaten
mit starker Centralgewalt die neue Volkswirtschaft hatte entstehen können. Nicht der
Glanz generalisierender, bestechender Systeme wird in dieser Litteratur erreicht, sondern
eklektisch sucht man das Brauchbare, das Nächstliegende, das Anwendbare. Die platten
Köpfe werden dabei banausisch, die feineren aber erreichen eine Lebenswahrheit, die von
den abstrakten Systemen ihrer Nachfolger im Lager der volkswirtschaftlichen Indivi—
dualisten und der Socialisten vielfach nicht wieder erreicht wurde.
40. Die individualistische Naturlehre der Volkswirtschaft. So
sehr vom 16.—-18. Jahrhundert in den sich konsolidierenden westeuropäischen Staaten
das Bedürfnis einer festen und starken Centralgewalt sich geltend gemacht hatte, so
wenig fehlten doch die entgegengesetzten praktischen Tendenzen. Fast überall dauerten
dräftige lokale Bildungen, Korporationen, Stände, selbständige kirchliche Gruppen fort.
Wie die katholische Kirche da und dort die Volkssouveränität gelehrt, so hatten die
bedrängten französischen Hugenotten die ständischen Rechte und das Recht des Wider—
standes gegen die Mißbräuche der Regierungsgewalt betont, den sogenannten Staatsvertrag
in individualistischem Sinne ausgelegt, teilweise schon die Parole der Gleichheit aller
Menschen ausgegeben. Boisguillebert (De détail de la France, 1695) erging sich in
hartem Tadel der bestehenden französischen Staats- und Finanzverwaltiung, welche die
Getreideausfuhr zu Gunsten der städtischen Industrie erschwere, den Landbau lähme,
und der große franzöfische Marschall Vauban (Dime royal, 1707) kam auf Grund seiner
zenauen Kenntnisse der Not der Bauern zu nicht minder schweren Anklagen und zur
Forderung großer Amter⸗-, Steuer- und Socialreformen. Mächtig arbeitete der durch
die Rengaissance und die Reformation geweckte, durch die Geldwirischaft beförderte Trieb
nach individueller Selbständigkeit weiter. In Holland und England hatte noch stärker
als anderwärts das aufkommende Bürgertum und die beginnende Haändelsaristokratie
freie Bewegung, für sich hauptsächlich freien Handel gefordert, die merkantilistischen
Regierungsmaßregeln getadelt (z. B. North, Discourses upon trade, 1691). Der große
Philosoph Locke, obwohl im ganzen noch whigistischer Merkantilist, eifert gegen polizei—
        <pb n="101" />
        Die individualistischen Tendenzen; die Physiokraten. 89

liche Preisbestimmungen, gegen staatliche Zinsfußbeschränkungen; er sieht ein, daß der
Zinsfuß von der Geld- beziehungsweise Kapitalmenge abhänge, er sucht in der Arbeit
die Ursache des Wertes und wird durch sein individuaglistisches Naturrecht, durch seine
ausschließliche Betonung von Freiheit und Eigentum, der Vater des modernen Liberalismus“.
Die Sorge für Ausbildung größerer Staaten und guter wirtschaftlicher Polizei
lag nunmehr hinter der Generation, welche von 1750 an die Bühne betrat. Sie
hetrachtete das Exreichte als selbstverständlich, fühlte sich gedrückt durch den träge
werdenden Polizeistaat und die von ihm noch nicht beseitigten feudalen Gesellschafts—
zinrichtungen. Nach freier Bewegung des Individuums lechzend, konnte auf diesem
Boden nun die Naturlehre der individualistischen Volkswirtschaft entstehen. Die Physio⸗
raten in Frankreich Hume und Adam Smith in England sind die Begründer derselben.
Es waren die ersten rein theoretischen und äußerlich vom Naturrecht, von den übrigen
Staatswissenschaften losgelösten volkswirtschaftlichen Systeme. Innerlich sind sie freilich
ganz abhängig von der damals vorherrschenden Anschauung eines Naturzustandes, aus
dem durch Staatsvertrag die bürgerliche Gefellschaft entstanden sei; die Verfasser
glauben gls Theisten an eine harmonische Einrichtung der Welt und der Gesellschaft,
an das UÜberwiegen guter, geselliger Triebe, die, sich selbst überlassen, das Richtige
finden; die natürliche und die fittliche Ordnung der Dinge fällt für sie zusammen;
Rückkehr zur Natur, Waltenlassen der Natur ist ihnen das höchste Ideal; die meisten
besteheuden volkswirtschaftlichen Einrichtungen erscheinen ihnen als künstliche und ver—
kehrte Abweichungen von der Naturordnung, die sie wieder herstellen wollen. Dabei
unterscheidet sich freilich die etwas ältere franzbsische Schule doch noch wesentlich von
der englischen.
Frauçois Quesnay (1694 -1774, Haupischriften 1766 -68; Guvres ed. A. Oncken,
1888) war Arzt und Naturforscher, Autodidakt und Ideologe, schwärmte für Naturleben
und Landwirtschaft, glaubte die Ouadratur des Zirkels gefunden zu haben; er war wie
jeine Schüler ein treuer Anhänger des absoluten Königtums, dem er freilich einen ganz
anderen Charakter geben woilte; dasselbe sollte eine Gesetzgebung und Verwaltung ent⸗
prechend der vernuͤnftigen Naturordnung durchführen, die durch Fron und Steuern
überlasteten Bauern erleichtern, in erster Linie persönliche Freiheit und freies Eigentum
zewährleisten, freien Verkehr und Handel durchführen. Aus der Vorstellung, daß physisch
Ale Menschen von den Produkten des Landbaues leben, aus der Beobachtung, daß
Grundherren und große Pächter erhebliche Überschüsse für andere Zwecke haben, und
aus der privatwirtschaftlichen Untersuchung des landwirtschaftlichen Roh— und Reinertrages
rolgerte er, daß alle übrigen Klassen der Gesellschaft stets nur in ihren Einnahmen ersetzt
exhielten, was fie verbrauchten, also steril seien, der Landbau allein einen disponibeln
Uberschuß gebe, also produktiv sei; da alle Steuern auf diesen Überschuß zuletzt fallen,
joll lieber Jleich eine einzige gerechte Grundsteuer alle anderen ersetzen. Alle bisherige
Politik war ihm eine salsche Beförderung der Industrie, der Städte, des Luxus. Vor
allem erschien ihm die Hemmung der Getreideausfuhr in Frankreich falsch; höhere
Getreidepreise sollen durch die Ausfuhrfreiheit geschaffen werden. Die von Hume bereits
bekämpfte Handelsbilanztheorie ist ihm eine Thorheit, „denn“, sagt er, „ein gerechter
und guter Gott hat gewollt, daß der Handel immer nur die Frucht eines offenbar
gegenseitigen Handelsvorteils sei“. In dem sogenannten tableau 60onomique werden die
wvirtschaftlichen Klassen Frankreichs, ihr Einkommen und die Cirkulation der wirtschaft⸗
lichen Güter in einem willkürlichen Zahlenbeispiele dargestellt mit der fast kindlichen
Hoffnung, damit eine arithmetisch⸗geometrische, feste Methode in die Wissenschaft eingeführt
ju haben. Es bezeichnet den überspannten Sektenglauben, daß der ältere Mirabeau als
Hauptschüler diese wunderliche Tafel mit ihren Zahlen, Strichen und Zickzackfiguren
uͤr die dritte große Erfindung der Menschheit — nach Schrift und Geld — bezeichnete.
Im Anschluß an Quesnay und seine Schüler hat dann Turgot, ein Mann der
allgemeinsten philosophischen Bildung, mit Eleganz und Klarheit (Réflexions sur la
formation et Iu istribütion des richésses, 1766) das Bild einer Tauschgesellschaft ohne
die extremen physiokratischen Schrullen entwickelt. Tausch, Verschiedenheit der Menschen
        <pb n="102" />
        90 Einleitung. Begriff. Psychologische und fittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

und der Bodenverteilung, Eigentum, Geld, Kapital, Zins, Bodenwert sind die Kategorien,
mit Hülfe deren er die wirtschaftlichen Klaffen, den Verkehr, die Einkommensverteilung,
die Wirkung des Kapitals abstrakt erklärt und ähnliche liberale Forderungen aufstellt
wie Quesnay. Als Provinzialintendant musterhaft, hat er als Minister den über—
stürzenden Doktrinär hervorgekehrt. Seine Schriften sind hingeworfene, geist- und
geschmackvolle Skizzen, nicht ohne Übertreibungen und Gemeinplätze, geschrieben ganz
im Fahrwasser der individualistischen Naturrechtsaufklärung und im blinden Glauben
an deren erlösende Formeln; durch seine theoretisierende Zusammenfassung hat er aber
auf A. Smith und die Folgezeit wohl mehr gewirkt als die anderen Physiokraten. War
der Einfluß derselben im ganzen in anderen Ländern auch entfernt nicht so groß wie
in Frankreich, so bilden sie doch ein wichtiges Glied in der Gesamtentwickelung unserer
Wissenschaft. Sie sind die ersten Theoretiker, die ein einfaches System der wirtschaft—
lichen Gesellschaftsverfassung auf Grund der stoisch-naturrechtlichen Harmonieanschauungen
aufbauten, damit eine Reihe von Begriffen, Kategorien und Anschauungen schufen, die
seither als Gerüst der Disciplin dienten, die mit schwungvoller Begeisterung gegen die
Mißhandlung der unteren Klassen auftraten, damit überall, auch in den Salons der
Fürsten und Vornehmen, Beifall fanden. Sie bleiben ideologische Doktrinäre, aber
ihre d beobachtend und in ihr wurzelnd, haben sie doch verstanden, ihr die Wege
zu weisen. J
Hatten die Physiokraten hauptsächlich die Überschätzung der Industrie bekämpft,
so fuchte David Hume, der auch als Moralphilosoph und Erkenntnistheoretiker eine
führende Stellung einnimmt, durch scharffinnige Zergliederung des Handels und des
Geldes die naiven Irrtümer älterer Zeit zu widerlegen, und an ihn schließt fsich nun
sein etwas jüngerer Schüler A. Smith, der schon 1739 in seiner feinsinnigen und
liebenswürdigen Theorie der moralischen Gefühle sich ebenbürtig in die Reihe der großen
psychologischen englischen Gefühlsmoralisten gestellt hatte. Die Bedeutung feines großen
Werkes (Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations, 1776) liegt
darin, daß er, ähnlich wie James Steuart, aber von seinem individualistischen Stand—
punkte aus das. Ganze der volks- und staatswirtschaftlichen Erscheinungen in einem großen
Werke populär und doch mit wissenschaftlichen Exkursen vorführt und ähnlich wie Turgot
dieses Ganze unter dem Bilde einer vom Staate losgelösten Tauschgefellschaft von freien
Individuen mit freiem Eigentum darstellt. Aber er übertrifft dabei nun diese beiden
Vorgänger weit, den ersteren durch die zeitgemäßere liberale Tendenz und die wissen⸗
schaftliche Eleganz, den letzteren durch die Fülle und Breite der Ausführung und die
Freiheit von den physiokratischen Einseitigkeiten. Der Standpunkt ist jedoch im ganzen
derselbe, wie bei den Physiokraten, bei Locke oder Hume: ein idealer Naturzuftand ist
gleichsam in dem bürgerlichen enthalten, der Staat hat wesentlich nur die persönliche
Freiheit und das Eigentum zu gewährleisten; im übrigen sind seine Lenker „liftige,
verschlagene Tiere“, deren Thätigkeit seit Jahrhunderten nur die natürliche Ordnung
gestört hat. Unbedingt freie wirtschaftliche Bewegung und freie Konkurrenz erscheinen
als die nützlichen und gerechten Mittel, welche die Individuen am besten erziehen, die
socialen Klassen versöhnen, die Gesellschaft von selbst richtig organisieren. Den psycho⸗
logisch-⸗moralischen Hintergrund bildet die Analyse des natürlichen Menschen, der halb
im Sinne von Shaftesbury als gut, tugendhaft, mit sympathischen Gefühlen, halb in
dem von Hume und Helvetius als selbstisch gefaßt wird. Jedenfalls erscheint das
individuelle Selbstinteresse, das nach ihm im ganzen in den Schranken der Gerechtigkeit
sich bewegt, als die heilsame und nicht zu beschränkende Sprungfeder des wirtschaftlichen
Handelns wie des socialen Mechanismus. Aus ihm gehi die Arbeit, der Tauschtrieb,
der Spartrieb hervor. Die Einzelinteressen kommen von selbst zur Harmonie, nicht
durch Staat und Recht, wie bei den Physiokraten, nicht durch Kämpfe und Kompromisse,
sondern durch die weise Einrichtung der Triebe, die ein allmächtiger, gütiger Gott so
geschaffen, daß die gefellschaftliche Welt wie ein Uhrwerk sich abspielt. Es handelt sich
nur darum, die falschen Eingriffe der Gesetzgeber, der unter sich verschworenen Kaufleute
und Unternehmer in dieses Triebwerk zu beseitigen, alle Privilegien, falschen bisherigen
        <pb n="103" />
        Adam Smith.

97

Handels⸗, Zoll- und Zunfteinrichtungen, die falsche Begünstigung der Städte aufzuheben,
dann kommt die Geseuschaft zur Natur, zur Gerechtigkeit, zur Gleichheit zurück. Dabei
ist sehr vieles fein und wahrheitsgetreu beobachtet; in einschmeichelnder, harmloser Weise
werden die radikalen Gedauken vorgetragen; sympathisch ist von den Arbeitern und ihrer
Hebung die Rede, während der Egoismus der Unternehmer als Ursache künstlicher Gesetz⸗
gebung gebrandmarkt wird. Die geschickte Voranstellung der Arbeit und Arbeitsteilung,
die gleichmäßige Betonung, wie überall die Arbeit den Reichtum erzeuge, aller Tausch
ein Tausch von Arbeitsprodukten sei, giebt den Ausführungen über Produktion, Verkehr
und Einkommensverteilung eine geschlossene Einheit, die gewinnen und bestechen mußte.
Daher die ungeheuere Wirkung des Buches trotz seiner Einseitigkeit. Es gab den
läberalen Forderungen des wirtschaftlichen Individualismus den vollendetsten Ausdruck;
es sprach berechtigte Forderungen der praktischen Reform zur rechten Zeit aus. Es
schloß sich den großen philosophisch⸗moralischen Idealen des Jahrhunderts rückhaltlos
an und trug doch den Stempel nüchterner Wissenschaft und empirischer Forschung an
sich. Mochte Smith alfo fälschlich an die natürliche Gleichheit der Menschen glauben,
die bestehenden Macht- und Abhängigkeitsverhältnifse zwischen den Staaten und den
socialen Klassen nicht gehörig würdigen, optimistisch das Individuum und seine egoistischen
Triebe überschätzen, die Bedeutung des Staates und der staatlichen Einrichtungen ver—⸗
kennen, mochie der Rationalismus des Aufklärungseiferers in ihm immer wieder Herr
werden über den historischen und psychologischen Forscher, mochte das ganze Beobachtungsseld
 ein recht beschränktes sein, das Buch war doch fähig, für hundert Jahre zur sam⸗
melnden Fahne der Staatsmaänner und der Klassen zu werden, welche die bürgerlich⸗
lͤberale Tauschgesellschaft mit Freiheit der Verson und des Eigentums in Westeuropa
voll durchführen wollten.
Deun verbreitetsten Lehrbüchern und Schriften der folgenden Generationen diente
A. Smith als Vorbild. In Frankreich haben J. B. Say (Traité d'écaonomie politique,
1808 2c.) und Charles Dunoyer (Liberté du travail, 1845), in Deutschland Ch. J. Kraus
(Staatswirtschaft, 1808 — 11), Eusebius Lotz (Revision der Grundbegriffe der National⸗
wirtschaftslehre, 1811 14), Karl H. Rau (Lehrbuch der politischen Hkonomie, 1826 -87,
neue Auflagen bis 1868/69), F. B. W. Hermann (EStaatswirtschaftliche Untersuchungen,
1832 und 1870) die Smithschen Gedanken popularifiert und systematisiert, teilweise
sie schärfer gefaßt, teilweise sie mit anderen Gedankenrichtungen, wie hauptsächlich Rau
mit den realistischen Überlieferungen der deutschen Kameralistik, geschickt zu verbinden
gewußt. In England hat D. Ricardo (Principles of political economy and taxation,
1817, deutsch 1837) den Versuch gemacht, aus der Smithschen, immerhin weitausgreifenden
Darstellung das, was ihm als Bankier und Geldmann geläufig war, auszuscheiden und
daraus, sowie aus den Erfahrungen seines Geschäftslebens eine Einkommens-, Geld⸗ und
Wertlehre zu machen, die in der Form allgemeiner Begriffe und abstrakter Lehrsätze
mit einer gewissen Schärfe operierte, teils zu einer logischeren Formulierung der Smith—
schen Gedanken, teils zu schiefen und falschen, nicht mehr auf, empirischer Grundlage
ruhenden Schlüssen führte. Nach ihm hat sein Schüler und jüngerer Freund, John
Stuart Mill, die englische Nationalbkonomie bis in die Gegenwart beherrscht; auch er
bewegt sich trotz seiner universellen Bildung in den Geleisen des abstrakt radikalen
individualistischen Naturrechts des 18. Jahrhunderts; er ist der gläubige Schüler der
Benthamschen Nützlichkeitsmoral, die zwar das größtmögliche Glück der größten Zahl
von Menschen auf ihre Fahne schreibt und um eine empirisch-psychologische Moral⸗
forschung wesentliche Verdienste hat, aber zu einer tieferen Auffassung von Staat,
Gejellschaft und Volkswirtschast nicht kam. Mill, der mit den Principles of political economy
 Vith somse of their applications to social philosophy (1847, deutsch 1832) gleichsam
eine neue Auflage Smiths geben will, führt, wie dieser, eine abstrakte Theorie selbst⸗
süchtiger, tauschender Individuen vor, in die er einzelne historische, rechtsgeschichtliche
und spocialpolitische Kapitel unvermittelt einschiebt; besonders im höheren Alter war ihm
die Unfähigkeit seiner Grundanschauungen, die socialen Probleme einer neuen Zeit zu
lösen, wohl'klar geworden. Aber so sehr er sich nun unter dem Einflusse seiner gefühl—
        <pb n="104" />
        92 Einleitung. Begriff. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

vollen Frau socialistischen Anschauungen näherte, in seinem weitverbreiteten Hauptwerke
sind das Gerüst und die wesentlichen Gedanken die alten an die Aufklärung, an Bentham
und Ricardo angelehnten. Die Nachtreter Smiths, Ricardos und Mills, die Macculloch,
Senior, Fawcett, Bagehot, Cairnes, Sidgwick haben keine eigentümliche Bedeutung;
aber ihr stets wiederholter Satz, daß die Nationalbkonomie eine fertige Wissenschaft sei,
fand bis vor kurzer Zeit in England in der Masse der Bevölkerung Glauben. Die
freihändlerische Agitation von 1840—80 stützte sich recht eigentlich auf ihre Theorien,
und auch die englische Arbeiter- und Gewerkvereinsbewegung blieb in den entscheidenden
Jahren 1860 —-80 im Fahrwasser derselben. Immerhin öedeutete es innerlich bereits
den Niedergang der individualistischen Naturlehre der Volkswirtschaft, daß sie mit
Cobden, Bright und den im Cobdenklub sich sammelnden Freihändlern ganz in den
Dienst einer Klafssen- und Parteiagitation trat; die Theorie erhielt nach dem Sitze dieser
Agitation den Spottnamen der Manchesterschule.
In Frankreich war die liberal freihändlerische Theorie zwar in akademischen und
Gelehrtenkreisen vorherrschend, aber in der Praxis ohne allzu großen Einfluß, bis man
sie als Hülfsmittel gegen den Socialismus glaubte gebrauchen zu können. F. Bastiat
(Harmonies économiques, 1850, deutsch 1850) wurde der schwärmerische Apostel der
volkswirtschaftlichen Harmonie, des radikal freien Verkehrs, der Verteidiger des Privat—
eigentums, das er ausschließlich auf die Arbeit zurückführte. Napoleon III. näherte sich
der Freihandelslehre. Und in fast ganz Mitteleuropa, wo man 1830 — 75 beinahe überall
die Schutzzölle ermäßigte, die Gewerbefreiheit einführte, den bürgerlichen Mittelklassen
das UÜbergewicht im Staate zu verschaffen suchte, erlebten die popularisierten Smith—
Mill-Bastiatschen Ideen eine praktische Nachblüte, die in auffallendem Mißverhältnissfe
zum dürren Gedankengehalt der Epigonen stand. Geschickte Agitatoren wie Prince Smith
und Faucher, scharfsinnige Journalisten wie Michaelis (Volkswirtschaftliche Schriften,
2 Bde., 1878) traten in Deutschland für die dem englischen Induftrieexport so förder—
lichen Ideen auf. Der volkswirtschaftliche Kongreß wurde 1857 als Centrum dieser
Agitation in Deutschland gegründet und hat, von liberalen Volksvertretern, Gegnern
der Bureaukratie und Philanthropen mehr als von Männern der Wissenschaft geleitet,
bis in die 70er Jahre in diesem Sinne gewirkt. In Italien und Hsterreich, in Belgien
und Skandinavien kam die liberale Lehre in den Ruf, die Wissenschaft als solche zu reprä—
sentieren. In Deutschland zeigte sie ihre Kraft noch bis auf unsere Tage dadurch, daß
auch noch Lehrbücher, die wesentlich von einem anderen Geiste erfüllt sind, wie z. V. das
Roschersche (18834-94) und das Sammelwerk von Schönberg, das Handbuch der politi—
schen Okonomie (1882), doch in ihrem Aufbau und ihrer Systematik an dem von
Rau geschaffenen Rahmen festhielten.
Man bezeichnet die Schule teilweise heute noch als die klassische. Nicht mit Un—
recht insofern, als sie eine Reihe formvollendeter Bücher geschaffen, in denen große wirkliche
Fortschritte der Wifsenschaft sich verbinden mit der glücklichften Formulierung berechtigter,
wenn auch einseitiger Zeitideale. Aber es war ein kindlicher Glaube, die Theorien Quesnays,
Turgots, Smiths, Ricardos und J. St. Mills für mehr zu halten, als sür erste vorläufige
Versuche einer systematischen Wissenschaft. Die ganze Theorie der natürlichen Volks—
wirtschaft ruht auf einer unvollkommenen Analyse des Menschen und auf einer einseitigen,
optimistischen, naturrechtlichen Welt- und Gesellschaftsanschauung, die auf Epikur und
die Stoa, auf die rationalistische Aufklärungsphilosophie zurückgeht, die kindlich an die
Identität der Gefellschafts- und Individuauinteressen glaubt, unhistorisch die Ursachen
des englischen Reichtums verkennt, fie bloß im Erwerdstriebe ansialt in den englischen
Institutionen sieht. Die Volkswirischaft wird nur als eine äußerliche Summierung der
Privatwirtschaften, das volkswirtschaftliche Getriebe als ein mechanisches Spiel von Güter⸗
guantitäten aufgefaßt. Aus bloß natürlich-technischen Betrachtungen und aus Wert- und
Preisuntersuchungen soll die Struktur der Volkswirtschaft erklärt werden. Es war gewiß
ein Fortschritt, daß man im Anschluß an die socialen Zustände des damaligen Englands
die Klassen der Grundeigentümer, Kapitalisten (Unternehmer) und Arbeiter in ihren
wirtschaftlichen Beziehungen untersuchte; aber man mußte bei diesem anderwärts nicht
        <pb n="105" />
        Kritik der individualistischen Volkswirtschaftslehre. Der Socialismus. 93

der Wirklichkeit entsprechenden Schema nicht abstrakt stehen bleiben; man mußte zu
weiteren Unlerscheidungen, zu tieferen psychologischen Untersuchungen kommen, Arbeitsteilung,
 Verkehr und Marktwesen besser analysieren, wieder im Zusammenhange mit Sitte,
Recht, Verwaltung und staatlicher Politik verstehen lernen. Es fehlte der ganzen
Schule die breite Kenntnis anderer Zeiten und Länder, die historische Auffassung des
socialen und volkswirtschaftlichen Entwickelungsprozesses. Je weiter eine hohle Theorie
von der Beobachtung und den Bedürfnissen des praktischen Lebens sich entfernte und in
abstrakten Begriffsspielereien und dilettantischen Konstruktionen sich erging, desto wert—
loser wurden die Erzeugnisse der Schule. Der praktische Idealismus war einst ihr
Rechtstitel. Sie endete als eine mammonistische Klassenwaffe der Kapitalisten und als
ein gelehrtes Spielzeug weltflüchtiger Stubengelehrten. Der Bestand echter Wissenschaft,
den sie geschaffen, lebt umgeformt fort in den Schriften anderer Richtungen.
41. Die focialistische Litteratur. Seit in den hochentwickelten griechi⸗
schen Staaten arm und reich sich schroff gegenübergetreten, und man in Theorie und
Praxis sich darüber gestritten, ob die bestehende Produktion und Verteilung der Güter,
das Privateigentum, die Ehe, die Ständeunterschiede nicht einer besseren und gerechteren
Ordnung der Dinge weichen könnten, sind socialistische Gedanken, d. h. Vorstellungen
und Lehren über eine gerechtere Verteilung des Einkommens und eine vollkommenere
Organisation der Produüktion und Güterverteilung zu Gunsten der Armeren durch Er—
ziehung, Sitte und Recht, durch gesellschaftliche und staatliche Reformen, nie wieder ganz
verschwunden. Wie die Stoa, so lehrten die Kirchenväter, daß ursprünglich alles gemein
gewesen; das Eigentum und die Ungleichheit, hieß es, sei nur durch den Sündenfall
entstanden, ja, einzelne Väter verstiegen sich zu dem Satze: jeder Reiche sei ein Dieb oder
eines Diebes Erbe. Der Druck auf die unteren Klassen hatte auch im Mittelalter die
Frage erzeugt: als Adam grub und Eva spann, wer war denn da der Edelmann? Die
Reformationszeit sah in den Wiedertäufern und Sektierern praktische, in Thomas Morus
(Utopia 1516) einen theoretischen Versuch des Socialismus, der sich demokratisierend an
Plato anschloß. Und das im 17. und 18. Jahrhundert aufkommende Naturrecht wie
die individualistische Nationalökonomie waren teilweise von so allgemeinen Vorstellungen
der Gleichheit und der Gerechtigkeit, von so starken Zweifeln an dem Rechte aller über—
lieferten Institutionen beherrscht, daß diese Prämissen zu socialistischen Systemen führen
mußten, sobald die optimistischen Harmonievorstellungen zurücktraten.
Morellet, Mably, Brissot (17858— 80) sind socialistische Zeitgenossen Turgots und
A. Smiths; Baboeuf vertritt in der französischen Revolution die Idee einer nationalen,
von oben geleiteten Produktion, deren Güter allen gleichmäßig zu gute kommen. Godwin
(Political justice, 1798), ein Schüler Lockes und Humes, ein weltunkundiger Dissenter⸗
prediger, glaubt die Menschen durch seine Tugendlehren so umwandeln zu können, daß
alle Staalsgewalt aufhören könne, daß jeder bei extremster individueller Freiheit seinen
Überfluß anderen abgebe, und die vollendeten Menschen Krankheit, Schlaf und Tod los
werden. Die deutsche Philosophie konstruierte in Fichte ein naturrechtliches System,
worin als Folge des Staatsverkrages für jeden die Garantie der Arbeit und des Unter⸗
haltes gefordert und dem geschlossenen Handelsstaate die Pflicht auferlegt wird, dies
durch Regulierung alles Erwerbslebens zu gewährleisten (Naturrecht 1796, geschlofsener
Handelsstaat 1800). Währent aber derartige Lehren früher doch mehr als wunderliche
Finfälle einzelner galten, haben sdes Pt der steigenden industriellen Entwickelung, mit
den zunehmenden Klassengegensätzed, die J. Jahrhunderts eine ganz andere Bedeutung
und Ausbildung erhalten. icht we
Die optimistische Verherrlichung des eigennützigen Strebens der Individuen nach
Erwerb und Reichtum mußte einer pessimistischen Beurteilung weichen, als mit der freien
Konkurrenz, mit den Krisen der modernen Weltwirtschaft, den Fortschritten der Technik
die Zahl der Armen, der Arbeitslosen, wenigstens zeitweise stark zunahm, die Vermögens—
ungleichheit stieg, die Macht der Reichen sich vielfach von ungünstiger Seite zeigte.
Edle Menschenfreunde begannen die Nachtseiten der neuen volkswirtschaftlichen Organi—
sation, zumal der jreien Konkurrenz zu schildern, wie Sismondi (Nouvéeaux principes
        <pb n="106" />
        94 Einleitung. Begriff. Pfychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

d'économie politique, 1819). Das Mitgefühl für die Leiden der Schwächeren erwachte
in einem Maße, die Presse, die Litteratur, die HOffentlichkeit deckte ste auf wie niemals
früher. Mochte das individualistisch-liberale Naturrecht und die romantisch-dogmatische
Philosophie sich sonst noch so feindlich gegenüberstehen, im Zutrauen zur eigenen Kraft,
durch abstrakte Spekulation die Wahrheit und das Ideal zu finden, waren beide in
der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts gleich und daher geeignet, zu kühnen socialistischen
Ideen hinüberzuführen. Viele der neuen socialistischen Apostel waren Autodidakten,
Geschäftsleute, Männer ohne eigentlich wissenschaftliche Bildung, Phantasten und wirre
Ideologen, die urteilslos die Bildungselemente der Zeit in sich aufnahmen; bei allen
überwog das Gemüt und die Phantasie den nüchternen Verstand; selbst die philosophisch
geschulten unter ihnen sind eigentlich keine gelehrten Forscher, sondern Männer, die
in erster Linie praktisch agitieren, die sociale Revolution zu Gunsten der unteren
Klassen durchführen wollen. Der politisch abstrakte Radikalismus der Zeit war bei
den meisten der Ausgangspunkt; das letzte Ziel ihrer Ideale war teils und über—
wiegend die materialistische, andere Ideale und ein jenseitiges Leben verneinende Pflege
des individuellen Lebensgenusses, teils die Herstellung eines idealen Staates, in dem
aller Egoismus und Individualismus verschwinde, das Individuum ganz sich dem
Allgemeinen opfere.
Robert Owen (1771-1858; The new moral world, 1820) war der praktische,
William Thompson (Principles of distribution of wealth, 1824) der theoretische Be—
gründer des englischen Socialismus. Ersterem war es als klugem und edlem Fabrikanten
gelungen, für Kindererziehung und Hebung seiner Arbeiter Außerordentliches zu erreichen;
das erfüllte ihn mit weitgehenden Hoffnungen in Bezug auf die Möglichkeit, durch
äußere Bedingungen und Gesellschaftseinrichtungen ganz andere Menschen zu erziehen;
ohne Gewinnsucht, unter Verzicht auf alles Profitmachen im Verkehr sollte gerechi
getauscht, durch Associationen, die von genossenschaftlichem, sympathischem Geist erfüllt
sind, sollte produziert, das Konkurrenzsystem, der Kapitalgewinn beseitigt werden. Sein
irischer Freund Thompson, zugleich Schüler Benthams und Schwärmer für schrankenlose
Freiheit der Arbeit und des Verkehrs, formulierte dann den theoretischen Gedanken
dahin: der Arbeiter hat allen Tauschwert geschaffen und sollte daher den vollen Arbeits—
ertrag erhalten, Kapital- und Grundrente sind Unrecht. Die schiefe Idee, als ob die Hand—
arbeit allein oder hauptsächlich alle Produkte schaffe, die schon bei A. Smith und
Ricardo angesetzt hatte, ging von Thompson dann auf die späteren Socialisten, haupt—
jächlich auch auf Marx und Rodbertus über.
In Frankreich hatten eine ausgezeichnete Erziehung und die großen Ereignisse von
1780—1820 den geistreichen und verschwenderischen Abenteurer Grafen H. Si. Simon
(1750 - 1825; Système industriel, 1821; Nouvéau christianismeé, 1825), welcher' sprung⸗
weise sich Reisen und Kriegsdiensten, Spekulationen und Studien gewidmet hatte, mit
philanthropisch⸗mystischen und geschichtsphilosophischen Gedanken erfüllt; seine Persönlich⸗
keit und seine Schriften sammelten eine Schule talentvoller Jünger (1825 -31): die zu
schaffende physiko-politische Wissenschaft, welche zugleich die neue Religion der brüder—
lichen Liebe sein sollte, wird die Gesellschaft umgestalten; an Stelle der feudal⸗kriege⸗
rischen Elemente und der Juristen, die bisher die Gewalt besaßen, sollen die Industriellen,
wobei an Unternehmer und Arbeiter zugleich gedachbeist, zur Herrschaft gelangen. Die
Ideen wurden dann von Bazard (Doctrine derosoptSimon. Exposition, 1828 -30)
weiter ausgebildet. Die Kritik der Konkurrmteressen nes Krieges aller gegen alle, die
Hebung des besitzlosen Arbeiterstandes zoß iver Zahlreichsten Klasse, die Einsetzung des
Staates als Erben des Privatvermögens, die Zuführung der so gewonnenen Mittel durch
ein Staatsbanksystem in Kreditform an alle Fähigen sind die wesentlichen Bestandteile
des Systems, das sich an eine glückliche Einteilung der Geschichte in aufbauende und
kritisch-zersetzende Perioden anschließt, das praktisch eine Versittlichung der Arbeit mit
erhöhten Genüssen erstrebt und jedem eine Stellung nach seiner Fähigkeit und einen
Lohn nach seinen Werken verschaffen will. Erst Ensantin, der auch di⸗ Stellung der
FFrauen im Sinne freier Liebe ändern will, hat Grundreute und Kapitalgewinn als
        <pb n="107" />
        Der englische und französische Socialismus. 95

ungerechte Steuer verurteilt, welche die Arbeiter an die müßigen Rentner zahlen. Die
Schule machte in Paris 1828 —82 Aufssehen; dann wurde ihr Einfluß durch den der
Fourierschen abgelöst. Fourier (1772 -1837, Traite de l'association domestique
agricole, 1822; Guvres, 1841) war ein von den Mißbräuchen des Handels erfüllter
melancholischer Handlungsgehülfe, bildete sich als Autodidakt ein, die Newtonsche Theorie
durch seine physisch-sociale Ättraktionslehre überholt zu haben. Während ihm in der
heutigen Gesellschaft alles „gegen den Willen Gottes und naturwidrig“ erscheint, glaubt
er den Schlüssel gefunden zu haben, um ein gänzlich harmonisches, Wunder wirkendes
Spiel der menschlichen Triebe und der Attraktion der Menschen untereinander herzu⸗
stellen: in Riefsenhotels (Phalansterien) von je 2000 Seelen sollen die Menschen
zusammen wohnen, sich vergnügen, Landwirtschaft und Gewerbe treiben; bei vollster
Freiheit des Berufs und der Arbeit sollen hier die einzelnen von selbst und gelockt
durch richtige Bezahlung zu Gruppen und Serien sich stundenweise zusammenfinden und
genossenschaftlich produzieren; das Kapital gehört den einzelnen in Aktienform; der
Reinertrag wird zu “18 dein Kapital, zu */12 der gewöhnlichen Arbeit, zu *1e den
leitenden Talenten zugeführt. Gewählte Vorstände regieren das Phalansterium wie die
größeren Gemeinschaften, die in einem Weltregiment zu Konstantinopel gipfeln. Victor
Considéerant (Destince sociale, 1884 -86) wußte durch Ausscheidung des Absurden den
Kern der socialen Anklagen und Vorschläge Fouriers bis 1848 im Vordergrunde des
Interesses der litterarischen Kreise Frankreichs zu halten. Von den mancherlei vrak—
tischen Versuchen, das Phalansterium ins Leben zu rufen, blüht heute noch das Haus
Godin mit seiner Fabrik und seinen 2000 Seelen.
Neben ihm machte sich der Journalist Louis Blanc als Historiker des Bourgois—
regiments (Histoire de dix ans, 1841 -44) und durch seine Vorschläge, an Stelle der
anarchischen, Arbeiter wie Bürgertum vernichtenden Konkurrenz Arbeitergenossenschaften
mit Staatskredit zu setzen (Organisation du travail, 1839), bekannt. Und der Schrift—
setzer Proudhon kritisierte ideologisch das Eigentum (Qu'est-ce que la propriété, 1840)
und den Socialismus (Système des contradictions économiques ou philosophie de la
misere, 1846); die nach ihm wesentlichen Ursachen der socialen Mißstände, Geld und
Zins, wollte er durch ein Banksystem beseitigen, das für die produzierten Waren Tausch—
bons und allen unentgeltlichen Kredit gäbe; als ein phantastischer, geistreich irrlichternder
Kopf hoffte er auf eine Ersetzung aller staatlichen Gewalt durch freie Verträge und
Gruppenbildungen (Quvres, 37 Bde.).
Von den 'erheblicheren deutschen Socialisten stehen wohl Marx und Engels unter
dem Eindrucke der sich verschärfenden Klassengegensfätze Westeuropas; beide haben auch
Anläufe genommen, diese Wirklichkeit darzustellen und in parteiisch gefärbten Bildern
zu schildern (Engels, Lage der arbeitenden Klassen in England, 18458; Marr in seinem
„Kapital“). Aber im danzen sind die Schristen von Rodbertus, Lassalle und Marr
spekulative Ergebnisse der Lektüre von Ricardo und den älteren Socialisten, modifiziert
durch die deutsche Philosophie und die Gedanken des politischen Radikalismus der 30er
und 40 er Jahre. die abstrakten Formeln der Tausch— und Wertlehre Ricardos be⸗
herrschen sie in erster Linie. Sie argumentierten so: Aller Wert ist Produkt der Arbeit
(der Handarbeit), die Arbeit wird durch die Zeit gemessen; das Kapital erhält bei der
Teilung zu viel, die Arbeit zu wenig; wie ist das zu erklären, wie dem abzuhelfen?
Rodberltus sagt: die Institution des Privateigentums ist schuld, fie muß fallen. Lassalle:
das eherne Lohngesetz ist schuld, die Produktion muß Arbeitergenossenschaften mit
Staatskredit übergeben, später verstaatlicht werden. Marx meint, das magische, tech—
nische Geheimnis, daß die Arbeit und nur die Arbeit mehr produziert, als sie kostet,
giebt dem Kapitalisten die Gelegenheit, die Differenz, den sogenannten Mehrwert ein—
zustecken und sich so zu bereichern; die Kapitalansammlung in immer weniger Händen
wird endlich zu der Erxpropriierung der Kapitalmagnaten durch das arbeitende Volk
führen. Es sind drei schablonenhafte abstrakte Formeln, eine rechtsphilosophische, eine
politische und eine technisch-volkswirtschaftliche, in denen Keime von Wahrheiten ent—
halten sind; sie sind aber auf das Kartenhaus Ricardoscher falscher Sätze aufgebaut, sie werden
        <pb n="108" />
        36 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

ohne Untersuchung der pfychologischen, organisatorischen, verwaltungsmäßigen Ursachenreihen
 und Mittelglieder, ohne erhebliche historische und empirische Specialunterfuchungen
durch einige oberflächliche, halb wahre und halb falsche Geschichtskonstruktionen nicht
haltbarer, sie sind nur auf dem Boden einer matexialistischen Weitanjchauung, einer Fiktion
der Gleichheit aller Menschen, einer maßlosen Überschäßung der mechanischen Handarbeit
verständlich. Die große Differenz der Systeme unter sich, die tiefe Verachtung, welche
jeder dieser „wissenschaftlichen Socialisten“ für die Theorie des andern hatte, zeigt, wie
wenig diese Gedankenreihen wirkliche, feststehende Wissenschaft bedeuten, wie sehr sie ins
Gebiet der ideologischen Konstruktionen und der Hypothefen gehören.
Mögen die Marrxianer Lassalle (1825—64; Schriften ed. Bernstein 1892 -93)
nur als großen praktischen Agitator gelten lassen, der wissenschaftlich nicht in Betracht
komme: er war ein eitler, von prahlerischem Ehrgeize verzehrter Lebemanu, aber dabei
ein philofophischer Kopf und ein kenntnisreicher Jurist; sein System der erworbenen
Rechte (1861) steht mindestens ebenbürtig neben den Schriften der anderen, seine Reden
und Pamphlete find Meisterstücke socialpolitisch demagogischer Beredsamkeit; sein Blick
für das reale Leben, die Macht- und Verfassungsfragen, die inneren Triebsedern der
gesellschaftlichen Bewegung war schärfer als der von Rodbbertus und Marx; wenn er
von 8. v. Stein beeinflußt, groß vom Staate und vom socialen Königtum dachte, von
einem demokratischen Cäsarismus tiefgreifende sociale Umwälzungen erwartete, zeigte er
offneren Sinn für die letzten geschichtlichen Ursachen als die Marxischen Schwärmer für
die Abschaffung des Staates. In der Beurteilung des Staates steht Rodberlus (1808
bis 1875; Sociale Briefe an Kirchmann, 1880 -84; Normalarbeiistag, 1871; Briefe
und socialpolitische Auffätze ed. R. Meyer, 2 Bde. 1882), der norddeutsche Gutsbesitzer und
einsame radikale Denker, der Schüler Schellings und Hegels, Lassalle fehr nahe; er sieht,
freilich in sehr übertriebener Weise, in aller Geschichte nur eine Zunahme der Staats—
thätigkeit; er haßt das Manchestertum wie die sensualistische Genußsucht der französischen
Socialisten; nicht mehr genießen, sondern der Allgemeinheit sich opfern soll das In—
dividuum. Seine Geschichtskonstruktion ist tieffinniger als die von Lassalle und Marx,
fie ruht auf gewissen praktischen Kenntnissen (Erklärung und Abhülfe der heutigen Kredit⸗
not des Grundbefitzes, 1871) und gelehrten Studien (Untersuchungen auf dem Gebiete
der Nationalbkonomie des klassischen Altertums, J. f. N. 1. F. 2ff.), fie macht eine bessere
sociale Zukunft, in welcher nicht mehr das Menschen-, das Grund- und das Kapital⸗
eigentum, sondern das Eigentum des individuellen Verdienstes vorherrschen soll, in
anziehender Weise denkbar. Aber seine Einkommenslehre ist schablonenhaft, seine Er—
klärung der Krisen durch zu geringen Konsum der Arbeiter trifft so wenig den wesent—
lichen Punkt, wie Rodbertus ein Recht hat, die infolge technischer Fortschritte zunehmende
Produktivität der Arbeit den mechanischen Handarbeitern als ihr Verdienst anzurechnen;
sein roh entworfenes Zukunftsgemälde mit Normalarbeitstag, Arbeitsgeld, Bezahlung
nach der Zeit ist ein utopischer Traum ohne jede Begründung seiner Realisierbarkeit.
Karl Merh Manifest der kommunistischen Partei, 1848; Zur Kritik
der politischen Okonomie, 1869; Das Kapital, 1. 1867, 4. Aufl. 1890; 2. 1885;
3. 1894) übertraf seine Gesinnungsgenossen an stürmischer, revolutibnärer Willenskraft,
an Ernst und Tiefe der Gedanken, an dialektischer, zersetzender Schärfe, an Haßgefühl
gegen alle bestehenden Gewalten. Aber es fehlte seinem mathematisch spekulativem Kopfe
doch ganz der Sinn für die konkrete psychologische und gesellschaftliche Wirklichkeit und
für empirisches Studium. Auf dem Boden der Hegelschen Geschichtskonstruktion groß
geworden, suchte er unter Feuerbachs und Proudhons Einfluß diese realistisch zu wenden,
verfuhr aber dabei nicht minder willkürlich als Hegel und verfügte über viel geringere
Geschichtskenntnis als er. Immer bleibt die im Lapidarstil des haßerfüllten Anklägers
verfaßte Schilderung der technisch-socialen Entwickelung der englischen Großindufstrie
von 1750—1850 ein Meisterstück trotz all' ihrer Einseitigkeit. Die Begründung des
ökonomischen Materialismus, d. h. der Lehre, welche den socialen, geistigen und poli—
tischen Lebensprozeß der Völker ausschließlich auf die materielle Guͤterproduktion und
Verteilung zurückführen will, war in berechtigter Protest gegen die überspannte
        <pb n="109" />
        Lassalle, Rodbertus, Marx.

97

idealistische Geschichtschreibung und darum ein Verdienst, so sehr Marx und noch mehr
seine Nachtreter den richtigen Gedanken übertrieben. Es ist gegen die übertreibende
Formulierung des Gedankens zu bemerken, daß gewiß alle höheren Kulturgebiete durch
die materiellen ökonomischen Zustände bedingt und beeinflußt sind, daß aber ebenso
sicher das geistig-moralische Leben eine selbständige, für sich bestehende Entwickelungs—
reihe darstellt und als solche das ökonomische Getriebe beherrscht, umformt und gestaltet.
Das übersieht Marx nicht bloß, sondern er ist auch infolge seiner einseitig national⸗
ökonomischen, ganz an Ricardo angeschlossenen Vorstellungswelt unfähig, eine psychologische
Analyse des wirtschaftenden Menschen vorzunehmen, die Bedeutung der sittlichen, recht⸗
lichen und politischen Institutionen zu würdigen. Es war ein Fortschritt seiner Ge—
schichtsauffafsung, daß er auf die Zeichnung utopistischer Zukunftspläne verzichtete, aber
zugleich verzichtete er ganz auf die Erklärung des pfychologischen Wunders, das seine
Geschichts- und Socialphilosophie voraussetzt: die bestehende von Marx als nichtswürdig
geschilderte Welt setzt die ausschließliche Herrschaft des gemeinsten Besitzegoismus und
Erwerbstriebes bei allen Menschen voraus; die zukünftige, von ihm erwartete kennt
diese Eigenschaft überhaupt nicht mehr, ohne zu erklären, wie sie plötzlich verschwinde.
Auch jein nationalökonomisches System, feine Mehrwertlehre, die Darstellung der
kapitalistischen Produktion und ihrer Folgen ist eine große abstrakte Denkerleistung, voll
Scharffinn und Gedankenreichtum; man kann sie loslösen von den überall eingestreuten
socialistischen Flüchen und pathetisch-⸗moralischen Verurteilungen der Kapitalisten und
Ausbeuter. Aber doch ruht dieses System ganz auf den Anschauungen und Voraus—
setzungen Ricardos; es ist in gewissem Sinne die letzte Konsequenz der einseitigen
Naturlehre der Volkswirtschaft. Ja, Marrx geht mit seinen mathematisch-technischen und
spekulativ-abstrakten Spitzfindigkeiten in gewissem Sinne hinter Ricardo und bis Oues—
nay zurück, indem er alle Wertbildung einseitig aus der Produktionsthätigkeit des Ar—
beiters und alle sociale Klassenbildung aus dem Kapital und seiner Verteilung erklärt.
Die Volkswirtschaft ist so nicht mal mehr Tauschgesellschaft, sondern ein kechnisch—
natürlicher Vorgang, der an die Produktion, ihre Art und ihre Folgen sich anschließt,
der immer wieder als eine Art mystischen Geheimnisses, sichtbar nur für Denker wie
Marx, behandelt wird. Ich komme auf seine Mehrwert- und Lohnlehre unten zurück.
Hier sei nur kurz angedeutet, daß Marx das sociale Grundproblem, wie es komme, daß
der Arbeiter bei der Güterverteilung so wenig, der Unternehmer so viel erhalte, objektiv
durch ganz allgemeine Ursachen erklären will. Dabei geht er von der Fiktion, der
Arbeiter schaffe allein den Wert, als einem des Beweises nicht bedürftigen Axiome aus;
dem Arbeiter wird der angeblich nur durch Unrecht und Gewalt zu seinem Kapital
gekommene, nichtsthuende Kapitalist entgegengesetzt. Und nun wird einfach geschlofsen:
der Arbeiter erhält nach dem Preisgesetze den niedrigen Lohn, von dem er noidürftig
leben kann, der den Produktionskosten der Arbeit entspricht; das Plus, was er ent—
sprechend der mystischen Produktivkraft der Arbeit erzeugt, ift der Mehrwert, den der
Kapitalist in die Tasche steckt. In dieser schablonenhaften Aufstellung ist das eine
wahr, daß die Arbeitsteilung und Differenzierung der Gesellschaft, die Geldwirtschaft
and die komplizierte volkswirtschaftliche Verfassung immer wieder an bestimmten einzelnen
Punkten eine Güterverteilung schafft, welche als eine ungerechte zwischen leitenden und
ausführenden Kräften empfunden wird; so entsteht der Begriff der Ausbeutung (des un—
billigen Mehrwertes). Aber nicht das Kapital ist daran schuld, sondern die Differenzierung,
ohne die es keinen Fortschritt gäbe; die technischen und kaufmännischen Überlegenheiten
der wenigen über die vielen, der Vorsprung der geistigen gegenüber der mechanischen
Arbeit und die ethisch-rechtlichen Unvollkommenheiten unserer Institutionen, sind die
springenden Punkte. Schon das ganze Operieren mit dem Begriff des „Kapitalisten“
ist eine Gedankenlosigkeit. Nicht der Kapitalist, sondern der Marktkenner und Markt—
beherrscher ist der, welcher heute leicht mehr Werte als die übrigen Gesellschaftsklassen
erwirbt. Und nicht eine Untersuchung der Natur der Ware, des Kapitals und Ähnliches
dringt uns weiter, sondern eine solche der Ursachen menschlicher Verschiedenheit uͤnd der
Schmoller, Grundriß ber Volkswirtschaftslehre J. 4. ü. Aufl.
        <pb n="110" />
        98 Einleitung. Begriff. Plsychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Institutionen, die diese steigern oder mildern, und die den Güterverteilungsprozeß
beherrschen und beeinflussen.
Was der deutsche Socialismus teils selbständig neben den genannten noch schuf,
(z. B. Marlo Winkelblechs, Organisation der Arbeit, 1880; Dühring, Kursus der
Rational- und Socialökonomie, 1873; Hertzka, Gesetze der socialen Entwickelung, 1886,
Freiland, 1890; Flürscheim, Der einzige Rettungsweg, 1890), teils im engen Partei—
anschluß an sie erzeugte (wie die Schristen von Bebel, Liebknecht, Schippel), hat keine
so selbständige Bedeutung, daß hier näher darauf einzugehen wäre. Nur Engels ver—
dient als Freund und lilterarischer Genosse von Marx besondere Erwähnung (haupt—
sächlich durch sein Buch: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wifsenschaft, 1877
und 1886). Und unter den Nachfolgern sind K. Kautsky (Thomas Morus und seine
Utopie, 1887), F. Mehring (Die Lessinglegende nebst Anhang über den historischen
Malerialismus, 1893; seine litterargeschichtlichen Werke sind oben genannt), Schönlank
(Sociale Kämpfe vor dreihundert Jahren, 1894; Arbeiten über Kartelle, Ouecksilber—
industrie) und E. Bernstein (Die Voraussetzung des Socialismus und die Aufgaben
der Socialdemokratie, 1899) wohl als die zu nennen, welche neben der socialistischen
Parteileidenschaft erhebliches wissenschaftliches Talent zeigen, wie ja auch in ihrer Zeit—
schrift (Neue Zeit seit 1882) manche ehrliche wissenschaftliche Arbeit enthalten ist. Freilich
in dem Maße wie eine solche hervortritt, verlassen diese Schriften auch den einseitigen
Partei- und Klassenstandpunkt, welcher ja an sich echte objektive Wissenschaft ausschließt.
In den englisch redenden Ländern hat der Amerikaner Henry George (Progress and
poverty, 1879, deutsch 1881) durch seine Agitation gegen das Bodenmonopol, dessen
Rente er durch Steuern einziehen will, Aufsehen gemacht; er ist ein talentvoller, leiden—
schaftlicher, aber autodidaktischer und phrasenhafter Schriftsteller, wird in seinen Grund—
gedanken von Ricardo einerseits, von den Mißbräuchen der amerikanischen Boden⸗
spekulation andererseits beherrscht. In England spielt neuerdings eine socialistische
Litteratengesellschaft (Fabian society, fabian essays in socialism 1890 eine gewisse Rolle,
die ihr größtes Talent in Frau Sidney Webb zu haben scheint. Wenn in den Essays
noch der alte naturrechtliche Socialismus vorherrscht, so tritt in anderen Erzeugnissen
der Schule der praktisch und theoretisch bedeutsame Gedanke in den Vordergrund, daß
ein Sieg socialistischer Gesellschaftseinrichtungen abhänge von einer vorausgehenden
demokratischen Schulung, Erziehung und Organisation der Arbeiter in Vereinen und
Genossenschaften, in Gemeinde und Grafschaft. Als die wichtigsten Erzeugnisse dieser
Richtung find zu nennen: Frau Sidney Webb, Die brittische Genossenschaftsbewegung,
1891, deutsch herausg. von Brentano, 1893; Sidney und Beatrice Webb, The history
of trade unionism, 1894; dieselben, Industrial democracy, 2 Bde., 18897. Das sind
Leistungen, welche weit über denen von Marx stehen, aber auch nur in beschränkter
Weise dem Socialismus zuzuzählen sind.
Der Socialismus des 19. Jahrhunderts hat eine eminent praktische Bedeutung
erhalten, weil er zur Glaubenslehre, zum Ideal der zu politischen Rechten und zum
Solbstbewußtsein gekommenen Arbeiter der Großindustrie wurde. Er wurde es, weil er
auf große sociale und andere Mißstände und Mißbräuche kühn hinwies und deren
AÄnderung forderte, an die radikalen und materialistischen Tagesströmungen sich anschloß,
den rohen Instinkten der Masse teils mit verführerischen Zukunftsplänen, teils mit blen—
denden Geschichtskonstruktionen und philosophischen Formeln schmeichelte. Seine volkswirt⸗
schaftliche Bedeutung besteht darin, daß er den unklaren Optimismus der Freihandelsschule
 zerstörte, durch eine Analyse der Klassengegensätze und -Kämpfe, des politischen
und wirtschaftlichen Machtmißbrauches, sowie der unsicheren und kümmerlichen Lage der
Arbeiter wichtige Erscheinungen und Gebiete der Volkswirtschaft fast neu entdeckte. Der
Socialismus hat sich mit Energie dem großen Gedanken der Entwickelung zugewandt,
hat den Zusammenhang zwischen Recht, Staat und Volkswirtschaft wieder betont, hat die
ganze bisherige Wissenschaft zu neuen Ideen, Fragestellungen und Untersuchungen an—
geregt. Mögen also seine utopischen Ideale von einer Aufhebung aller Klaffengegensätze,
einer Beseifigung aller Einkommens- und Vermögensungleichheit, von einem sinnlichen
        <pb n="111" />
        Würdigung der socialistischen Litteratur.

99

Genußleben aller Individuen noch so falsch sein, mag seine letzte Wurzel in einer Uber—
schätzung des äußeren, irdischen Glückes, in einer Verkennung des wahren Wesens der
menschlichen Natur, in einer rohen sinnlichen Weltanschauung liegen, es sind Lehren,
die einen naturgemäßen Rückschlag gegen die Überschätzung der freien Konkurrenz dar—
stellen; sie haben den Interessen des vierten Standes gedient, wie die liberalen Lehren
dem Mittelftande förderlich waren; sie haben große Bewegungen der Zeit, wie die fort—
schreitende Technik, den zunehmenden Großbetrieb, die sich vervielfältigende wirtschaftliche
Kommunal- und Staatsthätigkeit in ihre Theorie geschickt aufgenommen, sie freilich zu—
gleich maßlos übertrieben. In ihrer Ignorierung der Bevölkerungsfrage, in der Gleich—
gültigkeit gegenüber den letzten pfychologischen und ethischen Fragen, wie in der Auf—
stellung absurder Trieblehren, in ihren Hoffnungen auf eine gänzliche Veränderung des
menschlichen Seelenlebens und der gesamten gesellschaftlichen Einrichtungen zeigen sie eine
kindliche, von wahrer Wissenschaftlichkeit noch ganz unberührte Naivetät; die entscheidenden
Fragen, wie ein kommunistischer Riesenapparat ohne die furchtbarsten Mißbräuche der
Verwaltung fungieren soll, haben sie sich noch gar nicht recht vorgelegt; ihre Ignorierung
der Notwendigkeit fester großer Staatsgewalten läßt sie auch auf wirtschaftlich-socialem
Gebiete Fehlschluß auf Fehlschluß häufen; oberflächliche demokratische Vorstellungen über
Volkssouveränität und ungeschichtlicher Monarchenhaß täuscht sie über die politische
Schwierigkeit und Unmöglichkeit der Ausführung ihrer Pläne weg. Würden ihre uto—
pischen Theorien zur Herrschaft in irgend einem Staate gelangen, vollends in der Hand
von weltunkundigen Schwärmern oder wüsten Demagogen, so stellten sie eine unsagbare
Gefahr dar; sie würden wahrscheinlich mit der Zerstörung der bestehenden Gefellschafts—
einrichtungen die Kultur überhaupt auf lange vernichten. Aber als treibende Elemente
der socialen Entwickelung, beherrscht von den bestehenden Gewalten, korrigiert von Wissen—
schaft, Vernunft und Moral, haben sie eine nicht zu verkennende, berechtigte Aufgabe
in der Entwickelung der Geschichte und des socialen Fortschrittes. Es sind Lehren,
welche in wissenschaftlichem Gewande die einseitigen praktischen Zeitideale der unteren
Klassen darstellen, mit den Idealen der anderen Klassen sich vertragen müssen. Vom
Ziele aller echten Wissenschaft, alle Menschen gleichmäßig zu überzeugen, sind sie noch
weiter entfernt als die ihnen gegenüberstehenden individualistischen Manchesterlehren,
weil fie nackter auf einem Klassenstandpunkt stehen, mehr von Gefühlen und Interessen
Als von Verstand und ruhiger obiektiver UÜberlegung beherrscht sind

4. Die Methode der Volkswirtschaftslehre.

Anenn Werke über Methode: John Stuart Mill, System der deduktiven und induk—
tiven Logik. Erste engl. Aufl. 1848, deutsche beretung von J. Schiel nach der 5. Aufl. 2 Bde,
1862. — Lotze, Logik, drei Bücher vom Denken, vom Untersuchen und Erkennen. 1874. — Sigwart.
— 2 Bde. 1873 u. 1878. — Euken, Die Grundbegriffe der Gegenwart. 1878 u. 1893. — Wundt,
Erkenntnislehre. 18803 — Ders, Mechodenlehre. 1883 (2. Aufl. beider Bände, die zus. als Logit
bezeichnet sind, 1893). — Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften 1. 1888.
Specielle Litteratur. Englische: Jevons, Theory of pol. economy. 1871. — Ders. The principles
 of scisence. 2 Bde. 1874. - Ders., Studies in deductive logic, 1880 (dazu W. Böhmert,
Jevons und seine Bedeutung für die Volkswirtschaftslehre in England. J. f. G.V. 189h. — Kaines,
The character and logical method of political économy. 1875 (dazu Weiß, Zur Logik der National⸗
öfonomie. Z. f. St. W. 1875). — David Syme, Outlinés of an industrial science. 18716. — John
Ingram, The preésent position and pröspeécts of political economy. 1878 (deutsch von Scheel,
Die notwendige Reform der Volkswirtschaftslehre. 1879). — Cliffe Leslie, Essays in moral'and
political philosophy. 1879 (neue Aufl. 1888 u. d. T.:! Essays on pol. écon). — Ashley, WMhat is
political science? 1888. — Keynes, The scope and meéthod of political economy. 1891.
Deutsche: K. Menger, Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften und der
politischen Okonomie insbesondere. 18883. — Schmoller, Zur Methodologie der Staats- und Social—
wissenschaften. J. f. G. B. 1883 (wieder abgedr. Litt.⸗Gesch.. — Heinrich Dietzel, Der Ausgangspuntt
 der Socialwissenschaftzglehre und ihr Grundbegriff. &amp;amp; f. St.W. 1883; — Ders. Beiträge zur
Methodit der Wirtschaftswissenschaft. J. f. N. 2. F. 9, 1884. — Emil Sax, Das Wesen und die
Aufciaben der Nationalökonomie. 1884. — Hasbach, Ein Beitrag zur Mesodologie der Naional—
        <pb n="112" />
        100 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

zkonomie. J. f. G. V. 1888. — Adolf Wagner, Systematische Nationalökonomie. J. f. N. 2. F.
is ios —v Philippovich, über Aufgabe und Methode der politischen Skonomie. 1886 azu
Hasbach. J. f. GV. 1886, 990. — Brenfano, Die klaͤffische Nationalökonomie. 1888. — Sax,
Die neueften Fortschritte der nationalökonomischen Theorie. 1888. — Klein wächter, Wesen, Aufgabe
und System der Rationalbkonomie. J. f. N. 2. F. 18,1889. - K. Nenger Grundzüge einer
Klassifikation der Wirtschaftswissenschaften. Das. 19, 1889. — Neumann, Naturgesetz und Wirt—
chastsgesetz. 3. f. St. W. 1892. A. Wagner, Grundlegung der politischen Okonomie. 8. Aufl.
Erster Teil, erster 3 1892, 88 54 —107. — v. Gans-Ludaffsy, System der ökonomistischen
Nethodologie. 1898 — 5. Diehel, Theoretische Socialökonomit. J. 1895. — Hasbach, Zur
deschichte des Methodenstreiles in der polituschen Okonomie. J. f. G.V. 1895.

42. Einbeitung. Wir haben die Entwickelung der vorherrschenden volks—
wirtschaftlichen Systeme bisher unter dem Gesichtspunkte ihrer Entstehung aus praktischen
Zeitsttömungen heraus betrachtet. Wir,geben zu, daß auch die anderen, weiterhin noch
zu erörternden Litteraturerscheinungen nicht frei von solchen Tendenzen sind. Aber im
ganzen steht doch die strengere Wisenschaft, wie sie sich im 19. Jahrhundert mehr und
mehr herausbildete, auf einem anderen Boden. Sie will nicht mehr in erster Linie ein
Sollen“ lehren und Anweisungen fürs praktische Leben geben; sie will begreifen und
ju unumstößlichen Wahrheiten über den Zusammenhang der Dinge kommen. Gewiß
haben auch die bisher vorgeführten Schrijtsteller Derartiges erstrebt und teilweise auch
crreicht. Aber doch mit beschränktem Erfsolge, teilweise weil erst neuerdings die strengeren
Methoden der Erkenntnis ausgebildet wurden, teilweise eben deshalb, weil ihnen nicht
das Erkennen, sondern die Aufstellung von praktischen Idealen in erster Linie stand.
Diese müssen von heute auf morgen fertig werden, müssen stets auf einem Glauben und
Hoffen, teilweise auf Hypothesen und teleologischen Bildern ruhen. Und wenn auch die
Wissenschaft derartiger Mittel nie ganz entraten kann, so muß sie sich doch bewußt
bleiben, daß sie hier auf unsicherem Boden sich bewegt. Sie muß mit viel Resignation
und Bescheidenheit ihre Lücken eingestehen. Sie muß, wenn sie auch stets hofft, mit
ihren Ergebnissen praktische Leuchten für die Zukunft aufzustellen, sich doch zunächst im
Sinne einer berechtigten Arbeitsteilung auf das Erkennen beschränken, aber dieses um
so fester hinzustellen fuchen, weil sie eingesehen hat, daß die Hoffnungen der Denker und
Gelehrten, durch bestimmte Theorien irgend eine subjektive Auffassung des „Sollens“
zu stützen, immer wieder die Objektivität des wissenschaftlichen Verfahrens getrübt hat.
Die Fortschritte des gesamten wissenschaftlichen Verfahrens in den Natur- und
Geisteswissenschaften während der letzten Generationen mußten auch auf dem Gebiete
der Staatswisfenschaften und der Volkswirtschaftslehre ihre Wirkung ausüben, zur Ver⸗
feinerung und Verbesserung des methodischen Verfahrens, zur strengen Einhaltung von
Grundsähzen und Regeln bei aller Beobachtung und Erklärung der volkswirtschaft lichen
Erscheinungen führen. Die Wissenschaft der Nationalökonomie will von der Volks⸗
wirtschaft ein vollständiges Bild, einen Grundriß der volkswirtschaftlichen Erscheinungen
nach Kaum und Zeit, nach Maß und historischer Folge entwerfen; fie thut das, indem
fie die Wahrnehmungen dem vergleichenden und unterscheidenden Denken unterwirft, das
Wahrgenommene auf seine Gewißheit prüft, das richtig Beobachtete in ein System von
Begriffen nach Gleichartigkeit und Verschiedenheit einordnet und endlich das so Geordnete
in der Form typischer Regelmäßigkeiten und eines durchgängigen Kaufalzusammenhanges
zu begreifen sucht. Die Hauptaufgaben strenger Wissenschaft find so 1. richtig be—
oͤbachten, 2. gut definieren und klassisizieren, 3. typische Formen finden und kausal erklären.
Je nach dem fortschreitenden Stande der Wissenschaft tritt dann bald das eine, bald das
andere mehr in den Vordergrund. Bald ist das Zurückgreisen auf die Erfahrung, bald
die rationale Bemeisterung der Erfahrungen durch Begriffe, Reibenbildung, Kausal⸗
erklärung und Hypothesen das wichtigere Geschäft.
13. Beobachtung und Beschreibung. Wir verstehen unter der wissen—
schaftlichen Beobachtung einer Erscheinung eine solche, die oftmals von demselben oder
von verschiedenen Beobachtern wiederholt immer dasselbe Resultat ergiebt, aus der die
Einflüsse jubjektiver Täuschung und Meinung soweit als möglich entfernt sind. Eine
solche Beobachtung deutet auf ein obiektives Geschehen. Die Beobachtung soll obiektive
        <pb n="113" />
        Die wissenschaftliche Beobachtung.

101

Gültigkeit, erschöpfende Genauigkeit, extensive Vollständigkeit besitzen. Das einzelne soll
für sich und als Teil des Ganzen in seinen wahrnehmbaren Beziehungen zu diesem, im
Vergleich mit Ähnlichem und Verschiedenem beobachtet werden. Die wissenschaftliche
Fixierung der Beobachtung ist die Beschreibung; jede halbwegs brauchbare Beschreibung
setzt aber schon ein geordnetes System von Begriffen und die Kenntnis der bekannten
und festgestellten Formen und Kausalverhältnisse voraus.
Die volkswirtschaftliche Beobachtung hat es mit Handlungen der einzelnen und
der Gemeinschaften, mit den Motiven dazu, mit den Ergebnissen dieser Handlungen,
mit den socialen Formen und Verknüpfungen, die daraus entstehen, zu thun. Ihr dient
steis vereint innere und äußere Wahrnehmung. Die erstere giebt uns unmittelbare
Gewißheit über uns selbst und durch Vergleichung mit den Worten, Mienen und Hand—
lungen der anderen auch über diese. Die zweite führt uns von dem bunten Weltbilde
ein kleines Stuckchen direkt vor, das durch die Kraft seiner Anschaulichkeit uns so be—
herrscht, daß wir in all' unserm Denken davon abhängig bleiben, welches Stück der
Welt, hier der volkswirtschaftlichen Welt, wir selbst gesehen und erlebt. Die weitaus
größere Hälfte der Wahrnehmungen empfangen wir direkt durch Erzählung, Lektüre,
Berichte aller Art. Das Maß von Phantasie und Kraft der Vorstellung, über welche
der einzelne verfügt, bedingt die Wirksamkeit dieser verblaßten, schemenhaften, indirekten
Bilder. Das Maß von Scharffinn, Kritik, methodisch hiezu angeleitetem Verstande, das
dem einzelnen eigen ist, bedingt den richtigen oder falschen Gebrauch von diesen sekun—
dären Weltbildern. In der überlieferten Wissenschaft empfängt der einzelne eine syste—
matisch⸗angeordnete, nach gewissen richtigen oder schiefen Gesichtspunkten zurecht gemachte,
deilweise zu farblosen Abstraktionen verflüchtigte Summe von Beobachtungsresultaten,
welche die große Menge freudig hinnimmt, welche der Forscher stets von neuem wieder
prüft und ordnet.
Alle Beobachtung isoliert aus dem Chaos der Erscheinungen einen einzelnen Vor—
gang, um ihn für sich zu betrachten. Sie beruht stets auf Abstraktion; sie analysiert
einen Teilinhalt. Je kleiner er ist, je isolierter er sich darstellt, desto leichter ist das
Geschäft. Die relative Einfachheit der elementaren Naturvorgänge erleichtert auf dem Ge⸗—
biete der Naturwissenschaften die Beobachtung sehr; es kommt dazu, daß der Naturforscher
es in seiner Gewalt hat, die Umgebung, die mitwirkenden Ursachen beliebig zu ändern
d. h. zu experimentieren und so den Gegenstand von allen Seiten her leichter zu fassen.
Nicht bloß ist das bei volkswirtschaftlichen Erscheinungen häufig nicht möglich, sondern
diese sind stets — auch in ihrer einfachsten Form — sehr viel kompliziertere Gegenstände,
abhängig von den verschiedensten Ursachen, beeinflußt durch eine Reihe mitwirkender Be—
dingungen. Nehmen wir eine Steigerung des Getreidepreises, des Lohnes, eine Kurs—
veraͤnderung oder gar eine Handelskrisis, einen Fortschritt der Arbeitsteilung; fast jeder
solche Vorgang befteht aus Gefühlen, Motiven und Handlungen gewisser Gruppen von
Menschen, dann aus Massenthatsachen der Natur (z. B. einer Ernte) oder des technischen
Lebens (z. B. einer Maschineneinführung), er ist beeinflußt von Sitten und Einrichtungen,
deren Ursachen weit auseinander liegen. Es handelt sich also stets oder meist um die
gleichzeitige Beobachtung von zeitlich und räumlich zerstreuten, aber in sich zusammen⸗
hängenden Thatsachen. Und vollends, wenn typische Formen des volkswirtschaftlichen
Lebens, wie die Familienwirtschaft, die Unternehmung oder konkret eine bestimmte Volks—
wirtschaft, ein Industriezweig beobachtet werden sollen, so steigert sich die Schwierigkeit
des Selbst- und des Richtigsehens, des Zusammenordnens von vielen Beobachtungen
außerordentlich. Die Möglichkeit von Fehlern liegt um so näher, je größer, verzweigter,
komplizierter die einzelne Erscheinung ist. Die an sich berechtigte Vorschrift, einen zu
untersuchenden Vorgang in seine kleinsten Teile aufzulbsen, jeden für sich zu beobachten
und aus diesen Beobachtungen erst ein Gesamtergebnis zusammenzusetzen, ist nur unter
besonders günstigen Umständen restlos durchzuführen. In der Regel handelt es sich
darum, aus gewissen, an einem Vorgang festgestellten sicheren Daten die übrigen nicht
oder nicht genügend beobachteten schließend zu ergänzen und so sich ein Bild von dem
Ganzen desfelben zu machen; das geschieht unter dem Einflusse gewisser Gesamteindrücke
        <pb n="114" />
        102 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

durch einen produktiven Akt der Phantasie, der irren kann, wenn nicht reiche Begabung
und Schulung den Geist auf die rechte Bahn lenken. Die Beschreibung vollends greisi
immer gewissermaßen über die Beobachtung hinaus, indem sie feststehende Begriffe
gebraucht, an feststehende Wahrheiten anknüpft, Folgerungen aus dem Beobachteten
ausspricht, die einzelnen Beobachtungen zu einem Gesamtbilde vereinigt, Vergleichungen
zur Erläuterung heranzieht. Vie Zusammenfassung mehrerer Beobachtungen und ihre
Vergleichung, der Versuch, so ausprobierend Gesamtvorstellungen über groößere Gebiete
des volkswirtschaftlichen Lebens zu schaffen, ist ein Hauptmittel, in das Chaos zer—
streuter Einzelheiten Einheit zu bringen. Es liegt darin auch der Ansatz zu induk—
tiven Schlüssen, wie alle Beschreibung ihren Hauptzweck darin hat, die Induklion, d. h.
den Schluß vom einzelnen auf das zu Gruͤnde liegende Gesetz vorzubereiten; aber
sie ist an sich noch nicht Induktion und dient ebenso der Debuftion vn ihrer Veri⸗
fikation.
Je mehr freilich die größer angelegten Beschreibungen das analytisch im einzelnen
Festgestellte zu Synthefen zusammenfassen, je mehr sie von der elementaren Teilanalyse
zur kausalen, verknüpfenden Analyse vordringen, desto mehr werden wir vermuten, daß
nur der erfahrenste Sachkenner, der zugleich ein vollendeter Künstler ist, der mit kurzen
Strichen alles Wesentliche hervorzuheben versteht, Vollendetes leiste. Die geistigen
Operationen dieser Art verlassen auch stets den Boden der bloßen Beobachtung und
Beschreibung, sie umfassen die ganze Wissenschaft; — die vollendete Beschreibung einer
ganzen Volkswirtschaft, einer volkswirtschaftlichen Institution, welche zugleich Kaufal—
erklärung ist, wird häufig teilweise hypothetisch und teleologisch verfahren; sie kann in
Meisterhänden doch so sireng wissenschaftlich bleiben, daß 'fie wahrer Erkenntnis sehr
aahe kommt.
Die vollendete Beschreibung wird in der Regel nicht vermeiden können, die im
Raum nebeneinander auftretenden, in der Zeit sich folgenden gleichen und ähnlichen
Erscheinungen heranzuziehen. Nur aus solcher Vergleichung ergiebt sich das Charakle—
ristische und Eigentümliche dessen, was man beschreibend klar machen will. Der Kurs
von heute ist nur verständlich neben dem von geftern, das Handwerk wird als typische
Erscheinung viel klarer, wenn ich Haus- und Großindustrie daneben stelle, die deutsche
Arbeiterversicherung wird erst recht verständlich, wenn ich sie mit der englischen vergleiche.
Die Beschreibung bedient sich so der vergleichenden Methode, welche neuerdings eine
steigende Bedeutung in den verschiedensten Wissenschaften und so auch in der unseren
erhalten hat. Das Verfahren führt natürlich in der Regel über die Beschreibung
hinaus zu Schlußfolgerungen allgemeiner Art Und hier liegen auch wesentlich die
Fehler, welche die vergleichende Methode teilweise in Verruf gebracht haben. Gar manche
Gelehrte waren geneigt, wenn keine guten Beobachtungen vorlagen, unvollkommene zu
benutzen. Oftmals wurde nicht das Nächstliegende, aus nahen Zeiträumen und ähnlichen
Kulturverhältnissen Stammende miteinander verglichen, sondern Fanatiker der Vergleichung
stellten oberflächliche Notizen über eine ägyptische, eine römische, eine hottentottische Ein⸗
richtung nebeneinander. Daraus konnten nu— faliche Gesamtergebnisse und schiefe
Schlußfolgerungen hervorgehen.
Einen je größeren Teil ihres rohen Stoffes die Nationalbkonomie anderen metho⸗
disch durchgebildeten Wissenschaften entnehmen kann, wie z. B. der Psychologie, Anthro—
pologie und Geographie, der Geschichte und Statistik, der Rechtsgeschichte, in desto besserer
Lage ist sie. Aber so sehr dies heute der Fall ist, so sehr damit die einzelnen Methoden
dieser verwandten Wissenschaften, zumal der Hülfswissenschaft der Statistik, damit zu
Methoden der Nationaldkonomie selbst geworden sind, so sehr sie in ihrem geschichtlichen
Teile sich der philologisch-kritischen Methoden bedient, die dort ausgebildet wurden, so
wenig reicht doch häufig die den Stoff vorbereitende Thätigkeit der Nachbarwissenschaften
aus. Die Geschichte hat uns zahlreiche einzelne zusammenhangslose Zunfturkunden mit—
geteilt, erst der nationalbkonomische Forscher sah, daß es nötig sei, einmal von einer
einzigen Zunft einige hundert Urkunden nebeneinander zu stellen; die Geschichte lieferte
uns manches Material über ältere Bepölkerungsbewegung; erst bevölkerungsstatistisch
        <pb n="115" />
        Beschreibung; vergleichende Methode; Begriffsbildung. 103

und nationalbkonomisch geschulte Leute, wie Hume und Dieterici früher, neuerdings Bücher
und Beloch, haben Methode und Zusammenhang in diese Untersuchungen gebracht, eine
vergleichende historische Vevölkerungsstatistik geschaffen. So wirken eben die aneinander
grenzenden Wissenschaften immer — S—
Eine einzige Methode nationalökonomischer Beobachtung kann es entsprechend der
Kompliziertheit des Stoffes natürlich nicht geben. Auf jeden Teil des Stoffes sind die
Mittel zu verwenden, die uns am weiteften führen, die uns das zutreffendste, wahrste,
vollständigste Bild der Wirklichkeit, der volkswirtschaftlichen Thatsachen geben.
Die Thatsachen kennen, sagt Lotze, ist nicht alles, aber ein Großes; dies gering
zu schätzen, weil man mehr verlangt, geziemt nur jenen hesiodischen Thoren, die nie
verstehen, daß halb oft besser ist als ganz. Und Lassalle meint in ähnlichem Zusammenhange:
 Der Sioff hat ohne den Gedanken immer noch einen relativen Wert, der Gedanke
ihne den Stoff aber nur die Bedeutung einer Chimäre.
44. Die Begriffsbildung. Richtig veschreiben, von einem Gegeastande
Merkmale aussagen, die Ursachen aufdecken, die Folgen feststellen kann nur, wer die
Erscheinungen, ihre Merkmale, ihre Konsequenzen mit Worten festen Inhalts bezeichnet.
Die Begriffsbildung hat die Aufgabe, die in der gewöhnlichen Sprache vorhandenen,
hon der Wissenschast benutzten, weiter gebildeten, oft umgedeuteten Worte zu diesem
Zwecke einer Eroͤrterung, Deutung und Fixierung zu unterwerfen. Diese Begriffsbildung,
für jede Wissenschaft eine ihrer wesentlichen Aufgaben, ist zunächst eine Fortsetzung
oder Potenzierung der natürlichen Sprachbildung. Jeder Sprachgebrauch geht vom an—
schaulichen, sinnlichen Bilde einer Erscheinung aus, in dem eine Summe von Vorstellungen
um eine herrschende gruppiert ist; das Wort ist dieser herrschenden Vorstellung ent—
nommen, bezeichnet das Bild mit allen seinen Vorstellungen; das Wort wird zu einem
abstrakten, konventionellen Zeichen, das bei allen Gebrauchenden die gleichen oder ähn⸗
lichen Vorstellungen hervorruft. Diese Vorstellungen sind aber nicht fixiert, es schieben
sich in die Wortbedeutung jeder lebendigen Sprache neue, wechselnde Vorstellungen ein;
die herrschende Vorstellung wird von einer anderen verdrängt. Und je allgemeinere
Vorftellungskreise ein Wort einheitlich zusammenfaßt, desto zweifelhafter ist in der ge—
wöhnlichen Sprache der damit verbundene Sinn. Die Wissenschaft hat nun das Be—
dürfnis, diese fließenden und schwankenden Vorstellungskreise immer wieder für ihre
Zwecke zu fixieren; sie verlangt möglichste Konstanz, durchgängige, feste Bestimmtheit,
Sicherheit und Allgemeingültigkeit der Wortbezeichnung. Die Definition ist das wissen—
schaftlich begründete Urteil über die Bedeutung eines Wortes. Indem wir definieren,
wollen wir für alle an der Gedankenarbeit Teilnehmenden eine gleichmäßige Ordnung
des Vorstellungsinhaltes und damit zugleich eine einheitliche Klafsifikation der Erscheinungen
eintreten lassen. Das ist aber immer nur bis zu einem gewissen Grade möglich. Die
Dinge selbst und alle unsere Vorstellungen über sie sind stets im Flusse begriffen; die
vollendete Klassifikation der Erscheinungen ist niemals ganz vorhanden; die Worte, mit
denen wir einen Begriff definieren, sind selbst nicht absolut feststehend; sie wären es nur,
denn es bereits ein vollendetes Begriffssysten gäbe, was nicht der Fall ist. Wir müssen
uns also in allen Wissenschaften mit vorläufigen Definitionen begnügen, dem weiteren
Fortschritte der Wissenschaft und des Lebens ihre weitere Richtigstellung überlassend.
Eine Wissenschaft, die schon ein relativ feststehendes Begriffssyftem hat, definiert
durch Angabe der nachsthöheren Gattung des Begriffes und durch den artbildenden
Unterschied; die Rationalökonomie und das ganze Gebiet der Staatswissenschaft ist nur
an einzelnen Stellen so weit, in dieser Weise definieren zu können: z. B. die Haus—
industrie ist eine Unternehmungsform, bei welcher der kleine Produzent nicht direkt ans
Publikum verkauft, sondern den Absatz seiner Produkte nur durch anderweite kaui⸗
männische Vermittelung erreicht.
In der Regel muß sie definieren, indem sie den Begriff in seine Merkmale zerlegt,
die wichtigsten zur Charakterisierung benutzt. Artet die Definition dadurch zu einer
breiten analytischen Beschreibung aus, so hört sie auf Definition zu sein, und riskiert, nicht
einmal die herrschende Vorstellung in den Mittelpunkt zu stellen. Betont sie in der Definition
        <pb n="116" />
        104 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

ausschließlich eines von verschiedenen Merkmalen, so kommt die Gefahr, daß jedem fuͤr
seine wissenschaftlichen Zwecke ein anderes Merkmal als das wichtigste erscheint. Daher
'ast stets verschiedene Definitionen möglich sind, die nicht durch ihre Richtigkeit, sondern
durch ihre Zweckmäßigkeit für bestimmte wisfenschaftliche Zwecke sich unierscheiden. Die
Gefahr wächst, je allgemeiner und abstrakter die Begriffe sind. Wie die Rechtswissen—
schaft, welche für die einzelnen konkreten Rechtsinstitute das vollendetste Begriffssystem
hat, für ihre allgemeinen Begriffe Recht, Staat c noch in keiner Weise zu allgemein
anerkannten Begriffen kommen konnte, fo ist es begreiflich, daß auch die Volkswirtschaft
ein ähnliches Schicksal teilt; jeder fast definiert ihre allgemeinsten Begriffe, wie Wiri
schaft oder Arbeit, wieder in anderer Weise.
Das hat nun nicht so sehr viel zu sagen für denjenigen, welcher nur Nominaldefinitionen,
 d. h. Urteile über den Sprachgebrauch geben will, diesen treu bleibt, mit
ihnen vom gewöhnlichen Gebrauche sich nicht allzuweit entfernt. Von ganz anderer Be—
deutung wird es für die, welche Realdefinitionen, d. h. Urteile über das Wesen der
Sache abgeben wollen. Der Realdefinition in ihrer älteren, von den Alten wie von Hegel
und Lorenz Stein gebrauchten Bedeutung liegt die unhaltbare Vorstellung zu Gruͤnde,
die Worte und Begriffe enthielten, gleichsam wie in einem vollendelen Spiegel, das
erschöpfende Abbild der Welt in sich. In Wirklichkeit beruhen die Worte oft auf einem
unklaren oder falschen Vorstellungsinhalt, jedenfalls stets auf einem von dem geistigen
Horizont der Gebraucher abhängigen. Dataus erklärt es sich, daß die genialsten, mit
dem reichsten Vorstellungsinhalt ausgestalteten Menschen beim Gebrauch der Worte, vor
allem der allgemeinen Begriffe, sich am meisten denken können und dementsprechend aus
dem Begriff, d. h. aus ihrem verhältnismäßig reichen Vorstellungsinhalt, mehr entwickeln
können. Es ist ferner richtig, daß, je weiler eine Wissenschaft bereits ist, sie desto mehr
die von ihr gewonnenen Wahrheiten und Kausalzusammenhänge in die Difinition
ihrer obersten Begriffe hineinverlegen kann; denn diefe gehören zu den wesentlichsten
Merkmalen, zu den für das Wort 'wesentlichsten Vorstellungen. Für die gewöhnlichen
Menschen aber gehören die allgemeinsten Begriffe zu den leersten; und es ist daher die
Meinung, daß mit dem rechten Begriffe der Wirtschaft oder der Arbeit, mit der Aus
einanderlegung dieses Begriffes das Wesen der Volkswirtschaft gegeben sei, eine außer—
ordentlich gefährliche und irreführende. Sie verbindet sich überdies häufig mit der
schiefen mystischen Vorstellung eines einheitlichen Begriffsschematismus, der rein logisch
eine Erscheinung aus der anderen ohne Zuhülfenahme der Erfahrung entsiehen lassen könne.
Nur das ist richtig, daß alle Begriffe innerlich zusammenhäugen, weil wir jedes Wort
wieder mit anderen definieren, weil die Abgrenzung des einen Wortes immer gugleich
die der Nachbarbegriffe einschließt.
Deshalb enthält jede Begriffsbildung zugleich eine Klassifikation der Erscheinungen,
die um so bedeutungsvoller wird, wenn man eine Summe in Zusammenhang stehender
Erscheinungen nach einem bestimmten Gesichtspunkte oder Systeme so einteilen will, daß
die einzelnen Klassen gleiche Glieder einer Reihe bilden und die Gesamtheit planvoll
erschöpfen. Hier wird eine Anordnung und Verteilung erstrebt, um eine Gruppe von
Erscheinungen in unserem Geiste am besten zu ordnen; es handelt sich um einen Kunst⸗
griff, welcher die Gewalt über unser Wissen mehren soll, um eine höchst wichtige wissen⸗
schaftliche Thätigkeit, die nur auf Grund genauester Keuninis alles einzelnen und auf
Grund eines Überblickes über das Ganze, über alle Ursachen und Folgen gut aus—
zuführen ist. Da diese Vorausfetzung aber nicht leicht vollständig zutrifft so ver—
fährt auch die klassifikatorische Begriffsbildung hypothetisch und provisorisch und ist
immer wieder neuer Verbesserungen fähig. Unter den Klafssifikationen kann man die
analytischen und genetischen unterscheiden. Wenn A. Wagner die gesamten volkswirt⸗
schaftlichen Erscheinungen in ein privatwirtschaftliches, gemeinwirtschaftliches und karita—
tives System einteilt, so ist das eine analytische; wenn Hildebrand Ratural-, Geld—
und Kreditwirtschaft trennt, wenn ich selbst Dorf-, Stadt-, Territorial-, Volkswirtschaft
als historische Reihenfolge aufstellte, so sind das genetische, die historische Entwickelung
andeutende Klassifikationen. Die Grenzen bei solcher Reihenbildung werden stets etwas
        <pb n="117" />
        Nominal- und Realdefinition. Klaffifikation. Wert der Begriffsbildung. 105

unsicher sein, aber der Kern der Erscheinung, den man in den einzelnen Begriffen zu
fassen sucht, entspricht je einem eigenartigen Typus.
Richtige Begriffe und Klassifikationen sind eines der wichtigsten Hülfsmittel der
Wissenschaft, aber sie machen nicht die Wissenschaft als solche aus, sind nicht die
erste oder einzige Aufgabe derselben. Gute Definitionen könnte man scharfen Klingen
vergleichen; man muß sie immer wieder schärfen, aus neuem Metall neue Klingen
schmieden. Aber an alten Klingen immer nur herum zu hämmern, Klingen zu schmieden,
wo nichts zu schneiden und zu scheiden ist, Worte desinieren, die man in der Wissen⸗
schaft nicht weiter gebraucht, hat wenig Sinn. Zeitweise Begriffsrevision ist nötig, wenn
neuer Erfahrungsstoff sich angesammelt hat und zu ordnen ist, wenn neue große Ge—
danken andere Klassifikationen bedingen. Als die englische Naturlehre der Volkswirtschaft
nach Deutschland übertragen wurde, waren schon wegen der Inkongruenz der deutschen
und englischen Worte scharfe Begriffsuntersuchungen, wie fie Hufeland, Lotz und Hermann
anstellten, wünschenswert. Auch heute wieder haben solche Untersuchungen ihren großen
Wert, und ein so scharfsinniger Gelehrter wie F. J. Neumann (Grundlagen der Volks⸗
wirtschaftslehre, 1889; Schönbergs Handbuch, Wirtschaftliche Grundbegriffe; Natur—
gesetz und Wirtschaftsgesetz. 3. s. St. 1892), der auch durch ausgezeichnete statistische und
methodologische Arbeiten sich auszeichnet, hat diese Teile unserer Wissenschaft erheblich
gefördert. Aber eine unheilvolle Verirrung ist es, wenn man die Nationalökonomie
sfür eine Wissenschaft erklärt, welche nur die Funktion weiterer Scheidung der Begriffe
oder des bloßen Schließens aus Axiomen und Begriffen habe. Dieselbe Bedeutung wie
in der Jurisprudenz kann die Begriffsentwickelung in unserer Wisfenschaft nie erhalten;
denn jene hat ihren praktischen Hauptzweck in der richtigen Anwendung fest umgrenzter
Rechtsbegriffe, diese hat ihren wesentlichen Zweck in der Erklärung realer Vorgänge; sie
will deren typische Erscheinung beschreiben und kausale Verknüpfung aufhellen.
45. Bie typischen Reihen und Formen, ihre Erklärung, die Ur—
sachen. Wie es überhaupt keine menschliche Erkenntnis ohne die Wiederholung des
Gleichen oder Ähnlichen giebt, so knüpft auch alle eigentliche volkswirtschaftliche Theorie
an die Erfafsung der typischen Vorgänge, der Wiederholung gleicher Einzelerscheinungen
und Reihen von Erscheinungen gleicher oder ähnlicher Formen an.
Die typischen Erscheinungen der Haus- und Gemeindewirtschaft, der socialen
Klassen und der Arbeitsteilung fielen der denkenden Betrachtung zuerst in die Augen;
dann der Geldverkehr, die Steuern, die staatliche Wirtschaftspolilik. Es entstand im
17. und 18. Jahrhundert das Bild einer tauschenden Gefellschaft mit Markt und Ver—
kehr, mit Stadt und Land, mit Grundbesitzern, Kapitalisten und Arbeitern. Diese
Grundformen wollte man als notwendige, stets sich einstellende begreifen, sie aus gewissen
Prämissen ableiten, ihre wirkliche Gestaltung im Einzelfalle an einem Ideale messen.
Auch als man begann, die historische und geographische Verschiedenheit der volkswirt—
schaftlichen Gestaltungen ins Auge zu fassen, richtete man sein Augenmerk zunächst auf
das im Wechsel sich Gleichbleibende, auf den typischen Rhythmus der Anderungen, auf
die regelmäßige Kotristenz gewisser Formen und Erscheinungen. Und als es der Statistik
gelungen war, neben die qualitative die quantitative Beobachtung der gesellschaftlichen
uͤnd volkswirischaftlichen Verhältnisse zu stellen, war die typische Regelmäßigkeit der
Zahlenergebnisse von Jahr zu Jahr, wie von Land zu Land ebenfalls das, was zuerst
us Auge fiel. Auch die Veränderungen, die man beobachten konnte, wiesen teilweise auf
einen typischen Gang hin, der bei verschiedenen Völkern in verschiedenen Epochen sich
gleichmaͤßig wiederholt, wie z. B. die Übervölkerung. Es lag der erste große Fortschritt
der Wissenschaft in dieser Erfassung qualitativer Formen und quantitativer Maßbestimmung
derselben; für einen erheblichen Teil unseres volkswirtschaftlichen Wissens sind wir heute
noch nicht weiter. Die Vorstellung solch' schematischer Formenbilder und Reihen ist
schon an sich ein Element der Ordnung der Vorstellungen, ein heuristisches Hülfsmittel,
Vergangenheit und Zukunft zu verstehen.
Nber natürlich weisen solche Typen und Reihen, solche Formen und Regelmäßig—
keiten auf eine tiefere Erklärung hin. Und so sehr man von Anfang an in ihnen die
        <pb n="118" />
        106 Einleitung. Begriff. Psychologische und fittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Gesetzmäßigkeit kausaler Verknüpfung erkannte oder ahnte, so sehr man auf einzelne
Ursachen sofort verfiel, wie die Naturrechtslehrer die allgemeine Menschennatur, die
Merkantilisten den Geldverkehr, A. Smith die Arbeit und den Erwerbstrieb in den
Vordergrund der Kausalerklärung rückten, so wenig konnte ein solches fummarisches
Hinweisen auf eine Ursache oder Ursachengruppe genügen, noch weniger konnte eine Art
rohen Analogieverfahrens als das Hauptprincip der Erklärung befriedigen. So wenn
man Bevölkerung, Volkswirtschaft und Gesellschaft nach dem Vorbilde der Physik als ein
mechanisches System von Kräften anfsah, die sich im Gleichgewicht halten, oder wenn
man glaubte, durch den bei Pflanzen und Tieren beobachteten Kampf ums Dasein den
socialen Entwickelungsprozeß analog erklären zu können. Gewiß können solche Analogien
manches anschaulicher machen und Zusammenhänge finden helfen, aber sie führen
ebenso oft auf Irrwege und können die Erklärung aus den konkreten Einzelursachen nie
ersetzen.
Seit die neuere Wissenschaft zu dem freilich nicht beweisbaren, aber trotzdem un—
erschütterlichen Glauben von einem gleichmäßigen, in sich stets lückenlos zusammen—
hängenden, durch bestimmte Kräfte beherrschten Entwickelungsprozeß der Natur, der
Geschichte und der menschlichen Gesellschaft gekommen ist, erscheint die Feststellung der
speciellen und zwar der sämtlichen Ursachen jeder einzelnen Erscheinung als die wichtigste
Aufgabe des wissenschaftlichen Verfahrens. Nur so kommt diejenige Einheit und Ord—
nung in die unendliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, welche uns befriedigt. Von
den vielen verschiedenen und nächstliegenden Urfsachen versuchen wir dann aufzusteigen
zu den wenigen und einfachen. So hoffen wir zu einer erschöpfenden Erklärung der Welt,
der Koexistenz und Folge der Dinge zu kommen.
Aber die Aufgabe ist eine unendlich schwierige. Was ist Ursache? was ist Folge?
Wenn wir antworten, A ist die Ursache von B, wenn A das unbedingte und notwendige
Antecedens von B ist, so fügen wir doch gleich bei, daß Benicht logisch in A enthalten
sei, daß B nur erfahrungsmäßig als stets integrierender Teil eines Ganzen sich uns
darstelle, in dem A den Vortritt vor B habe. Wir sehen, daß selbst bei einfachen
phyfischen oder biologischen Vorgängen der Eintritt einer Thatsache meist von einer
Summe von Zuständen und Vorbedingungen abhängt, deren nur eine zu fehlen braucht,
um den Eintritt, wenigstens in dieser Form, zu hindern.Es ist nur eine Art sprach—
licher Aushülfe, wenn man den zuletzt hinzutretenden Faktor als Ursache, die vorher
vorhandenen als Bedingungen bezeichnet. Vollends alle gesellschaftlichen und volkswirt—
schaftlichen Erscheinungen haben wir regelmäßig auf eine Reihe physischer und biologischer
Ursachen einerseits, auf eine Reihe psychischer und moralischer andererseits zurückzuführen.
Und jede dieser Einzelursachen weist auf zeitlich weiter zurückliegende Ursachenketten und
komplexe hin, die wir niemals ganz erfassen können. Das komplizierte Rebeneinander
des Seienden geht stets auf frühere Kombinationen, auf gesetzlich geordnete aber fern
liegende, uns unerforschliche Zustände zurück, über die wir uns nur Vermutungen und
Hypothesen erlauben, die wir nur durch teleologische Betrachtungen uns verfändlich
machen können.
Schon die Doppelbedingtheit aller volkswirtschaftlichen Erscheinungen durch ma—
terielle und geistige Ursachen erzeugt für die Untersuchung besondere Schwierigkeiten.
Der häufig gemachte Versuch, die letzteren auf die erfteren zurückzuführen, wie es die
Materialisten und Buckle gethan, der aus Klima, Boden und aͤhnlichen Faktoren die
geiftige Entwickelung eines Volkes ableiten will, oder wie die Marxianer aus der bko—
nomischen Produktion alles höhere Kulturleben restlos glauben erklären zu können, muß
immer wieder scheitern. Denn so sehr heute der Zusammenhang alles geistigen Lebens
mit dem Nervenleben, der Parallelismus der psychischen und biologischen Erscheinungen
erkannt wird, aus rein materiellen Elementen ist nie und wird wohl nie das Seelen—
leben erklärt werden. Gewiß finden heute auch die umgekehrten Sätze der Idealisten
keinen Glauben mehr; so z. B. der Ausspruch des englischen Historikers Froude: „Wenn
es einem Menschen frei steht zu thun, was er will, so giebt es keine genaue Wissen—
schaft von ihm; wenn es eine Wissenschaft von ihm giebt, so giebt es keine freie Wahl.“
        <pb n="119" />
        —8
7
ev
2
Wir wissen heute, daß die psychische Kausalität eine andere ist als die mechauesche, aber
wir betrachten sie als eine gleich notwendige. Wenn wir einen Menschen gahd direiye
schauen, wenn wir einen Volkscharakter vollständig kennen, so deduzieren wir mit vollacs
staͤndiger Sicherheit aus ihm. Wir glauben nicht mit den materialistischen Statistikern,
daß ein blindes Schicksal jährlich so und so vielen Menschen die Pistole zum Selbstmord
in die Hand drücke, aber wohl, daß bei der gleichmäßigen Fortdauer bestimmter mora—
lischer uͤnd materieller Zustände in der gleichen Zahl von Selbstmorden und Verbrechen
ein notwendiges Kausalergebnis liege. Wir finden die Freiheit des sittlichen Charakters
nicht in der Leugnung der psychischen Kausalität, sondern in der Anerkennung der in di⸗
viduellen Energie als des wichtigsten Faktors unserer Entschließungen, in der Garantie,
die der edle, durchgebildete Charakter giebt, nur gut handeln zu können. Wir finden
die Berechtigung der Strafe für den Verbrecher gerade darin, daß die Strafe nicht bloß
die Antwort' auf eine einzelne That, sondern auf eine lange innere Geschichte ist, die
bis zum Verbrechen mit Notwendigkeit führt.
Aber wir fragen, wie ist es moͤglich, den Menschen, die Menschen und alle Menschen
so zu kennen, daß wir Sicheres aus ihrer Psyche schließen können. Die Psychologie ist
uns der Schlüssel zu allen Geisteswissenschaften und also auch zur Nationalökonomie.
Wir wissen, daß das Einjfachere in ihr seit Jahrtausenden allen Denkern klar ist, weil
es auf der inneren Wahrnehmung, der sichersten Quelle aller Erkenntnis, beruht. Daher
ist es auch erklärlich, daß das Verständnis für gewisse elementare psychische Ver⸗
ursachungen sehr alt ist; und so mußte es auch für die Nationalökonomie, die sich in
der Epoche des Tausch- und Geldverkehrs ausbildete, nahe liegen, aus dem egoistischen
Erwerbstcieb deduktiv zahlreiche Sätze abzuleiten; jeder Menschenkenner und jeder Poli⸗
tiker wendet jeden Moment weitere derartige generelle psychologische Wahrheiten an, um
deduktiv aus ihnen vieles zu erklären. Aber von einer empirischen, wissenschaftlich
vollendeten Psychologie, von einer ausreichenden psychologischen Völker⸗ und Klassenkunde
können wir leider heute doch noch entfernt nicht reden. Und gerade sie müßten wir an
Stelle der wenigen zu Gemeinpläßen gewordenen psychologischen Wahrheiten, mit denen
wir jetzt haushalten, besitzen, um besseren Boden in der Volkswirtschafts- und Staats⸗
lehre uͤnter den Füßen zu haben. Jeder Forscher, der uns die Industrie eines Volkes,
der uns nur die Arbeiter eines Fabrikzweiges vorführt, beginnt mit einer psychologischen
Zeichnung; bei jedem allgemeinen Schluß uͤber die Wirkung einer Institution, einer Ver⸗
underung von Angebot und Nachfrage auf die Entschließungen der Menschen handelt es sich
darum, die psychologischen Zwischenglieder der Untersuchung richtig zu bestimmen. Aber
die Frage ist immer, ob und in wie weit man diese psychischen Faktoren genau genug kenne,
in ihrer unendlichen Kompliziertheit beherrsche, ob man ihr Zusammenwirken mit den
entsprechenden natürlichen Ursachen überhaupt ganz verfolgen könne.
Und es wird kein Zweifel sein, daß wir in Bezug auf die kompliziertesten Zu⸗
sjammenhänge in den Geisteswissenschaften überhaupt die Strenge der Naturwissenschaften
aicht leicht erreichen können. Zumal das Wenige, was wir über die entferntere Ver—
gangenheit wissen, wird uns nie in den Stand setzen, den Gang der Geschichte als einen
absolut notwendigen zu verstehen, wir werden zufrieden sein, wenn wir ihn nur im
allgemeinen begreiflich und verständlich finden. Das Individuelle, das das Schicksfal
jedes Volkes hat, liegt eben in der Kompliziertheit der Kausalitätsbeziehungen. Nirgends
wiederholt sich da ganz dasselbe Schauspiel, wie freilich auch kein einziger Baum auf
Erden ganz das Abbild eines anderen ist. Wir werden in Bezug auf das Gesamtschickfal
der Völker, auch in Bezug auf ihr wirtschaftliches, niemals zu einer ganz sicheren Vor—
aussagung kommen, weil wir nie die gesamten Ursachen einheitlich überblicken, sie quan—
titativ messen können.
Aber trotzdem werden wir uns nicht abschrecken lassen, immer wieder die Kaufalitätsverhältnifse
 jo genau wie möglich zu erfassen, um so viel wie möglich zu verstehen und
voraussagen zu können. Und vieles haben wir schon erreicht, noch mehr werden wir
erreichen. Wir stehen erst am Anfange einer methodischen Erkenntnis der Zusaminen⸗
hänge. Zu ihr gehört es nun vor allem, daß wir uns für jede volkswirtschaftliche

⸗

4

—
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*
        <pb n="120" />
        108 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Untersuchung bewußt sind, nicht einheitlichen Ursachen, sondern einer Reihe von Ursachen⸗
komplexen gegenüber zu stehen, deren jede ihre eigene Natur hat, besondere wissenschait—
liche Behandlung verlangt.
Die Thatsachen der äußeren Natur, welche die Volkswirtschaft beherrschen und
beeinflussen, find nur durch die Methoden naturwissenschaftlicher Forschung zugänglich;
sie geben für die Möglichkeiten der volkswirtschaftlichen Entwickelung gewisse Minimal⸗
und Maximalgrenzen, ähnlich wie alle rein äußeren materiellen, wirtschaftlichen Ursachen,
3. B. auch Bevölkerungsdichtigkeit, Kapitalreichtum, Stand der Technik notwendig eine
gewisse Gestaltung der ganzen Volkswirtschaft nach sich ziehen, die aber in ihrem wich—
ügsten Detail doch ganz verschieden sein kann, jie nach den viychischen und sittlichen
Eigenschaften der Menschen.
Die Thatsachen der menschlichen Rassen- und Völkerkunde unterliegen naturwissen—
schaftlicher, historischer und psychologischer Untersuchung, die in ihrem Gesamtergebnis
wesentlich mit die abweichende wirtschaftliche Kultur der einzelnen Nationen bestimmen
und daher immer ergänzend heranzuziehen sind zu den generellen pfychologischen Schlüssen
aus der allgemeinen Menschennatur.
Die Thatsachen der elementaren Bevölkerungsbewegung sind biologischen und
psychischen Charakters; bei einer gewissen Kultur und in bestimmtem Klima muß ihr
gewoöhnlicher Gang ein gleichmäßiger sein; die Erklärung der Elementarerscheinungen ist
Junächst physiologischen Charakters. Die Massenerscheinungen der Bevölkerung wie die
Preiserscheinungen des Marktes in relativ ruhig sich entwickelnden Gemeinwesen sind
statistisch erfaßt einer Art mechanisch-mathematischer Behandlung zugänglich, wobei
dann eine Konstanz der wesentlichen Ursachen vorausgefetzt wird. Die Erklärung der
Abweichungen und Schwankungen der Bepvölkerungsstatistik wie der ganzen Moral—⸗
statistik erfordert eine pfychologische, historische, völkerveraleichende und wirtschaftliche
Untersuchung.
Die allgemeinen psychischen Elemente, welche das volkswirtschaftliche Leben
beeinflussen und beherrschen, äußern sich teils in elementarer, direkter Weise gleichsam
als Ursachen erster Ordnung, wobei von einer pfychischen Trieblehre und einer Theorie
der sittlichen Charakterbildung auszugehen ist, dann aber als komplizierte Ergebnisse
eines höheren Kulturlebens, als Sprache, Sitte, Recht, als Institutionen wirtschaftlicher
und rechtlicher Art. Das ergiebt ein Netz psychischer Verursachung höherer Ordnung.
Für ersteres kommt die individuelle und vergleichende Pfychologie, für diese hauptsächlich
die historische Untersuchung, die vergleichende Sitten- und Rechtsgeschichte in Betracht.
Es bildet einen der größten Fortschritte der neueren Volkswirtschaftslehre, daß sie auf
die Erkenntnis dieser geistigen Zwischenglieder zwischen Natur und Psyche einerseits und
volkswirtschaftlichen und socialen Erscheinungen andererseits den rechten Nachdruck gelegt
hat, daß sie nicht mehr versucht, bloß aus Natur- und Größenverhältnissen und den
rohsten pfychologischen Axiomen, sondern vor allem aus der Geschichte der volkswirt⸗
schaftlichen Institutionen heraus zu argumentieren.
46. Gesetze, induktive und deduktive Methode. Das Ergebnis ist so
das allerdings für den Anfänger erschreckende: zu wissenschaftlich allseitigen Untersuchungen
auf volkswirtschaftlichem Gebiete gehören Methoden der verschiedensten Art, Kenntniffe
aus den verschiedensten Wissensgebieten. Die Ergebnisse sind nirgends vollständige, sie
liegen nach Methode und Gegenstand oft so getrennt nebeneinander, daß ihre synthetische
Verbindung die größte Schwierigkeit bereitet und nur auf wenigen Gebieten bis jetzt
eine vollendete Erkenntnis gewährt. Und doch ist schon unendlich viel gewonnen gegen
früher. Die einfacheren Vorgänge des Markt- und Verkehrswesens, der Bevölkerung,
den Hauptgang der volkswirtschastlichen Entwickelung übersehen wir ziemlich genau; wir
wissen, daß gewisse elementare volkswirtschaftliche Vorgünge und sociale Einrichtungen
so ziemlich überall gleichmäßig bei gewisser Kulturhöhe eintreten. Wir haben in den
unteren Etagen des Gebäudes die Fähigkeit einer gewissen Voraussage erreicht, die nicht
zu verachten ist. Wir sprechen, während wir gestehen, historische Gesetze nicht zu kennen,
don volkswirtschaftlichen und statiftischen Geseßen. Wir meinen damit freilich teilweife
        <pb n="121" />
        Volkswirtschaftliche Gesetze. Wesen der Deduktion. 109

nur die regelmäßig und typisch sich wiederholenden Erscheinungsreihen: das sind die so—
genannten empirischen Gesetze, deren Kausalverhältnisse entweder noch gar nicht aufgedeckt oder
venigstens noch nicht quantitativ gemessen find. Wirkliche Gesetze, d. h. Kaufalverbin⸗
dungen, deren konstante Wirkungsweise wir nicht bloß kennen, sondern auch quantitativ
beftimmt haben, kennt auch die Naturwissenschaft erst wenige. Die Erfassung psychischer
Kräfte wird sich quantitativer Messung wohl für immer enlziehen. Es ist aber jedenfalls
harakteristisch, daß wir auch in der Volkswirtschaftslehre diejenigen aufgedeckten Kaufal⸗
zusammenhänge mit Vorliebe Gesetze nennen, bei denen wenigstens Versuche vorliegen,
die Massenwirkung der psychisch-socialen Kräfte in konstanten oder in bestimmter Pro—
portion sich ändernden Zahlenergebnissen zu messen: ich erinnere an die Ausdrücke Be—
boͤlkerungsgesetz, Lohngesetz, Preisgesetz, Gesetz der Grundrente.
Euletzles einheitliches Gesetz volkswirtschaftlicher Kräftebethätigung giebt es nicht
and kann es nicht geben; das Gesamtergebnis volkswirtschaftlicher Ursachen einer Zeit
und eines Volkes ist stets ein individuelles Bild, das wir aus Volkscharakter und Ge—
schichte heraus unter Zuhülfenahme allgemeiner volkswirtschaftlicher, socialer und poli—
lischer Wahrheiten begreiflich machen, aber entfernt nicht restlos auf seine Ursachen
zurückführen können. Über die Gesamtentwickelung der menschlichen Wirtschaftsverhältnisse
hefitzen wir nicht mehr als tastende Versuche, hypothetische Sätze und teleologische Be—
trachtungen. Aber wir haben festen Boden unter den Füßen in Bezug auf zahlreiche
Flemente, aus denen sich die Vollswirtschaften der einzelnen Länder und Zeiten zusammen—
jetzen. Das Allgemeinste bleibt als das Komplizierteste stets das Unsicherste, vom ein⸗
zelnen ausgehend dringen wir vor. Die einfacheren Verbindungen verstehen wir, die
Entwickelung einzelner Seiten können wir kausal ziemlich vollstündig erklären, die Ge—
schichte einzelner Wirtschaftsinstitute überblicken wir.
Was wir erreicht haben, ist ebenso fehr Folge deduktiver wie induktiver Schlüsse.
Wer sich überhaupt über die zwei Arten des Schlußverfahrens, die man so nennt, ganz
klar ist, wird nie behaupten, es gebe die Wirklichkeit erklärende Wissenschaften, die
ausschließlich auf der einen Art ruhen. Nur zeitweise, nach dem jeweiligen Stande der
Erkenntnis, kann das eine Verfahren etwas mehr in den Vordergrund der einzelnen
Wissenschaft rücken.
Die Deduktion geht von feststehenden analytischen oder synthetischen Wahrheiten
aus, sucht aus ihnen durch Schlüsse und Kombinationen neue zu gewinnen; verwickelte
Erscheinungen versucht sie aus den bekannten Wahrheiten zu erklären; ihre Haupt—
bedeutung besteht darin, daß der Untersuchende neuen Problemen gegenüber eine möglichst
große Zahl feststehender Sätze in ihren Konsequenzen probierend, spielend, tastend auf
die zu lösende Frage anwendet, so den Schlüssel zu ihr suchend. Wir machen fast keinen
Schritt unseres wissenschaftlichen Denkens ohne diese Operation. Je einfacheren Problemen
wir gegenuͤberstehen, je weiter unser Wissen auf einem Gebiete schon ist, desto mehr
derden wir damit ausreichen, desto häufiger ist das noch Unaufgeklärte nur ein kom—
plizierteres Ergebnis feststehender Sätze. Daher die bekannte Thatsache, daß die einfacheren
Wissenschaften schon ausschließlich oder fast ganz deduktive geworden sind, wie die Mathe—
matik, die Mechanik, die Astronomie, daß die elementarsten Erscheinungen der Volkswirtschaft,
 die Markterscheinungen, der deduktiven Behandlung am zugänglichsten sind; daher
der Brang aller Wissenschaft, mit der Zeit möglichst deduktiv zu werden.
Auch wo man noch weniger weit ist, wo man noch viele Kausalitätsverhältnisse
gar nicht aufgehellt hat, wo die verwirrie Komplikation der Erscheinungen gar nicht
hermuten läßt, daß man schon alle Wahrheiten kenne, die zur vollständigen Erklärung
nötig wären, wendet man doch, so weit es geht, bekannte Wahrheiten deduktiv an. Vor
Alen die von anderen vorbereitenden Wissenschaften gelieferten und festgestellten Sätze
herwendet man deduktiv, also in der Nationalökonomie und in allen Staatswissenschaften
die psychologischen Wahrheiten. Man schließt aus dem Egoismus, dem Ehrgeiz, dem
Triebe ver Liebe, kurz aus allen richtig bestimmten psychologischen Sätzen deduktiv weiter.
Es ist nur irreführend, wenn man aus einer Kraft schließt, wo mehrere wirken, von
Wen Triebe eine falsche oder eine immer konstante Stärke annimmt.
        <pb n="122" />
        110 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Stimmt nun das Ergebnis unserer deduktiven Schlüsse mit der Wirklichkeit nicht
überein, oder sind die bereits feststehenden Wahrheiten nicht ausreichend, unseren That—
bestand zu erklären, dann schreiten wir zur Induktion; d. h. wir suchen aus dem vor—
liegenden, genau beobachteten und geprüften Fall auf eine allgemeine Regel, auf ein
bisher uns verschlossenes Kausalverhältnis zu kommen. Aber die so gefundene neue Wahr—
heit verwerten wir sofort wieder deduktiv, wir prüfen, ob fie auf analoge Fälle paßt.
In der Regel oder sehr häufig pflegt man nun aber alle empirische Beobachtung
als Induktionsverfahren zu bezeichnen; alle statistische und historische Forschung, alles
synthetische Kombinieren von Resultaten solcher Untersuchungen gilt als induktiv. Wer
ein gegebenes volkswirtschaftliches Verhältnis nicht aus dem Egoismus erklärt, sondern
aus dem Volkscharakter, den Zeitverhältnissen, wird als induktiver Nationalbkonom
bezeichnet, wie der, welcher aus einer Reihe hausindustrieller Schilderungen allgemeine
Wahrheiten über das Vorkommen dieser Betriebsform zu gewinnen sucht. Und trotzdem
liegen hier wohl mehr deduktive als induktive Operationen vor.
Das aber ist richtig, wer in erster Linie auf dem Boden der Erfahrung steht, der
traut deduktiven Schlüssen nie so ohne weiteres; er hat mindestens das Bedürfnis, sie
stets wieder durch die Erfahrung zu verifizieren, durch neue Induktionen die Probe aufs
Exempel zu machen. Diese Rolle gesteht auch John Stuart Mill der Induktion in der
Volkswirtschaftslehre zu, während er im übrigen sie auf den deduktiven Weg ver—
weist. Die experimentelle Psychologie und Ethnologie soll ihr die Obersätze liefern, aus
denen sie schließen soll; sie selbst könne keine brauchbare Induktion vornehmen, weil
sie kein Erperiment vornehmen könne. Erhalte sie so nur annähernde Generalisationen,
fo genüge das.
Wir geben zu, daß wir uns oft mit ungefähren Generalisationen genügen lassen
müssen; aber wir leugneten schon oben, daß der Mangel des Erxperimentes uns jede
Induktion aus guten Beobachtungen unmöglich mache. Wenn aus den verschiedenften
Schilderungen der Arbeits- und Industrie-, der Ackerbauverfassung immer wieder allgemeine
Refultate zu ziehen versucht werden, wenn immer zahlreichere Beobachtungen vergleichend
nebeneinander gestellt werden, so mögen die Schlüsse nicht immer bereits feststehende
sein; ein außerordentlicher Fortschritt, den wir der Induktion danken, liegt doch darin.
Diejenigen, welche in der neueren deutschen Nationalökonomie als Vertreier induktiver
Forschung gelten, bekämpfen nicht die Deduktion überhaupt, sondern nur die aus ober—
dlächlichen, unzureichenden Prämissen, welche sie glauben auf Grund besserer Beobachtung
durch genauere Obersätze ersetzen zu können. Sie behaupten, daß die letzten Ausläufer
der englischen deduktiven Schule wie K. Menger und Dietzel das Gebiet unserer Wissen—
schaft allzusehr einengen, wenn sie nur Deduktionen aus einem oder ein paar psycho—
logischen Sätzen oder dem Princip der Wirtschaftlichkeit als theoretische Nationalbkoönomie
anerkennen; sie glauben, durch zahlreichere Induktionen und Zuhülfenahme anderweiter
Deduktion das Gebiet der bloß hypothetischen, mit der Wirklichkeit in immer stärkeren
Konflikt kommenden Schlüsse mehr einengen zu können. Sie bekämpfen vor allem, wie
wir schon oben ausführten (S. 73 —75), das einseitige deduktive Schließen aus sittlichen
Principien und socialen Idealen, wie z. B. aus dem Princip der Gleichheit, der Frei—
heit, der Gerechtigkeit. Sie betonen, man könne nur aus fest umgrenzten Aussagen über
Kausalverhältnisse deduktiv schließen, nicht aus Postulaten und Zweckideen, die nur all—
gemeine Richtungen der wünschenswerten Entwickelung andeuten, die stets durch koordinierte
andere Ideale begrenzt werden.
Was unserer Wissenschaft mehr genützt habe, induktives oder deduktives Verfahren,
ist eine überhaupt nicht zu beantwortende Frage, zumal die größten Fortschritte hier
wie überall mehr dem genialen Instinkt oder Takt gedankt werden, der blitzartig
Zusammenhänge und Kausalketten klar vor sich sieht, für die erst lanasam nachhber di—
Beweise gefunden werden.
Gerade aber um zu solchen Lichtblicken zu kommen, ist in den Geisteswissenschaften
und mit am meisten in den Staats- und Socialwissenschaften eines noͤtig, was mehr
in das Gebiet des deduktiven Schließens hinüberführt: Überblick über Weite Wissens.
        <pb n="123" />
        Das Wesen der Induktion. Die Teleologie als Reflexionsprincip. 111

gebiete, hauptsächlich über wissenschaftliche Nachbargebiete. Die angeblich rein induktive
historijche Richtung ist es, die dies stets betont, die sich deduktiv nennende ist meist
aͤngstlich bemüht, nur fein säuberlich die wissenschaftlichen Grenzpfähle zu setzen und
niemals einen Hafen ins Nachbargebiet zu verfolgen, das sie weder kennt noch kennen lernen
will. Wundt hat es neuerdings als den wesentlichsten Gegensatz der Geistes- zu den
Naturwissenschaften bezeichnet, daß bei diesen eine starke Abstraktionskraft das mächtigste
Werkzeug sei, bei jenen der Erfolg vor allem von einem raschen Überblicke und reicher
Kombinationsfähigkeit abhänge. Das ist teils Sache der individuellen Begabung, ebenso
aber Sache der wissenschaftlichen Vorbildung. Je uͤmfassender sie ist, desto größer ist die
Möglichkeit vielgliedriger kombinierter Schlüsse aus vorher festfstehenden Wahrheiten.
Einzelner Hypothesen und teleologischer Sätze zur Unterstützung kausaler Schlüsse
bedienen sich alle Wissenschaften und alle Erkenntnisrichtungen. Wo unser kaufales
Erkennen nicht ausreicht, und wir doch einen Zusammenhang sicher annehmen, da führt
die ausdeutende reflektierende Auffassung, wie wir mehrfach schon betont, zur Annahme
von Zwecken der Gottheit, der Geschichte, der schaffenden Natur, und von diesen ein⸗
heitlichen Gedanken aus suchen wir das empirisch nicht zu Erklärende wenigstens ungefähr
zu begreifen. Es ist ein unentbehrliches Reflexionsprincip. Die Annahme einer Einheit
und eines Zusammenhanges der Welt, die allgemeinen Gründe der Entwickelungstheorie
gründen sich auf solche teleologische Betrachtungen, ganz ähnlich wie die Harmonielehre
der älteren Volkswirtschaft oder der socialistische Glaube an eine dauernde Hebung der
unteren Klaffen. An seiner Grenze mundet unser sicheres Wissen immer in unseren Glauben
und in unsere Hoffnungen. Das Ganze der letzten und wichtigsten Dinge erfaffen wir
allein so. Wir müssen nur dahin streben, daß dieser Glaube auf immer besserer empirischer
Erkenntnis sich aufbaue, immer mehr gesicherte Wissenschaft in sich schließe, niemals mit
ihr in Widerspruch trete, daß er nicht beeinflußt sei von Partei- und Klasseninteressen,
vhn Vorurteilen und Leidenschaften. Davon sich frei zu machen, muß jeder Forscher
streben. Er wird dieses Ziel schwer erreichen, wenn er selbst zu aktiv an den Kämpfen
— — das Wohl aller im Auge
habe, sei als Gelehrter gefeit gegen die Täuschungen des Klassenstandpunktes, die Vor⸗
uͤrteile des Tages, so liegt darin doch ein gewisser Irrtum. Jeder leidenschaftliche Tages—
politiker glaubt heute das Wohl der Gesamtheit mit seinen einseitigen Anschauungen
uͤnd Vorschlägen zu vertreten. Nicht die Formel des allgemeinen Wohles, sondern die
universale Bildung, der geläuterte Charakter, die geistige Freiheit von allen Tages—
strömungen führt zu jener Höhe, welche neben der gesicherten Einzelerkenntnis die stets
halb verschwimmenden Linien der Gesamtentwickelung richtig zu erfassen gestattet.

5. Die Ausreifung der Volkswirtschastalehre zur Wissenschaft im 19. Jahr⸗
undert.

Über die statistische Methode: Knies, Die Statistik als selbständige Wissenschaft. 1850. —
Gusslav Rümelin, Zur Thedrxie der Statistik. 3. f. St.W. 1868; dann in: R. A. 1, 1875,
mit einem Zusatz. — Adolf Wagner, Die gei in den scheinbar willkürlichen Hand⸗
lungen. 18643 — Ders, Statiftik in Bluntschli, SauW. 1867. — Drobisch, Die moralische
Stalistik und die Willensfreiheit. 1867. — Knapp, Quetelet als Theoretiker. J. f. N. 1. F, 18,
1872. Jahn, Geschichte der Statistik. 1, 1884. — Meitzen, Geschichte, Theorie und Technik der
Statistit. 886. Htayo⸗Smith, Statisties and economies. Publ. of the Americ Econ.
ASSoC. xol. III, no. 4 u. 5. 1888.
über die geschichtliche Methode: Joh. Gustap Droysten, Grundriß der Historik. 1868.
3. Aufl. 1882. — v. Sybel, Gesetze des historischen Wissens. 1864 öczt in Vorträge und Aufsätze.
1875 — Gustav, Ruümelin, UÜber Gesetze der Geschichte. 1878. R. A. 2. — Lord, Acton,
e an schools of bitory. Pnglis bist. review. 1, 18856. - Ottokar Lorenz, Die Geschichts⸗
wissenschaft in Hauptrichtungen und, Aufgaben. 1886. — Bernheim, Lehrbuch der historischen
Hielhode. 1889. Gothein, Die Aufaaben der Kulturgeschichte. 1889. — Schäfer, Geichichte
und Kulturgeschichte. 1891.
Roscher, Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft nach geschichtlicher Methode.
1848. Ierry. Der gegenwaͤrtige Zustand der wissenschaftlichen Nationalökonomie und die notwendige
        <pb n="124" />
        112 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Reform desselben. Deutsche Vierteljahrsschr. 1849, 1. Heft. — Bruno Hildehrand, Die National—
ökonomie der Gegenwart und der Zukunft 1848. Knies, Die politische Okonomie vom Stand—
punkt der geschichtl. Methode. 1833, 2. Aufl. 1883. — Bruno Hildebrand, die gegenwärtige
Aufgabe der Wissenschaft der Nationalökonomie. J. j. M. 1. F. 1, 18623 — W. J. Ashley,
Qn the study of economic history. Harrard quarterly Journ. of Econ. vol. VII, 18983.
Simmel, Die Probleme der Geschichtsphilosophie.“ J. s6G. 8. 1802.
Cohn, Die heutige Nationalökonomie in England und Frankreich. J. f. G.V. 1889. —
Charles Gide, The économice schools and the téaching of political economy in France. Pol.
8c. Quart. V, 4. 18900. — Derse, Quatre écoles d'echnomie sociale. 1800. — Ders., Die
neuere volkswirtschaftliche Litteratur Frankreichs. J. f. G. B. 1895. — St. Marc, Etude gur
l'enseignement de l'économie politique dans les dniverites d'Allemagne et d'Autriche. 1892.

17. Die älteren Anfänge einer empirischen Wifssenschaft und die
Reaktion gegen die Naturkehre der Volkswirtschaft. Wir haben im
letzten Abschnitte erörtert, welche Forberungen die Methode strenger Wissenschaft heute
an die Volkswirtschaftslehre stellt; wir haben nun noch kurz zu erzählen, inwieweit die
Litteratur dem genügte, wie aus der Kritik der älteren Systeme heraus und mit der
fortichreitenden Einzelerkenntnis immer mehr eine eigentliche Wiffenschaft der National—
bkonomie entstand. Wir werden dabei nicht das aufgeblähte Selbstlob eines Engländers
wiederholen, unsere Wissenschaft sei eine der jüngsten und doch eine der vollendetsten
unter ihren Schwestern. Wir werden zugeben, daß wir auch heute noch recht vieles nicht
wissen, und daß jedes abgeschlossene System mit Wahrscheinlichkeiten und Hypothesen
operiert. Aber andererseits sind wir allerdings in die Epoche methodisch gelehrter
Forschung eingetreten, und das hat seine Früchte getragen. Wir glauben nicht mehr,
daß jeder Dilettant und jeder Journalist ebenso gut volkswirtschaftliche Abhandlungen
schreiben könne, wie der Sachkenner und der geschulte Gelehrte. Wir haben uns seit einigen
Menschenaltern dem großen Ziele, einen sieigenden Bestand von Wahrheiten zu be—
sitzen, die alle anerkennen müffen, erheblich genähert.
Allerdings in erster Linie in den Gebieten unseres Wissens, wobei es sich um
Beobachtung, Beschreibung, Feststellung einfacherer Zusammenhänge handelt. Und die
Anfänge hiefür liegen weit zurück. Schon die Merkantilisten und Kameralisten haben
eine emsige Thätigkeit in der Sammlung der Thatsachen entwickelt. Gute Schilderungen,
wie die Sir William Temples von Holland, Pettys von Irland, Bechers von Deutsch⸗
land entstanden schon im 17. Jahrhundert. In großen Sammelwerken faßte man dann
im 18. Jahrhundert die Kenntnisfe zusammen; es sei nur an De la Marres Traité
de la police (4 Fol.Bde., 1729), an Savarys Dictionnaire universel de commorcé (5 Fol.⸗
Bde., 1759, 2. Aufl.), an die französischen Encyklopädisten oder an J. G. Krünitz
erinnert, dessen Okonomische Encyklopädie es von 177s8—1828 auf 149 Bände kamera
listischer Vielwisserei brachte. Den beschreibenden Sammlungen von Staatsmerkwürdig—
keiten gab Achenwall (1719 —72) den Namen Statistik. In periodisch erscheinenden
Sammelwerken faßten Büsching, Schlözer, Arthur Young derartiges Matetial zusammen.
Letzterer ließ ausgezeichnete wirtschaftliche Reisebriese über England, Frankreich, Spanien
und Italien (1768 —-95) erscheinen. Ein wahrer Heißhunger nach Thatfachen und
Zahlen herrschte damals; freilich war man noch nicht kritisch genug, und von der um—
fangreichen damaligen Verwaltungsstatistik drang wenig in die Offentlichkeit. Hoöchft
bedeutungsvoll aber war es, daß man mit den Resultaten der kirchlichen Buchung der
Geburten, Todesfälle und Ehen —
fie zuerst in seinen Observations (1661), Sir William Pettys Buch über die Totenlisten
der Stadt London (1702 deutsch, und Several essays on political arithmeétie) setzte diese
Untersuchung fort, ebenso wie dann Halley (An estimate of the degreeos of mortælity of
ankind, drawn from curious tables of the birthes and funerus a the city of Breslau),
Kaspar Neumann, der Halley sein Breslauer Material lieferte, und Leibniz. Der von
diesen Vorgängern angeregte preußische Feldprediger Johann Peter Süßmilch (Gött—
liche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, 1741 -42, 1761,
1775) stellte dann das ihm erreichbare Material über die Bevölkerungserscheinungen
übersichtlich zusammen und bearbeitete es in einer Form, welche die Resultate der
        <pb n="125" />
        Ältere empirische Forschung. Reaktion gegen das Naturrecht. 113

Geburts⸗, Sterbe- und Heiratslisten allgemein verständlich machte und in ihrer allgemeinen
slaats- und gesellschaftswissenschaftlichen Bedeutung erkennen ließ. Wenn er sich dabei
als Schwärmer für Bevölkerungszunahme und als frommer Christ zeigte, der in der
Regelmäßigkeit seiner Zahlen den Beweis der göttlichen Vorsehung sah, so steigerte er
danut den Einfluß seines zeitgemäßen Buches, ohne den wissenschaftlichen Resultaten
wesentlich Eintrag zu thun. Er bleibt einer der Hauptbegründer empirischer Forschung
auf dem Gebiete der Staats- und Gesellschaftswissenschaften. Die spätere Ausbildung
der eigentlichen Statistik knüpft an ihn und seine Vorgänger an. —
Unter den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts, die nicht zu den damals herrschenden
Schulen gehörten, die, mehr dem praktischen Leben zugewandt, über einzelne Fragen mit
vollendeter Sachkenntnis schrieben und von den Doktrinären häufig als Eklektiker bezeichnet
wurden, können mehrere an Geist und Urteil den großen Systematikern ebenbürtig zur
Seite gestellt werden und müssen vom heutigen methodologischen Standpunkte als ihnen
überlegen, als vorsichtige und zuverlässige Forscher bezeichnet werden. So z. B. Galiani
mit seiner Schrift über den Getreidehandel (1769) und Necker mit seinen Arbeiten
(Oeuvres, 1820), in Deutschland J. G. Büsch mit seinen Untersuchungen über Handel
und Geldumlauf (Schriften über Staatswirtschaft und Handlung, 8 Bde., 1780 und 1800;
Theoretisch⸗praktische Darstellung der Handlung, 2 Bde. 1792, Zusätze dazu, 8 Bde.,1797;
Saͤmtliche Schriften über Banken und Münzwesen, 1801, 2c.) und Struensee mit seinen
Abhandlungen (Über wichtige Gegenstände der Staatswirtschaft, 8 Bde., 1800). Justus
Mösers Protest gegen die flache individualistische Aufklärung, sein historischer Sinn, sein
Verständnis des Volkstümlichen und Praktischen, sowie der älteren wirtschaftlich-ständischen
Einrichtungen giebt seinen Schriften (hauptsächlich 1767—70, Ges. Werke 1842) die Be—
deutung eines starken Gegenstoßes gegen die damals herrschenden Schulmeinungen. Und
die Göltinger kulturhistorische Schule (1770 - 1840) von Spittler, Beckmann, Meiners,
Heeren, Huͤllmann, Hegewisch, Anton, Sartorius hat, obwohl ihre Vertreter teilweise
echte Smithianer waren, doch insofern eine ähnliche Bedeutung, als sie eine Reihe wirt—
schaftsgeschichtlicher Monographien und Bausteine für eine spätere historische Volks—
wirtschaftslehre lieferten; an fie knüpfte Roscher direkt an.
Ebenso wichtig aber war, daß allerwärts die Reaktion gegen die naturrechtlich⸗
individualiftischen Theorien und den naiven Optimismus der Liberalen zu einer historischen
Staats- und Gesellschaftsauffassung führte, welche auch auf alle volkswirtschaftlichen Er—
scheinungen ein anderes Licht wars, andere Punkte und Zusammenhänge in den Vorder⸗
grund ruͤckte. Burkes realistischer Sinn und seine Verurteilung der französischen Revolution
machte in England ebenso Eindruck wie in Frankreich die romantisch-katholisierenden
Schriften J. de Maistres und L. G. de Bonalds; sie hatten auf den französischen
Sprialismus und A. Comte, seine positivistische Sociologie, seine Angriffe auf die stehen—
gebliebene abstrakte Nationalbkonomie erheblichen Einfluß; eine Art Nationalökonomie
auf christlicher Grundlage entstand in Frankreich, und sie fand in den Halbsocialisten,
wie Sissmondi, und in den Schutzzöllnern, wie Ganilh, Louis Say, St. Chamans
Gesinnungsgenossen. In Deutschland verherrlichte K. L. von Haller (Restauration der
Staatswissenschafsten, 6 Bde., 1816—1834) in seiner realistischen Gewalttheorie mittel⸗
alterliche Zustaͤnde, griff A. Müller (Elemente der Staatskunst, 8 Bde, 1809; Theol.
Grundlage de ges. Staatsw., 1819) die international-kosmopolitischen Theorien Smiths
hom Staͤndpuntt der Nationalität, der sittlich-geistigen Zusammenhänge an; die Volks—
wirtschaft ist ihm ein organisches, durch Arbeitsteilnng getrenntes, durch sittliche Wechsel⸗
wirkuug wieder zu verknuͤpfendes Ganzes. G. W. F. Hegel, der im Staate die Wirklichkeit
der sittlichen Idee sah, die bürgerliche Gesellschaft dem Staate als das Unvollkommenere
Jegenüberfetzte, mußte die Extreme der Handels- und Gewerbefreiheit bekämpfen. Seine
und Schellings Staats⸗ und Geschichtsauffafsung haben einen Teil der deutschen Socialisten
beherrscht, wie die ganze deutsche Geschichtschreibung und Staatswissenschaft beeinflußt.
Am direklesten häugt L. v. Stein mit ihm zusammen. Dieser geht in allen seinen
Werken (Socialismus und Kommunismus des heutigen Frankreichs, 1842; System der
Staatswissenschaft, 1882 —54; Verwaltungslehre, 1868 ff.; Lehrbuch der Finanzwissen—
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-26. Aufl.
        <pb n="126" />
        114 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

schaft, 1860 ff.) von dem Verhältnis der Gefellschaft zum Staate, von der Verschiedenheit
dieses Verhältnisses zur Zeit des Geschlechterstaates, des Ständestaates und des modernen
staatsbürgerlichen Staates aus; er sieht sein Ideal in einem socialen Königtum, das
seine Macht für Hebung der unteren Klassen einsetzt. Er begreift früher und viel richtiger
als die socialistischen Materialisten den Zusammenhang von Recht, Verfassung und Ver—
waltung mit den gefellschaftlichen und wirtschaftlichen Zuständen. Er ist mehr Staats—
gelehrter als Nationalökonom, hat auch auf Lassalle, Gneist, Treitschke mehr Einfluß
geübt als auf die späteren deutschen Nationalbkonomen. Sein encyklopädisches Wissen
reicht oft nicht aus für die Groͤße seiner Aufgaben, seine Systematik und Geschichts—
einteilung schwebt vielsach mit geistreichen und halbwahren Konstruktionen in der Luft,
aber sein großartiger, historischer Blick sieht meist in die Tiefe der Dinge.
Waren so in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mancherlei theoretisch-staats—
wissenschaftliche und allgemeine Strbömungen — neben dem Socialismus — vorhanden,
welche die Smithsche Nationalökonomie zumal in Deutschland nach und nach überwanden,
so war doch das Wichtigste, um ihre epigonenhafte Ausspinnung zu immer inhalts—
loseren, abstrakteren Betrachtungen zu bekämpfen, eine energische Ersafsung der empirischen
Wirklichkeit. Es mußte eine vollkommenere Analyse der volkswirtschaftlichen Verhältnisse
in quantitativer und qualitativer Richtung eintreten. Das erstere geschah durch die
Statistik, das letztere durch die rechts- und wirtschaftshiftorische und sonstige realistische
volkswirtschaftliche Forschung. J
48. Die Statistik ist durch die Gründung der staatlichen statistischen Ämter
1806 -1875 sowie der städtischen von 1860 an, durch die regelmäßige Publikation
ihrer Ergebnifse, durch die Ausbildung einer besonderen Zählungs-, Erhebungs— und
Bearbeitungstechnik etwas ganz anderes als im vorigen Jahrhundert geworden. Aus
einer beschreibenden Staatenkunde, die einige notdürftige Rotizen der heimlichen,
bureaukratischen Erhebungen der Verwaltungs- und Finanzbehörden mit Ergebnissen
der Kirchenbücher und privaten Schätzungen verband, ist ein großartiger, in der Haupt⸗
sache staatlich geordneter Apparat der Massenbeobachtung entstanden; er breitet mit immer
größerer Anforderung an die Sicherheit der Erhebungen ein Netz von Observatorien
über große Gruppen von Individuen aus, um methodisch nicht bloß die für die Ver—
waltung, sondern mehr und mehr auch die für die wissenschaftliche Erfassung des gesell⸗
schaftlichen Lebens wichtigeren gleichartigen Erscheinungen zu beobachten und zu
registrieren. Es werden dabei gewisse Gruppen von Menschen, von Handlungen, von
wirtschaftlichen Gütern, Kapitalien, Grundstücken ins Auge gefaßt, und die in der Gruppe
enthaltenen Einzelfälle nach bestimmten natürlichen und rechtlichen Eigenschaften gezählt.
Es handelt sich um die Einführung der Meßkunst in das Gebiet der Slaats- und Socialwissenschaft.
 Auf Grund genereller, begrifflicher Klassifikationen wird innerhalb der Klasse
nach gewissen Merkmalen das Gleichartige oder Ungleichartige größenmäßig festgestellt.
Es werden diese Größenfeststellungen periodisch wiederholt. Aus der Vergleichung der
Zählungen, welche zu verschiedener Zeit auf denselben Gegenstand gerichtet sind oder mit
derselben Fragestellung in verschiedenen Ländern die analogen Gruppen fassen, ergeben sich
Regelmäßigkeiten, Abweichungen und Veränderungen, die zunächst an sich ein Interesse
haben, Fortschritt oder Rückschritt andeuten, dann auf gewisse, bisher unbekannte Ursachen
hinweisen, bekannte Ursachen in ihrer Wirkungsweise zu kontrollieren gestatten.
So glänzend die Fortschritte der Statistik, so groß die Anforderungen der heutigen
Statistik an die Thätigkeit der Behörden sind, so verfeinert und kompliziert die Methoden
der Fragestellung und Sammlung der Antworten z. B. in Bezug auf Sterblichkeits⸗,
Krankheits-, Handelsstatistik geworden ꝛtc., so ist doch klar, daß es sich bei aller Statistik um
die Messung von Größenverhältnissen der Bevölkerung, der Produktion, des Verkehrs
handelt, die über die Natur dieser Dinge sonst nichts aussagt; diese Natur muß möglichst
vorher bei der Fragestellung bekannt, muß durch anderweite Mittel wissenschaftlicher
Untersuchung feftgestellt sein oder werden. Vor allem auch die gesamten Ursachen werden
aicht durch die Statistik aufgedeckt, sondern nur in ihrer Wirkung gemessen und
fontrolliert; die Statistik weist an beftimmter Stelle auf mögliche Ursachen hin, sie
        <pb n="127" />
        Die Bedeutung der Statistik.

115

erlaubt Hypothesen, bestätigt oder beseitigt sie. Aber nicht mehr. Und dann: es find
immer nur wenige äußerliche Fragen, die gestellt und präcis beantwortet werden können.
Man kann das Vieh zählen, aber kaum das Gewicht jedes Ochsen feststellen; man kann
die vor Gericht oder Polizei kommenden Verbrechen zählen, aber nicht die begangenen,
noch weniger ihre innerliche Qualifikation; man kann feststellen, zu welchem Preise an
einem Tage auf einem Markte nach dem UÜrteil eines Sachverständigen gehandelt wurde,
aber nie alle wirklich verabredeten und gezahlten Preise und alle zu solchen Preisen
geschlossenen Verträge ermitteln. Jede Zahl ohne Kenntnis ihrer Entstehungsgeschichte
ist problematisch, schon weil die Gruppenabgrenzung des Gezählten so oft zweifelhaft ist.
Die Statistik ist und bleibt ein roher Appaͤrat, in der Hand des Dilettanten ein Mittel
des Mißbrauches und des Irrtums, nur in der Hand des Kenners und Meisters, des
nüchternen, wahrheitsuchenden Gelehrten ein Schlüssel zu tieferer Erkenntnis.
Und doch, was hat sie schon geleistet! Sie hat die Bevölkerungslehre und Moral⸗
statistik erst geschaffen; fie hat dem ganzen deskriptiven Teil der Staats- und Social⸗
wissenschaften erst Präcision und wissenschaftlichen Charakter gegeben, sie hat die abstrakten
Schlüsse aus den Quantitätsverhältnissen in der Wert- und Preislehre auf ihr rechtes
Maäß zurückgeführt, zahllose Irrtümer in der Geld- und Kreditlehre, in der Frage der
Getreidepreise, der Löhne, des Konsums, der Ernteergebnisse beseitigt. Sie hat das
naturalistische Wirtschaften mit Phrasen und halbwahren Hypothesen auf dem ganzen
Wissensgebiet eingeschränkt; die Fragestellungen überall verschärft, ein gelehrtes systema⸗
tisches Verfahren an die Stelle des Raisonnierens aus dem Handgelenk gesetzt.
Die Männer, welche sich um ihre Ausbildung in den statistischen Amtern haupt⸗
fächlich verdient geinacht haben, sind: J. G. Hoffmann in Preußen, der auch durch seine
realistischen Schruͤten (Fehre vom Geld, 1838; Lehre von den Steuern, 1840; Befugnis
zum Gewerbebetrieb, 1841) zu den vorzüglichen Darstellern konkreter Wirtschaftsverhält⸗
nisse gehört; der Astronom und Natursorscher 8. A. J. Quetelet, der die belgische
Siatistik zeitweise zur ersten in Europa machte und durch sein Buch (Sur Phommoô,
2 Bde., 1885, deutsch 1848) mit seinen freilich schiefen, mechanisch⸗naturalistischen Ten⸗
denzen einen Jahrzehnte dauernden fruchtbaren wifsenschaftlichen Streit anregte; Moreau
de Jonnds, der von 1838 an die franzöfische Statistik leitete und eine Reihe wertvoller
statistisch-historischer Werke schrieb; Ernst Engel, der mit einer naturwissenschaftlich⸗techno⸗
logischen Bildung den Spuren Quetelets folgte und die fächsische und preußische Statistik
nach dem Vorbilde der belgischen mit seltener Rührigkeit und Beweglichkeit ausbildete;
Georg v. Mayr, der nach dem Vorgang Hermanns die bayrische Statistik für viele Jahre
mit zur angefehensten in Deutschland erhob und allgemeine Werke über Statistik schrieb
(Gesetzmäßigkeit im Gesellschaftsleben, 1877; Statistik und Gesellschaftslehre, 2 Bde.,
1894 97), neuerdings ein siatistisches Archiv als Zeitschrift begründete (seit 1890);
endlich Gustav Rümelin, der eine Reihe musterhafter Arbeiten über die württembergische
Statiftik und über die Theorie der Statistik (in seinen Reden und Auffätzen, 8 Bde.)
lieferte. Neuerdings hat sich hauptsächlich die italienische Statistik unter Luigi Bodio durch
umfangreiche und lüchtige Leistungen ausgezeichnet. Und in Frankreich steht jetzt
Ernest Levasseur mit seinem großen historisch-tatistischen Werke La population francaise
(3 Bde., 1889 ff.) an der Spitze.
über das Wesen der Statistik als Wissenschaft haben außer den Genannten sich
in bemerkenswerter Weise ausgesprochen: Karl Knies (Die Statistik als selbständige
Wissenschaft, 1830), G. F. Knapp (Die neueren Ansichten über Moralstatistik, J. f. N.
F. 16, 1871; über Quetelet, daselbst 18, 1873; Theorie des Bevölkerungswechsels,
1870), W. Lexis (Theorie der Massenerscheinungen in der menschlichen Gesellschaft, 1877),
Mautice Block (Traits theorique et pratique de la statistique, 1878, deutsch 1879
von v. Scheel), August Meitzen (Geschichte, Theorie und Technik der Statistik, 1886),
W. Westergaard (Grundzüge der Theorie der Statistik, 1890). Die Bevölkerungslehre
haben 1839 Wappäus, die Moralstatistik 1868 von Oettingen, die Verwaltungsstatistik
E. Mischler (1. Bd.), 1892 in ihren wesentlichen Resultaten zusammengefaßt.
        <pb n="128" />
        116 GEinleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

49. Die historische und sonstige realistische Forschung hat neben
und mit der Statistik unserer Wissenschaft im 19. Jahrhundert einen ganz neuen Boden
gegeben. In Deutschland hatte die Philologie und Altertumswissenschaft in F. A. Wolf,
F. G. Welcker, A. Böckh und K. O. Muͤller, die Geschichte in B. G. Niebuhr und
L. Ranke, die geschichtliche Rechtswissenschaft und die Verfassungsgeschichte in Eichhorn,
Savigny, Waitz, Dahlmann, Mommsen, Gneist ihr goldenes Zeitalter erlebt. Nicht bloß
Methode, Kritik und Quellenkunde wurden damit für alle Geisteswissenschaften andere,
sondern auch der allgemeine Sinn für kausale Zusammenhänge; wer durch diese Schule
gegangen war, konnte mit den kahlen und dürren rationalistischen Erwägungen und Schluß—
folgerungen des alten Naturrechts nicht mehr auskommen. Und Werke wie Böckhs Staats—
haushalt der Athener (1817; 3. Aufl. ed. Fränkel, 1886) wurden zugleich Perlen der
nationalökonomischen Litteratur; was Niebuhr, Nitzsch und Mommsen uns über sociale
Klassenkämpfe lehrten, stand hoch über den luftigen Kartenhäusern der Socialisten. Die
Erdkunde wurde durch A. v. Humboldt und K. Ritter erst eine Wissenschaft, die Reise—
litteratur und Kenntnis der Naturvölker nahm rasch zu und lieferte auch volkswirtschaftlichen
Stoff aller Art. Die anthropologische und urgeschichtliche Forschung erweiterte unseren
ganzen Horizont unermeßlich. Tylor, Lubbock, H. Spencer, Bastian, Th. Waitz (An—⸗
thropologie der Naturvölker, 1889—-72), Lewis H. Morgan (Ancient society, 18785,
deutsch Die Urgesellschaft, 1891), Pictet (Les origines indocuropéennes, 1877, 2. Ausg.),
O. Schrader (Sprachvergleichung und Urgeschichte, 1888; Zur Handelsgeschichte und
Warenkunde, 1886), Sumner H. Maine (Ancient law, 1861; Early history of institutions,
1875), F. Ratzel (Völkerkunde, 3 Bde., 1885; Anthropogeographie, 2 Bde., 1882 u. 91)
sind heute neben zahlreichen speciellen Reisewerken und ethnographischen Monographien
unentbehrliche Hülfsmittel der volkswirtschaftlichen Forschung. Daneben konnte die
eigentlich nationalökonomische Beobachtung nicht zurückbleiben; man drang ganz anders
als früher in die Hütte des Arbeiters wie in die Werkstatt und Fabrik, man schilderte
den Familienhaushalt und den Bauernhof. Die Vereinigung zahlreicher disciplinierter
Einzelkräfte zu wissenschaftlicher Gesamtarbeit auf Kongressen, bei Enqueten, in Sammel—
werken und Zeitschriften erlaubte Leistungen, wie sie im Bereiche der Geschichte früher
nur etwa aus den Benediktinerabteien hervorgegangen waren. Die Einsicht, daß
A. Smith, Ricardo und Marx doch alle von einem zu kleinen, begrenzten Erfahrungs
seld ausgegangen waren, siegte definitiv. Es entstand eine Richtung der wissenschaftlichen
Arbeit, die vielleicht in manchen ihrer Hülfskräfte das Materialsammeln zu hoch, dessen
rationale Bemeisterung zu niedrig schätzte; aber sie war nötig in einem Zeitalter, in
dem selbst die Philosophie zum Experiment griff, in dem jede Wissenschaft komplizierter
Lebensvorgänge einen vollendeten deskriptiven Teil als Vorarbeit forderte. Und auch
die einseitigen Anhänger der alten Schulen bekundeten die Berechtigung des Umschwungs.
indem sie ihrerseits an der realistischen Arbeit teilnahmen.
Das Ergebnis dieser neuen Richtung der Studien war natürlich je nach Personen,
Ländern, Vorbildung und Zwecken ein sehr verschiedenes. Hier sammelte man Material,
um die Sätze der alten Schuldogmatik oder die neuen socialistischen Ideale zu beweisen,
dort schilderte man objektiv und unparteiisch; die einen bauten aus einem Übersichts—
material rasch große hypothetische Gebäude, die anderen blieben bei einer minutiösen
Detailschilderung und ganz fest begrenzten Schlüssen. Der engste Specialist und der
universalste Geist konnte gleichmäßig in den Dienst des Realismus treten. Aber die
rasch fertigen dogmatischen Lehrbücher, die in Rezeptform unterrichteten und rasche prak—
tische Anweisung gaben, mußten in Mißkredit kommen. Die Monographie trat mehr
und mehr in den Vordergrund des wissenschaftlichen Betriebes.
Der erste Nationalökonom, der europäische mit amerikanischen Wirtschaftserfahrungen,
historische Kenntnisse mit praktischer Beobachtung des Lebens in großem Stile verband
und daraus eine bedeutsame Theorie der volkswirtschaftlichen Entwickelung ableitete, war
der deutsche Professor Friedrich List (Das nationale System der politischen Okonomie, 1841;
7. Aufl. ed. Eheberg, 1883; ges. Werke ed. Häusser, 3 Bde., 1830). Hütte er mit seiner
genialen Begabung die nötige Nüchternheit und die Ruhe eines Gelehrtenlebens verbunden.
        <pb n="129" />
        Die neuere deutsche realistische Forschung. 117

so wäre er der Überwinder der Smithschen Schule geworden. Aber obwohl er mehr ein großer
geistvoller Agitator blieb, bildet sein Auftreten doch einen Wendepunkt für unsere Wissen—
schaft. Indem er an die Stelle der Wert- und Quantitätstheorien A. Smiths eine Theorie
der produktiven Kräfte, d. h. der individuellen und gesellschaftlichen Persönlichkeiten fetzte,
beseitigte er die materialistische Vorstellung eines mechanischen Naturverlaufes der Wirt—
schaftsprozesse; indem er für Schutzzölle wie für ein nationales Eifenbahn- und Kanalsystem
kampfte, fuͤhrte er überhaupt zum richtigen Verständnis der socialen und politischen Organi—
sativnen zurück, auf denen das wirischaftliche Leben ruht; indem er den historischen Ent—
— einseitig und umrißartig, aber
doch im ganzen richtig zeichnete, begrub er die schiefen Vorstellungen von natürlichen,
uüberall durchzuführenden Wirtschaftseinrichtungen und Idealen. Zu gleicher Zeit schuf
A. v. Thunen das Vorbild für streng wissenschaftliche Specialuntersuchungen aus der Gegen⸗
wart. Er verstand es (Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und National⸗
dkonomie, 1826 —68), die Frage der Abhängigkeit des landwirtschaftlichen Betriebes vom
Markt und den Trausportkosten erschöpfend in der Wirklichkeit zu beobachten und zu
beschreiben, das Wesentliche dieses Verhältnisses glücklich herauszugreisen, von Neben—
umständen zu fondern und unter dem gedachten Bild eines einheitlichen, isolierten Staates
mit einem städtischen Centralmarkt vorzuführen und zu durchdenken. Er hat so einen
Kausalzusammenhang, auf den ihn die Beobachtung führte, erst isoliert, für sich unter—
sucht und dann wieder mit den realen Zuständen verglichen. Die Anwendung solch'
schematischer, isolierter Betrachtung ist eines der wichtigsten Hülfsmittel wissenschaftlichen
Fortschrittes, wenn der dasselbe anwendende Forscher die Hauptpunkte richtig von den
Nebenpunkten zu trennen vermag.
Und während dann der ausgezeichnete Agrarpolitiker G. Hanssen (Aufhebung der
Leibeigenschaft in Schleswig und Holstein, 1861; Agrarhistorische Abhandlungen, 2 Bde.,
1880 gesammelt, seit 1832 erschienen) auf Grund rechts- und wirtschaftsgeschichtlicher, wie
modernster Reisestudien die Fragen der historischen Entwickelung der landwirtschaftlichen
Betriebssysteme und der Agrarverfassung überhaupt meisterhaft anschaulich erörterte und
in A. Meitzen (Urkunden schlestscher Doͤrfer, 18883; Boden und landw. Verhältnisse des
preußischen Staates, 4 Bde., 1868; Siedelung und Agrarwesen der Deutschen, Skandinavier,
Kelten ꝛc. 4 Bde., 1895) wie in A. v. Miaskowski (Verfassung der Land-, Alpen⸗ und
Forstwirtschaft der deutschen Schweiz, 1878; Erbrecht und Grundeigentumsverteilung im
Deutschen Reiche, 2 Bde, 1884), in Conrad, Knapp und anderen würdige Nachfolger der
wissenschaftlichen Agrarforschung erhielt, hatten unterdessen Roscher, Hildebrand und
Knies versucht, ganz principiell der deutschen Nationalßkonomie den Stemvel der histo⸗
rischen Methode aufzudrücken.
Geistreich und viel beweglich hat Bruno Hildebrand (Die Nationalökonomie der
Gegenwart und der Zukunft, 1848; Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, seit
18083 ff.) die historische Entwickelung der Volkswirtschaft unter die Kategorien der Natural-,
Geld- und Kreditwirtschaft gestellt und durch seine litterargeschichtlichen und historischen
Specialarbeiten außerordentlich anregend gewirkt. Karl Knies (Die politische Okonomie
vom Standpunkte der geschichtlichen Methode, 1853 u. 1888) hat in ausgezeichneter Weise
die propädeutischen Fragen der geschichtlichen Methode behandelt, ist dann aber selbst mehr
zu dogmatischen und lheoretischen Arbeiten übergegangen (Geld und Kredit, 2 Bde.,
1873 79), welche scharfsinnig und fast juristisch gehallen die betreffenden Fragen durch
begriffliche Untersuchung wie durch breite Sachkenntnis gefördert haben. Wilhelm
Roͤscher aber überragt beide an Einfluß, an litterarischer und akademischer Wirksamkeit,
wie er ja auch durch seinen Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft nach
geschichtlicher Methode (1842) das erste eigentliche Programm der historischen Schule
zufftellte. Er hat dann in einem langen, segensreichen Gelehrtenleben die national⸗
bkonomische Litteraturgeschichte (Zur Geschichte der englischen Volkswirtschaftslehre im
16. und 17. Jahrhundert, 1854; Geschichte der NRationalökonomie in Deutschland, 1874)
angebaut, eine Reihe der wichtigsten Specialfragen wirtschaftsgeschichtlich untersfucht
(Ideen zur Geschichte und Statistik der Feldiysteme im Archiv von Rau-Hanssen, 7 u. 8:
        <pb n="130" />
        118 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Kolonien, 1856; Ansichten der Volkswirtschaft, 1861 u. 78), endlich seine gesamten An—
schauungen in dem Systeme der Volkswirtschaft (5 Bde., 1884-94) zusammengefaßt,
das heute mit seinen zahlreichen Auflagen das weitaus verbreitetste Lehrbuch in Deutsch—
land ist. Er hat außerdem in seiner geschichtlichen Naturlehre der Monarchie, Aristokratie
und Demokratie (1892) seinen wirtschaftsgeschichtlichen Ideen den allgemein politischen und
geschichtsphilosophischen Hintergrund gegeben.
Man mag Roscher vorwerjen, daß er mehr polyhistorisch gesammelt als das ein—
zelne nach strenger historischer Methode untersucht habe, daß sein Lehrbuch teilweise nur
die Gedanken der alten Schule mit historischen Anmerkungen verziere, daß die von ihm
beabsichtigte Vergleichung aller Zeiten und Völker heute noch kaum moͤglich sei, daß
seine Parallelisierung der Lebensstufen des Individuums mit denen der Völker oft hinke,
seine Verdienste bleiben immer groß und epochemachend, er schließt sich würdig an die
großen sonstigen Historiker des 19. Jahrhunderts an. Er vor allem hat den Weg
gebahnt, auf dem die ganze jüngere deutsche Generation von Gelehrten überwiegend
wandelt und methodisch forscht. Sein wissenschaftlicher Lebenszweck war, eine Vermittelung
zwischen der Smithschen Theorie und den Ergebnissen historischer Forschung zu gewinnen,
Raturgesetze des Wirtschaftslebens zu finden, d. h. Regelmäßigkeiten, die von menschlicher
Absicht unabhängig seien; er geht vergleichend, oft mehr geschichtsphilosophisch spekulie—
cend als streng forschend den Entwickelungsphasen der Volkswirtschaft nach; die ältere
Methode verwirft er als idealistisch (er hätte besser gesagt: rationalistisch), er will eine
historisch-physiologische an die Stelle setzen. Seine größte Leistung liegt in der gene—
tischen Erklärung der agrarischen und gewerblichen Institutionen, der Handels- und
Verkehrseinrichtungen.
Der Unterschied der jüngeren historischen Schule von ihm ist der, daß sie weniger
casch generalisieren will, daß sie ein viel stärkeres Bedürfnis empfindet, von der poly—
historischen Datensammlung zur Specialuntersuchung der einzelnen Epochen, Völker und
Wirtschaftszustände überzugehen. Sie verlangt zunächst wirtschaftsgeschichtliche Mono—
zraphien, Verknüpfung jeder modernen Specialuntersuchung mit ihren historischen
Wurzeln; sie will lieber zunächst den Werdegang der einzelnen Wirtschaftsinstitutionen,
als den der ganzen Volkswirtschaft und der universellen Weltwirtschaft erklären. Sie
nüpft an die strenge Methode rechtsgeschichtlicher Forschung an, sucht aber ebenso durch
Reisen und eigenes Befragen das Bücherwissen zu ergänzen, die philosophische und
psychologische Forschung heranzuziehen.
Die deutsche Wirtschaftsgeschichte erhielt in K. W. Nitzschs Geschichte des deutschen
Volkes (8 Bde., 1882), in W. Arnolds Arbeiten (Verfassungsgeschichte der deutschen
Freistädte, 1834; Ansiedlungen und Wanderungen der deutschen Stämme, 1875),
in K. Th. v. Inama-Sterneggs deutscher Wirtschaftsgeschichte (5 Bde., 1879 091), in
Lamprechts deutschem Wirtschaftsleben im Mittelalter (4 Bde., 1886) eine Fundamen-—
tierung, wie sie kaum ein anderes Volk besitzt. Als die Hauptvertreter der mono—
graphischen deutschen Wirtschaftsgeschichte in Bezng auf Gewerbe und Handel sind zu
nennen: G. Schmoller (Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert, 1870;
Straßburger Tucher- und Weberzunft, 1879; Wirtschaftliche Politik Preußens im
18. Jahrhundert, J. f. G. V. 1884-87; Die Thatsachen der Arbeitsteilung, das. 1889;
Das Wesen der Arbeitsteilung und der socialen Klassenbildung, das. 1889; Die geschichtliche
Entwickelung der Unternehmung, das. 1890 -983; Zur Social- und Gewerbepolitik der
Segenwart, 1890; Einige Grundfragen der Socialpolitik und Volkswirtschaftslehre, 1898;
Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte,
8098; Acta Borussica, von 1892 an bis jeßt 9 Bde.; Staats- und socialwissenschaftliche
Forschungen, von 1878 an, 88 Hefte), G. v. Schönberg (Basler Finanzverhältnifsse im
14. und 15. Jahrh., 1879), K. Bücher (Aufstände der unfreien Arbeiter 143120v6. Chr.,
1874; Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. und 15. Jahrh., 1886; Die Ent⸗
stehung der Volkswirtschaft, 1893, 8. Aufl. 18901), W. Stieda (Entstehung des deutschen
Zunftwesens, 1874, und viele andere gewerbegesch. Monographien), Tr. Geering (Handel
und Industrie der Stadt Basel. 1886). In Bezug auf das Agrarbesen hat G. F. Fnavs
        <pb n="131" />
        Die ältere und die jüngere deutsche historische Schule. 119

Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter, 2 Bde., 1887) mit fseinen
tüchtigen Schülern Grünberg, Fuchs, Wittich eine ganz neue, zuverlässige Erkenntnis
der deutschen Entwickelung in den letzten Jahrhunderten geschaffen, und M. Sering (Innere
Kolonisation im östlichen Deutschland 1883), M. Weber und andere haben die schwebenden
Agrarfragen der Gegenwart durchforscht und gefördert.
Nicht minder bedeutsam ist, was deutsche Gelehrte in den letzten dreißig Jahren
über andere Länder, besonders über England, wirtschaftsgeschichtlich geleistet haben.
Man köonnte fast sagen, der Reichtum der englischen Archive, Blaubücher und Enqueten
sei in erster Linie durch deutsche Gelehrte ausgeschlossen worden, wozu freilich auch die
Socialisten beigetragen haben. Voran steht — zugleich als der Führer einer ganzen
siberal· demokratisch socialpolitischen Schule — Lujo Brentano; fein Werk über die
Arbeitergilden der Gegenwart (2 Bde., 1871) ist auch für die einschlägige englische
Fewerkbereinslitteratux der Ausgangspunkt geworden; die Schriften über das Arbeits⸗
verhältnis nach dem heutigen Recht (1877), die Arbeiterversicherung gemäß der heutigen
Wirtschaftsordnung (1879) schließen sich an sein Hauptwerk an. Mit seinen gesammelten
Aufsätzen (1, 1899) und einer Agrarpolitik (1, 1897) hat er das agrarische Gebiet betreten.
Sonst neune ich: G. Schanz (Die englische Handelspolitik gegen Ende des Mittelalters,
2 Bde., 1881), A. Held (Die neuere sociale Geschichte Englands, 1881), G. Cohn (Uber
die englische Eisenbahnpolitik, 2 Bde. 1875), W. Hasbach (Uber das englische Arbeiter—
versicherungswesen, 1888, und Die englischen Landarbeiter in den letzten 100 Jahren
und die Einhegungen, 1894). Als Kenner der französischen Volkswirtschaft hat sich
dexis bewährl (Die französischen Ausfuhrprämien, 1870; Gewerkvereine und Unternehmer⸗
verbände in Frankreich, 1870), als solche der Vereinigten Staaten Sartorius von Walters⸗
hausen, Sering, Fuchs, v. Halle, Schumacher.
Auch die längst in England mit monographischer Specialuntersuchung bedachten
Gebiete der Preisgeschichte, des Gelde, Bank- und Börsenwesens fanden in Deutschland
hre Specialforscher; die Untersuchungen J. v. Helferichs und Soetbeers, E. Nasses und
A. Wagners, Lexis' und Arendts, Cohns, Strucks und Lotz' stehen auf der Höhe der
Wißsenschaft und haben würdig vollendet, was einst J. G. Büsch begonnen.
Und die scheinbar den meisten deutschen Forschern entgegenstehenden österreichischen
Gelehrten, unter welchen C. Menger (Grundsätze der Volkswirtichaftslehre, 1871) und
E. v· Böhm-Bawerk (Kapital und Kapitalzins, 2 Bde., 1884 —89; Theorie des wirt⸗
ichaftlichen Güterwerts, J. f. N. 2. F. 13, 1886) in erster Linie zu nennen sind, haben
war zunächst abstrakt deduktive Erörteruñgen und Begriffsanalysen im Anschluß an die
iltere Schule geben wollen, aber zugleich haben sie mit ihrer neuen Wertlehre, ähnlich
vie Jevons in England, gewisse psychologische Wert— und Marktvorgänge empirisch
schärser erfaßt, das praktische Leben an bestimmten Punkten richtiger analysiert.
Das schon erwähnte Zusammenwirken zahlreicher Kräfte fand seinen Ausdruck in
verschiedener Form. Der Verein für Socialpolitik hat seit 1872 über 90 Bände Schriften
publigiert, meist Berichte und Gutachten verschiedener Autoren über denselben Gegenstand und
darunter musterhafte Sammlungen, wie z. B. die über das deutsche Handwerk, über das
Hausiergewerbe, die ländlichen Arbeiter. Andere Vereine, wie der Armenpflegerkongreß,
und ebenso vorgegangen. An die statistischen Bureaus und an die staatswissenschaftlichen
Seminare der Umverfitäten haben sich eine ganze Reihe von Serien wissenschaftlicher
Publikationen angeknüpft, meist deskriptiver Art; darunter vortreffliche Schriften, wie
die Industrie- und Arbeiterschilderungen von Thun, Sering, Sarx, Schnapper-Arndt,
Herkner, Francke. Die stattliche Reihe von Zeitschriften, welche staatswissenschaftlichen
Zwecken dienen (Schäffle, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, seit 1844;
Hildebrand⸗Conrad, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, seit 1868; Schmoller,
Fahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, seit 1881
degiehungsweije seit 18723H. Braun, Archiv für sociale Gesetzgebung und Statistik, seit 18883;
die öfterreichische Zeitschrift für Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung, seit 1892;
Schanz, Finanzarchiv, seit 1884: Böhmert, Arbeiterfreund, seit 1859 - 62; Hirth, Annalen
        <pb n="132" />
        120 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

des norddeutschen Bundes und des deutschen Reiches, seit 1868), die verschiedenen
statistischen Zeitschriften, die Specialorgane für auswärtigen Handel, Kolonialpolitik,
innere Kolonisation, Arbeiterverhältnisse, Versicherungswesen ꝛc. zeigen den ungeheuren
Stoff, den es zu bewältigen gilt. In dem Handbuch der politischen Okonomie von
Schönberg, 3, jetzt 5 Bde., 1882 —-95, 4. Aufl., sowie in dem Handwörterbuch der
Staatswissenschaften von Conrad, Elster, Lexis und Loening, 5 Bde., 2 Suppl.Bde.,
1890 -97, 2. Aufl. 1900, sowie in L. Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaft, 2 Bde.,
1898, hat dieses Material eine geordnete Zusammenfassung erhalten, wie sie bisher in
gleichem Maße objektiv und vollständig nicht existierte.
Die anderen Länder find dieser Bewegung zögernd, aber doch im ganzen auch
gefolgt. In England hatten Th. Tooke mit W. Newmarch eine Geschichte der Preise
(zuerst 1838, dann fortgesetzt bis 1856, deutsch 1888) geliefert, welche in ihren Grund—
gedanken der alten Schule angehört, aber durch ihre sorgfältige empirische Untersuchung
der volkswirtschaftlichen Erscheinungen von 1750—1880 die alten Theorien wesentlich
berichtigte. Th. E. Rogers machte dann den Versuch, eine englische Wirtschafts—
geschichte vom Mittelalter an nur auf Grund von urkundlichen Preisnotizen zu liesern
(History ot prices and agriculture, 1866, 1882, 1887, 6 Bde., zusammengejsaßt in:
Six centuries of work and vwages, the history of englisn labour, 1884; endlich
The economieé interpretation of history, 1888); aus diesem Material konnte der man—
chesterliche, aller rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Schulung entbehrende Gelehrte freilich
nur einzelne Erscheinungen richtig aufhellen, vieles mußte bei ihm verzerrt und falsch
sich darstellen (vergl. meine Kritik J. f. G. VB. 1888, 203 ff.), aber es war doch ein
großer, epochemachender Anlauf historischer Untersuchung unternommen. Und wenn nun
Th. Carlyle (Socialpolitische Schriften, deutsch 1895) mit Keulenschlägen von seinem
idealistisch⸗religiösen, tief innerlichen Standpunkt aus den materialistischen und individua—
listischen Mammonismus und harten Konkurrenzkampf seiner Zeit angriff, wenn Ruskin
ihn dabei mit seinem ästhetischen Idealismus nnterstützte, wenn die christlichen Socialisten
der vierziger Jahre mit ihrer Verherrlichung der Brüderlichkeit und des Genossenschafts—
wesens folgten (Brentano, Christlich-sociale Bewegung in England, J. f. G. B. 1883),
wenn die Lehren A. Comtes eine ganze positivistische Schule in England erzeugten
(F. Harrison, Beesly, H. Crompton, G. Howell, Th. Wright), welche vor allem das
Ungenügende der Ricardoschen Theorie für die großen, immer dringlicher werdenden
socialen Probleme empfand, so waren das lauter Richtungen mit einem höheren Über—
blick und einer tieferen Erfassung der Probleme; und sie leiteten alle mehr oder weniger
auf eine Rückkehr zur lebensvollen Beobachtung und Schilderung der Arbeiterverhältnifse
hin. Thorntons Buch über die Arbeit (1868, deutsch 1870), J. M. Ludlows und
Lloyd Jones „Arbeitende Klafsen Englands“ (1868, auch deutsch) waren die Vorläufer
einer großen derartigen social-empirischen Litteratur, als deren Spitze man heute das
Werk von Booth über die Armen und die Arbeiter Londons (Labour and life of the
people, 1889 ff., vergl. J. f. G.B. 1897, 229) und die schon erwähnten Werke der
Eheleute Webb bezeichnen könnte. Daneben erörterten Th. E. Cliffe Leslie (Land
systems, 1870; Essays in moral and political philosophy, 1879 u. 88), D. Syme
(Outlines of an industrial science, 1876) und J. K. Ingram (History of pouitical
oconomy, 1888, deutsch 1890) die principiellen, methodischen und litterargeschichtlichen
Fragen in ähnlichem Sinne wie die deutsche historische Schule. Und in dem deider zu früh
verstorbenen A. Toynbee (Lectures on the industrial revolution in England, 1884) tritt
uns ein Meister realistischer Analyse und großen historisch⸗philosophischen Sinnes ent⸗
gegen; ihm schließen sich in W. J. Ashley, der direkt an die deutsche historische Schule
anknüpft (An introduétion to économic history and theory, 2 Bde., 1888 und 1893,
auch deutsch; Surveys historic and économic, 1900) und W. Cunningham (The growth
of english industry and commerce, 1881, 2. Aufl., ẽ Bde., 1890 -92) die ersten durch—
gebildeten Wirtschaftshistoriker an, die, auf das Gange der volkswirtschaftlichen und
soeialen Entwickelung gerichtet, entschlossen sind, von ihrem Standpunkt aus das brüchige
alte doamatische Lehrgebäude zu stürzen oder umzubauen.
        <pb n="133" />
        Die neueren Fortschritte in England und Frankreich. 121

In Paris und den dortigen akademischen Kreisen, im Journal des Economistes
(seit 1342) und der Buchhandlung Guillaumin blieb die alte Saysche Schulweisheit,
wie wir schon erwähnt, bis in die Gegenwart vorherrschend. Aber neben ihr wirkten
nicht bloß Sismondi, die socialistischen, schutzzöllnerischen und kirchlichen National—⸗
zkoönomen, sondern stets auch eine Schule praktischer Kenner des wirklichen Lebens,
wie Loon Faucher (Ptudes sur l'Ansleterre, 2 Bde, 1856) und Léon de la Vergne
(Economie -urale de la France depuis 1789, 1860). Die französischen Arbeiter⸗ und
Industrieverhältnisse fanden eine Reihe von hervorragenden Bearbeitern in Gérando,
Billermée, E. Laurent, Audiganne, Reybaud, J. Barbaret. Niemand aber hat die Be—
obachtung und Beschreibung der socialen Gegenwart so energisch in die Hand genommen,
wie der große Ingenieur Le Play, der erst auf Jahrzehnte langen Reisen eine große
Zahl zutreffender Beschreibungen der wirtschaftlichen Lage der unteren Klassen sammelte
es ouvriers européens, 6 Bde., 1877 —-79), ehe er, ähnlich wie der Belgier Ducpoͤtiaux,
dieses Material zu vergleichenden Haushaltungsbudgets zusammenstellte, damit einen
ganzen eigenen Zweig der Litteratur und Untersuchung schuf; an dieses Material lehnten
sich auch seine konservativ und christlich gehaltenen Vorschläge über Wiederherstellung
eines patriarchalischen Familienverhältnisses und patriarchalischer Arbeiterverhältnisse an
(Ia réforme sociale en France, 1864). Er hat Schule gemacht in Frankreich; seine
Gedanken und Bestrebungen werden von einer Zeitschrift (a réforme sociale, seit 1881)
und einem Verein Gleichgesinnter fortgeführt. Neuerdings hat Graf Maroussem vor
Alem derartige Beschreibungen in ausgezeichneter Weise geliefert.
Die eigentliche Wirtschaftsgeschichte hatte in Frankreichs alten gelehrten Traditionen
ebenso einen Boden, wie sie durch die neue Blüte historischer Studien unter Guizot
und Thierry angeregt wurde. Depping schrieb feine Geschichte des Levantehandels (1830)
und gab das Livré des métiers aus dem 18. Jahrhundert heraus (1837). Gusrard
veröffentlichte seine grundlegenden Untersuchungen über die Wirtschaftszustände unter
Karl dem Großen (Politique de l'abbe Irminon, 2 vol., 1836 u. 1844). Pierre Cléement
ließ seinen beschreibenden Werken über Colbert (1846, 1854) seine großen Archiv—
publikationen über ihn folgen (1861573), die bald weitere ähnliche Unternehmungen
in Bezug auf Mazarin, Richelieu, Ludwig XIV., sowie in Bezug auf die Korrespondenz
der Jutendanten und Generalkontrolleure des alten Regimes nach sich zogen. E. Levasseur
schrieb seine belehrende französische Wirtschaftsgeschichte in vier Bänden unter dem Titel
Vigtoire des clacses ouvrières en Francé (183967), H. Wallon seine Geschichte der
Sklaverei im Altertum (8 Bde., 1847 u. 1879), H. Baudrillart seine Geschichte des
Lduxus (4 Bde., 1880). Und zahlreiche Monographien uüber die Agrar⸗, Handels- und
Gewerbegeschichte einzelner Provinzen und Staͤdte, über die Verwaltung im ganzen,
den auswärtigen Handel beftimmter Epochen, die Geschichte der Finanzen wie einzelner
Verwaltungszweigeé gehen diesen umfassenderen Arbeiten parallel.
Von 1880 an erhob sich unter den neuangestellten Professoren der National⸗
bzkonomie an den französischen Rechtsfakultäten, deren Führung Cauwès in Paris und
Gide in Montpellier zufiel, ein ganz neuer Geist unabhängiger Forschung, der mit dem
deutschen nahe verwandt ist, und der dazu führte, daß die betreffenden hauptsächlich in
Verbindung mit deutschen Gelehrten die neue Zeitschrift Revue d'économie politique
von 1887 an gründeten.
Es ist hier nicht möglich, auch in Bezug auf die Vereinigten Staaten, Italien
und andere Laͤnder den Umschwung im wissenschaftlichen Betriebe der ökonomischen und
socialen Studien zu schildern. Wir erwähnen nur noch, daß in Belgien Emil de Laveleye
durch eine Reihe von bemerkenswerten Werken, hauptsächlich durch seine Geschichte des
ilteren Gemeindeeigentums (Ureigentum, deutsch von Bücher, 1879) die Forschung zur
Geschichte und zur Beobachtung der Wirklichkeit zurückgelenkt hat. Im übrigen mag
die Bemerkung genügen, daß die alte abstrakte, dogmatisch-naturrechtliche Behandlung
überall in denn Maße noch stärker vorhält, wie die geistige und die sociale Entwickelung
der betreffenden Länder eine langsamer voranschreitende ist.
        <pb n="134" />
        22 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

50. Das Ergebnis der neueren Forschung, der heutige Stand—
punkt der Wissenschaft. Wenn wir fragen, was mit allen diesen großen Fort—
schritten der Einzelerkenntnis im Gebiete der volkswirtschaftlichen Erscheinungen erreicht
sei, so können wir auf der einen Seite mit Hutten rufen, „es ist eine Lust zu leben“.
Unfer Wissen ist außerordentlich gewachsen, in die Tiefe und in die Breite; wir haben
Methode und Sicherheit in unsere Forschung gebracht. Wir wollen nicht mehr aus
wenigen abstrakten Prämissen alle Erscheinungen erklären und Ideale für alle Zeiten
und Völker aus ihnen ableiten. Wir sind uns der Grenzen unseres gesicherten Wissens,
der Kompliziertheit der Erscheinungen, der Schwierigkeit der Fragen vewußt; wir stecken
noch vielfach in der Vorbereitung und Materialsammlung; aber trotzdem stehen wir
mit anderer Klarheit als vor 100 und vor 50 Jahren der Gegenwart und der Zukunft
gegenüber, gerade weil wir so viel Genaueres über die Vergangenheit heute wissen.
Freilich kommt von der anderen Seite der Einwurf: ja, ihr mögt mehr' im
einzelnen wissen; aber es fehlt all' dem die Einheit und die Wirkung aufs Leben.
Streiten nicht, sagt man, die Parteien und die Klafsen heute noch mehr auf wirtschaft
lichem und socialem Gebiete als in den Tagen A. Smiths und Raus? Erheben sich
nicht wieder von vielen Seiten gegen die herrschenden wissenschaftlichen Autoritäten neu—
Lehren und die alten Schulen in verjüngter Form; das Manchestertum ist noch lange
nicht ausgestorben, gegen die Vertreter der socialen Reform erheben sich mit Macht die
der Kapital- und Unternehmerinteressen, wie z. B. Julius Wolf (Socialismus und
kapitalistische Gesellschaftsordnung, 1892). Der Socialismus scheint vielen noch zu
wachsen. Unter den führenden Autoritäten der Wissenschaft selbst herrscht über Methode
und Resultate noch so viel Streit, daß es scheinen könnte, die Sicherheit unseres Wiffens
habe sich kaum verbessert.
Wer aber nicht grämlich und verzagend die Dinge betrachtet, der wird hierauf
antworten, daß über die praktische Politik der Streit immer vorhanden war und nicht
aufhören kann, daß aber über eine steigende Zahl der wichtigsten Fragen doch zwischen
den verschiedensten Richtungen eine erfreuliche Einigkeit sich bildet. Man wird dancben
zugeben, daß zahlreiche neue Elemente und Teile unseres Wissens noch in Gärung sich
befinden, daß es sich noch darum handelt, aus der Summe neuer Einzelerkenntnisse die
allgemeinen Resultate zu ziehen, eine neue, einheitliche Wissenschaft herzustellen. Aber
wir können behaupten, daß wir doch im ganzen diesem wissenschaftlichen Ziele uns
nähern; wir können hoffen, daß die mächtig fortschreitende, geficherte empirische Einzel—
erkenntnis mehr und mehr von Männern zu einem Ganzen verbunden werde, welche
zugleich durch universale Bildung, durch Charakter und sittlichen Adel sich auszeichnen;
geschieht das, so werden auch die heutigen großen Fortschritte der Volkswirtschaftslehre
gute praktisch-politische Früchte tragen.
Die allgemeinen Gedanken und Ziele aber, welche den besten neueren volkswirt
schaftlichen Werken in ihrer großen Mehrheit an die Stirne geschrieben sind, dürften
rolgende sein: 1. die Anerkennung des Entwickelungsgedankens, als der beherrschenden
wissenschaftlichen Idee unseres Zeitalters; 2. eine pfychologisch-sittliche Betrachtung,
welche realistisch von den Trieben und Gefühlen ausgeht, die sittlichen Kräfte anerkennt,
alle Volkswirtschaft als gesellschaftliche Erscheinung auf Grund von Sitte und Recht,
von Institutionen und Organisationen betrachtet; das wirtschaftliche Leben wird so
wieder in Zusammenhang mit Staat, Religion und Moral untersucht; aus der Geschäfts⸗
nationalbkonomie ist wieder eine moral-politische Wissenschaft geworden; 38. ein kritisches
Verhalten gegenüber der individualistischen Naturlehre, wie gegenüber dem Socialismus,
aus welchen beiden Schulen das Berechtigte ausgesondert und anerkannt, das Verfehlte
ausgeschieden wird; ebenso die Zurückweisung jedes Klassenstandpunktes; statt dessen das
klare Streben, sich stets auf den Standpuntt des Gesamtwohles und der gesunden Ent—
wickelung der Nation und der Menschheit zu stellen; von hier aus Anerkennung a) daß
die moderne Freiheit des Individuums und des Eigentums nicht wieder verschwinden
önne, aber doch zugleich eine steigende wirtschaftliche Vergesellschastung und Verknüpfung
tattfinde, die zu neuen Inftitutionen und Formen de Einkommensverteilung führen
        <pb n="135" />
        Der heutige wissenschaftliche Standpunkt der Volkswirtschaftslehre. 123

müsse, um die gerechten Ansprüche aller Teilnehmenden zu befriedigen; p) daß die zu
große Differenzierung der socialen Klassen mit ihren socialen Kämpfen unsere Gegenwart
dedrohe, daß nur große sociale Reformen uns helfen können; o) daß in dem Verhältnis
der Staaten untereinander, so sehr jeder für sich sein wirtschaftliches Leben ausbilden,
unter Umständen seine Sonderinteressen mit Energie verteidigen müsse, doch eine steigende
Annäherung im Sinne der Weltwirtschaft stattzufinden habe.
Bewegen sich in dieser Richtung die von uns schon charakterifierten deutschen Werke
bon L. v. Stein und von Roscher, so werden wir sagen können, daß die ersten heutigen
franzoösischen Autoritäten, Paul Cauwès (Principes d'économie politique, 1884, seither
diele Auflagen) und Charles Gide (Précis du cours d'économie politique, 1878 und
seither bfter) ihr ebensalls nahe stehen, und daß auch Marshall (Principles of economies,
1890, seither dfter, auch eine abgekürzte Ausgabe), obwohl mit der J. St. Millschen
Nationalökonomie noch verwandter, als die deutschen Werke es durchschnittlich find,
doch durch psychologisch-sociologische Analyse und durch ideale Gesichtspunkte sich ihr
nähert. Von den deutschen zusammenfassenden Werken, in welchen sich der heutige, eben
im ganzen charakterisierte Slandpunkt unserer Wissenschaft am deutlichsten spiegelt, sind
hauptsächlich folgende zu nennen:
Albert Schaͤffle (Gesellsch. System der menschlichen Wirtschaft, 1888, 67 u. 78;
Kapitalismus und Socialismus, 1870; Bau und Leben des socialen Körpers, 4 Bde.,
1875) ist ein philosophischer Politiker, Socialreformer und Tagesschriftsteller großen
Stils, er hat sich mit einigen Schwankungen dem Socialismus ziemlich stark genähert,
verbindet umfassende staatswissenschaftliche mit naturwissenschaftlicher Bildung; er ver—
sucht die Nationalbkonomie auf sociologischen Boden zu stellen, entwickelungsgeschichtlich
borzuführen; doch haftet sein Interesse an den Fragen der Tagespolitik, und seine Bücher
find mehr geist- und ideenreich als durchgearbeitet und zum Unterricht brauchbar. Adolf
Wagner ging von monographischen Arbeiten über Bank. und Geldwesen und einem
liberal- individualistischen Standpunkt ursprünglich aus, hat dann aber, von Schäffle,
Rodbertus und dem ganzen Socialismus angeregt, ganz andere Wege eingeschlagen, ein
bedeutsames systematisches Lehrbuch zu schreiben begonnen, zu dessen Vollendung er auch
andere hervorragende Kräfte (Buchenberger, Bücher, Dietzel) heranzog. Er selbst lieferte
bis jetzt mehrere Bände Finanzwissenschaft und eine Grundlegung zur Volkswirtschafts⸗
ehre (1875, 1879, 8. Aufl. in 2 Bdn., 1898-94), worin er die Grundbegriffe, die
Methodologie, die großen Principienfragen der wirtschaftlichen Rechtsordnung und des
Socialismus und die Bevölkerungslehre in tiefgreifender Weise erbrtert. Er will auch
heute noch methodologisch mehr an der abstrakt-deduktiven Art der wissenschaftlichen
Behandlung als die meisten anderen deutschen Nationalbkonomen festhalten; praktisch
vird sein Standpunkt gewöhnlich als Staatssocialismus bezeichnet, womit aber nur
Jemeint ist, daß er dem Gesetz und dem Staate einen größeren Teil der heutigen socialen
—V
bon einem System der Nationaldkonomie bis jetzt einen ersten grundlegenden (1888),
zinen finanzwissenschaftlichen (1889) und einen Band über Handel und Verkehrswesen
1898) erscheinen lafsen; in diesen Bänden, deren ersterer freilich mehr einen essayistischen
als lehrbuchartigen Charakter hat, spiegeln sich die Anschauungen und Tendenzen der
heutigen deutschen Nationalökonomie wohl am deutlichften und in der anziehendsten
Form wieder. Daneben kommt E. v. Philippovich (Grundriß der politischen Okonomie,
J. Bd. Allgem. Volkswirtschaftslehre, 1898, 97 u. 99, 2. Bd. Volkswirtschaftspolitik,
. Teil 1899) in Betracht; er will principiell Menger und der österreichischen abstrakten
Schule treu bleiben, praktisch steht er aber durchaus auf dem neuen, vorhin charakte—
risierten Boden.
In dem folgenden Grundriß wird ebenfalls der Versuch gemacht, die allgemeinen
und im ganzen jeststehenden Resultate unseres nationalökonomischen Wissens einheitlich,
systematisch von dem Standpunkte aus zusammenzufassen, wie er im vorstehenden dar—
— G schließt sich der in Deutschland feit Rau her—
szmmlichen im zanzen an, aber doch mit anderer Absicht, als sie Rau vorschwebte
        <pb n="136" />
        124 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Dieser hat die Volkswirtschaftspolitik und die Finanzwissenschaft von der Volkswirtschafts—
lehre getrennt, in der Volkswirtschaftspolitik die Tagesfragen des Agrar-, Gewerbe⸗ und
Handelswesens unterschieden; in der Volkswirtschaftslehre betrachtete er im Anschluß an
Smith die Kräfte als ein im ganzen von Staat, Verwaltung und Politik unabhängiges
System, hatte dabei in erster Linie die Produktions- und die Verkehrserscheinungen äuf
Grund der freien Konkurrenz im Auge; seine Volkswirtschaftspolitik war dazu die not—
wendige Ergänzung und Korrektur. Nach dem Standpunkt unserer heutigen Erkenntnis
ist der Staat und die Wirtschaftspolitik auch in den allgemeinen Lehren der Volks—
wirtschaft nicht zu ignorieren. Und eben deshalb hat man mit Recht andere Namen für
die zwei Teile gewählt, und hat mit den anderen Namen den Teilen auch eine andere
Bedeutung gegeben. Man scheidet heute überwiegend — von der Finanzwissenschaft
abgesehen — allgemeine und specielle Volkswirtschaftslehre und versteht unter der
ersteren den Versuch eines systematischen UÜberblickes über unser gesamtes volkswirtschaft—
liches Wissen, ohne Eintreten in die Specialfragen der Gegenwart, des eigenen Landes,
der einzelnen Hauptzweige der Volkswirtschaft. Von den großen Zügen der Wirtschafts—
politik muß in dieser allgemeinen Volkswirtschaftslehre ebenso die Rede sein, wie ihre Aus—
führung im einzelnen der speciellen Volkswirtschaftslehre überlassen bleibt. Die allgemeine
Lehre führt die typischen Organe und Einrichtungen, die wesentlichen Erscheinungen und
Bewegungsvorgänge der Volkswirtschaft nach ihrer Struktur bei den Hauptkulturvölkern,
sowie nach ihrer historischen Entwickelung im ganzen vor. Sie will dem Anfänger einen
Umriß geben, für den Sachkenner das einzelne in seinen großen Zusammenhang stellen.
Sie muß einen sociologischen, ethischen, philosophischen Hintergrund haben, während die
specielle Volkswirtschaftslehre, mit der Gegenwart und ihren socialen und volkswirt—
schaftlichen Tagesfragen beschäftigt, den Blick auf die eigene Volkswirtschaft und höchstens
ihre Nachbarn konzentriert, praktisch verwaltungsrechtlich vorgeht, empirisch das einzelne
untersucht. Die Nebeneinanderstellung dieser zwei Hälften hat sich bewährt; sie ergänzen
sich nach Stoff und Methode. Unser Grundriß will in zwei Hälften oder Bänden
aur die allgemeine Volkswirtschaftslehre geben.
Die Systematik oder Stoffeinteilung, die ich dabei befolge, habe ich in meinen
Vorlesungen seit 365 Jahren ausgebildet; sie geht von ähnlichen Gesichtspunkten aus
wie die Versuche einer neuen Einteilung bei Stein, Schäffle, Cohn. Die alte Gliederung
des Stoffes nach Produktion, Verkehr, Konsumtion entsprach dem wissenschaftlichen
Standpunkt und Bedürfnis des naturrechtlich-kameralistischen Vorstellungskreises zu Än⸗
fang des 19. Jahrhunderts. Heute scheint sie mir überlebt und falsch; der philosophisch—
historische Standpunkt der Gegenwart mit seiner Anlehnung an die Ethik und Sociologie
einerseits, an die Naturwissenschaften andererseits, mußte nach einer anderen Gliederung
suchen, und auch die neueren Anhänger der alten Einteilung haben dies nicht verkannk
Ich komme auf die Stoffeinteilung gleich zurück. Ich möchte hier über die Systematik
nur sagen: jede Einteilung ist berechtigt, welche, der Methode und dem Stoffe angepaßt,
das Zufsammengehöbrige nebeneinander stellt, in der Reihenfolge der Abschnitte eine
planvolle Leitung und Belehrung des Lesers beabsichtigt und erreicht.
        <pb n="137" />
        Erstes Buch.

Land, Leute und Technik
als Massenerscheinungen und Elemente der Volkswirtschaft.

51. Die Stoffeinteilung des Ganzen in vier Bücher, des ersten
Buches in vier Abschnitte. Wir haben in der Einleitung den Begriff der Volks⸗
wirtschaft, ihre allgemeinen pfychologischen Grundlagen und die geschichtliche Entwickelung
ihrer Lehre und Methode kurz erörtert. Wir kommen nun zur Sache selbst, zu dem
Bersuch, ein Bild der Volkswirtschaft nach ihren verschiedenen Seiten zu entwerfen, ihr
Wesen, ihre Struktur, ihre Formen, ihre Bewegungen, ihre Ursachen darzulegen. Dabei
werden zwei Gruppen von Erscheinungen in den Mittelpunkt zu rücken sein: 1. die
gesellschaftliche Organisation oder Struktur der Volkswirtschaft und 2. die wichtigsten
Bewegungsvorgänge in ihr (Verkehr, Geld, Wert- und Preisbildung, Kredit, Einkommens⸗
verteilung). In diesen beiden Hauptabschnitten handelt es fich um die gesellschaftliche
Seile der volkswirtschaftlichen Vorgänge, um die volkswirtschaftlichen Einzelfragen, auf
die seit hundert Jahren die eingehendsten Untersuchungen unserer Wissenschaft gerichtet
sind. Aber daneben kommen zwei andere Gruppen von Fragen in Betracht, die zum
großen Teil in viel weniger vorgeschrittenem Zustande sich befinden, die beide an der
Grenze der Volkswirtschaftslehre stehen, teilweise oder ganz ihr Fundament in anderen
Wisffenschaften haben. Ich meine 1. gewisse große Massenerscheinungen des volkswirt⸗
schaftlichen Lebens, bei deren Untersuchung man von der Struktur der Volkswirtschaft
ebenso absieht wie von den Werterscheinungen und 2. die entwickelungsgeschichtlichen
Besamtergebnisse, deren Feststellung am allerschwierigsten ist, deren Erfassung heute teil⸗
weise nur in Form geschichtsphilosophischer Betrachtung möglich erscheint. Die erstere
Gruppe behandelt unser erstes, die letztere unser viertes Buch, während das zweite und
dritte der Organisation der Volkswirtschaft und ihren wichtigsten Bewegungsvorgängen,
ihrer Anatomie und Physiologie gewidmet ist.
Die Gebiete, denen wir im ersten Buche nahe treten, sind weit auseinander
liegend; sie befinden sich in sehr verschiedenem Stadium der Ausbildung, müssen mit
recht verschiedenen Methoden angegriffen werden. Sie sind bisher vielfach von den
Nationalbkonomen vernachlässigt worden, haben keinen rechten Platz im Systeme gefunden.
Aber sie nehmen doch eine gewichtige Stelle ein, wenn eine lebendige Anschauung der
Volkswirtschaft hergestellt, die Ursachenreihen derselben vollständig dargestellt werden
sollen. Es handelt sich 1. um die Abhängigkeit der Volkswirtschaft von den äußeren
Raturverhaltnissen, 2. von den anthropologischen und psychologischen Einheiten, welche
vir Rassen und Völker nennen, 3. um die Bevölkerung als quantitative gesellschaftliche
        <pb n="138" />
        26 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Massenerscheinung und 4. endlich um die Technik und ihre historisch⸗geographische Ent⸗
wickelung als dem äußeren Mittel, mit dem alle wirtschaftliche Thätigkeit operiert, und
das naturgemäß das volkswirtschaftliche Leben teils beherrscht, leils beeinflußt. Die
dier Gebiete haben das gemeinsam, daß es sich in ihnen um die Erfassung von Massen—
chatfachen handelt, die auf natürlicher, physiologischer, technischer Grundlage erwachsen,
daß wir vom volkswirtschaftlichen Standpunkte nicht das einzelne dieser Gebiete, sondern
nur ihre Umrisse, die Gesamtrefultate in geographischer und historischer Zusammenfassung
darzulegen haben. Es handelt sich zum größeren Teile nur daruin, die erheblicheren
Ergebnisse von Nachbarwiffsenschaften summarisch hier zusammenzufafsen.
Die Volkswirtschaft in ihrer Abhängigkeit von den äußeren Natur—
verhältnissen.

Allgemeines: Montesquieu, Esprit des lois, livr. 14218, 1748. — Hume, Essays J, 21
In pational characters (deutsch, Versuche 4, 824 ff. 17563 — Herder, Ideen zur Geschichte
der Menschheit. 1784 ff. — Heeren, Ideen über die Politik, den Verkehr und den Handel der vor—
gehmsten Völker der alten Welt. 4 Bde. 18058 -12. 6E. M. Axmdt, Einleitung zu historischen
Tharakterschilderungen. 1810. — Ritter, Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und Geschichte
der Menschheit. 1822. — Ders., über räumliche Anordnungen auf der —— des Erdballs und
chre Funktionen im 5 der Geschichte, 1830. — E. Kapp, Philosophische oder
oergleichende allgemeine Erdkunde. 1848. — v. Baer, Äber den Einfluß der außeren Natur auf die
socialen Verhältnisse der einzelnen Völker und die Geschichte der Menschheit überhaupt. 1848 jetzt
Studien aus dem Gebiete der Naturwissenschaft. 1, 1876 — Guhobt, Géographie physique
comparée, considérée dans ses rapports avec l'histoire de l'humanité. 1888 (englische und
deutsche Ausgabe früher). — Buckle, Geschichte der Civilisation in England. 1837 61. — Andree,
Beographie des Welthandels. 2 Bde. 1867. — Peschel, Reue Probleme der vergleichenden Erd⸗
unde. 1869. — Ders., Abhandlungen zur Erd- und Völkerkunde. 8 Bde. 1877 f. — Ratzel,
Anthropogeographie. 2 Bde. 1882 u. 9i. — Ders, Bolitische Geoaraphie 1897. — W Götz,
Wirtschaftsgeographie. 1891.
Klima: G. W. Dove, Meteorologische Untersuchungen, 1837, und viele andere Schriften. —
A. Mühry, Allgemeine geographische Meteorologie. 1860. Hann, Handbuch der Klimatologie.
1883 u. 1898. — Woeikoff, Die Klimate der Erde. 2 Bde. Deuisch 1885.9 Supan, die
Berteilung der Niederschläge auf der festen Erdoberfläche. Petermanns Mitt. 124, 1898.
Geologische und Bodenverhältnisse: Mendelssohn, Das germanische Europa. 1836. — Kohl,
Der Verkehr und die Ansiedlungen der Menschen in ihrer Abhängigkeit von der Gestaltung der Erd—
oberfläche. 1841. — Ders., Die Lage der Hauptstädte Europaß 1874 — Berghaus, —
Atlas. 1852 ff., zweite Auflage 1890 — 989. Eotta, Deutschlands Boden, sein geologifcher Vau
und dessen Einwirkung auf das Leben der Menschen. 2 Bbe. 1834 Jansen, Die Bedingtheit
des Verkehrs und der Ansiedlungen der Menschen.. 1861. — Zahlreiche Hefte der Forschungen zur
deutschen Landes- und Volkskunde seit 1888.. Hettner, Die Vage der menschliche Ansiedlungen.
Zeitschr. f. Geogr. 1, 1885.
Tas Wasser; Reuleaux, Über das Wasser in seiner Bedeutung für die Völkerwohlfahrt.
1871. — Kohl, Das fließende Wasser und die Ansiedlungen der Menschen. V. J. Sch. f. BWu.
K. G. 36, 1872. — Schlichting, Die Aufgaben der Hydrokechnik. 1889 Lehu?rc. Di⸗ Seehäfen
des Weltvertehrs. 1891.
Pflanzene und Tierverbreitung: Grifebach, Die Vegetation der Erde. 2 Bde. 1871. —
Drude, Handbuch der Pflanzengeographie. 1800. — Engelbrecht, die Landbauzone der außer—
tropischen Zonen. 8 Tle. 1899. — Schmarda, Die geographische Verbreitung der Tiere. 1888.
A. Wallgee, Die geographische Verbreitung der Tiere. 2B8Vde. Deutsch 1876. — Volz, Der Ein—
luß des Menschen auf die Verbreitung der Haustiere und Kulturpflanzen. 1852. — 3 Kultur⸗
oflanzen und Haustiere in ihrem Übergang aus Asien nach Europa. 1870 ff. — Et. Hahn die
Haustiere und ihre Beziehung zur Wirtichaft des MRenicheun. 1896

52. Der Gegenfsatz von Natur- und Völkerleben. Blick auf die
ditteratur. Der Mensch, die menschliche Gesellschaft und die Volkswirtschaft find
ein Teil des organischen Lebens, das sich auf der Erdoberfläche abspielt. Alles volks⸗
wirtschaftliche Geschehen ist unzweifelhafter und sichtbarer als das politische und geistige
Leben ein Teil des großen Naturprozesses; die Gesetze der Natur beherrschen es ebenso
wie dasjenige phyfikalische, chemische und organische Leben, auf das der Mensch keinen
Cinfluß hal. Aus der großen Ordnung der NRatur heraus giebt es in der Volt
wirtschaft kein Entrinnen. Aber doch seht der Mensch Natut und Kultur. Natur und
        <pb n="139" />
        Der Einfluß der Naturverhältnisse in der bisherigen Litteratur. 127

Volksleben, Natur und Volkswirtschaft einander entgegen. Er setzt sich und das, was
er am direktesten als Habe und Besitz beherrscht, was er durch seine Technik umgestaltet
hat, dem übrigen der äußeren Natur, ihren Kräften und Einflüssen entgegen. Sie ist
m ein fremdes, übermächtiges, unbeherrschtes Gebilde; sie tritt ihm als Erde und
Klima, als Boden und Gebirge, als Luft und Wasser, als Pflanze und Tier gegenüber.
Sie ist ihm eine fremde Macht, die ihn freilich hier fördert, aber dort hindert und
vernichtet, mit der er ringt, die ihn beherrscht, die er beherrschen möchte. Je nachdem
ihm ihre Unterwerfung gelingt, ist er arm oder reich. Ihre Gestaltung und Umformung
durch die Technik macht den Inhalt seiner wirtschaftlichen Thätigkeit aus. Es ist klar,
daß ihre verschiedenen Kräfte, ihr verschiedener Reichtum ihm es bald leichter, bald
schwerer machen, zum Ziele zu kommen. Das Band seiner Abhängigkeit von ihr ist
hald kurz und starr, bald lang und elastisch.
Es ist die Frage, was wir über dieses Band, über diesen unzerreißbaren Zu—
sammenhang, über die Wechselwirkung zwischen Erde und Mensch, Natur und Volks⸗—
wirtschaft wissen.
Das in die Augen Fallendste aus diesen Zusammenhängen war schon den Alten
klar, und Montesquieu hat es im 18. Buch des Geistes der Gesetze wieder in Erinne—
rung gebracht, indem er z. B. die freiheitliebenden Bergstämme mit den bequemen
Ackerbauern der Tiefebene, die sich despotischer Herrschaft leicht unterwerfen, verglich.
Herder hat dann in seinen Ideen zur Geschichte der Menschheit diese Zusammenhänge
weiter verfolgt, er sucht zu zeigen, daß die Geschichte der menschlichen Kultur zu einem
erheblichen Teile zoologisch und geographisch sei, daß die Menschen jedes Klimas, jedes
Weltteils und Landes andere seien. Karl Ritter hat, auf diesen Gedanken bauend, die
Vorstellung, daß die natürliche Gestaltung der Erde providentiell die Entwickelung der
menschlichen Kultur vorgezeichnet habe, durch sein reiches empirisch-geographisches Wissen
benso wie durch seine philosophischen Anschauungen zu stützen gesucht. Und wenn die
Wege teleologisch-geistvoller Ausdentung des Zusammenhanges zwischen Natur und
Geschichte nur teilweise direkte Nachfolger in E. Kapp, J. G. Kohl, A. Guyot, E. Curtius,
H. Sivert fanden, gewisse Grundlinien dieser Auffassung blieben den historischen, staats—
wissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Studien doch als unverlierbares Erbe erhalten.
Es sei nur an zwei freilich einseitige Worte K. E. v. Baers exinnert: „Als die Erdachse
ihre Neigung erhielt, als das feste Land vom Wasser sich schied, als die Berge höher
sich hoben und die Ländergebiete sich begrenzten, war das Fatum des Menschengeschlechtes
in großen Umrissen vorausbestimmt.“ Und: „Es giebt keinen Grund, anzunehmen,
daß die verschiedenen Völker ursprünglich aus der Hand der Natur verschieden hervor⸗
gegangen sind; man hat vielmehr Grund, anzunehmen, daß sie verschieden geworden
find durch die verschiedenen Einflüsse des Klimas, der Nahrung, der socialen Zustände.
Der sociale Zustand wird aber, zwar nicht allein, doch vorherrschend durch die physische
Beschaffenheit der Wohngebiete veranlaßt.“
Was neuerdings durch die fortschreitende geographische Forschung auf diesem
Gebiete geleistet wurde, es sei nur an die Arbeiten Peschels und Ratzels erinnert, hat
die einschlägigen Fragen im einzelnen weiter gefördert. Auch die Fortschritte der
Meteorologie (Mühry, Dove), der Klimatologie (Hann, Woeikoff), der Pflanzen- und
Tiergeographie (Grisebach, Drude, A. Wallace), der Kulturgeschichte der Pflanzen und
Tiere (Hehn, Hahn) schufen einen besseren Boden für die wirkliche Erkenntnis, während
die mechanischen Theorien und spielenden Analogien Buckles eher einen Rückfall hinter
Montesquieu bedeuten, und die Nationalökonomen zwar in einzelnen Schilderungen
sich der Methode der wissenschaftlichen Geographie bedienten, in der allgemeinen Theorie
aber über einige halbwähre oder falsche Generalisationen oder über einige statistisch—
technologische Rotizen bezüglich Kohle und Dampfmaschine, Regenmenge und Durch—
schnittswärme kaum hinaus kamen.
Versuchen wir, aus den erwähnten Wissenschaften und Vorarbeiten das Wichtigste
anzuführen.
        <pb n="140" />
        8

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

58. Die Erdoberfläche, die Kontinente und Länder. Wenn wir die
Oberfläche der Erde, ihre verschiedene Gestaltung, Polhöhe und Erhebung, ihre gefamten
Kräfte und Schätze vom Standpunkte der wirtschaftlichen Zwecke betrachten, so ist
zunächst klar, daß sie eine begrenzte Raumfläche von 9,26 Mill. Quadratmeilen oder
509 Mill. qkm ausmacht, daß von dieser Fläche 2,5 Teile auf das nur für Verkehr
und Fischerei benutzte Wasser, 1 Teil auf das Land fällt, daß von dem Lande die
bewohn- und bebaubare Fläche auch nur einen Teil, selbst in den Kulturstaaten der
gemäßigten Zone teilweise nicht viel über die Hälfte ausmacht. Der ganze Norden
und der ganze Süden der Erde ist wirtschaftlicher Kultur fast unzugänglich; die Gebirge
sind es teilweise auch; Wüsten, wie die Sahara mit ihren 114 000 Quadratmeilen oder
6,27 Mill. akm und die Gobi mit 41 800 Quadratmeilen oder 2,8 Mill. qkm, begrenzen
die Lebensmöglichkeit ganzer Erdteile sehr. Und mag diese allgemeine Raumgrenze für
die kleine Zahl von Menschen primitiver und älterer Kultur scheinbar nicht vorhanden
gewesen sein, erscheint sie den Schwärmern für technischen und kolonisatorischen Fort—
scchritt oft heute noch als in unbegrenzter Ferne, auf den Höhepunkten der geschichtlichen
Entwickelung zeigte sich doch immer rasch das Ergebnis, daß die bekannte Welt besetzt
und geteilt war, und vollends die Gegenwart mit ihren Verkehrsmitteln und ihrem
zeographischen Wissen, mit ihren Millionenvölkern kann sich der Einsicht nicht ver—
schließen, daß die bewohn- und benutzbare Erde eine feste und so ziemlich verteilte, nicht
stark vermehrbare Größe sei. Die Stämme und Völker haben die Erdteile, die kleinen
Gruppen und Individuen die Länder unter sich geteilt und müssen stets diese Teile
oölker- und privatrechtlich festhalten, weil an Land, und zumal an gutem, entfernt nicht
jo viel vorhanden ist wie begehrt wird.
Die Erhebung der Erdoberfläche hat die Figur der Kontinente, d. h. der großen,
zusammenhängenden Ländergruppen, wie sie über das Meer emporragen, bestimmt. Es
ist eine Gestaltung, die in älteren Erdepochen eine andere war, auch jetzt noch steten
kleinen Veränderungen ausgefetzt ist, für unser geschichtliches Bewußtfein aber doch seit
Jahrtaufenden eine feste, kaum wandelbare Thatsache bildet. Aus den überwiegenden
Meeresflächen erheben sich die drei zusammenhängenden Weltteile Asien, Europa und
Afrika und weit getrennt von ihnen Amerika und Australien. Die nördliche Hälfte
der Erde hat fast dreimal so viel Land und achtmal so viel Menschen wie die südliche,
sie ist besonders im asiatisch-europäischen Teile stets der Boden der höheren Kultur
gewesen.
Asien umfaßt über ein Drittel des Bodens aller Kontinente; im Norden stellt es
eine ungeheure, vielfach unwirtliche Tiefebene, in der Mitte ein System höchster Gebirge
und ausgedehnter Hochplateaus, die schroff nach Süden, in Stufen nach Norden abfallen,
im Süden eine Reihe von Halbinseln und Inseln dar, welche in die heiße Zone hinein—
reichen. Die Gebirge und Hochebenen der Mitte haben bisher den Verkehr zwischen
Rord und Süd, Ost und West fast unmöglich gemacht und damit die ganze Geschichte
Afiens im Sinne eines Zurückbleibens der Kultur im ganzen bei reicher Entwickelung
des Südens und eigenartiger Rassenbeeinflussung durch die Mitte bestimmt hier ent—⸗
standen jene Nomaden- und Bergstämme, welche sich die Welt unterwarfen. Der ganze
Erdteil ist so vielgestaltig, daß die verschiedenartigsten Völker und Wirtschaftsformen
hier entstanden: Jagd⸗, Räuber-, Hirten⸗, Ackerbau- und seefahrende Völker, deren
Reibung und Mischung in Zusammenhang mit Klima, Tier- und Pflanzenwelt Asiens
die älteste Kultur erzeugte.
Auf eine Meile Küste hat Asien 115, Afrika 156, Europa nur 40 Quadratmeilen
Landes. Afrika ist also viel kompakter, Europa sehr viel gegliederter als Asien. Afrika
ist stromarm, im Süden Hochplateau und vielfach wasserlos, im NRorden Wuüste; nur
zeitweise und sporadisch hat es an seinem von Natur begunstigten Nordrand ein
ceicheres wirtschaftliches Leben erzeugt, während Europa durch seine Gestaltung und sein
Klima zum Mitielpunkte der neueren Kultur wunde. Fast ohne Wüste und Steppe,
ast ohne jene Hochgebirge, die gänzlich trennen, ohne viel Hochplateaus, von großen
Strömen aufgeschlossen, ein Hügel- und Stufenland mit reichen Ebenen, am gleich—
        <pb n="141" />
        Die Erdteile und Länder in ihrer Eigentümlichkeit. 129

mäßigsten mit Regen versehen und daher ein Wald- und Ackerbauland ersten Ranges
Peschel sagt, seinem „schlechten“ Wetter dankt es seine hohe Kultur), mit Halbinseln
und Inseln aller Art, welche teilweise in die subtropische Zone reichen, auch im Norden
eine ganz andere wirischaftliche Entwickelung gestatten als die anderen nördlichen Erd—
mußte es in der Hand der arischen Stämme die Führung der Menschheit an
iich reißen.
Rord- und Südamerika sind zwei Weltteile für sich; gestreckter als Asien und
Afrika, kompakter als Europa, durch alle Zonen reichend, mit einem Drittel Gebirge,
zwei Dritteln tiefen Flachlandes, das durch große Ströme und Seen leicht zugänglich
ist, hat es in der Hand der Kulturmenschen die größte Zukunft. Das Mississippi—
becken hat vielleicht die Aussicht, das dichtbevölkertste, reichste einheitliche Gebiet der
Erde zu werden.
Australien ist der am längsten abseits gebliebene Erdteil; unaufgeschlossen, vielfach
Steppe oder Hochplateau, mit den polynesischen Inseln bis vor kurzem den Menschen,
Mitteln und Tieren der Kultur fast unzugänglich, hat es erst jetzt eine gewisse, allerdings
rasch wachsende Kultur erhalten. Aber die Lage und die Bodengestaltung bleiben er—
schwerend, freilich nicht so wie für die Gebiete der weiter nach Süden reichenden Rand—
völker, welche noch mehr als die nordischen durch Kälte, Kargheit der Natur, isoliertes
deben und Entfernung von den Mittelpunkten der höheren Kultur wohl immer auf
aiedriger Stufe der wirtschaftlichen Entwickelung verharren werden.
Wie die Erdteile im großen, so können wir die Länder im kleinen als Individuen
erfassen. Sind ihre Grenzen auch oft mehr durch historisches Schicksal bestimmt gewesen
uind immer wieder verrückt worden, im ganzen betraf das doch mehr die Gestaltung im
einzelnen, nicht die wichtigeren Züge. Die Inseln und Halbinseln sind am deutlichsten
Jeschlossene Einheilen. Äber auch auf die anderen Länder haben stets wieder die Gebirge,
die Seen und Flüsse, die Moräste und Wüsten, die Lage zum Meere grenzbildend eingewirkt
und so natürliche Einheiten des Gebietes geschaffen. Wie schon die ursprünglichsten
Wanderungen der Pflanzen, der Tiere und der Menschen durch diese natürlichen Grenz⸗
raktoren bestimmt und die Ausbildung eigentümlicher Arten — nach Moritz Wagners
Migrationstheorie — so erzielt oder begünstigt wurden, so waren auch später alle
Bewegungs- und Entwickelungsvorgänge des gesellschaftlichen Lebens von diesen grenz—
hildenden Ursachen beherrscht: sie haben die Lünder zu natürlich geschlossenen, einheit—
lichen Schauplätzen des wirtschaftlichen und politischen Lebens gemacht. Und die mehr
oder weniger vorhandene Einheitlichkeit des Schauplatzes, die Wirkung derselben Ursachen
durch Jahrhunderte und Jahrtaufende erzeugte bestimmte wirtschaftliche Zustände und
Kulturergebnisse. Die phönicische Kultur konnte nur in der Ecke des Mittelmeeres, die
igyptische nur am Nil, Deutschlands Ackerbauleben nur in der Mitte Europas, die
britische Welthandelsherrschaft nur an den englischen Küsten entstehen. Sagt doch selbst
der idealistische Ranke: die ägyptische Religion ist auf die Kultur des Nillandes, die
bersische auf den Anbau im Jran gegründet.
Alle folche natürliche Gebietsbildung ist aber stets nur so zu verstehen, daß die
Entwickelung der wirtschaftlichen oder sonstigen Kultur durch sie eine gewisse Richtung
erhält, daß gewiffe Hemmungen und Möglichkeiten dadurch gegeben sind. Wie fie
aberwunden oder benutzt werden, hängt von der Rasse, dem Stande der Moral und
der Technik, der sonstigen wirtschaftlichen, politischen und geistigen Erziehung und
Schulung der Menschen ab. Wie oft hat man z. B. die Wirkung der Natur auf die
Größe der Staaten überschätzend behauptet, die europäisch-afiatische Tiefebene erzeuge
direkt große, das westeuropäische Stufenland kleine Staaten. Wahr ist, daß die ver—
ichiedene Ratur Derartiges begünstigt hat, und wenn Rußland heute in Europa 5,4 (im
Janzen 22,4) Mill. qkm, Deutschland 0,540, Frankreich O,5328, Großbritannien 0,318,
die Schweiz 0,041, Dänemark 0,088 Mill. gkm im Zusammenhang besitzt, so ist das
mmer ein Beweis für diese Begünstigung. Aber auch das heutige Rußland hat Epochen
ahlreicher kleiner Staaten, und Westeuropa hat zu verschiedenen Zeiten ganz verschieden
große politisch-wirtschaftliche Körper gehabt.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl.
        <pb n="142" />
        30

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Und Ähnliches gilt vom geographischen Nachbareinfluß, der wirtschaftlich gewiß
die größte Bedeutung hat. Pflanzen und Tiere, Waren und Werkzeuge, gelernte Arbeiter
und Handelseinrichtungen, die ganze Struktur der Volkswirtfchaft sind ebenso wie
Konsumtionsfitten und Mode meift von einem Nachbarlande zum anderen übergegangen,
jofern sie direkt aneinander grenzten oder durch Verkehr, Krieg, Eroberung und Ein—
wanderung in Berührung kamen. Der ganze Wandergang der menschlichen Kultur von
Indien, Mesopotamien und Agypten nach Griechenland und Italien, daun nach Mittel⸗
und Nordeuropa, endlich nach Amerika wird nur verständlich durch die natürlich und
geographisch gegebenen Nachbarbeziehungen. Aber im einzelnen ist auch dieser Zusammen—
hang immer mehr ein möglicher als ein notwendiger. Je nach den Mitteln der Technik,
über die eine Zeit verfügt, sind Meere, Flüsse, Gebirge mehr Trennungs- oder mehr
Verbindungsmittel.
Aber das bleibt doch wahr, daß es natürliche Ländergebiete mit bestimmtem
Charakter giebt, daß ihre Erhebung, ihr Klima, ihre Lage und Nachbarschaft, ihr Boden
auf Menschen, Pflanzen und Tiere einheitliche Wirkungen ausuübt, daß daraus dauernde
Folgen für die Geschicke der Völker sich ergeben. —
Kann man so die Kontinente und Länder als individuelle und typische Einheiten
mit bestimmtem Charakter und bestimmten Folgen erfassen, so wird man noch besser die
Antersuchung specialisieren und z. B. mit Rahel folgende Fragen unterscheiden können:
4. wie wirken die Naturverhältnisse physiologisch, 23. psychologisch auf den Menschen,
3. welche Zeiträume und Bedingungen schaffen einen Rafseuthpus, der auch in anderer
Natur sich erhält? wir wollen darauf kurz im nächsten Äbschnitte über die Rassen
kommen; 4. wie wirkt die Natur auf die Ausbreitung der Stämime und Völker, 5. auf
Sonderung und leichten Verkehr, 6. auf bestimmte wirtschaftliche Lebensweise. Die
vierte Frage liegt uns hier ferner; die Fragen 5 und 6 fassen wir zusammen, spalten
sie jedoch weiter in folgende: wie wirken a) das Klima, b) die geologischen und
Bodenverhältnisse sowie die Wasserverteilung, e) die Flora und Fauna der Kontinent—
und Länder?
54. Das Klima. Man versteht unter Klima wohl auch das Ganze der äußeren
Natureinflüsse, richtiger aber die Wärme und Kälte, die Feuchtigkeit und Trockenheit
—DDDD beeinflussen. Die Luft
dringt in alle organischen Wesen ein, bringt Wärme und Feuchtigkeit überall hin.
Daher die enorme Bedeutung der Lufiströmungen und Winde. Waärme und Wasser
bedingen alle organische, pflanzliche, tierische und menschliche Entwickelung und zwar in
der Weise, daß ihr gänzlicher Mangel alles Leben ausschließt, ihre zu intensive Wirkung
ꝛs lähmt und gefährdet; das Mittelmaß von Wärme und Feuchtigkeit wirkt am günstigsten.
Die Wärme ist von der Sonne, dem senkrechten oder schiefen Einfall ihrer Strahlen, also
don der Stellung der Erdachse, der Polhöhe der einzelnen Länder, dein damit gegebenen
Wechsel der Jahres- und Tageszeiten und der Erhebung über die Meeresfläche abhängig;
weiterhin aber von den Luft- und Wasserströmungen und der periodischen Bewölkung.
Die Feuchtigkeit ist in erster Linie bedingt durch die Nahe der Meere und der großen
Wasserflächen, welche im Zusammenhang hauptsächlich mit den Luftströmungen und Ge—
»irgen das absolute Maß und die Verleilung des Regens im Jahre bestimmen.
Die Einteilung der Erde in eine tropische, gemäßigte und kalte Zone, oder in
—DD— — nördlich gemaͤßigte Zone ꝛc.
stellt den Versuch dar, die genannten Wirkungen, in große Gruppen gegliedert, über—
sichtlich zu machen; die Grenzen der Zonen werden teils einfach nach Breitengraden, teils
nach der Jahresdurchschnittswärme, teils nach dem Fortkommen der Hauptpflanzen
gebildet und sind deshalb da und dort in ihrer Flächengröße verschieden angegeben. Wenn
wir die heiße Zone bis zum 28,5., die gemäßigte bis zum 66,5. Breitengrade rechnen, so
jallen auf die erstere 40, die zweite 52, die kalte Zone 80,0 der Erdoberfläche; scheiden
vir nach den Linien gleicher Jahreswärme, den Isothermen bei 200 und 0 Gelsius, so
allen auf die heiße“ Zone 493, auf die gemäßigte 38,5, auf die kalte 12,2 0/0 der
        <pb n="143" />
        Das Klima und seine wirtschaftlichen Folgen.

131

Erdoberfläche. Die heiße Zone macht sonach etwa die Hälfte der Erde aus, aber sie
enthält nur ein Viertel Land, drei Viertel Meer.
Eine Einheitlichkeit des Klimas ist natürlich auch in der tropischen oder sub—
cropischen sowie in der gemäßigten Zone nicht vorhanden: See- und Kontinentalklima
anterscheiden sich ebenso in jeder Zone wie Höhen- und Niederungsklima. Nordamerika
ist viel kälter als Nordeuropa, weil letzteres mehr den südwestlichen warmen Wasser—
und Luftströmungen ausgesetzt ist; Rom und Newyork liegen unter demselben Breiten—
grad, und erstere Stadt ist doch sehr viel wärmer. Es giebt kühle Hochebenen in den
Tropen und milde Küstenstriche im Polarkreise. Die Erhebung ist im Norden vielfach
mäßig, im Süden groß, was dort die Kälte, hier die Glühhitze mildert. Endlich ist
gleiche Wärme und Feuchtigkeit von sehr verschiedener Wirkung bei regelmäßig stark
hdewegter und bei toter Lust. Starke Luftbewegung regt alles Leben an. Aber wir
dürfen auf diese Ausnahmen hier nicht eingehen, muͤssen uns begnügen, das Wichtigste
über die klimatischen Unterschiede der Hauptzonen zu sagen, wobei wir die Wärme und
ihre Wirkung in den Mittelpunkt der Betrachlung stellen, jedoch zugleich auf die mittlere
Regenmenge blicken müssen. „Die Wärmetabellen sind eine Stufenleiter für die Haupt—
bedingungen der Volkswirtschaft.“ Am 90.0 nördlicher Breite ist die Jahrestemperatur
— 20,0 0, am 65. — 4,8, am 55. 4 2,8, am 45. - 9,6, am 35. - 17,1, am 25. -4 23,7,
am 15. und 5. -26,8 und 26,10 Celsius. In Bezug auf die mittlere jährliche Regen—
menge unterscheidet man die niederschlagsarmen Gebiete, welche jährlich nur bis 280 mm
Regen haben, die mittleren Gebiete mit 250 — 1000 mm und die niederschlagsreichen
mit über 1000, ja über 4000 mm. Zu den begünstigten mittleren gehören Central—
und Westeuropa, Ostchina, die Osthälfte der Vereinigten Staaten; das niederschlagsarme
und darum so vielfach unfruchtbare Gebiet ist viel größer als die beiden anderen Teile
jusammen. Dazu gehdren Central- und Südafrika, Westamerika, Osteuropa, ein großer
Teil Asiens und Australiens. Schon in Ungarn und Rußland, vollends in Central—
asien sinken die Niederschläge bedenklich, hier wie in der Sahara bis auf Null.
Günstige Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnisse fördern unter sonst gleichen Ver—
hältnifsen alles wirtschaftliche Leben, ungünstige hemmen oder vernichten es. Die Pro—
zuktion der wichtigsten wirtschaftlichen Güuter und aller Konsum ist hievon abhängig.
Die Größe und Art der Ernten, die verfügbaren Pflanzen und Tiere, die Leichtigkeit
oder Schwierigkeit ihrer Gewinnung ist vom Klima beherrscht. Ein Bananenfeld der
warmen Zone, sagt Ritter, ernährt 25-, Humboldt sagt 133mal so viel Menschen als
ein gleich großes Weizenfeld. Die Arbeit des Familienvaters während zweier Tage
wöchentlich ernährt am Fuße des merikanischen Gebirges leicht die ganze Familie. Der
Mensch braucht im Süden weniger Fleisch und Fett, keine Spirituosen, wenig oder kein
Heizmaterial; seine Wohnung ist leicht herzustellen, seine Kleidung so viel billiger.
Kurz, die wirtschaftliche Existenz ist sehr viel leichter, es können auf derselben Fläche
mit geringerer Technik mehr Menschen leben. Selbst in den europäischen Staaten zeigt
sich meist ein erheblicher klimatischer Unterschied zwischen Nord und Süd, der alle wirt—
ichaftlichen Sitten beeinflußt. Man ist im Norden etwas häuslicher, sparsamer, meist
auch arbeitsamer; im Süden lebt man besser, läßt sich mehr gehen. Damit tritt freilich
auch die Folge hervor, daß die Gunst des Klimas sich in ungünstigere wirtschaftliche
Eigenschaften der Menschen umsetzen kann und häufig umsetzen wird. Ratzel spricht in
solchem Zusammenhange von einem Leben in den Tag hinein, von einem allgemein
proletarierhaften Zug, den die europäischen Völker des Südens hätten.
Unter den speciellen Wirkungen des Klimas auf das wirtschaftliche Leben möchte
cch noch die auf die Jahres- und Tageszeiten hervorheben, deren Verschiedenheit nicht
bloß die Flora der einzelnen Länder und Zonen mit beeinflußt sondern auch die ganze
Haus- und Landwirtschaftsführung bestimmt und bedingt. Nur in der gemäßigten Zone
haben wir die uns allbekannten vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und
Winter nebst den langen Sommer- und den kurzen Wintertagen mit all' ihren Folgen;
hier ist es nötig, im Sommer und Herbst für den Winter zu sorgen; aller landwirt—
schaftliche Betrieb, alle Einteilung der Arbeit ist dadurch bedingt; der Mensch wird
Q*
        <pb n="144" />
        132 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

damit stärker zur Voraussicht erzogen. Der Winter ist andererfeits im gemäßigten
Klima nicht so lang, die Tage sind noch nicht so kurz wie an den Polen, wo Natur
und Menschen zu einem viele Monate dauernden Winterschlaf gleichsam durch eine
Nacht von Monaten gezwungen sind, der im Sommer ein ebenso langer Tag folgt.
Der große und stete Wechsel der Witterung erzeugt im gemäßigten Klima im ganzen
auch mehr Energie als die in den Tropen meist für Wochen und Monate gleich—
mäßige Witterung. Das gemäßigte Klima regt in seinem kälteren Teile mehr zur
Thätigkeit, an, giebt in seinem wärmeren dem Menschen die schönste und leichteste
Existenz. Über die Verschiedenheiten innerhalb des gemäßigten Klimas sei hinzugefügt,
daß die Vegetationszeit der Pflanzen in Europa zwischen 8 und 9, die landwirtschaft—
liche Arbeitszeit zwischen 4 und 11 (in Rußland 4, Ostpreußen 5, Mitteldeutschland 7,
Südengland 11) Monaten schwankt. Die nötige Zahl der Arbeiter, der Gespanne, das
Wiesen- und Futterareal ist davon abhängig. Der Reinertrag, die Kosten aller Melio—
ration schwanken entsprechend; von der Länge und Härte des Winters hängt teilweise
Verkehr und Absatz ab. Haxthausen meint, bei gleicher Kultur gebe ein ähnliches Gut
in Mitteldeutschland die doppelte Rente wie in Rußland.
Die heiße Zone hat nicht sowohl viel heißere Tage als die gemäßigte, wie eine
viel größere Zahl gleichmäßig sich folgender heißer Tage und eine Hitze, welche mit
stärkerer Feuchtigkeit verbunden ist und deshalb auf alles organische Leben ganz anders
wirkt. Ein Winter in unserem Sinne ist nicht vorhanden; man hat nur zwei oder
drei Jahreszeiten; die Regenzeit wird als die kühle empfunden, die Zeit vorher als die
des Erstickens und des Vertrocknens der Pflanzen. Der anregende Wechsel der Witterung
wie die Ungleichheit von Tag und Nacht fehlen oder sind sehr mäßig. In Britisch—
Indien pflegt man Oktober bis Februar als gemäßigte Jahreszeit zu bezeichnen;
unsere Halmfrüchte, Obstarten und Gemüse gedeihen da und werden im März geerntet;
dann folgt vom März bis Juli die heiße Zeit, welche die südlichen Früchte, Reis, Indigo
und Mais zur Reife bringt; endlich die Regenzeit vom Juli an, welche Abkühlung
schafft, die Vegetation neu belebt. Das Pflanzen- und Tierleben zeigt in der südlich
zemäßigten und subtropischen Zone seinen größten Reichtum und seine höchste Ent—
ialtung; aber der Mensch hat im eigentlichen Tropenklima fast nur während der vier
Monate nach der Regenzeit seine Vollkraft; die Regenzeit und die heiße Zeit lähmt ihn,
bedroht seine Gesundheit und seine Energie.
Die Tropen, hat man gesagt, seien die Wiege der Menschheit gewesen, weil sie
das Leben leichter machten; die gemäßigte Zone aber die Wiege der Kultur, weil sie
den Menschen zu größter Entfaltung seiner Kräfte nötigte, ohne ihm das Leben so zu
erschweren wie die kalte Zone mit ihrer Armut an Pflanzen und Tieren.
55. Die geologischen und Bodenverhältniffe sowie die Wafsfer—
verteilung. Neben dem Klima sind es die geologischen und Bodenverhältnisse, von
denen die menschliche Wirtschaft in allem einzelnen bedingt ist.
Die Erdoberfläche ist das Ergebnis eines Umbildungs- Schichtungs- und Ver—
witterungsprozefses, der in Millionen Jahren die Erhebung, Zusammensetzung und
begetative Kraft, den Quellenreichtum und die Luftbeschaffenheit, die Gesundheit und
Wohnlichkeit derselben in allen ihren einzelnen Teilen bestimmte. Eine Reihe von
geologischen Zeitaltern erzeugte die verschiedenen Schichten, die sich folgten und vom
Urgebirge bis zum heutigen Schwemmland in den einzelnen Gegenden zu Tage treten,
ihr Relief, ihre Erhebung und Beschaffenheit bestimmen. Ein Ergebnis hievon ist
schon die Gestalt der Länder und Kontinente, das ganze Verhältnis von Festland und
Meeren, das wir vorhin erörterten. Damit hängt weiter der auch innerhalb der Länder
hervortretende Gegensatz von Hochgebirge und Hochplateau, Mittelgebirge und Stufen—
land, Tiefebene und Flachland zusammen. Jedermann weiß, daß der Hackbau, der
Acker- und Gartenbau in den reicheren Flußthälern und Tiefebenen warmer Länder ent—
standen, seit lange aber in die gemäßigte Zone, in die Stufen- und Hügelländer vor—
zgedrungen ist. Welchen Teil eines Landes aber der landwirtschaftliche Anbau erfassen
önne, das hängt neben dem Klima wesentlich von den geologischen und Bodenverhält—
        <pb n="145" />
        Die Bodenverhältnisse und ihre wirtschaftlichen Folgen. 133

nissen ab: in Agypten sind es nur 21/2, in Japan nur 1600; in dem reichen Britisch⸗
Indien sind von 427 154 Quadratmeilen 190 842 unbebaubar. In unseren Breiten
sind die Anteile meist größer: im Kanton Uri sind freilich nur 28, in Finnland 37, in
storwegen 47, in der Schweiz schon 69 und in den meisten deutschen Staaten 80 — 90 00
der Jand- und forstwirischastlichen Kultur zugänglich. Noch tieferen Einblick in die
Wirkung der Bodenverhältnifse giebt die Statistik der landwirtschaftlichen Kulturarten,
der Anbauflächen der einzelnen Früchte, der guten und schlechten Böden: die günstigen
dehmboden machen z. B. in Pommern 6, in Westfalen 4190 aus.
Die höhere, vielseitige wirtschaftliche Kultur, welche Ackerbau, Gewerbe und leben—⸗
digen Verkehr verbindet, ist meist nur in den Vorbergen und Stufenländern mit ihrer
Vielgestaltigkeit des Bodens zu Hause. Gewisse Hochplateaus sind seit Jahrtausenden auch
in den Händen der höheren RKassen nicht über Nomadenwirtschaft hinausgekommen. Die
Gebirge lassen im Süden höher hinauf einen gewissen Anbau und einen gewifsen Wohl⸗
stand zu; im ganzen aber habem sie doch stets mit ihrer Weide— und Waldwirtschaft
qur eine spärliche Bevölkerung kümmerlich ernährt. Bloß vereinzelt hat Haus— und
Fabrikindustrie in den Bergen Platz greifen können: vereinzelt haben wertvolle Erze
Wohlstand ja Reichtum geschaffen.
Eigentlich das Beste, was die Wissenschaft bisher über den Zusammenhang der
Bodenverhältnifse mit der wirtschaftlichen Entwickelung geschaffen, liegt in den Special⸗
untersuchungen über einzelne Lünder und Gegenden, wie sie z. B. die von Cotta für
Sachsen, von Haxthausen für Westpreußen, von Buckland für England, von Gothein
ür Baden uns uͤeserten. Aber ebenso bedeuteten die mehr allgemeinen Untersuchungen
von Kohl über die Abhängigkeit der Verkehrslinien von der Erdoberfläche und über die
hiemit gegebenen Standorte der Städte einen erheblichen Fortschritt im Sinne der Einzel—
rkenntnis Ihnen schließen sich neuerdings eine Keihe Monographien jüngerer Geographen
nit ähnlichen Tendenzen an. Ratzel und A. Hettner haben diese Studien sehr lehrreich
zusammengefaßt. Man wird als Ergebnis von all' diesen Untersuchungen sagen können:
Das einzelne der Lage von Städten, Dörfern und Hösen, das Alter ihrer Gründung
und Eutwickelung, vielfach auch die Planlegung der Fluren, die Zeit und der Ort der
Waldrodung, die Wegelinien, das Entstehen der verschiedenen Hauptgewerbszweige da
ind dort, die Verknüpfung der Siedelungen, Gewerbe und Verkehrslinien mit Quellen,
Wasserlinien, Seen und Küsten — kurz all' dieses einzelne wird nur der voll verstehen,
der außer den historischegesellschaftlichen Ursachen mit der geologischen und topographischen
Karte in der Hand die natürlichen Bedingungen der Volkswirtschaft eines Landes studiert.
Außerdem ergeben sich hieraus eine Anzahl allgemeiner volkswirtschaftlicher Wahrheiten,
„. B. daß die Dörfer und Landstädte in ihrer Lage und Entwickelung mehr von der
lopographischen Beschaffenheit des Ortes selbst und der allernächsten Umgebung, die
groͤßeren Städte mehr von den natürlichen Bedingungen des Landes, den Strömen, den
Rrenzen im ganzen bedingt sind; daß alle Landwege, je weiter wir zurückgehen und
mit unvollkommener Technik rechnen, sich dem Boden, der Erhebung, den Pässen, den
Landrücken anschmiegen, daß auch bei höherer Kultur alle Entwickelung des Wegewesens
von dem Bodeu abhaͤngig ist, daß stets Siedelungen und Wege gegenfeitig sich natürlich
bedingen; daß das Vorkommen von Gold und Silber, von Kupfer und Eisen, von Zink
uind Zinn, besonders wenn es sich um reiche Erze handelt, von Salz und Salzquellen
seit alten Zeilen, das von Stein- und Braunkohle, von Hlquellen und ähnlichen Stoffen
in der neueren Zeit den Anstoß zu blühendem Bergbau, zu reichem gewerblichen Leben
geben konnte und kann. Aber alle derartigen Wahrheiten sind so allgemeiner und be—
sannter Natur, daß man sie kaum als neue wissenschaftliche Errungenschaften bezeichnen
fann. Man muß sie nur für das Einzelverständnis der wirtschaftlichen, historisch oder
geographisch zu betrachtenden und zu vergleichenden Zustände im Auge behalten. Hie—⸗
ur erweisen fie sich als ein fruchtbarer Schlüssel der Erkenntnis.
Vielleicht am allermeisten gilt dies bezüglich des Vorkommens von Wasser, wie
es durch die Bodenkonfiguration sich gestaltet; ich meine die Verteilung der Quellen,
Bäche, Flüsse, Seen und Meeresküsten. Ich möchte hierüber noch ein Wort hinzufügen,
        <pb n="146" />
        34

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

denn der Ausspruch Pindars, daß das Wasser das Herrlichste sei, ist vor allem auch
wirtschaftlich wahr. Ohne Wasser ist nirgends ein wirtschaftliches Gedeihen. Man
könnte fast sagen, die am Wasser gelegenen Gebiete seien die reichen.
Die Regenmenge und das örtliche Vorkommen des Wassers stehen in engster
fausaler Wechselwirkung; aber im einzelnen ist der Reichtum an Ouellen, Flüssen und
Küsten doch nicht durch die Regenmenge des Ortes bedingt, und jedenfalls wird das
Vorkommen fließenden Wassers um so wichtiger, je mehr es an Regen in der
Gegend fehlt.
Wie schon die Tiere des Waldes und der Wüste dem Wasser nachgehen, so hat
es der primitive Mensch gethan; die Wanderungen und Siedelungen der Ureinwohner
sind zwar von großen Wasserläufen oft auch gehemmt worden, große Ströme bieten
sange eine fast unüberbrückbare Völkerscheide; aber umsomehr folgt der primitive Mensch
den Quellen und Flußrändern. Und mit der Seßhaftigkeit und der höheren Kultur
nimmt der Zug nach dem Wasser nicht ab. Die Ouellen haben überall die Wohnsitze
der Menschen bestimmt, weil Mensch und Vieh, Küche und Haus ohne Wasser nicht
eristieren können. Wo die Feuchtigkeit durch Regen fehlt, bestimmen Quellen, Bäche und
Flüfsse alle Vegetation; freilich erst eine hohe gesellschaftliche und technische Entwickelung
hat in trockenen Ländern wie in Agypten, Indien, China, Mesopotamien, in Nord—
afrika, Spanien und Italien die Wunder jener bewässerten Ackerbau- und Gartendistrikte
geschaffen, wobei nicht bloß die Zuführung der nötigen Feuchtigkeit, sondern auch die
des düngenden Schlammes die reichen Ernten erzeugte. Ein großer Teil alles älteren
Gewerbebetriebes bedurfte der Nähe bedeutender Wassermengen, mußte also den Bächen
und Flüssen folgen: der Flachsbereiter und -Bleicher, der Gerber, Walker und Färber,
der Bierbrauer und Fleischer suchte das Wasser auf. Als die Wassermühlen erfunden
waren, war für die Mahl- und Sägemühlen, die Eisenhämmer und alle Werkstätten,
die mechanischer Kraft bedurften, der Standort am Wasser gegeben; und wenn heute
Dampf und Elektricität teilweise die große Industrie von dieser Bannung ans Wasser
befreit haben, billiger bleibt stets die Wasserkraft, und noch heute ist die ganze Ver—
teilung unserer Gewerbe doch überwiegend durch die Wasserläufe bestimmt.
Und wenn wir so Siedelungen, Ackerbau und Gewerbe dem Wasser mit Vorliebe
folgen sehen, wenn deshalb überall die dichte Bevölkerung in den mit Wasser reichlich
versehenen Thälern sich zusammendrängt, so ist die Wirkung auf den Verkehr fast eine
noch größere. Wie alle menschliche Kultur von den Küsten und Flußmündungen die
Thäler aufwärts ging, so entstanden alle größeren Orte und Städte hauptsächlich durch
den Verkehr, der von hier aus landeinwärts und stromaufwärts ging; in primitiven
Zeiten war der Wasserverkehr, der Handel zu Schiff vielfach die einzige Art größeren
Warenaustausches, lebendiger Berührung verschiedener Stämme und Händler; nur am
Meere und an großen Strömen saßen alle bekannten reichen Handelsvölker. Freilich
hat nicht überall, sondern nur an wenigen besonders günstigen Stellen das Wasser fähige
Rassen zu selbständiger Erfindung des Schiffsbaues und Handels angeleitet; an den un—
zünstigen Küsten hat die Nachahmung erst langsam und nach und nach einen Wasserverkehr
geschaffen. Nur an Punkten wie Tyrus, Alexandria, Karthago, Venedig, Genua, Amsterdam,
London, Hamburg, Newyork konnten die vorangeschrittensten Völker Mittelpunkte des
Welthandels und höchsten Reichtums schaffen. Und wenn heute die Eisenbahnen teilweise
dem Wasser seine Verkehrsrolle abgenommen haben, wenn falsche gesellschaftliche und
politische Einrichtungen, sowie politische Schicksale die Kultur an großen Strömen, die
früher die Hauptlinien des Handels bildeten, verfallen ließen, die großen Fluß- und Strom—
ysteme sind doch auch heute mehr als je die Hauptadern alles, auch des Eisenbahnverkehrs:
am Lorenzo⸗- und Mississippistrom, an Rhein und Elbe, an Seine und Themse kon—
zentriert sich auch heute der Pulsschlag des höchsten wirtschaftlichen Lebens.
Das Ergebnis all' solcher an die Erdoberfläche anknüpfender volkswirtschaftlich—
geographischer Betrachtungen ist immer wieder die Erkenntnis, wie engbegrenzt die Punkte
und Gebiete sind, an welchen eine hohe und allseitige, reiche wirtschaftliche Entwickelung
möglich ist, wie die an diesen Punkten sitzenden Menschen und Gesellschaften naturgemäß
        <pb n="147" />
        Die wirtschaftliche Rolle des Wassers. Die Pflanzenwelt. 135

die anderen überholen und beherrschen müssen, wie die AUberlegenheit der begünstigten
Orte und Menschen diesen wirtschaftliche Vorteile verschaffe, die nicht bloß zu ihrer
eigenen besseren Versorgung, sondern wesentlich auch dazu führen, daß sie ihre seltenen
Guͤter und Vorteile den an ungünstigeren Orten sitzenden vorenthalten oder zu über—
großem Gewinn und Herrschaft uͤber sie ausnützen können.
56. Die Pflanzen- und Tierwelt in ihrer Verteilung. Bis auf
zinen gewissen Grad, aber doch viel schwächer, tritt uns ein solcher Eindruck entgegen,
wenn wir die Pflanzen- und Tierwelt betrachten, weil ihre Verteilung eine im ganzen
gleichmäßigere ist. Die Flora und Fauna ist weniger ein Resultat örtlicher Boden—
derschiedenheiten als ein Ergebnis der großen klimalischen und Erhebungsverhältnisse
der Kontinente und Länder.
Die allgemeine volkswirtschaftliche Bedeutung der Pflanzen- und Tierwelt ist
selbstverständlich eine außerordentlich große. Die menschliche Ernährung, Bekleidung
und Erwärmung hängt von ihnen ab; der größere Teil aller wirtschaftlichen Thätigkeit
ist der Bemeisterung der Tier- und Pflanzenwelt, der Unterordnung derselben unter die
menschlichen Zwecke gewidmet. Die Menschen hängen von der Art und Zahl der vor—
kommenden Pflanzen und Tiere überall ab. Durch das dem Menschen verwandte orga—
nische Pflanzenleben ist er mit der Erde verbunden, ist sein Leben erleichtert und allein
moöͤglich. Die Pflanzenvegetation führt die ganze Erdoberfläche gleichsam in seinen
Dienst. Der Reichtum der Länder an Pflanzen und Tieren ist ein erhebliches Stück des
natürlichen Wohlstandes der Gesellschaften.
Wir koönnen hier auf die historische Entstehung der Pflanzen- und Tierarten, ihre
ursprüngliche und spätere Verbreitung im Zusammenhange mit der geologischen Ent—
videlung der Erde, der Veränderung der Klimate und Kontinente nicht eingehen.
Wir stellen nur fest, daß die heutige Verbreitung der Pflanzen und Tiere eine ganz
andere ist als früher. In Mitteleuropa könnte mit der ursprünglichen Ausstattung nur
ein sehr kleiner Teil der heutigen Bevölkerung leben. Die heutige Verteilung der
Pflanzen und Tiere ist ein Ergebnis der Geschichte. „Die Natur,“ sagt Hehn, „gab
Polhöhe, Formation des Bodens, geographische Lage, das übrige ist ein Werk der
bauenden, säenden, einführenden, ausrottenden, ordnenden, veredelnden Kultur.“ Ja,
die Hauskiere und die Kulturpflanzen selbst sind uns eben deshalb so unendlich nützlich,
weil sie unter der Hand des Menschen etwas wesentlich anderes wurden, als sie im
wilden Zustande waren. Aber deswegen bleiben große Epochen der wirtschaftlichen
Entwickelung und bis auf einen gewissen Grad auch die Gegenwart doch in Zusammen—
hang mit der ältesten uns bekannten Ausstattung; und alle frühere wie die gegen—
värtige Flora und Faung sind durch Klima und Boden in feste Grenzen gewiesen.
Innerhalb dieser Grenzen liegen die verschiedenen Arten der Ernährungsmöglichteit, der
Lebensweise, der Wirtschaftsführung, wie sie durch die bestimmten Tier- und Pflanzen—
arten gegeben sind. Nur einige Beispiele.
Die Wirtschaft der heutigen Polarmenschen hängt zum Teil von der Milch, dem
Fleisch, den Häuten, den Geweihen und Knochen des Renntiers, in weiterer Linie also
von der Nahrung der Renntierherde, den Flechten, Moosen und anderen Gliedern der
nordischen Heideflora ab. Daneben aber könnten diese Hyperboreer ohne die Robben
und Fische, ohne die unerschöpfliche Fauna des Meeres und der Küste nicht leben.
Gehen wir weiter nach dem Süden, so ist alle menschliche Wirtschaft zunächst
davon abhängig, ob die Erdoberfläche mit Wald oder nur mit niederen Pflanzen oder
gar nicht mit solchen bedeckt ist. Die ursprüngliche und natürliche Verbreitung des
Waldes hängt vom Boden, vom Klima und den Niederschlägen ab. Die südlichen Länder
waren nie so waldreich wie unsere mitteleuropäischen, ursprünglich fast ganz mit Wald
und Sumpf bedeckten Gebiete. Der Kampf mit dem Walde hat ganze Epochen der
menschlichen Wirtschaftsgeschichte beherrscht: mit den reißenden Tieren des Waldes hat
der Mensch gekämpft; viele der anderen Tiere haben ihn zur Jagd erzogen. Das wirt—
chaftliche Leben der Menschen in den eigentlichen Waldgegenden ist heute noch ein be—
stimmt geartetes; nur eine mäßige Bevölkerung kann von den Holz- und Waldgewerben
        <pb n="148" />
        36

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

leben. Wo heute noch, wie in den mitteleuropäischen Ländern, 10 — 409/0 des Bodens
mit Wald bestanden sind, wo man ihn in dieser Ausdehnung erhält, teilweise weil der
Boden keine größeren Erträge giebt, seilweise weil der Wald als Feuchtigkeitsregulator
unentbehrlich ist, und weil das Holz für gewisse Zwecke sonst zu schwer zu beschaffen
wäre, da ist dieser Wald und sein Betrieb ein wichtiges Element der Volkswirtschaft.
Die Pflanzen des Waldes wie die der Wiese gehören in den Kulturländern auch heute
noch dem Kreise der ursprünglichen Ausstattung an, während das Garten- und Äcker—
land mehr eingeführte und acclimatisierte als einheimische Pflanzen trägt.
Wo der Baumwuchs fehlt, aber das Wasser nicht gänzlich mangelt, die Steppen—
gräser der Landschaft ihren Charakter geben, da ist die Heimat der Nomadenwirtschaft:
eine Reihe von Wurzeln und Beeren dienen neben der Jagd und der Nutzung der ge—
zähmten Tiere der menschlichen Wirtschaft. Wo die Steppe mit undurqdringlichen,
harten Gesträuchern bestanden ist, wie in Australien, hört jede menschliche Kultur auf.
In der gemäßigten und warmen Zone ist der Pflanzenbau und die Tierzucht im
Anschluß an ihre ursprüngliche Ausstattung entstanden. Daran schloß sich der erste Aubau
und die erste Tierzähmung. Die mit der Wärme steigende Zahl der vorkommenden
Pflanzenarten ist für die wirtschaftliche Kultur viel weniger bedeutungsvoll gewesen als
die relativ kleine Zahl der zum Anbau brauchbaren Pflanzen und der Tiere, deren
Zucht man lernte.
Obst, Beeren, Wurzeln aller Art spielten bei primitiver Kultur eine relativ größere
Rolle als später. Gewisse Bäume und Pflanzen ernähren in den heißen Ländern den
Menschen fast ohne Arbeit: so der Brotfruchtbaum, die Dattel-, die Palmyra- und die
okospalme sowie die Banane; aber ihr Vorkommen blieb oft unbenutzt wie z. B. die
sokospalme in Amerika bis 1500. Der Brotfruchtbaum, der die Südseebewohner haupt—
ächlich ernährt, ihnen 9 Monate frische Frucht liefert, für Z Monate das Leben von ein—
zemachten Früchten erlaubt, hat wohl auch die Sorglosigkeit dieser Menschen erzeugt.
An die Arbeit gewöhnte Neger, z. B. die in St. Vincent, sind durch Einführung des
Brotfruchtbaumes in gänzliche Faulheit und Indolenz versallen.
Die Gras- oder Getreidearten sind die wichtigsten Kulturpflanzen für die Menschheit
geworden; ihre heutige Verbreitung ist ein Werk der Menschen; aber die einzelnen
Arten sfind doch von Wärme und Klima abhängig, und die ältere Wirtschaftsgeschichte
war durch die ursprüngliche Ausstattung und den Stand der Verbreitung und Accli—
matisation bedingt. Im Gebiete der heutigen Vereinigten Staaten fehlten sie, und das
erklärt, wie die kümmerlichere Ausrüstung mit Pflanzen und Tieren überhaupt, die geringe
ältere wirtschaftliche Entwickelung der Hauptteile Nord- und Südamerikas; in Central—
amerika hatten und benutzten die Ureinwohner den Mais und auf den Höhen die Quinoa—
dirse; letztere ermöglichte es allein, daß am Titicacasee, in der Höhe von 12000 Fuß,
eine dichte Bevölkerung zu relativem Wohlstande kommen konnte. Wenn heute die Volke
Afrikas hauptsächlich von den Hirsegattungen (Negerhirse, Durha, Kafferkorn), gegen
7680 Millionen Mongolen und andere Völker Südasiens, Südeuropas und Mitlel
amerikas überwiegend von Reis, etwa 42450 Millionen Menschen der südlich ge—
mäßigten Zone ebenso von Mais und Weizen, etwa 150 Millionen in der nördlich
gemäßigten Zone hauptsächlich von Roggen und die noch weiter nördlich sitzenden Völker
von Hafer und Gerste leben, so springt in die Augen, daß, so wenig der heutige Anbau
dieser Gramineen ihrem ursprünglichen Standorte entspricht, doch das Klima'die Ver—
teilung auch heute im ganzen beherrscht, und daß die Ernten dieser Fruchte von gleicher
Fläche und Bodenbeschaffenheit nach Norden hin immer geringer werden. Der Weizen
trägt bei uns das 5—8fache der Aussaat, im Süden das 12 -25fache. Die Mais—
ernten steigen im Süden bis zum 70-, ja mehrhundertfachen. Der Roggen giebt bei
uns 800—1000 kg, der Reis in China 3840 Kg pro Hektar. Auf der QOuadratmeile
leben jenseits der Gerstengrenze fast nie mehr als 50, jenseits der Weizengrenze selten
nehr als 1000 Menschen, weiter füdlich ernähren die Gramineen 2, 8, 5 ja mehr
Tausend. Also große Verschiedenheiten des natürlichen Wohlstandes! Und sie steigern
ich noch sehr. wenn wir neben dem Getreide die anderen Pflanzen in Betracht ziehen.
        <pb n="149" />
        Die Nährpflanzen und die Haustiere. —137

oor allem die, welche wegen mangelnder Durchschnittswärme auch in mittleren Klimaten
nicht überall vorkommen, wie Tabak und Wein, feinere Gemüse- und Obstarten; in den
Pfälzer Weinbaudistrikten steigt die Bevölkerung auf 15000 Menschen pro Quadratmeile.
Für die füdlicheren Gegenden handelt es sich um die Gewürzpflanzen, dann um Thee,
Kaffee, Zuckerrohr, welche den Gegenden, wo sie, und zumal in besonderer Güte, gedeihen,
einen großen wirtschaftlichen Vorsprung verleihen.
Wenn auch keinen so großen Einfluß wie die Pflanzen, so üben doch auch die
Tiere einen solchen auf die Volkswirtschaft aus. Die wilden Tiere haben durch den
Kampf mit ihnen die Menschen zu Kraft und Energie, auch die jagdbaren haben durch
ihre Verfolgung bestimmte Raffen und Völker ebenso zur Anstrengung und Abhärtung,
zu Schlauheit und scharfen Sinnen erzogen. Fast überall war und ist die Ernährung
des Menschen mehr oder weniger von der Tierwelt abhängig; die Meere und Flüsse
haben durch ihren Reichtum an Fischen und Schaltieren in dem Leben vieler Völker
eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Neben dem Fleische, dem Blute, der Milch der
Tiere hat die Benutzung der Knochen zu Geräten, der Wolle und Häute, sowie der
Pelze zur Bekleidung stets große Bedeutung gehabt. So hat naturgemäß das ursprüng—
liche Vorkommen oder Fehlen der einzelnen Tierarten, das sich im ganzen auch nach
Klima, Wärme, Pflanzenwelt, Wasser und Bodenverhältnissen richtet, überall die wirt—
ichaftliche Entwickelung mit bestimmt. Australiens weites Zurückbleiben hinter den
anderen Erdteilen hing mit seiner kümmerlichen, aus der Tertiärzeit stammenden Tierwelt
ebenso zusammen, wie die älteren amerikanischen Zustände mit der Thatsache, daß Rind,
Pferd, Kamel und Schaf den Eingeborenen fehlten, daß sie als gezähmte Arbeitstiere
nur Hund und Lama besaßen, nirgends zur Milchwirtschaft, zum Ackerbau mit Rind—
vieh, zu nomadischer oder halbnomadischer Lebensweise kamen. Noch heute sind die ost—
asiatischen und afrikanischen Gebiete, welche spät unsere Haustiere kennen lernten, seit
Jahriausenden eine Landwirtschaft ohne oder fast ohne fie trieben, wesentlich dadurch
wirtschaftlich armer geblieben. Im übrigen aber hat gerade die kleine Zahl von Tieren,
die der Mensch zähmen, zu Lasttieren, zum Reiten, zum Pflügen erziehen lernte, die er
als Hauptfleisch- und Milchtiere benutzte, eine sehr weitgehende Acclimatisation erfahren.
Finzelne wie Hund, Schwein, Huhn, Kaninchen kommen heute fast überall vor; auch
Rind, Pferd, Esel und Schaf sind sehr weit verbreitet. Wir sehen so, daß Drude recht
hat, wenn er sagt, die geographische Verbreitung der Tiere gehe im ganzen der der
pflanzen parallel, aber sei doch etwas unabhängiger und leichter. Es ist ein analoger
Gedanke, den A. v. Humboldt im Kosmos ausspricht, wenn er sagt, der Mensch sei in
minderem Grade als Pflanzen und Tiere von der Natur abhängig; er entgehe leichter
als fie den Naturgewalten durch Geistesthätigkeit und stufenweise erhöhte Intelligenz wie
durch eine wunderbare, sich allen Klimaten anpassende Biegsamkeit des Organismus.
57. Allgemeine Ergebnisse. Wollen wir kurz versuchen, die Summe dessen
zu ziehen, was wir über den Zusammenhang der Volkswirtschaft mit der äußeren Natur
wissen, so weisen wir mit Sicherheit heute die extremen Anschauungen zurück, die auf
der einen Seite idealistisch den Einfluß der Natur ganz oder fast ganz negieren, auf der
anderen realistisch alle wirtschaftliche und sonstige Kultur auf Boden und Klima allein
zurückführen wollen. Den ersteren Standpunkt vertrat, freilich mehr in Bezug auf
nenschliche Eigenschaften als auf die Volkswirtschaft, Hume; ihm folgte z. B. Th. Waitz
Anthropologie der Naturvölker) in gewissem Sinne, wenn er gegenüber den ausschlag—
gebenden historischen Ursachen der Civilisation die Naturverhältnisse etwas geringschätzig
Ils Gelegenheitsursachen bezeichnete; in mancher Beziehung auch Peschel in seiner Polemik
gegen Ritter; ebenso übertreiben die Nationalökonomen, welche bei der Erklärung des
Reichtums von Holland oder England nuxr betonen, wie hier durch geistige Kräfte allein
die Kargheit der Natur überwunden sei. Ahnlich wollten alle die wirtschafts⸗ und kultur⸗
geschichtlichen Erinnerungen, daß zu verschiedenen Zeiten, in der Hand verschiedener Rassen
und Völker dieselbe Natur, dasselbe Land bald wirtschaftliche Verkümmerung und Not,
bald höchsten Wohlstand und Civilisation gezeigt, wollte der Hinweis, dessen sich schon
Hume bedient, daß oft in demselben Lande, unter denselben Naturverhältnissen einzelne
        <pb n="150" />
        38

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Teile Wohlstand, andere Armut aufweisen, überwiegend für den idealistischen Stand—
punkt eintreten. Es schmeichelte dem menschlichen Stolz und dem Kulturhochmute unserer
Zeit, wenn man mit Emphase betonte: es komme nur auf die rechte Ausbildung des
Menschen, seine Technik, seine Organisation an, um überall auf der Erde das Höchste
zu erreichen.
Die Realisten von Montesquieu, Herder, Condorcet, Heeren, Comte an, die Natur—⸗
forscher, wie Bär, die Geographen und Anthropologen, welche nicht sowohl die euro—
päischen Staaten der letzten Vergangenheit als die ganze Erde und ihre ganze Geschichte,
überhaupt mehr die großen Unterschiede im Auge hatten, betonten das Gegenteil mit
fast gleichem Recht, teilweise freilich auch in einseitiger Ubertreibung, weil ihnen die
historischen Ursachen und die ganzen Entwickelungsprozesse des geistigen und volitischen
Lebens ferner lagen.
Die methodische Wissenschaft erkennt heute das Neben- und Durcheinanderwirken
der natürlichen und der geistig-historischen Ursachen vollständig an; sie weiß, daß es
—AD
von der Natur und der Naturverhältnisse von der menschlichen Kultur und Technik
handelt; sie weiß, daß sie bis heute das Maß dieser Einflüsse im einzelnen, die Trag—
veite der Detailursachen nicht ganz genau bestimmen kann. Aber gewisse grobe Umrisse
der Thatsachen stehen fest: Wir wissen heute, daß die Ungunst der Natur am Pol und
in der Sahara, in allen wasserarmen Gegenden und in den Hochgebirgen nie durch den
Menschen ganz oder in der Hauptsache zu überwinden sei, so viel auch die Fortschritte
der Technik leisten mögen; wir wissen, daß die von Natur reichen Böden des Südens
leichter eine dichte Bevölkerung nähren und einen gewissen Wohlstand erzeugen als die
kargeren des Nordens; wir wissen, daß fast alle höhere Kultur sich in der subtropischen
und gemäßigten Zone und an gewissen begünstigten Hrtlichkeiten derselben abspieite.
Wir sind uns andererseits aber auch bewußt, daß das Vorhandensein günstiger wirt—
schaftlicher Naturbedingungen nie allein ihre Ausnutzung erklärt, daß die entsprechende
Jeistige, moralische und kechnische Ausbildung der Menschen, die rechte sociale und
politische Organisation immer hinzukommen muß, wenn auf besserem oder schlechterem
Boden der Reichtum entstehen soll. Die Geschichte hat uns belehrt, daß zu große
Erleichterung des wirtschaftlichen Lebens allzu rasch großen Wohlstand schaffen und
unter Umständen die Kräfte rasch zur Erschlaffung bringen, eine gewisse Kargheit der
Natur sie stählen kann; aber wir leugnen deshalb die günstige Lage Hollands und
Englands und ihre großen natürlichen Vorzüge vor anderen Ländern nicht. Wir sehen
flar, daß die fortschreitende Technik in ungünstiger ausgestatteten Ländern einen gewifsen
Wohlstand herbeizuführen erlaubt, daß sie gewisse Unterschiede des Bodens und der
aatürlichen Ausstattung ausgleichen kann; wir erleben es immer mehr, daß die enormen
Fortschritte des Verkehrs auch nach sehr kalten und sehr heißen Ländern die dort
mangelnden Güter bringen und so das wirtschaftliche Leben erleichtern können. Ob
künftige Fortschritte der Technik noch ganz anders als heute die Ungunst der Natur
da und dort aufzuheben vermögen, wissen wir nicht. Es ist wahrscheinlich, daß noch
viel in dieser Richtung erreicht wird, aber es ist nicht denkbar, daß hierdurch die
gegebenen natürlichen Grenzen verschwinden; sie werden nur verschoben werden, aber
doch stets das wirtschaftliche Leben der Völker beherrschen. Die reichen Völker saßen
bis heute stets in mehr oder weniger begünstigter Naturlage, und so wird es auch künftig
bleiben. Aber sie erreichten Großes und Epochemachendes stets nur, wenn und so lange
fie zugleich die Träger des moralisch-politischen und des technischen Fortschrittes waren.
In dem Maße, wie dieser zunahm, konnten sie über eine ungünstigere Naturlage Herr
werden, und wirkte die größere Anstrengung zugleich fördernd auf ihren Wohlstand.
So wurde es möglich, daß die höchste menschliche Kultur vom reicheren Südosten nach
dem kargeren Nordwesten im Laufe der Geschichte rücken konnte.
Daß alles höhere Menschenleben ein Sieg des Geistes über die Natur sei, das
lehren uns also auch diese Ergebnisse. Aber sie zeigen uns ebenso, daß der Mensch stets
ein Varasit der Erde bleibt, daß er sich nur an sie anschmiegen, ihre günstigsten Stellen
        <pb n="151" />
        Ergebnis über die Abhängigkeit der Volkswirtschaft von der Natur. 139

suchend emporsteigen kann. Der Mensch löst sich mit höherer Kultur und Technik nicht
von der Natur los, sondern verbindet sich inniger mit ihr, beherrscht fie, indem er sie
dersteht, aber auch ihren Gesetzen, ihren Schranken sich unterordnet.

2. Die Rassen und Völker.

Allgemeines: E. M. Arndt, Einleitung zu historischen Charakterschilderungen. 1810. —
Fourtet de Lisse, La science politique fondéoe sur la science de l'homme ou éstudes des
races humaines. 18388. — Vollgraf, Begründung sowohl der allgemeinen Ethnologie durch die
Anthropologie, wie auch der Staats- und Rechtsphilosophie durch die Ethnologie oder Nationalität
der Völker. 1851 -5-55 (1864 neu unter d. T.: Staats- und Rechtsphilosophie auf Grundlage einer
wissenschaftlichen Völkerkunde). — Frankenheim, Völkerkunde, Charakteristik und Physiologie der
Bölker. 1858. — Knies, die politische Okonomie vom Standpunkte der geschichtlichen Methode.
1853. S. 57—270: Der nationale Mensch. 2. Aufl. 1883, S. 67-84. — de Gobineau, Versuch
über die Ungleichheit der Menschenrassen. 4 Bde. 18583 u. 1888; deutsch 1899, bis jetzt 2 Bde. —
E. Baumstark, Die Volkswirtschaft nach Menschenrafssen, Volksstämmen. J. f. N. 1. F. 5, 1865. —
J. G. Kohl, Bemerkungen über das Studium der Nationalitäten V.J.Sch. f. VW. u. Kult.⸗
Gesch. 12, 1865. — van der Kindere, De la race et de sa part d'inffuence dans les diverses
manifestations de l'activité des peuples 1868. — Babington, HFallacies of race theories
as applied to national characteristics. 1895. — Vierkandt Naturvölker und Kulturvölker, ein
Beiträg zur Socialpsychologie. 1896.
Vererbung und Varlabilität: H. Spencer, Die Principien der Biologie. 2 Bde. 18685, deutsch
1876. — Frankis Galton, Heéreditary genius or inquiring into its laws and consequences.
1869 u. 1802. — Ders., Natural inheritance. 1889. — A. de Candolle, Histoire de la science
et des savants depuis deux siècles. 1869. — Darwin, Die Abstammung des Menschen. 2 Bde.
1871, deutsch 1874. — Ribot, Die Vererbung, pfychologische Untersuchung ihrer Gesetze, ethischen und
socialen Konsequenzen. 1871 und öfter, deutsch 18985. — Weismann, Aufsätze üher Vererbung und
——
1893. — Plötz, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Egho der Schwachen. 1895.
Intheree und Ethnologie (Völkerkunde): G. Klemm, Ällgemeine Kulturgeschichte der
Menschheit. 10 Bde. 1843 — 1852. — Ih. Waitz, Anthropologie der Naturvölker. 6.Bde. 1859
bis 1872. — Fr. Müller, Allgemeine Ethnographie. 1873 u. 1879. — O. Peschel, Völkerkunde.
1874 und öfter. — Ratzel, Völkerkunde. 83 Bde. 18852688, 2. Aufl. 1894, 1895. Anthropogeographie.
2 Bde. 1882, 1891. — J. Ranke, Die heutigen und die vorgeschichtlichen Menschenrassen. 1887. —
Archiv für Anthrop., Ethnogr. u. Urgeschichte, ed. Ecker, Lindenschmidt ꝛc. — Zeitschrift für Ethnologie,
od. Bastian, Hartmann ꝛc.
Aus der unendlichen Zahl von Einzelbeschreibungen seien erwähnt: H. Spencer, Principien
der Sociologie. 1, 1877. — Schneider, Die Naturvölker. 2 Bde. 1885. — Fritsch, Die Ein—
zeborenen Südafrikas. 1872. — Nachtigal, Sahara und der Sudan. 8 Bde. 1879 —- 89. —
Pasfarge, Adamaua. 1895. — Vambétry, Die primitive Kultur des turkotatarischen Volkes.
1879. — EChwolson, Die semitischen Vöolker. 1872. — Hehn, De moribus Ruthenor um, 1892. —
Leo, Geschichte der italienischen Staaten. 1, 1829. — Hillebrand, Frankreich, und die Franzosen.
1874. — Helferich, Engländer und Franzosen. 1882. — G. Ruümelin, Uber den schwäbischen
Volkscharaktter im Kgr. Würfttemberg. 1883. — Schmoller, Über den nordamerikanischen Volks—
harakter. Prß. Jahrb. 1866. — Riehl, Die Pfalgu 1857.
Bog. Goltz, Der Mensch und die Leute. 1880. — Kohl, PDie Völker Europas. 1867 u.
1873. — LEöher, Land und Leute in der alten und neuen Welt. 3 Bde. 1866.

58. Überblick über den Gegenstand und die zu Grunde liegenden
Wissensgebiete. Während wir heute davon ausgehen, daß die Völker physiologische
und psychologische, durch Bluts- und Geisteszusammenhang verbundene Einheiten sind,
die einen bestimmten Charakter durch viele Generationen und Jahrhunderte behaupten,
und während wir deshalb darnach streben, die eigentümlichen Züge der einzelnen Rassen
und Völker und ihre Ursachen aufzudecken und so ihr Wesen verstehen wollen, ging die
Wissenschaft von Staat, Gesellschaft und Volkswirtschaft im 18. Jahrhundert von dem
Glauben an die natürliche Gleichheit der Menschen aus. Sie suchte das Wesen der
allgemeinen, abstrakten Menschennatur demgemäß festzustellen und aus ihr heraus die
gesellschaftlichen Einrichtungen zu erklären. Auch heute noch ruht ein großer Teil der
abstrakteren Betrachtungen der Volkswirtschaftslehre auf der wenigstens innerhalb
gewisser Grenzen wahren und wohl verwendbaren Annahme eines so ziemlich überein—
stimmenden Charakters der abendländischen Kulturvölker. Und doch spricht selbst
        <pb n="152" />
        40

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

J. St. Mill, der unsere Wissenschaft im ganzen auf einem überall gleichen Erwerbs⸗
triebe ausbauen will, den seinem nationalökonomischen Grundprincipe ins Gesicht schlagenden
Satz aus: es giebt keinen allgemein menschlichen Charakter, eine von Engländern ab—
geleitete Maxime kann nicht auf Franzosen angewandt werden; wir müssen allgemeine
Sesetze über die Bildung des Charakters suchen und finden: „die Gesetze des nationalen
Tharakters sind die wichtigste Klasse von sociologischen Gesetzen“.
Je realistischer die Staatswifsenschaften geworden sind, desto mehr machten sich
Versuche geltend, welche dies anerkennen wollten. Ich erinnere z. B. an Vollgrafs
unglücklichen Versuch, aus einer naturphilosophisch konstruierten Rassenlehre ein wirt—
schaftlich-politisches Entwickelungsgesetz der Völker abzuleiten, und an Graf Gobineaus
Rassentheorien; dieser geistvolle Schriftsteller hat das Verdienst, die historische Bedeutung
der Rassenunterschiede erkannt und mit Gelehrsamkeit belegt zu haben; aber indem er
allen Fortschritt auf arisches Blut, allen Rückschritt auf die zu starke Mischung der
höheren mit den niederen Rassen zurückführt, überhaupt seiner aristokratischen und
bessimistischen Tendenz die Zügel schießen läßt, nehmen seine Ausführungen teilweise
doch mehr den Charakter intuitiver Spekulation und dichterischer Phantasie an. Im
—A0
erreicht worden; es fehlte ihnen die gesicherte empirische Grundlage. Die Wissenschaften
der Anthropologie und Ethnographie sind noch gar jung. Und erst nachdem sie und
die vergleichende Sprachwissenschaft ausgebildet waren, konnte auch die Geschichts- und
Staatswissenschaft beginnen, ihre Blicke auf die Rassenfrage zu werfen.
Cooks Reisen 1762 —1779 begannen die Aufmerksamkeit auf die sogenannten
Naturvölker zu lenken. Herder versuchte dann vom spekulativen, Blumenbach vom
naturwissenschaftlichen Standpunkte die Rassen- und Völkerunterschiede zu fassen. Erst
in den ketzten zwei oder drei Menschenaltern haben forschende Reisende ein halbwegs
ausreichendes deskriptives Material gesammelt; die Biologen und Naturforscher haben
die körperlichen Seiten desselben, die Philosophen, Geographen und Ethnologen die
psychologischen und sittengeschichtlichen einer strengeren Sichtung und Ordnung unter—
worfen. Urgeschichte, Sprachvergleichung, Völkerpfychologie und andere Wissenszweige
kamen hinzu: die Ethnographie oder Völkerkunde entstand neben der etwas älteren, mehr
naturwifsenschaftlichen Anthropologie. Und so ist heute ein großes, teilweise schon
bearbeitetes Material aus dem Gebiete der Rassen- und Völkerbeschreibung und -Ver—
zleichung vorhanden, das der Verwertung für gesellschaftswissenschaftliche Resultate harrt.
deicht wird sie freilich nicht sein; Anthropologie und Ethnographie arbeiten noch wesentlich
an den überwiegend naturwissenschaftlichen Elementen ihrer Disciplin; die Grundprobleme
nd noch bestritten, teilweise unaufgeklärt; die Klassifizierung der Erscheinungen und die
daraus sich ergebenden Schlüsse sind noch wenig vollendet. Dennoch müssen wir ver—
suchen, einige der Grundfragen hier zu besprechen, welche auf die wichtigsten volkswirt—
cchaftlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Probleme einen beherrschenden Einfluß haben;
daran schließen wir dann einen kurzen UÜberblick über die Resultate der Völkerkunde,
um die anthropologischen und psychologischen Ausgangspunkte für vergleichende Be—
trachtung der verschiedenen Rassen- und Völkertypen, für ihr verschiedenes Haudeln und
chre verschiedenen volkswirtschaftlichen Einrichtungen zu gewinnen.
b9. Die verschiedenen Rassen und Vöolker und das Princip der
Vererbung. Wir sehen heute eine kleine Zahl von Rassen, d. h. Gruppen von ver—
schiedenen Stämmen und Völkern, welche aber doch seit Jahrtausenden einen im ganzen
einheitlichen körperlichen und geistigen Typus darstellen, welche wir in sich als bluts—
derwandt betrachten, auf einheitliche Abstammung zurückführen; und daneben eine große
Zahl Unterrafsen, Stämme und Völker, welche wir als Teile der Rassen anfehen, welche
je als Spielarten der Rassen in sich einen trotz aller Mischung doch homogeneren
körperlichen und geistigen Charakter als die Rassen zeigen. Wir können nur annehmen,
daß die vorhandene Üübereinstimmung innerhalb der Rassen und der Völker auf dem
Princip der Vererbung beruhe, d. h. daß wie die Pflanzen und Tiere, so auch die
Menschen in der Hauptsache ihre Eigenschaften und Merkmale auf die Nachkommen
        <pb n="153" />
        Die Rassen; die Vererbung und Variabilität. 141

m
bererben. Jeder Arzt, jeder Reisende, jeder Menschenkenner bestätigt es, daß die Körper⸗
und Schädelbildung, die Hautfarbe und Haarart, die Sinnesorgane, die Instinkte, die
Gesten, die Gefühle und Charaktereigenschaften, sowie viele geistige ZüUge und Begabungen
sich im ganzen vererben. Die primitivsten Völker gehen davon aus wie alle Gesellschafts⸗
einrichtung seit Jahrtausenden. Die Römer sagten: Fortes creantur fortibus et bonis.
So unzweifelhast nun aber die Thatsache der Vererbung gleicher Eigenschaften
im ganzen ist, im einzelnen kommen die verschiedensten Modifikationen vor, und stellen
sich Zweisel darüber ein, wie weit das Princip der Vererbung reiche. Vater und Mutter
sind selbst, auch wenn fie demselben Kreise oder Geschlechte, demselben Volke angehören,
verschieden; das eine Kind gleicht dem Vater, das zweite der Mutter, das dritte irgend
einem Vorfahren, und ganz gleichen die Kinder nie den Eltern. Wir wissen, daß wie
der Typus der Haustiere, so auch der Habitus bestimmter Völker sich geändert hat;
schon die Differenzierung der Völker aus den Rassen zeigt dies. Weder die Völker noch
die Rassen sind ganz koönstant; wir halten ja auch die Pflanzen- und Tierarten heute
nach den Forschungen Darwins, Wallaces und anderer nicht mehr für ganz konstant.
Wit müssen also annehmen, daß eine Reihe von Umständen in den folgenden Gene—
rationen kleine Abweichungen des im ganzen feststehenden Typus erzeugen: das Princip
der Variabilität begrenzt das der Vererbung. Wenn die Vererbung immer
gleiche Wesen schaffen würde, so wäre die Entwickelung des heutigen Menschen aus
keinen rohen Ahnen nicht denkbar. Würden die Variationen im Laufe der Entwickelung
sich nicht vererben, so wäre es nicht möglich, daß wir neben lange stillstehenden auf⸗—
steigende und sinkende Rassen und Völker hätten.
Die Vorausfetzung der Vererbung körperlicher Eigenschaften ist klar, sie liegt im
Wesen des physiologischen Abstammungsprozesses; aber daß auch Instinkte, Gefühle,
Charaktereigenschaften, Neigungen, Dispositionen, geistige Eigenschaften sich vererben,
leugnet heute kein Naturforscher; die Voraussetzung hiefür ist, daß diese Eigenschaften
irgendwie im Gehirn und Rervensystem einen physiologischen Ausdruck gefunden haben
und so auf die Nachkommen übergehen. Je komplizierter die höheren menschlichen
Eigenschaften sind, desto mehr scheinen sie allerdings körperlich und geistig individuell
und nicht vererbbar zu sein. Die Grenze zwischen dem Vererblichen und Nichtvererb—
lichen steht heute noch keineswegs fest. Aber auch die gegen das Princip der Vererb⸗
lichkeit am meisten sich kritisch verhaltenden Forscher geben doch zu, daß den heutigen
ulturvolkern eine ererbte Geistes- und Gefühlsgeschichte von Jahrtausenden aufs Gesicht
geschrieben sei. Spencer führt die sogenannten angeborenen Denksormen auf erblich
Jewordene Erfahrungen zurück, die im Gehirn ungezählter Generationen erblich fixiert
eien. Darwin sagt: „Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die tugendhaften Neigungen
nach langer Übung vererbt werden.“ Man hat gemeint, die Erblichkeit sei für die Art
etwas Aualoges wie das Gedächtnis für die Individuen: ein großes Anhäufungs-,
Sammel⸗, Kondensierungsinstrument.
Die Voraussetzung der Variation liegt in dem einfachen Umstand, daß zwar die
Rasseneigenschaften der beiden Eltern nebst denen ihrer Voreltern die ausschlaggebenden
Hauptursachen für die Art ihrer Nachkommen sind, daß aber daneben Gesundheit, Alter,
Ernährung, zufällige Lebensverhältnisse der Eltern, das Überwiegen des Einflusses von
Bater oder Mutter, in weiterer Linie alle Bedingungen, welche auf die Eltern, und das
dind vor, während und nach Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt wirken, wie
dlima, Lebensweise, Ernährung, Beruf, Staats- und Gesellschaftsverfassung, Wohn- und
Gesundheitsverhältnisse, leichte und schwere Exristenz, Kampf ums Dasein, Jugend—
behandlung und Erziehung, — daß alle diese Umstände als modifizierende Nebenursachen
auf jedes einzelne Individuum wirken. So stellt jeder Mensch im Augenblicke seiner
Gebuͤrt eine eigenartige Modisikation seiner Vorfahren dar und wird nun selbst durch
Amgebung, Erziehung und Schicksal nach dieser oder jener Seite hin weiter umgebildet.
Wil kommen gleich auf den Streit, inwieweit diese sogenannten erworbenen Eigenschaften
vererblich seien. Jedenfalls ist klar, daß durch den Einfluß aller dieser Nebenursachen
der mitttere Rafsen- oder Volkstypus, der in jedem Menschen vorhanden ist, eine kleine
        <pb n="154" />
        42

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Abweichung erfährt oder erfahren kann. Diese Abweichung ist unter Umständen eine
bloß individuelle, nicht sich weiter vererbende; sie kann aber, zumal wenn beide Eltern
unter denselben Nebenursachen stehen, wenn diese sich durch Generationen fortsetzen, wenn
die Modifikation sich mit dem vorherrschenden Typus gut verträgt und deshalb mit
ihm verschmilzt, zu einer erblichen werden. Und dies wird in dem Maße leichter und
stärker geschehen, als diese Nebenursachen ihre modifizierende Wirkung auf eine größere
und in sich geschlofsene Zahl von Menschen, die unter sich geschlechtlichen Verkehr haben,
lange Zeiträume hindurch ausüben. Die Variation befestigt sich dadurch, wird zu einem
neuen, besonderen Typus, der nun, sei es für immer, sei es für sehr lange Zeiten, sich
gleichmäßig erhält.
Damit haben wir die Möglichkeit, die einheitliche Entstehung der verschiedenen
Kassen und Völker zu verstehen. Der Streit darüber, ob die heute lebenden 1500
Millionen Menschen einheitlichen oder mehrfachen Ursprungs seien, ist freilich noch nicht
geschlichtet; manche Naturforscher leugnen die Einheit, Darwin bejaht sie. Die Wahr⸗
scheinlichteit, daß die amerikanischen Ureinwohner mongolischer Abkunft seien, spricht für
sie. Ebenso die Thatsache, daß fast alle Rassen sich gegenseitig mit Erfolg begatten,
daß die Entwickelung der Sprache, der Gebräuche und Reigungen, der Werkzeuge und
Waffen, der fittlichen Vorstellungen und Gesellschaftseinrichtungen doch bei allen eine
ähnliche ist, daß alle Rassen in eine gewisse Wechselwirkung treten. Wenn daneben die
Ratur- und die Kulturvölker, die paffiven und die aktiven Rassen außerordentlich große
Unterschiede zeigen, wenn die plötzliche Ubertragung der Einrichtungen und Sitten der
höheren auf die niederen letztere oft vernichtet, so beweist das nicht sowohl gegen die
Einheit als für die große Verschiedenheit und die unendlich langen Epochen der Ent—
wickelung, für den durch die Variabilität erzeugten Fortschritt der höheren Rassen. Die
aiederen sieht man heute allgemein als den Typus der ältesten Menschenart an, welchen
wahrscheinlich manche noch niedriger stehende ausgestorbene vorangingen.
Bei der Kompliziertheit des Entwickelungsprozesses der Rassen und Völker, bei
dem großen Einfluß der unten noch zu besprechenden Rassenmischung ist es naheliegend,
daß alle Versuche, Klarheit über ihr Verhälinis zu schaffen durch eine Einteilung je
nach einem einzigen Merkmal, wie Hautsarbe, Schädelform und -Größe, Haarart und
Farbe, Heimatland und Sprache scheitern mußten. Wir haben uns hier auch nicht
mit der Frage aufzuhalten, wie viele Haupt- und Nebenraässen es gebe: die abend—
ländische, weiße (kaukasische) und die mongöolische, gelbe mit je etwa 580 Millionen,
die schwarze der Neger mit etwa 200 Millionen Menschen sind jedenfalls die wichtigsten.
Daß die verschiedenen Rassen ausschließlich oder ganz überwiegend durch den natür—
lichen Daseinskampf der Individuen und Gruppen und die geschlechtliche Zuchtwahl,
durch welche jeweilig die höchststehenden Männer und Weiber sich begatteten und eine
höher stehende, sich den Lebensbedingungen besser anpassende Nachkommenschaft erzielten,
entstanden seien, wie Darwin will, wird heute nicht mehr zuzugeben sein. Darwin
selbst hat seine Gedanken hierüber nicht näher ausgeführt. Der brutale Daseinskampf
hat ficher viele schwächere Stämme vernichtet; innerhalb derselben hat er zumal früher
keine große Rolle gespielt, wie wir schon sahen; die geschlechtliche Zuchtwahl hat inner—
halb der Völker wohl einzelne Familien und Klassen emporgehoben, die aber keineswegs
dann immer die kinderreichsten waren; sie kann einzelne Rafsen verändert haben; wie
fie die Rassen- und Völkerscheidung beherrscht oder beeinflußt habe, ist nicht recht
ersichtlich. Ansprechender scheint daher die Migrationstheorie von Moritz Wagner,
welche die Darwinsche nicht negiert, sondern als Bestandteil, aber von geringerer Be—
deutung, einschließt. Dieser große Reisende und Naturforscher verlegt mit dielen anderen
die Entstehung des eigentlichen Menschen in das Ende der Tertiärzeit, also in eine
Spoche der größten Veränderungen der Erdoberfläche und der Lebensbedingungen für
alle organischen Wesen. Er knüpft hieran und an die Wanderungen aller Lebewesen
und speciell der Menschen an; er läßt die Menschenrassen, wie die Tier- und Pflanzen—
arten durch Wanderung von Individuenpaaren oder kleinen Gruppen nach verschiedenen
Weltteilen mit verschiedenem Klima, verfschiedenen Lebensbedingungen in eben dieser Zeit
        <pb n="155" />
        Die Entstehung der Rassen und Völker.

143

zroßer geologischer Umwälzungen und größter Variabilität entstehen. Lange dauernde
Isolierung und Inzucht habe dann die heutigen Hauptrassen in ihrer morphologischen
Figentümlichkeit erzeugt und befestigt; die später eintretende definitive Gestaltung der
Erdoberflüche und Meere habe zu ähnlich tiefeinschneidenden Wanderungen und Art—
bildungen der Flora und Fauna, wie der Menschen nicht mehr Anlaß geben können.
Die Scheidung der Rassen in Stämme und Völker sei nun unter anderen Bedingungen
erfolgt: nicht mehr so große räumliche Trennungen, so lange Inzucht, so verschiedene
stlimate und Lebensbedingungen hätten hier gewirkt, sondern nur eine Scheidung zwischen
bisher nahen, unter ähnlicher Lebensbedingung stehenden Menschen. Die Scheidewände,
welche die Stammes- und Volksorganisation, die Religion, die verschiedene Kultur—
entwickelung in der prähistorischen und historischen Zeit erzeugt haben, könnten nicht so
große wie die einst zur Zeit der Rassenscheidung vorhandenen Schranken gewesen sein.
Die Hypothese Wagners hat jedenfalls viel Wahrscheinlichkeit für sich. Sie
erklärt, warum die Rafsenscheidung eine viel stärkere war als die Völkerscheidung, warum
in historischer Zeit keine neuen Rassen entstanden seien, was bei Darwins Annahme
von stets fortdauernden Ursachen ganz unklar bleibt. Indem Wagner an die geologische
Beschichte der Erde und an die Wirkung sehr großer Zeiträume für die Rassenbildung,
kürzerer für die Völkerbildung anknüpft, wird die größere Konstanz und die schärfere
Ausbildung der Rasseneigentümlichkeiten verständlich. Durch die Heranziehung zahlreicher
anderer Ursachen, wie der geologischen Epochen und des Klimas, der Dauer der Inzucht
aund der Geschlossenheit der Rassenelemente, der Ernährung und Lebensweise neben der
Zuchtwahl und dem Kampf ums Dasein wird auch begreiflicher, warum einzelne Rassen
and Völker unendlich lange Zeiträume hindurch stabil blieben, andere sich zu höherer
Daseinsform entwickelten oder zurückgingen. Vieles bleibt freilich auch bei ihm noch
dunkel: z. B. ist die Annahme einer größeren Variabilität zur Zeit der Rassenbildung
durch keine strengen Beweise erhärtet. Das Maß, in welchem die verschiedenen Einflüsse
auf die Bildung von Rassen und Völkertypen wirken, ist noch ganz unaufgeklärt. Wir
werden nachher auf einiges derart, z. B. auf das Klima und die Erziehung sowie auf
die. Rassenmischung zurückkommen.
Auf die heute zwischen den Darwinianern und Weismann geführte Kontroverse,
in welchem Maße und durch welche physiologischen Prozesse einzelne von den Eltern
erworbene Eigenschaften auf die Kinder übergehen und vererbt werden, können wir hier
nicht näher eingehen. Wir wollen nur sagen, daß man wohl seit Lamarck und Darwin
(durch die Theorie der Pangenesis) diese Vererbung etwas überschätzte. Der Schwieger—
sohn Darwins, Francis Galton, hat selbst 1889 seine weitergehenden Ansichten von
1869 etwas beschränkt. Nur daran ist wohl doch festzuhalten, daß auch Weismann
und seine Schule die successive Umbildung des Rassen- und Völkertypus nicht leugnen;
sie verlegen die Ursachen nur an andere Punkte, etwas weiter zurück, glauben an eine
definitive Umbildung des Typus im ganzen nur durch Einflüsse, welche länger. Gene—
rationen hindurch, dauern.
UÜber das Maß der möglichen und wahrscheinlichen Variabilität von Generation
zu Generation, von Jahrhundert zu Jahrhundert wissen wir heute auch noch recht wenig.
Balton führt als Beispiel, wie mit der steigenden Zahl von Ahnen der Anteil des
einzelnen an den Eigenschaften der Nachkommen abnehme, solgende Zahlen, aber ganz
hypothetisch an: Wenn ein Kind ꝰ*/10 von seinen Eltern hat, !/10 seines Wesens als
individuelle Variation sich darstellt, so haben seine Eltern nur *10 von 810 SI100
ovon ihren Großeltern, 7298/1000 von ihren Urgroßeltern; gehen wir über das 50. Glied
zurück, so hat das Kind nur 5000 von jedem seiner Ahnen. Es ist aber einzuwerfen,
daß, wenn diese Ahnen sich alle glichen oder, was waährscheinlicher, der größere Teil
derselben viele Dutzend male in den genealogischen Linien sich wiederholt, doch die Ver—
änderung keine große zu sein braucht. Und weiter, daß die Kette rückwärts schon bei
zeringer Zahl der Generationen sehr große Epochen umfaßt. Rümelin erinnert daran,
daß der 11. unserer Ahnen mit Luther, der 82. mit Karl d. Gr. lebte und der 60.
wahrscheinlich auf den Steppen Hochasiens dem Thor und dem Odin Pferde schlachtete.
        <pb n="156" />
        44

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Die Frage liegt nahe, ob der Blutszusammenhang es nicht doch bewirkt, daß wir mit
ihm mehr Ahnlichkeit haben als mit einem Neger oder Indianer, selbst wenn dieser mit
ins aufgewachsen und ebenso wie wir erzogen wäre.
Die äußerlich meßbaren Nachweise über Variabilität geben einen gewissen Anhalt;
aber im ganzen wollen sie nicht viel sagen, da sie zu roh sind, in das innere, kompli—
zierte Wesen der physiologischen Umbildungen gar nicht eindringen. So wenn Ribot
meint, die Gesamtnervenmasse des Kulturmenschen sei der des Wilden um 3000 über⸗
legen. Oder wenn wir wissen, daß das Gehirn eines Buschmannes 900, das eines
afrikanischen Negers 1300, das eines Europäers 1400 g durchschnittlich wiege, daß bei
den höheren Raffen die größeren Schädel bis 1900, bei den niedrigen nur bis 16008
kubischen Gehalts gehen; wir werden bei solchen Angaben mindestens gleich hinzufügen
müssen, daß neben der Größe andere Gehirneigenschaften, z. B. das Maß der Windungen
des Gehirns ꝛc., ebenso wichtig oder wichtiger sind. Über die anderen Körperteile und
ihre Ausbildung haben wir auch einzelne Messungen: nach der Bestimmung mit dem
Dynamometer verhält sich die Körperkraft des englischen Kolonisten zu der des Van—
diemenländers wie 71 zu 51. Aber mit all' Derartigem ist über das eigentliche Problem,
die — der Variabilität, der Möglichkeit des Fortschrittes nicht allzu—
viel gesagt.
So bleibt, um die Völker zu schildern, wesentlich nur der Weg, aus ihrer
Geschichte und ihren geistigen Außerungen sie pfychologisch zu fassen, den wir unten
zetreten.
60. Die einzelnen Ursachen der Rassen- und Völkerbildung:
Klima, Lebensweise, Erziehung, Rassenmischung. Die Einwirkung des
Klimas und der Naturverhältnisse auf den Menschen haben wir im vorigen Abschnitte
ichon berührt, auch erwähnt, daß seit Montesquieu, Herder, Condillac eine sehr starke
Betonung dieses Einflusses von gewissen Seiten stattfand, daß die Einwirkung a) physio—
iogisch, p) pfychologisch (durch die Natureindrücke auf das Seelenleben) und ey) indirekt
durch die Art der mit der Natur gegebenen Lebensweise sein kann. Die Fragen sind
jehr kompliziert und noch wenig streng methodisch untersucht. Nach dem Stande unseres
heutigen Wissens, wie es z. B. Ratzel zusammenfaßt, werden wir sagen müssen: Sicher
findet eine Einwirkung des Klimas und der Natur auf Körper und Geist des Menschen
in gewissem Umfange statt; aber sie ist weniger weitgehend, als man bisher oft annahm,
sie ist jedenfalls an sehr lange Zeiträume geknüpft, ist sehr verschieden stark je nach
Rassen und Völkern. Je hoöher stehend und anpassungsfähiger die Rasse ist, desto
zeringer scheint der Einfluß zu sein; die Wirkung ist mehr indirekt als direkt, d. h. die
Natur und das Klima beeinflussen mehr die Art der Ernährung, Beschäftigung, Lebens—
and Gesellschaftsweise, als daß sie direkt die menschlichen Eigenschaften umbildeten.
Für die Bejahung des Zusammenhanges läßt sich anführen, daß der Neger doch wohl
ebenso der heißen wie der Kaukasier der gemäßigten, der Hyperboreer der kalten Zone
angehört, daß dieselbe Rasse meist im Norden und Süden der Länder eine etwas andere
Spielart zeigt, daß der Anglosachse in Nordamerika einen abweichenden Typus entwickelt,
daß der Volkscharakter im Gebirge und in der Tiefebene stets ziemlich verschieden ist.
Immer bleiben solche Schlüsse etwas problematisch, weil die sonst mitwirkenden Umstände
aicht auszusondern sind. Und wenn Cotta gar die Menschen nach den Gebirgsformationen
sondern will, Luther, Mirabeau, O'Connell und Napoleon nur als Söhne des Urgebirges
begreifen, wenn Ed. Meyer die Züge der Semiten aus dem Bewohnen der Wüste
ableiten will, selbst wenn Ratzel meint, die Europäer würden in den füdamerikanischen
Ebenen fast zu Steppenindianern, wenn Peschel sagt, auch die Indogermanen würden, an
der nordwestlichen Durchfahrt sitzend, mit der Harpune an Eislöchern auf das Walroß
lauern, so möchte ich zu solchen Aussprüchen doch einige Fragezeichen machen. Die
beiden letzten Thatsachen beweisen mehr, daß die Natur zu bestimmter Lebensweise und
Ernährung hinführt, als daß das Klima den Menschen gänzlich umbildet. Die
Kaukasier leben heute in allen Zonen und werden memnals Neger, Indianer, Papuas
»der Mongolen werden: die Neger werden in Jahrhunderten nicht Indogermanen im
        <pb n="157" />
        Wirkung von Klima, Lebensweise und Erziehung auf den Rassentypus. 145

gemäßigten Klima. Ein solcher Völkerkenner wie Livingstone betont immer wieder, die
Rtasse sei viel wichtiger als das Klima; ich möchte sagen; was wir mit Rasse bezeichnen,
sind die innersten, intimsten, seit Jahrtausenden natürlich-physiologisch fixierten, nur
sehr schwer modifizierbaren Ursachen; um diese lagern sich in weitem Umkreife, immer
weniger, immer indirekter wirkend, die äußeren Naturverhältnisse. Der Zusammenhang
und die Wechselwirkung zwischen den centralen und peripherischen Ursachen bleibt; der
Mensch ist nicht unabhängig von der äußeren Natur, aber die Abbängigkeit nimmt mit
der Kultur ab.
Niedrigstehende Rafsen sterben in ungewohntem Klima, höhere wissen durch geschickte
Ldebensführung sich anzupassen, zu erhalten; sie werden zwar durch Verpflanzung in
anderes Klima in einzelnen Beziehungen andere, aber nie werden sie das, was die stets
dort lebenden Rassen sind.
Ist es richtig, daß die Variabilität früher größer war, daß die physiologische
Umbildung des Rassentypus zu gewissen, für immer feststehenden Resultaten führte, so
ist es auch sehr leicht verständlich, daß alle Umbildung durch äußere Einflüsse heute
hre festen Greuzen hat, daß man sagen konnte, jedenfalls nicht das Klima, in dem die
Kaukasier in den letzten Jahrhunderten, sondern das, in dem sie früher viele Jahrtaufende
lebten, hätte ihnen seinen Stempel aufgedrückt. —
Zu den äußeren Einflüssen, welche auf die körperliche und geistige Konstitution
der Menschengruppen wirken, gehören nun auch Lebensweise, Beschäftigung, Ernährung
uind Erziehung. Bleiben wir zunächst bei den drei ersteren, so haben sie sicher einen
zrößeren Einfluß als das Klima; soweit das letztere wirkt, geschieht es wesentlich durch
sie. Wenn Ratzel sagt, der Araber erhielt als Hirte, Romade, Reiter, Räuber mit der
Zeit anders gebaute Gliedmaßen als der Agypter, der seit Jahrtausenden Lasten trägt,
hackt, pflügt, Wasser schöpft, so hat er sicher recht. Die auf solche Weise ausgebildete
Verschiedenheit der Völkertypen setzt sich in der socialen Klafsenbildung fort, wie wir
unten sehen werden, hat aber innerhalb desselben Volkes immer ein Gegengewicht in
der Blutsmischung der Klassen und der einheitlichen geistig-moralischen Atmosphäre,
welche auf die Völker im ganzen wirkt. Diese Gegenwirkungen fehlen, soweit getrennt
wohnende Stämme und Völker durch verschiedene Lebensweise und Beschäftigung
differenziert werden.
Ob die Erziehung und aller Einfluß geistiger Faktoren, wie Sprache, Sitte,
Recht, all' das, was wir oben (S. 15 ff.) unter dem Begriff der geistigen Kollektiv—
räfte zusammengefaßt haben, den Rassen- und Völkertypus überhaupt beeinflusse und
in welchem Maße, ist eine vielerbrterte Frage. Locke, Hume, Helvetius, Lamarck und
eeine Nachfolger, heute die Socialisten und manche Sociologen, z. B. Babington, find
zeneigt, auf diese Ursachen allein den Volkscharakter wie den der Individuen zurück—
zuführen. Die Theorie von der Wirkung des „Milieu“ wird überspannt: sociale und
Erziehungseinrichtungen sollen aus jedem Menschen alles machen können. Es ist die
der Überschätzung des Natureinflusses entgegengesetzte UÜbertreibung.
So viel uͤst richtig, daß der einzelne, die Klasse, das Volk zwar einerseits unter
der Herrschaft ererbter Eigenschaften, Instinkte, unbewußter Gefühle und Willens—
cegungen, andererseits aber untier dem Einfluß des großen geistigen Fluidums stehen,
das sie umgiebt, das durch Nachahmung, Erziehung und gesellschaftliche Berührung
wirkt. Die Abgrenzung dieser zwei Ursachenreihen ist um so schwieriger, als jede
dauernde Wirkung der letzteren Art zu Sitte und Gewohnheit wird, sich nach und nach
—D
der vererblichen Faktoren überzugehen. Ist so der Gegensatz der erblichen und der durch
zeistige Beeinflussung neu geschaffenen Eigenschaften kein schroffer, sondern nur ein
gradueller, so ist damit auch zugegeben, daß die durch Erziehung oder sonstwie erfolgende
Äbstempelung der Individuen und weiterer Kreise eben in dem Maße Typen bildend
sei, als es sich um dauernde Einflüsse handelt. Es ist klar, daß die geistige Umgebung,
die dauernd in gewisser Richtung wirkt, zu einer Stütze und Voraussetzung für gewisse
Züge des Volks- und Rassencharakters wird. Zugleich aber werden wir betonen, daß
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 10
        <pb n="158" />
        46

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

jedes Wegfallen dieser Stützen, dieses Erziehungsprozesses die Existenz dieser Züge des
Charakters bedrohe. Wir werden annehmen, daß, um je feinere und individuellere
Züge es sich handele, desto weniger die Umbildung in erbliche Eigenschaften gelinge,
desto ausschließlicher die Wirkung des Milieu sei. Aber eine gewisse Grenze haben alle
diese Einflüsse doch. Ribot sagt: Die Erziehung gestaltet um, aber sie schafft nicht;
sie wirkt mehr auf die mittleren, als auf die hoch- und niedrigstehenden Individuen;
sie bleibt mehr ein Kleid, ein Firnis gegenüber dem Ererbten.
Alle Erziehung, aller Einfluß der Umgebung ist eine neue, nur kurz dauernde
Wirkung; in den ererbten Rasseeigenschaften steckt eine angehäufte, befestigte Wirkung
don Jahrhunderten und Jahrtausenden. Und deshalb ist die Rassenmischung so tief—
zreifend, auf die wir nun noch einen Blick werfen. —
Wir verstehen unter Rassenmischung den geschlechtlichen Verkehr, der zwischen
den Mitgliedern verschiedener Rassen und Völker stattfindet und die Erzeugung von
Mischlingen zur Folge hat. Sie findet statt, wo verschiedene Rassen und Völker infolge
von Eroberung und Unterwerfung, von Ein- und Auswanderung durcheinander wohnen,
wo durch Sklaveneinfuhr, durch Raub- und Kaufehe, wo an Grenz- und Handelsplätzen
eine gemischte Bevölkerung vorhanden ist. Sie entfernt sich, wo ganz nahe verwandte
Rassenelemente sich mischen, von der gewöhnlichen Blutsmischung größerer Völker nicht;
denn diese haben stets etwas verschiedene Elemente in sich, wie es z. B. Engländer und
Schotten sind. Wo es sich um die Mischung weit abstehender Rassen handelt, wie
z. B. bei der von Kaukasiern mit Negern, Australiern und Indianern, muß sie ganz
andere Folgen haben.
Es ist damit schon ausgesprochen, welche verschiedenen thatsächlichen Verhältnisse
mit dem Worte Rassenkreuzung umfaßt werden. Und es ist damit auch begreiflich,
wenn verschiedene Gelehrte, welche das eine oder das andere Extrem dieser thatsächlichen
Mischungen im Auge haben, über die Folgen so ganz Verschiedenes aussagen. Stets
aber handelt es sich um die Thatfache, daß Menschen verschiedener Rasse oder Volkes,
d. y. also von erheblicher körperlicher und geistiger Verschiedenheit, aus verschiedenen
Lebensbedingungen, aus verschiedenem Klima ursprünglich stammend, mit sehr verschieden
vererblichen Anlagen Kinder zeugen; und es ist klar, daß damit eine Möglichkeit so
starker und rascher Variation entsteht wie sonst niemals. Es werden Menschen geboren,
die in sich einen gemischten Typus darstellen und einen neuen schaffen, wenn die Mischung
eine umfangreiche und fortgesetzte ist. Zugleich ist aber naheliegend, daß Menschen
entstehen, die zunächst mehr oder weniger unausgeglichene körperliche und geistige
Gegensätze in sich vereinigen; und sie sollen nun in einer Gesellschaft leben und wirken,
welche außer ihnen die zwei oder mehr verschiedenen älteren Rassentypen in sich enthält,
wodurch für alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen die größten
Schwierigkeiten sich ergeben; zu den heterogenen Rassetypen kommen verschiedene sittliche
und geistige Atmosphären. Stets handelt es sich um einen schwierigen, meist lange
dauernden phyfiologisch-körperlichen und gesellschaftlich-geistigen Verschmelzungsprozeß.
Für beide ist es klar, daß sie um so leichter gelingen, um so rascher zu einem
tüchtigen neuen, ausgeglichenen Rafsentypus und Gesellschaftszustand führen können,
wenn der Abstand der gekreuzten Elemente ein geringer war. Die großen historischen
Beispiele günstiger Rassenkreuzung liegen hier: die Mischung der olivenbraunen, mon—
goloiden Malayen mit den negerartigen, schwarzen Papuas hat die kräftigen melane—
äschen Völker, die der Türken mit Tataren und Kaukasiern den kriegstüchtigen Osmanen—
stamm, die von Negern und Arabern im nördlichen Afrika Völker geschaffen, die weit
iber den Negern stehen. Im Großrussen ist mongolisches, im Norddeutschen slavisches,
im Nordfranzosen deutsches Blut und nicht zu ihrem Schaden; im Engländer haben
keltische und nordgermanische Elemente eine Herrschernation von seltener Kraft und
Fähigkeit erzeugt. — Immer darf auch fur diese Mischungen nicht übersehen werden,
daß der ausgeglichene neue Völkertypus erst das Werk von vielen Generationen war,
daß lange große Schwierigkeiten, häßliche Zwittererscheinungen, schwere Kämpfe den
qünstigen Folgen vorausgingen.
        <pb n="159" />
        Die Rassenmischung.

147

Wo es sich um sehr verschiedene Rafsenelemente handelte, hat eine naive Staats—
kunst früher mit Recht gesucht, die Blutsmischung, teilweise auch das Zusammenwohnen,
das Verkehren, Geschäftemachen möglichst zu erschweren. So vor allem im indischen
Kastenwesen, dann in der holländischen Verwaltung Javas, in der spanischen Amerikas.
Auf die Dauer haben diese Schranken nie die Mischung verhindert. Das spätere
römische Reich, die Völkerwanderung, noch mehr das neuere Kolonialleben zeigen die
wichtigsten Beispiele solcher Mischung — teilweise auch mit den überwiegend ungünstigen
Folgen für die Mischlingsindividuen und für die gesellschaftlichen Zustände. Daher die
bekannten ungünstigen Urteile: stets siege der tieferstehende Typus in den Mischlingen;
sie seien meist schwächer, hätten keine kräftige Nachkommenschaft. Hehn will den Unter—
zang des römischen Reiches auf die Rassenmischung zurückführen und erwartet bestialische
Ausgeburten von den Kreuzungen in der heutigen Kolonialwelt. Es fragt sich, ob
darin nicht eine starke Übertreibung liege.
Wahr wird sein, daß solche Kreuzung je nach den Elementen und ihrer Zahl,
ihrer starken oder geringen Lebenskraft gute oder schlechte Folgen haben könne; jede
zu große Verschiedenheit, jede Verbindung zu heterogener erblicher Eigenschaften muß
Menschen von einem ganz kulturfeindlichen Typus erzeugen. Aber ebenso oft kann
auch die Mischung der niederen Rasse Elemente besserer Art, einer von der Kultur
erschöpften Rasse neue körperliche Lebenskraft zuführen, wie das in der untergehenden
römischen Welt durch die Germanen, vielfach auch sonst, z. B. bei schwächlichen Acker—
dauern durch Nomaden, geschah. Häufig haben die Klagen über die schlechten Eigenschaften
der Mischlinge ihre Wurzel nicht sowohl in ihrem Typus als in der Gesellschaftsver—
fassung. Ratzel setzt dies sehr gut für die Mischlinge Südafrikas auseinander: die Misch—
linge von Europäern und Eingeborenen haben mehr Intellekt und Thatkraft als letztere,
sie werden aber von den Europäern nicht als voll anerkannt, wachsen bei den Eingeborenen
auf, in deren Sitten sie nicht mehr hineinpassen. So werden sie leicht die kühnsten
Jäger, Schützen, Wüstenwanderer, aber auch die größten Spitzbuben und Verbrecher.
Wir werden zusammenfassend sagen können, die Rassenmischung sei eines der
wichtigsten Glieder in der Kette der vielgestaltigen Ursachen der Ausbildung eigentüm—
icher Rassen- und Völkertypen. Ihre Wirkung hängt stets von dem Umfange der
Mischung, der Zahl der Mischehen, der Verschiedenheit der sich mischenden Elemente ab;
weiterhin von den socialen Klassen, in denen sich die Mischung vollzieht. Wie schon
das Durcheinanderwohnen verschiedener Rassen seine großen sittlichen, socialen, wirtschaft—
lichen und politischen Schwierigkeiten bietet, so auch die Einsuͤgung der Mischungsprodukie
in die bestehenden Zustände. Die Wirkung wird leicht zuerst ungünstig sein, sowohl
was die Individuen und ihre Eigenschaften als was die sociale und rechtliche Seite
betrifft. Aber die Schwierigkeiten und Schattenseiten können überwunden und in günstige
Folgen umgebildet werden, wenn durch eine Reihe von Generationen ein neuer aus—
geglichener einheitlicher Volkstypus sich gebildet hat. Ein solcher wird für alle höheren
Formen der Kultur, für freie politische Verfassungs- und Verwaltungsformen, für gesunde
sociale Verhältnisse, für alle Klafsenbeziehungen immer das erstrebenswerte Ziel sein.
Und daher bleibt das Eindringen gewisser niedriger Rassen, wie heute z. B. der
Chinesen in Amerika, der Slaven in Ostdeutschland, eine Gefahr für die höherstehenden
Rassen, ihre Lebenshaltung und Gesittung, ihren bestehenden Rafsentypus, zumal wenn
der Blutszufluß ein zu starker ist. Die Frage, ob die jüdischen Rassenelemente in unseren
ulturstaaten günstig wirken, hängt von ihrer Zahl und ihrer sehr verschiedenen Qualität,
ihrer socialen Stellung, ihrem Beruf und von den Elementen ab, mit denen sie geschäft—
lich, geschlechtlich und sonst in Kontakt kommen. Wichtiger fast als die Rassenmischung
ist zunächst ihr geschäftliches Wirken: die Thatkraft und Konkurrenz der besseren jüdischeů
Elemente ist da von Segen, wo sie neben kräftige und gesunde germanische zu stehen
'ommen; wo aber ihre geringeren Handelsleute wesentlich auf verarmte Bauern, Haus⸗
industrielle und Proletarier drücken, da wird das Umgekehrte der Fall sein. Auch die
massenhaften proletarischen Juden und anderen fremden Elemente im Ostende Londons
find ein socialer Mißstand. Aber jede generelle Verurteilung der Rassenmischung ist verfehlt.
10*
        <pb n="160" />
        *

Erstes Buch. Land, Leute und Technit.

614. Ethnographische Einzelbeschreibung: die niedrigsten Rassen.
Gehen wir nach dem vorstehenden von der Annahme aus, es gebe verschiedene Rassen—
und Völkertypen, welche durch die Vererbung ihrer körperlichen und geistigen Eigen—
schaften wie durch die im ganzen vorhandene Überlieferung ihrer Vorstellungen, Sitten
und Einrichtungen einen jedenfalls nur sehr langsam sich ändernden Charakter haben,
so muß der wissenschaftliche Versuch, diese Typen zu schildern, angezeigt sein, so schwierig
die Aufgabe sein mag, so sehr ich gestehe, daß mir viele Kenntnisse und Eigenschaften
dazu fehlen. Der Versuch wird doppelt schwierig, wenn man, wie hier, ganz kurz sein
muß. Aber ich wage ihn, weil auch der Anfänger volkswirtschaftlicher Studien ein
Bild davon bekommen muß, wie der verschiedene Volkscharakter auf die verschiedenen
Gesellschafts- und Wirtschaftszustände wirkt. Die Mittel zu dem Versuche liegen in
der heutigen Völkerkunde, der Geschichte, der vergleichenden Psychologie, den Reise—
beschreibungen, also in weit auseinander liegenden Wissensgebieten. Schon die Hetero—
zenität des Materials wird eine nachsichtige Beurteilung des billigen Lesers herbeisühren.
Ich beginne, hauptsächlich im Anschluß an H. Spencer, mit einigen Strichen,
welche sich auf die Australier, Polynesier, Buschmänner, Hottentotten, die niedrigft
stehenden Indianer ꝛc. beziehen; sie gehören zwar verschiedenen Rassen an, aber sie
gehören zusammen, sofern sie die unentwickeltsten, ältesten Rafsentypen darstellen oder
durch Ungunst ihres Standortes, Trennung von den Kulturvölkern und andere Miß—
stände auf das niedrigste Niveau menschlichen Lebens herabgedrückt sind.
Sie sind von niedriger Statur, haben im allgemeinen als Folge der Wirkung
primitiver Lebensweise unentwickeltere Beine als Arme, eine übermäßige Entwickelung
der Verdauungsorgane, die der Ungleichmäßigkeit der Ernährung entspricht. Die Busch—
nänner verfügen über einen Magen, welcher demjenigen der Raubtiere sowohl hinsichtlich
der Gefräßigkeit als hinsichtlich des Ertragens von Hunger vergleichbar ist. Damit
hängt die Unthätigkeit und Unfähigkeit zur Arbeit zusammen; zeitweise Überfüllung
und zeitweiser Mangel hemmen gleichmäßig die zur Arbeit notwendige Lebensenergie.
Die Körperkraft ist mäßig, nicht sowohl wegen mangelnder Muskel- als Nerven—
ausbildung; das kleinere Gehirn, die geringere Gefühlsthätigkeit lassen es nicht zu
erheblichen Kraftansammlungen kommen. Dagegen ist die Anpassung an die Unbilden
des Klimas, der Witterung größer, ebenso wie die Fähigkeit, Wunden und Krankheiten
zu überwinden. Unempfindlich gegen äußere Einwirkungen, bleiben solche Menschen
auch passiv und stumpf; früh geschlechtsreif, altern sie auch früh. Arm an Vorstellungen,
welche die nächstliegenden Begierden überschreiten, und unfähig, den unregelmäßigen
dauf seiner Gefühle zu beherrschen, zeigt der primitive Mensch eine außerordentliche
Unbeständigkeit, ein impulsives Wesen, ein unbedachtes Handeln, das sich aus den
Emotionen fast nach der Art instinktiver Reflexbewegungen entladet. Künftige Erfolge
werden nicht vorgestellt, bewegen das Gemüt nicht; daher gänzliche Sorglosigkeit um
die Zukunft, kein Streben nach Besitz und dessen Erhaltung; Freigiebigkeit und Ver—
schwendung, Mitgabe der Waffen und Werkzeuge ins Grab. Lange andauernde Faulheit
vechselt mit kurzen, großen Anstrengungen des Spiels, des Tanzes, der Jagd und des
Kampfes; meist fehlt noch jede Gewöhnung an stete Arbeit. Die gesellschaftliche Rücksicht⸗
nahme auf andere Menschen wird durch die Leidenschaften des Augenblickes stets wieder
zerstört; sie zeigt sich fast nur in der Eitelkeit und Putzsucht, in der Furcht vor Ver—
achtung und Hohn, vor Gewalt und Strafe. Die heterogensten Gemütsbewegungen
stehen unvermittelt und unausgeglichen nebeneinander, zärtliche Liebe und Milde neben
härtestem Egoismus und Grausamkeit. Die geringe Entwickelung der gesellschaftlichen
Instinkte hindert jedes Leben in größeren Gemeinschaften; es fehlt das Wohlwollen,
das durch die Rücksichtnahme auf andere, ferner stehende Menschen sich bildet, der
Gerechtigkeitssinn, der erst eine Folge verwickelter Vorstellungen sein kann. Aber diese
Menschen werden viel stärker und unerbittlicher, viel konservativer von den äußeren
Gebräuchen des Lebens, von der Sitte beherrscht, die sie in der Jugend gelernt. Ihr
Nervensystem verliert überfrüh jede Bildiämkeit, wie sie zur Aufnahme der geringsten
Neuerung nötig ist.
        <pb n="161" />
        Die niedersten Rassen, die Neger. —

149

Der Intellekt solcher Menschen ist bedingt durch die engen Grenzen ihrer Beob—
achtung; sie fafsen das Nächste lebendig und gut auf, haben Augen und Ohren von
anglaublicher Schärfe; ihre Anschauungen sind stark und haften fest; Leute, welche nicht
ünf zählen können, bemerken unter einer großen Herde Rindvieh jedes fehlende Ochsfen—
gesicht. Aber alle Beobachtung ist auf das Sinnliche eingeschränkt; allgemeine Thatsachen
fassen sie nicht; allgemeinere Ideen wie Ursache und Wirkung begreifen sie nur dunkel;
das Gleichförmige im Vielfältigen können sie nicht fassen, mit schlechten Zeitmaßen aus—
gestattet, Entferntes nicht klar voraussehen; mangelnder Unterscheidungssinn läßt sie
stützliches und Unnützliches oft nicht richtig erfassen. Erinnerung, Scharfsinn, Auf—
'assung haben sie für Anekdoten und Fabeln, aber nicht für das Wesentliche der Dinge.
Bei großer Fähigkeit nachzuahmen, fehlt ihnen jede produktive Einbildungskraft, daher
sie Jahrtausende hindurch mit denselben Werkzeugen arbeiten, dieselben Hütten bauen.
Jedes fragende Gespräch, wie jedes Nachdenken ermüdet sie.
Die pfychologischen und religiösen Vorstellungen der niedrigsten Rassen hängen
nit der geringen Fähigkeit, Lebloses vom Belebten, Wachen vom Traum, Leben vom
Tod zu unterscheiden, zusammen. Die Seele erscheint als ein Schatten, der den Körper
zeitweise verlasse, in ihn zurückkehre, sich aber auch, besonders nach dem Tode, anderswo
festsetzen könne.
Im einzelnen weichen nun die verschiedenen niederen Rafssen von diesem Durch—
ischnittsbild mannigfach ab. Der Malaye ist ernst, bedachtsam, verschlossen, während
der Papug heiter, geschwätzig und ausgelafssen erscheint. Manche der Naturvölker zeigen
schon eine erhebliche Entwickelung über einen derartigen Zustand hinaus. Die Malayo—
Polynesier haben Handel und Eigentum, sie besitzen Häuptlinge, deren Gewalt auf
Krast und Kunst der Rede beruht; sie haben höhere religiöse Vorstellungen, feiern in
diedern und Sagen ihre großen Männer. Höher als alle anderen Naturvölker stehen
einzelne der nordamerikanischen Indianerstämme, die ja auch zu einer nicht unerheblichen
Gesittung gelangt sind. Sie haben es zu einem erstaunlichen Maß sittlicher Selbst—
beherrschung durch kriegerische Zucht gebracht, so daß sie alle Todesqualen und Martern
mit Hohnlächeln ertragen, ohne Streben nach individuellem Besitz ihre ganze Kraft in
den Dienst des Stammes oder der Stammesbündnisse stellen.
62. Ethnographische Einzelbeschreibung: die Neger und ver—
wandten Stämme. Die Negerstämme Afrikas, die ihr Centrum im Sudan und in
den Bantustämmen haben, nach Nordosten mit hamitisch-semitischen Elementen gemischt
sind, von daher auch die Elemente eines höheren Wirtschaftslebens erhalten haben,
wurden früher vielfach unterschätzt. Es ist eine Rasse, die allein neben den höherstehenden
es zu einer Bevölkerung von gegen 200 Millionen in Afrika, 20 Millionen in Amerika
gebracht hat, die fast durchgängig zu einem leidlich geordneten Bodenbau und Hirten—
leben gekommen ist. Es fehlt ihnen der Sinn für das Ideale wie für die Wahrheit,
sie sind arm an eigener Erfindung; aber es sind Stämme mit starken Muskeln, naiv
iinnlicher, kräftiger Empfindung; große Gutmütigkeit und natürliche Sanftmut stehen
einer ungezügelten Phantasie und Roheit gegenüber; eitel, ausgelassen wie die Kinder
in ihrer Freude, fressen sie Menschenfleisch und töten in der Leidenschaft ohne Gewissens—
bisse; sie sterben vor Heimweh, aber jede Pfeife verführt sie zum Tanz. Der Übergang
von der leichtfertigsten Lustigkeit zu düsterer Verzweiflung kommt kaum bei anderen
Völkern so vor; umständliche Geschwätzigkeit liebt der Neger über alle Maßen; im Handel
ist er zudringlich, unermüdlich, bald schmeichelnd, bald jammernd, besucht Märkte fast
mehr der Unterhaltung als des Gewinnes wegen, überlistet den Europäer dabei sehr
häufig. Die Kinder lernen leicht bis zum 12. Jahre, haben ein erstaunliches Gedächtnis,
mit dem 14. bis 20. Jahrt tritt vollständiger geistiger Stillstand ein. Ihre Trägheit
und Sorglosigkeit hat man oft übertrieben; ihre Kornspeicher sprechen für eine gewisse
Sorglichkeit; ihre physische Kraft und Gewandtheit ist dem Europäer überlegen; der
Neger und jedenfalls die Negerin arbeiten, soweit die Bedürfnisse sie dazu nötigen;
niemals freilich aus Freude an der Arbeit. Sie arbeiten auch als freie Leute mit
Energie, wenn sie ein lockendes Ziel vor sich sehen, so z. B. die die Unabhängigkeit
        <pb n="162" />
        50

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

liebenden Kaffern als Knechte oder Arbeiter, bis sie so viel verdienen, ein Weib zu
kaufen. Sie haben einen siark entwickelten Sinn für Besitz, man könnie sie habgierig
nennen; Raubzüge, hauptsfächlich Viehraubzüge, sind im Innern sehr verbreitet. Was
die wirtschaftliche Kultur so niederhält, ist die geringe Stetigkeit und Festigkeit aller
Verhältnisse, die Unfähigkeit fast aller Neger, mit Ausnahme der Kru, das Wasser zur
Schiffahrt, meist auch zum Fischfang zu nützen, der Wege- und Brückenmangel, die
Abgeschlossenheit der einzelnen kleinen Stämme untereinander. Zu einer Schrist haben
es die Neger nirgends gebracht, den Pflug ersetzt die Hacke, die Drehscheibe ist so
unbekannt wie die eigentliche Gerberei, wohl aber ist die Kunst des Eisenschmelzens und
die Eisenverarbeitung ziemlich allgemein. Die kriegerischen Stämme unter ihnen sind
die mit hamitisch-semitischer Blutmischung, obwohl auch Kaffernstämme, vornehmlich
die Zulus und muhamedanische Stämme im Innern es zu einer festen militärischen
Organisation gebracht haben. Ihr Familienleben steht fast nirgends mehr auf dem
tiefsten Standpunkte; die väterliche Gewalt ist meist stark entwickelt, das Mutterrecht
beseitigt. Die Mutterliebe ist eine sehr starke, zahlreiche Kinder sind erwünscht. Zu
einem höher entwickelten Staatsleben und einer Baukunst wie die amerikanischen Halb—
kulturvölker in Peru und Mexiko hat es kein Negerstamm gebracht. In einem günstigeren
Erdteile würde wahrscheinlich ihre gesamte Kultur eine höhere sein; die schwierigsten
Anfänge des technischen und socialen Lebens hat diese Rafse immerhin überwunden.
63. Ethnographische Einzelbeschreibung: die Mongolen. Die gelben,
schwarzhaarigen, rundköpfigen Menschen der mongoloiden Rasse gehören zu den krästigsten
und leistungsfähigsten der ganzen Erde. Von den Finnen, Magyaren und Türken,
welch' letztere beide sehr viel arisches Blut in sich aufgenommen haben, reichen sie über
die mittelafiatischen Nomadenstämme der Turkmenen, Mongolen und Tibetaner bis zu
den alten Halbkulturvölkern der Chinesen und Japaner; wahrscheinlich gehören auch die
sämtlichen amerikanischen Stämme zu ihnen und die Malayen sowie viele Elemente
Indiens und der indischen Inselwelt; die Hyperboreer enthalten ebenfalls mongolisches
Blut. Allein die Chinesen sind auf gegen 400 Millionen zu beziffern; die mongoloiden
Völker zusammen auf, etwa 5 — 600 Millionen. Mit ihrem eingedrückten Nasenbein,
ihren vortretenden Backenknochen und geschlitzten Augen sind sie trotß ihrer verschiedenen
Entwickelung und weiten Verbreitung doch überall wiederzuerkennen; fast überali zeigen
sie auch dieselbe Körperkraft, dieselbe Unempfindlichkeit und die scharsen Sinne, denselben
realistischen, zähen Nützlichkeitssinn, den Mangel an Idealismus und Individualismus,
an geistigem Schwung und Tieffinn, wie ihn die Indogermanen besitzen. Ihre Kultur—
leistungen find aber nicht gering. Ihre abgehärteten mittelasiatischen Nomadenstämme
haben die kräftigsten und kühnsten Menschen und Eroberer erzeugt. Auf den malayischen
Inseln, in Ostafien und Centralamerika sind von ihnen despotisch-kriegerische und fried—
lichem Hackbau ergebene große Reiche mit patriarchalisch-socialistischer Verfaffung gebildet
worden; diese haben aus sich einen Grad der wirtschaftlichen Kultur geschaffen, der
zeitweise der abendländischen überlegen war. Auch der Jesuitenstaat von Varaguay
gehört hieher. Hartes Kastenwesen und Vernichtung aller individuellen Freiheit der
zroßen Masse entsprach dem Rafsentypus, der in den warmen Flußniederungen bis zur
schlauen und weichlichen Friedfertigkeit herabsank, aber auch erstaunliche Friedenswerke
don größerer Dauer schuf als die meisten anderen Rassen. Die Chinesen, vielleicht in
Urzeiten mit der indischen oder babylonisch-afsyrischen Kultur in Berührung, haben
nicht mit Eroberung sondern mit Kolonisation, freilich in einem fast wie eine Festung
geschützten und isolierten Lande, eine binnenländische, in sich geschlossene Volkswirtschaft
zeschaffen, deren Erfolge die europäischen Philosophen des 18. Jahrhunderts als Muster
priesen. Die Chinesen sind das sparsamsie, nüchternste, geduldigste, unermüdlichste,
biegsamste, zäheste und, größte Volk der Erde; harmlos und hutmütig, ausdauernd und
scharffinnig, im Familienleben und in Verbanden aller Art ganz aufgehend, ohne
moderne Unternehmung und ohne Lohnproletariat, haben sie Landbau und Gartenkultur,
Straßen- und Brückenbau, Wasserverkehr im Innern, Handel und Verkehr schon vor
Jahrhunderten und Jahrtausenden entwickelt. Nuf dem kleinsten Fleck Erde kommt der
        <pb n="163" />
        Die Mongolen, die Semiten.

151

Chinese aus; in Kleinhandel und Hausiererei ist er pfiffiger als jede andere Rasse.
Im kaufmännischen Geschäft überwindet er teilweise den Europäer, wie er den meisten
Rassen Ost- und Mittelasiens überlegen ist. Als Arbeiter ist er weit herum in der
Welt begehrt, in den Vereinigten Staaten bereits gefürchtet. Ob seine Billigkeit und
Geschicklichkeit künftig der europäischen Industrie gefährlich werde, zumal wenn er unter
die Leitung von westländischen Unternehmern komme, ist die große Frage der Zukunft.
Zunächst macht das Reich einen inneren Auflösungsprozeß durch: wir trösten uns damit,
daß der chinesische Scharfsinn über gewisse Grenzen nicht hinausgehe, daß die Kunst
des Letterndruckes ohne Buchstabenschrift (seit 1040 —50), die frühe Kenntnis des Pulvers
ohne Feuerrohr, daß die höchste manuelle Geschicklichkeit und Arbeitsamkeit ohne Maschinen
ihm bisher nicht so sehr viel genützt haben. Sicher ist, daß er im Hochmut der Ab—
geschlossenheit erstarrte, daß ihm der Kampf mit würdigen Gegnern fehlte, daß ihm die
5000 jährige Kontinuität seines Staatslebens ebenso zum Fluche wurde, wie sie ihn, in
der spießbürgerlichen Nützlichkeitsmoral Confutses eingeschlossen, friedlich stagnieren ließ.
64. Ethnographische Einzelbeschreibung: die mittelländischen
Rassen; die Semiten. Die Völker der mittelländischen Rasse sind die Träger der
höchsten menschlichen Gesittung geworden; es muß das im engsten Zusammenhange mit
thren typischen Rasseneigenschaften stehen. Die Hamiten haben die äghptische, die Semiten
die vorderasiatische, die Indogermanen die indische, iranisch-persische und europäisch—
amerikanische Kultur erzeugt. Eine gewisse Verwandtschaft der Hamiten mit den Semiten
und dieser mit den Indoeuropäern scheint festzustehen. Die drei Völkergruppen haben
meist in räumlicher Nähe, hauptsächlich um das Mittelmeer herum gesessen, haben
einander bekämpft und aufeinander gewirkt. Während wir aber von den Hamiten
zußer ihren ägyptischen Leistungen wenig wissen, hauptsächlich auch die Mischung der in
Agypten zusammengewachsenen Rassenelemente noch keineswegs ganz klar ist, steht die
Entwickelung der semitischen und indogermanischen Völker im hellen Lichte der Geschichte. —
Die Semiten sind der ältere Zweig; sie haben, allerdings im Anschluß an eine
ältere wohl mongoloide Kultur, an das akkadische oder sumerische Reich im Mündungs—
gebiet des Euphrat die chaldäische, technische und wissenschaftliche Kultur, die Grund—
lagen alles Maß- und Gewichtssystems geschaffen, sie haben in ihrem phönikischen Zweige,
dem ersten großen Handelsvolke, die Formen des Handels und die Buchstabenschrift,
sie haben die drei großen weltbeherrschenden Religionen, den jüdischen Monotheismus,
das Christentum und den Islam geschaffen; die Araber haben dann ebenso durch ihre
Eroberungen wie durch ihren Handel, ihr Wissen und ihre Erfindungen eine bedeutende
Rolle im Mittelalter gespielt. Die Semiten waren so mit ihrem leidenschaftlichen
Bemüt, ihrem energischen Mut, ihrem hartnäckigen, zäh das Erworbene festhaltenden
Willen, ihrem Glauben an ausschließliche Berechtigung, ihrem harten Egoismus, ihrer
scharfen Abstraktionskraft die Mauerbrecher für die höhere Kultur der abendländischen
Menschheit; sie wurden in vielem die Lehrer der Indogermanen und wirken durch die
Juden auch heute noch überall mehr oder weniger als ein Leben und Reibung er—
zeugendes, teils Fortschritt, teils Auflösung bringendes Element in den indogermanischen
Staaten fort. Wir wollen statt der einseitigen Verurteilung ihrer Rasseneigenschaften
durch Ernest Renan lieber Chwolson, der selbst Semite ist, die Rasse charakterisieren
lassen. Er sagt: Der praktische, nüchterne, mathematische, ja spitzfindige Verstand
hat bei den Semiten alle Mythologie, alle Mystik, alles Epos, alles Drama aus—
zeschlossen; er ist in Religion und Wissenschaft relativ früh zu einfachen, großen
Ergebnissen, zu einer klaren Erfassung des empirischen Lebens gekommen; die schars
ausgeprägte subjektive Individualität des Semiten erlaubt innige Hingabe an Familie
and Stamm, hat aber stets staatlicher Unterordnung widerstrebt, trotz des weichen,
fast weichlichen Sinnes für Milde und Wohlthätigkeit und trotz der raschen Empfäng—
lichkeit für allgemeine Ideen; das Ideal des Semiten war nie in erster Linie die
Tapferkeit sondern die weise Gerechtigkeit; geistige Eigenschaften überschätzte besonders
das Judentum stets gegenüber körperlicher Kraft und Gesundheit; harte Ausnützung
der eigenen Klugheit, besonders gegen unreife Stämme anderer Rasse, spielende, witzelnde.
        <pb n="164" />
        52

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

sarkastische Selbstüberhebung, Habsucht und Sinnlichkeit sind die nicht zu leugnenden
Schattenseiten des im übrigen so reich begabten Rassentypus.
Paßt diese Schilderung der Semiten im ganzen auch auf die seit 2000 Jahren
zerstreut lebenden, überwiegend dem Handel ergebenen Juden, so fragt sich freilich immer,
was hievon auf den semitischen Rassentypus und was auf die Schicksale und die Berufs—
thätigkeit dieses Zweiges zurückzuführen sei. Sicher ist, daß die Juden heute allerwärts
als Händler, Unternehmer, Bankiers und Journalisten eine führende Rolle spielen, und
daß dies ebenso mit ihrem Rassentypus wie mit ihrer Internationalität zusammenhängt;
ihre große schriftstellerische und politische Thätigkeit schließt nicht aus, daß der ihnen
sonst sehr günstige De Candolle recht hat, wenn er sagt, die europäische Kultur würde
sofort von Barbaren vernichtet werden, wenn die Staaten nach ihren Idealen eingerichtet
würden. Auch wer sonst sie als Lehrmeister in geschäftlichen Dingen anerkennt, wird
Bismarck recht geben, wenn er sagt, wo ihre Geschäftsleute die politische Leitung eines
Staates beeinflussen, wie in Paris und Wien, sei es vom Ubel. Nicht bloß das hab—
süchtige, auch das edle Judentum ist meist unfähig, die staatlichen Notwendigkeiten und
Härten, den Mechanismus staatlicher Institutionen zu begreifen. Ein schlagendes Bei—
spiel hiefür sind die socialen Theorien von Karl Marx. Vierkandt charaklerisiert die
Semiten mit dem Satze, der sehr gut auf Marx paßt: ihre geistigen Schöpfungen
erreichen die Realität der Dinge nicht.
65. Ethnographische Einzelbeschreibung: die Indogermanen; die
Russen, Italiener, Franzosen. Die Indogermanen stehen den Semiten als die
cräftigere, viel langsamer sich entwickelnde, objektivere, geistig flüssigere, gemütsreichere,
erfinderischere, naturfrischere Rafse gegenüber. Ihr Gemütsleben und ihre Phantasie,
ihre träumerische Hingabe an die Natur und die Objekte ihrer Thätigkeit hätte sie
vielleicht an großen, praktisch-wirtschaftlichen Leistungen gehindert, wenn sie nicht überall
die geistige und technische Erbschaft der Semiten übernommen hätten. Mit ihr gelangten
sie zu dem sie auszeichnenden harmonischen Gleichmaß der Körper- und Seelenkräfte, sie
erhoben sich viel leichter als jene über Subjektivität und Egoismus; sie haben allein
die Staats- und Gesellschaftsformen der heutigen Kulturwelt ausgebildet, welche auf
der Fähigkeit ruhen, mit weitem Blicke Vergangenheit und Zukunft, Nahes und Fernes
zu umfafsen, die Individualität zu ihrem Rechte kommen zu lassen, ihr Eigentum,
persönliche Freiheit und freie Bewegung und Ausbildung zu gewähren und doch mit
ganzem Gemüte einem großen Staatsverbande sich hinzugeben, der Tausende und
Millionen umfaßt, in dem Gerechtigkeit und Ordnung herrscht, auch die unteren Klassen
Schutz und Förderung finden.
Werfen wir einen kurzen Blick auf die wichtigsten der heutigen indogermanischen
Völker, wie sie die neuere Geschichte ausgebildet hat.
Im heutigen Rußland sind verschiedene slavische Stämme vereinigt mit fin nisch—
—DO— nordmännischer
Häuptlinge und die Annahme der griechischen Kirche, dann die zweihundertjährige
Mongolenherrschaft, in den letzten Jahrhunderten deuischer Einfluß sind die wichtigsten
eingesprengten und aufgepfropften Beimischungen. Ziemlich verschiedenartig stehen sich
noch heute der extravagante, verschwenderische Pole, der nach dem Sprichwort auf der
Jagd einen Hahn erlegt, um beim Essen einen Ochsen zu verspeisen, der, stets elastisch
begeistert, heiter und nachlässig „polnische Wirtschaft“ treibt, dann der ackerbauende,
tabile, altväterische, um das heilige Kiew sich gruppierende, sentimentale, liederreiche
Kleinrusse und endlich der moderne, mit Mongolen- und Tatarenblut viel mehr gemischte,
dem Handel und dem Gewerbe viel mehr zugeneigte, seit dem 16. Jahrhundert zur
Herrschaft gelangte Großrusse gegenüber. Und doch hat man gesagt, alle Russen er—
schienen wie aus einem Troge gebacken, es sei die größle Angahl gleichartiger Menschen,
die es in Europa gebe.
Asiatisches Romadentum und slavischer Ackerbau, asiatischer Despotismus und
europäische Kultur sind im Russentum verschmolzen. Gewisse äußere und innere Züge
erinnern an die Chinesen: die Stirn, die Backenknochen, die Nase, der Handels-Lund
        <pb n="165" />
        Die Indogermanen; Russen, Italiener, Franzosen. 153

Schachergeist, das vorwiegende Bauerntum, die Fähigkeit, zuerst alle Schwierigkeit leicht
zu überwinden, dann stehen zu bleiben, die Anbequemung an jede Situation.
Der Russe ist weichen, zärtlichen Charakters und liebt die Musik; er bleibt unter
den größten Entbehrungen munter; er ist ein ausgezeichneter Bedienter, Handlanger,
Soldat; er geht als Bauer, als Krämer, als Hausierer, als Arbeiter überall hin, wo
der rusfische Doppeladler herrscht, aber nicht über ihn hinaus. Der Russe ist überall
—————
halb barbarischen Handelsmenschen; listig, zur Simulation geschickt, dem Betrug nicht
abgeneigt, mit leidenschaftlichem Triebe des Gelderwerbes, nach Trinkgeldern lüstern bis
zur Selbfterniedrigung. Anhänglichkeit, Treue, maschinenmäßige Ausdauer, Gehorsam
zeichnen ihn aus. Er liebt die Gesellschaft, ist von religiösen Stimmungen beherrscht,
aber es mangelt noch die Ehrlichkeit, das Zartgefühl, das Gewissen der höheren Kultur
wie die entschiedene Energie, die höhere Intelligenz. Die Arbeit erscheint der Masse
fast noch als etwas Entehrendes. Der Russe lebt vielfach noch in den Tag, verkauft
sein Ehebette oder seine Silbersachen, wenn er eine Reise vorhat. Er ist nicht so zuverlässig
und pünktlich wie der Deutsche, aber auch nicht eigensinnig wie dieser. Er ist Realist
in der guten und weniger guten Bedeutung des Wortes, wo der Deutsche Idealist ist.
Die heutigen Italiener haben etruskisches, italisches, griechisches, keltisches,
phönikisches, semitisch-arabisches, germanisches Blut in sich: eine einheitliche Nation sind
sie seit den Tagen der römischen Weltherrschaft geworden; sie waren es so früher als
alle anderen europäischen Nationen; diesen Traditionen, der römischen Kirche und ihrer
Handelslage verdanken sie ihre hohe mittelalterliche Kultur, die das Wesen des Volkes
bis heute beherrscht. Die Italiener wurden damals die ersten rein individuellen Menschen
der modernen Zeit.
Unter dem glücklichen Himmel werden die materiellen Bedürfnisse leichter befriedigt
als im Norden; felbst das Proletariat behält damit eine Freiheit, eine gewisse persönliche
Würde, die, gepaart mit Anstand und Schönheitsgefühl, mit einer Sprachfähigkeit
ohnegleichen, die Nordländer überrascht und beschämt. Frugal, nüchtern, höflich und
iebenswürdig, geschwätzig und musikalisch, aber auch naiv eigennützig und intrigant,
klug reflektierend zeigt der Italiener eine Einfachheit und Geschicklichkeit im Denken und
Handeln, die vor allem auf der Abwesenheit von tieferen Gemütsbewegungen beruht.
Das Individuum ist ein vollendeter Mensch, die Herrschaft der Familie, der Gesellschaft,
des Staates über ihn ist gering; man findet sich mit ihm, wie mit der Kirche, äußerlich
ab, geht klug seinen Plänen nach, erreicht dabei Großes in der Kunst, in der Diplomatie,
auf vielen Gebieten; aber auch in der Intrigue, in der Pietätlosigkeit, der Falschheit,
ja der Ruchlosigkeit. Gewissen und Scham spielen gegenüber der natürlichen Naivität,
der Phantasie und der Leidenschaft die geringere Rolle. Das Volk pfeift und singt,
schwatzt und gestikuliert den ganzen Tag; es arbeitet zum großen Teil auch unermüdlich;
die unteren Klafsen arbeiten sich fast zu Tode. Der italienische Arbeiter ist dem deutschen
oielfach überlegen. Dabei ist der Gegensatz der Stände geringer als irgendwo; der
Fürst sitzt in der Kneipe neben dem Spießbuͤrger und neben seinem Pächter; alle Klassen
sind städtisch angehaucht, haben städtische Gewohnheiten, was freilich nicht hindert, daß
die Ärmsten der Armen auf dem Lande fast ein Leben wie die Wilden führen. Heute
lasten über dem schönen Lande noch die Nachwirkungen jahrhundertelanger Mißregierung.
Wenn etwas das Volk wieder heben kann, so ist es der gesunde, mit der Kirche ver—
söhnte nationale Staat, wenn ihm die Ausbildung gerechter Institutionen und die
Beseitigung der althergebrachten Korruption gelingt. Auch die volkswirtschaftliche
Hebung des Landes hängt daran.
die Franzosen sind als Romanen den Italienern verwandt. Aber den Kern
des Volkes bilden die gallischen Kelten, welche die iberischen Ureinwohner ebenso
äbsorbierten wie die späteren germanischen Einwanderer. Die 400 jährige römische
Herrschaft hat die dauerndsten Spuren im Volkscharakter hinterlassen; aber auch sie
hat die reizbaren, schnell entschlossenen, gesprächigen, witzigen, eitlen und kampflustigen
Gallier aus Cäsars Zeit nicht sowohl verändert als abgeschliffen. Heute wie damals
        <pb n="166" />
        54 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

ist es ein zierlicher, elastischer, untersetzter Menschenschlag mit kleinem, ovalem Kopf,
dunkeln, lebhaften Augen, ausdrucksvollen Gesichtern. Die Erscheinung, die Form ist
dem Franzosen die Hauptsache; die Geselligkeit ist ihm sein Lebenselement; von der
Mode beherrscht, lebt er, um gesehen, bewundert, geehrt zu werden. Mit Anmut bewegt
er fich in allen Lebenslagen; mit Geschick und Geschmack weiß er sich das Haus und
das Leben einzurichten, nirgends anstoßend, überall mit einem Witzwort sich helfend.
Der scharfe, schematisierende, ordnende Verstand und die leichte schwungvolle Erregbarkeit,
die glänzende und durchsichtige Sprache und der veredelte Kunstsinn haben nach den
verschiedensten Seiten Großes geleistet; Frankreich war lange in Politik und Wissenschaft,
Kunst und Litteratur, Technik und Geschmack an der Spitze der europäischen Kultur.
Heute ist, wie das Hillebrand so scharfsinnig ausführt, der Grundzug des französischen
Wesens rationelle Verständigkeit.
Wie die Ehe sorgfältig ausgeklügelte Vernunftehe ist, so ist die Erziehung darauf
gerichtet, einen klugen, feinen Egoismus in wohlwollenden Formen zu erzeugen; die
Eltern wollen nicht charakterfeste, geistesfreie Söhne haben, sondern ihnen die Wege
ebnen, fie davor bewahren, sich lächerlich zu machen. Was man am höchsten schätzt,
ist nicht fester Wille, Mut, Arbeit um der Sache willen, sondern Mäßigkeit, Besonnen—
heit, Fügsamkeit gegenüber allen konventionellen Regeln. Nirgends ist man so redlich
vom letzten Dienstboten bis zum Millionär, so ordnungsliebend, solid und sauber in
der Kleidung, so mäßig im Essen und Trinken, so wenig verschwenderisch, so klug
berechnend in der Sparsamkeit. Der Franzose ist stets gefällig, nicht leicht generös; er
arbeitet in gewissen Jahren außerordentlich fleißig, aber um so früh als möglich sich
zur Ruhe zu setzen oder um irgend ein Ordensbändchen, eine Auszeichnung zu erhalten;
uneigennütziges Arbeiten ist ihm unverständlich. Auch in der Liebe, in der Religion
ist er klug, vorsichtig, berechnend. Diese kluge Reflexion reicht für gewöhnliche Lebens—
lagen aus, versagt aber leicht in den großen und besonderen Augenblicken. Und daher
ist das französische Volk in solchen Lagen so kopf- und ratlos, von bleicher Panik,
bdlinder Leidenschaft, selbstsüchtiger Wildheit erfaßt. Es fehlen, sagt Hillebrand, dem
Franzosen jene ernsten männlichen Tugenden, die nur auf dem Boden des inneren
individuellen Lebens gedeihen. Es herrschen wenigstens bei einem erheblichen Teile die
aüchternen und rationalistischen Ideale der Mittelmäßigkeit und die Phrasen.
66. Ethnographische Einzelbeschreibung: Die germanischen
Völker, die Deutschen. Die romanischen und die germanischen Völker sind die
Hauptelemente der europäischen Kultur, auf ihrem Zusammenwirken und ihrer Wechsel—
wirkung beruht die europäische Geschichte. Die Romanen sind die älteren, die Germanen
die jüngeren Glieder derselben Familie, jene sitzen im Süden und Westen, diese im
Norden und im Centrum Europas, jene sind direkter von den Überlieferungen der Antike
und der mittelalterlich-katholischen Kirche beherrscht als diese. Der Protestantismus
und die geistigen, au ihn sich knüpfenden, sittlichen und staatlichen Reformbewegungen
gehören der germanischen nordeuropäischen Welt an.
Die großen stattlichen Leiber, die blonden Haare und blauen Augen, die rücksichts—
lose Härte, der unbeugsame Stolz, die hingebende Treue, das reine Familienleben der
Germanen bewunderten schon die Römer. Und diese Eigenschaften finden sich noch heute
bei manchen der germanischen Völker, zumal den ungemischteren nordgermanischen, wenn
auch so vieles seither da und dort unter anderen Verhältnissen sich wandelte, und
Schicksal, Klima, Rassenmischung, Wirtschaftsleben die einzelnen germanischen Stämme
und Völker weit auseinander führte.
Bleiben wir zunächst bei den Deutschen stehen, so werden wir sagen können, daß
die Barbaren des Tacitus durch die Kämpfe mit Rom, die definitive Seßhaftigkeit, die
christliche Kirche zwar schon etwas andere geworden seien, daß aber die lang dauernde
Naturalwirtschaft und das Mißlingen eines eigenen centralistischen Staates, sowie die Los—
lösung von Rom durch den Protestantismus doch auf längere Erhaltung ihrer älteren
Eigenschaften hinwirkte, als sonst wohl geschehen wäre. Noch ist heute Deutschland eine
Völkermutter wie einstmals Fran; viele Jahrhunderte hat es alle Völker Eutopas mit
        <pb n="167" />
        Das deutsche Volk.

155

Soldaten versehen, wie heute noch so viele Kolonien mit Auswanderern, Kaufleuten, Hand⸗
werkern und Bauern. Die abströmenden Glieder verlieren draußen ihre Nationalität, obwohl
es die kräftigsten und kühnsten Elemente sind, während die zahmeren zu Hause bleiben. Noch
ist heute beim Deutschen die volle, oft unkluge Hingabe an die auf- und abwallenden
Bemütsbewegungen, der trotzige Kriegsmut vorhanden, noch heute ist die Neigung zu
säfsigem Nichtsthun, zu übermäßigem Essen und Trinken in breiten Kreisen nicht über—
wunden; noch heute zeichnet sich der deutsche Arbeiter gegenüber dem französischen nicht
durch größere Geschicklichkeit und größeren Geschmack, sondern durch größere Zuverlässigkeit
 und allgemeinere Anstelligkeit, weiteren Horizont aus. Der Deutsche lebt heute
noch gern in den Tag hinein, mit Gleichmut läßt er das Schicksal herankommen, statt
es zu meistern. Er ist heute noch mehr Weltbürger als nationaler Egoist. Er heiratet
nach der Stimmung des Gemüts, zeugt Kinder, lebt von der Hand in den Mund, wo
der Franzose überlegend berechnet. Trotz höherer Schulbildung ist er schwerfällig, nicht
allzu sparsam, läßt an Sonntagen draufgehen, was er in der Woche verdient, er hat
noch nicht so genau rechnen und handeln gelernt wie der Jude, der Romane, ja der
Slave und Chinese. Freilich hat daran das späte Durchdringen der Geldwirtschaft und
der höheren Wirtschaftsformen überhaupt ebensoviel Anteil wie der Volkscharakter. Und
die neueste großartige Entwickelung der deutschen Volkswirtschaft hat manches daran
zeändert. Außerdem stehen diesen wirtschaftlich ungünstigen andere wertvolle Eigen—
schaften gegenüber: der unermüdliche Fleiß, die treue Hingabe an übernommene Auf—
Jaben, die fich anpassende Fügsamkeit. Das deutsche Heer und Beamtentum, die Reichspost
ind die Staatsbahnen, unsere großen Aktien- und Privatunternehmungen waren und
sind nur möglich durch ein Menschenmaterial, das für solches Zusammenwirken fast
einzig in seiner Art ist.
Im einzelnen ist der deutsche Nationalcharakter bei den verschiedenen Stämmen
ein ziemlich verschiedener; sie haben die verschiedensten Beimischungen fremden Blutes
n sich, haben durch verschiedene Geschichte und verschiedene Lage notwendig auch eine
oerschiedene Entwickelung erhalten. Die Ober- und die Niederdeutschen sind noch heute
in Sprache und Wesen getrennt. In den Oberdeutschen steckt mehr keltisches und roma—
aisches Wesen. Zu ihnen gehört der fröhliche, sanguinische Hsterreicher, der derbe, schwer—
jällige Bayer, der regsame, gutmütige Thüringer, der ernste und tiefe Schwabe, der
leichtlebige, halbromanisierte Franke. Ein Wort über die beiden letzteren Typen nach
Rümelin und Riehl.
Der Schwabe will sich in keine zwingende, nivellierende Form fügen; er stellt
Eigenartigkeit und Unbeugsamkeit des Charakters am höchsten, in spröder Subjektivität
will er lieber stocken als sich abgegriffener Modewendungen bedienen. Dabei in engem
Ktreise, in dicht bevölkertem Lande überall anstoßend, wird dem Schwaben leicht eine
in sich gekehrie, bald nüchtern praktische, bald träumerische Lebensrichtung eigen, wenn
er nicht lieber in die Fremde zieht, um den Schranken zu Hause zu entfliehen. Der
zewandtere Fremde erscheint ihm leicht als Schwätzer; er ist gegen ihn zurückhaltend
und kritisch. Neues eignet er sich nicht so rasch an; aber er ist unter dem Drucke der
Verhältnisse sparsam, betriebsam geworden; selbst der Reiche verdeckt seinen Reichtum
eher, als daß er groß damit thäte.
Der fränkische Pfälzer hat wohl auch etwas vom allemannischen Demokratentrotz
in sich, in erster Linie aber zeigt er romanische Biegsamkeit und Geschmeidigkeit; selbst
der Bauer ist rationalistisch, dem Fortschritt auf allen Gebieten ergeben; er ist
gewürfelter, pfiffiger, geldgieriger als alle seine östlichen Nachbarn. Und diese Eigen—
schaften sind auf alle Franken übergegangen. Nicht umsonst sagt ein rheinhessischer
Dichter: „Mer is uff derre Welt (freilich auch Gott zu Ehren), Jo doch for sunscht nix
do, als for ze profederen.“ Man will gewinnen, nirgends verstummen, überall das
letzte Wort haben, als gescheit gelten. Der Unterschied von Stadt und Land ist ver—
wischt. Heiteres Kneipenleben, witzige launige Geselligkeit herrscht. Viel Aufklärung,
Freude an der Arbeit und am Besitz, individualistische Selbständigkeit stehen dicht neben
Figendünkel, Materialismus, Habsucht, Verschwendung und Bettelei.
        <pb n="168" />
        36

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Den Übergang zum Norden machen die ernsten, nüchternen, aber auf armem
Boden zurückgebliebenen, jedoch tüchtigen Hessen, die geweckten, ruhigen, intelligenten
Sachsen, die den Thüringern verwandten Schlesier. Der Nordosten Deutschlands enthält
eine Mischung slavischer Elemente mit allen anderen deutschen Stümmen: es ist auf
diesem wiedereroberten Kolonialboden das kräftige, nüchtern verständige, unternehmungs—
lustige Geschlecht erwachsen, das den deutschen Staat wieder aufgerichtet hat, auch in
den Fortschritten der Technik und der großen Industrie jetzt in erster Linie steht. In
Holstein, Westfalen, Hannover und den Niederlanden sitzt der niederfächsische Stamm,
ene gens ropustissima, die reinste deutsche Bauernrasse; trotzig und ernst, im schweren
Kampfe mit den Elementen hat sich dieser Menschenschlag zu dem besten Material für
ein gesundes Staatswesen und eine künstlich gefügte Volkswirtschaft entwickelt. Es sind
die Nachbarn und nächsten Verwandten der Holländer, welche die Gunst ihrer Lage und
der Heldenkampf gegen Spanien im 17. Jahrhunderte zu glänzender Höhe emporhob.
Von ihnen giebt E. M. Arndt eine gute Schilderung.
Ungeschlachte, schlotterige Leiber, gemächlich und nachlässig in der Erscheinung,
freundlich gutmütige Gesichter; selbst bedeutende Menschen sehen gewöhnlich, selbst die
Feurigen schläfrig aus. Ohne Leidenschaft, ohne Phantasie, ohne alle Eitelkeit lebt
dieser Menschenschlag nur dem Zweckmäßigen, Tüchtigen, Ordentlichen. Pedantisch, klein—
meisterlich, säuberlich im Hause, widmei sich jeder mit rastloser Thätigkeit seinem Berufe,
»ekämpft mit hartnäckigem Freiheitstrotz jede Tyrannei. Eigensinnig, hartnäckig am
Alten klebend, verständig, zäh im Glauben, naiv, in der Kunst das Kleinste treu wieder—
gebend hat dieses Volk in seinem Handel, in seinem Wohlstand, in der Rechtswissen⸗
schaft, der Mathematik, den Natuͤrwissenschaften das Höchste erreicht, was man mit
biederer Mühe und trockenem Ernste allein erreichen kann.
67. Ethnographische Einzelschilderung: Die Engländer und
RPordamerikaner. Schlußergebnis. Die Englaͤnder sind eine Mischung von
Kelten, Niedersachsen und französisch⸗romanischen Normannen. Von den Kelten haben sie
Sprachklang und Beweglichkeit, von den Sachfen die starken Leiber, den guten Magen, die
harten Nerven, die derbe Sinnlichkeit, den tapferen Mut, von den Normannen romanische
Staats- und Gesellschaftseinrichtungen und vornehme aristokratische Lebenshaltung: ein
Zrobes derbes, festes, deutsches Gewebe mit französischer Stickerei hat Kohl das englische
Wesen genannt. Beim Schotten hat keltische Geisteskraft und norwegisch⸗dänisches
Bermanentum zusammengewirkt, um ihn noch verständiger, nüchterner, aber auch vfiffiger,
erwerbsfüchtiger zu machen.
Die insulare Lage und eine politische und wirtschaftliche Entwickelung ohnegleichen
haben dem Engländer den festen, in sich geschlossenen Nationalcharakter gegeben. Sichere
Entschlossenheit, nüchterne Thatkraft, derbes Willensvermögen herrschen vor. Stolz uͤnd
gleichgültig gegen andere verfolgt der Engländer seine Wege; schwerfällig, würdig, kurz
and kalt geht er der Arbeit, der Politik, dem Ernst des Lebens nach; er läßt Welt und
Menschen an sich kommen, brutalisiert und mißhandelt die schwächeren Rassen und Klassen,
aber zu Hause ist er in Familie und Gemeinde edel, pflichttreu, hochherzig. Mit
trotzigem Freiheitssinn hat er eine Selbstverwaltung, ein Vereins- und Associationswesen
geschaffen, wie kein anderes Volk es hat. Peinlich folgt er der Sitte, die für ihn stets
einen ethischen Charakter hat, die zu verletzen er für Ünrecht hält. Diese Strenge der
Sitte garantiert überall Solidität, innere Tüchtigkeit, gute Arbeit, brauchbare Werk⸗
jeuge und Maschinen, Möbel und Zimmereinrichtungen, die tadellos ihren Dienst thun.
Mit robusten, gut genährten, viereckigen, ausdrücksvollen Körpern und Köpfen, mit
iner großen Portion gesunden Menschenverstandes, mit derben Vergnügungen, mit
kalter Gleichgültigkeit gegenüber Zurückbleibenden und Untergehenden, kämpfen sie den
Kampf des Daseins mit der Losung: dem Mutigen gehört die Welt. Mit Organi⸗
sationstalent, mit zähem Fleiß und echnischem Geschick arbeiten sie unermüdlich an der
Verbesserung von Handel und Gewerbe ind Uckerbau Die Acben allein, sagt J. St. Mill,
steht zwischen dem Engländer und der Langweile; die Mehrzahl fragt nicht viel nach
Vergnügungen und Erholungen; sie kennen keinen anderen Zweck als reich zu werden.
        <pb n="169" />
        Die Engländer und die Nordamerikaner. 157

s in der Welt zu etwas zu bringen. Die nationale Festigkeit und Ausdauer bei der
Arbeit erstreckt sich selbst auf die unteren Klassen in England. Daher sagt der englische
Werkführer von französischen Arbeitern: it can not be called work, they do; it is looking
zt it aud wishing it done. Nicht umsonst ist der Engländer mit seinem freien Staatswesen,
 seiner persönlichen Freiheit, seiner Familienzucht, seinem Rechtsbewußtsein, seiner
Gemeindeverfafsung, seiner Fähigkeit, zu herrschen und zu kolonisieren, der Erbe des
holländischen Welthandels und des holländischen Reichtums geworden.
Nur einer kommt John Bull in der wirtschaftlichen Energie und Einfeitigkeit
zleich, das ist sein jüngerer Bruder Jonathan jenseits des Ozeans. Das nord-⸗
Amérikanische V'olf hat wohl schon erhebliche Bruchteile deutschen, französischen,
holländischen und irischen Blutes in sich, aber in der Hauptsache ist es englischer Ab—
tammung. Die jugendliche Kultur, das Unfertige der Zustände, die außerordentlichen
Gewinnchancen in dem bisher unerschöpflich scheinenden Koloniallande stellen dort die
elfmade men, die mit nüchterner, rücksichtsloser Thatkraft keinen anderen Lebenszweck
kennen als Geld zu verdienen, noch mehr in den Vordergrund als in England. Früh—
reife Kinder, halberwachsene Jungen stürzen sich schon in die Dollarjagd. Wohl fehlen
daueben die idealen Eliemente nicht; in den alten Neuenglandstaaten besteht noch das
puritanische Quäkertum und feinste englische Lebensart; in Newyork steckt noch etwas von
holländischer Emsigkeit; in Virginien und anderen südlichen Staaten sind die Traditionen
zer englischen Aristokratie nicht erloschen, in Boston und Philadelphia ist englische Gelehr—
amkeil mit amerikanischem Puritanertum gemischt. Überall herrscht Sitte und Religiosität.
Im Westen freilich ist das Leben roher, die Sitten sind jovialer. In Kentucky mischt fich
Fer aristokratische Geist des Südens mit der Arbeitsenergie des Yankee bis zur Tollkühnheit.
Im ganzen aber ist der Charakter doch überall ähnlich. Es sind tüchtige Menschen,
wver die Mehrzahl ist ohne tiefere Bildung, ohne reiches Gemüt; Bildung, Wissenschaft,
Adel, Bureaukratie geben nicht die Ziele des Strebens. Alles arbeitet, spekuliert, hetzt,
gewinnt oder verliert. Selbst die Farmer sind Techniker, Kaufleute und Spekulanten, so
sehr diese wetterverbräunten Bauerngestalten im Ringen mit Sumpf und Urwald, mit
Räubern und Diebsgesellen allem städtischen Leben fern stehen.
Begeisterung ift in den Vereinigten Staaten eine seltene Sache, kalte Verstandes—
ruhe ist nötig, um reich zu werden. Selbst der Anblick des Niagarafalles ruft im
HYankee nur den Gedanken wach, wie viel unverbrauchte Wasserkraft da ungenützt herab⸗
slürze. An Kenntnis und Erfahrung, wie ein Land groß und reich zu machen, wie die
Raturkräfte auszubeuten, die Haufen der Menschen zu bewegen sind, ist wohl eine einzige
zmerikanische Großstadt reicher als manches europäische Land. Mit fieberhaft bewegter
ffentlichkeit wird hier die Reklame betrieben, die Konkurrenz braucht jedes Mittel; die
uropaische Menschenklasse, welche in Unwissenheit, Schlendrian und demütiger Selbst—
beschrünkung erstarrt ist, fehlt ganz oder geht sofort zu Grunde. Jeder Bürger ist von
demokratischrepublikanischem Selbstbewußtsein erfüllt; wer heute Stiefelputzer ist, kann
morgen Kraͤmer, in zehn Jahren Bankier, Advolat oder Senator sein. Ein großartiges
Geschaäftsleben mit der Perspektive von Newyork nach San Francisco ruft die Tausende
von Ehrgeizigen und Waghalfigen in seine ungeheuren Bahnen. Man hat das Leben
des Amerikaners schon mit einer dahinbraufenden Lokomotive verglichen. Der Europäer
nimmt sich neben ihm allerdings nur wie ein ruhiger Spaziergänger aus.
Eiwas von soichen Zügens hat überall das Kolonialleben, das auf reichem, über⸗
schüssigem Boden mit der Technik und den Mitteln einer alten Kultur arbeitet. Auch
der Judividualismus, die Abwesenheit jedes kräftigen Regierungsapparates sind ähnlich
in anderen Kolonien zu finden. Manche der schroffen Züge werden in dem Maße zurück—
treten, wie die Kultur älter wird, aber im ganzen wird der durch Rasse, Klima, Ge—
schichte und Gejellschaftseinrichtungen geschaffene und in Fleisch und Blut übergegangene
Volkscharakter doch dauernd derselbe bleiben; im ganzen ist nirgends in der Welt ein
Volk sonst zu finden, das so einseitig alle körperlichen und geistigen Kräfte auf das
technische, kaufmännische, kurz wirtschaftliche Vorwärtskommen konzentriert. Daß ein
iolches Volk mit den europäischen Kulturvölkern, vollends mit den Orientalen oder gar
        <pb n="170" />
        Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
mit den Naturvölkern volkswirtschaftlich gar nicht in eine Linie gestellt werden kann,
oersteht sich von selbst. —

Es ist nicht angezeigt, hier zum Schluß dieser Einzelschilderungen zu versuchen,
sie und die obigen allgemeinen Ausführungen zu abschließenden Resultaten zusammen—
zufassen. Soweit Derartiges bisher versucht wurde, wie von Gobineau oder neuerdings
oon Vierkandt, gehört es nicht hieher, sondern etwa in unsere Schlußbetrachtung. Nur
zein Wort der Kritik möchte ich hier noch beifügen. Unser Wissen guf dem vorstehenden Ge⸗—
biete, das allgemeinere in Bezug auf die Rassen, ihre Entstehung, Anderung und Spaltung,
auf Vererbung und Ähnliches, wie das speciellere in Bezug auf die wichtigsten Rassen—
und Völkertypen hat den Grad der Ausbildung sicherlich nicht erreicht, der für seine
Benutzung zu volkswirtschaftlichen Untersuchungen wünschenswert wäre. Den pfsycho—
logischen Völkerbildern, die wir gaben, kann man vorwerfen, es sei nicht deutlich zu
sehen, was in ihnen Folge des erblichen Rassentypus, was Folge des Landes, der
augenblicklichen geistigen Zustände und gesellschaftlichen Einrichtungen sei; man wird
jagen müssen, daß aus keinem derselben sich ohne weiteres die Geschichte oder die Volks—
wirtschaft des betreffenden Volkes ableiten lassen könne. Aber doch ist schon dieses Wifsen
aicht ohne Wert und wissenschaftliche Bedeutung.
Jede gute volkswirtschaftliche Schilderung von Ländern, Industrien, Agrarzuständen
geht heute von einem konkreten psychologisch-ethnographischen, einheitlichen Bilde der
handelnden Menschen aus. Alles volkswirtschafiliche Urteilen ist ein sichereres, wenn es
nicht bloß den abstrakten Menschen oder gar seinen Erwerbstrieb, sondern die Spielarten
der Rassentypen im Auge hat, wie wir schon in allen älteren Lehrbüchern sehen, die
bei der Erörterung der Arbeitskraft von den Rassen, Volkscharakteren, nationalen Arbeitssitten,
 der verschiedenen nationalen Auffafsung der Arbeitsehre sprachen. Alles Schließen
über volkswirtschaftliche Institutionen und ihre Umbildung, über die Verbreitung tech—
nischer Künste und socialer Einrichtungen von Volk zu Volk hat einen besseren Boden,
wenn wir die Rassentypen, ihre Verwandtschaft und Verschiedenheit kennen, wenn wir
ꝛrwägen, wie das Eindringen höherstehender Individuen auf bestimmte Rassen und die
Rassenmischung wirke. Fuͤr alle diese wissenschaftlichen Aufgaben ist der besser aus—
gerüstet, welcher wenigstens die allgemeinen Resultate der Völkerkunde kennt. Was Knies
schon vor fast 50 Jahren in seinem Abschnitte „über den nationalen Menschen“ verlangte,
das sollte hier wenigstens im Umrisse versucht werden.

3. Die Bevölkerung, ihre natürliche Gliederung und Bewegung.
Allgemeines. Süßmilch, Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen
Beschlechtes. 1742. 4. Aufl. 1775, ed. Baumann. — Malthus, Üssay on the principle of
20pulation. Anonym 1798, dann mit dem Namen öfter 180372; deutsch von Hegewisch 1807, von
Stopel 1878. — Ch, Bernoulli, Handbuch der Populationistik. 18411. 9. Nohl, Geschichte und
ditteratur der Bevölkerungslehre. (Gesch. u. Litt. d. Staatsw. 3, 409 ff.) 1888. — Wappäus, All—
zemeine Bevölkerungsstatistik. 2 Bde. 1859. — Roscher, Die Bevölkerung. (Grundlagen d. Nationalok.
Buch IV) 1834-97. — Rümelin, R. A., 2 Bde., 1875 u. 1881, und die Bevoͤlkerungslehre (in
Schönbergs Handbuch d. pol. Hkon. 1882-95, 1). — v. Mayr, Die Gesetzmäßigkeit im Gesell⸗
chaftsleben. 18773 — Ders., Die Bevölkerungsftatistik. 1897. — Westergaard, Die Lehre von der
Mortalität und, Morbilität. 1881. — J. FNeumann, Beiträge zur Geschichte der Bevölkerung
in Deutschland seit Anfang des 19. Jahrhunderts. 5 Bde. 1883 1894. Georg Hansen, Die
drei Bevölkerungsstufen. 1889. — 9. eege een und Bevölkerungspolitik. 1888.
v. Mayr, Allgemeines statistisches Archiv, seit 1880 5 Bde. — Pulletin de Pinetitut interaationsl
 de Statistique, seit 1886 12 Bde. — Journal ot the vtatistical socisty of London, seit
1339 64 Bde. Außerdem die zahlreichen Zeitschriften der einzelnen statistischen Amnter. — Die Be—
dölkerung der Erde, von Behm, H. Wagher und Supan im Geogr. Jahrb. 1866 und wieder⸗
jolt in Petermanns Mitteilungen aus J. Perthes' geogr. Anstalt 1871big 1898.
.u, Bevölkerungsgeschichte. Hume, Menge der Menschen bei den alten Nationen. Vermischte
Schriften. 85 dentsch 1754. * Zumpt, Aher den Stand der Bevölkerung und die Volksver—
nehrung im Altertum. 1841. — Dieterici, Über die Vermehrung der ie seit dem Ende
»der der Mitte des 17. Jahrhunderts. Berl. Akad. phil.-hiftor. h. 1880. 58. Schönberg,
        <pb n="171" />
        Die Bevölkerungslehre.

159

Finanzverhältnisse der Stadt Basel im 14. u. 15. Jahrhundert. 1879. — Bücher, Die Bevölkerung
don Frankfurt a. M. im 14. u. 15. Jahrhundert. 1886. — Jastrow, Die Volkszahl deutscher
Städle zu Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit. 1886. — Beloch, Die Bevölkerung
der griechisch-römischen Welt. 1886. — Die Artikel im H.W. über Geschichte der Bevölkerung von
Ed. Meher, Inama-Sternegg, Rauchberg.
Kolonisalion und Wanderungen. Roscher und Jannasch, Kolonien, Kolonialpolitik und
Auswanderung. 1856 u. 18885. — Leroy-Beaulieu, De la colonisation chez les peuples
modernes. 1874 u. öfter. — Hübbe-Schleiden, Überseeische Politik. 1883. — A. Zimmermann,
Die europäischen Kolonien. Ju. 2, 1896-898.
Schriften des Vereins f. Socialpol. 82 (von Schmoller, Thiel, Rimplex und Sombart,
1886) u. 56 (von Sering, 18983) über innere Kolonisation. — Rändow, Die Wanderbewegung der
entraleuropaischen Bevölkerung. st. stat. Monatsschr. 1884. — Schumann, Die inneren Wanderungen
in Deutschland. Stat. Archiv 1, 1890. — Auswanderung und Auswanderungspolitik. Schriften d.
Ver f. Socialpol. 52 (von Philippovich, 1892) und 72 (von Rathgen, Mayo-Smith und Hehl,
1896). — Die Artikel über Auswanderung im H.W. und W.V.

68. Vorbemerkung. Haben wir in den beiden letzten Abschmritten Erscheinungen
und Zusammenhänge behandelt, die, an sich unendlich kompliziert, in ihren Einzelheiten
weit auseinanderliegen, der wissenschaftlichen Beherrschung heute noch zu einem großen
Teile spröde gegenüber stehen, so kommen wir mit den Bevölkerungsverhältnissen auf
einen festeren, durch die Siatistik geebneten Boden. Die Bevölkerungslehre faßt die durch
Rasse, Gebiet und Geschichte gegebenen menschlichen Gemeinschaften in der Weise, daß
sie ihre biologischen Erscheinungen, Geburt und Tod, ihre Gliederung nach Alter und
Geschlecht, ihre Größenverhältnisse, ihre Zu- und Abnahme untersucht, dabei aber von
den übrigen Seiten des Volkslebens, der socialen Gliederung, der wirtschaftlichen Organi⸗—
sation uñd Derartigem absieht, nur den generellen Zusammenhang zwischen der Größe
und Bewegung der Bevölkerung und ihrem Wohlstand erörtert.
Schon im Altertum hat man die Zu- oder Abnahme der Bevölkerung als wichtige
sociale und politische Thatsache erkannt; mit der Renaissance der Wissenschaften und
der neueren Staaten- und Volkswirtschaftsbildung kam man auf diese Probleme zurück,
fing man an, über die Größe der Bevölkerung zu verschiedenen Zeiten (Hume) nach—
zudenken, den politischen Vorteil der Bevölkerungsdichtigkeit einzusehen (die Populatio—
nisten des 17. und 18. Jahrhunderts). Aber erst seit die Kirchenbücher die Geburten,
Eheschließungen und Todesfälle verzeichneten, seit Süßmilch dieses Material zum ersten
Versuche einer Bevölkerungslehre verdichtet, Malthus energisch auf die Schattenseiten
einer zu raschen Bevölkerungszunahme hingewiesen und die amtliche Statistik unseres
Jahrhunderis sich auszubilden angefangen hatte, konnte von Qustelet, Bernoulli, Wappäus
in von einer wissenschaftlichen Bevölkerungslehre gesprochen werden. Aus ihren Resultaten
haben wir hier das mitzuteilen, was als Grundlage einer zusammenhängenden volks—
wirtschaftlichen Erkenntnis unentbehrlich ist. Wir müssen dabei verzichten, auf die
Technik der Zahlengewinnung einzugehen; wir müssen neben den gesicherten da und dort
Schätzungszahlen zu Hülfe nehmen. Die statistische Zahl ist uns nur ein Hülismittel
der Darfiellung, nicht Selbstzweck wie in den statistischen Werken.
69. Die Altersverhältnifse. Aus dem natürlichen Ablauf des menschlichen
debens ergiebt sich die Thatsache, daß wir keinen Stamm und kein Volk treffen, die sich
nicht aus älteren, erwachsenen und jüngeren Individuen zusammensetzten. Alle mensch—
— DD
Summe von verschiedenen Altersringen, ist damit in jedem folgenden Jahre aus teil—
weise anderen Individuen zusammengefetzt. Schon Süßmilch erschien diese Ordnung,
die er mit dem Vorbeimarsch eines Regiments Soldaten vor seinem Fürsten vergleicht,
als die größte Offenbarung der göttlichen Vorsehung. Der Ewige, ruft er, läfset das
Heer des menschlichen Geschlechtes in fest bestimmten Abteilungen aus dem Nichts
erscheinen; ste folgen sich, werden in jedem Stadium ausgemustert; die Abteilungen
werden immer kleiner, bis sie nach Erreichung des einem ieden gesteckten Zieles wieder
derschwinden.
Keine Erscheinung der menschlichen Gesellschaft, des Staates und der Volkswirt—
schaft ist verstäudlich ohne den Gedanken dieses steten Generationswechsels. Auch alles
        <pb n="172" />
        60 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Verständnis der Institutionen und der Entwickelung, des Fortschrittes oder Rückschrittes
der Gesellschaften hängt an diesem Punkte. In Familie und Familienrecht haben wir
die feste Ordnung, welche die Erzeugung der Kinder regeln foll, in unserem Erziehungs—
wesen, in unseren Schulen, im Lehrlingswesen, in den Anfangs- und Vorbereitungsstellen
die gesellschaftlichen Institutionen, welche die heranwachsende Generation durch 5 bis
20 Jahre hindurch für die spätere definitive, oft nicht viel länger dauernde Lebens—
chätigkeit vorbereiten. Die staatliche und wirtschaftliche Organisation stellt sich vom
Standpunkte des Generationswechsels als eine Ordnung fester Laufbahnen dar; das
Lebensglück aller Individuen hängt von der Art ab, wie sie in diesen Laufbahnen
borankommen, wie ihr Einkommen in ihnen sich abstuft und ansteigt, wie die Zahl der
Anfangs-, Mittel- und Endstellen sich zu einander verhält. Die Frage, ob die Eltern
nur bis zum 10. oder 15. oder 25,. Lebensjahre wirtschaftlich für die Kinder sorgen
tönnen, ist in jeder socialen Klasse eine der wichtigsten. Die Ansammlung des Vermögens
in den Händen der älteren Generation macht einen erheblichen Teil ihres Einflusses
aus; der Übergang desselben von einer Generation zur anderen und das Erbrecht ist
eines der wichtigsten Elemente der socialen Ordnung. Die notwendigen Abwandlungen
in den Gefühlen und Anschauungen, in Erziehung und Gesittung von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt bedingen, daß in jeder Gesellschaft die Jungen und die Alten sich gegenüber—
sttehen; die Alten, im Besitze der wichtigsten Stellen, des Vermögens, der Erfahrung,
beherrschen nüchtern konservativ die Gesellschaft; die Jungen, im Besitze des idealistischen
Mutes, der frischen Thatkraft, der optimistischen Hoffnungen, drängen voran, sie wollen
ihre neuen Ideale zur Geltung bringen, sie wollen die Stellen und den Einfluß erwerben,
den die Alten haben. Alle Festigkeit der Gesellschaft und alle geordnete Überlieferung
ist bedingt durch die Autorität der Alten, ihre Zahl und ihre Lebensdauer: aller Fort—
chritt durch die frischere Kraft der Jungen.
Sind es derartige allgemeine Betrachtungen, von denen man bei der Würdigung
des Generationswechsels ausgehen muß, so erschließen sich uns die speciellen wirtschaft⸗
lichen Folgen des Altersaufbaues der Gesellschaft besser an der Hand der statistischen
Zahlen. Wir geben nach Mayr folgende Anteile der 10iährigen Altersklassen an je
1000 Individuen der Bepölkerung:

Bulgarien Ungarn England

Frank⸗
reich
88 1891
217 173
14 98 174
8 2 3 161 163
2 37 1 7 25 125 138
8 08 99 .04 109 115 114 123
65 78 71 78 83 78 91 101
45 46 47 52 52 57 64 78
37 29 28 28 27 30 20 *8n

25

Anter 10 Jahren
10-20 Jahre alt
20—-30
30 - 40
10 - 50
50 - 60
30 - 70
äüber 70,
unter 20, J 507 453 452 449 435 432 415 347
20 260 33 411 481 475 471 485 481 101 528
iber 60, J 82 68 75 80 79 87 94 128

—44—

Lassen wir zunächst die Unterschiede dieser Zahlenreihen ganz bei Seite und sehen
uur auf das UÜbereinstimmende. Es sind überall die jüngsten Klassen, als die vom
Tode am wenigsten gelichteten, die besetztesten; fast durchaus ist jede ältere Altersklasse
schwächer als die vorhergehende, aber die Unterschiede zwischen je zwei nächstliegenden
Klassen sind verhältnismähig in der Jugend und im Alter stärker als zwischen dem
20. und 60. Jahre, weil die letzteren Klassen die von Krankheit und Tod am wenigsten
bedrohten sind. Die jugendlichen Klassen bis zu 20 Jahren machen 834 —500/0 der
Bevölkerung, die über 60 jährigen 8213 0/0 aus; die kräftigen 20 — 60 jährigen
        <pb n="173" />
        Der Generationswechsel und die Altersklassen. 161

11—-32 0/0; auf ihnen ruht überwiegend die wirtschaftliche Last der Unterhaltung der
Familien, der Gemeinden, des Staates. Von den beiden anderen Altersgruppen, die
überwiegend nur verzehren, fällt die Heranziehung der künftigen Generation 4226 mal
schwerer als die Pflege der absterbenden. Sie ist durch die viel stärkeren Triebe der
mütterlichen und elterlichen Liebe garantiert; aber diese haben oft nicht ausgereicht
ind reichen selbst heute vielfach noch nicht ganz aus; ein großer Teil der Kinder ist
zu allen Zeiten der Schwierigkeit zum Opfer gefallen, welche durch ihre wirtschaftliche
Pflege für die Eltern entstand. Auch die viel leichtere Last, die alten Leute zu unter—
halten, hat immer schwer auf der Gesellschaft geruht. Und wenn die rohesten Zeiten,
zie doch viel weniger Greise hatten, die Alten töteten, so hat die höhere sittliche Kultur
zwar ihre Lage gebessert, hat Jahrtausende lang Ehrfurcht und Pflege für das Alteri
berlangt, ist aber nie voll zum Ziele gelangt; noch die neueste Entwickelung zeigt, daß
Zie Liebe der Verwandten und Kinder nicht recht ausreichen will, daß alle möglichen
Versicherungs-, Pensions- und ähnliche Einrichtungen über die Klippe hinweghelfen
müssen.
Auch wenn man die Abgrenzungen der drei großen Altersgruppen etwas anders
taßt oder ihre Zahlenverhältnisse weiter ins einzelne verfolgt, wird das Bild nicht viel
geändert. Die unler 15 jährigen machen durchschnittlich etwa 35 0/0, die 135—7 0jährigen
Awa 60 0/0, die über 70 jährigen etwa 5 8/0 aus. Engel berechnet, daß die preußische
Bevölkerung 1835 444 Millionen Jahre durchlebt hatte, und daß von diesen auf,die
Zeit vom 15. —70. Jahre nur 230, auf die übrige, die sogenanute „unproduktive“
Zeit 210 Millionen fielen. Die Säuglinge unter einem Jahre machen in Deutschland
ast 30/0 der Bevölkerung, die schulpflichtigen Kinder 17,18 040 aus; die wehrpflichtigen
mannlichen Altersklassen (17 —45 jährigen Männer) 19 — 200/0. Die ehemündigen, über
16 Jahre alten Frauen 82—38 0/0. An Gebrechlichen (Blinden, Taubstummen, Irr—⸗
innigen) rechnet man etwa 0,4 0/0; an Kranken gehen von den sonst produktiv Thätigen
mmer noch einige Prozente regelmäüßig ab. So giebt der Altersaufbau durch alle wirt—
schaftlichen Lebensverhältnisse hindurch den festen zahlenmäßigen Rahmen für die Summe
der verwendbaren Kräite und der daneben zu tragenden Lasten.
Natürlich ist nun aber das Verhältnis von Kraft und Last je nach den Kultur—
— (da
ihre Zahlen alle der Gegenwart und mehr oder weniger geordneten Staaten angehören)
die Gegensätze, die in der Geschichte vorgekommen sind, entfernt nicht in ihrer vollen
Schärfe zu entnehmen. Je weiter wir in der Geschichte und Kultur der Menschheit
zurückgehen, desto weniger erwachsene und ältere Versonen waren ohne Zweifel durch—
ichnittlich in jeder Gesellschaft.
Herbert Spencer hat durch eine Vergleichung aller Tierarten und dieser mit den
Menschen gezeigt, daß bei den niedrigsten Wesen die Erzeugung der Nachkommen Ver—
aichtung der Eltern bedeutet, daß, je höher die Wesen stehen, desto mehr die Jugendzeit
und die Epoche nach der Geschlechtsreife verlängert wird, Eltern und Kinder neben
einander leben. Er sieht in dem Verhältnis der Natur- zu den Kulturvölkern einen
ihnlichen Fortschritt: dort frühe Geschlechtsreife, frühes Altern und Sterben, erschöpfende
Inanspruchnahme der Frauen durch Kindererzeugung, größte Kindersterblichkeit; hier,
zumal bei den nördlichen Rassen, längere Jugend, spätere Geschlechtsreife, Verringerung
der Geburtenzahl, höheres Alter; das menschliche Leben ist weniger durch die Fort—
pflanzung ausgefülit, andere Zwecke können mehr verfolgt werden; es leben mehr
Menschen, welche die Zeit der Kindererzeugung hinter sich haben; und dabei sorgen die
Eltern für die Kinder, diese für jene besser, die edelsten Freuden beider aneinander
wachsen; all' dies setzt er in Zusammenhang mit der Monogamie und ihrem Siege.
And er hat wohl mit diesem Gedanken vollständig recht: das planmäßige Leben der
hohen Kuͤltur, die Herrschaft der Überlieserung, die feste Ordnung der Gesellschaft hängt
nii einer steigenden Zahl erwachsener, älterer, für höhere Aufgaben zugänglicher Menschen
zusammen. Äuch der Wohlstand kann eher steigen, wenn nicht eine Uberzahl von Ge—
Schmoller. Grundriß der Volkswirtschaftslehre J. 4-6. Ausfl. 11
        <pb n="174" />
        162

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

burten und von Menschen mit kurzem Leben die Zahl der produktiven Jahre ein⸗
ichränkt.
Hätten wir eine Statistik der Naturvölker und früherer Zeiten, so würden wir
hier ohne Zweifel einen wesentlich jugendlicheren Altersaufbau sehen. In unferer Tabelle
stehen Bulgaren und Ungarn in reicher Besetzung der Jugend voran; dann folgen
England und Deutschland, während die Schweiz und Frankreich die reichste Besetzung
der Klassen von 20—60 Jahren und der Übersechzigjährigen haben. Unsere ganze
Tabelle und speciell diese Relationen zeigen uns nun aber, daß sie nicht bloß von
dieser Tendenz beherrscht sind, daß die Lebensverlängerung und ftärkere Besetzung der
höheren Altersklafsen nur so weit als ein unbedingtes Zeichen des Fortschrittes sich darstellt,
vie man Völker mit gleicher Zunahme vergleicht. In unserer Tabeile stehen aber fast
tabile Völker, wie Frankreich, und rasch zunehmende, wie England und Deutschland.
Die ersteren müssen mehr alte, die letzteren mehr junge Leute haben; in Kolonialländern
zritt die Jugend noch mehr hervor. In den Vereinigten Staaten machen die unter
15 jährigen 38, in Deutschland 35 0/0 aus.
In unseren Zahlen sprechen sich also zwei Bewegungen aus, die in gewissem
Sinne einander korrigieren: die Lebensverlängerung und reichere Altersbesetzung der
höheren Kultur und die Verjugendlichung des Ältersaufbaues durch eine rasche Zunahme
der Gesamtzahl. Wo diese Zunahme aufhört, und wo zugleich individueller Lebensgenuß
und kluge Bequemlichkeit die frische Thatkraft lähmt, die Kinderzahl sehr einschränkt,
da erhalten wir das Bild einer Altersgliederung mit abnehmender Kinder-, zunehmender
Altenzahl, welche nicht mehr Fortschritt, sondern Stillstand oder gar Auflösung der Gesell⸗
scchaft bedeutet. Ganz zurückgehende, absterbende Völker haben zuletzt fast gar keine
Kinder mehr, nur noch ältere Leute.
Neben diesen allgemeinen Tendenzen, die wir in dem Altersaufbau wahrnehmen,
tönnen überall besondere Umstände, wie Kriege, große Krankheiten, starke ÄAus oder
Einwanderungszeiten auf bestimmte Altersklaffen eine Einwirkung ausüben. Die groß⸗
städtische Bevölkerung erzeugt nicht nur meist weniger Kinder als die kleinstädtische und
ländliche, sie hat in der prozentualen Ausrechnung auch deshalb noch schmäler besetzte
Klafsen bis zu 15 Jahren, weil durch die höheren Schulen, die Lehrzeit, die große Zahl
von Dienstboten und jungen Arbeitskräften die Prozentzahl der 15—30jährigen, meist
aoch unverheirateten Altersklassen eine größere ist als auf dem platten Lande. Wir
dürfen bei diesen Einzelheiten nicht länger verweilen.
70. Das Geschlechtsverhältnis und die Verehelichung. Die zweite
zroße natürliche Unterscheidung für die Beobachtung der Bevölkerung liegt im Geschlecht.
Die statistische Erfahrung giebt ein scheinbar einfaches Ergebnis: das in der Hauptsache
überall annähernd vorhandene, wie es scheint nach Stoͤrungen sich wiederherstellende
Gleichgewicht der beiden Geschlechter, das sich uns als eine große Ordnung der Natur
und als eine Grundbedingung unserer Gesittung, unseres Familienlebens darstellt; wir
sind aber bis jetzt nicht fähig, die Ursachen und die bestimmte Art, wie diefes Gleichgewicht
sfich erhält, zu erkennen. Wir sehen nur, daß das einfache Ergebnis vielen kleinen Ab—
weichungen unterworfen ist und sich aus verschiedenen Elementen zusammenfetzt.
Auf das Gleichgewicht des männlichen und weiblichen Geschlechtes im ganzen wirkt
1. die Zahl der männlichen und weiblichen Geburten und 2. die verschiedene Sterblich—
keit und Auswanderung der beiden Geschlechter in verschiedenem Alter. Die Statistik
unserer Kulturvölker zeigt, daß auf 100 Mädchen durchschnittlich etwa 104 —106 Knaben
geboren werden, daß bei der etwas größeren Sterblichkeit der letzteren das Gleichgewicht
gegen die Zeit der Geschlechtsreife in der Regel erreicht ist, und daß in den Staaten
mit starkem Seemannsberuf, starker männlicher Auswanderung, überhaupt mit stärkerem
Männerverbrauche dann die Frauen jedenfalls in den älleren Altersklassen und auch im
gesamtdurchschnitt die Männer etwas übertreffen. In England kommen auf 1000 über
Ojahrige Männer, 1222 solche Weiber, in Deutfchland 1132; im Gesamtdurchschnitt
aller Altersklassen dieser zwei Länder auf 1000 Männer 1064 und 1040 Weiber, während
in Schlesien 1113, in Rorwegen 1075, in Frankreich 1014 Frauen auf 1000 Männer
        <pb n="175" />
        Das Gleichgewicht der beiden Geschlechter. 163

Jezählt werden. Wo derx Männerverbrauch nicht so stark oder gar der der Frauen durch
schlechte Behandlung, Überanstrengung ꝛc. ebenso groß ist, da können die Männer im
Hesamtdurchschnitt überwiegen: so kommen auf 1000 Männer in Italien 995, in
Briechenland 905, in Britisch Indien 958 Weiber. Wo starke Männereinwanderung
n Rechnung kommt, wird die Differenz noch etwas größer: in Australien kommen auf
1000 Männer 866, in den ganzen Vereinigten Sliaaten 953, in den Weststaaten
398 Frauen. In ganz Europa ist das Verhältnis jetzt 1000 zu 1024, was immer
4 Millionen Weiberüberschuß giebt, in Britisch Indien soll es 1000: 958 sein, was
z Millionen Weibermangel bedeutete.
Kommt so Männer- wie Frauenüberschuß im Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung
vor, so hält er sich doch meist in mäßigen Grenzen und ist durch die späteren Schicksale
des einen oder anderen Geschlechtes bedingt. Aber er scheint doch auch da und dort
von einem abweichenden Verhältnis der Geburten verursacht zu sein. Bei rohen und
halbkultivierten Völkern ohne ausgebildete Statistik, von denen uns die stärksten Ab—
wveichungen im Gesamtgleichgewicht (z. B. von Ratzel, Westermarck ꝛc.) gemeldet werden,
da können wir freilich steits zweiseln, ob das Geburtenverhältnis oder die späteren
Schicksale oder beides zusammen in verschiedenen Stärken die Abweichung erklären.
Sicher ist auch hier vielfach das spätere Schicksal das eingreifende: z. B. die Tötung
der neugeborenen Mädchen, die starke Mißhandlung der Frauen da und dort, das über—
rühe Mutterwerden. Wir finden rohe Stämme, wo auf 435 Männer nur eine Frau
kommt. Andererseits, z. B. bei den Eskimos und Indianern, auf 100 Männer 130 bis
200 Frauen, was wesentlich auf die gefährlichen Jagden, Eisfahrten und Derartiges der
Männer zurückzuführen sein wird. Aber schon Humboldt meldete, daß in Neuspanien
der Knabenüberschuß bei den Geburten ein größerer sei; andere. Forscher berichten für
Australien einen starken Überschuß der Mädchengeburten; Ahnliches hören wir aus Syrien
und Mesopotamien, bis zu 2—3 Mädchen auf einen Knaben; Emin Pascha behauptet
Bleiches von Negerstämmen. Auch in Europa kommen große Schwankungen vor: in Russisch-Polen
 100: 101, in Rumänien und Griechenland 100 Mädchen: 111 Knaben. Wir
dürfen auf die vermuteten Ursachen dieser Abweichungen nicht näher eingehen; die
Wissenschaft steht noch vor den Vorfragen. Am ehesten scheint man heute sagen zu
können: Raffenverschiedenheit der Eltern, überhaupt große Verschiedenheit, alle Paarung,
die man unter dem Begriffe der Exogamie zusammenfaßt, bewirke ein starkes Anwachsen
der Mädchengeburten; Gleichheit der Eltern, wie alle Inzucht vermehre die männlichen
Beburten. Daß die Vielmännerei und Vielweiberei da und dort mit der anormalen
Zahl der vorhandenen Männer oder Frauen zusammenhängt, ist möglich; sicher aber
scheint, daß weder die eine noch die andere anormale Gestaltung des ehelichen Rechtes
regelmäßig und überall von der anormalen Zahl der Geschlechter bedingt ist. Die
Sitten und Institutionen des Geschlechtslebens haben ihre eigene Geschichte und Ur—
'achen; die Vielweiberei ist überdies meist nur eine Einrichtung für die wenigen Reichen,
an der das übrige Volk nicht Teil hat; sie kann auf Weibereinfuhr beruhen oder auf
Ntichtverehelichung eines Teiles der Armeren; im ganzen kommt sie in den reichen
Ländern des Südens am häufigsten vor, wie die Vielmännerei in ganz armen Ländern,
wo die Not zur Einschränkung der Kinderzahl nötigt, und daher mehrere Brüder sich
aur eine Frau halten können.
Von den verschiedenen Formen der Ehe, ihrer historischen Entwickelung, der Größe
der Haushalte und ihrer wirtschaftlichen Bedeutung wird unten in anderem Zusammen—
hange gesprochen werden. Hier haben wir nur im Anschluß an den natürlichen
Gegensat der Geschlechter die überwiegend mit statistischen Mitteln zu lösende Frage ins
Auge zu faffen, welcher Teil der Bevölkerung das ebenso natürliche wie durch Sitte und
Recht normierte Ziel der Eingehung einer Ehe erreiche, in welchem Alter das geschehe,
welcher Teil der Erwachsenen unverehelicht bleibe, welche Zahl von Ehen jährlich ge—
ichlofssen werde, und mit welchen wirtschaftlichen Ursachen das zusammenhänge.
Bei den Naturvölkern, zumal den unter südlichem Himmel lebenden, treten alle
15—20 jährigen, mit Ausnahme der Verkrüppelten und Gebrechlichen, in die Ehe.
41*
        <pb n="176" />
        4 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Machten also auch bei ihnen, wie bei den Kulturvölkern, die über 20 jährigen 55 0/0 der
Bevölkerung aus, so wären etwa 50 0/0 verheiratet und verwitwet; es sind in Europa
viel weniger. Wo, wie im Norden, die Geschlechtsreife und das Heiratsalter später liegt,
und wo bei dichterer Bevölkerung die wirtschaftliche Begründung eines Hausstandes
schwieriger ist, wird eine zunehmende Zahl Erwachsener teils nie, teils erst später zur
Ehe schreiten. Von den über 50jährigen sind heute in Britisch Indien 1,8, in Ungarn 8,
nn Deutschland 9, in England 10, in Hsierreich 18, in der Schweiz 170/0 unverheiratet.
Die. Zahl der Verheirateten und Verwitweten unter den über 15 Jahre alten schwankt
1886— 90) in den verschiedenen Staaten zwischen 56 (Belgien) und' 76 6/0 (Ungarn);
in England sind es 60, in Deutschland 61, in den Vereinigten Staaten 62, in Frankreich
349/0. Zählt man bloß die Verheirateten ohne die Verwitweten, so sind es —10 0/6
weniger. Vergleicht man die Verheirateten allein mit der ganzen Bevölkerung, so sind
s 33—39 No, statt der oben genannten 300/60.
Die beobachteten zeitlichen und geographischen Schwankungen in der Prozentzahl
der Verheirateten zeigen uns, daß ihre Abnahme im ganzen eine notwendige Folge der
höheren Kultur, der dichteren Bevölkerung sei, daß“ im einzelnen aber Altersaufbau,
Wohlstand und wirtschaftlicher Fortschrist, Sitte und Wirtschaftseinrichtungen einen
zroßen Einfluß haben. Die Abnahme kann vorkommen, ohne daß sie als Druck, Ent⸗
behrung und Mißstand stark empfunden wird, auch ohne zu starken sexuellen Verirrungen,
zur Steigerung außerehelicher Geschlechtsbeziehungen und unehelicher Geburten zu führen.
Spätere Geschlechtsreife, das stärkere Erfaffen höherer Lebenszwecke, das Zurücktreten des
exuellen Lebens bei einzelnen Personen läßt es denkbar erscheinen, daß Ehelosigkeit oder
päteres Heiraten ohne zu großen Druck und Schaden von manchem ertragen wird.
Aber es ist ein kindisch-optimistischer Standpunkt, anzunehmen, das treffe allgemein zu;
dielmehr liegen hier die schwersten Konflikte des Menschenlebens verborgen; jed Abnahme
der Verheirateten vollzieht fich im ganzen doch in schwerem Kampfe und mit großen
ittlichen Gefahren. Wie stark aber die Abnahme in den europäischen Kulturstaaten sei, ob
ie in den letzten Generationen zugenommen habe, ist vor allem deswegen schwer zu sagen,
weil wir als Hülfsmittel der Messung meist nur die Vergleichung der Verheirateten mit
der Zahl der Lebenden haben, und letztere je nach dem Altersaufbau sich aus einer ver—
chiedenen Zahl Heiratsfähiger, Kinder und Greise zusammensetzen. Wenn in Deutschland
Jeute 34, in Frankreich 89 0/0 der Lebenden verheiratet sind, so ist damit nicht gesagt,
daß dort 5 040 weniger Erwachsene verheiratet seien; von den über 15 jährigen waren
in Deutschland 61,4, in Frankreich 64,6 80 verheiratet oder verwitwet; aber auch das
entscheidet noch nicht, da die 15—22jährigen in beiden Ländern auch eigentlich noch
nicht Heiratskandidaten, und fie in Deutschland viel zahleicher sind als die unter
15 jährigen, deren es in Deutschland 85, in Frankreich nur 260/0 der Lebenden giebt.
Das Heiratsalter der Männer ist heute in Westeuropa 28 —31, der Frauen 283 bis
28 Jahre, in Osteuropa ist es 285—26 und 21 -22 Jahre. Daraus könnte man einen
Maßstab für die Verspätung der Ehen entnehmen.
Auch die Zahl der jaͤhrlichen Eheschließungen im Vergleich zur Bevölkerung ist
kein ganz richtiger Ausdruck der Heiratsmoöglichkeit; man müßte die Zahl nur mit den
dem Alter nach Heiratsfähigen vergleichen. Wir haben aber größere Vergleichsreihen
nur in der Art, daß festgestellt ist, wie viele Ehen jährlich auf 1000 Einwohner fallen;
wvir müssen davon absehen, daß unter diesen 1000 hier mehr Erwachsene, dort mehr
Kinder sind. Die mir bekannten, aus der Zeit von 1620— 1891 stammenden Angaben
schwanken zwischen jährlich ——15 Ehen auf 1000 Einwohner, meist aber nur zwischen
. und 10; Rümelin berechnet 8,3 6/00 jährlich als eine Art Normalzahl für unsere
Verhältnifse, so daß 6 —7 eine geringe, 8,52 10 eine große Ehezahl bedeutete.
Die kleinen Schwankungen von Jahr zu Jahr hängen mit den Preisverhältnissen, den
Ernten, den Konjunkturen und wirtschaftlichen Hoffnungen und Stimmungen zusammen;
sie betragen heute meist nur 0, 10/00. Sie fallen erst ins Gewicht, wenn sie eine Reihe
von Jahren sich fortsetzen und sich bis zu 0,5— 1,0 ohb steigern. In diesen großen
Anderungen treten die iefgreifenden Verschiedenheiten der Länder und Zeiten in Bezug
        <pb n="177" />
        Die Zahl der Verehelichten und der Eheschließungen. 165

auf wirtschaftliche Hoffnungen, auf Schwierigkeit und Leichtigkeit der Existenzgründung
zu Tage.
Süßmilch führt für 1620—1755 Beispiele aus Holland mit 185 jährlichen Ehen,
aus deutschen Städten mit 5,8 an; er zeigt die Abnahme der Ehefrequenz in verschiedenen
Städten und Provinzen von 1680—-1750 und bringt sie in Zusammenhang mit der
Thatsache, daß es 16650—-1720 noch galt, Lücken aus den Kriegs- und Sterbejahren
des 17. Jahrhunderts auszufüllen; in den meisten preußischen Provinzen war gegen
1700 die Ehezahl 11,7 -10; gegen 1750 war sie in Magdeburg, Halberstadt, Minden,
Brandenburg auf 8—29 gesunken, während sie in den östlichen menschenleeren Teilen
Preußens dieselbe blieb wie 1700. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und
der Zeit bis 1840, ja teilweise bis 1850 bleibt die Frequenz, soweit wir Zahlen haben,
meist auf 7—-8, ja sinkt z. B. in mehreren Schweizer Kantonen auf 5, in Württemberg
auf 6, in England und Frankreich auf 7,8. Dann folgt die große Zunahme von 1840
an, noch mehr von 18860 —60. Der allgemeine Ausschwung des wirtschaftlichen Lebens
führt, wenigstens in England, Deutschland, Osterreich-Ungarn, den Vereinigten Staaten,
für ein oder mehrere Jahrzehnte zu S—10 Ehen, während neuestens wieder ein Rückgang
auf 7—28, in Norwegen und Schweden auf 6, eingetreten ist, und einige Länder, wie
Belgien, Frankreich, die Niederlande, Dänemark, stets bei 7—8 geblieben waren.
71. Die Geburten und die Todesfälle. Alter und Geschlecht sind die
elementaren natürlichen Unterschiede, Geburt und Tod die elementaren natürlichen Er—
eignisse, welche die Bevölkerung beherrschen. Ihre Zahl bringt man für gewöhnlich in
der Art zur Anschauung, daß man, wie bei den Eheschließungen, berechnet, wie viel
Beburten und Todesfälle jährlich auf 1000 Lebende kommen. Die Zahlen, die man so
erhält, wären streng genommen nur dann ganz vergleichbar, wenn alle Staaten und
Bebiete den gleichen Altersaufbau und die gleiche Stabilität oder Zunahme zeigten.
Da dies nicht überall zutrifft, so hat man neuerdings feinere Methoden der Vergleichung
ausgebildet. Wir müssen uns aber des Raumes wegen mit dieser roheren hier begnügen,
die für unsere Zwecke auch im ganzen ausreicht.
Die Zahl der Geburten und der Todesfälle ist in erster Linie von physiologifch—
naatürlichen Ursachen bedingt; aber diese geben nur äußerste Grenzen der Möglichkeit,
innerhalb deren dann hauptsächlich die Kulturursachen bestimmend sind. Wenn alle
Menschen 70 Jahre alt würden, so würde jährlich der 70, d. h. 14,3 auf 1000 oder
noch erheblich weniger sterben, da hiemit eine stark zunehmende Zahl der Lebenden ver—
bunden wäre; aber nur ausnahmsweise kommt es vor, daß erst der 40., 50. oder 60.
stirbt, meist sterben viel mehr, heute 2080 auf 1000. Auf 1000 Seelen gewöhnlicher
Alters- und Geschlechtszusammensetzung könnten jährlich 160 Kinder geboren werden,
venn es irgendwo denkbar wäre, daß alle Frauen fruchtbar wären und alle 22 Jahre
ang jährlich ein Kind erhielten; aber 25—50 Kinder sind heute das Gewöhnliche auf
1000 Seelen. Das heißt, die wirklichen Zahlen der Geburten und Sterbefälle sind ganz
andere als die physiologisch unter idealen Kultur- und Wirtschaftsverhältnissen, unter
Wegdenkung aller übrigen Ursachen möglichen; die Menschen haben stets einen schweren
Kampf ums Dasein geführt und führen ihn noch; Lebenserhaltungen und Fortpflanzung
waren nie allein dastehende und herrschende Zwecke, sondern solche, welche sich als Teil—
zwecke ins Ganze der menschlichen Bedingungen und Ziele einzufügen haben.
Bleiben wir zunächst bei der Geburtenzahl, so wissen wir leider über sie aus
älterer Zeit und von primitiven Völkern nichts Genaueres, erst aus neuester Zeit etwas
über einige außereuropäische Länder. Ich halte es für denkbar, daß in älkteren Zeiten und
im Süden unter den günstigsten Lebensbedingungen die Geburtenzahl (stets auf 1000 Ein—
wohner bezogen und die Totgeburten ausgeschlossen) jährlich 70 —90 erreichen konnte,
da sie heute noch in Indien 418—50, in Rußland 46—50, in Java 50 -60, auch in
einzelnen deutschen Kreisen solche Höhe erreicht. In Frankreich, Irland, einigen Neu—
englandstaaten ist site neuerdings auf 20 —23 gesunken. Im Durchschnitt geben 2 Ge—
burten auf das Leben einer zeugungsfähigen Frau die Geburtenzahl 15, 4 die Zahl 30,
s die Zahl 45, 8 die Zahl 60 auf 1000. Osteuropa hat heute etwas höhere Zahlen
        <pb n="178" />
        36

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

als Westeuropa, die Slaven höhere als die Germanen, diese höhere als die Romanen. Doch
scheinen Raffe, Klima, Arbeits- und Klassenteilung, Vorwiegen von Ackerbau und Ge—
werbe, Stadt und Land, Bevölkerungsdichtigkeit nicht die ersten und wesentlichen Ursachen
der Verschiedenheit zu sein; alle diese Faktoren wirken nur im Zusammenhang mit den
zeschlechtlichen Sitten und Gepflogenheiten und den wirtschaftlichen Gesamtzuständen und
Aussichten. Diese beiden Elemente stehen im Vordergrunde. Die Franzosen z. B., deren
Geburtenziffer im 19. Jahrhundert von 32,9 auf 22,6 sank, hatten im 18. Jahrhundert
36—39, sie haben sie noch in Canada und Algerien; es ist die Zahl, welche heute
Preußen und die meisten deutschen Staaten haben. Also nicht die französische Rasse,
sondern die Sitten und die wirtschaftlichen Zustände bewirken die heutige niedrige Zahl.
Es giebt sehr dichtbevölkerte Länder mit hoher Geburtenziffer (über 80), sehr dünn—
obevölkerte mit geringer; das platte Land hat vielfach eine größere Zahl, da und dort
aer auch eine geringere als die Städte.
Die Schwankungen von Jahr zu Jahr sind meist nicht unerheblich, weichen auch
in unserer Zeit von den Mittelzahlen häufig um einige Prozente nach oben und unten
ab; aus dem vorigen Jahrhundert kenne ich noch größere Schwankungen; sie werden
weiter zurück noch erheblicher gewesen sein. Die Ursachen hiefür sind überwiegend wirt—
schaftliche: Abnahme in und nach Hunger-, Kriegs⸗-, Krisenjahren, Steigerung in und
aach guten Erntejahren, Zeiten des Geschäftsaufschwunges, der steigenden Löhne. Von
solchen Gelegenheitsursachen aus kann dann aber auch im Zufammenhang mit dauernden
und großen Veränderungen des wirtschaftlichen Lebens und der geschlechtlichen Sitten
eine Jahrzehnte hindurch anhaltende Veränderung erfolgen. Die preußische Geburtenzahl
stand 1816—-27 auf 42-44, sank dann etwas, um 1834—46 auf 40 zu bleiben, ging
1840-60 auf 35 herab, um 1860—80 auf 37—39 zu stehen und nun wieder ausf 37
herabzugehen. In Württemberg stieg die Zahl 1846—575 von 40 auf fast 44 und sank
dann auf 34; in England ging sie in denselben Epochen von 82 auf 85 und von 85
auf 30, während sie in Rußland von 1801-75 von 41 auf s1 stieg, nun auf 46
teht. Das ist wefsentlich der Ausdruck großer wirtschaftlicher Veränderungen der be—
reffenden Staaten, während das Sinken in Frankreich mehr Folge des siegenden
Zweikindersystems und des vorsichtig ausklügelnden Egoismus, aber auch der mehr
stabilen Volkswirtschaft ist.
Die größere Geburtenzahl iu Indien, Java, Rußland, auch des östlichen und
mittleren Deutschlands hängt neben den wirtschaftlichen Verhältnissen mit den Gepflogen—
heiten des geschlechtlichen und Familienlebens zusammen, die man so bezeichnen könnte:
nan schreitet dort noch naiver zur Ehe, zeugt mehr Kinder, begräbt aber auch viel mehr.
Die Geburten sind zahlreicher, weil man die Lücken der Kindersterblichtkeit wieder ausfüllen
will, und die Sterblichkeit ist groß, weil die große Kinderzahl die Sorgfalt der höheren
Kultur in der Kinderpflege nicht recht gestattet. Gewisse Schriftsteller, wie Malthus,
gehen so weit, zu sagen, meist sei die Geburtenzunahme Folge größerer Sterblichkeit,
also ein ungünstiges Zeichen. Das ist sie keineswegs immer; aber richtig ist, daß sie
der Ausdruck größeren Wohlstandes wie größerer Sterblichkeit oder des Leichtsinns
sein kann. —
Auch über die Zahl der jährlichen Todesfälle im Verhältnis zur Bevölkerung
wvissen wir aus älteren Zeiten und aus Gebieten ohne Statistik nichts Sicheres. Daß
sie in den Kulturstaaten und in neuerer Zeit im allgemeinen abgenommen habe, ift
icher: doch giebt Süßmilch für das vorige Jahrhundert im Durchschnitt ganzer Länder
27,7 Todesfälle auf 1000 Lebende an, was von der Zahl für Deutschland 1871 -90
mit 26—24 nicht weit absteht. Rawson giebt als gegenwärtiges Mittel an: für Ost—
uropa 35,7, für Centraleuropa 28,8, für Südeuropa 28,6, für Nordwesteuropa 20,5.
Die größten heute beobachteten nationalen Gegenfätze sfind 17 in Norwegen, in Connecticut
und einigen südamerikanischen Staaten, 88—88 für Rußland, dem Chile, Spanien,
Rumänien und Ungarn nahestehen. Eine Sterblichkeit von 18—21 haben heute die
kultivierteren Staaten mit geringerer Geburtenzahl und Kindersterblichkeit, eine solche
von 22—28 ist das mittlere Ergebnis, während die Länder mit siarker Geburtenzahl
        <pb n="179" />
        Die Zahl der Geburten und der Todesfälle. 167

ind großer Kindersterblichkeit 25—388 Todesfälle haben. Eine Abnahme der Sterblichkeit
im 18. Jahrhundert ist fast überall zu beobachten: in Schweden war sie 1751 -70 27,6,
1816. 10 234, 1884-93 17,2; 'in Deutschland 1841-50 28,2, 1890-95 24,5;
dieses Sinken fand aber nicht ohne mancherlei Schwankungen statt; dieselben müssen von
Jahr zu Jahr unter Umständen größer sein als etwa bei der Geburtenzahl; man hat
gesagt, die Sterbeziffer sei um die Hälfte dehnbarer als die Geburtenziffer; Hunger-,
risen-, Krankheitsjahre greifen hier jäher ein, als umgekehrt gute Jahre die Geburten
ördern: die Sterblichkeit war z. B. in Preußen 1816 27, 1818 81, 18285 27, 1831
36, 1840 28; in Deutschland sank sie 1882—60 von 29 auf 24, stieg 1866 auf 32,
war dann 2728, aber 1871 wieder 81, um endlich successiv auf 27, 25, 28 herab—
zugehen. In einzelnen Städten und zeitweise, z. B. in Hamburg im Cholerajahre 1892,
st'noch neuerdiugs die Sterblichkeit von vorher 22224 auf 40 gestiegen, um in den
olgenden Jahren wieder auf 20 und 18 zu sinken.
Die allgemeine Deutung der Sterbeziffern ist nicht sehr schwer: Wohlfahrt, gute
Sitten und Siaatseinrichtungen, gesunde hygienische Verhältnisse vermindern die Sterb—
lichkeit, verlängern das Leben. Wenn man früher allgemein in den Städten größere
Sterblichkeit fand, so lag die Ursache teils in den ungesunden Verhältnissen, teils im
harten Daseinskampf; jetzt haben manche Städte eine geringere Sterblichkeit als der
Landesdurchschnitt. Daß in vielen Ländern die Sterblichkeit mit der größeren Dichtigkeit
der Bevölkerung wächst, ist nicht Folge dieser an sich, sondern der häufig in solchen
Ländern vorhandenen Zahl vieler armer Leute und anderer ungünstiger Verhältnisse.
Die steigende Wohlhabenheit und die verbesserte Hygiene haben an der verminderten
Sterblichkeit von 1760 —1890 sicher den Hauptanteil; aber im Vergleich der verschiedenen
heutigen Staaten werden wir nicht sagen können, daß ihre Sterbeziffern allein diesen
Arsachen entsprechen; Länder mit geringerem Wohlstand und mäßiger Hygiene haben
zeringe Sterblichkeit, z. B. Finnland 20, Griechenland 21, Bulgarien 21, Norwegen 16;
Deutschland und Hfterreich haben höhere Sterblichkeit, 26—228, als Länder, die ihnen
an Wohlstand gleichen, z. B. die Schweiz mit 21, Belgien und die Niederlande mit 20.
England hat jetzt 31, Irland 18, und wie viel reicher ist das erstere; Frankreich hat
22 und steht so England sehr nahe, ist aber doch nicht so wohlhabend und in seiner
Hygiene so entwickell. Die Ursache dieser Verschiedenheiten liegt in dem Altersaufbau,
der Geburtenzahl und vor allem in der schon mehr erwähnten Kindersterblichkeit. Wo
diese groß ist, beeinflußt sie sehr stark die allgemeine Sterblichkeitsziffer, ohne daß in
— —
stand und die Hygiene entsprechend geringer wären.
Im allgemeinen wird man für frühere Zeiten und rohe Kulturen annehmen
önnen, daß ihre Kindersterblichkeit meist eine noch viel größere war als heute in den
sulturstaaten, wo sie am schlimmsten ist. Die mittelalterliche Bevölkerungsstatistik hat
uns belehrt, daß in den Staͤdten die meisten Ehepaare 6212 und mehr Geburten, aber
meist nur 128 lebende Kinder hatten. Annähernd ähnlich find heute noch die Zustände
in Osteuropa. Von 100 Geborenen sterben im ersten Lebensjahre in Rußland 26, in
Deutschland 20 —26 (noch vor 40 Jahren in Bayern und Württemberg 30 -35), in
Frankreich, der Schweiz und Belgien 16, in England 14, in Norwegen 9; in den ersten
fünf Lebensjahren schwanken die Ziffern zwischen 18 und 89 Prozent der Geborenen.
Die Ursachen der Verschiedenheit liegen offenbar nicht bloß in den wirtschaftlichen Ver—
hältnissen, dem größeren oder geringeren Drucke der Not, sondern ebenso in Gewohnheiten
zer künstlichen und natürlichen Ernährung, im Kostkinderwesen, vernünftiger und un—
dernünftiger Kinderbehandlung und Ahnlichem. Aber das bleibt doch, wie wir es
borhin bei Besprechung der Geburten schon andeuteten, die Hauptsache: große Kinder—
sterblichkeit ist ein Symptom ungünstiger wirtschaftlicher und sonstiger Verhältnisse; sie
dellt iamer einen Anlauf von zu rascher Bevölkerungszunahme dar; sie umschließt ver—
Jebliche Ausgaben, vergebliche Kümmernisse und Sorgen aller Art. Das Ziel muß sein,
uicht möglichst viele, sondern möglichst lebensfähige Geburten zu erzielen, in der Gesamt—
terbeziffer möglichst wenig Kinder zu haben, den Bevölkerungszuwachs zu erzielen mit
        <pb n="180" />
        168 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

möglichst wenig vergeblichen Anläufen jungen Lebens. Wenn ein Volk jährlich 10 pro
Mille wächst, so ist dies möglich mit 415 Geburten und 38 Todesfällen, aber auch mit
25 Geburten und 15 Todesfällen; der letztere Fall ist der weit vorzuziehende ; es ist
der Fall, wie wir ihn annähernd heute in Skandinavien und England vor uns haben,
während in Osteuropa und auch teilweise noch in Deutschland' die gleiche Zunahme
durch den Molochdienst großer Kindersterblichkeit erkauft wird.
Wir kommen darauf zurück, wenden uns jetzt zur Bevölkerungszunahme, die wir
einerseits im Anschluß an die eben mitgeteilten Zahlen in ihrer jaährlichen Bewegung,
andererseits in ihren Gesamtresultaten, den absoluten Zahlen der Völker betrachten.
72. Die Zunahme und Abnahme der Bevölkerung, ihre absolute
Größe. Wir haben gesehen, daß das Verhältnis der Geburten- zur Todeszahl in erster
Ldinie die Zu- oder Abnahme der Bevölkerung bestimmt; es kommt überall die Zu⸗ und
Abwanderung als zweiter, zeitweise viel stärkerer, gewöhnlich aber weniger eingreifender
Faktor hinzu. Wie beide Ursachen in früheren Zeiten nebeneinander im kLinzelnen
zewirkt haben, darüber fehlen uns zahlenmäßige Anhaltspunkte. Aus der Gegenwart
wissen wir, daß die Zunahme in Kolonialstaaten, wie in den Vereinigten Staaten und
Australien, dann aber auch in kleinen, sehr stark wachsenden Gebieten, wie Hamburg
und Bremen, ebenso sehr oder noch mehr durch Wanderungen als durch Geburtenüberschuß
stattfindet. In einigen der westlichen Teile der Vereinigten Staaten stieg neuerdings
die jährliche Zunahme bis 885,830/00, in Hamburg war sie 1871 -80 806,78 (wovon
19,723 auf Mehrzuwanderung fielen); in den ganzen Vereinigten Staaten 180060
30,89, 1860-80 28,62 6/00. Irland, das einzige bedeutend abnehmende Land Europas
in unserer Zeit, dankt dies auch mehr den Wanderungen; es hatie jährlich, 1871 —80
3,2 9)00 Geburtenüberschuß und 12,6 0/00 Wanderverlust. In einigen anderen Staaten hat
die Auswanderung wenigstens den Zuwachs sehr beschränkt. Württemberg hatte 1824 -80,
wie 1885.290 57 90 seines Geburtenüberschusses wieder durch Wanderungen verloren,
während in ganz Deutschland die Zuwachsrate 1840 — 90 um 10—20 0, in Norwegen
zeitweise um 3340 60 durch Auswanderung ermäßigt wurde; in den meisten anderen
rasch wachsenden Staaten Europas handelt es sich nur um geringere Modifikation der
natürlichen Zunahme durch Auswanderung. Wir sprechen im folgenden zunächst von
der Zu- und Abnahme ohne Rücksicht auf diesen doppelten Urfachenkomplex: für gewöhnliche
Verhältnisse ist die Relation der Todes- zur Geburtenziffer das Entscheidende.
Unter solcher Voraussetzung steht die Bevölkerung still oder geht zurück, wo die
Todesziffer die Geburtenziffer erreicht oder übertrifft. Das muß früher oft und lange
der Fall gewesen sein; noch im vorigen Jahrhundert treffen wir Provinzen und
Staaten dieser Art, noch in unserem zeigen lange faft alle Städte diesen Charakter. Das
inkende Altertum hat offenbar viel größere Sterbe- als Geburtenzahlen gehabt; heute wissen
wir von zahlreichen Naturvölkern, die, freilich in erster Linie von dem Hauche des weißen
Mannes, der „killing race“, bedroht, unter einem Inbegriff von ungünstigen Ursachen
eine immer kleinere Kinderzahl haben. Umgekehrt, wo die Geburten die Todesfälle
übertreffen, wie das heute in den Kulturstaaten die Regel ist. In früheren Jahrhunderten
war offenbar schon ein Geburtenüberschuß oder eine Zunahme von 5— 10 . etwas
Außerordentliches, fast nirgends auf die Dauer Vorkommendes. Wir sehen das unter
anderem aus den statistischen Berechnungen Lamprechts über das Trierische Gebiet für die
Zeit von 800—1287, eine Zeit, die durch die großartigste Kolonisation sich auszeichnete;
die jährliche Zunahme betrug 8—900 20 0/00, schwankte dann bis 1287 zwischen 1,4
und 30/00 in fünfzigjährigen Epochen, nicht wie er berechnet 1035 0/00. Die Unmög—
lichkeit einer längeren und allgemeinen Zuͤnahme dieser Art sehen wir vor allem aus
den Verdoppelungsberechnungen. Eine einzige Million Menschen zur Zeit Christi lebend
vürde schon 1842 mit 59/00 Zunahme auf über 8000 Millionen Seelen gekommen sein
J. G. Hoffmann). Eine Verdoppelung tritt nämlich ein: bei 2 pro Mille in 347, bei
*in 1830, bei 10 in 70, bei 28 in etwa 25 Jahren. Auch die heutige Menschheit,
auch die begünstigtesten, reichsten Staaten können so nicht fort wachsen; Deutschland wird
in 70 Jahren nicht 106, jedenfalls in 140 nicht 212 Millionen Menschen haben.
        <pb n="181" />
        Die Zunahme der Bevölkerung.

169

Aber immer erlebten wir in den letzten 150 — 200 Jahren zeitweise solche Zunahmen.
Von 1748 — 1800 haben die rasch wachsenden preußischen Provinzen, allerdings unter
Zuhülfenahme einer erheblichen Einwanderung, jährlich 12 — 150/00 zugenommen; die
meisten anderen Staaten blieben damals noch weit dahinter zurück. Heute haben doch
mehrere diesen Satz eingeholt. Die jährliche deutsche Zuwachsrate pro 1000 Seelen
war in fünfjährigen Epochen von 1816—1900: 14,8, 18,4, 9,8, 9,4, 11,6, 9,6, 5,7,
4,0, 8,8, 9,9, 6,8, 8,1, 11,4, 7,0, 10,7, 11,2, 15,5; ganz Europa hat 1800 — 1895
eine solche von 8,05; man wird von unseren heutigen Kulturstaaten in ihrer großen
Mehrheit sagen können, 70/oo jährliche Zunahme sei ihre mittlere Zuwachsrate, 10 und
mehr eine starke, 12426 eine mäßige oder kleine. Zu den Ländern letzterer Art gehören
Frankreich, Spanien, neuerdings auch die Schweiz und Schweden, zu den stark wachsenden
Deutschland, Großbritannien, Dänemark, Niederlande, Rußland. In den meristen
ꝛuropäischen Staaten hat die Zunahme in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
etwas nachgelassen, nachdem sie vielfach von 1880— 70 noch wesentlich gestiegen war.
Ein starker Wechsel des Zuwachses von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt zu Jahr—
zehnt hat fast nirgends gefehlt; in Württemberg beobachten wir 1818 — 80 in fünf—⸗—
jährigen Epochen Wechsel von 3 bis 130/00.
Wenn die höchste in Kolonien beobachtete natürliche jährliche Zuwachsrate 20 bis
280/00 war, die heutige in den alten, großen, friedlichen Kulturstaaten zwischen 1 und
15 schwankt, wenn die stärkere Zu- und Abnahme auf Wanderungen zurückgeht, wenn
in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden ebenso oft ein Stillstand oder gar eine
Abnahme wie eine mäßige natürliche Zunahme von 2—200/00 vorhanden war, so
werden wir überhaupt nicht, wie früher meist geschah, von einer natürlichen normalen
Zuwachsrate von 10—-830 0/00 reden können. Wir werden die Zunahme der Bevölkerung
stets als ein kompliziertes, schwankendes Ergebnis der natürlichen und psychischen
Triebe einerseits, der gesellschaftlichen Sitten und Einrichtungen, sowie der wirtschaftlichen
Zustände und Bedingungen andererseits betrachten und nur das zugeben, daß bei ideal
oollendeter Gesellschaftsverfassung und besonders in wirtschaftlich glücklichen Zeiten und
Gebieten die geschlechtlichen Triebe, die Freuden des ehelichen Lebens und das Eltern—
zlück eine Zunahme von 10—30, ja unter besonderen Umständen auch von noch mehr
pro Mille erzeugen können und öfters erzeugt haben, und daß jede wirtschaftliche und
gesellschaftliche Verbesserung Tendenzen einer stärkeren Zunahme hervorruft.
Doch wollen wir hier auf das Bevölkerungsproblem noch nicht eingehen, sondern
vorher noch sehen, was die neuerdings ausgebildete historische Bevölkerungsstatistik über
das Gesamtresultat der Bewegung uns lehrt. Die Wissenschaft kann auf diese Resultate
um so stolzer sein, als vor nicht gar langer Zeit alle Annahmen hierüber gänzlich falsch
waren; die antike Bevölkerung wurde früher bis zum JOfachen überschätzt.
Wir fragen: wie groß waren früher und heute die socialen Gemeinschaften, die
wir als Stämme, Völker, Völkerbünde, Reiche bezeichnen; und wir erinnern uns dabei,
daß die historische Entwickelung nicht etwa in gerader Linie die kleinen Stämme zu
großen Reichen ausbilden konnte; Jahrtausende und Jahrhunderte lang waren Sitte
und Gewohnheit, Rechts- und Gesellschaftsverfassung wie fämtliche Lebensbedingungen
so, daß nur kleine Gemeinwesen existieren konnten, daß ihr Anwachsen zu Spaltungen,
zu Eroberungszügen, zu Kämpfen aller Art führte, die erst in langsamen Versuchen zu
Völkerbünden, größeren Staaten und Weltreichen führen konnten.
Die Völkerkunde belehrt uns, daß noch heute die niederen Rassen, z. B. auch
die meisten Neger, in Stämmen von 1000—-3000 Personen leben, daß aber allerdings
daneben die verschiedenartigsten Verbindungen solcher Stämme zu Völkerschaften und
Bünden vorkommen. Als das glänzendste Resultat solch' bündisch-völkerrechtlicher Ent—
wickelung der nordamerikanischen Indianer weist Morgan den Zusammenschluß von
5—6 Stämmen zu einem Bunde von 15000, ja vielleicht 20000 Seelen nach. Wenn
für die germanischen Völkerschaften zu Cäsars und Tacitus' Zeit jetzt H. Delbrück eine
durchschnittliche Größe von 25 000 Seelen annehmen zu können glaubt, so scheint mir
das eher zu viel als zu wenig. Die gezählten 80000 Vandalen, welche 484 von
        <pb n="182" />
        170 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Spanien nach Afrika übersetzten, umfaßten eine Reihe verbundener Völkerschaften, ähnlich
wie die anderen Völkerkonglomerate der großen Wanderzeit, und die überlieferten Nach—
richten über ihre Zahl dürften so ziemlich alle ums Doppelte bis Mehrfache übertrieben
sein. Noch bis ins 18. Jahrhundert zeigen sich alle kritisch zu prüfenden, runden
überlieferten Volkszahlen als maßlos und ganz unzuverlässig.
Die seßhafte Bevölkerung der kleinen Staaten des Altertums und des Mittelalters
bewegte sich meist zwischen 50000 bis zu 1 Million Seelen. Attika hatte zur Zeit
der Perserkriege 150 000, unter Perikles 250 000, nach dem peloponnesischen Kriege sank
es auf 180 000 Einwohner; Lakonien und Messenien zusammen nie über 60 - 100 000;
Rom 340 v. Ch. vor dem Sabinerkrieg 0,5 Mill., 240 v. Ch. etwa 1 Mill.; das
Perserreich vor seiner Eroberung etwa O,s Mill. Sicilien hat wohl weder im Altertume,
noch unter den Sarazenen oder Friedrich II. 1 Mill. erreicht; Florenz (Stadt und
Gebiet) hatte im 16. Jahrhundert 0,6 — 0,6 Mill.; Venedig mit der terra ferma
1,3 Mill.; die größeren deutschen Territorialstaaten des 15. — 18. Jahrhunderts höchstens
O,1-0,7 Mill. (z. B. Brandenburg 1617 0,8, 1774 0,6, Ostpreußen 1688 0,4, 1773
O,7 Mill.). England wird zu 1,2 Mill. um 1086, zu 2,5 im 14. und 16. Jahrhundert
geschätzt, die vereinigten Niederlande zur Zeit ihrer Blüte zu 2,2 Millionen.
Als etwas größere Völker treten uns schon die Agypter und Karthager entgegen:
Diodor behauptet, das erstere Land sei von seinem einstigen Volksreichtum von 7 Mill.
durch die Fremdherrschaft zur Zeit der Eroberung durch Alexander auf 3 Mill. reduziert
gewesen; durch die griechische und römische Verwaltung stieg die Zahl wieder auf 5,
Josephus behauptet auf 79 Mill. Das karthagische Afrika berechnet Beloch 200 v. Ch.
auf 3—4 Mill. Die asiatischen Eroberungsreiche Vorderasiens können als die ersten
vielleicht auf 10—20 Millionen gestiegen sein; für die Tiefebene am unteren Euphrat
und Tigris nimmt Beloch zu Ende der Perserherrschaft allein 6— 8 Mill. an, für
Syrien auch mehrere Millionen. Für China berechnet Sacharoff in der Zeit von
2275 v. Ch. bis 600 n. Ch. Zahlen, die zwischen 59 und 79 Millionen unregelmäßig
hin und her schwanken.
Suchen wir neben den älteren Klein- und Mittelstaaten die durch einheitliche
Kultur, Völkerrecht und Bünde aller Art verknüpften Völkergemeinschaften in ihrer
Größe zu erfassen, so steht das antike Griechenland und Italien in erster Linie. Die
Griechen müssen vom 10. bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. außerordentlich zugenommen
haben, schon ihre große Kolonisation beweist es. Beloch glaubt sie zu Anfang des
peloponnesischen Krieges mit Makedonien und den nächsten Inseln auf 2,63—3 Mill., die
ganze griechische Kolonialbevölkerung auf ebenso viel schätzen zu sollen; das eigentliche
Griechenland bei der Unterwerfung unter Philippvon Makedonien auf 4 Mill. Mit
dem alexandrinischen Reiche und denen der Diadochen muß noch ein Jahrhundert der
stärksten Zunahme der griechischen Völker gefolgt sein. Wenn einzelne Staaten, wie
Athen, schon länger zurückgingen, so nahmen andere noch außerordentlich zu, wie
z. B. Rhodos. Erst seit der römischen Herrschaft geht das eigentliche Griechenland im
ganzen zurück, wohl in erster Linie, weil ihm früher nur seine Eigenschaft als gewerblicher
und Handelsmittelpunkt der Welt die große Menschenzahl zu ernähren gestattet hatte.
Italien, ohne das diesseitige Gallien, war in Hannibals Tagen nach Beloch auf
3,5, mit ihm auf 454,5 Mill. gekommen; nach großer Abnahme während des zweiten
punischen Krieges nahm die Zahl bis 135 v. Chr. zu, dann durch Bürgerkriege ab;
unter Augustus ist ganz Italien auf 5,6, unter Claudius auf 7 Mill. zu setzen. Von
da an tritt die Abnahme ein, während in den anderen Provinzen des Reiches in den
ersten beiden Jahrhunderten des Principats noch eine Zunahme stattfindet. Ganz Europa
ist zu Anfang unserer Zeitrechnung auf etwa 80 Mill., das ganze römische Reich auf
etwa 54 Mill. zu schätzen, wovon die größere Hälfte auf den damals viel dichter
bevölkerten Osten fällt.
Von dem unter dem Principat erreichten Höhepunkte der Bevölkerung sind fast
alle Teile des römischen Reiches Jahrhunderte lang zurückgesunken; eine lange Zeit der
Entvölkerung, des zerstörenden Kampfes mit den Barbarenvölkern folgte; endlich
        <pb n="183" />
        Geschichte der Bevölkerungszahlen.

171

konsolidierten sich die kinderreichen Germanenstaaten, und teils gegen 1250, teils gegen
1500 n. Chr. war die alte Zahl nicht bloß erreicht, sondern überschritten. Spanien ist
unter Augustus auf 6, unter den Antoninen auf 9, 1500 auf 11 Mill. Seelen zu
setzen; dazwischen natürlich viel niedriger; für später sei noch angeführt: 1787 10,
1887 17 Mill. Italien hat unter Claudius 7 Mill., im älteren Mittelalter viel weniger;
dann starke Zunahme; 1560 etwa 11, 1701 10 Mill., 1788 16, 1886 31 Mill.;
Gallien unter Augustus 5, unter den Antoninen wohl 8 Mill.; unter Karled. Gr. hatte
Frankreich in seinem heutigen Umfange wahrscheinlich weniger (nicht 85ÿ510 Mill., wie
Levasseur will), Anfang des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich auch nicht ganz 20 -22 Mill.
(wie Levasseur rechnet); dann kommt ein großer Rückgang; 1574 werden etwa 14,
1700 etwa 21, 1715 18, 1780 bis 26 Mill. geschätzt; 1806 sind es 29, 1861 84,
1896 38 Millionen.
Für Deutschland möchte ich folgende Schätzung, welche der Vergleichbarkeit wegen
die Zahlen auf den Umfang des heutigen deutschen Reiches berechnet, wagen: zu Cäsars
Zeiten 2—3 Mill.; dann große Zunahme nach der Völkerwanderung in den Tagen der
inneren Kolonisation bis etwa 12 Mill. gegen 1250—1340; nun Stillstand oder gar
Rückgang bis 1480 und nochmalige Zunahme bis 1620 auf etwa 15 Mill.; der 80jährige
Krieg bringt große Verluste, 1700 mögen wieder 14215 Mill. vorhanden gewesen sein,
1800 22 -24; 1824 zählte man 24, 1850 85 Mill., 1895 582, 1900 56,8 Millionen.
England und Wales stieg von 2,5 Mill. im 16. Jahrhundert auf 5 1690, auf
9,1 1801, auf 15,9 1841, auf 30,6 Mill. 1896. In den Jahren 1815 —91 wuchsen
Belgien von 8,7 auf 6, die Niederlande von 2,4 auf 4,5, Schweden von 2,4 auf
4,7 Mill.; das Volk der Vereinigten Staaten von 8 auf 62 Mill. Das europäisch—
russische Volk schätzt man 1722 auf 14, 1805 auf 86, 1851 auf 65, 1897 auf 108 Mill.
(mit Finnland und Polen). China soll 1650 etwa 62, 1725 etwa 126, 1890 etwa
357 Mill. Seelen besessen haben; Britisch Indien schätzte man 1860 auf etwa 189 Mill.,
1891 zählte man 291. China, Indien, Vorderasien und Europa sind seit langer Zeit
die einzigen Herde großer Volksmassen; jetzt kommt Nordamerika, später vielleicht auch
Australien dazu. Ganz Europa wird man zur Zeit von Christi Geburt auf 30, 1500
wohl auf 60—- 80, 1700 auf 110, 1800 auf 175 Mill. schätzen können, 1890 waren
es 357 Mill. Die Versuche, die Bevölkerung der ganzen Erde zu erfassen, datieren
von Isaak Vossius 1685 (500 Mill.); Süßmilch nahm 1000 an, erst Behm, H. Wagner
und Supan sind fseit 1866 zu halbwegs sicheren Zahlen gekommen: 1866 etwa 1850,
1890 1450 - 1500 Millionen.
Was lehren die Zahlen? Wohl sicher, daß die menschlichen Gemeinschaften immer
größer wurden, daß die Zahl der Menschen successive mit der Kultur gewachsen ist, daß
niemals früher das menschliche Geschlecht so zahlreich war, auch wohl dauernd nie so
zugenommen hat wie in den letzten 200 Jahren. Wir sehen aber auch, daß die Zu—
nahme stets eine höchst ungleiche war, daß Fortschritt und Rückschritt miteinander
wechseln, daß die Bahn, je weiter wir sie zurückverfolgen können, von desto mehr
Gefahren und Hindernissen bedroht war, ja daß sie bis in die neueren Zeiten oft zu
langem Stillstand, ja Rückgang führte, so z. B. für viele europäische Staaten von
1400 bis 1700.
78. Das Bevölkerungsproblem und die Wege seiner Lösung:
a) die Hemmungen. Auf Grund der vorstehenden Mitteilungen über die That—
sachen der Bevölkerungsbewegung können wir uns dem Bevölkerungsproblem zuwenden;
es spielt eine beherrschende Rolle in allem volkswirtschaftlichen Leben. Seit es mensch—
liche Gemeinwesen mit etwas größerer Menschenzahl gab, standen sie vor der Frage, ob
auf dem innegehabten Boden, mit ihren technischen Mitteln eine erhebliche Zunahme
ihrer Zahl möglich sei. Jedes gesunde Paar Menschen kann die doppelte oder mehrfache
Jahl Kinder haben und freut sich ihrer in normalen Verhältnissen. Jeder Stamm,
sedes Volk, das nicht zu sehr von Feinden bedrängt wird, das reichliche Nahrungsquellen
hat, vermehrt sich und empfindet diese Vermehrung als Kraftzuwachs und Glück. Das
menschliche Geschlecht als Ganzes hat seit Millionen Jahren an Zahl zugenommen und
        <pb n="184" />
        172 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

verdankt seine höhere Kultur nur den Völkern, die es zu größeren Volkszahlen gebracht
haben. Aber so unzweifelhaft diese Wahrheit ist, so klar ist auch, daß alle Zunahne
von schwer zu erfüllenden Bedingungen abhängt, daß die Kämpfe der Stämme und
Völker untereinander und mit der Natur, die Schwierigkeit, größere Volkszahlen zu
ernähren, über Krankheiten und Mißjahre Herr zu werden, immer wieder hemmend
dazwischen getreten sind, daß ebenso viele oder mehr Rassen, Stämme und Völker zurück—
gegangen sind oder vernichtet wurden als vorwärts kamen.
Dem entsprechend sehen wir die Völker und ihre Wünsche und Ansichten über die
Zunahme, ihre diesbezüglichen gesellschaftlichen und geschlechtlichen Einrichtungen, in den
letzten Jahrhunderten ihre Theorie über das Bevölkerungsproblem merkwürdig schwanken.
Wir werden diese Schwankungen am besten verstehen, wenn wir sie nicht in ihrer
chronologischen Folge vorführen, sondern gegliedert nach den drei möglichen Zielen,
welche die Völker verfolgten, seit sie den engen Zusammenhang zwischen der Bevölkerungs—
zahl und der Ernährungsmöglichkeit, wie er im Boden und den gesamten wirtschaftlichen
Verhältnissen liegt, instinktiv oder verstandesmäßig begriffen hatten; auch die sogenannten
Bevölkerungstheorien erhalten so am besten ihr Licht und ihre Stelle.
Die Völker konnten 1. pessimistisch und unter dem Drucke ungünstiger Verhältnisse
sich darauf verlassen, daß Krankheit, Kriege, Unglücksfälle aller Art den Überschuß an
Menschen beseitigen werden, und sie konnten, wenn dies nicht genügte, direkt verfuchen,
durch absichtliche Hemmung ihre Zahl zu beschränken. Sie konnten 2. im Gefühle ihrer
Kraft sich ausdehnen, ihre Grenzen hinausschieben, fremde Länder unterwerfen, durch
Wanderung, Eroberung, Kolonisierung, Auswanderung sich Luft schaffen. Sie konnten
3. aber auch den jedenfalls von einem gewissen Punkte an schwierigsten Weg betreten
und die einheimische Bevölkerung verdichten, was in der Regel große technische und
wirtschaftliche, sittliche und rechtliche Fortschritte vorausjfetzte.
Wir betrachten zunächst die unwillkürlichen und die willkürlichen Hemmungen.
Die ersteren waren offenbar viele Jahrtausende lang so stark, daß die Empfindung
eines zu schnellen Bevölkerungszuwachses in den primitiven Zeiten nur ausnahmsweise
eintreten konnte. Am unzweifelhaftesten gilt dies für die Jäger-, Fischer- und alle
wandernden Völker, deren Nahrung unsicher und ungleich ist, deren Krankheiten nicht
aufhören, die, vom Aberglauben beherrscht, mit kümmerlicher Technik schutzlos den
Elementen und allen Feinden preisgegeben sind. Aber auch die Hirten- und primitiven
Ackerbauvölker find lange immer wieder von Hunger und Krankheiten furchtbar bedroht,
wenn auch bei ihnen durch Gunst der Jahre und der geographisfchen Lage zeitweise die
Stabilität umschlägt in starke Zunahme; das geschah besonders, wenn große technische
Fortschritte, wie die Viehzähmung und die Milchnahrung, ein besserer Ackerbau das
Leben erleichterte, wenn mal die Kämpfe mit den Nachbarn ruhten, durch glückliche
Zufälle die gewohnten Krankheiten ausblieben. Aber häufig kehrten auch bei ihnen die
gewaltigen Decimierungen natürlicher Art wieder, so daß dann die Geburten nur die
—
Wir haben die Beweise hiefür erst durch die Reiseberichte der letzten hundert Jahre
in Bezug auf die wilden und kulturarmen Rassen näher kennen gelernt. Und in Bezug
auf die Kulturvölker hat die neuere Geschichte der Medizin uns gezeigt, daß bis übers
Mittelalter hinaus auch ihre Sterblichkeit eine enorme, die Kindersterblichkeit in Genf
z. B. im 16. Jahrhundert mehr als die doppelte von heute war. Ebenso wichtig wie
die gewöhnliche war die zeitweise außerordentliche Sterblichkeit. Von 531 n. Chr. an
haben 50 Jahre lang Erdbeben und furchtbare Krankheiten ganze Städte und Länder
fast entleert; am schwarzen Tod 134550 läßt Hecker 25 Mill. Menschen in Europa
sterben; vielleicht waren es nur 82512 Mill., aber sicher ist, daß man bis Anfang des
18. Jahrhunderts überall erstaunt war, wenn nicht alle 10—20 Jahre „ein groß
Sterbede“ kam und aufräumte. Nach Macculloch starben in London 1693 24, 1628
31, 1036 13, 1665 450/0 der Volkszahl. In solchen Fällen kötete nicht bloß die
Krankheit — Aussatz, Pest, Pocken ꝛc. —, sondern ebenso die Stockung alles Verkehrs
und die Hungersnoi. Der Schmutz in Wohnungen und Straßen, die Schlechtigkeit
        <pb n="185" />
        Die älteren Hemmungen des Bevölkerungszuwachses. 173

des Trinkwassers, der Mangel aller hygienischen Einrichtungen, in den Städten der
Mangel an Sonne, Licht und Luft förderten die große Sterblichkeit. Die Hungerjahre
haben noch länger fortgedauert als die großen Krankheiten, wenigstens da, wo kein
moderner Verkehr sich entwickelt hat. In Bengalen sollen 1771 gegen 10 Mill. Menschen
verhungert sein, seither haben 21 solcher Hungerplagen in Indien gewütet, die letzten
1866, 1868, 1874, 1876 -77, 1891; 1876—-79 starben 6 Mill. an Hunger; der Ver—
waltungsdienst gegen Hungersnöte ist eine der glänzendsten Leistungen der englischen
Herrschaft, hat sie aber noch nicht beseitigt. Auch in China sind die Heuschrecken—
plagen, Überschwemmungen und Hungersnöte noch heute an der Tagesordnung wie bei
uns in früheren Zeiten.
Dazu kommt in den älteren barbarischen Zeiten der Kannibalismus, die Menschen—
frefserei, die häufig üblichen massenhaften Menschenopfer, welche den kriegerischen Gott—
heiten dargebracht wurden; noch stärker aber mußten die aufreibenden Kämpfe der
Stämme und Völker untereinander wirken. In jenen Zeiten galt das Leben nichts,
der Tod durchs Schwert wurde dem auf dem Strohlager vorgezogen. Wenn noch in
unseren Tagen der Zuluherrscher Tschaka eine Million Fremde, 50 000 Stammesgenossen
getötet, 60 Nachbarstämme vernichtet haben soll, so ist das ein Bild der früheren
Lebensvernichtung überhaupt. Die Kriege der Kulturvölker im Altertum und Mittel—
alter mögen dagegen schon milde genannt werden, decimierend haben sie bis auf den
30 jährigen und die Napoleonischen Kriege gewirkt; die 1,8—2,5 Mill. Franzosen, die
den Kriegen 1793 —-1818, die 0,25 Mill., die im Orientkriege 13833—56 erlagen, haben
freilich die Zunahme der Bevölkerung nicht aufgehalten, aber sie fallen doch anders
ins Gewicht als die 46 000 deutschen (19/00) und die 139000 französischen Toten von
1870-71.
Hängt die Menschenfresserei und die Menschenopferung teilweise mit Aberglauben
zusammen, so ist das ebenso beim ursprünglich so verbreiteten Kindsmord; doch spielten
auch andere Motive bei ihm mit, z. B. die Annahme, daß das erstgeborene Kind der
jugendlichen Mutter zu schwächlich sei, oder die Absicht, überhaupt die kümmerlichen
Kinder auszumerzen. Auch die Tötung der Witwen, teils allein, teils mit Kindern und
Sklaven, hängt mit Vorstellungen religiöser Art, mit Hoffnungen auf das Jenseits
zusammen. Aber der systematisch geübte Kindsmord, der da und dort so weit ging,
zwei Drittel aller Geburten zu beseitigen, wie die Tötung der Alten und Kranken war
doch bei den zunehmenden Völkern früher vielfach das Ergebnis wirtschaftlicher Absichten
und Nöte. Wo naive, primitive Menschen in fest gegebenen, beschränkten Ernährungs—
verhältnissen lebten, wo begrenzte Stammes-, Gentil-, Generationszahlen als Bedingung
der Existenz klar erkannt waren, da haben die betreffenden roh und rücksichtslos Kinder
und Alte getötet, zumal auf der Wanderung und in Hungerjahren; da haben sich auch
als Institutionen jene derben Gepflogenheiten der Abtreibung, der Ausschneidung der
Geschlechtsteile, der Päderastie, der Vielmännerei, der Prostitution, sowie des Cölibats
weiter Kreise ausgebildet, die wir nicht bloß bei vielen barbarischen, sondern vielfach
auch bei den älteren Halbkulturvölkern, vor allem im Orient finden. Noch die Vor—
schläge von Plato und Aristoteles über Kindsmord und staatliche Regulierung der
Kinderzahl hängen wahrscheinlich mit älteren solchen Sitten gewisser griechischer Stämme
zusammen. „Die Freigebung der Kindererzeugung,“ fagt Aristoteles, „wie sie in den
meisten Staaten besteht, muß notwendig die Verarmung der Bürger zur Folge haben,
die Verarmung aber verursacht Aufruhr und Verbrechen.“
Wie in jenen roheren Zeitaltern die Gestattung des Kindsmordes, der Abtreibung,
der Prostitution und alle ähnlichen bevölkerungshemmenden Sitten gewirkt haben, können
wir heute nicht mehr genau erkennen. Sie haben sicher die Menschenzahl, wenigstens
ihre Zunahme sehr eingeschränkt, sie haben wahrscheinlich auch damals große sittliche
und physiologische Übelstände, sociale und rechtliche Härten und Mißbildungen erzeugt,
wenn sie vielleicht auch jene roheren Völker nicht so vergiftet, die Möglichkeit nach—
folgender Wiederzunahme der Bevölkerung nicht so vernichtet haben, wie später ähnliche
Sisften die höher kultivierten Völker in ihrem Kerne angriffen und decimierten. Wir
        <pb n="186" />
        74

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

denken dabei vor allem an das antike sinkende Griechenland und Italien und ihre
Bevölkerungsabnahme.
Immer bleibt es wahrscheinlich, daß die ungünstigen Folgen von einzelnen Völkern
früh erkannt wurden, und daß sie in Verbindung mit den großen technischen Fortschritten
der Hirten- und Ackerbauvölker, mit den geläuterten Religionssystemen derselben zu der
nit der höheren Kultur siegenden Auffassung führten, welche alle folche hemmenden Ein⸗
griffe für verwerflich und strafbar, jede Bevblkerungszunahme für ein Glück erklärt.
die Juden, das Christentum, die christlich-germanischen Völker stellten sich auf diesen
Standpunkt. Letztere konnten ihn um so leichter festhalten, als sie Jahrhunderte lang
eroberten, kolonisierten, bei großem Verluste durch Kriege und Krankheiten bis in die
weite Haͤlfte des Mittelalters über einen unausgefüllten Nahrungsspielraum verfügten.
Seit fie aber von 1200 -1400 doch mehr und mehr zur Ruhe gekommen, den Ausbau
n Stadt und Land vollendet hatten und nun nicht mehr ebenso leicht weiter wachsen
konnten, da haben fie zwar nicht wieder so naiv zu Kindsmord, Abtreibung und Ahnlichem
gegriffen wie einstmals die älteren Völker, aber sie haben in Einrichtungen die Rettung
Jesucht, welche mehr indirekt die Zunahme verlangsamen sollten. Es sind die, welche die
uropätsche Bevölkerungsbewegung in der Hauptsache von 1800 —1800 beherrschten.
Schon das Altertum hatte gewisse Institutionen, welche indirekt die Zunahme
hemmten: vor allem die Sklaverei; sie stellle den Geschlechtsverkehr aller Sklaven unter
Zie Kontrolle des Herrn, verminderte die Zahl der Ehen bei den Sklaven außerordentlich,
schränkte auch die eheliche Fruchtbarkeit der Herren durch Laster und Mißbrauch der
Sklavinnen ein. Im Mittelalter kam die Eheschließung der Unfreien und Halbfreien
vieder unter die Kontrolle der Herren. Die patriarchalische Familienverfassung, sowie
die ganze feudale Agrarverfassung mit der Bevorzugung eines Erben, der Geschlossenheit
der Vüler, dem Gesindezwangsdienst verschob das Heiratsalter, zwang viele Erwachsene
zu ehelosem Leben, regulierte die Bevölkerung in beschränkendem Sinne. Und in den
Städten wirkten erschwerte Niederlassung, Zunft- und Realrechte seit 1400 — 1500
ahnlich. Je stabiler die wirtschaftlichen Zustände und je gebundener durch Sitte und
Recht sie waren, desto mehr näherte man sich dem, was Malthus auf seinen Reisen in
Rorwegen und im Kanton Bern als sein Ideal fand: vorsichtige Anpaffung der Ehen
und der Kinderzahl an einen gegebenen engen Nahrungsspielraum mit geringer oder
jast verschwindender Zunahme.
Die zu starke Wirkung solcher Einrichtungen hatte lange Zeit hindurch in Ver—
bindung mit den noch vorhandenen kKrankheiten und Hungersnöten, mit den Kriegen
da und dort Stillstand, ja Rückgang der Bevölkerung erzeugt. Daraus entsprangen die
populationistischen Theorien und die entsprechende Bevölkerungspolitik des aufgeklärten
Despotismus. Weil es in der That von 1600 -1800 in vielen Staaten an Menschen
jehlte, so konnten jene optimistischen Lehren von Sir William Temple, Vauban, dem
älteren Mirabeau und Rousseau, von J. J. Becher, Süßmilch, Justi und Sonnenfels
bis zu Adam Smith entstehen, daß die zunehmende Menschenzahl an sich ein Glück, mit
allen Mitteln zu fördern sei, daß sie den Reichtum der Staaten ausmache und erzeuge.
Und sie hatten damit für ihre Zeit und die ihnen bekannten Länder im ganzen gar
aicht Unrecht; es handelte sich darum, durch gute Verwaltung, Aufhebung aller mög—
lichen Schranken, durch Erleichterung der Ehen, Förderung der Einwanderung, Hemmung
der Auswanderung die zu geringe Menschenzahl zu vermehren. Diese Theorien irrten
aur darin, daß sie den bestimmten stagnierenden Verhältnissen entnommenen Satz: die
größere Menschenzahl erzeugt größeren Wohlstand, allzu sehr generalifierten, die zahl⸗
reichen Mittelursachen und Nebenbedingungen der Kausalkette übersahen.
Als die englische Bevölkerung von 18600 -1800 aber von 2,5 auf 9 Mill. gestiegen
war, erzeugte die Zunahme, welche von 3000 jährlich 1700 41751 suecessive auf 180/00
1811 —21 gewachsen war, auch, 1881—61 noch, 120/00 betrug, immer häufiger ein
periodisches Unbehagen. Schon die Puritaner, die 1620 nach Neuengland zogen, klagen,
daß der Mensch, das Wertvollste auf der Welt, wegen der Überzahl in der Heimat
wertlos geworden sei. Sir Walter Raleigh, Child, Sir James Steuart betonten dann
        <pb n="187" />
        Die Populationisten, Malthus und seine theoretischen Gegner. 175

bereits, die Grenzen der Bevölkerung lägen in der Ernährungsmöglichkeit. T. R. Malthus
aber stellte fich 1798 unter dem Eindrucke des zunehmenden Proletariats und der
erdrückenden Armenlast auf den pessimistischen Standpunkt und kam zu den bekannten
Sätzen: die Bevölkerung hat die Tendenz, sich unverhältnismäßig, wie alle natürlichen
Organismen, über die Grenzen der bereitliegenden Nahrung hinaus zu vermehren; da,
wo die Hemmnisse gering sind, verdoppelt sie sich in 25 Jahren, sie wächst also in
100 Jahren im Verhältnis von 1: 16; in 25 Jahren kann unter den günstigsten Ver—
—
aus diesem Mißverhältnis ergiebt sich, daß die Bevölkerung nur durch zuvorkommende
Hemmnisse, wie moralische Enthaltung, oder durch Laster, Krankheit, Elend aller Art
im Einklange mit der Ernährungsmöglichkeit erhalten werden kann. Diese Sätze fanden
unter den stockenden Erwerbsverhältnissen 1800 — 1855 weiten Beifall bei den ersten
englischen, französischen und deutschen Staatsmännern und Nationalökonomen. J. St. Mill
vor allem predigte Enthaltsamkeit in der Ehe und die Bildung einer öffentlichen Meinung,
welche das Laster der Trunkenheit und der größeren Kinderzahl gleichstelle.
Das Verdienst von Malthus ist es, daß er mit Nachdruck und wissenschaftlichen
Beweisen den Zusammenhang der Menschenzahl mit der Ernährungsmöglichkeit betont
und die vorhandenen Grenzen der letzteren erläutert hat; aber seine Zahlenformeln sind
falsch, und er stellt die sicher vorhandene Vermehrungstendenz zu sehr als natürliche,
abfsolute, stets vorhandene hin, unterscheidet nicht genug die verschiedenen Wirtschafts—
zustände und Möglichkeiten des Unterhaltes und des Ausweges; er sieht, wie viele seiner
pessimistischen Anhänger, auch Zustände als Übervölkerung an, die mehr Folge von
schlechter Einrichtung der Produktion und Verteilung der Güter, von technischer Rück—
ständigkeit als zu großer Menschenzahl sind.
Praktisch hatte die Malthussche Theorie die Folge, daß in vielen Staaten 1815
bis 1856 mancherlei die Zunahme hemmende Gesetze über Eheschließung, Niederlassung,
Gewerbebetrieb, Schaffung neuer Ackerstellen erlassen wurden. Aber ihr Erfolg war doch
im ganzen gering, Die Fortschritte der Technik und des Verkehrs wirkten in entgegen—
gefetztem Sinne, und die längst einsetzende liberale Gesetzgebung, welche nun von 1850
an überall definitiv die alten Schranken der Ehe, der Niederlassung, des Wanderns, der
Gewerbe beseitigte, wirkte auf eine außerordentliche Beschleunigung der Zunahme: der
Optimismus der Zeit setzte sich in entsprechende gern geglaubte Theorien um.
Das liberale Manchestertum nahm an, daß zwischen Bevölkerungs- und Wirtschafts-—
jortschritt wie überall an sich Harmonie sein müsse oder erklärte es ohne Rücksicht auf
die irdischen Raum- und Guterschranken, jeder Mensch mit gesunden Armen könne so
viel produzieren wie er brauche; oder es jubelte über die Kapitalanhäufung, die schneller
gehe als die Menschenzunahme, als ob die oft ins Ausland gehende, oft für Kriege
zerbrauchte Kapitalmenge allein stets ausreiche, fuür mehr Menschen Nahrung, Absatz,
richtige Organisation zu schaffen. Physiologische Optimisten von H. Spencer bis Bebel
stützten sich auf die Abnahme der Zeugungskraft, welche der Zunahme der Geistesthätig—
keit entspreche, ohne Beweise für die Gegenwart zu exbringen. Manche Socialisten unter
der Führung von Sismondi fanden die Huelle alles Übels in der ungleichen Einkommens—
verteilung; und gewiß kann eine gleichmäßigere Verteilung zu einer anderen Richtung
aller Produktion Anlaß geben und eine vermehrte Möglichkeit des Lebens für etwas
mehr Menschen schaffen; aber allzuviel macht das nicht aus; und Vorzugsportionen für
die höher Stehenden sind nie ganz zu beseitigen. Andere Socialisten träumen von
technischen Fortschritten, welche an das Schlaruffenland erinnern, oder exklären, ohne
geographische und landwirtschaftliche Kenntnisse, wie Engels, es gäbe keine Übervölkerung,
da erst ein Drittel der Erde angebaut, und die Produktion auf das Sechsfache gesteigert
werden könne. Wieder andere, wie Marx, erklären, die heutige überrasche Bevölkerungs—
zunahme sei der notwendige Ausdruck der kapitalistischen Epoche; für die Zeit des
socialistischen Staates hoffen sie kindlich auf harmonische Selbstregulierung.
Die empirische Wifsenschaft und die vernünftige Prarxis tröstete sich zunächst mit
der Aushülfe von Auswanderung und Kolonisation und der möglichen Verdichtung der
        <pb n="188" />
        176 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Bevölkerung auf Grund der technischen Fortschritte. Aber beide mußten zugeben, daß
die Pefsimisten nicht ganz Unrecht haben mit dem Hinweis auf dunkle Punkte, die
nit unserer heutigen volkswirtschaftlichen und socialen Organisation zusammenhängen:
die steigende Ehe- und Kinderlosigkeit der oberen Klassen unter starker Zunahme des
außerehelichen Geschlechtsverkehrs und der Prostitution, die Verspätung der Eheschließung
im Mittelstande, die proletarisch große Vermehrung der unteren Klassen mit überfrüher,
leichtsinniger Eheschließung und erheblicher Kindersterblichkeit sind fehr bedenkliche
Symptome. Und daß gegen sie die bloße Empfehlung verspäteter Ehe und die Ent—
haltung des Geschlechtsverkehrs in der Ehe, vollends in der des Arbeiters, wie sie von
Malthuüs und J. St. Mill ausgingen, nichts nützen, ist klar. Andere Sitten der
interen und der höheren Klassen in Bezug auf die Eheschließung und Kinderzeugung
sönnen nur im Zusammenhang mit veraͤnderter Lebensauffafsung und -führung, mit
beredelten Institutionen entstehen, nicht durch billige Ratschläge an die Armen herbei⸗
geführt werden.
Das große Problem, die Bevölkerung stets wieder in Einklang zu stellen mit den
wirtschaftlichen Lebensbedingungen, steht daher trotz der großen Auswege, die wir im
jolgenden betrachten, auch heute noch, und jetzt wieder mehr als zur Zeit des unbedingten
Oplimismus, vor uns. Wir werden sehen, daß zuletzt nur die sittliche Zucht und die
richtige Ausbildung unserer Institutionen uns helfen kann. J
Es ist eine neuere, halbpraktische, halbtheoretische Richtung von Arzten, edlen
Schwärmern und klugen Genußmenschen, welche glaubt, viel einfacher helfen zu können:
der seit 25 Jahren ausgebildete Neumalthusianismus. Er verlangt frühe Ehen mit
beabfichtigter Beschränkung der Kinderzeugung, soweit sie 2223 Kinder überschreitet —
die Silte des Zweikindersystems, welche in den Vereinigten Staaten, in Frankreich und
ruch schon in manchen anderen Ländern die höheren Gesellschaftskreise und die Bauern,
eilweise sogar schon weitere Kreise ergriffen hat. Man hat früher solche Vorschläge
als unsittlich und strafbar angesehen und sie strafrechtlich verfolgt, sie als Eingriffe in
die göttliche Schicksalslenkung verurteilt. Das geht zu weit. Menschliche Voraussicht
und planmäßiges Handeln muß, wie überall, so auch hier erlaubt sein; wo 20—40 —0
der Neugeborenen in den ersten Jahren wieder sterben, ist die Verhinderung ihrer Geburt
und ihres Todes mindestens der geringere Fehler. Für bestimmte Fälle muß aus
nedizinischen und moralischen Gründen Derartiges erlaubt sein. Aber die allgemeine
Berbreitung der hiefür nötigen Kenntnisse und Praktiken hat zunächst andere Schatten—
seiten ernstester Art. Sie erleichtert zugleich jede Art von geschlechtlicher Unsittlichkeit,
und sie fördert den Egoismus, die Bequemlichkeit, die Genußsucht der Eltern, sie ver—
mindert leicht jene hoͤchste Elterntugend, die erschöpfende Aufopferung für die Kinder,
sowie die größte Anstrengung der ganzen Nation für ihre Zukunft. Vielleicht ist es in
künftigen Zeilen höherer moralischer Ausbildung des Menrschengeschlechtes denkbar,
daß diese Schäden nicht oder in geringem Maße eintreten; vielleicht ist, wenn die ganze
Erde statt 1500 6000 — 12000 Mill. Menschen trägt, kein anderer Ausweg möglich;
zunächst betreten ihn allgemeiner nur die alternden, absterbenden Rassen, Völker und
Klafsen; die jugendlich krästigen und aufwärtssteigenden vermeiden in der Hauptsache
noch mit Recht das Zweikindersystem, weil sie noch an ihre eigene Ausbreitungsfähigkeit
nach außen und an ihre Verdichtung im Innern glauben.
74. Das Bevölkerungsproblem und die Wege seiner Lösung: b) die
Ausbreitung nach außen, Eroberungen, Kolonisationen, Wanderungen.
Wir sahen, daß die heutige Bevölkerungsbewegung durch die Wanderungen zeit- und
stellenweise stark beeinflußt wird. Wir haben oben erwähnt, daß die Entstehung der
Tier- und Pflanzenarten sowie der Menschenrassen auf Wanderprozesse zurückgeführt wird.
Wir wissen, daß die Menschheit größere Zeiträume der unsteten Wanderung als der
Seßhaftigkeit hinter sich hat, daß ihre Ausbreitung wie die der wichtigsten Kultur—
zexrungenschaften, Einrichtungen, Religionen und Sitten, die Ausbreitung des Geldes,
der Schrift, des Handels über die Erde auf Wanderungen beruht. Moritz Wagner
agt: die Migrationstheorie ist die fundamentale Theorie der Weligeschichte. —
        <pb n="189" />
        Der Neumalthusianismus. Die älteren Wanderungen. 177

Die Wanderungen der Menschen zerfallen in drei klar sich scheidende Epochen:
u) die roheren Naturvölker haben meist zum Boden noch kein festes Verhältnis, sie
wandern häufig und geschlofsen in Stämmen; 46) die seßhaft gewordenen Völker ver—
lieren die Wanderlust und -Fähigkeit zu einem erheblichen Teile, nur teilweise üben sie
sie noch in der Form von Eroberung und Kolonisation aus; y) die heutigen Kultur—
bölker haben sich erst auf Grund der modernen Verkehrsmittel und des modernen
Bölkerrechts zu einer steigenden Einzelaus- und ⸗-Einwanderung erhoben und haben
zugleich die Ausdehnung über die ganze Erde wieder als Kolonisatoren in großem Stile
aufgenommen.
c«) Auch die rohesten Stämme haben da und dort unter günstigen Bedingungen
in derselben Stelle durch Generationen hindurch sich aufgehalten. Aber so lange kein
Hausbesitz von Wert, keine wertvoll gewordenen Acker-⸗, Garten-, Wege- und Brunnen—
unrichtungen sie fesseln, lassen sie sich leicht von Feinden weiter drängen, verlassen sie
erschöpfte Jagd-, Weide- und Ackergründe leicht, um bessere zu suchen; sie bedürfen
großer Flächen; kleine Zunahme treibt die Stämme oder Teile derselben weiter; Beute—
lust, Abenteurersinn, dunkle Hoffnungen auf bessere Existenz wirken mit. Auch der
Herdenbesitz und der primitive Ackerbau haben Jahrtausende lang die Wanderungen
vwohl etwas erschwert aber nicht verhindert. Die Indogermanen sind von Mittelafien
über ganz Europa, die Mongolen über Europa, Asien und Amerika, die Malaien von
Madagaskar über Südasien bis in die fernsten Inseln des stillen Ozeans gewandert.
Fast alle antike und die ältere mittelalterliche Staatenbildung knüpft an die Wande—
ungen der Kulturrassen an. Auch die seit Jahrzehnten seßhaft gewordenen Völker sind
leicht immer wieder ganz oder teilweise in Bewegung gekommen, wie wir in der
Völkerwanderung sehen. Die Indogermanen hatten, wie Ihering an der Institution
des ver sacrum der Römer nachzuweisen sucht, den an die Wandersitte und Marsch—
organisation der Halbnomaden sich anschließenden Brauch ausgebildet, zu bestimmter
Zeit, wenn ihrer zu viele wurden, eine Auswahl junger Männer und Weiber, mit
Führern, Waffen und Vieh vom Hauptstamme ausgestattet, hinauszusenden, um sich
eine neue Existenz zu gründen. Ein Nachklang dieser ältesten Wanderungen der Stämme
o»der Stammesteile ist es, wenn in den großen Eroberungsreichen des Orients eine
hzarbarische Königsmacht ganze Stämme oder ihre Aristokratien und oberen Schichten zu
Tausenden in gänz eutfernte Landschaften versetzte, um so den nationalen Geist und
die Stammesorganisation zu brechen. Und Ahnliches wiederholt sich später in den ver—
schiedensten Teilen der Erde von Karl d. Gr. bis in die centralamerikanischen Reiche
des 15.—16. Jahrhunderts.
Bei allen diesen älteren Stammes- und Völkerbewegungen, wobei Hunderte und
Taufende gemeinsam mit Weib und Kind, mit Hab und Gut, mit Vieh und Wagen
iich kämpfend in Bewegung setzten, teils leere Gebiete besetzten, teils erobernd oder
geduldet in schon besiedelte Länder vordrangen, andere Stämme oder Völker knechteten
oder vernichteten, handelte es sich um halb oder ganz kriegerische, von Häuptlingen
oder Königen geleitete Bewegungen, die ebenso oft zum Untergang der Wanderer wie
zu dem der von ihnen Bedrohten führten; alle diese Wanderungen haben durch Hunger,
Krankheit und Mißgeschick aller Art ebenso wie durch Kämpfe einen entsetzlichen Menschen—
verbrauch herbeigeführt, aber daneben die kräftigsten Völker zur Herrschaft und zum
Gedeihen in den für sie passendsten Gebieten gebracht.
6) Die seßhaft gewordenen Völker verlieren die Wanderungs-, Eroberungs- und
Expansionsfähigkeit in dem Maße, wie die friedliche Ackerbaukultur ihnen gelingt, wie
sie einen im Werte steigenden Haus-, Acker-, Garten⸗ und Baumbesizt haben, wie starke
Rachbarn sie umgeben. Einzelne spinnen sich rasch in philisterhafte Ruhe und in ein
behagliches örtliches Wirtschaftsleben ein; andere behalten wenigstens die Kraft, die
hnen zugefallenen leeren Räume zu besiedeln, die Waldungen zu roden und so die
Möglichkeit der Existenz für eine wachsende Nachkommenschaft zu schaffen. Wo Schiff—
fahr und Handel blühen, oder kriegerischer Eroberungsgeist im Volke oder in einer
Jjerrschenden Klasse sich erhält, da kann freilich lange auch bei im übrigen friedlich
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-26. Aufl. 12
        <pb n="190" />
        178

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

gewordenen Völkern der Halb- oder Ganzkultur die Tendenz der Expansion sich erhalten;
da werden, wie durch die Phöniker, die Karthager, die Griechen Handelsfaktoreien und
bald auch Töchterstädte und-Staaten gegründet, die teilweise die Mutterstadt überflügeln,
einen großen Bevölkerungsabfluß schaffen. In Griechenland blühte solche Kolonie—
aussendung und Gründung vom 9. bis 6. Jahrhundert v. Chr.; sie geschah jedesmal
nach Befragung des delphischen Gottes auf Volksbeschluß und Staatsgesetz hin, mit
einer Landvermessung und unter Leitung durch die angesehensten, amtlich hiezu bestellten
Bürger, die sogenannten Oikisten. Nochmals unter Alexander und seinen Nachfolgern
fand eine Massenauswanderung der Griechen statt; 70 Städte hat allein Alexander
gegründet und gleichmäßig mit Griechen und Orientalen besetzt; der ganze Orient wurde
hellenisiert, ähnlich wie später der Occident romanisiert wurde. Auch die römische
Koloniegründung war Staatssache; es handelte sich zuerst um Militärkolonien von je
300 Bürgern für italische Hafenstädte, später um die Latinisierung ganzer Gegenden,
z. B. Oberitaliens, seit der Zeit der Gracchen um Landzuteilungen an Bauernsöhne
und verarmte Stadtbürger, zuletzt um die Belohnung von Tausenden von Veteranen
und dann auch um die Ansiedelung von Germanen in entvölkerten Grenzprovinzen.
Kolonien von 426000 Bürgern kommen vor; Cäsar will 80000 arme hauptstädtische
Bürger in überseeische Provinzen führen; 12 000 Latiner wurden 187 v. Chr. auf einmal
aus der Stadt Rom verwiesen; nach der Schlacht von Philippi waren 170 000 Mann
zu versorgen. Das Söldnerwesen hat im ganzen Altertum wie später im Mittelalter
eine Rolle im Bevölkerungsabzug gespielt, gewissen Gegenden den UÜberschuß abgenommen,
anderen die fehlenden kräftigen Elemente zugeführt.
Die kolonisierende Eroberung der Germanenvölker in den ersten Jahrhunderten
nach Christi Geburt verwandelte sich später in die innere Kolonisation vom 6. —183. Jahr⸗
hundert, in die Städte- und Dorfgründung, in das Vordringen nach Osten ins Slaven—
land, in die Gründung der Handelsfaktoreien im Mittelmeere und in den nordischen
Gebieten. Auch die Kreuzzüge gehören in diesen Zusammenhang; sie sollen Millionen
Menschen weggeführt haben. Aber teils schon vom 12.—-183., teils vom 15. und
16. Jahrhundert an hörte diese Ausdehnungsbewegung auf. Die Entdeckung der neuen
Welt, so großartig sie war, so rasch sie zu Niederlassungen, Handelsfaktoreien und den
spanischen, portugiesischen und holländischen Reichen in Ost- und Westindien führte,
erzeugte doch lange keinen größeren Menschenabfluß aus Europa; sie hob die fast vor—
handene Unbeweglichkeit der europäischen Menschheit von 1300 — 1700 gar nicht, von
1700 - 1800 nur wenig auf.
) In den größer gewordenen europäischen Staaten, die vom 15.-19. Jahr-—
hundert eifersüchtig, gedrängt nebeneinander lagen, verbot man meist die Auswanderung;
die Loslösung aus der Heimat war schwierig; die Mehrzahl der Menschen war an die
Scholle gefesselt; die Neugründung von Niederlassungen war kaum mehr irgendwo
möglich; nur vereinzelt trieb kirchliche Unduldsamkeit, wie in Spanien, Frankreich und
Osterreich, Scharen der besten Bürger weg. Die neuen Kolonien jenseit der Meere sah
man als einen Gegenstand der kaufmännischen Ausbeutung, der politischen Herrschaft
und der Christianisierung, nicht als zu besiedelnde, den Menschenüberschuß aufnehmende
Gebiete an. Nur langsam begann im 17.-18. Jahrhundert in den Neuenglandstaaten
eine europäische Ackerbaukolonisation. Erst in unserem Jahrhundert hat die moderne
Technik, die Ausdehnung der europäischen Herrschaft, die Umbildung des Völker- und
Staatsrechtes und das große Wachstum der europäischen Bevölkerung den Wanderungen
wieder eine lange Zeit hindurch ungekannte Bedeutung gegeben.
Das sie von allen früheren Zeiten unterscheidende Merkmal dieser modernen
Wanderungen ist, daß sie zum großen Teile von den einzelnen Individuen und
Familien ausgehen, daß neben politischen und religiösen Stimmungen in erster Linie
wirtschaftliche Motive der Wandernden und Erwerbsabsichten derer, welche sie befördern,
welche ihre Arbeit begehren, an sie Grundstücke verkaufen wollen, das ganze Getriebe
derselben in Bewegung setzen. Große Compagnien und Handelsgesellschaften haben dabei
stets eine Rolle Fespielt. Die Regierungen selbst aber, die Organe der Gesamtheit,
        <pb n="191" />
        Die neueren Wanderungen.

179

haben sich teils passiv gehalten, teils nur durch Erwerb von Kolonien und Handels—
fstationen und ihre erste Einrichtung, durch internationale Verträge und Ahnliches die
Wanderungen ermöglicht, jedenfalls nicht in dem Maße wie früher im Altertum, in der
Völkerwanderung, zur Zeit der deutschen Kolonisation der Slavenlande, systematisch
einheitlich diesen ganzen Prozeß geleitet. Die älteren Wanderungen und Kolonisationen
waren Volks- und Staatssache, die modernen sind überwiegend Sache der Individuen. —
Die neueren Wanderungen können geschieden werden in periodische und dauernde,
in innere und äußere. Die periodischen Wanderungen, welche die Wanderer stets wieder
zur alten Heimat zurückbringen, haben früher bei Nomaden und Jägern wohl noch
umfassender stattgefunden als heute. Aber auch jetzt sind sie in gebirgigen Ländern
vielfach für die Viehernährung nötig; sie finden dann in umfassendem Maße von Seiten
land- und forstwirtschaftlicher, auch gewerblicher Arbeiter statt; Hausierer und Kaufleute,
Schiffer und Matrosen sind einen großen Teil des Jahres in Bewegung. An all'
diese periodischen Wanderungen knüpft sich häufig die dauernde Loslösung. Die außer—
ordentliche Ausdehnung des heutigen Reiseverkehrs, des Suchens von Stellen in der
Ferne, im Auslande, hat eine große Zahl von Menschen geschaffen, die viele Jahre
nicht sicher wissen, ob sie dauernd an ihren neuen Wohnorten bleiben oder in die
Heimat zurückkehren werden.
Der Unterschied zwischen den Wanderungen nach dem Auslande und im Inlande
ist zunächst ein rein formaler, vom jeweiligen Staats⸗, Verwaltungs- und Völkerrecht
vedingter. Je kleiner die Staatsgebiete sind, desto häufiger ist schon die Übersiedelung
an einen Ort von 1410 Meilen Entfernung Auswanderung, nicht Binnenwanderung.
Überall an den Grenzen der Staaten, wo lebendiger Austausch der Kräfte stattfindet,
ist auch die definitive Übersiedelung wirtschaftlich kein so erheblicher Wanderschritt, wie
wenn der rheinische Bauernsohn in Posen sich ansiedelt. Die vorübergehenden und
dauernden Binnenwanderungen sind durch die heutige Niederlassungsfreiheit, die ins
Ausland durch die neueren internationalen Verträge außerordentlich erleichtert worden.
Die Rechtssysteme in Bezug auf die Entlassung aus den heimatlichen Rechtsverhältnissen
sind heute noch sehr verschieden; England halt auch die draußen Wohnenden rechtlich
e p als Deutschland. Der Wanderprozeß selbst aber wird dadurch nicht viel
eeinflußt.
Die Ziele der Wanderung sind teils im Inlande liegend, teils sind es andere
kultivierte Länder unserer Zone, teils unbesiedelte fremde Länder und Kolonien. Der
große Strom unserer inneren Wanderungen geht vom Lande nach den Mittelpunkten
der Industrie und des Handels; teilweise findet aber auch eine Bewegung nach bisher
weniger besiedelten ländlichen Gebieten des Inlandes statt; man spricht da von innerer
Kolonisation, wo noch Platz zu Neuansiedelungen, zur Bildung kleinerer Güter, zu
Anlagen auf bisher unwirtlichem, nun melioriertem Boden vorhanden ist. Reiche, die,
wie Nordamerika und Rußland, sich neuerdings noch in unmittelbarer Nähe großartig
ausdehnen konnten, haben auch noch eine große innere Kolonisation, welche wirtschaftlich
die Folgen der eigentlichen Auswanderung anderer Staaten übertrifft und den großen
Vorteil hat, die Neuansiedler als Staatsbürger und im geographischen Zusammenhang
mit der alten Heimat zu erhalten.
Die Staaten, welche sich nicht so ausdehnen und auch in der Ferne keine neuen
Besitzungen erwerben konnten, wie Deutschland, Italien, die skandinavischen Reiche,
haben ihre Auswanderer meist nach den Vereinigten Staaten oder in englische Kolonien
geschickt. Die Folge war fast stets, daß die Auswanderer und ihre Nachkommen bald
die Sprache und Nationalität verloren, auch wirtschaftlich von der alten Heimat sich
löften. Solche Auswanderung hat entfernt nicht den Vorteil fürs abgebende Land wie
die in eigene Kolonien.
Unler Kolonien im weiteren Sinne versteht man vom Mutterlande getrennte, von
ihm in irgend welcher Rechtsform abhängige Gebiete, hauptsächlich solche, welche, in
erheblicher Entfernung, auf niedriger wirtschaftlicher Kulturstufe stehen, durch ihre Ab—
hängigkeit vom Mutterlande diesem als wirtschaftliche Glieder dienen. Volkswirischaftlich
12*
        <pb n="192" />
        80

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

unterscheidet man hauptsächlich: Handelskolonien, Ackerbaukolonien und Pflanzungs—
kolonien, wobei je der in der Kolonie vorangestellte wirtschaftliche Zweck den Namen
bestimmt; die Handelskolonien sind oft sehr klein, bestehen nur aus Faktoreien; die
Ackerbaukolonien der Europäer müssen gemäßigtes Klima und Raum für Siedelungen
haben; die Pflanzungs-(Kultivations-)Kolonien liegen im heißen Klima, suchen mit
eingeborenen Arbeitskräften die Produkte des Südens zu erzeugen, dem Kapital und
den führenden Kräften des Mutterlandes Beschäftigung und Gewinn zu verschaffen.
Rechtlich pflegt man zu unterscheiden: bloße Stationen (Marine-, Militär-); eigentliche,
staatsrechtlich ganz abhängige Kolonien, wie die englischen, die deutsch-afrikanischen;
konföderierte Kolonien mit politischer Selbständigkeit nach innen, wie Kanada und
Australien; sogenannte Nationaldomänen, wie Indien für England, Java für Holland,
welche ohne Selbstregierung vom Mutterlande abhängig, doch eine eigene Regierung
haben; Protektoratsländer oder Schutzländer, wie Tunis gegenüber Frankreich; endlich
Interessen- und Machtsphären, d. h. Gebiete, in welchen auf Grund wirtschaftlicher und
politischer Einflüsse und Verträge der interessierte Staat den Einfluß anderer Mächte
glaubt ausschließen zu dürfen.
Die Ursachen des Gedeihens oder Nichtgedeihens der neuen europäischen Kolonien,
die bedeutsame Rückwirkung derselben auf die Macht- und Wirtschaftsverhältnisse der
Mutterlande, die Kosten derselben und ihre Rentabilität, die politischen Verfafsungs—
verhältnisse und die wirtschaftlichen und Handelseinrichtungen derselben können wir hier
nicht verfolgen. Wir haben nur die Wirkung der neueren Kolonisation auf die
Bevölkerungsverhältnisse hier ins Auge zu fassen. Es handelt sich dabei um zwei
Reihen von Erscheinungen: um die Wirkung auf die einheimische Bevölkerung der
Kolonien und die auf die europäischen Mutterländer.
Die Herrschaft der Europäer hat in vielen Kolonien die kleinen Stämme der
Jäger, Hirten und primitiven Ackerbauer durch falsche Behandlung, verkehrte oder zu
rasche Octroyierung europäischer Kulturformen, durch Einführung europäischer Genüsse
und Laster, durch Beschränkung auf zu enge Gebiete und teilweise durch direkten Kampf,
Verdrängung und Tötung beseitigt. Zu oft nur wurde der falsche Satzz proklamiert,
wer nicht (d. h. nicht fofort) zur höheren Kultur taugt, mag zu Grunde gehen. Die
europäische Herrschaft hat aber daneben auch in weit größeren Gebieten, hauptsächlich
Asiens, durch Herstellung eines geordneten Friedenszustandes und einer leidlichen Ver—
waltung, durch Erziehung zur Arbeit und zu verbesserter Produktion die eingeborenen
Bevölkerungen erhalten und vermehrt. Es gelang da, wo die Eingeborenen schon etwas
höher standen, und wo die Verwaltung die überkommenen Institutionen schonte, dem
europäischen Unternehmungsgeiste Schranken setzte. Das englische Indien hat wahr—
scheinlich nie eine so große Bevölkerung gesehen wie heute. Die größte Musterleistung
der Kultivation oder Erziehung zur Arbeit durch europäische Herrschaft und Produktionsteilung,
 die niederländische in Java und Madura hat 1816-86 aus 4,6 Mill. 22 Mill.
Menschen gemacht. Auch in Afrika steht Ahnliches bevor: Agypten hat wieder die
Menschenzahl seiner alten Blüte erreicht. Nordafrika wird bald ein ähnliches Resultat
zeigen, und Süd-, ja selbst Centralafrika läßt Analoges hoffen.
So lange die Europäer nur als Regenten, Feudalherren, Priester und Krieger,
als Händler, Beamte der Compagnien, Vorsteher von Handelsstationen nach den neuen
Weltteilen kamen, mußte ihre Zahl so gering bleiben, daß die Bevölkerung Europas
davon nichts spürte; im 17. Jahrhundert begannen die Ackerbaukolonien hauptsächlich
in Nordamerika; die Auswanderung blieb aber immer noch mäßig, überstieg z. B. aus
Deutschland im 18. Jahrhundert kaum 100000 Seelen. Immer lebten 1800 schon etwa
9 Mill. Menschen europäischer Rasse in den außereuropäischen Gebieten. Im 19. Jahr—
hundert stieg die europäische Auswanderung successive; sie erreichte allein nach den
Vereinigten Staaten 1841--50 schon 1,7, 1881 90 8,1 Mill. Seelen; im ganzen betrug
die europäische Auswanderung bis 1891 ca. 26 Mill, wovon 11 aus Großbritannien,
6aus Deutschland, 1 aus Skandinavien stammen. In den Vereinigten Staaten waren
1840 1 Mill., heute fast 8 Mill. in Deutschland geborene Einwohner, fast 7 Mill.,
        <pb n="193" />
        Kolonien. Größe und Politik der Auswanderung. 181

wenn man die zurechnet, deren beide Eltern Deutsche waren. Auch einzelne europäische
Länder haben noch in unserem Jahrhundert eine erhebliche Zuwanderung: Frankreich
z. B. 1830—-90 1,5 Mill.; es leben heute dort über 1 Mill. Fremde, 300/00 der
Bevölkerung, in der Schweiz 808/00, in Belgien 27 0/00. Daß die großen Binnen—⸗
wanderungen der Vereinigten Staaten nach dem Westen, Rußlands nach dem Osten
eine ähnliche wirtschaftliche Bedeutung haben, erwähnten wir schon.
Die Ursachen der Wanderungen des 18. und 19. Jahrhunderts sind die mannig—
fachsten: religiöser und politischer Druck, nationale Mißstimmung (z. B. in Irland),
die jeweilige sehr verschiedene Aus- und Einwanderungspolitik in der Heimat und
Kolonialgebieten und die geschäftliche Organisation und rechtliche Ordnung der Aus—
wanderung, des Beförderungswesens, der Neuansiedelung wirkten mit; aber das Ent—
scheidende war doch stets die relative Ubervölkerung in der Heimat, die wachsende
Schwierigkeit, für eine zunehmende Bevölkerung bei der vorhandenen Technik, Befsitz⸗
verteilung und volkswirtschaftlichen Verfassung so leicht wie bisher eine Familie zu
gründen, für zahlreiche Kinder zu sorgen. Solche Schwierigkeit konnte bei dichter wie
bei sparsamer Bevölkerung, in industriellen wie in agrikolen Gegenden vorliegen. Die
deutschen Auswanderer von 1750 — 1850 waren hauptsächlich süddeutsche Zwergbauern
und Handwerker mit ihren Söhnen, 1830 —90 Tagelöhner und Bauern des Ostens,
die keinen oder nicht genug Grundbesitz fanden. Es waren nirgends die ganz armen
und die ganz wohlhabenden Elemente, sondern tüchtige, energische, nicht ganz besitzlose
Leute. Was die ca. 6 Mill. deutscher Auswanderer des 19. Jahrhunderts an
Erziehungskosten, die sie der Nation nicht vergütet haben, und an barem Kapital mit—
nahmen, kann man sehr mäßig auf 6—8 Milliarden Mark veranschlagen.
Die Beurteilung dieses großen Wanderprozesses und die dementsprechende Politik
war natürlich nach Zeit und Land sehr verschieden. Wo und so lange die Menschen
mangelten, wie im vorigen Jahrhundert in Preußen, in diesem lange in den Vereinigten
Staaten und anderen Kolonien, hat man die Einwanderung begünstigt, sie und die
Ansiedelung teilweise mit staatlichen Mitteln unterstützt. Wo man den Abzug fürchtete,
hat man die Auswanderung durch Verwaltung und Recht bis tief in unser Jahrhundert
erschwert; die Auswanderungsfreiheit als allgemeines Menschenrecht ist sehr jungen
Datums (1820-650). Die betrügerische Anlockung und Mißhandlung der Auswanderer
durch Agenten und Schiffsunternehmer, durch Wirte und Geschäftsleute zu Hause und
in der Fremde hat zu so unerhörten Mißbräuchen geführt, daß Aus- und Einwanderungs—
staaten — freilich recht langsam und schüchtern, um das einträgliche Geschäft nicht zu
verderben — von 1808 bis zur Gegenwart zu einer schützenden und kontrollierenden
Gesetzgebung kamen. Zu einer Erschwerung der Einwanderung unliebsamer Elemente
(Chinesen, Sträflinge, Mittellose ꝛc.) griffen seit 28 Jahren die Vereinigten Staaten,
Kanada und Australien. Das Wichtigste aber war in jedem Lande mit erheblicher
Aus- oder Einwanderung, ob die Staatsgewalt sie in systematischen Zusammenhang
mit der ganzen Wirtschafts-, Handels- und Machtpolitik brachte oder sie im Sinne der
Manchesterlehre fich ganz selbst überließ als etwas, was den Staat nichts angehe. Die
großen und selbstbewußten Staaten, wie England, Rußland, die Vereinigten Staaten,
konnten sich, auch wenn im übrigen solche Theorien überwogen, nie ganz auf diesen
Nachtwächterstandpunkt stellen. Sie haben in unserem Jahrhundert wieder mit Energie
begonnen, diesen Wanderprozeß in ihrem nationalen Macht-, in ihrem Kolonial- und
Handelsinteresse zu leiten. Deutschland, unfähig, seine Söhne in eigene Kolonien zu
bringen und sie in dauernder Verbindung mit dem Mutterlande zu erhalten, hat bis
vor kurzem all' das versäumt, höchstens da und dort verarmte Auswanderer wegschaffen
helsen. Die Arbeitgeber und Grundbesitzer haben sich auf kurzsichtiges Jammern beschränkt,
daß ihnen die Arbeitskräfte weggehen, die internationalen Schwärmer nnd Manchester—
leute haben sich über den Verlust an Menschen und Kapital, über die Thatsache, daß
Deutschland die Kinder- und Schulstube für die übrige Welt sei, damit getröstet, daß
es vielleicht in Deutschland noch schlimmer aussähe, der Lohn noch gedrückter wäre,
wenn die 6 Mill. Auswanderer und ihre Kinder zu Hause geblieben wären. Erst neuestens
        <pb n="194" />
        183

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

ist eine größere Auffassung über die Pflicht des Staates, sich darum zu kümmern, auch
bei unz eingetreten. Aber diese bessere Einsicht ist noch nicht über die Kinderjahre hinaus.
Über die zahlenmäßige Bedeutung der Auswanderung hat man sich oft deshalb
getäuscht, weil man sah, daß sie für gewöhnlich nur die natürliche Zunahme von
8—-140/00 aus 42809/00 ermäßige; man hat dann auch betont, sie habe nach ihren
Höhepunkten 1830-55 (100 -162 000 im Jahre) und 1880 —90 (100 -203 000) rasch
wieder abgenommen; man hat auch gesagt, sie entlaste die heimische Bevölkerung nur,
wenn sie vorübergehend in größtem Maßstabe gelänge; wo sie dauernd platzgreife,
erzeuge sie eher eine weitere Zunahme der Bevölkerung. Das sind lauter partielle Wahr—
heiten, die aber den Kern der Sache nicht treffen. Das Wesentliche liegt doch im folgenden.
Der große Wanderprozeß hat es in unseren Tagen dahin gebracht, daß 1890
nicht 9, sondern 90 Mill. Menschen europäischer Rasse außerhalb Europas leben; 1990
werden es mindestens 4—5500 Mill. sein. Die Nationen mit Auswanderung sind die
kräftigen und gesunden, die aufwärts steigenden. Hübbe-Schleiden prophezeit, daß 1980
gegen 900 Mill. Anglosachsen (Engländer und Amerikaner), gegen 800 Mill. Russen
und gegen 150 Mill. Deutsche die Erde bewohnen werden. Leroy-Beaulieu meint, in
einigen hundert Jahren würden Chinesen, Russen und Angelsachsen je 82–500, die
Deutschen 200 Mill. Menschen ausmachen, alle anderen, mehr stillstehenden, nicht
wandernden Völker zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt sein. Die Zukunft der Völker,
ihre Macht und ihr Wohlstand hängt so nicht allein, aber mit von ihrer Wander-,
Kolonisations- und Kultivationsfähigkeit ab.
75. Das Bevölkerungsproblem und die Wege seiner Lösung:
e) die Verdichtung. Schluß. Die Hemmungen und die Wanderungen greifen
bedeutungsvoll in die Bevölkerungszunahme und -Bewegung ein. Aber die wichtigste
Frage für ein rasch wachsendes Volk bleibt stets doch, ob und in wie weit, unter
welchen Bedingungen es im eigenen Gebiete wachsen könne. Die Verdichtung der Be—
völkerung ist das natürliche Ergebnis gesunder Zustände, wie es die Voraussetzung der
höheren Kultur ist. Aber darin liegt nun eben die Eigentümlichkeit des Bevölkerungs⸗
problems, man möchte sagen seine Tragik, daß einerseits die stärksten menschlichen Triebe,
das Elternglück, die Staats-, Wirtschafts- und Machtinteressen, auf diese Verdichtung
immer hindrängen, und andererseits die Erreichung des Zieles dasselbe wieder bedroht,
d. h. die erheblich verdichtete Bevölkerung unter den hergebrachten Lebensbedingungen
nicht mehr existieren kann, ohne zu Not, Mangel und Elend zu führen. Jedes Maß
der Dichtigkeit setzt eine bestimmte Technik und Organisation des Wirtschaftslebens,
bestimmie Sitten und Moralregeln, bestimmte Gesellschaftseinrichtungen voraus, welche
für die doppelt so große Bevölkerung unzureichend, unmöglich, ja tödlich sind.
Bleiben wir aber zunächst bei einer Prüfung der Statistik. Die Dichtigkeit der
Bevölkerung wird am besten in der Weise gemessen, daß man die gezählte Volksmenge
mit der Flaͤche vergleicht, berechnet, wie viel Menschen auf die Geviertmeile oder den
Geviertkilometer im Durchschnitt eines Gebietes kommen. Die erstere Berechnung war
früher allgemein üblich, die nach Kilometern ist heute bei uns im Brauch und hier
von uns gemeint, wenn wir nichts beifügen; 1000 Seelen auf die Geviertmeile find
gleich 17,7 auf den Geviertkilometer. Man muß zur Vergleichung analoge Gebiets—
abschnitte von einiger Größe auswählen: ganze Staaten, Provinzen, Bezirke, höchstens
Kreise; je kleiner die gewählten Gebiete, desto zufälliger ist der Durchschnitt. Alle Be—
völkerung muß schon durch Stadt und Land sehr ungleich verteilt sein; diesen Unter—
schied der Verteilung besprechen wir unten bei der Siedelung; die gewöhnliche Erörterung
der Dichtigkeit sieht davon ab; es interessiert sie nicht, daß im Centrum Berlins
32000 - 54000, in Brandenburg ohne Berlin 78 Seelen auf den Geviertkilometer
kommen; für sie hat die ganze Provinz heute durchschnittlich 123 Seelen. Man muß
sich nur vbewußt bleiben, daß auch abgesehen vom Gegensatz von Stadt und Land die
Dichtigkeit in jedem Lande nach natürüchen und kulturell-historischen Verhältnissen sehr
verschieden ist, daß, je größere Gebiete man zur Darstellung wählt, desto verschiedenere
Zustände im Durchschniit auf einen mittleren Zahlenausdrud gebracht sind, der vielleicht
        <pb n="195" />
        Die historische und geographische Bevölkerungsdichtigkeit. 183

in Wahrheit nirgends oder nur an wenigen Stellen thatsächlich zutrifft. Die deutsche
Dichtigkeit ist heuie 91, aber die Kreise schwanken zwischen 14 und 600; die großbritannisch—
irländische ist 124, während sie in den Grafschaften von wenigen Seelen bis 4400 pro
Geviertkilometer steigt.
Am belehrendsten scheint es mir nun, die Mitteilung der Thatsachen mit einem
Schema zu beginnen, das die typische Dichtigkeit nach den Stufen der vkonomischen
Kultur und nach den gröbsten Naturunterschieden anführt: ich schließe mich dabei der
Aufstellung von Ratzel an. Die Dichtigkeit ist für gewöhnlich bei und in:
pro Geviert⸗ pro Geviert⸗
Jäger- und Fischervölkern in den armen Gebieten des meile kilometer
Rordens .. . . . . 0, 1-0,8 0,0017-0, 0058
Jägervölkern der Steppengebiete (Buschmänner, Pata⸗—
gonier, Australier.. 0,1-0,6 0,0017 - 0,0088
Jägervölkern mit etwas Hack- und Ackerbau (Indianer,
Dajak, Papua, ärmere Neger).. . 1042 0,17-0,70
Fischervölkern an Küsten, Flüssen, auf Inseln (Nordwest⸗
Amerika, Polynesiennnn. bis no bis 1,77
Hirtennomaden.. 4104- 0,70 - 1,77
Hack- und Ackerbauern mit etwas Gewerbe und Verkehr
(Innerafrika, Malaienn. 100-300 1,7 -65,8
Nördlichen indogermanischen Ackerbauern und Viehzüchtern
zur Zeit vor Christi Geburt (Kelten, Germanen). 282-675 3—12
Halbnomaden mit Äckerbau in den Tropen (Kordofan,
BennanJJJ. 200-500 3,4 -8,9
Fischervölkern mit etwas Hack- und Ackerbau in den
Tropen (Inseln des stillen Ozeans).... bis 500 bis 8,9
Jungen Ländern mit europäischem Ackerbau oder klima⸗
tisch unbegünstigten Gebieten Europas.. bis 500 bis 8,9
Mittel- und südeuropäischen Ländern mit Dreifelder⸗
und ähnlicher Wirtschaft, den Anfängen gewerblich.
städtischer Kultur, noch ansehnlichem Waldbestande
(3z. B. Griechenland 400 — 800 v. Chr., Italien
300 v. bis 100 n. Chr., Mitteleuropa 1200 - 1500)
Mitteleuropäischen Ackerbaugebieten mit mäßiger städti—
scher und gewerblicher Entwickelung in der Zeit von
1600 - 188360... 18300- 2000 26-35
Reinen Ackerbaugebieten Südeuropas bis zur Gegenwart bis 4000 bis 70
Heutigen gemischten Ackerbau- und Industriegebieten
Mitteleuropa8s8s... 4000-6000 70 - 106
Heutigen besseren Ackerbaugebieten Indiens, Javas, Chinas 10000 177
Gebieten der europäischen Großindustrie, der Groß- und
Haupthandelsstädte. 15 000 266
Weinbaugegenden, industriellen Central- und Montan⸗2ꝛc.
Gegenden.. .. — — 17- 18 000 300 - 318.
Ich füge diesen schematischen Schätzungen nun noch einige historische und eine
Anzahl neuerer feststehender Zahlen bei; es kamen auf den Geviertkilometer:
Frankreich Deutschland England und Wales
zu Cäsars Zeit zu Christi Geburt 5—6
1328 1300 17 - 20 1100 8
1574 v 1620 25 1460 - 1600 17
1700 42 1700 26-28 1700 38
1800 50 1800 40 - 45 1800 58
1898 72 1900 104 1900 213.
        <pb n="196" />
        7

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

In den Jahren 1890-1900 zählte man auf dem Geviertkilometer:
in ganzen Staaten in — in deutschen Staaten und Provinzen
Belgien 229 Schottland 56
Niederlande 157 Irland 55
Großbritannien Britisch Indien 71
und Irland 182 Bengalen 182
Japan 114 Rufsisch Polen 68
Italien 107 Finnland 8
Osterreich 85 Russisch Central—
Schweiz ot Asien 1,6
Dänemark Niederösterreich 133
Ungarn Bosnien, Herze⸗
Spanien gowina 31
Europ. Rußland Campanien 190
Schweden Sardinien 30
Ver. Staaten
Norwegen

Kgr. Preußen 99
Ostpreußen Ek4
Westpreußen 6
Pommern 52
Mecklenburg 46
Schleswig⸗
Holstein 73
Hannover 67
Westfalen 158
Rheinland 213
Schlesien 116
Posen 65
Brandenburg 125
Pr. Sachsen 116
Kgr. Sachsen 280

Hessen-⸗Nafsau 121
Bayern 81
Württemberg 111
Baden 124
Gr. Hessen 146
Elsaß⸗
Lothringen 118.

Diese wenigen Zahlen vermögen immerhin ein volles Bild der historischen Ver—
dichtung und der geographisch verschiedenen Dichtigkeit, der Ursachen und Folgen des
ganzen Prozesses zu geben. Sie deuten an, daß dichtere Bevölkerung und höhere wirt—
schaftliche, politische und geistige Kultur bis auf einen gewissen Grad Hand in Hand
gehen, daß ohne eine gewisse Dichtigkeit Arbeitsteilung, lebendiger Verkehr, Marktwesen,
Gewerbe, städtisches Leben, gesteigerte geistige Berührung und Reibung der Menschen,
Künste und Wissenschaften nicht existieren können. Aber sie zeigen doch auch, daß ent—
sernt nicht die dichtestbevölkerten Gebiete und Staaten stets die reichsten, gebildetsten und
mächtigsten waren, daß hohe Kultur und großer Reichtum bei 20 —40 wie bei 100 - 200
Seelen pro Geviertkilometer vorkommen, daß von der Natur begünstigte halbbarbarische
Gegenden unter Umständen die dichtest besiedelten sind. Mit den modernen Verkehrsmitteln
ist höchster Wohlstand bei sparsamer Bevölkerung z. B. in den Kolonien, in den Ver—
einigten Staaten möglich. Man verfügt hier noch über Naturkräfte in Fülle, die in
dicht bevölkerten Gebieten nur noch in kleinster Portion auf den einzelnen fallen.
Der historische Verdichtungsprozeß, wie er überall in Zusammenhang mit der
Bevölkerungszunahme angestrebt wird, hat zunächst seine natürlichen Bedingungen.
Wenn im kalten Norden bei primitiver Technik auf der Geviertmeile nur 0,1, so leben
im Süden, unter den Tropen unter ähnlichen Voraussetzungen doch schon 10—500, bei
etwas höherer Technik Tausende; derselbe Ackerbau, der bei uns 2000, ernährt dort
10 000 Seelen. Die Verschiedenheit des Bodens, der Höhe über dem Meere, der
Feuchtigkeit setzt der Menschenzahl ganz verschiedene Grenzen. Wenn in den Vereinigten
Staaten bei normaler Jahreswärme auf der Geviertmeile 22—831 Menschen 1890 leben,
so sinkt die Zahl auf 3 und 4 herab, wo es zu kalt und zu warm ist; im selben
Reiche erhebt sich, wo die Regenmenge am günstigsten, d. h. 830—50 Zoll ist, die Zahl
pro Geviertmeile auf 40—60, da aber, wo sie herabgeht auf 10-20 oder auf 70 Zoll
steigt, trifft man auf derselben Fläche nur 1254 Menschen. Wo der Boden sich über
eine gewisse Höhe erhebt, ist die Menschenzahl immer spärlich. In Baden trifft man
im Thale 227, auf den Hängen 800, bei 600 und 700 Meter Höhe noch 82, über
1100 Meter nur noch 1 Menschen pro Geviertkilometer. Im Braunschweigischen leben
in den reinen Waldgemeinden 44, in den halben Waldgemeinden 88, in den übrigen
Ortschaften 84 Menschen pro Geviertkilometer; wenn man die landwirtschaftliche Fläche
dieses Staates nach der Bodengüte in vier Klassen teilt, so findet man auf dem besten
Boden 116, auf dem guten 107, dem mittleren 97, dem geringen 64 Menschen pro
Geviertkilometer. Je jünger irgendwo die Kultur ist, desto mehr werden nur die Fluß—
thäler und günstigen Seeküsten, die besten Gegenden (abgesehen von schwer bebaubaren
        <pb n="197" />
        Die natürlichen und wirtschaftlichen Schranken der Bevölkerungsverdichtung. 185

Niederungen) bewohnt, und wenn auch später nun die Waldgebiete, die Höhen und
Gebirge, die Sandflächen und geringen Böden bebaut werden, der Verdichtungsprozeß
bleibt hier ein beschränkter, wie man schon daraus sieht, daß noch heute nur 1 Prozent
des Festlandes der Erde über 8000 Seelen, nur 6 Prozent 2-8000 Seelen pro Geviert—
meile tragen, daß auf einem Siebentel der Erde drei Viertel aller Menschen wohnen.
Mag vollkommenere Technik, Bewässerung und Verkehr daran noch vieles ändern, mag
heute teilweise noch Trägheit die Massen in den alten Mittelpunkten der dichten Be—
völkerung festhalten, das deuten doch die erwähnten Thatsachen an, daß die der mensch—
lichen Kultur zugänglichsten Gebiete längst reichlich besetzt sind, daß der Trost, erst ein
Drittel der Erde sei angebaut, nicht sehr weit her ist. Freilich kann in Amerika, Afrika,
Australien, Asien die Bevölkerung noch um Hunderte von Millionen wachsen; Ravenstein
berechnet, äußersten Falles hätten 6000 Millionen statt der jetzigen 1800 Millionen
auf der Erde Platz; es mögen sogar 10 -12000 Mill. sein. Aber was setzte diese
Dichtigkeit voraus? Welche Hindernisse ständen im Wege, um die großen Menschen—
massen Europas etwa in die zu bewäfsernde Sahara überzuführen? Außerdem wären
bei 100400 jährlicher Zunahme 1600 Mill. in 140 Jahren schon bei 6000, in
weiteren 70 Jahren bei 12000 angekommen.
Es ist klar, daß der Verdichtungsprozeß überall da am leichtesten sich vollzieht,
wo ein Volk über ein Gebiet verfügt, das teilweise noch sparsam bebaut ist oder gar
noch größere und fruchtbarere Gebiete als die besetzten umschließt. Da kann eine große
innere Zunahme und Kolonisation bei stabiler Technik fast ohne Anderung der Sitten
und Institutionen erfolgen. In dieser Lage sind heute Rußland, die Vereinigten Staaten,
einzelne Teile Indiens. Wo es sich aber darum handelt, daß fast aller gute und zu—
gängliche Boden bebaut ist, daß große Gebiete nur etwa durch Bewässerungs- oder andere
schwierige Kulturarbeiten (in Deutschland z. B. die 42ÿ500 Geviertmeilen Moorland)
gewonnen werden können, da ist die Verdichtung schon viel schwieriger. Und noch mehr
ist sie es, wo nur eine allgemeine Veränderung der Technik, eine Vervollkommnung
aller wirtschaftlichen Kräfte und ihrer Organisation die wachsende Zahl von Menschen
auf derselben Fläche zu ernähren gestattet. Wir sind damit beim Kern der Frage.
Nehmen wir zunächst an, es handele sich nur um technische Fortschritte; auf die
übrigen ebenso wichtigen Bedingungen kommen wir gleich. In erster Linie steht die
landwirtschaftliche Technik, die uns die Nahrungsmittel liefert. Ein Volk, das bisher
von der Jagd lebte, soll Viehzucht und Ackerbau lernen; ein nicht seßhaftes soll dem
Acker- und Gartenbau sich zuwenden; es sollen statt den extensiven die höheren intensiven
landwirtschaftlichen Betriebssysteme erlernt werden. Welche Summen von Schwierigkeiten
sind da zu überwinden. Schon Klima und Boden setzen, wie bereits erwähnt, den
Fortschritlen verschiedene, nirgends ganz übersteigbare Grenzen entgegen; selbst die voll—
fommenste Technik kann im Norden nicht die Lebensmittel für 10—15 000 Menschen
auf der Geviertmeile erzeugen; die intensivere Landwirtschaft liefert bei höheren Kosten
von einer gewissen Grenze an abnehmende Erträge. Wenn wir die Geschichte der Land—
wirtschaft uͤberblicken, so sind die eingreifenden landwirtschaftlich-agrarischen Fortschritte
die feltensten, vielgefeierten Ereignisse der Geschichte; sie haben sich schwer und langsam
verbreitet; ihr Sieg hängt nicht bloß von Klima, Boden, Rasse und glücklichen Schick—
salen, sondern auch von Änderung der Sitten, des Rechts, ja aller geiellschaftlichen
Institution ab. Der Übergang von der Dreifelderwirtschaft z. B. zum Fruchtwechsel
und zur freien Wirtschaft brauchte einige Jahrhunderte in Europa; die ganze mittel⸗
alterliche feudale Agrarverfassung mit ihrer Klassenbildung, ihrer Lokalverfassung, ihrem
Eigentumsrecht, ihrer Grundeigentumsverteilung mußte erst fallen, ehe die höheren
Betriebsformen für 8— 8000 statt für 158000 Menschen Lebensmittel pro Geviertmeile
erzeugen konnten.
Und doch ist die wirtschaftliche Veränderung vielleicht noch nicht die schwierigste,
so lange es sich nur darum handelt, in demselben Gebiete für die einheimische Bevölkerung
mehr Lebensmittel zu erzeugen. Handelt es sich dann aber um die höhere gewerbliche,
Handels- und Verkehrsentwickelung, zuerst um die Entstehung von kleinen Städten.
        <pb n="198" />
        186 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Handwerk und lokalen Märkten, später um die Haus- und Fabrikindustrie, um Kanäle
und Eisenbahnen, um die moderne Verkehrs-, Geld- und Kreditwirtschaft, so find alle
Stationen auf diesem Wege sehr schwer zurückzulegen, weil nicht nur ein Teil, sondern
das ganze Gefüge der Volkswirtschaft ein anderes werden muß. Man könnte sagen,
jeder Schritt auf dieser Bahn hänge von schwer erfüllbaren Bedingungen ab, sei nur
den hochstehenden Rassen und Völkern auf den Höhepunkten ihrer Kultur gelungen, es
sei anderen Völkern stets sehr schwer gefallen, diese Vorbilder nachzuahmen. Noch mehr
als jeder agrarische hing jeder dieser Fortschritte von den kompliziertesten pfychologischen,
moralischen und politischen Vorbedingungen ab. Die Ausbreitung städtischer Kultur,
päter der Hausindustrie, vollends des Fabrikwefens war mit socialen und institutionellen
Umwälzungen der tiefgreifendsten Art verknüpft. Wenn ein Land heute, um die doppelte
Zahl zu ernähren, seinen Export an Fabrikware ausdehnen, zum erheblichen Teile von
jremdem Getreide leben will, so muß die Staatsorganisation, das Verhältnis zum
Auslande, die eigene und die Macht der anderen Staaten, kurz so vieles glücklich
zusammenwirken, daß das Problem nur unter den günstigsien Bedingungen wenigen
Staaten gelingt. Es wird damit ein Zustand geschaffen, der nur miter bestimmten
internationalen und weltwirtschaftlichen Bedingungen sich erhalten kann; werden nämlich
durch ihn im Fabrik- und Exportgebiete Bevblkerungen von 8 — 18 000 Seelen pro
Geviertmeile unterhalten, so setzt das doch die politische und wirtschaftliche Abhängig—
keit von oder die völkerrechtliche Befreundung mit 10 —100 mal so großen Gebielen mit
1—3000 Seelen voraus; und der Zustand ist bedroht, wenn in den abhängigen
Gebieten die Gewerbe sich entwickeln, die dortige Rohstoffexportfähigkeit abnimmt.
Es ist also eine gänzliche Täuschung, wenn die Optimisten auf das eine Prozent
der Erdoberfläche mit 8000 Seelen und mehr hinweisen und sagen, die übrigen 99 Prozent
der Erde sollten ebenso dicht besiedelt werden. Ein bedeutender Teil der Kulturlauder
läßt schon heute keine Vermehrung der Bevölkerung um 100 200 0/0 mehr zu, wenn
nicht die Technik uns lehrt, Brot und Fleisch chemisch, statt auf dem Umwege durch die
Landwirtschaft herzustellen. Fur viele Gebiete ist allerdings ohne solche Wunder eine
erhebliche weitere Zunahme möglich. Aber wir müssen uns klar sein, daß sie, wie die
meisten alten Verdichtungen, von komplizierten, selten vorhandenen Voraussetzungen
abhängig ist. Sind doch historisch die Epochen und die Völker, denen das gelang, nicht
sehr zahlreich: die Zeit der griechischen, römischen und germanischen inneren Kolonisation,
die Epochen der großen, gut regierten Reiche im Orient, die Zeit des Hellenismus, die
Blütezeit der Romanen und der Araber und endlich die der europäischen Staaten der
letzten Jahrhunderte. Nur den fähigsten Völkern unter den besten Regierungen gelang
so zeitweise eine große Verdichtung: seltene intellektuelle und technische Fortschritte, eine
außerordentliche Steigerung der socialen Zucht, der Verträglichkeit und Moralität, ohne
die das engere Zusammenrücken und Zusammenwirken unmöglich war, eine große Ver—
vollkommnung der Gesellschaftseinrichtungen mußten sich die Hand reichen, um die
Verdichtung gelingen zu lassen, ohne daß Armut und Mißbehagen, schwerer Drug auf
die mittleren und unteren Klafsen, kurz alle Leiden der Übervölkerung daraus entsprangen.
Gelungene Verdichtung der Bevblkerung ist das Resultat vollendetster Staatskunst
und höchster Kultur, und zwar nicht bloß lechnischer, sondern ebenso moralischer und
geistiger, und nicht bloß einer hohen Kultur der führenden Spitzen, sondern ganzer
Völker. Die Menschheit hat wahrscheinlich Hunderttaufende von Jahren gebraucht, bis
fie zur Zeit vor Christi Geburt 100 200, jetzt 1500 Millionen Menschen zählte. Wer
will wagen zu sagen, in kurzer Zeit müßte es ihr gelingen, 6000 und 12 000 Millionen
zu umfafsen und immer weiter dohne Schwierigkeiten zu wachsen? —
Wir werden auch nach dem vorstehenden gerne zugeben können, daß es eine
absolute Übervölkerung wohl weder früher gegeben hat noch heute giebt, sofern wir
darunter nur eine Bevölkerung verstehen, die auch bei vollendetster und rasch fortschreitender
Technik, Verkehrsentwickelung, Kolonifation, Moral und Gesellschaftsverfassung nicht
die Möglichkeit hätte, auf ihrem Gebiet zu leben. Diese Voraussetzungen waren fast
nie oder nur sehr selten vorhanden. Die praktische Frage ist wesentlich die, ob eine relative
        <pb n="199" />
        Absolute und relative Übervölkerung. Ausblick in die Zukunft. 187

Übervölkerung vorhanden sei oder drohe, d. h. eine solche Dichtigkeit, welche gegenüber
den vorhandenen Lebensbedingungen und volkswirtschaftlichen Aussichten als Druck
empfunden werde. Daß eine solche in verschiedenem Grade sich immer wieder einstellt,
scheint eine historische Notwendigkeit, ja eine Bedingung des Fortschrittes. Wo die
Menschen sich halbwegs wohl fühlen, bei 1000 wie bei 8000 Menschen pro Geviertmeile,
da triit ein rasches Wachstum ein, und erst wenn es eingetreten ist, wenn überall das
alte Kleid der Gesellschaftsverfafsung zu eng wird, sinnt man auf technischen und Ver—
kehrsfortschritt, entstehen die Impulse zu moralischen und geistigen Fortschritten, die
verbesserten Institutionen. Die Völker, die dazu nicht imstande find, stagnieren, altern,
gehen zu Grunde; die gesunden und kräftigen vollziehen die Fortschritte, aber nicht ohne
weiteres, sondern in einem Ringen und Kämpfen, in einem Tasten und Suchen, das
oft Generationen hindurch dauert. Immer schwieriger und komplizierter werden die
Aufgaben. Unlösbar sind sie auch heute noch lange nicht.
Die Wege der Lösung sind für jedes Volk wieder andere. Für unfere deutsche
Gegenwart werden wir sagen können: 1. müssen wir für einen reichlichen Bevölkerungsabfluß
 womöglich nach eigenen Kolonien sorgen, 2. müssen wir, ohne das Zweikinder—
fystem zu empfehlen und ohne Rückkehr zu polizeilichen Schranken der Niederlassung
und der Ehe, dahin streben, daß die proletarischen, überfrühen Ehen mit zu zahlreichen
schwächlichen Kindern und übergroßer Kindersterblichkeit sich mindern. Die unteren
Klassen müssen die Sitten des Mittelstandes in Bezug auf Ehe und Kinder annehmen,
sie werden das in dem Maße thun, wie man sie durch die richtigen socialen Reformen
geistig, moralisch und wirtschaftlich hebt. Dadurch wird auch der größten Gefahr jeder Uber—
völkerung vorgebeugt, welche darin liegt, daß die Lebenshaltung der unteren Hälfte des
VBolkes fiark herabgedrückt wird. In den mittleren und oberen Klassen ist umgekehrt
der Ehelosigkeit, den Geldheiraten, der Prostitution und allen ähnlichen Erscheinungen,
die sich als unmoralische Folge der Bevölkerungsverdichtung darstellen, mit allen den
Mitteln entgegenzuwirken, die von innen heraus helfen. Das ist freilich nicht leicht
in Zeiten, in welchen der Goldsegen wirtschaftlicher Aufschwungsperioden Luxus, Genuß—
sucht und Liederlichkeit in weiten Kreisen steigert. Aber es ist nicht unmöglich, wenn
von oben herab ein gutes Beispiel gegeben, die Mißbräuche und Entartungen bekämpft
werden. Es gehört außerdem aber 83. dazu, daß nach allen Seiten eine richtige Wirt—
schafts- und Handelspolitik die innere Verdichtung und die Ausbreitung der Bevölkerung
nach außen, soweit sie möglich ist, befördere und erleichtere: innere Kolonisation,
Parzellierung der schlecht verwalteten großen Güter, Pflege des technischen Fortschrittes
in Landwirtschaft und Gewerbe, Verbesserung aller Unterrichtsanstalten, Hebung der
Macht und des Ansehens nach außen, Förderung unseres Exportes wie unserer land—
wirtschaftlichen Eigenproduktion, Hinarbeiten auf eine gleichmäßigere Einkommens—
verteilung, das sind die Ziele, die man im Auge haben muß.
Das Bevölkerungsproblem greift in alle Lebensgebiete hinein, fordert überall Zucht
und Selbstbeherrschung, Weitsicht und thatkräftiges Handeln. Auch das tüchtigste Volk
wird die zwei selbständigen Bewegungen der zunehmenden Menschenzahl und des wirt—
schaftlichen Fortschrittes nie ganz in Übereinstimmung bringen können; aber es kann
die Dissonanzen mildern in dem Maße, wie es mo—ralisch, geistig und technisch sich
vervollkommnet. —

4. Die Entwickelung der Technik in ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung.

Allgemeines: E. Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. 1877. — Laz. Geiger,
Zur Entwickelungsgeschichte der Menschheit. 1878. — Noiré, Das Werkzeug und seine Bedeutung
ür die Entwickelungsgeschichte der Menschheit. 1880. — Bourdeau, Les forces de l'industrié.
i8S84. ders, Histoire de V'alimentation. 1894. — E. Her mann, Technische Fragen und Probleme
der modernen Volkswirtschaft. 1891.
Die urgeschichtlichen Epochen der Technik: G. Klemm,- Allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit.
 1843. 7Bde. — Ders., Allgemeine Kulturwissenschaft. 2 Bde. 1854. — Tylor, Forschungen
uͤber die Urgeschichte der Menschheit. Engl. 1865, deutsch o. J. — Ders, Anfänge der Kultur. 2 Bde.
Fugl. 1871,deutsch 1873. — Lubbock, Die vorgeschichtliche Zeit. Engl. 1865, deutsch 1874. —
        <pb n="200" />
        88

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Ders., Die Entstehung der Civilifation. Engl. 1870, deutsch 1875. — Rougemont, Die Bronzezeit.
Franz. 1865, deutsch 1869. — Wibel, Die Kultur der Bronzezeit Nord- und Mitteleuropas. 1865. —
Easpari, Die Urgeschichte der Menschheit. 2 Bde. 1873. — Lenormant, Die Anfänge der Kultur.
2 Bde. Deutsch 1878. — Gerlhand, Anthropologische Beiträge. 1875. — Moxrgan, Ancient society.
1877, deutsch 1891. — Rowacki, Über die Entwickelung der Landwirtschaft in der Urzeit. In
Thiel, Landw. Jahrb. 1880. — Ders., Jagd oder Ackerbaus 1885. — Schrader, Sprachvergleichung
und Urgeschichte. 1888. — Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. 2 Bde. 1886—87. —
M. Wagner, Die Entstehung der Arten durch räumliche Sonderung. 1888. — E. Hahn, Die
Haustiere in ihren Beziehungen zur Wirtschaft des Menschen. 1896. — Bücher, Die Wirtschaft
der Naturvölker. 1898. — Die ganze Litteratur über Anthropologie, Ethnologie, Völkerkunde (s. oben
S. 139) kommt hier noch in Betracht.
Die Indogermanen: Pictet, Les origines indoeuropéennes. 1859 u. 1877. — Schleicher,
Wirtschaftlicher Kulturzustand des indogermanischen Urvolkes. J. f. N. 1. F. 1, 1863. — Zimmer,
——— die Kultur der vhedischen Arier. 1879. — v. Jhering, Vorgeschichte der Indo—
europäer.
Vorderasiatische, griechische und römische Technik: Wilckinson, Manners and customs of
the ancient Bgyptians, 1840. 8. ed. 1878. 3 Bde. — Thaer, Die altägyptische Landwirtschaft.
In Thiel, Landw. Jahrb. 1881. — W. Helbing, Die Italiker in der Poebene. 1879. — Ders.,
Das homerische Epos aus den Denkmälern erläufert. 1884 u. 1887. — Schliemann, Tiryns.
1886. — Blümner, Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und
Römern. 4 Bde. 1875— 1887. — H. Weiß, Kostümkunde des Altertums. 1860 u. 1881. —
J. v. Müller, Die gricchischen Privataltertümer. 1893. 2. Aufl.
Mittelalter und neuere Zeit bis 1770.0 Beckmann, Beiträge zur Geschichte der Erfindungen.
5 Bde. 1786-1805. 2. Aufl. — Anton, Geschichte der teutschen Landwirtschaft. 3 Bde. 1799. —
Rau, Geschichte des Pfluges. 1845. — Poppe, Geschichte aller Erfindungen und Entdeckungen. 1847.
2. Aufl. — Volz, Beiträge zur Kulturgeschichte. 1882. — Langethal, Geschichte der deutschen
Landwirtschaft. 2 Bde. 1854. — Hostmann, Altgermanische Landwirtschaft. 1889. — Weiß,
Kostümkunde vom 4.- 14. Jahrhundert. 2 Bde. 1864 ff., 1882 ff. — Labarte, Histoire des arts
industriels au moyen àgé et à l'époque de Renaissance. 4 Bde. 1865-66. — v. Eye, Das
bürgerliche Wohnhäus in seiner weltgeschichtlichen Wandlung. Histor. Taschenbuch 1868. — Otte,
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Lehrbuch der chemischen Technologie. 2 Bde. 186521875. 3. Aufl. — Geyer, Lehrbuch der ver⸗
gleichenden mechanischen Technologie. 1878. — Reuleaux, Theoretische Kynematik. 1875. —
Rühlmann, Allgemeine Maschinenlehre. 4 Bde. 1875. — Ders., Vorträge über Geschichte der
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Das neue Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrie im Spamerschen Verlag. 6 Bde.
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Albrecht, Die vollswirtschaftliche Bedeutung der Kleinkraftmaschinen. J.f. G. B. 1880. Hobson,
        <pb n="201" />
        Wesen der Technik; ihre volkswirtschaftliche Betrachtung. 189

The eévolution of modern capitalism: à study of machine production. 1894. — Quandt,
Die Niederlaufitzer Schafwollindustrie in ihrer Entwickelung zum, Großbetriebe und zur modernen
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deutung der Maschine. 1898. — Lux, Die wirtschastliche Bedeulung der Gas- und Elektricitätswerke
in Deutschland. 1898. — Kautsky, Die Agrarfrage. 1809. — Sering, Die Agrarfrage und der
Socialismus. J. f. G.V. 1899. — (Zahn) Gewerbe und Handel im deulschen Reiche. Slatistik des
Deutschen Reiches, N. F. 119, 1899.

76. Aufgabe des Abschnittes. Einteilung und allgemeinste Ur—
sachen der technischen Entwickelung. Haben wir in dem Abschnitte über die
Raffen und Völker die allgemeinen, typisch-vererblichen Eigenschaften derselben, in dem
über Bevölkerung ihre Größenverhältnisse erörtert, so bleibt uns jetzt übrig, ihr tech—
nisches Können ins Auge zu fassen. Die jeweiligen technischen Eigenschaften der Stämme
und Völker bestimmen zu einem großen Teile den Grad des volkswirtschaftlichen Wohl—
standes, die Art und die Farbe der wirtschaftlichen Zustände. Die Technik ist das
ausführende Mittel aller wirtschaftlichen, wir könnten fast sagen aller menschlichen
Thätigkeit. Wie es eine Technik des Ackerbaues, der Gewerbe, des Verkehres giebt, so
sprechen wir von einer Technik des Krieges, der Künste, der Verwaltung, der Wissen—
schaft, des Schreibwesens. Wir verstehen dabei unter der Technik stets die angewandten
Methoden und die herangezogenen äußeren Hülfsmittel, mit denen wir die verschiedenen
Aufgaben bemeistern; wir denken, wenn wir von den technisch- wirtschaftlichen Eigen—
schasten reden, an das Maß von Geschicklichkeit, Kenntnissen und Fertigkeiten, womit
die Menschen die äußere Natur ihren Zwecken dienstbar machen. Die Stoffe und Kräfte
derselben sind ewig nach ihren eigenen Gesetzen thätig; sie dienen zu einem erheblichen
Teile von selbst dem Menschen; ohne sie hätten Menschen, Tiere und Pflanzen nie
existieren können; Wärme und Licht, die Hauptquellen alles Lebens, haben vor Millionen
Jahren wie heute dem Menschen gedient, ihm durch ihre Bewegung Stoffe und Kräfte
geliefert. Aber ebenso klar isi, daß die sich selbst überlassenen Stoffe und Kräfte zu
einem erheblichen Teile das wirtschaftliche Leben hindern, schädigen, ja zerstören; hier
muß die menschliche Technik eingreifen, die Hindernisse wegräumen, die schädlichen Kräfte
ablenken, die günstigen durch Hand und Arm, durch Werkzeuge und Maschinen fso
ordnen und leiten, daß endlich eine immer weitergehende, zielbewußtere Beherrschung
der Natur gelingt.
Unser Wissen in Bezug auf die heutige wirtschaftliche Technik ist auf dem Boden
der fortschreitenden Naturerkenntnis zu einem Systeme praktischer Wissenschaften (Land—
und Forstiwissenschaft, chemische und mechanische Technologie, Maschinenkunde, die Wissen⸗
schaften vom Bauwesen, vom Bergbau ꝛc.) geworden, die ihren Schwerpunkt in der
Unterweisung fürs praktische Leben haben. Wir können nicht versuchen, aus ihnen auch
nur auszugsweise das Wichtigste mitzuteilen. Was uns hier interessiert, ist der nach
Zeiten und Völkern verschiedene allgemeine Stand der Technik und seine Wirkung auf
die Volkswirtschaft. Wir müssen uns eiue Vorstellung darüber verschaffen, wie die
Technik und ihre Methoden, wie die Werkzeuge und Maschinen sich historisch entwickelt
und geographisch verbreitet und das wirtschaftliche Leben beeinflußt haben. Es ist das
nicht leicht, so vielerlei neuerdings an historischem und geographisch-technischem Material
zu Tage getreten ist. Unsere wissenschaftlichen Techniker haben sich meist um diese Zu⸗
sjammenhänge nicht viel gekümmert; unsere Geographen, Historiker und Nationalskonomen
sind meist technisch nicht genug geschult. Immer muß hier ein Überblick unserer
Erkenntnis auf diesem Gebiete versucht werden. Es giebt kaum ein interessanteres und
wichtigeres Kapitel der Volkswirtschaftslehre und dabei kein vernachlässigteres und von
Dilettanten mißhandelteres.
Die Schwierigkeit einer Darlegung, und vollends einer kurzen, liegt auf der Hand.
Wir wollen eine Entwickelung von wahrscheinlich über 100 000 Jahren verstehen, wenn
Lyell recht hat, daß die ältesten gefundenen Steinhämmer so weit zurückreichen. Über die
erfien 90000 derselben wissen wir sehr wenig; wir schließen nur aus der Technik der
heutigen rohsten Stämme und aus einigen archäologischen Resten auf sie zurück; über
        <pb n="202" />
        190 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

die letzten 10000 ja 5000 Jahre ist auch nur Vereinzeltes von den Hauptkulturvölkern
bekannt; nur über die letzten zwanzig Jahrhunderte haben wir umfangreichere Über—
lieferungen. Noch sind sie aber nicht ganz erforscht und dargestellt. Nur wenige Kapitel
aus der Geschichte der Technik sind gut bearbeitet. Und nun sollen wir hier nicht
sowohl das unübersehbare Heer von technischen Einzelthatsachen, die wir kennen, vor—
fjühren, sondern es zu Gesamtresultaten nach Zeitaltern und Völkern zusammenfassen
und stets versuchen, die Ursachen und die Zusammenhänge mit dem ganzen volkswirt—
schaftlichen Leben darzulegen.
Man hat diese Aufgabe durch verschiedene Einteilungen in technische Perioden zu
erleichtern gesucht. Man unterschied: Jagd-, Hirten-, Ackerbau⸗, Gewerbe⸗, Handels—
völker; ein Stein⸗, Kupfer-, Bronze-, Eisenzeitalter; die Perioden der Wildheit, Barbarei,
Halb-⸗ und Ganzkultur; die der Werkzeuge und der Maschinen, die Epochen der An—
wendung von Menschen-, Tier⸗, Wind-, Wasser-, Dampfkraft und Elektricität. Aber die
meisten dieser Einteilungen find heute als zu einseitig oder auch als ungenau und irre—
führend erkannt. Und doch wird eine vorläufige historisch-geographische Einteilung nicht
zu entbehren sein. Wir versuchen in einigen ersten Paragraphen je gesondert die Ent—
wickelung der Werkzeuge und die der technischen Methoden der Ernährung bis zur
historisch beglaubigten Zeit darzustellen, dann lassen wir die Epochen der vorderasiatischen,
der europäischen Werkzeugtechnik und der modernen Maschinentechnik folgen.
Zum Schluffe dieser Vorbemerkung noch ein Wort über die allgemeinen mensch—
lichen und historischen Ursachen, die alle Entwickelung der Technik beherrschen.
Wir haben (S. 42) die Entstehung des Sittlichen in Zusammenhang gebracht
mit der Thatsache, daß der Mensch Werkzeuge schuf und arbeiten lernte. Wir führten
beides auf die Besonnenheit zurück. Nicht umsonst sagt Franklin, der Mensch sei ein
Tier, das Werkzeuge mache; andere meinten, ein Tier, das kochen gelernt habe. Auch
einzelne höhere Tiere haben gewisse Methoden der Nahrungsfürforge und das Vorrats—
sammeln durch Instinkte ausgebildet, die auf gewissen Erfahrungen beruhen mußten.
Lotze sagt, auf der Feinheit unseres Tastsinnes, der in den Fingerspitzen liegt, der Be—
weglichkeit unserer Arme, der Muskelkraft unserer Arme, Beine und Zähne, aber ebenso
auf unferer Fähigkeit zu beobachten, Vorstellungen zu afsociieren, zu schließen, beruhe
alle technische Entwickelung des Menschen. Er druͤckt damit richtiger das aus, was schon
die Alten meinten, wenn sie die Kultur auf den Bau der menschlichen Hand zurückführten,
 oder was ein Schriftsteller andeuten wollte, der im Daumen, als dem wichtigsten
Finger, den Kern der Weltgeschichte fand. E. Hermann hat den menschlichen Hörper
neuerdings eine reichgegliederte Maschine genannt, die selbst das Ergebnis der Übung
und Verbesserungsarbeit von Hunderttausenden von Generationen sei. Diese Übung mag
zuerst unter der Leitung von Instinkten erfolgt sein, hauptsächlich aber ist fie, wie alle
späteren technischen Fortschritte, das Ergebnis der denkenden UÜberlegung, der Beobachtung,
der Selbstbeherrschung, der Zielsetzung.
Wenn der Mensch, wie der Affe, einen Stein zum HOffnen einer Frucht, einen
Stock zum Schlagen brauchte, so hatte er noch kein Werkzeug; erst dann kounte man
davon sprechen, wenn er diesen Stein, diesen Stock stetig bei sich führte, wenn die
Erinnerung an den Nutzen dieses Hülfsmittels die Unbequemlichkeit der Aufbewahrung,
des Mitschleppens überwand. Damit der Urmensch den Stein schärfte, mußte er beob⸗
achten und nachdenken. Wenn ihm dabei sein Tastsinn half, die Haͤrte, die Beweglichkeit,
die Form der Stoffe herauszufühlen, wenn er in Hand und Arm das Vorbild der
Waffe und des Werkzeuges fand, so ändert das an dem geistigen Vorgange nichts.
Schon die Nachahmung setzt Nachdenken und Zwecksetzen voraus: die geballte Faust
wurde das Vorbild des Hammers, die Schneide desselben ahmt Nägel und Zähne, die
Feile und Säge die Zahureihe, die Beißzange und der Schraubstock die greifende Hand
und das Doppelgebiß nach; der gekrümmte Finger wird zum Haken, der steife Finger
mit dem Nagel zum Bohrer, die hohle Hand jur Schale; die Lanze stellt den ver—
längerten Arm dar. Die Werkzeuge wie die später aus ihnen entwickelten Waffen,
Apparate und Maschinen sind — hat man gesagt — menschliche Organprojektionen in
        <pb n="203" />
        Die Ursachen der Werkzeugschaffung und aller Technik. 191

die Natur hinein; aber sie entstehen nur durch innere geistige Vorgänge, die bewußt
ins äußere Leben verlegt werden, um feinere, zweckmäßigere, konzentriertere Wirkungen
zu erzielen.
Und noch mehr gilt dies, wenn der Mensch beginnt, gemeinsam, zu mehreren
eine Arbeit zu verrichten, wenn er Tier-, Wind- und Wasserkraft für sich anspannt,
durch Getriebe und Räder feste, gleichmäßige Bewegungen herstellt. Auch die Maschinen,
sagt Reuleaux, seien bewußte oder unbewußte Kopien des menschlichen oder tierischen
Knochen- und Mustkelgerüstes, Projektionen des menschlichen Denkens und des menschlichen
Körpers in die Sinnenwelt hinaus.
Es ist eine einzige einheitliche Entwickelungsreihe vom ersten Hammer und Stab
bis zur heutigen Dynamomaschine, die durch immer bessere Beobachtung, durch stets
wiederholtes Probieren, Tasten, Versuchen, durch zahllose kleine Verbesserungen, durch
immer komplizierteres Zusammenfetzen bekannter Mittel immer größere Erfolge erzielte.
Viele Entdeckungen und Fortschritte sind gewiß an verschiedenen Orten unabhängig
von einander gemacht worden. Da die Zwecke und die Mittel, die Körperkräfte und die
Maße von Hand, Arm und Fuß immer die gleichen waren, so ist es wohl begreiflich,
daß die Axt z. B. immer wieder dieselbe Form und Größe erhielt, daß gleiche Methoden
des Haus-, Schiffs-, Ackerbaues ohne Nachahmung da und dort entstanden. Aber jede
Entdeckung ist ein Ergebnis besonders glücklicher Umstände und hervorragender geistiger
Eigenschaften, und daher wurde die Entwickelung durch die Berührung und Nachahmung
doch außerordentlich befördert. Und so weit wir diese im Anschluß an die uns bekannten
oder wahrscheinlich gemachten Wanderungen verfolgen können, scheint es, als ob so
ziemlich alle höhere technische Kultur von Vorderasien, vielleicht von jenen mongolisch—
latarischen Völkern der Sumerier und Akkadier im Euphratthal ausgegangen sei; von
hier können diese technischen Künste durch ostwärts wandernde Mongolen nach China
und Amerika, nördlich zu den Indogermanen, direkt zu den assyrisch-babylonisch-ägyptischen
Völkern und endlich durch sie wie durch die westlich wandernden Indogermanen zu der
abendländischen Welt gekommen sein. Ebenso zeigt das Fehlen mancher Werkzeuge und
Waffen bei Völkern und Rassen, die früh in abgelegene Winkel der Erde gedrängt wurden,
daß sie die technischen Erfindungen der höheren Kulturvölker nicht so leicht selbständig
nachholen konnten.
Eine klare und erschöpfende Erkenntnis der Ursachen, warum gewisse technische Fort—
schritte zu bestimmter Zeit, an bestimmtem Orte, bei dem und jenem Volke entstanden,
durch Praktiker oder Gelehrte herbeigeführt worden seien, warum sie sich langsam oder rasch
verbreitet haben, besitzen wir heute nicht, wenigstens nicht für alle jernere Vergangenheit.
Wir müssen zufrieden sein, im folgenden einiges Licht in dieses Dunkel zu bringen.
So viel aber können wir sagen: äußere Umstände, Klima, Flora und Fauna,
Lebenslage, Not, Bevölkerungszuwachs haben stets als Druck und Anstoß gewirkt.
Führt doch z. B. M. Wagner die ersten großen technischen Fortschritte auf die Not der
Eiszeit zurück; andere leisten das Lernen des Aufrechtgehens und Waffenbenutzens aus
dem Kampfe mit den wilden Tieren ab. Auch daß Jahrhunderte und Jahrtausende
lang gewisse Stämme und Rassen auf demselben Standpunkte der Technik verharren,
wird häufig mit der Thatsache zusammenhängen, daß ihre äußeren Lebensbedingungen
dieselben blieben, keine Einflüsse höherstehender Völker sie erreichten. Aber der springende
Punkt für die Fortschritte wird doch immer in der geistigen Beschaffenheit der Menschen
liegen. Aller technische Fortschritt kann nur das Ergebnis des Scharfsinnes, der
Beobachtung, der besonderen Findigkeit sein; auch der einfachste Arbeiter und der Prak⸗
tiker, welche neue Maschinenteile und Methoden erfinden, sind ausnahmsweise kluge
Menschen, die mehr gelernt und mehr nachgedacht haben als andere. Kommt nun dazu
in gewissen Zeiten, bei gewissen begabten, auf höherer Kulturstufe stehenden Völkern
oder Klassen eine durch mathematisch-naturwissenschaftliche Fortschritte, durch Unterricht
gesteigerte Atmosphäre, wie seinerzeit bei den ältesten Kulturvölkern des Euphrat und
des Nillandes, im ptolemäischen Zeitalter, in der Renaissancezeit, in den letzten Jahr—
hunderten, so werden die großen Geister in der wissenschaftlichen Naturerkenntnis und
        <pb n="204" />
        192 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

die Talente der technischen Praxis sich gegenseitig in die Hände arbeiten, ohne daß man
sicher scheiden kann, ob das größere Verdienst um den technischen Fortschritt bei der
Wissenschaft oder bei der Praxis sei.
77. Die ersten technischen Fortschritte; die ältesten Waffen und
Werkzeuge, das Feuer und die Töpferei. Wir werden annehmen, daß es
Menschen ohne Werkzeuge und Feuerbenutzung einstens gegeben habe. Gefunden hat
man in historischer Zeit nie solche.
Waffen und Werkzeuge waren ursprünglich identisch, haben erst nach und nach
sich differenziert. Wir haben ihre Entstehung schon besprochen. Wir verstehen unter
einer Waffe und einem Werkzeuge ein dem Menschen zum Kampf oder zur Arbeit
dienendes äußeres Hülfsmittel bestimmter Gestaltung aus Holz, Knochen, Stein oder
Metall, welches zufällig in passender Form gefunden, in der Regel vom Menschen
absichtlich hergestellt wurde, und nun durch die ein- für allemal gethane Arbeit der
Erfindung alle künftige Wirksamkeit der menschlichen Glieder verstärkte, erleichterte,
konzentrierte. Die Herstellung von solchen erschöpft nicht die älteren technischen Fort—
schritte; allerlei Methoden z. B. der Nahrungsfürsorge, das Früchtesuchen und -Schonen,
die Feuerbewahrung und anderes bedurften zunächst keines Werkzeuges zur Durchführung.
Aber auch diese Fortschritte wurden, wie alle Bekämpfung der Feinde und alle Ärbeit,
doch meist bald durch irgend welche äußere Veranstaltung, wie die Feuerbenutzung durch
den Herdbau, die Vorratsammlung durch Töpfe und Tierbälge erleichtert.
Holzstücke, besonders in Stabform, gewisse Knochen groößerer und kleinerer Tiere,
einzelne Schilfarten und Steine hat der Mensch zuerst als Werkzeug benutzt. Der
Stab diente als Stütze beim Marsch, als Waffe gegen Tier und Feind, als Hebel, als
Hülfe zum Lastentragen, als Gerüst für die erste Hütte, als Grabstück zum Wurzelsuchen;
am Feuer gespitzt wurde er zum Spieß, an einer Seite verstärkt zur Keule, durch Ein—
setzung von Fischzähnen zur Lanze. Der rohe Stein diente zum Werfen, später zur
Schleuderwaffe; in bestimmter Form zum Offnen von Schalen, zum Stoßen und
Hämmern. In der Bearbeitung passender Steine, Geweihe, Holzstücke und Knochen
und ihrer Verbindung lag unendliche Zeiträume hindurch der technische Fortschritt.
Durch Schleifen, Polieren, Meißeln, Durchbohren der Steine gelang es, schmälere und
breitere, glatte und dicke, kürzere und längere Steine herzustellen, sie zu Messern, Beilen,
Meißeln, Hämmern, Schabinstrumenten und Mahlsteinen, Lanzen- und Pfeilspitzen zu
gestalten. Die Untersuchung dieser Steinbearbeitung bildet einen Hauptteil der vor—
geschichtlichen Forschungen. Die Benutzung der Steinwerkzeuge und Waffen (neben den
metallischen) reicht bis tief in die historischen Zeiten hinein, zumal im Norden; nach
Rougemont in Deutschland bis ins 6. —7., in Irland bis ins 8. und Y, in Schott—
land bis ins 18., in Böhmen bis ins 14. Jahrhundert. Die ungeschiedenen Arier
werden wesentlich nur Stein- und Holzwerkzeuge neben wenigen Stücken aus Kupfer
oder Erz besessen haben. Ahnlich die Pfahlbauer der Schweiz 8000 — 4000 v. Chr.
Die niedrigsten Völker haben sie heute noch; Australien, die Südseeinseln, ein großer
Teil Amerikas bejaßen nichts anderes bei ihrer Entdeckung. Die Afrikaner freilich sind,
seit wir sie kennen, fast alle schon im Besitze von Eisen gewesen.
Mit verbesserten Steinwaffen und -Werkzeugen lernte der Mensch sich besser gegen
Feinde und Tiere verteidigen und schützen; er fügte zu den Angriffs- die Schutzwaffen,
er baute Wälle und Hütten, richtete sich in Höhlen ein, verstand Tausende von starken
Pfählen ins Wasser einzurammen, sie zu geschützten Pfahlbaudörfern zu benutzen. Indem
er die Jagdmethoden durch sie verbesserte, kam er wenigstens etwas mehr über die
Gefahr des Verhungerns hinweg. Vor allem haben die verbesserten Fischfaugmethoden,
die ersten ausgehöhlten, als Schiffe dienenden Baumstämme, die Nehze und Harpunen
ihm das Leben am Wasser erleichtert. Man hat gesagt, die Fischnahrung und das Feuer
hätten dem Menschen erst gestattet, sich etwas weiter über die Erde zu verbreiten. —
Ob der Mensch das Feuer erst als Abbild der Lichtgottheiten verehrt (wie L. Geiger
meint) oder gleich seinen Nutzen erfaßt habe, wollen war dahingestellt sein lassen.
Jedenfalls steht die Feuerverehrung, das Priestertum und die Magit bei vielen Raffen
        <pb n="205" />
        Die Werkzeuge. Das Feuer.

193

in engem Zusammenhange. Das Feuer gilt allerwärts als etwas Göttliches, das nur
ein Prometheus aus dem Himmel entwenden konnte. Auch die Frage, ob künstliches
Feuermachen durch Reibung von Holzstücken, durch den Feuerbohrer der Feuerbenutzung
vorausgegangen sei, können wir auf sich beruhen lassen. Alle neueren Untersuchungen
sprechen dafür, daß das Feuer durch Blitze, Lavaströme, Selbstentzündung sich von
selbst den Menschen dargeboten habe und dann von ihnen mit Sorgfalt gehütet wurde.
Die Bewahrung des Feuers war ebenso schwer zu erlernen wie seine Zügelung, ohne
die es jeden Moment Gefahr brachte. Nichts hüten die Menschen auf dieser Stufe der
Technik mit mehr Sorgfalt als ihr nie erlöschendes Feuer; sie tragen es in glimmender
Form stets bei sich auf Jagd-, Kriegs- und Wanderzügen. Hauptfächlich der Narthex—
stengel, später der Holzschwamm, eignete sich dazu. Die Auftralier und andere rohe
Stämme lassen das Feuer trotz des heißen Klimas in keiner Hütte je ausgehen, decken
es abends zu, um es beim ersten Morgengrauen wieder anzublasen. Aus den Tempeln,
wo es später bewahrt wird, darf jeder Feuer holen; kein Volksgenosse weigert es dem
anderen; der Ausschluß von Wasser und Feuer bedeutet Verstoßung aus dem Stamme
oder Volke. Cicero verlangt noch, daß man auch dem Unbekannten das Feuer nicht
weigere. Wo das künstliche Feuermachen Platz gegriffen, ist es lange eine heilige
Kulthandlung der Priester gewesen. Wie die indischen so haben es die römischen zu
bestimmter Zeit (am 1. März) immer neu entzündet; noch heute löscht der Priester in
den Alpen am Charsamstag das Feuer aus und entzündet das neue am Osterfest, worauf
es dann der Bauer holt.
Schutz gegen Geister wie gegen wilde Tiere und Feinde erhoffte man vom Feuer
zuerst, dann Schutz gegen Kälte; das Vordringen in kältere Gegenden war ohne Feuer
unmöglich; Lippert meint, die höhere Kultur der nördlichen Rassen auf ihre bessere
Feuerpflege zurückführen zu sollen. Alle Stein- und Holzbearbeitung wurde dadurch
erleichtert; die erste Aushöhlung von Baumstämmen zu Kähnen erfolgte so; vor allem
aber wurde die Ernährung eine bessere. Man dörrte das Fleisch, briet es auf heißen
Steinen an, später am Holzspieß durch. Die Körner aus den Halmen zu lösen, wandte
man früher — und in Irland noch im 17. Jahrhundert — das Feuer an; sie wurden
schmackhafter und genießbarer. Die Juden aßen geröstete Gerste, die Griechen und Römer
geröfteten Spelt. Das Schmoren und Kochen in Gruben mit glühenden Steinen gehört
einer alten Zeit, das in Töpfen erst einer viel jüngeren an. All' diese Feuerverwendung
erleichtert die Ernährung sehr: die Zellen der Nährmittel werden gesprengt, die Gewebe
erweicht, das Kauen und die Verdauung so sehr erleichtert, daß geringere Mengen doch
besser nähren, energischere Menschen machen. Nicht umsonst haben schon die Griechen
die Rohes essenden Stämme verspottet und verachtet.
Die tiefgreifende Wirkung des Feuers auf Steinsprengung, Erzschmelzung, Metallurgie
und zahllose chemische Prozesse gehört im ganzen erst der Epoche der Halb- und Ganz—
kultur an. Schon in ältester Zeit aber hat das Feuer die rastlose Beweglichkeit des
Menschen etwas eingeschränkt; das Wandern war mit dem Feuerbrand doch beschwer—
licher; die Benutzung des Feuerbohrers freilich, später bei den Römern die des Feuersteins
und Stahls, erleichterte wieder die Bewegung. Jedenfalls wurden die Frauen, die das
Feuer am Herde zu bewachen hatten, hierdurch mehr an die Wohnstätte gebunden; und
wie sie ihre Kinder mit dem Feuer besser ernähren konnten, so boten sie mit dem
wärmenden Herde dem Manne mehr als bisher; um den Herd herum entwickelte sich
das Haus und die Häuslichkeit. Die Erleuchtung der Nacht geschah undenkliche Zeiten
hindurch nur durch Herd- oder anderes ähnliches Feuer; Fackeln und Lampen gehören
erst den Kulturvölkern, z. B. den Agyptern, Griechen und Römern an. —
Die ältesten Gefäße wurden wohl nicht zum Kochen, sondern als Wasserbehälter
benutzt; zumal in Ländern mit Wafsermangel, wie in Afrika, schleppt der roheste Busch—
mann, der fonst jedes Gepäck scheut, mit Wasser gefüllte Straußeneier bei sich. Tier—
hörner, Menschenschädel, Fruchtschalen, Tierbälge haben als die ältesten Gefäße gedient;
dann hat man aus Geflechten Gefäße und Körbe hergestellt, die so dicht geflochten,
zeklopfi, im Wasser gequollen waren, daß sie Flüssigkeit hielten. Solche sind heute
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 13
        <pb n="206" />
        Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

noch da und dort im Brauche. Wo man die Körbe dann mit Thon, Erdpech und
Derartigem außen und innen bestrich und bemerkte, daß diese bestrichenen Körbe im
Feuer oder in der Luft erhärteten, da war die Töpferei erfunden. Sie ist wohl an ver—
schiedenen Orten der Erde selbständig entstanden. Aber sie fehlte doch vielen amerikanischen,
polynesischen und australischen Stämmen. Sie bedeutet einen großen Fortschritt für
die Aufbewahrung und Bereitung von Speisen und Getränk; mit ihr wurde erst das
eigentliche Kochen möglich. Morgan hält sie für so wichtig, daß er mit ihrer Erfindung
und Verbreitung seine Epoche der „Wildheit“ abschließt, während Ratzel ihre Verteilung
bei den rohen Stämmen für zu ungleich hält, um sie als so epochemachend gelten zu
lassen. Die Glasbereitung gehört einer viel späteren Zeit an: bei den Agyptern und
Phönikern ist sie vorhanden, wie die Glasur der Thongefäße, die Töpferscheibe und die
Brennöfen für die Thongefäße.
So groß überhaupt der Einfluß der hier kurz geschilderten technischen Fortschritte
ist, so genuͤgen sie doch keineswegs, uns ein festes Bild der wirtschaftlichen Verhältnisse
der ältesten Zeiten und der rohesten Stämme zu geben. Dazu gehört ihre Verbindung
mit den älteren Methoden und Arten der Herbeischaffung und Erwerbung der Nahrungs⸗
mittel.
78. Die ältesten Fortschritte der Ernährung bis zum Hackbau
und der Viehzucht. Wie wir uns die ältesten menschlichen Zustände auch denken
mögen, darüber ist heute die Wissenschaft einig, daß die menschliche Ernährung jener
Tage auf einer occupatorischen Thätigkeit beruhte, und daß der Mensch (sein Gebiß schon
deutet es an) ebenso animalische wie vegetabilische Nahrung suchte. Erstere konnte
natürlich bei dem Mangel an Waffen und anderen technischen Hülfsmitteln nur in
Eiern, Larven, Käfern und anderen kleinen Tieren bestehen, die leicht zu greifen oder
zu fangen waren. Daneben fammelte der Mensch Beeren, Wurzeln und Früchte aller
Art; die Körner wildwachsender Gräser können da und dort schon eine Rolle gespielt
haben; von einem Anbau derselben aber war nicht die Rede. Man kann diese Stufe
der Nahrungsgewinnung eigentlich nicht als Jagd und Fischfang bezeichnen. Dazu
gehörten schon verbesserte Methoden der Gewinnung.
Auch das bloße Sammeln wurde ein wesentlich anderes, wenn es mit Vorbedacht
geschah und zu Vorratsbildung, zur Mitführung der Vorräte auf der Wanderung, zu
ihrer Konservierung auf verschiedene Art führte. Ein unsagbar wichtiger Schritt ist es,
wenn der Mensch einzusehen beginnt, daß er die Quellen seiner Ernährung schonen und
fördern muß, daß er die Fruchtbäume nicht fällen, die Vogelnester nicht zerstören darf,
den Bienen und anderen Tieren, wenn er ihnen ihre Vorräte raubt, einen Teil lassen
muß. Gewisse Indianer lassen in jedem beraubten Biberbau 12 Weibchen und 6 Männchen
am Leben. Ähnliches geschieht bei der Büffeljagd. Der Australier läßt von der Yam—
wurzel einen Teil im Boden, damit sie neue Knollen bilde; er hat bemerkt, daß er
beim Ausgraben der Knollen durch seinen feuergespitzten Stock zugleich den Boden etwas
lockere und dadurch die Neubildung der Knollen fördere. Von da ist es nicht weit
zum ersten rohesten Anbau mit Hacke und Spaten. Man hat mit Recht die frühesten
gesellschaftlich angeordneten Schongebote, Schonzeiten und Schoneinrichtungen mit der
Entstehung des Eigentums in Zusammenhang gebracht.
Um größere Jagdtiere zu erlangen oder zum Genuß von Menschenfleisch und
Blut zu kommen, mußte man schon bessere Waffen und Fangmethoden haben: Keule
und Speer, Pfeil und Bogen, Schleuder und Wurfbrett, Fanggräben, Fangleine und
Blaferöhren mit Giftbolzen gaben die größeren Erfolge. So lange der Jäger nur in
der Nähe wirkende Waffen hatte, mußte er tagelang lauern, stundenlang im heißen
Sand oder nassen Morast liegen; die fernwirkenden, hauptsächlich Pfeil und Bogen,
überhoben ihn dieser unendlichen Mühsal, versorgten ihn sehr viel leichter und reichlicher.
Pfeil und Bogen fehlten in Australien, Polynesien, Reuseeland ;„sie waren aber bei den
ältesten Pfahlbauern vorhanden, wie später bei den Afsyrern, AÄgyptern, den Stythen,
Rumidiern, Thrakern, während sie Griechen, Römer, Germanen schon nicht mehr
benutzten. Es ist die Waffe und das Jagdwerkzeug der wichtigsten Jägervölker, die sie
        <pb n="207" />
        Jagd, Fischfang. Absichtliche Zucht von Pflanzen und Tieren. 195

teilweise auch bei höherer Kultur behalten, während die Viehzüchter und Ackerbauern
mit ihren besseren Ernährungsmethoden seiner nicht mehr so dringlich bedürfen.
Fast noch mehr als die Jagd kann der Fischfang durch verbesserte Methoden
ergiebiger gemacht werden, wie wir bereits erwähnten. Und es ist daher ganz begreiflich,
daß die gesamten technischen Fortschritte in der occupatorischen Thätigkeit schon Stämme
mit einem gewissen Wohlstand erzeugen konnten, wo großer Fisch- oder Wildreichtum
vorhanden war. Wir wisfsen heute, daß es vereinzelt seßhafte Jäger- und Fischervölker
mit Dörfern, mit einer gewissen Technik des Transportes, Hundeschlitten, Renntieren ꝛc.,
mit einer gewissen gesellschaftlichen Organisation der Jagd und des Fischfanges, mit
Schmuck und Sklaven, mit Wohlhabenden und Armeren giebt: so in Nordkalifornien,
in Nordasien, in Kamtschatka. Aber es sind seltene Ausnahmen. Und unsicher bleibt
alle bloße Jagd und alle bloße Fischerei, alles Leben von Beeren und Früchten. Der
Mensch, so sagt wohl Peschel, bleibt ein Almosenempfänger im großen Wurzelgarten
der Natur, bis er anfängt, neben die Sammelthätigkeit die absichtliche und planmäßige
Zucht von Pflanzen und Tieren zu setzen. Das erstere ist offenbar das leichtere und
aͤltere, ursprünglich viel weiter verbreitete, die Tierzucht das viel schwierigere und spätere.
Diese Erkenntnis danken wir aber erst den neuesten Untersuchungen. Es ist damit das
schon von den Alten herrührende Schema der historischen Entwickelung — Jagd, Vieh—
zucht, Ackerbau — in seiner Wurzel angegriffen. Obwohl seit langem bezweifelt, wurde
und wird es in den Lehrbüchern, z. B. in Schönbergs Handbuch, doch noch vorgetragen.
Wir müssen dabei einen Augenblick verweilen.
Schon Roscher hatte gemeint, nach der ursprünglich occupatorischen Wirtschafts⸗
weise werde nach Klima, Boden und Menschenart hier Jagd, dort Viehzucht, an dritter
Stelle Ackerbau entstanden sein. Gerland leitet die ganze physiologische Entstehung des
Menschen aus dem Getreidebau ab, ihm mußten Jagd und Hirtenleben als Entartungen
sich darstellen. A. Nowacki hat dann mit ausführlicher Begründung zu zeigen gesucht,
daß aus der ursprünglich occupatorischen Thätigkeit drei nebeneinander sich entwickelnde
Typen entstanden, 1. die überwiegende Viehzucht, 2. der überwiegende Ackerbau und
3. die Verbindung von beidem. Vor allem aber sucht neuestens Eduard Hahn nach—
zuweisen, daß die Viehzucht nicht aus der Jagd hervorgegangen sein könne, daß es
lange Zeiträume gegeben habe, in welchen ein einfacher Ackerbau — er nennt ihn
Hackbau und wir folgen ihm darin — ohne Vieh und Pflug bestand, daß ein großer
Teil der Menschen noch heute ganz oder teilweise diesen Hackbau hat, daß die Vieh—
zähmung wahrscheinlich bei seßhaften Hackbauern entstand, und daraus einerseits der
Ackerbau mit Vieh und Pflug, andererseits, und wohl viel später, die Viehwirtschaft
der Nomaden, d. h. der wandernden, und der Hirten, d. h. der seßhaften Viehzüchter,
sich entwickelte. Ich muß aus seinen Resultaten über den Hackbau und die Viehzähmung
einiges anführen.
Wir haben oben schon erzählt, wie die Schonung gewisser Wurzel- und Knollen⸗
gewächse nach und nach sich leicht in Landbau verwandeln konnte. Ihr Anbau und der
von Gemüse durch die Weiber von Fischern und Jägern war wohl der älteste Hackbau;
dann kam in den warmen Ländern der von Durrha, Sorghum, Hirse, in den feuchten
Niederungen der von Reis, im gemäßigten Klima der von Gerste, in Amerika der von
Mais. RNeben der Ernährung durch diese Früchte haben die Hackbauern einzelne kleine
Tiere nach und nach zu halten gelernt, wie Hund und Ziege, Huhn und Schwein.
Viele Neger, die etwas höher stehenden Indianer Amerikas, die Melanesier, die Polynesier,
die Malaien und anderen Bewohner Indonesiens, die Südchinesen sind bis heute nicht
recht über diese niedrige Art der landwirtschaftlichen Technik, über den Hackbau hinaus—
gekommen. Es giebt sehr rohe, wandernde Stämme, die einen nur kurze Zeit an die
Scholle fesselnden Hackbau haben. Daneben sehen wir seßhafte Stämme, die mit dem
Hackbau, an welchem die Männer sich beteiligen, schon zu guter Ernährung und leidlicher
wirtschaftlicher Existenz gekommen sind. Wo er in günstigem Klima durch Bewässerung,
Terrafsenbau, starke Düngung und großen Fleiß bis zum Gartenbau sich erhob, wie
in Vorderasien und China, sowie in Centralamerika, hat er ohne Pflug und eigentliche
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        <pb n="208" />
        196

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Viehhaltung einen erheblichen Wohlstand und eine Art Halbkultur erzeugt. An einem
dieser Punkte, wahrscheinlich in Vorderasien, gelang nun wohl die eigentliche Vieh—
zähmung, die der größeren Tiere.
Von etwa 140000 Tierarten, deren Zühmung und Nutzung möglich wäre, hat
der Mensch — nach Settegast — nur 47 dauernd zu seinen Hausgenossen gemacht und
für fich als Haustiere zu nutzen gelernt. Es muß also sehr schwierig gewesen sein,
diefen technischen Fortschritt zu machen, der zu den allertiefgreifendsten des Menschen—
geschlechtes gehört; er hat den Rassen, die ihn zuerst recht ausnutzten, die hauptsächlich
die Milchnahrung erlernten, für immer einen Vorsprung verschafft, nämlich den Hamiten,
Indogermanen und Semiten. Und doch ist die Zähmung einzelner, besonders kleiner
Tiere ziemlich leicht und sicher früher weit verbreitet gewesen.
Die amerikanischen Indianer halten teilweise ganze Menagerien von Vögeln und
sonstigen kleinen Gespielen. Der Hund hat schon in sehr frühen Zeiten den Menschen
umgeben. Von den Agyptern und Assyrern wissen wir, daß sie Marder, Meerkatzen,
und Löwen sich hielten, im Norden hat man Raben und Adler, Füchse und Bären
gezühmt. Aber es waren, so weit es sich um größere Tiere handelte, nur solche, die
jung gefangen wurden, die nicht in der Gefangenschaft geboren waren. Es scheint, daß
man den größeren Teil dieser individuell gezähmten und zumal der kleinen Tiere in
ältester Zeit nicht des Nutzens, sondern der Spielerei oder des Kultus wegen, aus
ästhetischen Gründen, aus Neigung zu lebendiger Umgebung hielt. Es giebt Stämme,
welche Hühnerzucht nur des Federschmuckes wegen, welche Hundezucht haben, ohne die
Hunde zur Jagd zu verwenden.
Der entscheidende Punkt für die Tierzähmung war, die größeren Tiere zur Zucht
in der Gefangenschaft zu bringen. Wie das beim Elephanten in Indien noch nie
gelungen ist, wie die Versuche in unseren Tiergärten mit wilden Tieren noch heuie die
größten Schwierigkeiten zeigen, so haben stets die gefangenen Tiere eine geringe Brunst
und eine so geringe Milchergiebigkeit gezeigt, daß sie entweder keine Jungen bekamen,
oder die wenigen geborenen verhungerten. Der Ersatz durch Menschenmilch, der selbsi
für Hunde und Schweine möglich war und oft vorkam, war bei ihnen ausgeschlossen.
Eduard Hahn stellt nun die ansprechende Hypothese auf, vorderafiatische Stämme
seien durch die bekannte, weitverbreitete göttliche Verehrung der Rinder dazu gekommen,
diese nach und nach in der Weise zu zähmen, daß man sie gleichsam über ihre Gefangen—
schaft täuschte, sie herdenweise in große Gehege zu treiben wußte. Hier hätten sie sich
fortgepflanzt und auch nach und nach an den Menschen gewöhnt. Man habe hier die
zahmeren Tiere leicht herausfinden, dieselben vor den heiligen Wagen spannen, einzelne
männliche Tiere — auch aus kultlichen Motiven — kastrieren können; die wilderen
Exemplare konnte man durch Schlachtopfer ausmerzen. Die Anspannung des Ochsen
vor den Haken und Pflug sieht Hahn ebenfalls als eine ursprünglich kultliche Handlung,
als das Symbol der Befruchtung der Mutter Erde durch ein heiliges Tier an. Die
Milch-, Fleisch⸗ und Zugnutzung glaubt er erst als späte Folgen dieser rituellen Haltung
des Rindes betrachten zu dürfen. Die Zähmung des Pferdes, des Kameles, des Schafes,
des Esels, der Ziege betrachtet er als spätere Nachahmungen der ursprünglich allein
vorhandenen Rindviehhaltung. Er nimmt auch an, daß so die Tierzähmung in der
Hauptsache von einem Punkte der Erde ausgegangen sei.
Die Hypothese Hahns wird noch näherer Untersuchung bedürfen. Jedenfalls giebt
sie nach ihren pfychologischen Gründen und historischen Beweisen eine sehr wahrscheinliche
Erklärung, welche der alten Annahme, die Viehzucht sei der Jagd, der Ackerbau der
Viehzucht geschichtlich und ursächlich gefolgt, ganz fehlt. Jäger sind nirgends Vieh—
züchter geworden, wohl aber haben afrikanische und amerikanische Hackbauern die Haltung
des Rindviehes und anderer Tiere in historischer Zeit erlernt. Der Übergaͤng der
indogermanischen Völker, die halb Hirten, halb Ackerbauern waren, nach ihrer Wander—
zeit zum seßhaften Ackerbau beweist nicht, daß der wirkliche Romade den Ackerbau mit
Rindvieh und Pflug begründete. Die uns heute bekannten eigentlichen Nomaden, welche
in ganz anderer Weise Wanderpölker sind als die Indogermanen, die mongolischen
        <pb n="209" />
        Die Tierzähmung. Die Nomadenwirtschaft. 197

Centralasiaten, haben nur ausnahmsweise Rindvieh, mit dem gar nicht so zu wandern
ist wie mit Ziegen und Schafen, den ältesten Nomadentieren, und mit Pferden, Eseln,
Maultieren und Kamelen, welche für die späteren Nomaden die wichtigsten Last- und
Herdentiere wurden. Wie sollen diese Nomaden das wenig bewegliche Rindvieh gezähmt
haben, das wahrscheinlich viel früher als alle anderen größeren Nutztiere dem Menschen
diente? Wenigstens daß das Pferd erst 2000 — 1700 unter den Hirtenkönigen nach
Agypten, erst in den Jahrhunderten nach Christi Geburt zu den Arabern, zu den Germanen
erst auf ihren Wanderungen kam, steht fest.
So spricht sehr viel dafür, daß die Rindviehzucht vorderasiatischen Stämmen in
fehr früher Zeit gelang, daß sie an ihrem Entstehungsorte den eigentlichen Ackerbau im
Gegensatze zum Hackbau erzeugte, daß die Tierzucht von da aus sich verbreitete, teilweise
mit dem Ackerbau, teilweise ohne ihn, daß sie je nach den benutzten und klimatisch oder
sonst möglichen Tieren verschiedene wirtschaftliche Lebensformen nach und nach erzeugte.
Wir wollen, ehe wir den Ackerbau besprechen, nur ein Wort vorausschicken über die
mongolisch⸗asiatischen Nomadenvölker und deren Wirtschafts- und Lebensweise; sie erscheinen
in den Lehrbüchern, z. B. bei Schönberg, Roscher, Ratzel, als die eigentlich typischen
der wandernden Viehzüchter, der sogenannten Nomaden. Die Rinderhirten Afrikas sind
keine eigentlichen Nomaden, in Amerika ist das Rind und das Pferd erst mit den
Europäern eingezogen.
79. Die mongolische Nomadenwirtschaft. Die nomadischen Mongolen⸗
stämme sind Bewohner der Steppe, der Hochgebirge, der Hochebenen, der unwirtschaft⸗
lichen Striche zwischen dem Ackerlande. Sie besaßen ursprünglich, wie erwähnt, über—
wiegend die leichtbeweglichen Ziegen und Schafe, erst später kam Pferd und Kamel
dazu; das Rind haben nur einzelne weniger bewegliche Stämme, und nicht in großer
Zahl. Ihr periodisches Wandern in den ihnen eigenen Gebieten, wie ihr rasches, stoß—
artiges Vordringen in neue Länder ist die Folge des kargen Bodens, auf dem sie sitzen.
Das Rindvieh ist für diesen Boden und dieses häufige, rasche Wandern nicht recht
brauchbar. Den Uralaltaiern erschienen die Indogermanen mit ihrem Rindvieh trotz ihrer
zeitweisen Wanderungen als seßhafte Stämme. Diese wandernde Nomadenwirtschaft
konnte nur entstehen, nachdem die Viehzucht überhaupt in begünstigteren Ländern, bei
Ackerbauern, sich ausgebildet hatte; sie kann heute nur bestehen in der Nähe von Völkern
höherer, anderer Kultur, welche gegen tierische Produkte Mehl, Thee, Waffen, Werkzeuge
liefern; teilweise freilich treiben die Nomaden auch etwas Hack- oder Ackerbau.
Ganz überwiegend leben sie von ihrer Viehwirtschaft. Sie trinken die Milch und
das Blut, sie essen das Fleisch der Tiere; das Menschenfleisch ist hierdurch verdrängt;
aus den Häuten fertigen sie Kleider, Zelte, Sattel und Riemen, allerlei Hausgeräte.
Ihre Ernährung steht meist weit über der der Jäger, auch über der vieler Hackbauern,
nicht über der der viehzüchtenden Ackerbauern. Immer ist sie wechselvoll; der Nomade
muß im Ertragen von Hunger und Durst geübt sein. Je nach Regen und Witterung,
Viehkrankheit und guten Jahren nehmen die Herden rasch ab und rasch zu. Die
Bevölkerung ist meist stabil, oft künstlich beschränkt. Neben der Pflege und Wartung
der Tiere haben manche der Stämme allerlei häusliche und gewerbliche Künste gelernt:
die Filzbereitung und der Zeltbau stehen teilweise auf hoher Stufe. Aber im ganzen
wird ihr Leben dadurch nicht beeinflußt; es ist Jahrhunderte hindurch und länger stabil
geblieben. Fleiß und Arbeitsamkeit sind wenig ausgebildet. Der Nomade, sagt Ratzel,
führt im ganzen doch schlechte Wirtschaft; „er verliert Zeit, opfert Kraft in nutzlosen
Bewegungen und verwüstet nützliche Dinge“; das Weideland wird nicht verbessert, nicht
geschont, nicht für die Zukunft gepflegt. Der Hirte ist faul.
Aber er macht durch seinen Herdenbesitz und seine Weide- und Wanderzüge gewisse
Fortschritte in der gesellschaftlichen Orgaanisation, sowie im Handel, in der Kapital- und
Eigentumsausbildung.
Nicht alle Viehzüchter wandern, nicht alle Hirten sind Nomaden. Aber die
mongolischen sind überwiegend in Bewegung, da ihre Weidereviere ohne solche Wanderungen
zu karg sind. Immer haben die Stämme und die Geschlechter zunächst gewisse, im
        <pb n="210" />
        198

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

ganzen abgegrenzte Gebiete, innexhalb deren sie je nach ihrer Abweidung, je nach Sommer
und Winter, je nach Regen und Überschwemmung hin und her wandern; aber gar leicht
sind fie genötigt, darüber hinaus zu greifen; die gestiegene Menschen- oder Viehzahl,
die Erschöͤpfung des Bodens, die Viehraub⸗- und Beutezüge treiben sie zur Uberschreitung
ihrer Gebiete. Auf den Zügen bilden sie eine kriegerische Wanderverfassung aus. Und
auch ihre Teile, die Geschlechter und Genossenschaften, lösen sich des Schutzes und des
gemeinsamen Weidebetriebes wegen nie etwa so auf, wie es der erschöpfte Boden an
sich als wahrscheinlich erscheinen ließe. Die arabischen Stämme zerstreuen sich und ihre
Herden in dürrer Zeit so weit wie möglich, aber vier Zelte bleiben mindestens zusammen.
Das den einzelnen Familien oder Individuen gehörige Vieh wird stets in größeren
Herden geweidet; das Jungvieh wird weiter weg getrieben, das Melkvieh in der Nähe
der Zelte und Hütten gelassen, die der Bewachung bedürfen. Auch die Kelten und
Germanen lebten, wie Meitzen wahrscheinlich macht, zur Zeit ihrer überwiegenden Vieh—
zucht in Viehweidegenossenschaften von 16 bis 100 Familien zu solchen Zwecken. So
erwachsen gewisse Bande des Stammes und der Genossenschaft über der patriarchalisch
ausgebildeten Familie, wenigstens bei den stark wandernden und kämpfenden Nomaden.
Im Herdenbesitz ist ein wertvolles Kapital entstanden, das durch Zufall, Beute,
Handel und gute Pflege sich sehr vermehren läßt, das andererseits durch tausend Gefahren
bedroht ist. Alle Nomadenstämme kennen schon den Gegensatz von reich und arm; alle
neigen zu Handel und Verkehr, haben Rechentalent und Spekulationssinn, haben Freie
und Knechte, wenn auch beide Klassen nicht durch sehr verschiedene Lebensweise getrennt sind.
Die Wirtschaftsweise giebt meist gute Ernährung, immer scharfe Sinne, persönlichen
Mut, Entschlofsenheit, körperliche Abhärtung; die seit undenklichen Zeiten vorhandene
Gleichsörmigkeit des Lebens erzeugt eine gewisse Würde und Ruhe; ja die großen,
gleichmäßigen Eindrücke der Natur können religiös-fatalistischen Sinn sördern. Doch ist
es ganz falsch, alle höheren Religionen den Nomaden zuzuschreiben. Wohl ist Muhamed
ein halb kaufmännischer Hirte gewesen, der den Ackerbau verachtete und behauptete,
mit dem Pflugschar komme die Schande ins Haus; und der Jahve der Juden am
Sinai war ein kriegerischer Hirtengott. Aber die indische Religion, der Gott der jüdischen
Propheten, das Christentum sind in Ackerbauländern mit ihrer höheren Kultur entstanden.
Die psychisch-sittlichen Züge des Nomaden entsprechen seiner Lebensweise; er verachtet
den Dieb und verherrlicht den Räuber; er ist gastfrei und grausam, gerecht gegen den
Stammesgenossen, treulos, gewaltthätig und listig gegen Fremde; er ist ein Frauen—
räuber, mißhandelt leicht die Frau, hat aber oft die patriarchalische Familienverfassung
ausbilden helfen; er ist hochmütig auf seinen Besitz, aber er behandelt seinen Knecht
meist nicht schlecht. Selbständigkeit des Charakters verbindet sich oft mit gesellschaftlicher
Zucht und Unterordnung. Alle Viehhaltung hat mehr die männlichen und kriegerischen
Eigenschaften, Hack- und Ackerbau die weiblichen und friedlichen der Stämme befördert.
Es sind den Nomaden Stammesbündnisse, völkerrechtliche Verträge, Eroberungen und
große Staatsbildungen, ja die Bildung von Weltreichen — freilich mehr vorübergehend —
in der Regel früher und besser als den Hack- und Ackerbauern gelungen. Diese zer—
fallen vor der Ausbildung komplizierter staatlicher Verfafssungen leicht in zahlreiche
kleine lokale sociale Körper.
Doch darf nicht übersehen werden, daß auch überwiegende Ackerbauern oft kühne
Krieger und Staatsbildner waren. Noch mehr freilich haben die indogermanischen
Völker, welche wir nicht als Nomaden, höchstens als Halbnomaden bezeichnen dürfen,
wo sie sich wegen Übervölkerung spalteten, und Teile ihrer Stämme erobernd vorwärts—
drängten, eine kräftige kriegerische Verfassung ausgebildet.
80. Der Ackerbau, den wir den niederen Formen des Bodenbaues, haupt—
fächlich dem Hackbau, dem halbnomadischen und nomadischen wechselnden Anbau einiger
Ackerstellen mit Sommerfrüchten entgegensetzen, begreift also, nach unserer obigen Aus—
ührung über seine Entstehung, den im gaänzen seßhaften Anbau von Gramineen und
anderen Früchten, der mit Haken und Pflug ausgesührt wird, mit Viehzucht verbunden
ist. Es versteht sich, daß auch er verschiedene Stadien der Entwickelung durchläuft,
        <pb n="211" />
        Die Nomaden. Die eigentlichen Ackerbauer. 199

vom Anbau einiger Prozente des Bodens bis zu 50, 80 und 100 Prozent, von der
mangelnden und vereinzelten bis zur stärksten Düngung, von geringer zu starker Vieh—
haltung, vom extensiven Betrieb einer rohen Feldgraswirtschaft bis zum intensiven
Fruchtwechsel. Aber wir wollen zunächst von diesen Graden der Intensivität, d. h. von
der Zunahme der Verwendung von Arbeit und Kapital auf dieselbe Bodenfläche abfehen
und im allgemeinen fragen, welche Bedeutung der Ackerbau überhaupt für die Ent—
wickelung der Technik und Kultur der Menschen habe.
Wir sehen es, wenn wir ihn und seine Folgen mit den Zustaͤnden des Jägers,
des Nomaden und des Hackbauers vergleichen; der Hackbau hat freilich mancherlei
Folgen mit dem Ackerbau gemein, wie z. B. die Wirkung auf Fleiß und Anstrengung,
die Begünstigung des Seßhaftwerdens, der dichteren Bebölkerung, eines Anfanges der
Arbeitsteilung und der Feldgemeinschaft. Aber er unterscheidet sich doch im wesentlichen
von ihm: auch wenn der hölzerne Haken, aus dem der Pflug entstand, ursprünglich
durch Mann und Frau (conjux, conjugium) gezogen wurde, im ganzen wurde die tierische
Kraft benützt, und damit der Boden sehr viel leichter und tieser gelockert. Die Benutzung
der tierischen Kräfte zum Anbau, zur Lastenbeförderung, bald auch als Hülfsmittel für
Göpel und Triebrad bedeutet einen außerordentlichen Fortschritt gegenüber der viel
schwächeren Menschenkraft; sie wurde gleichsam verdoppelt oder vervierfacht. Der Anbau
wurde aus einer bloßen Weiber- ziemlich allgemein Männersache; größere Flächen
wurden bestellt, ertragsreichere Früchte gebaut. Die bisherigen Gemüse-, Knollen- und
Wurzelesser erhielten mit Gerste, Roggen und Weizen und den weiteren daran sich
schließenden Früchten eine viel bessere und sicherere Ernährung. Die Erinnerung an
den großen Fortschritt lebte im Altertum lebendig fort, wie z. B. Homer die ältesten
Einwohner Agypieus, die sich von Lotos und Bohnen nährten, vergleicht mit, den starken
Männern, welche die Früchte des Halmes genießen; jene hätten jedes Auftrags und
jeder Pflicht vergessen. Forssac berechnete 1840, der Ackerbau ernähre 20 — 80 mal so
viel Menschen wie die Nomadie, diese 20 mal so viel wie die Jagd. Wir haben oben
(S. 188) die steigende Ernährungsmöglichkeit, welche der Ackerbau schafft, schon zahlen—
mäßig nach dem Stande der heutigen Statistik belegt. Die Verbindung der Getreide—,
Fleisch- und Milchnahrung erzeugt die kräftigsten Menschen, ist bis heute als die
physiologisch günstigste angesehen. Wenn auch Viehsterben und Mißernten noch lange
große Gefahren brachten, die Unsicherheit der Jäger⸗, Fischer- und Nomadenwirtschaft
war doch beseitigt und wich weiter in dem Maße, wie die Vielseitigkeit des Anbaues
verschiedener Früchte wuchs, die Vorratssammlung ernster genommen wurde.
Wie die erforderliche Arbeit sich vermehrte, so steigerte sich die Gewöhnung an
Arbeit, Umsicht, Besonnenheit mit dem Ackerbau sehr; das komplizierte Ineinandergreifen
der Viehhaltung und des Anbaues nötigten zu Plänen und Berechnungen aller Art,
zur Fürsorge für den Winter, für die Zukunft. Die Ackerwerkzeuge, der ganze Betrieb,
der Bau von Haus, Stall und Scheuer wurden komplizierter. Und all' das steigerte
sich noch sehr, wenn der Anbau von Obstbäumen, die Pflanzung des Wein- und
Olivenbaumes, die Terrassierungsarbeiten, die Wasserbenützung und die Wasserbauten,
die Düngung hinzukamen. Die definitive Seßhaftigkeit war mit dem Hausbau, der
Bodenverteilung und -vermessung, dem besseren Anbau für immer gegeben.
Aber nicht nur die Arbeit des einzelnen wurde eine ganz andere, nicht nur die
Hauswirtschaft der Familie bildete sich feiner als beim Hackbau aus, auch die gemein⸗
famen Arbeiten des Stammes, der Sippen, der zusammen im Dorfe Wohnenden steigerten
fich gegenüber den ähnlichen Einrichtungen beim Hackbau, teilweise auch gegenüber
denen der Nomaden. Da und dort entstand gemeinsamer Anbau; oft wenigstens spannten
zwei bis vier Familienväter ihre Ochsen bei schwerem Boden gemeinsam vor den Pflug;
die Dorfgenossen wohnten gemeinsam, bauten gemeinsam ihre Holzhäufer, hüteten
gemeinsam ihr Vieh, legten ihre Ackerbeete und ihre Wege nach gemeinsamem Plane
an, verwalteten Wald und Weide gemeinsam: Flurzwang und Feldgemeinschaft sind die
weitverbreiteten genossenschaftlichen Folgen erst des Hack-, aber noch mehr des Ackerbaues.
Noch viel größer werden die gemeinsamen Arbeiten, wo die Wasserzu- oder Ableitung
        <pb n="212" />
        200

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

eine große Rolle spielt, wie in Agypten und anderwärts; da wird der Ackerbau zu
einer ganze Stämme und Staaten einheitlich verbindenden Einrichtung. Die Ausbildung
der Feldmeßkunst, die Versteinung der Felder wird bei jeder definitiven Landzuteilung
und allem geregelten Ackerbau eine wichtige genossenschaftliche oder Staatsaufgabe.
Man hat gesagt, der Hackbau erzeuge Dörfer, der Ackerbau Städte. Jedenfalls
ging Ackerbau und Stadtbau vielfach im Altertum Hand in Hand, was wir in dem
Kapitel über Siedelung noch sehen werden; die Ackerbauern der fruchtbaren Stromländer
schufen große Verteidigungswerke, in welche ganze Völkerschaften sich retten konnten.
Das Friedensbedürfnis der Ackerbauer ist ein viel größeres als das der Hackbauern
und der Nomaden und wächst mit dem Obst- und Weinbau, mit dem steigenden Wert
aller Anlagen. Der Krieg mit den Nachbarn wurde ein anderer. Neben dem möglichen
Schutz durch Mauern, Wasser, Kanäle sucht der Ackerbauer durch Schutzwaffen, Leder—
und Metallkleidung, Schilde und Helme, aber auch durch bessere und kompliziertere
Kriegsverfassung sich gegen seine Feinde zu sichern.
Das ganze geordnete gesellschaftliche Leben der Kulturvölker steht mit dem Ackerbau
in Zusammenhang. Die Alten, sagt Roscher, haben der Landbaugöttin Demeter die
Einführung der Ehe und der Gesetze beigelegt. Schäffle thut den Ausspruch: „die
Einzel- und die Volksseele kam erst mit dem Übergang zum Ackerbau zu böherer Ber—
nunftsentwickelung.“
Man hat neuerdings darauf hingewiesen, daß man oft die wirtschaftlichen, socialen
und geistigen Folgen des Ackerbaues überschätzt habe, daß nur eine gewisse Entwickelung
des Ackerbaues, nämlich die mit Seßhaftigkeit, Hausbau ?⁊c. verknüpfte, diese Folgen
habe. Das ist richtig. Wir haben dem teilweise durch die Scheidung von Hackbau und
Ackerbau Rechnung getragen. Im übrigen könnten wir nur durch eine eingehende
wirtschaftsgeschichtliche Scheidung der verschiedenen Stufen des Ackerbaues genauer
feststellen, wann und wo diese günstigen Folgen eintraten. Dazu ist hier nicht der Raum.
Nur die wichtigsten Phasen des agrarischen Entwickelungsprozesses, wie er sich in Europa
abspielte, seien hier zum Schlusse angedeutet.
Die Weidewirtschaft oder wilde Feldgraswirtschaft benutzt den Wald
und die Weiden nur zur Viehernährung, bricht an geeigneter Stelle kleine Stücke der
Weide zur Beackerung auf, baut da Buchweizen, Hirse, Gerste, Roggen zwei oder drei
Jahre hintereinander ohne Düngung, bis der Boden erschöpft ist; oft genügt als Saat,
was bei der Ernte ausfällt. Der erschöpfte Boden wird verlafsen, fliegt wieder als
Weide oder Wald an, anderer wird in Angriff genommen.
An eine solche Wirtschaft haben wir auch für die ungetrennten Indogermanen zu
denken, die Gerste bauten, Joch oder Pflug und feste Holzhäuser hatten. Auf der
Wanderung trat dann die Viehwirtschaft mehr in den Vordergrund, aber der Ackerbau
hörte nicht auf; wir treffen sogar bei dem europäischen Zweige der Indogermanen den
Weizen- und Spelzbau, bei den Germanen den Pflug mit eiserner Schar, was nicht
ausschließt, daß die Sueben zu Cäsars Zeit, in Vorwärlsbewegung begriffen, keine festen
Wohnsitze hatten, erst in den nun folgenden Jahrhunderten zur definitiven Seßhaftigkeit,
zu der Dorf-, Hufen- und Gewannenverfafsung übergingen.
So entstanden hier aus der wilden Feldgraswirtschaft und Brennwirtschaft nach
und nach die Feldsysteme mit ewiger Weide. Unter der Brennwirtschaft
verstehen wir eine solche, welche einzelne Stücke Moor oder Wald zum Zwecke des
Anbaues niederbrennt und eine Anzahl Jahre bebaut. Eine solche war in Deutschland,
Skandinavien, Frankreich bis ins Mittelalter weit verbreitet, erforderte wegen der Brand—
gefahren Vorsicht und gesellschaftliche Ordnung und Überwachung. Im Gegensatz zu
diesem Herumgehen des Baulandes in der Flur, im Gut, in der Gegend steht die Ein,
Zwei-, Dreifelderwirtschaft, welche als ewiges Ackerland in der Nähe der Wohnungen
ursprünglich 10 — 20 Prozente der Flur aussondert, den Rest als Wald und ewige
Weide benützt. Die Einfelderwirtschaft bebaut jährlich mit Düngung dieselben Flächen,
die Zwei- und Dreifelderwirtschaft bebaut abwechselnd jährlich die Haͤlfte, ein oder zwei
Drittel des Ackerlandes und läßt das übrige als Brache ausruhen und als Viehweide
        <pb n="213" />
        Die Folgen des Ackerbaues, seine Stufen. Die Metallwerkzeuge. 201

dienen. Gedüngt wird ursprünglich nur durch den Viehgang oder durch Üüberschwemmung,
wo Bewässerungsanlagen sind. Später wächst dann das Ackerland auf Kosten des
Waldes und der Weide, aber die Einteilung des Ackerlandes in zwei oder drei Felder
neben der Weide erhält sich in alter Weise. Das waren und blieben die vorherrschenden
süd- und mitteleuropäischen Betriebsformen der Landwirtschaft, die erst im 18. und
19. Jahrhundert den verbesserten, noch intensiveren wichen, auf die wir unten kommen.
Wir haben damit weit vorgegriffen. Aber es entsprach das auch der so wichtigen
geschichtlichen Thatsache, daß der Ausbildung des Ackerbaues, wie sie nach der Vieh—
zähmung und der Pfluganwendung Jahrtausende vor Christi Geburt in Vorderasien gelang,
wohl bis in unser Jahrhundert viele kleine Verbesserungen, aber keine sie von Grund
aus ändernde technische Neuerung folgte, keine, welche die ganze Ernährung der Mensch—
heit wesentlich erleichtert, die Produktion sehr vermehrt hätte. Konnte doch Ed. Hahn
deshalb noch neuerdings diese ältesten Fortschritte des Landbaues verherrlichend sagen:
„Wenn wir das Jahr in vier Jahreszeiten und zwölf Monate teilen, wenn wir das
Land pflügen und das Getreide hineinsäen, wenn wir Mehl mahlen und das Brot im
Ofen backen, wenn wir Milch und Wein trinken (wahrscheinlich gehört auch das Bier
dazu) und Butter und Ol essen, so thun wir genau, was wir unsere geistigen Vorfahren
im Unterlauf des Tigris und Euphrat thun sehen, wenn das erste blasse Dämmerlicht
der Geschichte etwa 4000 v. Chr. auf sie fällt. Alles was wir hinzugefügt haben, betrifft
doch nur das Ornament, die Grundlagen sind dieselben geblieben.“ Es mag dies über—
trieben klingen, und ist es auch in gewissem Sinne; es ist nur für die Ernährung
wahr. Es ist dabei von den Fortschritten, welche die Metalltechnik brachte, sowie von
den großen Verbesserungen seither im Verkehr und in den Gewerben ganz abgesehen.
81. Die Waffen und Werkzeuge aus Metall sind jünger als Viehzucht
und Ackerbau. Pflug und Wagen, Kahn und Gestell des Zeltes und der Hütte, Stiel
und Schaft der Steinwerkzeuge war sehr lange nur von Holz. Und auch wo die
Metallbearbeitung begann oder Metallwerkzeuge und -Schmuckstücke eindrangen, waren
sie lange so selten und teuer, daß die Holz⸗e, Stein- und Knochentechnik sich nicht viel
änderte. Noch heute giebt es Gegenden in Europa, die fast nur Holzverwendung kennen:
in der Herzegowina z. B. trafen die Hsterreicher 1878 Wagen ohne jeden Metallzusatz.
Immer wollen wir nicht verschweigen, daß der Ackerbau, wie er seit den Assyrern
und Agyptern bestand, und wie wir ihn eben betrachteten, von einer gewissen Metall—
technik meist schon gefördert war. Wenn wir jetzt diese besprechen, schildern wir nicht
etwa eine Epoche, welche dem Ackerbau folgte, sondern eine Entwickelung, die mit seinen
Anfängen beginnt und ihn begleitet und gefördert hat.
Mit Holz, Knochen und Stein haben gewiß einzelne Völker nicht Unbedeutendes
geleistet; aber die Metalltechnik bedeutet doch, wo sie zur vollen Geltung kommt, einen
ungeheuren Fortschritt, ähnlich dem Fortschritt der Feuerverwendung; man hat sie nicht
mit Unrecht dem heutigen Maschinenfortschritt gleichgestellt. Beck sagt: erst die Metall—
werkzeuge sicherten die überlegene Herrschaft der Menschen auf Erden. Morgan meint:
die Eisenproduktion ist der Wendepunkt aller Wendepunkte in der menschlichen Erfahrung;
nichts kommt ihm gleich. Schon für die älteste Überlieferung der antiken Völker ist
das Bekanntwerden der Metalle ein ungeheures, auf Götter oder Weltbrände zurück—
geführtes Ereignis.
Von den Metallen wurde wahrscheinlich zuerst das Gold gefunden und gebraucht;
es findet sich in gediegenem Zustand an der Oberfläche und lockt durch seine Farbe;
aber es hat zuerst, wie später, wohl nur zum Schmucke gedient. Es war zu Werkzeugen
zu weich und zu selten. Silber gehört einer viel späteren Zeit an; es wird nicht als
reines Metall gefunden, ist nur aus seinen Erzen herzustellen. Kupfer kommt da und
dort gediegen vor; es kann ohne Schmelzprozeß verarbeitet, gehämmert werden und
hat so bei einzelnen Stämmen, z. B. bei amerikanischen, wahrscheinlich auch bei den
ungetrennten Indogermanen, die Rolle des ersten Metalls gespielt. Viel wichtiger aber
wurde das Eisen und die Legierung von Kupfer und Zinn, die echte oder antike Bronze.
        <pb n="214" />
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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Eisen und Bronze sind nur durch Schmelzprozesse aus den Erzen herzustellen. Die Erze
enthalten das Metall oxydiert, an Sauerstoff gebunden und mit anderen Stoffen gemischt;
erst der Schmelzprozeß stellt annähernd reines Metall her. Werkzeuge aus solchen setzen
also stets eine gewisse Naturkunde und größere Geschicklichkeit voraus.
Darüber ob ein besonderes Zeitalter der Bronzewaffen und-Werkzeuge anzunehmen,
das dem der eisernen vorangegangen sei, wird heute noch in einer sehr umfangreichen
Litteratur eifrig gestritten. Das Wahrscheinlichste ist nach dem heutigen Stande der
archäologischen und technischen Forschung (Beck, Blümner, Schrader), daß eine primitive
Herstellung schlechter, roher Eisenwerkzeuge so ziemlich überall das ältere war, weil die
Eisenerze bei 7009 0., die Kupfererze erst bei 11000 0. schmelzen, und die Eisenerze
überall verbreitet sind, das zur Bronze nötige Zinn dagegen sehr selten ist; daß dann
aber einige der begabtesten Völker in Asien, Europa und Amerika die vollkommene
Ausnützung der Kupfer- und Zinnlegierung erlernten, und so unter Zurückdrängung der
schlechten und seltenen Eisenwerkzeuge die bronzenen viele Jahrhunderte lang die vor—
herrschende Rolle spielten. Die Bronze ist schöner, leichter schmelzbar, hämmerbarer; sie
rostet nicht, jedes zerbrochene Stück ist wieder brauchbar, fie kann durch die verschiedenen
Zinnzusätze von 200 bis zu 80/0 beliebig hart oder weich gemacht werden; ihre Haupt—
verarbeitung bedarf keiner Heizvorrichtung. Und wenn die Bronzewerkzeuge zu den
großen Steinbauten der beginnenden Civilisation nicht ausreichten, für die gewöhnlichen
Waffen, Werkzeuge, Schmuck- und Haushaltungsgegenstände waren sie gleich brauchbar,
ja teilweise brauchbarer als Eisen. Der erste Sitz einer großen Bronzeindustrie war
das femitische Westasien; von da hat der Handel erst die fertigen Produkte, später den
Rohstoff und die Technik weit verbreitet. Die Griechen und die Etrusker waren die
Erben der phönikisch-semitischen Bronzekunst. Anderwärts hat die Bronzetechnik nicht
dieselbe Rolle gespielt. Die Eisenbereitung hatte wahrscheinlich bei den mongolisch—
turanischen Stämmen, von welchen das erste Eisenvolk des Altertums, die Chalybäer
am schwarzen Meer ein Splitter sind, zuerst eine größere Bedeutung, kam von ihnen
nach China (2800 v. Chr. nachweisbar) wie zu den turanischen Iberern und Basken;
die Agypter hatten sie 3000 v. Chr. wahrscheinlich mit dem Siß in Äthiopien. Die
Kelten und Britannen sind eisenkundiger und -reicher als die Römer, welchen unter
NRuma der Eisenschmied noch fehlt; die Kelten sind die Begründer der norischen (sseierischen)
Eisenbergwerke. Die germanischen Völker erscheinen nach ihrer Trennung von den
anderen indogermanischen, nach Westen ziehenden Völkern als schmiedekundig, aber erst
die zwölf bis vierzehn Jahrhunderte nach Chr. dehnten die primitive Eisengewinnung
bei ihnen nach und nach etwas weiter aus. Die großen Bauten Ägyptens, Assyriens
und später die Perus sind ohne Eisenwerkzeuge nicht denkbar. Im ganzen hat die
Mittelmeerkultur mehr durch die Bronze, haben die nordischen Völker mehr durch das
Eisen die ersten Fortschritte der Metalltechnik vollzogen, und insofern geht eine füdliche
Evoche der Bronze der nördlichen des Eisens historisch voran.
Die älteste, roheste Eisengewinnung aus zerkleinerten Erzen geschah in offenen,
kleinen, mit Kohlen geheizten Ofen; das Ergebnis waren nur schwammige, unreine,
unschmelzbare Eisenstücke, die Luppen, aus denen durch Rothämmern ganz schlechtes
Schmiedeeisen entstand. Das systematische Zerkleinern, Auslesen und Unlerscheiden der
Erze, die Luftzuführung durch Blasebälge (es waren ursprünglich zusammengenähte
Ziegenfelle), die Zusetzung von kieselartigen Schmelzmitteln und das befsere Hämmern
der niedergeschmolzenen kleinen Luppen von ein oder ein paar Kilogramm waren die
großen Fortschritte, die schon in der ältesten historischen Zeit sich da erkennen lassen,
wo besonders günstige Bedingungen das Eisengewerbe förderten. Je nach der Auswahl
der Erze, der Hitze und der Luftzuführung und weiterer Behandlung erhielt man Stahl
mit 0,6—1,6 0/0 oder Schmiedeeisen mit 0,1-0,80/0 Kohlenbeimischung, welche bei
Griechen und Römern schon unterschieden werden. Immer war die Technik eine so
unvollkommene und kleinliche, daß man berechnet hat, mit ihr würde auch heute ein
Centner Eisen, der jetzt 325 Maͤrk kostet, auf 170 zu stehen kommen. Vor dem
12.—13. Jahrhunderten. Chr. sind erbebliche weitere technische Fortschritte nicht mehr
        <pb n="215" />
        Bronze⸗ und Eisengewinnung. Westasiatische Technik. 203

erkennbar. Das Eisen bleibt etwas Seltenes und Kostbares: auf einem Gutshof
Karls d. Gr. sind zwei Arte, zwei breite Hacken, zwei Bohrer, ein Beil, ein Schnitzmesser.
Immer waren die Folgen schon sehr große. Mit der Bronze⸗ und Eisenart, mit
der Saͤge und dem Bohrer war das Eindringen in den Urwald, die Rodung und
Baumfällung, der Haus-, Schiffs- und Brückenbau, mit dem eisernen und stählernen
Meißel die Bearbeitung der Gesteine ganz anders möglich als früher. Die metallenen
Waffen erzeugten viel wirksameren Angriff; das eiserne Zeitalter der Stammes- und
Völkerkämpfe wird durch sie herbeigeführt. Auch der bessere Schmuck, die feinere Ver—
zierung der Kleidung und der Wohnung wird erst mit feineren und mannigfaltigeren
Metallwerkzeugen möglich; die Metalle selbst geben den Stoff für Nadeln, Ringe und
anderen Schmuck. Die Überlegenheit der Stämme und Familien, welche die Metall—⸗
technik besaßen, als Geheimnis bewahrten und überlieferten, mußte eine außerordentliche
werden. Der Urtypus des Gewerbsmannes entsteht: der Schmied; er tritt uns zuerst
als Aristokrat und Zauberer, als Kenner aller Geheimnisse der Natur, als Arzt, oft
auch als Musiker, als Wirt, bei dem sich alle versammeln, als Händler, bei dem alle
tauschen, entgegen. Aller Handel und Verkehr wurde mit der Metalltechnik, mit der
Verbreitung von Bronze-, Eisen⸗, Gold- und Silberstücken ein anderer. Metallstücke
vestimmter Form und Größe wurden das beliebteste Tausch- und Verkehrsmittel; Geld
und Münze ist die Folge hiervon.
Im einzelnen ist die Wirkung sehr verschieden, im ganzen ist sie kaum zu über—
schätzen; die fämtlichen sogenannten Halb- und Ganzkulturvölker von den Chinesen,
Sumeriern und Akkadiern, AÄgyptern, Assyrern, Phönikern an sind ohne Metalltechnik
nicht zu denken.
82. Die Technik der alten, westasiatischen Völker. Mit der Vieh—
zucht, dem Ackerbau, sowie mit den Metallwaffen und Werkzeugen waren für die
befaͤhigtsten Rassen unter günstigen Naturbedingungen die Elemente des Wirtschaftslebens
gegeben, welche in den zehntausend Jahren v. Chr. zum erstenmale seßhafte, wohlhabende,
deilweise schon nach Millionen zählende Völker und Staaten der Halbkultur schufen.
Es handelt sich hauptfächlich um die Akkadier und Sumerier, die Assyrer und Babylonier,
die Ägypter und Phöniker, die Inder und Eranier (Perser), deren wirtschaftlich blühende
Reiche in die Zeit von 5000 bis 500 v. Chr. fallen.
Drei große weitere technische Fortschritte wurden von diesen Völkern vollzogen:
1. beobachteten ihre Priester den Himmel und die Gestirne, sie teilten das Jahr in
Monate, schufen das Zahlensystem und die Arithmetik, ein geordnetes Maß- und
Gewichtssystem, die Schriftzeichen und die Schrift. Sie wurden damit die ersten
Begründer alles empirischen Wissens und aller Wissenschaft, sie führten damit zugleich
in alle Technik die Anfänge eines planvollen Entwerfens, einer mathematischen Genauigkeit
 ein. 2. Eng verknüpft hiermit ist der andere Fortschritt der Technik, der diesen
Völkern zu danken ist: sie begründeten alles eigentliche Bauwesen. Sie schufen die
ersten Steinbauten, die ersten großen Mauer- und Straßenbauten, die ersten großen
Wasserbauten; ferner die ersten Wohnhäuser und Tempel aus Stein, endlich die ersten
größeren Schiffe. Und im Zusammenhang mit der Bronze- und Eisentechnik und dem
Bauwesen schufen sie 8., was damals mit in erster Linie stand, eine hoch stehende
Kriegstechnik, komplizierte Kriegsmaschinen, wie sie vorher nicht existiert hatten.
Wir können diese technischen Fortschritte hier nicht alle im einzelnen schildern;
nur über den Hausbau und die hauswirtschaftliche Technik einerseits und die Technik
großen Stils, die in den Händen der socialen Gemeinschaften lag, andererseits möchten
wir einige Worte sagen.
Jährtausende hindurch hatten die Menschen Schutz gegen Witterung, Kälte und
Hitze, Regen und Wind wie gegen Feinde teils in bloßen Schutzdächern, teils in bienen—
korbartigen, mit Reisig überdeckten Hütten, teils in Höhlen und überdeckten Erdlöchern
gefunden; das Wohnen in Zelten oder Wagen war dem gegenüber schon ein Fortschritt.
Die ersten geschlossenen Räume waren sehr klein, dunkel, schmutzig, oft von Menschen
und Vieh gemeinsam benutzt; man mied sie, soweit man konnte; das Leben spielte sich
        <pb n="216" />
        204

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

noch fast ganz im Freien ab; solche Wohnstätten konnten keinen wesentlichen Einfluß
auf die Wirtschaftsführung und Gesittung ausüben. Es waren meist Gebilde für einige
Tage oder Monate, ohne viel Wert, von den Frauen oder Knechten rasch hergestellt.
In unendlich vielen verschiedenen Übergängen ging daraus in dem wald- und holzreichen
gemäßigten und nördlichen Klima das Holzhaus, das von der Axt des Mannes und
seiner Genossen hergestellt ist, in den vorderastatischen Gebieten der Hamiten und
Semiten das Steinhaus hervor; beidesmal handelt es sich um die Sicherung und
Umbauung des Herdes, um etwas größere Räume, um die Anordnung derselben inner—
halb eines geschlossenen Gehöftes, Wir verfolgen hier zunächst den noördlichen Holzbau
und seinen viel später erfolgten Ubergang zum Steinbau nicht weiter, ebenso wenig den
Einfluß der verschiedenen Sippen- und Familienverfassung auf die Ausbildung des
Hauses. Wir wollen nur hier schon das Wort Iherings, der Schritt vom Holz— zum
Steinbau sei ein ungeheurer gewesen, nicht unwiderfprochen lassen; Holzbau und Stein⸗
bau sind zu einem großen Teil Folge verschiedenen Bodens und Klimas; eine bestimmte
Reihe der wichtigsten Wirkungen auf Wirtschaft und Familie haben die Holz- wie die
Steinhäuser gleichmäßig ausgeübt; reichere Gliederung der Räume ist bei beiden möglich.
Auch Iherings Satz: das Brennen des ersten Ziegels sei viel wichtiger gewesen als
der erste Pflug, ist wohl übertrieben, er enthält eine kaum anzustellende Vergleichung;
zwischen dem Holz- und Steinbau steht das Haus, das neben Holz, Lehm und Stroh
Fachwerk und getrocknete Luftziegel verwendet; schon deshalb ist das Ziegelbrennen nicht
so epochemachend. Aber so viel ist fsicher, daß der Bau mit gebrannten Ziegeln und
rohen, später behauenen Steinen den Haus- und allen anderen Bau zu etwas viel
Festerem und Dauerhafterem, gegen Feuer besser Geschütztem machte. Die Fesselung an
den Boden wurde mit ihm eine andere, die Dauerhaftigkeit aller Zustände nahm zu,
die Teilung der Arbeit wurde nötiger, das technische Zusammenwirken vieler wuchs, die
Befestigungskunst, der Tempelbau, die Anwendung der Meßkunst auf die Bauten schloß
sich hauptsächlich an den Ziegel und den Stein an. Die Ausbildung der technisch viel—
seitigen patriarchalischen Hauswirtschaft mit Gartenbau, Obste und Weinbau knüpft
noch mehr an den Stein- als an den Holzbau an. Die Verlegung einer steigenden
Zahl von technischen Vorgängen in geschlossene oder geschützte Räume, die Unterbringung
des Viehes in Ställe, das Feuer auf dem Herd des Steinhauses, der gesicherte Schutz
der Vorräte und der Werkzeuge, wie das Haus sie gab, all' das erhob das wirtschaftliche
Familienleben zu besserer Ordnung, zu Nachhaltigkeit, zu Gesittung, zur ausgiebigen
Benutzung aller möglichen kleinen technischen Fortschritie. Freilich war das assyrische
Steinhaus in ältester Zeit nicht viel mehr als eine kleine, lichtlose Höhle, ein Gewölbe
von Backstein oder Luftziegeln mit Asphaltüberzug über einem vertieften Grunde; der
Schutz gegen die Hitze war wohl der ältefte Zweck. Aber bald fügten sich mehrere folche
Räume neben- und übereinander; flache Dächer zur Benützung der Abendkühle, offene
Säulen gegen den inneren Hof kamen hinzu; mit Licht und Luft wuchs die inuere
Ausstattung bei den Reichen. Neue große Aufgaben waren der Technik gestellt, als die
Häuser in Babylon, in Agypten, in Tyrus und Sidon bereits drei⸗-, vier— ja sechs
stöckig wurden.
Können wir uns auch von der haus— und hofwirtschaftlichen Technik, welche sich
hier im Schoße der patriarchalischen, großen und kleinen Familien entwickelte, kaum
mehr ein ganz zutreffendes Bild machen, so viel steht doch wohl fest, daß damals der
Typus der patriarchalischen Hauswirtschaft entstand, der als sociale Lebensform sich
drei Jahrtausende erhielt, noch heute, wenn auch verändert und eingeschränkt, besteht.
Die Verbindung des Garten- uͤnd Ackerbaues mit der Hauswirtschaft, die Vereinigung
—ADDD Käsebereitung, mit
der Flachs-, Baumwolle- und Wolleverarbeitung, mit der Spinnerei Weberei, Rähen
im Hause, die Ausgestaltung von Haus und Hof für die Unterkunft von Menschen und
Vieh, von Vorräten aller Art, ihre Ausstattung mit Schemeln, Stühlen, Schränken,
Betten, wie wir sie schon in Agypten kreffen, all' das erzeugte die hauswirtschaftlichen
Tugenden, welche zuerst die vorzugsweise im Hause thätigen Frauen besaßen, und die
        <pb n="217" />
        Hausbau und Hauswirtschaft. Älteste Großtechnik. 205

Gesamttendenz der geschlossenen Hauswirtschaft auf gute Versorgung ihrer Glieder, auf
Eigenwirtschaft, welche an andere Familien, an Gemeinde und Staat nur einige wenige
Überschüsse abgeben wollte und konnte.
Neben dieser auf sich gestellten Hauswirtschaft hat sich freilich frühe in den
Mittelpunkten der asiatischen Reiche, zumal in den Küstenstädten eine gewisse Berufs
und Arbeitsteilung entwickelt. Wir kreffen specialisierte Handwerker nicht bloß als
untere Glieder der Hauswirtschaft, sondern auch als zeitweise herangezogene Hülfspersonen
derselben und Warenverkäufer; wir wissen, daß Verkehr und Handel in Phönikien und
anderwärts sich ausgebildet hatten. Wir hören von phönikischen Schiffen mit 20—50
Ruderern, mit Segeln, mit einer Fafsungskraft für 500 Menschen, mit einer Bewegungs—
kraft von 24 — 30 Meilen in 24 Stunden. Die Griechen bewunderten die strenge und
pünktliche Ordnung an Bord, die nur eine Folge hoher und vollendeter Technik sein
konnte.
Aber doch nicht in Gewerbe und Handel tritt der größte technische Fortschritt
jener vorderasiatischen Reiche zu Tage, sondern in den Gebieten, wo die Orts⸗-, die
Stammes-, die Staatsgenossen zusammenwirkten oder durch starke Gewalten zum
Zusammenwirken gezwungen wurden; hier erst feierten die mathematischen und natur—
wissenschaftlichen Fortschritte jener Tage im Verteidigungs- und Kriegswesen, im Mauer-,
Burgen-, Brücken-, Graben⸗, Gemeindehaus-, Markt-, Palast- und Tempelbau, in
Cisternen, Brunnen und Wasserleitungen, im Kanal-, Wege- und Hafenbau ihre größten
Triumphe. Hier spielte der Stein- und Gewölbebau fowie die ausgebildete Metall—
technik eine ganz andere Rolle als in der Hauswirtschaft. Was Gemeinden und engere
Verbände damals an Brunnenbau, Schutzbauten, gemeinsamem Ackerbau, Gemeindehäusern,
Schiffsbau, der in älterer Zeit überall als Bezirks- und Genossenschaftssache erscheint,
geleistet haben, können wir meist nicht mehr genau erkennen. Aber die Pyramiden und
die Nilregulierung, der Babylonische Mauerbau, die Tempelbauten aller dieser Reiche,
ihre Schatzhäuser, Arsenale und Königsbauten lassen uns heute noch eine bis auf die
Reuzeit nach der Größe der Leistung kaum übertroffene Großtechnik erkennen, die um so
bewundernswerter erscheint, je einfacher die technisch angewandten Hülfsmittel waren.
Sie verdanken nicht privatem Unternehmungsgeist und Gewinnabsichten ihren Ursprung.
Kleine priesterliche und kriegerische Aristokratien und despotische Königsgewalten haben
sie geschaffen, konnten sie nur schaffen als die auserlesenen Träger und Führer des
technischen Fortschrittes und als die uneingeschränkten Gebieter über große beherrschte
Massen von Sklaven, unterworfenen fremden Völkern und zu harter Fronarbeit gezwungenen
Volksgenossen. Kirchliche, militärische, technische Schulung durch lange Zeiträume hin—
durch, stabile Gesellschaftsordnungen für Jahrhunderte einerseits, furchtbare Knechtung
und Mißhandlung der Menschen andererseits waren die Voraussetzungen.
Wir werden so fagen können: die Grundformen der Familien- und Hauswirtschaft,
des kleinen Bauernbetriebes, auch die Anfänge des lokalen Kundenhandwerks, des Handels,
des Marktverkehrs seien im Zusammenhange dieser westasiatischen Technik ebenso ent—
standen, wie die ersten Ergebnisse einer staatlichen Großtechnik. Diese Formen hätten
sich auf Grund ähnlicher technischer Vorbedingungen und nachbarlicher Berührung in
diesen verschiedenen afiatischen Reichen ähnlich entwickelt. Aber daneben seien damals
wie später die Resultate der volkswirtschaftlichen Gestaltung doch sehr weit auseinander—
gegangen, weil Ratur- und Rassenverhältnisse, geistige und moralische Gesittung und
sociale Entwickelung die ähnlichen technischen Bausteine zu verschiedener Verwendung
brachten.
83. Die griechisch-römische, die arabische und die mittelalterlich—
abendländische Technik bis in die letzten Jahrhunderte. Die relativ hoch
entwickelte kriegerische, administrative und wirtschaftliche Technik der astatischen Völker,
einschließlich Agyptens, hat ebenso wenig wie die vorangeschrittene Verkehrs- und Handels—
lechnik der Phöniker und ihrer Tochterstaaten verhindert, daß ihre teilweise Jahrtausende,
teilweise Jahrhunderte währende Blüte zerfiel, und die Führung der Menschheit auf
andere, in ihrer Technik zunächst weit zurückgebliebene Rafsen und Völker überging.
        <pb n="218" />
        206 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Die Ursache kann doch wohl nur die sein, daß die Höhe der Technik nicht allein die
Kraft der Völker bestimmt, ja daß große technische Fortschritte zwar zunächst die Ver—
teidigungs- und Angriffsfähigkeit sowie den Wohlstand fördern, die äußeren Mittel für
alle Kulturgebiete vermehren, aber zugleich sehr viel höhere, oft nicht sofort oder über⸗
haupt von den Betreffenden nicht erfüllbare politisch-moralische und sociale Aufgaben
stellen. Die führenden Kreise degenerieren leicht durch Habsucht und Genußsucht, die
zeführten nehmen am Fortschritt nicht teil, degenerieren durch Knechtung und harten
Druck; die Harmonie der Gesellschaft und das innere Gleichgewicht der Individuen
leidet; die höheren moralischen und geistigen, dann auch die socialen und politischen
Eigenschaften, welche für die dauernde Behauptung und Steigerung der höheren Technik
nötig wären, fehlen; die Fortschritte auf dem Gebiete der höheren, der fittlichen Zweck—
mäßigkeit werden nicht gemacht, die rechten Institutionen im Innern und nach außen
werden nicht gefunden. Innere und äußere Kämpfe zerstören die Staaten und ihren
Wohlstand trotz hoher Technik.
So wird es begreiflich, daß der ersten großen Blütezeit asiatischer Technik eine
Epoche des überwiegenden technischen Stillstandes von etwa 2500 Jahren folgte, in
welcher die Griechen und Römer, die Araber und die abendländischen Indogermanen
langsam die asiatisch-ägyptische Technik sich aneigneten, ohne zunächst schöpferisch die
Mittel und Methoden derselben wesentlich zu fördern. Und doch haben sie in anderem
Klima, auf anderem Boden mit ihrer anderen Rassen-, ihrer anderen geistig-moralifchen
Entwickelung eine höhere Staaten- und Kulturwelt, andere und bessere sociale und
volkswirtschaftliche Institutionen geschaffen, auch die Technik in ihrer Art in vielem
einzelnen und noch mehr ihre Voraussetzungen, die Förderung der Naturerkenntnis und
die Steigerung und Verbreitung der lechnischen Fertigkeiten so weiter gebildet, daß
vom 14. und 15. Jahrhundert an schon ein gewisser Aufschwung und vom Ende des
18. eine neue große schöpferische Epoche des technischen Fortschrittes eintreten konnte.
Ein gewisser Rückgang oder Stillstand der Technik war schon mit den großen
Kriegen und Eroberungen, ihren Zerstörungen, mit den großen Wanderungen uͤnd
Völkerverschiebungen gegeben, welche jedesmal vorausgehen mußten, ehe die neue
griechische, hellenistische, römische, arabische und abendländische Kulturwelt sich konsolidieren
konnte. Ein halbes, ja ein ganzes Jahrtausend brauchten die jugendlichen Völker, bis
sie nur aus wandernden Halbnomaden ohne Städte zum seßhaften Ackerbau, zur städtischen
Kultur, zum Steinbau, zu den Anfängen des Handels und Verkehrs kamen. Sie
haben teils durch ihre Stammesart und Begabung, teils durch die Wirkung ihrer
Lehrmeister diese Forischritte vielfach in sehr viel kürzerer Zeit gemacht als ihre asiatischen
Vorgänger. Andererseits hat der Volkscharakter und das Christentum, haben die großen
mitteleuropäischen agrarischen Flächen die technisch-geldwirtschaftliche Entwickelung der
nördlichen Völker gegenüber den Vorderasiaten, den Griechen und Römern verlangsamt.
Jedenfalls ist die Thatsache lehrreich, daß die sämtlichen hier zusammengefaßten Kultur—
reiche die Erben der vorderasiatischen Technik waren, daß sie auf der einen Seite in
gewissen großen Zügen eine unter sich und mit ihren Vorgängern übereinstimmende
Technik haben und auf der andern Seite eine so verschiedene Kultur und so verschiedene
sociale und volkswirtschaftliche Institutionen erzeugten.
Die Griechen empfingen von den Phönikern die Bronzewerkzeuge und gewerb—
lichen Künste, die Schrist- und die Zahlenkunde, den Stein- und den Bergbau, die
Verkehrstechnik und den Schiffsbau. In ihren rasch ausgebildeten kleinen Republiken
schufen sie eine Blüte der Kunst, der Wissenschaft, der freien Verfassungsformen, die
weit über den Leistungen des Orients stand und für alle Folgezeit die Musterbilder
der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens wurden. In den großen hellenistischen
Reichen, die Alexander teils schuf leils vorbereitete, verschmolz griechische und afiatische
Kultur; erhebliche technische und wissenschaftliche Fortschritte knüpften sich daran an,
aber doch keine eigentliche Neugestaltung des technisch-wirtschaftlichen Lebens.
Die Römer wurden durch die Etrusker die Erben der phönikischen, durch die
unteritalischen Kolonien die der griechischen Technik. Sie haben mit ihrem praklisch—
        <pb n="219" />
        —8
*
* uꝛ.
8 J
verständigen Sinn auch technisch Bedeutsames geleistet; sie haben sich — zu einer
Broßtechnik erhoben, welche die asiatisch-ägyptischen Leistungen übertraf; Stein⸗
und Gewölbebau, im Straßen- und Wasserbau. Die Wasserversorgung Reu, jugte
Reuleaux 1871, war im ersten Jahrhundert nach Chr. so, daß die Stadt tügkich
60 Millionen Kubikfuß Wasser erhielt, dreimal so viel wie heute das achtmal größere
London. Es war auch nicht bloß Gemeinde und Staat, die in der Technik so Großes
leisteten, die privaten Unternehmer, die Handelsgesellschaften find im Handel, dem
Bergbau, der Landwirtschaft, den Gewerben fast schon so thätig gewesen, haben gerade
auch technisch ähnliche Verdienste gehabt wie die Leiter der heutigen Großindustrie.
Aber diese fämtlichen technischen Leistungen beruhen doch weniger auf neuen technischen
Methoden, als auf der organisatorisch-administrativen und kriegerischen Fähigkeit des
Volkes, seinem rechts- und staatsbildenden Sinne, seiner Kunst, unterworfene Völker zu
regieren, zu nützen und doch zu erziehen, auf der Weltherrschaft, die für Jahrhunderte
einen Frieden und eine ungestörte Handelsmöglichkeit von Cadix bis Indien, von der
Sahara bis Britannien schuf.
Die arabischen Reiche haben die ägyptisch-hellenistische, wie die persische, die
babylonische und die römische Technik geerbt, sie haben mit der Zähigkeit der Semiten
daneben ihre Eigenart bewahrt, auf Grund ihrer kriegerischen Eroberungen rasch eine
hohe Kultur erzeugt. Sie wurden, sagt A. v. Humboldt, die Begründer der physikalischen
Wissenschaften, sie brachten es zu einem Erforschen und Messen der Naturkräfte, haben
vor allem die Chemie gefördert, durch ihre Reisen die Geographie begründet. Man ver—
dankt ihnen viele einzelne mathematische und technische Fortschritte: die Bereitung des
Alkohols, den Kompaß, die Schnellwage, die Kunst Baumwollpapier zu machen; ebenso
die Einbürgerung der Citrone, der Pomeranze, des Safran, der Baumwollstaude, des
Zuckerrohrs, der Seidenraupe an den Mittelmeergestaden. Aber sie blieben doch mehr
in Ausläufer der antiken Technik und. Kultur, ihre Fortschritte schufen keine neuen
Formen der Volkswirtschaft, sie vermittelten mehr dem Abendlande allerlei kleine Künste,
so z. B. auch ihre Kaufmanns- und Hafenpraxis. Der Einbruch der Turkotataren ver—
nichtete den größeren Teil ihrer Kultur und damit vieles, was von den Resten der
großen asiatischen Vergangenheit bisher noch sich im Osten erhalten hatte.
Die Völkerwanderung in Westeuropa hatte seiner Zeit ähnlich zerstörend gewirkt,
aber die neuen Nationen der JItaliener, Spanier, Franzosen, Engländer
und Deutschen, welche sich von 500 — 1500 n. Chr. bildeten, waren gegenüber den
Turkotataren eine sehr viel höher stehende Rasse, sie waren ganz anders fähig, Christen—
tum, antike Gesittung und überlieferte Institutionen, auch rasch gewisse technische Fertigkeiten
 ihrer südlichen Nachbarn bei sich heimisch zu machen. Sie erwuchsen teils direkt
auf dem Boden der antiken Kultur, teils empfingen sie in Krieg und Frieden Jahr—
hunderte lang die Anregungen von ihr, standen dann ein Jahrtausend unter der Herr—
schaft der römischen Kirche, welche römisch-städtische Technik repräsentierte und verbreitete.
Ammianus Marcellinus sagt von den allemannischen Grenzdörfern des 4. Jahrhunderts
schon, sie glichen den römischen. Schrift⸗, Geld- und Marktwesen, Handelsformen,
gewerbliche Technik erhielten sich in den romanischen Ländern, drangen in die germanischen
überall hin, wo die Kirche und die romanifierten oberen Klassen größeren Einfluß
hatten. Aber Geist und Gesittung, Familienleben und bäuerliche Wirischaft blieben in
der Masse des Volkes germanisch; letztere änderten sich auch seit den Umwandlungen
zur Seßhaftigkeit und zur Dreifelderwirtschaft doch nicht von Grund aus, — und zwar gilt
dies auch für die Zeit von 1400 -1800. Die deutschen Städte glichen noch im 12.
und 13. Jahrhundert fast großen Dörfern, die Häuser waren damals noch zum großen
Teil Lehm-⸗, Holz⸗- und Fachwerksbaracken, die man zu der sahrenden Habe rechnete, zur
Strafe niederlegte. Der Steinbau der Kirchen war bis ins 11. Jahrhundert Sache
talienischer Arbeiter (opus italicum) oder der Kleriker. Erst im 15. und 16. Jahr⸗
hundert entstehen, besonders an den Straßenecken, um die Brände aufzuhalten, und in
Patricierhänden steinerne Privathäuser, werden Glasfenster üblich, sowie die Beheizung
—

Die europäischen Völker als Erben der westasiatischen Technik.

AF
25*
—
23*
7
2
        <pb n="220" />
        208

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

übrigen auf die nächste Umgebung beschränkt; nur wenige sehr wertvolle Waren konnten
größere Wege zurücklegen. Immer aber hatte die handwerksmäßige Technik der Städte
zuerst in Italien, später im Norden große Fortschritte vom 11. — 17. Jahrhundert
gemacht. Es hatte sich in dieser Kleinkechnik eine teilweise direkt mit dem Altertum
zusammenhängende Virtuosität und Meisterschaft in den Bauhütten, den Seiden- und
Tuchwebereien Italiens und Mitteleuropas, in den Glas- und Mosaikwerkstätten Venedigs,
bei den Holzschnitze und Schmiedearbeiten Deutschlands ausgebildet, die aber auf persoͤn—
licher Erziehung und Überlieferung in engen Kreisen beruhte, hohe Kunst-, aber keine
durchschlagenden und großen wirtschaftlichen Leistungen erzeugte.
So blieb die technische Signatur der europäischen Staaten vom 12.—18. Jahr⸗
hundert in vieler Beziehung hinter der antiken zuruͤck; sie hatten keine Großtechnik, keinen
Straßenbau, keine Großstädte, keinen Großhandel wie jene; soweit sie im einzelnen
technisch Höheres leisteten, war es zu beschränkt, um die ganze Volkswirtschaft umzu—
gestalten; wir kommen auf die wichtigsten dieser Fortschritte gleich. Der technische
Gesamtaufbau der Gesellschaft war ein ähnlicher wie im Altertum: die Familienwirischaft,
der kleinbäuerliche und Kleinhandwerksbetrieb, der lokale Markt, der Gegensatz von Stadt
und Land, die Arbeitsteilung und sociale Gliederung zeigen ähnliche Grundzüge. Aber
freilich erhalten sie durch den germanisch-christlichen Geist, durch die veränderten Sitten
und Lebensauffassung, durch die großen agrarischen Flächenstaaten Mitteleuropas im
Gegensatze zu Vorderasien und den Mittelmeerküsten, durch die höher stehenden Institutionen
einen wesentlich anderen, gesünderen, sittlich harmonischeren Charakter.
Der langsame technische Fortschritt, den wir eben meinten, bezieht sich 1. auf die
Benutzung der Wasserkraft und das Mühlenwesen, 2. auf das Eisengewerbe und die
Feuerbenutzung und 3. auf die Handelstechnik.
So lange der Mensch auf seine und seiner Haustiere Kraft für alle Bewegung
angewiesen war, mußte man entweder auf alle großen wirtschaftlichen Leistungen ver—
zichten, oder für die Zusammenbringung und -Wirkung großer Mengen von Menschen
und Tieren mit enormen Kosten und Schwierigkeiten, wie beim Pyramidenbau und in
den antiken Bergwerken sorgen; das schädliche Wasser in diesen z. B. wurde im Alter—
tume und bei den Chinesen mit Schöpfeimern herausgeschafft. Schöpfräder, von Menschen
und Tieren getreten, die in oben sich entleerenden Kaͤstchen das Wasser hoben, kannte
man schon in Babylon und Agypten; Vitruv beschreibt dann solche Heberäder, deren
Schaufeln zugleich durch das Wasser getrieben wurden. Für das mühselige Geschäft
des Mahlens hatte das ganze Altertum und ein großer Teil des Miltelalters nur die
Handmühle,; in Ostpreußen war sie im vorigen und noch im Anfange diefes Jahrhunderts
weit verbreitet. Man rechnete im ganzen, daß eine Person so fäglich für 28 andere
das Mehl bereiten könne; im Palast des Odysseus sind zwölf Sklaven damit beschäftigt.
Man hat dann zuerst die Mühlsteine durch Esel bewegt. Unter Mithridates britt die
Wassermühle uns zuerst entgegen; unter Augustus ist sie für die großen öffentlichen
Mühlen in Anwendung, für das übrige Publikum erst unter Honorius und Arkadus.
Im 4. Jahrhunderte werden Mahl- und Marmormühlen an der Mosel erwähnt, im
Flusse verankerte Schiffsmühlen unter Belisar. Auch die Franken haben zur Zeit ihrer
Gesetzbücher schon einfache Wassermühlen, die neben der Schmiede als öffentliche
Gebäude erwähnt werden. Die Ordnung des Wasserlaufes, Bamm, Schleuse, auch die
kostbaren Eisenteile am Mühlsteine weisen, sagt Lamprecht, auf Errichtung durch die
Dorfgenossenschaft hin; erst viel später begegnen uns grundherrliche und sonst als
privates Eigentum besessene Wassermühlen.
Immer scheint ein eigentlicher Fortschritt, eine weite Verbreitung der Wasser—
mäühlen in Deutschland erst in die Zeit vom 18. Jahrhundert an zu fallen. Das
Walken der Tuche besorgten im Altertume und im älteren NMittetalter noch die Füße
der Walker; große Walkerzünfte existierten; tausende von Walkern mußten mit der
Verbreitung der Walkmühle im 13.—14. Jahrhundert überflüssig werden. Die Wind—
mühlen scheinen ebenfalls in diese Ebochen zu fallen. Anschaulich schildert uns
        <pb n="221" />
        Die Technik des 13. —517. Jahrhunderts. Mühlenwesen und Eisenbereitung. 209

W. Arnold, wie Klöster und Städte für den Wassermühlenbau damals thätig waren.
Die Erfindung der Holzsägemühlen setzt Beck in den Anfang des 14. Jahrhunderts,
ihre Verbreitung ins folgende.
Ebenso wichtig war aber die Verwendung der Wasserkraft im 14. und
15. Jahrhundert für den Bergbau; sie mußte ihn wie die ganze Metallurgie nach
und nach umgestalten. Die Entstehung der durch Wasser getriebenen Pochwerke zum
Zerkleinern der Erze an Stelle des Zerstoßens in Mörsern, die Bewegung des Blase—
balges am Erzschmelzherde, der nun eine ganz andere Hitze erzeugte, die Hebung des
überflüssigen Wassers im Bergwerke und die Bewegung der viel größer werdenden
Hämmer durch die Kraft des Wasserrades, das waren die großen technischen Errungen—
schaften, welche hauptsächlich dem 15. und 16. Jahrhunderte und Deutschland angehörten.
Die Blüte des deutschen Bergbaues und der deutschen Eisengewerbe war ebenso die
Folge wie die gleich zu besprechende Arbeitsteilung und Betriebsvergrößerung der Berg⸗
und Hüttenwerke. Das Ausziehen des Drahtes an Stelle des Hämmerns gehört dem
14. Jahrhundert an und führt bald auch zur Benutzung der Wasfserkraft; die Papier—
und die Olmühlen folgten demnächst. Da mehr und mehr alle erheblichen gewerblichen
Anstalten die Wasserkraft benutzten, so konnte dann in Enaland der Gebrauch entstehen,
sie alle als „Mühlen“ zu bezeichnen.
Die älteste, unvollkommenste Eisenherstellung durch Schmelzen der Erze,
welche je nach der Gute 20— 750/0 Eisengehalt haben, und durch nachträgliches Hämmern
und Ausschweißen in weiteren Feuern haben wir oben kennen gelernt. Die Ofen des
Altertums und älteren Mittelalters haben wir uns als offene Herdfeuer, 152 Fuß
tief, 223 Fuß im Quadrat, zu denken; noch Ende des vorigen Jahrhunderts traf man
iolche in Spanien, im Meiningschen, in der Oberpfalz; sie gaben je in ein paar Stunden
Fisenluppen von einigen bis 15—20 Kilogramm. Dem gegenüber waren gemauerte
'ogenannte Stücköfen 6—8 Fuß hoch, welche in 8ÿ10 Stunden Luppen von einigen
Centnern mit erheblicher Kohlenersparung und einer viel höheren Ausbringung des Eisen—
gehaltes aus den Erzen lieferten, ein erheblicher Fortschritt. Sie sollen in Steiermark
schon im frühen Mittelalter bestanden haben, verbreiteten sich im späteren und erhielten
äch bis über 1800 in manchen europäischen Kulturländern (z. B. in Schmalkalden bis
1847). Aus der Vergrößerung der Stücköfen gingen im 15. und 16. Jahrhundert in
Steiermark und anderen deutschen Gegenden die ersten sogenannten Hochöfen, 12 218 Fuß
hoch, am Boden 2!/2, dann am sogenannten Kohlensack 4* 2“ und oben an der Gicht
11,* weit, hervor. Die nun statt von Menschen und Tieren mit Wasser bewegten ver—
zrößerten Blasebälge gaben eine größere Hitze, das festere Mauerwerk hielt sie besser
susammen; man erhielt viel größere Luppen und daneben zum erstenmale flüssiges
Roheisen, was bisher überhaupt nicht herzustellen war. Es ist spröder und härter, hat
mehr Kohlenbeimischung (1,8—80/0) als das Schmiedeeisen und der Stahl. Einzelne
der großen Ofen stellten bald nur noch Roheisen her, das dann auf Lösch- und Frisch-—
herden entkohlt, d. h. in Stahl- und Schmiedeeisen umgewandelt wurde; andere erzeugten
ablaufendes Roheisen und Luppen nebeneinander; die erstere Methode führte schon im
16. Jahrhundert zu unterbrochenen Prozessen von 8ÿ25 Wochen. Das indirekt aus
Bußeisen durch den Frischprozeß hergestellte Schmiedeeisen war gleichmäßiger und besser
als das alte, aus den Luppen der Stücköfen erhämmerte. Andererseits taugten für
bestimmte Zwecke die Gußwaren besser: für Ofen, Ambosse, Kugeln, Kanonen, Kochtöpfe
jand das Gußeisen eine steigende Anwendung.
Die Eisenverwendung nahm zu, und die Eisenschmelz- und Verarbeitungsgewerbe
veränderten ihren Standort, ihre Organisation; die Teilung der Arbeitsprozesse wurde
eine andere. Die älteste Einheit des kleinen, irgendwo im Walde angesiedelten Eisenerz—
ichmelzers, der zugleich als Schmied sein Rohprodukt verarbeitete, war zwar längst auf—
gelöst, aber noch waren die meisten Schmelzhütten klein und im Walde — der Holz-—
kohlen wegen — zerstreut. Mit der Möglichkeit, durch Wasserkrast mehr und billigeres
Eisen herzustellen, entstanden größere Schmelzen an den Wassergefällen und Thalrändern.
Mit ihren Wasserrädern, Pochwerken, Gießeinrichtungen, Frischöfen, verarößerten Hämmern
Schmoller. Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 1
        <pb n="222" />
        210

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

wurden sie da und dort, in Steiermark, am Rhein, in Sachsen, am Harz, schon zu
fabrikartigen Hüttenbetrieben. Deutsche Hüttenmeister brachten die neue, in ihrer
Familie wohlgehütete Technik und die entsprechenden Einrichtungen von 1600 bis 1700
auch nach Schweden und England. Vielfach löste sich bald ein Teil der technischen
Operationen los zu eigenen Geschäften: der Frischprozeß und das Aushämmern ging
auf besondere Hammerwerke, Zain-, Reck-⸗, Raffinierhämmer über, nahm teils den
Hütten ihre späteren, teils den städtischen Schmieden ihre ersten Prozeduren ab. Die
Loslösung geschah teils der Wasserkraft wegen, teils um in die Nähe der Kunden zu
kommen. Der Stadt- und Klingenschmied hatte vielfach bisher das eigentliche Aus—
hämmern und Schmieden besorgen müssen, ehe er aus dem schlechten Rohstoff der Hütte
Panzerplatten, Sensen, Schwerter und Messer herstellte. In Solingen erzeugte es im
17. Jahrhundert einen großen Aufschwung, als die besonderen Reckhämmer dem Klingen—
schmied einen besseren Stahl lieferten, als er ihn bisher selbst gemacht hatte. Auch die
Herstellung des Eisengusses löste sich mannigfach von den Hütten: städtische und staat⸗
liche Gießhäuser entstanden da und dort im 16. Jahrhundert.
Es waren mit diesen Verbesserungen der Eisentechnik erhebliche Erfolge erzielt:
die Draht-, die Blech-, die Nägelerzeugung gehört dieser Epoche an; das Schmiede- und
Schlosserhandwerk erblühte erst in Italien, später in Deutschland zu nie bisher erreichtem
Glanze; die Waffentechnik war zur Kunst geworden. Und die Verbreitung des Pulvers
stellte neben Schild, Harnisch und Lanze die Büchse und Kanone, deren Herstellung
neue Gewerbe erzeugte. Die ganze Kriegstechnik und Militärverfassung begann sich unter
dem Einflusse des Pulvers und der neuen Waffen zu aändern: das Fußvolk vertauschte
freilich erst 1600 — 1700 allgemein die Lanze mit der Flinte. Auch im Holz- und
Steinbau nahm die Eisenverwendung zu; nie hatte das Altertum eine solche Verwendung
gesehen, obwohl sie auch jetzt sicher nirgends Oo,822 Kg jährlich pro Kopf überstieg.
Neben den Hüttenwerken und Bergwerken vergrößerten sich die Salinen. Die Anfänge
des Großbetriebes mit 20, 50 und mehr Arbeitern sind zu beobachten. Aber in der
Hauptsache erhält sich doch der handwerksmäßige Kleinbetrieb; ja er erhält in der Eifen—
verarbeitung sogar eine Hauptstütze. Andere Ursachen kamen hinzu, die Entwickelung
der Eisengewerbe zum Großbetriebe zu hemmen. Das gewerbliche Leben Italiens und
Deutschlands ging aus politischen Gründen im 17. und 18. Jahrhundert zurück. Holland
und England hatten damals keine erhebliche Eisenproduktion und Eisenverarbeitung;
England bezog seinen Stahl fast ganz vom Auslande, seine Eisenöfen gingen damals
zurück, wurden in der Nähe Londons aus Furcht vor Holzmangel 1581 ganz ver—
boten. —
Von den Verkehrsmitteln können wir nicht sagen, daß sie 1300 —1750 sich
technisch sehr geändert hätten; nur der Schiffsbau und die Schiffstechnik machten gewisse
Fortschritte, so daß in Mittelmeer, Nord- und Ostsee und vom 15.-17. Jahrhundert
auch auf den Ozeanen der Handel wachsen, die neue Welt entdeckt werden, die Kolonien
in Ost- und Westindien zu erheblicher Bedeutung gelangen konnten. Posten und Kanäle
waren seit 1800 vorhanden, machten aber bis 1700 nur wenig Fortschritte. Die Städte
sind meist 1300 -1700 stabil, nur einige Hauptstädte wachsen aus politischen Gründen.
Aber das Münz- und Geldwesen, die Kredittechnik des Wechsels, der Messen,
der Staatsanleihen erfährt von 1400— 1800 bedeutende Verbesserung. Es wächst die
Bedeutung des Kapitals und des Handelsstandes; die Anfänge des Bankwesens entstehen:
die Haus- und Kleingewerbe werden durch die Handelsorganisation für den Fernabsatz
zur Hausindustrie. Die Technik der Staatsverwaltung, der Steuern wird erst in den
Kleinstaaten, dann in den großen Nationalstaaten eine ausgebildetere, wenn sie auch
meist die antike Höhe noch nicht wieder erreicht. Das Wichtigste bleibt wohl, daß der
Buchdruck und die Presse, welche sich 1440 —1800 entwickeln, auf ganz andere Verbindung
der Menschen hinwirken.
Fassen wir all' diese technischen Verbesserungen bis gegen Mitte des 18. Jahr—
hunderts zusammen, so können wir sagen, die Familien-, die Landwirtschaft, die große
Mehrzahl der Gewerbe, der Austausch'von Stadt und Land bewegten sich noch in den
        <pb n="223" />
        Die Technik des 16.—-17. Jahrhunderts. Das Maschinenzeitalter. 211

alten Geleisen. Aber die Eisenproduktion, die kriegerische Technik, der Handel, die
zunehmende Geld- und Finanzwirtschaft und die administrative Technik hatten schon
erheblich sich geändert; sie hatten zusammen mit einer Reihe anderer Ursachen aus den
stadtwirtschaftlichen die territorial- und volkswirtschaftlichen Körper und Staaten machen
helfen, die stehenden Heere und das Beamtentum ermöglicht. Die Entdeckung der neuen
Welt und die neuen Seewege hatten die Gewürze und Perlen des Orients leichter und
billiger zu uns gebracht, hatten uns mit Thee, Kaffee, Tabak, Mais, Opium, mit einer
Reihe neuer Pflanzen und auch einigen neuen Tieren bekannt gemacht. Die Wirkung
hievon beginnt langsam von 1600, stärker von 1700 an. Es war so der Menschheit
ein unermeßlicher Horizont nach außen eröffnet, wie ihn die Reformation und das
Wiedererwachen der Geistes- und Naturwissenschaft nach innen hin schufen.
Und doch wird man sagen müssen: die Mittelstaaten des 14. -17., die größeren
Nationalstaaten des 16. —18. Jahrhunderts seien nur in beschränktem Sinne ein Ergebnis
der neuen Technik, so wenig wie das römische Reich auf technische Ursachen zurück—
zuführen sei. In einem großen Teile Europas erhalten sich trotz der damaligen tech—
nischen Fortschritte die kleinen stadt- und territorialwirtschaftlichen Körper: Holland,
Deutschland, die Schweiz, Italien sind ein Beweis dafür. Und zu wirklich großen
Einheitsstaaten mit ganz freiem inneren Markt haben auch England und Frankreich,
vollends Deutschland, Osterreich, Rußland, die Vereinigten Staaten sich erst im 19. Jahr—
hundert, jetzt allerdings wesentlich durch den Einfluß der neuen Technik, hauptsächlich
des neuen Verkehrs entwickelt.
84. Das moderne westeuropäisch-amerikanische Maschinenzeit—
alter: Beschreibung. Die seit den Tagen der Renaissance begonnene Umbildung
der Technik erhielt durch die Fortschritte der Naturerkenntnis ihren wichtigsten Impuls:
Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton, Euler, Laplace, Lavoisier, James Watt, Galvani
und Volta, Liebig und Wöhler, Faraday und Marxwell, Gauß und Weber, Stephenson
und Bessemer, Helmholtz und Siemens vollendeten ein System des realistischen Wissens,
wie es die Menschheit bisher nicht gekannt, sie schufen damit auch praktisch eine ganz
neue Epoche des technisch-wirtschaftlichen Lebens. Das Zeitalter der persönlichen
technischen Routine und Meisterschaft ging in das der rationellen Bemeisterung der
technischen Aufgaben durch vollendete Erkenntnis ihrer Ursachen über. Und an die
großen führenden Geister, die hauptsächlich 1770—1870 wirkten, schloß sich von
1830 —40 an eine ganz andere Art der Verbreitung der technischen Kenntnisse durch
die Universitäten, polytechnischen und Gewerbeschulen. Noch im 18. Jahrhundert spielen
Barbiere und Pfarrer, Taufendkünstler und gewöhnliche begabte Arbeiter eine große
Rolle auf dem Gebiete der technischen Neuerungen; heute sind es nur die wissenschaftlich
speciell geschulten Kräfte, die freilich auch bis in die Werkmeister- und Arbeiterwelt
hineinreichen.
Suchen wir zunächst mit wenigen Worten eine Anschauung der technischen
Revolution hervorzurufen, welche mit der Spinn- und Dampfmaschine und den Coaks—
hochöfen 17688 — 1800 einsetzt, durch die Kriegszeit und ihre Folgen bis 1880 gehemmt
wird, nun mit dem Beginne des Eisenbahnbaues 1840 —60 energischer einsetzt, aber doch
erst mit den wirtschaftlichen Aufschwungsperioden 1860—78 und 1880-1900 voll
durchbricht. Die ganz andere Anwendung der bewegenden Naturkräfte, die Ausbildung
der Textil-, Eisen? und Maichinenindustrie sfind die Hauptpunkte. bei denen wir etwas
oerweilen.
Neben der intelligentesten aber schwächsten wirtschaftlichen Kraft, der des Menschen,
hat man seit Jahrtausenden die tierische, seit vielen Jahrhunderten die des Windes
und des Wassers, aber bis in unser Jahrhundert in technisch sehr unvollkommener
Weise, benutzt. Auch das Feuer hat erst in unseren Tagen als Kraftquelle seine volle
Bedeutung erhalten; es hat uns den Dampf geliefert, der in der Dampfmaschine die
wichtigste neuere mechanische Kraft wurde. Ihr gesellte sich seit den letzten 20 Jahren
die Elektricität hinzu, welche vielleicht noch größere wirtschaftliche Veränderungen als
der Dampf erzeugen wird. Um die verschiedenen Kraftquellen vergleichbar zu machen,
14*
        <pb n="224" />
        212 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

hat man sich gewöhnt, sie auf sogenannte Pferdekräfte, d. h. Einheiten, zurückzuführen,
welche in einer Sekunde 75 kg einen Meter hoch heben. Doch stellen die gewöhnlichen
Angaben über die Maschinen nicht die praktisch übliche, sondern die mögliche Maximal⸗
leistung dar.
Der Wind ist die billigste, wenn er weht, die fast überall faßbare und vorhandene
Kraft; aber die Windmühle hat nur 77 Normalarbeitstage im Jahre; der Wiud ver—
jagt auch dem Segelschiffe immer wieder. Die alte, sehr unvollkommene Bockmühle
nahm in Preußen bis 1861 zu, die verbesserte holländische hat sie heute noch nicht
verdrängt. Die Ausnutzung des Windes im Segel haben erst seit 1830—60 die Segel⸗
anweisungen des Kommodore F. Maury wesentlich verbessert; aber diese enorme Ver—
besserung hat die Verdrängung des Segelschiffes durch den Dampf nicht gehindert; 1875
zählte man in der europäischen Handelsmarine noch 12 Mill. Segel- auf 3 Mill. Dampf⸗
tonnen, 1898/1900 waren es nur noch 7 Mill. Segel-auf 18,7 Mil. Dampftonnen. Künftig
wird das hölzerne Segelschiff noch mehr gegen das eiserne Dampfschiff zurücktreten.
Die Wasserkraft leidet, wie der Wind, an der großen Ungleichheit von Wetter
und Jahreszeit; sie war bisher nur recht nutzbar, wo saarkes Gefaälle zusammentraf mit
den sonstigen Lebensbedingungen der Gewerbe; sie nötigte diese zur Zerstreuung in den
Thälern, am Rande der Gebirge; sie ist zu einem großen Teile an Orten vorhanden,
wo sie für kein Gewerbe nutzbar zu machen war, im Hochgebirge. Sie konnte durch die
alten unterschlächtigen Wasserräder nur bis zu 15—200/0 ihrer Kraft ausgenutzt werden.
Die verbesserten oberschlächtigen Räder und die Turbinen, 1800 — 1850 erfunden, meist
erst später angewandt, steigerten den Nutzeffekt auf 60— 80 0/0. Deutschland hatte 1816
wohl etwa 38 000, 1882 58 000 und 1805 46 000 Hauptgewerbebetriebe mit Wasser⸗
kraft; solche mit Dampf waren es 1882 84000, 1895 57 000; die mit Wasserkraft
hatten 1895 0,6, die mit Dampf schon 2,7 Mill. Pferdekräfte. Durch die neuesten
Erfindungen steht aber der Wasserkraft ein neuer, ungeahnter Fortschritt bevor. Durch
die Elektricität läßt die Kraft sich aufspeichern und auf 100 — 400 km an die pafsendsten
Stellen leiten; die, Wasserfälle der abgelegenen Gebirge, der Stromschnellen werden
nutzbar und erzeugen in ihrer weiteren Umgebung jeht große Fabrikdistrikte; so in
Schweden, Norwegen, Rußland, in den Alpen, der Schweiz, am Rheinfall. Außerdem
scheint es, daß man demnächst die Wasserkraft der Gezeiten und der Flußläufe durch
neue technische Methoden dem Menschen dienstbar machen kann; die deutschen Stroöm—
jollen allein 1,8 Mill. ungenützter Pferdekräfte enthalten.
Daß der Wasserdampf durch seine Ausdehnung und seinen Druck als bewegende
Kraft dienen könne, wußte man seit dem Altertume; serst Professor Papin in Marburg
wandte ihn 1690 im Cylinder auf einen zu bewegenden Kolben an; seit 1702 18
wurde die Dampfmaschine zur Wasserhebung in den englischen Bergwerken benutzt. James
Watt konstruierte dann 1768 -82 in endlosen Versuchen seine Dampfmaschine, die
zuerst bei der Wasserhebung in Bergwerken, dann als bewegende Kraft in Spinnereien,
Mühlen, Walzwerken Anwendung fand. Brachte seine Erfindung schon eine große
Ersparung an Heizmaterial, zu stärkerer, erst recht wirkfamer Dampfspannung überzugehen
hatte er wegen ihrer Gefahren nicht gewagt. Die Hochdruckmaschinen (von 1803 an)
mit fünffachem Atmosphärendruck sparten “s der Heizkraft und des Raumes. Weiler—
Verbesserungen haben seither nicht aufgehört. Auf Räder gestellte Dampfmaschinen zum
Transporte auf Schienenwegen erfand Georg Stephenson 1821 -29, Dampffchiffe Robert
Fulton 1806—47, Schraubendampfschiffe Erikson 1827. Bewegliche Dampfmaschinen,
Lokomobilen, zu allerlei Verwendung, datieren von 1841. Immer bessere, größere,
kohlensparendere Maschinen wurden konstruiert; hatte man bis 1850 meist Dampf—-maschinen
 von 2—30 Pferdekräften, so stiegen sie später häufig auf 100 —500, neuestens
auf 1000 und mehr; die neuesten Seedampfer haben solche bis zu 8—15 0600 Pferde—
kräften, und diese brauchen /86 der Kohlen gegen 1850.
Bis zum Jahre 1850 war die Verbreitung der Dampfmaschine noch mäßig: in
Frankreich waren damals etwa 5000, in Deutschland etwa 8600 stehende Maschinen.
Im Jahre 1895 waren bei uns 388580 Dampfaemerbebeniebe arue 245 Haupt⸗
        <pb n="225" />
        Die bewegenden Kräfte: Wind, Wasser, Dampf, Elektricität. 213

betriebe) mit 2,7 Mill. Pferdekräften; die Gesamtzahl der Dampfpferdekräfte einschließlich
des Verkehres ist aber zwei- bis viermal so groß; man kann für 1895 auf das Groß—
britannische Reich etwa 122183, auf die Vereinigten Staaten etwas mehr, auf Deutsch—
land wohl etwas weniger (im Jahr 1860 0,8, 1876 1,4 Mill.), auf Frankreich
5—6 Mill. Pferdekräfte im ganzen rechnen; auf die gesamten Kulturstaaten 1868 etwa
11-12, 1875 22, 1895 45—655 Mill. Pferdekräfte. Die Hälfte bis zwei Drittel der⸗
selben dient dem Verkehr, hauptsächlich den Eisenbahnen; von den stehenden Maschinen
wieder über die Hälfte der Berg-, Hütten- und Salinenindustrie, wo es die größten
Massen zu ziehen, zu heben, zu bearbeiten gilt; der Rest den übrigen vorangeschrittensten
Großgewerben. Je größer die Dampfmäschinen sind, desto billiger arbeiten sie. Man
rechnete in den achtziger Jahren die einstündigen Kosten einer Pferdekraft in der Maschine
von 100 Pferdekraͤften auf 7, in der von 2 auf 44-95 Pf. Aber auch die besten
und größten haben einen enormen Wärmeverlust, können die höheren, wirksamsten
Dampfspannungen nicht aushalten; sie nützen die in der Kohle enthaltenen Wärme—
einheiten daher nur bis zu 120/0 aus, weshalb schon Redtenbacher ihr Princip über—
haupt als verfehlt betrachtete.
Und was hat die Dampfkraft doch geleistet! Ihre außerordentlichen wirtschaftlichen
Vorzüge sind folgende: sie hat gegen Wasser und Wind den Vorteil, frei von jeder
anderen örtlichen Fessel zu sein, als von der Nähe und Billigkeit des Heizmaterials;
sie läßt sich, sagt Engel, ebenso schnell erzeugen wie abstellen, ist ebenso leicht zu den
höchsten Stärken zu konzentrieren, wie im kleinsten Maße wirksam zu machen. Sie ist
in Maschinen anwendbar, die selbst mit außerordentlicher Raschheit und Ausdauer den
Ort wechseln, darin das beste Pferd unendlich übertreffend. Sie ermüdet, versagt, ver—
siegt nicht.
Der König Dampf hat die moderne Industrie und den modernen Verkehr geschaffen;
aber er droht überfrüh unsere Kohlenschätze aufzuzehren; er ist nur mit teueren, gefähr—
lichen, für die Schiffe zu großen und zu schweren Kesselanlagen wirksam zu machen.
Er hat einfeitig die Großindustrie befördert. Kein Wunder, daß man nach anderen
Kräften und Kraftmaschinen fuchte, zumal nach solchen ohne schwere und teuere Kessel—
anlagen. Petroleum, Benzin, heiße Luft, Wasserdruck aus den Wasserleitungen, Gas
bot sich dazu an. Am meisten Anwendung fand die Gasmaschine (1895 in Deutschland
in 14760 Gewerbebetrieben mit 53909 Pferdekräften); sie nutzt mit ihren aus Gas
und atmosphärischer Luft gemischten Dämpfen die Wärmeeinheiten zu 250/0 aus, ist jeden
Augenblick in Betrieb zu setzen und abzustellen, ist bis 50 Pferdekräfte viel billiger als
Dampf; ihre Verbreitung nimmt reißend auch in mittleren und größeren Betrieben zu.
Noch weit scheint sie von der neuen Dieselschen Wärmemaschine übertroffen zu werden,
welche mit dem Drucke von 40 Atmosphären arbeiten kann, in jeder Maschinengröße
gleiche Kosten macht, die Wärmenergie bis zu 400/0 ausnutzt.
Der größte Konkurrent des Dampfes aber ist die Elektricität in ihrer Verbindung
mit dem Magnetismus. Licht und Elektricität sind Atherschwingungen: die ersteren sind
elektrische Strahlen von kurzer, die letzteren von großer Wellenlänge; auf ihnen ruhen
die Lebensprozesse; sie stellen die höchste und feinste Art der Bewegung dar; die Wissen—
schaft entdeckte fie in der Hauptsache 1789 — 1840, lernte dann 1833—60 die chemisch
hergestellten schwachen galvanischen Ströme zum Telegraphieren zu verwenden; die prak—
tische Durchführung fällt aber wesentlich in die Zeit nach 1860; in Europa zählte man
1860 126 140 kmm Telegraphenlinien mit 8502 Anstalten und 8,9 Mill. Depeschen,
1887 652000 - 50 800 ⸗ 148.22
Die stärkeren sogenannten Induktionsströme, welche durch eine Antriebmaschine,
durch Bewegung von Drahtwindungen in einem starken Magnetfeld entstehen, welche erst
die elektrische Beleuchtung und Kraftverwendung in großem Stile schufen, lernte man
erst in den letzten 25 Jahren, hauptsächlich seit 1888 zu großer praktischer Anwendung
durch die Dynamomaschine zu bringen. Ihre künftige Verbreitung und Wirksamkeit
kann man heute mehr nur ahnen als genauer bestimmen. Die Dynamomaschine bedarf
        <pb n="226" />
        214 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

einer Hülfskraft; aber sie steigert diese erzeugende Kraft unendlich; sie ist viel billiger
als Dampf und Gas; die Kraft läßt sich ohne zu viel Verlust aufspeichern und wieder
auslösen; daher ist ihre zeitliche und örtliche richtige Verteilung viel leichter dem Be—
darfe anzupassen; sie ist durch billige, einfache Drahtleitungen weithin zu übertragen,
macht die teueren, schwerfälligen Transmissionen der Wasser- und Dampfmaschinenanlagen
überflüssig. Am 1. Oktober 1895 waren in Deutschland, ohne Bayern und Württemberg,
schon 1419 Starkstromleitungen thätig. Nach Dr. Lux bestanden Ende 1888 erst 15
große elektrische Werke, am J. März 1897 aber 265, und weitere 82 waren im Bau.
Die Hauptverwendung ist noch die für Beleuchtung, aber die Kraftverwendung für Bahnen,
Fabriken und Werkstätten nimmt sehr rasch zu: am 14. Juni 18985 verwendeten schon
2259 deutsche Gewerbebetriebe elektrische Kraft. Ganze Fabrik- und hausindustrielle
Bezirke stützen sich schon auf diese centralisierten Werken entnommene Kraft. Eine
decentralisierende Wirkung tritt für den Gewerbebetrieb ein. In St. Etienne und seiner
Umgebung zahlt der hausindustrielle Weber im Monat für die Bewegung eines Stuhles
samt Instandhaltung 10 Francs. Andere Wirkungen kommen hinzu. Die größten Hütten—
und Eisenwerke der Welt besorgen heute schon alle Ortsveränderung im Innern ihres
Betriebes elektrisch, wie dasselbe auch auf den größeren Kriegsschiffen geschieht. Die
ganze chemische Industrie, die ganze Metallurgie ist durch die Elektricität in Umwand—
lung begriffen; sie verdrängt das Gas und hat daneben das Acetylen geschaffen, das
10- bis 15 mal leuchtender als Gas ist. Ob sie auf den Eisenbahnen den Dampf
ersetzen wird, scheint noch zweifelhaft; den kleinen Schienenverkehr in Stadt und Land,
der in kurzen Zwischenräumen viele einzelne Wagen befördern muß, wird sie in Kürze
ganz an sich reißen. —
Giebt dieser Überblick der Entwickelung der bewegenden wirtschaftlichen Kräfte
schon ein ungefähres Bild der technischen Revolution der Gegenwart, so gehört doch zu
seiner Vervollständigung ein Einblick in die parallel gehende Veränderung der eigent—
lichen Arbeitsprozesse; sie haben sich wohl in der Textilindustrie am kompliziertesten
zerlegt und verfeinert, durch chemische und mechanische Fortschritte vervolllommnet. Man
hat schon gemeint, an ihr und durch sie sei das ganze Maschinenzeitalter erwachsen.
Spindel und Webstuhl waren die seit mehreren Jahrtausenden gebräuchlichen und
kaum verbesserten technischen Hülfsmittel. Freilich die Walkmühlen (1200 - 1400), das
Spinnen der Wolle mit dem Rade (seit 1298), das Spinnen des Flachses mit Jüͤrgens
Tretspinnrad (seit 1830), welches mit dem Drehen der Spindel und dem Aufwickeln des
Fadens den Kern der späteren Spinnmaschine schon enthielt, waren wie die Bandmühle
(1570 — 1600) und die Strumpfwirkmaschine (1590 — 1610) erhebliche Fortschritte.
Wassermühlen zur Zwirnerei und zum Seidehaspeln entstanden 1880—1750. Aber der
allgemeine Charakter der Textilgewerbe blieb im ganzen doch der alte, zumal da die
wichtigsten Fortschritte, z. B. die Bandmühle, die Strumpfwirkmaschine, wie später die
Spinnmaschine gar zu oft der zerstörenden Wut der Arbeiter, zeitweise auch dem zünft—
lerisch angehauchten Staatsverbot ausgesetzt waren. Erst als 1788 mit der Erfindung
der Schnellschütze am Webstuhl durch John Kay das Produkt des Webstuhles sich ver—
doppelte und vervierfachte, nirgends genug Spinnerinnen, die doch stets schlecht bezahlt
waren, aufzutreiben waren, da entstand in unendlich vielen kleinen Absätzen durch
L. Paul, Th. Highs, J. Hargreaves, R. Arkwright, S. Crompton, R. Roberts (zugleich
mit der Dampfmaschine) die Baumwollspinnmaschine von 1730 bis 1825: der selbst—
thätige mechanische Spinnstuhl mit einigen hundert Spindeln nahm der menschlichen
Hand das Spinnen, zuerst der Baumwolle, ab, die eben damit der wichtigste Bekleidungs—
stoff wurde; 1832 waren in Europa 11, 1875 etwa 58, 1895 etwa 75 Mill. Baumwoll⸗
spindeln thätig (in Großbritannien 44—45, in Deutschland 5—6 Mill.). Die einzelnen
Spinnereien hatten bis 1850 durchschnittlich in Großbritannien 10000, auf dem Kon—
tinente 1256000 Spindeln; jetzt sind es etwa 15 000 und 7500, in Lancahhire durch—
schnittlich 65 000 Spindeln, ja es giebt dort Riesenspinnereien mit 185 000 Spindeln.
Die mechanische Wollspinnerei ist viel langsamer gefolgt; die preußischen Spinne—
reien, meist noch im Besitze kleiner Gewerbetreibender, hatten 1861 noch durchschnittlich
        <pb n="227" />
        Die heutige Technik der Textilgewerbe. 215

5—600 Spindeln. Die Kammgarnspinnerei wurde erst 1348 —50 erfunden; 1895 hatte
eine deutsche Wollweberei durchschnittlich 1451500 Spindeln. Der Sieg des voll⸗
endeten Maschinensystems in diesem Gewerbszweige gehört den letzten 30 Jahren an.
Und ähnlich ging es in der mechanischen Leinenspinnerei, die erst 1824 ganz gelang.
Auch in Großbritannien und Irland waren 1850 nur etwas über 1 Mill., 1890
15 Mill. Leinenspindeln thätig. Der Kampf der Maschine mit der Leinenhandspinnerei
dauerte in den meisten Staaten bis 1860, ja bis 1880.
Hatten die Wolle und der Flachs dem mechanischen Spinnprozesse viel größere
natürliche Schwierigkeiten bereitet als die Baumwolle, so war die mechanische Weberei
üͤberhaupt viel schwieriger als das Spinnen; der Schlag der Maschine riß zu leicht die
Fäden ab. Ähnlich wie in der Spinnerei waren die anderen Gespinstfäden wieder
schwerer auf dem Maschinenstuhl zu verwenden als die von Baumwolle. Der Kraftstuhl,
1787 von Cartwright erfunden, konnte erst von 1810—15 an (nach Fairbairn) etwas
mehr angewandt werden. Man zählte in Großbritannien 1820 erst 14000, 1835 aber
schon 116 000, 1875 440 000, 1890 618000 Kraftstühle für Baumwollgewebe; die
inderen Staaten folgten viel langsamer; Preußen hatte 1861 erst 7000 Kraftstühle für
Baumwollgewebe, Deutschland 1891 245 000 (nach Juraschek). In der gesamten Woll⸗
industrie siegte der Kraftstuhl erst 1860— 1900; die Laufttzer große Tuch— und Woll—⸗
industrie halte 1860 erst 37, 1890 3000. Die mechanische Leinenweberei ist noch
jünger; sie erreichte in Großbritannien 1875 erst 486000, 1890 658 000 Kraftstühle;
im Handelskammerbezirke Schweidnitz, einem Hauptgebiete der deutschen Leinenindustrie,
stieg ihre Zahl 1871 ̃598 von 1200 auf 8800. Die Seidenweberei ist erst jetzt in der
umwandlung zu mechanischer Kraft begriffen und zwar nur in den technisch am höchsten
stehenden Ländern.
Neben der Verbesserung der eigentlichen Spinnerei und Weberei haben die großen
Fortschritte der Kunstbleiche, der Fauͤrberei, der Druckerei und die Hülfsmaschinen die
Textilindustrie gewaltig beeinflußt: so die Spul-, die Scher⸗, die Schlichtmaschine, die
Waͤsch- und Spulmaschinen, die Centrifugaltrockenmaschinen und andere mehr. Wollte
man auch nur das Wichtigste aus den sonstigen technischen Fortschritten der Bekleidungs⸗
gewerbe anführen, so wären vor allem die verbesserten Wirkstühle, die Strick-⸗, die Näh-,
die Stick,, die Tüll- und Bobbinetmaschinen zu nennen, die in ihrem Bereiche die
durchgreifendsten Umwälzungen hervorgebracht haben. Von den durch Elias Howe
haupisächlich seit 1846 geschaffenen, seit 1856 sich verbreitenden Nähmaschinen waren
schon 1875 in den Vereinigten Staaten eine halbe Million, auf der ganzen Erde 1877
über 4 Millionen im Gange. Die Zahl der Stiche wird durch sie von 25 auf 2000 in
der Minute vermehrt.
Die Verbesserung und Verbilligung unserer Kleidung, Wäsche und Hauseinrichtung
durch diese Fortschritte in der Gewebeherstellung und Bearbeitung ist ganz außerordentlich.
Schon 1848 rechnete man, daß mil der Hand erst 17 Mill. Handspinner das hätten
leisten können, was die 148 900 Maschinenspinner der Kulturstaaten fertig brachten.
Immer darf man nicht übersehen, daß diese enorme Steigerung der produktiven Kraft
sich auf ein Bedürfnis bezieht, das nur 14200,0 des Einkommens bei den Kultur⸗
völkern in Anspruch nimmt; daß wenn wir uns heute durch die Bekleidung der Natur—
und Halbkulturvoölker bereichern, diesen vielsach ihre älteren technischen Künfte dafür
oerloren gehen; und daß die konzentrierte arbeitsteilige Maschinenarbeit Millionen
Familien der unteren Klassen einen Teil ihrer hauswirtschaftlichen Thätigkeit und eine
Rebenarbeit des Spinnens, Webens, Strickens, Nähens raubte, die zwar mäßig bezahlt
aber zum Lebensunterhalt für sie unentbehrlich war, durch ihr Versiegen diese Millionen
teilweise proletarisfierte; die ganz andere sociale Schichtung und Umbildung der
Erwerbsverhältnisse durch diesen Prozeß macht ein wichtiges Stück der neueren socialen
Beschichte aus. —
Der Bergwerks⸗- und Hüttenbetrieb bewegte sich im 18. Jahrhundert zunächst in
den Geleisen, welche der technische Fortschritt des 16. ermöglicht hatte. Aber man suchte
dem steigenden Bedarf durch Vergrößerung der Hochöfen und durch Heizung mit Stein—
        <pb n="228" />
        216 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

kohle und Coaks entgegen zu kommen. In Preußisch Schlesien bestanden 1750 14 Holz⸗
kohlenhochöfen, 1800 48, neben 40 und 50 Frischherden, die das Roheifen in Schmiede⸗
eisen verwandelten. Die Eisenproduktion in Preußen war etwa 17850 2850, 1800
15 000 Tonnen (à 2000 Pfd. oder 1000 Kg), also 1800 etwa 1,5 kg auf den Kopf; im
Zollverein 1834 110000 Tonnen, also 458 *k8. In Großbritannien war die Produktion
1740 17 000, 1784 40000 (Bei 50000 Tonnen Einfuhr), 1800 aber 188 000 und
1840 1396 000 engl. Tonnen ( 2240 Pfd.), also 1800 auch erst etwa 19 Kg auf den
Kopf. Die älteren Holzkohlenöfen hatten einen Umfang von 6 Kubikmeter. Sie mit
Steinkohlen zu heizen hatte man im 17. Jahrhundert wegen des Holzmangels in
England wenig glückliche Versuche gemacht; 1709 gelang die Feuerung mit Coaks, die
aber auch in England Jahrzehnte lang auf einen Ofen sich beschraäͤnkte; auf dem Kontinent
wurde der erste Coaksofen in Schlesien 1796, in Belgien 1831 erblasen. Der Sieg der
Coaks⸗ über die Holzöfen auf dem Kontinent fällt erst in die Mitte unseres Jahrhunderts;
die englischen Hochöfen lieferten durchschnittlich jährlich 1740 288, 1805 1785, 1840
3480 Tonnen Eisen; ihre Höhe war von 18 auf 40 Fuß, ihre Fassungskraft von 6
auf 250 Kubikmeter gestiegen. Im übrigen waren die Verbesserung der Gebläse, ihr
Betrieb mit Dampf und die Erhitzung der eingeblasenen Luft die wichtigsten technischen
Verbesserungen (17680 — 1840); erst seit Bunsen die dem Hochofen entsteigenden Gichtgase
zu analysieren verstanden und zu verwenden gelehrt hatte, konnte der Hochofen als
technisch vollendet gelten. Und die Verbesserung des Frischprozefses, seine Umwandlung
in den Puddelprozeß (d. h. die Entkohlung in geschlofsenen Flammöfen mit mechanischer
Umrührung) beginnt wohl 1784, wird aber erst 1824 36 recht durchführbar, vollzieht
sich auf dem Kontinent erst 1846— 70. An den Fortschritt des Puddelprozesses schloß
sich der des Hämmerns durch den Dampfhammer, der 1842 durch Nasmyth erfunden
wurde, und des Walzens mit mechanischer Kraft, die sich auch erst 184070 recht
durchsetzten.
Der Eisenbahnbau, die entstehende Maschinenindustrie und die Ausrüstung der
Bergwerke mit einem großen maschinellen Apparate waren das Ergebnis der geschilderten
Fortschritte in Westeuropa von 1840 -70. Die Produktion stieg gewaltig; in Groß—
britannien von 1840-70 von 1,8 auf 6 Mill., in Deutschland von 0,17 auf 1,8 Mill.,
auf der ganzen Erde von 2,9 auf 12 Mill. Tonnen. Aber das erreichte Ziel war
gegenüber den nun einsetzenden Verbesserungen doch noch ein unvollkommenes: Aus dem
Eisen- sollte erst das Stahlzeitalter werden, viel größere technische Erfindungen wurden
1850—80 gemacht, gestalteten die Eisentechnik teilweise von 1860 an, noch mehr von
1880 an wieder gänzlich um und erlaubten Produktionssteigerungen, die man 1830 —60
noch nicht geahnt hatte.
Es handelt sich um die neuen Methoden, direkt Stahl herzustellen, um die Ersetzung
oder Zurückdrängung des im Puddelofen entkohlten und geschweißten Schmiedeeisens
durch das sogenannte Flußeisen, d. h. um die direkte Hersteltrung von Stahl und Eisen
aus dem Schmelzprozeß, wodurch ein viel besseres Material mit geringeren Kosten
erzielt wurde.
Stahl hatte man bis gegen 1800 wesentlich direkt in kleinen Quantitäten aus
den feinsten Erzen hergestellt; dann hatte man Schmiedeeisen durch Kohlenzusatz in Stahl
verwandelt (cementiert), endlich ihn auch durch Puddelverfahren hergestellt. Aber das Ziel
blieb, bessere Methoden direkter und umfangreicher Stahlgewinnung zu finden, wie es
Siemens 1852, dann Bessemer und endlich Martin 1858 gelang. Das bedeutete eine
Umwälzung in der ganzen Eisenindustrie uͤnd Eisenverwendung. Die Stahlproduktion
und Stahlanwendung nahm schon 1860—75 einen enormen Aufschwung, der Stahl
ersetzte in den zahlreichsten Verwendungen das viel weniger haltbare Schmiedeeisen.
Und, nun gelang es von 1879—80 au, phosphorhaltige Erze durch das Thomas—
Gilchristsche Verfahren direkt in Stahl und Flußeisen zu verwandeln, was zumal für
dänder mit überwiegend derartigen Erzen, wie Deutschland, einen ungeheueren Fortschritt
bedeutete. Alle Eifenwerke mußten freilich 1860290 auf Grund dieser neuen Technik
umgebaut werden. Die auf Roheisen reduzierte Produktion der Erde (einschließlich des
        <pb n="229" />
        Die neueren Fortschritte der Eisen- und Stahltechnik. 217

Stahls) stieg 1370 -590 von 12 auf 27 Mill. Tonnen (Großbritannien 1890 8, 1897
8,7 Mill., Deutschland 1890 4, 1899 8,1 Mill., die Vereinigten Staaten 1870 1,6,
1890 9,3, 1898 11,7 Mill. Tonnen). Die durchschnittliche jährliche Produktion der
immer riesenhafteren Hochöfen stieg 1889 —90 in England auf 18408, in den Vereinigten
Staaten auf 27 000 Tonnen; einzelne erhoben sich auf 48 000. Die Stahlproduktion
hatte fich von 1867 bis 1890/91 in England von 0,1 auf 8,6, in Deutschland von
nicht ganz 0,089 auf 2,3 Mill. Tonnen gesteigert, während die Schweißeisenproduktion
in diesen Ländern stabil geblieben oder zurückgegangen war. Der Verbrauch von Eisen
uund Stahl aller Art war in Deutschland 1840 47 12,5, 1861 -65 26, 1890 99,
1896 -98 131 Kg auf den Kopf, in Großbritannien 1861 -65 134, 1891 -95 176 kg,
in den Vereinigten Staaten in diesen Epochen 26 und 128,8 ke, während er 1890-95
in Frankreich noch auf 40, in Hsterreich auf 25, in Rußland auf 12, in Ostindien
wahrscheinlich auf 1-2 Kg stand.
Der Eisen- und Stahlverbrauch, der früher und noch jetzt in den ärmeren Ländern
auf wenige Werkzeuge und Waffen beschränkt war, dient jetzt zu allem: wir belegen
die Straßen mit Eisen, bauen unsere Schiffe, einen großen Teil unserer Wohnungen
und Werkstätten aus Stahl und Eisen. Dabei ist der Rohstoff durch die verbesserte
Technik immer billiger geworden, während daneben die Veredelung und Verfeinerung
in immer komplizierteren Werkzeugen, Maschinen und Gegenständen aller Art demselben
einen immer größeren, teilweise hundert- und tausendfachen Wert verleiht.
Die modernsten Hütten-, Eisen- und Stahlwerke, wie die Kruppschen in Deutschland
mit ihren 44000 Arbeitern und Beamten, die Carnegie Steel-⸗Company in Pennsylvanien
sind wohl die technisch vollendetsten der modernen Riesenanstalten, wo ein Stab wissen—
schaftlich-technischer Kräfte alle denkbaren Fortschritte der Ehemie, der Physik, der
Mechanik auf die wirtschaftliche Produktion anwendet und zugleich bemüht ist, sie Tag
für Tag durch neue Versuche zu verbessern.
Nur etwa die heutigen Maschinen- und Werkzeugfabriken, die Eisenbahnwagen—
und Schiffsbauanstalten könnten technisch noch über sie gestellt werden, weil sie die
feinere Verarbeitung in Händen haben. Sie sind freilich nicht so riesenhaft wie jene
und im Detail ihres Arbeitsprozesses nicht so fein gegliedert wie die Textilindustrie.
Ihre Entwickelung aber ist das sicherste Symptom eines wirtschaftlich hoch entwickelten
Landes geworden. Sie verbreiten durch ihre Erzeugnisse die Wirkung der Maschinen—
technik so ziemlich auf alle Zweige wirtschaftlicher Thätigkeit.
Während es im 18. Jahrhundert nur handwerksmäßige Schlosser, Mühlen- und
Webstuhlbauer gab, entstand von 1790 -1820 in England, 1815 - 40 in den kon⸗
tinentalen Landen ihr Anfang. Auch in England gab es 18001810 nur — wie
Fairbairn erzählt — drei gute Maschinenfabriken, die kleine Dampfmaschinen von 8—50
Pferdekräften bauten; auch in Deutschland traf man 1840— 60 noch wenig große und
specialisierte Maschinenfabriken; die heute mit 2—10000 Arbeitern thätigen Anstalten
hatten damals 50—200. Viele unserer größten und besten gehbren erst den letzten
30 Jahren an, wie auch unsere besten Schiffswerften, Lokomotiv- und Wagenbauanstalten.
Wir dürfen aber hierbei nicht verweilen, ebensowenig auf die großen technischen
Fortschritte in all' den anderen Zweigen wirtschaftlicher Thätigkeit eingehen, welche
nirgends ganz fehlen, in manchen den hier angeführten Fortschritten der Textil- und
Eisengewerbe gleich kommen, z. B. in der chemischen, der Papier-⸗, der Nahrungs⸗, Be—
leuchtungsindustrie, in den polygraphischen Gewerben, der Buchdruckerei, um von den
gesamten Verkehrsgewerben zu schweigen, deren technische Fortschritte jeder aus eigener
Erfahrung kennt. Nur über die älteste und wichtigste wirtschaftliche Thätigkeit, die
Landwirtschaft, sei noch ein Wort erlaubt.
Auch sie ist natürlich von den Fortschritten der Chemie und Mechanik nicht
unberührt geblieben. Die alte Dreifelderwirtschaft, welche nur 20 — 400/0 des Areals
bebaute, den Rest als Brache und Weide nützte, hat seit 1770 an einzelnen Stellen,
seit 18350 allgemeiner in den dichtbevölkerten, wohlhabenden Gebieten dem Fruchtwechsel
Platz gemacht, der jährlich die ganze Flur beackert, die Viehnahrung durch Haäck— und
        <pb n="230" />
        218 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Futterbau ermöglicht, die Bodenerschöpfung durch den jährlichen Wechsel der Früchte
verhindert, der die zehnfache Kapitalmenge, die zwei bis dreifache Arbeit auf dieselbe
Fläche verwendet, wie die einfache Dreifelderwirischaft. Die künstliche Düngung, die
Bodenmeliorationen aller Art, die Verbesserung der Ackerwerkzeuge, die Einführung von
landwirtschaftlichen Maschinen, die große Verbesserung der Viehzucht durch rationelle
Züchtung haben die Produktionskosten an vielen Punkten vermindert, die Ernten ver—
doppelt, teilweise vervierfacht. Die Zusammenlegung der Grundstücke und der Wegebau
haben in gleicher Richtung gewirkt. Der Pflug ist so verbessert, daß er bei halber
Zugkraft mehr leistet als fruüͤher. An einzelnen Stellen hat man den Dampfpflug,
neuestens gar elektrische Kraft angewendet. Die überall möglichen Verbesserungen haben
bei der zähen konservativen Art des Landmannes noch lange nicht allerwärts Eingang
und volle Wirkung erreicht, viele andere sind nicht überall anwendbar. Meist aber ist
der Betrieb mehr oder weniger rationalisiert und verbessert worden, so viel auch noch zu
thun übrig bleibt. Daß er aber fast nirgends gänzlich geändert wurde, daß die Fort—
schritte hier nicht wie im Verkehr und so vielen Gewerben eine Revolution bedeuteten,
darauf kommen wir gleich.
85. Würdigung des Maschinenzeitalters. Wenn wir die neuere west—
europäische Volkswirtschaft nach ihrer technischen Seite als Maschinenzeitalter bezeichnen,
so ist das ein Name, der von der wichtigsten, sichtbarsten Erscheinung genommen ist,
das Wesen der Sache aber nicht erschöpft. Dasselbe liegt in der auf Naturerkenntnis
gestützten Rationalisierung aller Wirtschaftsprozesse, in der Anwendung immer vollendeterer,
komplizierterer und doch in ihrem Erfolg billigerer Methoden und Arbeitsprozesse über—
haupt, welche bei gleicher oder geringerer Kraftaufwendung doch Größeres und Besseres
leisten. Die Physiologie hat in die Rafsenverbesserung, die Chemie da und dort ebenso
intensiv eingegriffen, wie die Mechanik mit ihren verbesserten Werkzeugen und den
Maschinen Zeit und Kraft erspart, bisher nicht ausführbare Leistungen ermöglicht hat.
Aber daß man möglichst überall menschliche Arbeit zu sparen, sie durch mechanische
Kraft und die Kraftmaschine zu ersetzen, daß man an Stelle des Werkzeuges die Arbeits—
maschine zu setzen suchte, das bildet allerdings den springenden Punkt der Entwickelung,
die wichtigste Neuerung. Der Sprachgenius hat mit Recht Werkzeug und Maschinen
in Gegensatz gestellt. Wir verstehen unter ersterem ein technisches Arbeitsmittel, das
den Arbeitsprozeß fördert und erleichtert, aber der Hand und dem Kopf des Arbeitenden
doch Sekunde für Sekunde die Ausführung überläßt, unter der Maschine ein technisches
Arbeitsmittel, das Naturkräfte und ein System zusammengesetzter fester Körper, kom—
binierter Werkzeuge nötigt, in mechanischer Abfolge Bewegungen auszuführen, so daß
dem Menschen nur die Überwachung und allgemeine Leitung des Arbeitsprozesses, eine
Summe kleiner, mechanischer Handgriffe bleibt. Die Kraftmaschine erzeugt und reguliert
die mechanische Kraft, die Arbeitsmaschine läßt die ihr mitgeteilte Kraft auf den wirt—
schaftlichen Arbeitsprozeß wirken; beide gehören zusammen. Einzelne Maschinen, wie der
Dampfhammer, sind Kraft- und Arbeitsmaschine zugleich. Einfachere Maschinen gab es
seit Jahrtausenden, wie das Schöpf- und Wasserrad; auch den Wagen, die Töpferscheibe,
den Pflug, die Kriegsmaschinen der Alten, das Spinnrad hat man als Maschinen be—
zeichnet. Heute gehören die Nähmaschine und viele andere hauswirtschaftliche Maschinen
in das Gebiet. Werkzeug und Maschinen gehen da ineinander über, wo die Arbeit aus
einer direkt die Stoffe formenden eine mehr bloß leitende wird. Das Maschinenzeitalter
besteht darin, daß die Kraft- und Arbeitsmaschinen eine früher nie gekannte Verbreitung
gefunden und einem steigenden Teil der Arbeitsprozesse ihren Stempel aufgedrückt haben.
Wir sahen, wie zur Menschenkraft zuerst die lenkbare Tierkraft hinzukam, wie
dann später Wind und Wasser als leicht faßbare mechanische Kräfte roh ausgenützt
wurden. Erst seit hundert Jahren wurden sie recht bemeistert und die schwer faßbaren
und lenkbaren, aber viel wirksameren mechanischen Kräfte Dampf und Elekiricität hinzu—
zefügt. Wir können uns durch ihre Summierung in der Einheit von Pferde- oder
Menschenträften eine rohe Vorstellung davon machen, wie sie das wirtschastliche Leben
gefördert haben. Wir benützen als Beispiel das heutige Deutschland. Seinen 26 Mill.
        <pb n="231" />
        Wesen und produktive Wirkung der Maschine. 219

arbeitskräftiger Menschen wird eine Pferde- und Rindviehkraft von etwa gleicher
mechanischer Leistungsfähigkeit zur Seite stehen; seine Dampfkräfte werden (nach den
mittleren Reduktionszahlen Fairbairns eine Pferdekraft — 15 Menschen) 114 Mill.
Menschen, seine Wasserkräfte 9,5, seine Gasmaschinen 0,8 Mill. 1805 entsprechen; die
Elektricitaͤt wage ich nicht zu schätzen. Also steht der mechanischen Kraft der Menschen
mindestens die etwa sechssache der Tier- und Naturkräfte (zusammen 150 Mill.) zur
Seite, während im Jahre 1750 wohl höchstens die gleich große an Tier-, Wind- und
Wasserkräfien die menschlichen ergänzte. Und erinnern wir uns, daß die 124128
Mill. Einheiten mechanischer Kräste (ohne die Tiere) hauptsächlich die 10-511 Mill.
Menschen uͤnterstützen, welche im Verkehr, Handel und Gewerbe thätig sind, so handelt
es sich statt der sechs- um eine zwölffache Steigerung der produktiven Kräfte. Dazu
kommt die Verbilligung der Kraft. Engel rechnet 1880, daß ein Tonnenkilometer
horizontal zu bewegen mit dem Tampf 0,4, mit dem Pferd 11,7, mit der Menschen—
kraft 82,6 Pfennig koste. Mag das nur für den Verkehr zutreffen, sonst nicht in dem
Maße, vielfach auch gar nicht, dafür wird heute jede Art der Kraft da angewendet, wo
fie am passendsten ist, am wohlfeilsten sich stellt. Man hat gelernt, die eine Kraft aus
der andern zu entwickeln, aus Wärme Dampi, aus Wasserkraft oder Dampf Elektricität
herzustellen. Man versteht die Kräfte zu konzentrieren und zu kombinieren, sie örtlich
und zeitlich mit genauester Maßbestimmung zu verteilen, die rotierende Bewegung in
hin und her gehende und sonst in der verschiedensten Weise zu verwandeln.
Auch bei der Arbeitsmaschine handelt es sich um Bewegungsvorgänge; sie kann
nur da eintreten, wo gleichmäßig sich wiederholende, mit höchster Schnelligkeit sich voll—
ziehende, in mehr, oft hundertfacher Nebeneinanderstellung des angreifenden Maschinenteils
(wie beim Spinnstuhl) gemeinsam zu vollziehende Bewegungen in Frage stehen. Sie
ist ausgeschlossen, wo die Kraft jede Sekunde nach den von Auge und Handgefühl
erfaßten Widerständen sich richten, sich dem Wechsel des Stoffes, der Formen, der
Augriffsart anpassen muß. Die Arbeitsmaschine setzt voraus, daß der Prozeß sich in
viele einzelne Teile zerlegen lasse. Die Arbeitsteilung mit specialisierten Werkzeugen
geht daher historisch und praktisch häufig der Arbeitsmaschine voraus. Wo diese
Bedingungen fehlen, da kann die Maschine keine oder nur eine beschränkte Rolle, eine
solche in Hülfsprozessen, in dem die Produkte bewegenden Verkehr ꝛc. spielen. Die
Uniformierung, Mechanifierung, höchste Beschleunigung und vollendete Präcision, welche
das Wesen des maschinellen Arbeitsprozesses charakterisiert, wird wohl die ganze Volks⸗
wirtschaft indirekt beeinflussen; tiefgreifend umbilden wird sie nur bestimmte, freilich sehr
erhebliche Teile. Suchen wir sie zu scheiden.
Die weitaus größte Wirkung der modernen Maschinen liegt in der Verkehrs⸗
erleichterung; im Verkehr handelt es sich nur um Erleichterung, Beschleunigung,
Mechanisierung, Ordnung von Bewegungsvorgängen: die Menschen, die Güter, die
Nachrichten bewegen sich heute so leicht und so billig auf 1000 und 100 000 Meilen
wie ehedem auf ä und auf 100. Die menschliche Versorgung mit Nahrungsmitteln und
Gütern aller Art, die Berührung und Verknüpfung der Menschen in geistiger, moralischer
und wirtschaftlicher Beziehung ist unendlich gestiegen. Die geographische Arbeitsteilung,
der Welthandel, die größern Märkte, die größern Staaten, ihre leichtere Regierung,
die ganze heutige Masffenkriegführung, die Überziehung auch der kleinen Orte und des
vlatten Laudes mit Post-, Eisenbahn- und Telegraphenlinien sind die Folge.
Der eigentliche Handel ist mehr durch die Verkehrsfortschritte als durch direkte
Maschinenanwendung ein anderer geworden; gewiß benützen die großen Handelsgeschäfte
eine steigende Zahl technischer Fortschritte zum Heben, Sortieren, Packen ꝛc., aber der
viel größere Teil der Handelsthätigkeit ist und bleibt individuell, der Maschine und
Mechanisierung unzugänglich.
Die zweite große Wirkung der modernen Technik liegt auf dem gewerblichen
Gebiete; zumal soweit es sich um leicht versendbare, mit mechanisiertem Arbeitsprozeß
und in Masse herstellbare, beliebig vermehrbare Produkte handelt, ist die Steigerung
und Verbilligung der Produktion eine ganz außerordentliche. In der Textilindustrie
        <pb n="232" />
        220 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

ist die Maschine am weitesten vorgedrungen, hat die größten Wunder bewirkt, weil die
Ziehung, Schlichtung, Verspinnung, Verwebung, Rauhung, Pressung ꝛc. der Faserstoffe
so weitgehend in gleichmäßig mechanische Bewegungen sich auflösen läßt. Im Berg—
werksbetrieb hat die Maschine die Hebung, Schleppung und Sortierung übernommen,
nicht die Hauptarbeit, die des Häuers vor Ort, die stets eine individuelle bleiben wird.
In vielen anderen Gewerben siegte die Maschine mehr für die Zwischen- als für die
Endprodukte; der Stahl, das Gußeisen, alle Metalle werden ausschließlich maschinell,
die feineren Metallprodukte vielfach noch durch die Hand hergestellt.
Viel geringer als im Verkehr und in der Industrie zeigt sich die technische
Revolution auf allen übrigen wirtschaftlichen Gebieten. Die Maschine konnte nur
bestimmte, eng begrenzte Teile des privaten Haushaltes, der Landwirtschaft, der Forst—
wirtschaft übernehmen; noch weniger konnte sie die Arbeit des Künstlers, etwas mehr
schon die des Kunsthandwerkers ergreifen.
Der Landwirt und Gärtner kann den Arbeitsprozeß nicht konzentrieren, ihn in
Teile zerlegen, die nebeneinander sich ausführen lassen; er muß individualisierend die
Arbeit dem Boden, der Witterung, der Jahreszeit anpassen. Er hat heute bessere Werk—
zeuge, auch einzelne Maschinen und Feldbahnen, er wendet chemische und physiologische
Verbesserungen an, aber nie kann hier die Technik alle Arbeit mechanisieren, nie kann
fie hier die Produktion auf das 10—1000 fache steigern wie in vielen Gewerben; sie
hat Großes erreicht, wenn sie sie verdoppelt oder gar vervierfacht. Die Ursache ist einfach
und bekannt; wie Liebig sagt, kann die doppelte mechanische Arbeit, die doppelte
Düngung von einer bald erreichten Grenze an nicht mehr die doppelte Ernte geben.
Das größte Kapital und alle Technik der Welt vermögen auf einer Quadratmeile nicht
die Nahrungsmittel für Hunderttausende und Millionen zu erzeugen. Das Gesetz „der
abnehmenden Bodenerträge“ hat seine Ursache in dem einfachen Umstande, daß die
physiologischen Prozesse, die uns Brot und Fleisch geben, Monate und Jahre brauchen,
daß die Pflanzenerzeugung an die begrenzte Ackerflache gebunden ist, und daß Sonne,
Wärme, Feuchtigkeit, Verwitterung, Pflügung in die Oberfläche nur bis zu geringer
Tiefe eindringen, begrenzte Stoffe löslich machen können. Alle sehr dicht bevölkerten
Gegenden bedürfen daher der Zufuhr von weiterher, die, wenn auch sehr verbilligt,
doch immer die Waren verteuert. Die verschiedene Wirkung der Technik auf Gewerbs—
produkte und Nahrungsmittel zeigt die bekannte Wahrheit, daß jene im Laufe der
Kultur durchschnittlich billiger, diese teurer werden. Der Nahrungsmittelerzeugung steht
eine Grenze entgegen, welche die Technik nicht überwinden kann. Man kann froh sein,
wenn die Verbilligung der Maschinenprodukte die Verteuerung der Lebensmitteli aus—
gleicht oder ermäßigt. Es kommt hinzu, daß überall, wo in ähnlicher Weise begrenzte
Rohstoffe, begrenzte Gebiete und Standorte der Vermehrung des Angebots entgegenstehen,
so bei Kohlen und Erzen, Fischwassern und Stadtwohnungen, der technische Forischriti
die engen Schranken der Produktion und Monopolverteuerung mildern, nicht aufheben
oder überwinden kann.
Nach diesen Bemerkungen ist es klar, daß eine nüchterne Beobachtung nicht in jene
dithyrambischen Lobpreisungen einstimmen kann, als habe die Maschine und die Technik
uns seit 100 Jahren so mit wirtschaftlichen Gütern überschüttet, daß wir bei richtiger
Einrichtung der Volkswirtschaft alle herrlich und in Freuden ohne große Anstrengung,
etwa täglich nur 2—4 Stunden arbeitend, leben könnten. Denn ersiens ist überali
zweifelhaft, ob die Bevölkerung nicht noch stärker zunehme als die durchschnittliche gesamte
Mehrproduktion. Und zweitens kommt in Frage, ob die Teile der Volkswirtschaft mit
zroßem oder die mit mäßigem technischen Fortschritte die bedeutungsvolleren seien. Es
sei nur daran erinnert, daß wir für unsere Ernährung 5060, für unsere Wohnung
10 —2000 unseres Einkommens ausgeben. Ist es da Lin Wunder, daß die Mehrzahl
der Menschen heute trotz aller technischen Fortschritte mehr und härter arbeiten muß
als früher, — daß man schon höhnisch gefragt hat, ob denn die bessere und schönere
Kleidung und das schnellere Fahren, die Hauplerrungenschaften unserer modernen Technik,
uns so viel glücklicher machen könnten Selbst Lin so begeisterter Technologe, wie
        <pb n="233" />
        Grenzen des technischen Fortschrittes. Sociale Folgen. 221

Em. Hermann spricht Zweifel aus, ob unsere Ernährung und Wohnung besser sei als
die der Griechen und Römer; nur unsere Werkzeuge und chemische Verfahrungsweise,
meint er, ständen höher. Sicher ist, daß die hundertfache Leistung der Spinn- und Dampf—
maschine gegenüber der Handarbeit nicht generell hundertfachen Reichtum bedeutet, noch
weniger ihn für beliebig vermehrte Menschenmengen schafft. Und mögen wir uns noch
so sehr rühmen, daß die Handarbeit der 1560 Mill. lebenden Menschen nicht ausreichte,
um je zu spinnen, zu drucken, zu schleppen, was heute die Maschine spinnt, druckt und
schleppt, von Gespinst, von gedruckten Nachrichten und vom gesteigerten Verkehr lebt
der Mensch nicht allein. Aus demselben Grunde sind auch alle Specialberechnungen
der Steigerung der produktiven Kraft des Menschen in diesem oder jenem Gewerbe, so
richtig sie im einzelnen sein mögen, als Beweis fürs Ganze irreführend, so z. B. wenn
Michel Chevalier für die Mehlbereitung seit Homer die Steigerung berechnet auf 1: 144,
für die Eisenbereitung seit 4285 Jahrhünderten auf 1: 80, für die Baumwollverarbeitung
1769 —1855 auf 1:700. Die Menschen in ihrer Gesamtheit sind deshalb nicht 144
oder 80 oder 700 mal reicher. Man könnte bei aller Anerkennung der riesenhaften
Leistungen der modernen Technik sagen, die Ungleichmäßigkeit ihrer Fortschritte sei
zunächst das Charakteristische. Könnten wir mit atmosphärischer Luft heizen, und Mehl
und Fleisch statt durch die pflanzen- und tierphysiologischen Prozesse durch die chemische
Retorte herstellen, dann erst wäre der ideale Zustand geschaffen, den die technischen
Optimisten oft heute schon gekommen glauben. —
Natürlich erschöpft sich nun die Beurteilung des heutigen Maschinenzeitalters nicht
in der Frage nach der Vermehrung und Verbilligung der wirtschaftlichen Produktion
und deren Grenzen. Daneben kommt die Veränderung in der ganzen Organisation der
Volkswirtschaft, in der Stellung der socialen Klassen, der Familie, der Unternehmung
und Ähnliches in Betracht. Hierüber endgültigen Aufschluß zu geben, ist freilich heute
sehr schwierig, weil wir, mitten in dem ungeheuren Umbildungsprozeß stehend, schwer
sagen können, was vorübergehende, was dauernde Folge sei. Und an dieser Stelle
darüber zu reden ist nur andeutungsweise möglich, weil wir die zu berührenden Fragen
erst in den folgenden Büchern im einzelnen erörtern wollen.
Das erste, was uns von solchen Folgen in die Augen springt, ist die Thatsache,
daß, wie jeder große Fortschritt, so heute der technische, von einzelnen Individuen,
Klassen, Völkern ausging, diese an Einkommen und Reichtum, Einfluß und Macht
außerordentlich emporhob. Die Differenzierung der Gesellschaft steigerte sich; an dem
Fortschritt und seinen ersten Folgen konnten nicht alle gleichen Anteil haben. Neue
führende, herrschende, genießende, Macht und Reichtum teils richtig teils falsch brauchende
Kreise stiegen empor, die übrigen sanken damit entsprechend, blieben zurück, wurden
teilweise gedrückt, verloren durch den Konkurrenzkampf mit den emporsteigenden. Wie
für die Maschinenvölker, so gilt das für die führenden Unternehmer, Ingenieure und
Kaufleute innerhalb derselben. Die Kaufleute kommen nicht sowohl wegen der technischen
Fortschritte des Handels in Betracht, als weil im Verkehr die wichtigste Verbesserung
liegt, und diese gewissermaßen erst recht die fähigen Händler zu den Beherrschern der
Volkswirtschaft machte, ihnen den größten Gewinn zuführte. Doch darf bei diesem
Differenzierungsprozeß und seiner Wirkung auf das Einkommen und die Machtstellung
nicht übersehen werden, daß an diese erste Folge sich bald Bewegungen im entgegen—
gesetzten Sinne schlossen. Die andern Völker, bis nach Japan und Indien, begannen
rasch die Maschinentechnik nachzuahmen, und sie ist lehrbarer, leichter zu übertragen,
als es die technischen Vorzüge der früheren Zeiten waren, weil sie in Schriften und
Modellen fixiert ist, in offenen Schulen jedem Fremden gelehrt wird, durch Maschinen⸗
ausfuhr überall hindringt. Ebenso gingen die höheren Kenntnisse und Fertigkeiten in
Westeuropa doch bald auf die übrigen Klassen der Gesellschaft, wenigstens teilweise,
über. Das äußerliche Hauptergebnis der Maschinentechnik, ein steigender Kapitalüberfluß
und sinkender Zinsfuß setzte einen erheblichen Teil des ganzen Volkes in die Lage,
seinerseits zu Verbesserungen in der Produktion zu schreiten, einen andern, die gesamten
arbeitenden Klafsen, höhere Löhne zu erkämpfen.
        <pb n="234" />
        222

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Die zweite große Folge der neueren Technik und des so sehr verbesserten Verkehrs
ist die räumliche Veränderung im Standort der landwirtschaftlichen, gewerblichen und
händlerischen Unternehmungen und der Menschen überhaupt: die Bildung der Großstädte,
der Industrie- und Bergwerkseentren, die stillstehende oder gar abnehmende Land—
bevölkerung, die Zunahme der Wanderungen, die wachsende geographische und sonstige
Arbeitsteilung erscheinen als zusammenhängende Ergebnisse des Maschinenzeitalters, auf
die wir anderwärts kommen. —
Als dritte Folge heben wir die Verschiebung hervor, welche zwischen den Haupt—
organen des volkswirtschaftlichen Lebens und ihren Funktionen stattfand, nämlich zwischen
Familie, Gebietskörperschaft (GGemeinde, Provinz, Staat) und Unternehmung. Familie
und Unternehmung fiel früher noch meist zusammen. Vor allem die neuere Technik
schied sie, machte einen steigenden Teil der Unternehmungen zu selbständigen, technisch—
geschäftlichen Anstalten, trennte Familienwirtschaft und Werkstatt. Und dieselben Ursachen,
die steigende Kapital- und Maschinenanwendung, der technische Vorteil, welchen größere
Anstalten gaben, begünstigten mehr und mehr den Großbetrieb.
Er lag zuerst im 17. und 18. Jahrhundert vielfach in fürstlichen Händen, dann
löste er sich von der bureaukratischen Schwerfälligkeit, die damit gegeben war, los. Der
private Großbetrieb, neuerdings der in Aktien- oder Kartellhänden, schien als der voll—
kommenste, weil in der freien Hand hochstehender kaufmännisch-technischer Führer liegend.
Aber seit den letzten Jahrzehnten hat auch die Großtechnik der Gemeinden, Provinzen
und Staaten nicht bloß im Straßen- und Wasserbau, in der modernen Kriegstechnik,
sondern gerade auch in specifisch wirtschaftlichen Funktionen, im Eisenbahn-, Post- und
Telegraphenwesen, in öffentlichen Bauten aller Art erhebliche Triumphe gefeiert. Und
schon kann man hören: gerade die moderne Technik nötige zu einer Vergesellschaftung
hrer Anwendung. Dem Vorwurf, daß unsere Städte aus einem Organismus verbundener
Wohnhäufer ein anarchischer Haufen von Werkstätten, Fabriken und Bahnhöfen geworden,
könnte man, optimistisch übertreibend, heute schon den Satz entgegenstellen: die moderne
Stadt werde eine technische Gesamtbauanlage werden, in welcher durch Straßen- und
Baupolizei den Wohnungen und Werkstätten, den Parks und den Schulen, den Markt—
hallen und Bahnhöfen ihr Platz angewiesen sei, und alle diese Stätten durch einheitliche
Wasser- und Abzugs⸗-, Gas- und elektrische Leitungen, durch den gemeinsamen Dienst
—D
auf die Kommune gehäuften Funktionen verbunden seien.
Man hat den technischen Fortschritt schon danach einteilen wollen, ob er mehr
den Individuen und Familien oder mehr den größeren socialen Körpern zufalle oder
diene. Es ist kein falscher Gedanke. Der Pflug diente der Wirtschaft der Familie, die
Bewässerungsanlage war stets Sache der Gemeinde; die Flinte kam in die Hand des
Individuums, die Kanone in die des Staates. Aber doch können viele technische Fort—
schritte je nach ihrer gesellschaftlichen Ausgestaltung, je nach den Institutionen von dem
Individuum wie von der Gesamtheit gehandhabt werden. Und es wäre schwer, von
den heutigen technischen Fortschritten mehr zu sagen als das, daß viele derselben zu
einer Großtechnik hindrängen; vor allem gilt dies vom Dampf, der Elektricität, von
vielen Teilen unseres Bauwesens. Aber specifisch technische Ursachen entscheiden nicht,
ob die Gasanstalt in Privat- oder Gemeindehänden zu liegen habe, ob die Eisenbahn
dem Staate gehören solle oder nicht. Hobsons halb socialistischer Schluß, alle Großtechnik
gehöre in die Hände der öffentlichen Korporation, weil diese Technik, von der Maschine
beherrscht, Mechanisierung der Arbeitsprozesse, Uniformierung der Bedürfnisse und zur
Ausbeutung verführende Monopolbildung bedeute, schießt übers Ziel hinaus; er übersieht,
daß die Maschinenindustrie auch sehr wechselnden Bedürfniffen dient und insoweit also
der privaten kaufmännischen Leitung nicht wohl entraten kann. Die sociale Ausgestaltung
der Großtechnik ist je nach Rasse, volkswirtschaftlichen Traditionen, Staatseinrichtungen,
sehr verschiedenartig möglich. So viel aber ist richtig, daß sie unserer heutigen Volks—
wirtschaft gegenüber der früher überwiegenden Haus- und Kleinbetriebstechnik einen
ganz neuen Stempel aufgedrückt hat, freilich ohne die Hauswirtschaft aufzuheben und
        <pb n="235" />
        Die Maschine in ihrer Wirkung auf die Arbeiter.

223

ohne den Klein- und Mittelbetrieb ganz zu beseitigen; besonders in der Landwirtschaft
besteht er technisch umgebildet, aber social unverändert fort. —
Die wichtigste sociale Folge der Großtechnik ist die Entstehung eines breiten Lohn—
arbeiterstandes: die Wirkung der Maschine und der modernen Technik auf ihn ist der
letzte specielle, vielumstrittene Punkt, den wir berühren. Wir fassen zunächst die Zu—
oder Abnahme der Arbeitsgelegenheit und ihre Regelmäßigkeit ins Auge.
Wenn aller Zweck der Maschine Ersparung menschlicher Arbeit ist, so kann darüber
nicht wohl Zweifel sein, daß die neuere Maschinenentwickelung immer wieder Arbeitern
ihre hergebrachte Arbeitsgelegenheit und ihren Verdienst nahm, den Lohn der mit der
Naschine konkurrierenden Handarbeit aller Art drückte. Dieser Prozeß wurde ermäßigt durch
die langsame Verbreitung der Maschine und durch die rasche Ausdehnung vieler Gewerbs—
zweige in den aufblühenden Kulturstaaten; aber die Hunderte von Maschinenzerstörungen
und tumultuarischen Aufständen, die von 1700 bis über die Mitte unseres Jahrhunderts
herein reichen, das chronische Handspinner- und Handweberelend von Hunderttausfenden,
wie es zwischen 1770 und 1870 ganze Gegenden proletaristerte, reden eine ebenso
lapidare Sprache über das erzeugte Arbeiterelend wie die neuere Arbeitslosigkeit. In
den Vereinigten Staaten wurden nach Wells und anderen durch die neuesten technischen
Fortschritte von 1870 —90 Arbeiter überflüssig: in der Möbelindustrie 28—30, in der
Tepetenindustrie 93, in der Metallindustrie 883, in der Waggonfabrikation 65, in der
Maschinenindustrie 420—70, in der Seidenmanufaktur 509/0. Die Verdrängung der
Männer- durch Frauen- und Kinderarbeit ist auch nur ein Stück aus diesem Prozeß
der Arbeitsersparung. Man sagt nun, all' die so für die entlassenen Arbeiter erzeugte
Not sei nur eine vorübergehende gewesen, und das ist in gewisser Beziehung wahr.
Wenigstens die jüngeren Kräfte fanden stets anderweit Arbeit; die folgende Generation
—
entwickelung geschaffenen größeren Arbeitsnachfrage in anderen Berufszweigen gegenüber.
Aber zwischen der beginnenden Not und der einsetzenden Hülfe lag oft entsetzliches
Hungerelend. Der alie gewöhnliche Manchestertrost, überall sei sofort durch die
Maschinenverbilligung die Rtachfrage nach der entsprechenden Ware so gestiegen, daß die
Arbeitsentziehung kaum zu spüren gewesen, ist eine grobe Täuschung. Auch in Zukunft
wird dieser Prozeß fortdauern, nur in dem Maße weniger hervortreten, als ein technisch
hochstehender und beweglicher Arbeiterstand sich rascher den Veränderungen anpaßt, und
als eine allgemein hohe Blüte und verbesserte Organisation der Volkswirtschaft die
entlassenen Arbeiter in den Berufen unterzubringen weiß, die als weniger maschinell
entwickelt noch zunehmender Arbeitskräfte bedürfen.
Die Regelmäßigkeit der Arbeitsbeschäftigung war in älteren Zeiten, mit lokalem
Markte und patriarchalischen Zuständen, natürlich viel größer als heute. Sie nahm
mit der Ausdehnung der Märkte und unter den heutigen kurzen Arbeitsverträgen ab;
zunächst am meisten in der Hausindustrie, wo der Arbeitgeber sich für die Heimarbeiter
nicht verantwortlich fühlt. Die maschinelle Fabrikindustrie giebt wieder regelmäßigere
Arbeit, sofern der Unternehmer die Maschinen regelmäßig gehen zu lassen ein Interesse
hat, — aber unregelmäßigere, sofern die Konjunkturen der Weltwirtschaft und die
Moden schwankender werden. Die unregelmäßigere Beschäftigung wurde früher weniger
empfunden, so lange die meisten Arbeiter ein Häuschen, ein Stück Allmende oder Acker—
land zu bebauen hatten, nicht allein vom Lohne lebten. Die ganze Frage der Regel—
mäßigkeit und Unregelmäßigkeit der Arbeit ist in ihrem letzten Kerne aber nicht von
der Technik, sondern von der socialen Ordnung der Volkswirtschaft zu lösen.
Die Wirkung der Maschine auf die Lebenshaltung, Gesundheit, Kraft und Bildung
der Arbeiter ist in jedem Berufe, ja in jeder Abteilung einer Fabrik und je nach der
Länge der Arbeit und den sonst mitwirkenden socialen Umständen so verschieden, daß
alle allgemeinen optimistischen und pessimistischen Urteile übers Ziel hinausschießen.
Nähmaschine und Lokomotive, Spinnstuhl und Dampfhammer können nicht wohl über—
einftimmende Wirkungen ausüben. Man wird nur im allgemeinen sagen können, daß
die ältere haus- und landwirtschaftliche, sowie die Arbeit in der alten Handwerksstatt
        <pb n="236" />
        224 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

der menschlichen NRatur schon wegen ihrer Abwechselung angemessener war und sei als
die Maschinenarbeit. Aber lange vor allen Maschinen, seit Jahrtausenden, gab es eine
erschöpfende, schädliche Handarbeit in Bergwerken und Hausindustrien, auf Schiffen und
auf dem Ackerfelde; eine ausbeutende, gesundheitsschädliche, verkümmernde Handarbeit
von Sklaven, Leibeigenen und Freien ist fast in allen älteren Kulturländern früher vor—
handen gewesen, wo nicht eine besonders gute sociale Ordnung die Handarbeiter dicht—
bevölkerter Gebiete vor socialem Drucke schützte. Und ihnen eröffnete die Kraft- und
Arbeitsmaschine wenigstens die Möglichkeit einer Abnahme der übermäßigen Muskel—
anstrengung. Ob sie praktisch gelang, hing freilich davon ab, ob die Maschine nicht
gleich mit einer unnatürlichen Verlängerung des Arbeitstages, schlechten Räumen, un—
gesunder Luft und mit unvollkommenen socialen Institutionen überhaupt sich verband.
Daran fehlte es. Und deshalb sind auch die sekundären Folgen der Überarbeit, der
schlechten Ernährung und Wohnung, wie proletarische Vermehrung, Trunkenheit, Schlaff—
heit, die längst bei vielen Handarbeitern vorhanden waren, nicht sofort mit der Maschine
verschwunden, sondern teilweise noch sehr gewachsen.
Aber diese Begleitumstände, mehr als die moderne Maschine, erzeugten 1770 bis
1850 so vielfach einen entarteten Arbeitertypus. Daß heute unter veränderten und
verbesserten socialen Bedingungen zahlreiche gesunde, kräftige, geistig und sittlich voran—
schreitende Maschinenarbeitertypen sich gebildet haben, kann kein Unbefangener leugnen.
Nur ist die Frage, auf welche und wie große Teile der Maschinenarbeiter sich diese
günstige Aussage beschränke oder ausdehne.
Daß manche Maschinen und maschinellen Arbeitsprozesse mit ihrer Zerlegung in
kleine Teiloperationen, auch wo sie dem Menschen Muskelanstrengung abnahmen, ihn
zu mechanischer, geisttötender, monotoner Thätigkeit des Fadenknüpfens, Rohstoffauf—
gebens, Handgriffemachens nötigten, ist bekannt. Ein Teil der neuen Technik hat sofort
die Beteiligten gehoben, ein anderer hat sie körperlich und geistig herabgedrückt; es
fragt sich nur, wie weit man die letztere Wirkung durch sociale Anordnungen einschränken,
wie weit man durch noch größere technische Fortschritte, durch sich selbst bedienende und
regulierende Maschinen die rein mechanische Arbeit des Menschen noch mehr als bisher
beseitigen könne. Fast alle Arbeit aber an der Maschine hat neben der geisttötenden
Wirkung des Mechanischen eine erziehende, anregende: sie leitet zu Ordnung und
Präcision, zum Nachdenken und zum Erwerbe technischer Kenntnisse an. Je komplizierter
der Maschinenmechanismus wird, desto mehr braucht man für die meisten, nicht für
alle Arbeiten in ihm verantwortliche, kluge, kenntnisreiche, gut genährte und bezahlte
Arbeiter. Mögen wir also an meisterhafter Handausbildung keine Arbeiter mehr haben
wie die Gehülfen des Praxiteles und die Gesellen in der Werkstatt Peter Vischers waren,
in einer großen Anzahl unserer technisch hochstehenden Industrien haben wir Arbeiter,
welche technisch, geistig, körperlich und moralisch den Vergleich mit den besseren Arbeitern
aller Zeiten nicht nur aushalten, sondern fie übertreffen. Freilich nur da, wo die sittliche
Ordnung unserer modernen Betriebseinrichtungen schon die schlimmsten Mißbräuche der
ersten Gestaltung überwunden hat, da, wo man einsah, daß der Betrieb nicht bloß
nach der Leistungsfähigkeit der Maschine, sondern ebenso nach der des arbeitenden
Menschen eingerichtet werden muß. Das hatten die Unternehmer, wie Cunningham sagt,
zuerst ganz vergessen! —
Fassen wir unser Urteil über das Maschinenzeitalter zusammen: Die einseitigen
Optimisten, wie Michel Chevalier, Passy, Reuleaux, auch einzelne Socialisten, wie
Fourier und Bebel, sehen nur das Licht, die einseitigen Pessimisten, wie Sismondi,
Marx, überwiegend den Schatten; die wissenschaftliche Betrachtung ist mit Nicholson,
Marshall, Hobson doch überwiegend zu einem gerechten, wohlabgewogenen Urteile
gekommen. Die moderne Technik und die Maschine haben aus einer Volkswirtschaft mit
mäßiger Bevölkerung, Kleinstädten, durch die Wasserkräfte zerstreuten Gewerben, mit
jeudaler, stabiler Agrarverfassung, lokalem Absatz, geringem Außenverkehr eine solche
gemacht, die durch dichte Bevölkerung, Riesenstädte und Industriecentren, Großbetrieb,
großartigen Fernverkeht und weltwirtschaftliche Arbeitsteilung sich charakterisiert. Diese
        <pb n="237" />
        Allgemeine Würdigung des Maschinenzeitalters. 225

neue Volkswirtschaft zeigt in Westeuropa und den englischen Kolonien einschließlich der
Vereinigten Staaten übereinstimmende technische, aber daneben doch sehr verschiedene
sociale Züge, je nach Rasse, Geschichte, Volksgeist, überlieferter Vermögens- und Ein—
kommensverteilung, je nach den verschiedenen Institutionen.
Wohlstand und Lebenshaltung ist allerwärts außerordentlich gestiegen; aber in
den einzelnen Ländern nehmen daran die verschiedenen Klassen sehr verschieden teil.
Auch ist Vermehrung und Verbilligung der Produktion in den einzelnen wirtschaftlichen
Zweigen eine sehr verschiedene; in Gewerbe und Verkehr liegen, wie wir sahen, die
Glanzseiten. Allgemeiner aber sind die Wirkungen auf vermehrte Berührung aller
Menschen, auf größere Kenntnisse, gestiegene Beweglichkeit. Die feineren Lebensgenüsse
sind allgemein gewachsen, das Leben ist im ganzen verschönert, ästhetisch gehoben. Ebenso
ist alles Wirtschaftsleben, auch das im Hause, auf dem Bauernhose, rationalisiert, ist
von naturwissenfchaftlichen Kenutnissen mehr beherrscht, ist rühriger, energischer geworden;
es ist freilich auch unendlich komplizierter geworden, ist durch die Verknüpfung mit
anderen Wirtschaften von Gesamtursachen abhängiger, leichter gestört, von Krisen öfter
heimgesucht. Indem man immer mehr für die Zukunft, für die Ferne produziert, ist
Irrtuͤm leichter möglich. Aber dafür hat man größere Vorräte, welche besseren Aus—
gleich zwischen verschiedenen Orten und Zeiten gestatten. Man wird über Not, Krisen,
Störungen im ganzen doch besser Herr als früher. Je höher die Technik steigt, desto
mehr kann sie den Zufall beherrschen. Alle fortschreitende Technik stellt Siege des Geistes
über die Natur dar.
Aber aller Fortschritt in der Naturbeherrschung ist nur dauernd von Segen, wenn
der Mensch sich selbst beherrscht, wenn die Gesellschaft die neue revolutionierte Gestaltung
des Wirtschaftslebens näch den ewigen sittlichen Idealen zu ordnen weiß. Daran fehlt
es noch. Unvermittelt steht das Alte und das Neue nebeneinander; alles gärt und
brodeli; die alten Ordnungen lösen sich auf, die neuen sind noch nicht gefunden. Der
Fleiß, die Arbeitsamkeit sind außerordentlich gestiegen, aber auch der Erwerbstrieb, die
Hastigkeit, die Habsucht, die Genußsucht, die Neigung den Konkurrenten zu vernichten,
die Frivolität, das eynische, materialistische Leben in den Tag hinein. Vornehme Ge—
sinnung, religiöser Sinn, feines Empfinden ist bei den führenden wirtschaftlichen Kreisen
nicht im Fortschritt. Das innere Glück ist weder bei den Reichen durch ihren maßlosen
Genuß, noch bei dem Mittelstande und den Armen, die jenen ihren Luxus neiden, ent—
sprechend gestiegen. Ein großer Techniker selbst konnte vor einigen Jahren unsere über—
stolze Zeit mit den nicht unwahren Worten charakterisieren: „Genußmenschen ohne Liebe
und Fachmenschen ohne Geist, dies Nichts bildet sich ein, auf einer in der Geschichte
unerreichten Höhe der Menschheit zu stehen!“
Immer ist ihm zu erwidern: alles wahre menschliche Glück liegt in dem Gleich—
gewicht zwischen den Trieben und den Idealen, zwischen den Hoffnungen und der prak—
tischen Möglichkeit der Befriedigung. Eine gärende Zeit materiellen Aufschwunges,
gestiegenen Luxus', zunehmender Beduͤrfnisse, welche das Lebensideal bescheidener Genüg—
samkeit und innerlicher Durchbildung hinter das thatkräftiger Selbstbehauptung zurück—
gestellt hat, muß eine geringere Zahl glücklicher und harmonischer Menschen haben.
Äber es wird nicht ausschließen, daß eine künftige bexuhigtere Zeit auf Grund der
technischen Fortschritte doch mehr jubjektives Glücksgefühl erzeugen wird. Und in Bezug
auf die Gesellschaft möchte ich sagen: sie baue sich mit der neuen Technik ein neues,
unendlich besseres Wohnhaus, habe aber die neuen sittlichen Lebensordnungen für die
richtige Benutzung desselben noch nicht gefunden; das sei die große Aufgabe der
Gegenwart. Und, möchte ich beifügen: wir müssen heute neben den technischen Bau⸗
meistern den Männern danken und ihnen folgen, die uns lehren, den technischen Fort—
schritt richtig im sittlichen Geiste, im Gesamtinteresse aller zu nützen!
86. Schlußergebnisse. Liegt in der vorstehenden Würdigung des Maschinen—
zeitalters schon gewissermaßen eine solche der technischen Entwickelung im ganzen, so sind
doch noch einige ergänzende Schlußworte über das Verhältnis von Technik und Volks—
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 18
        <pb n="238" />
        226

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

wirtschaft überhaupt und über ihre Beziehungen zum geistig⸗-moralischen Leben, sowie
zu den volkswirtschaftlichen Institutionen hinzuzufügen.
Aller Fortschritt der Technik bedeutet Umwege, größere Vorbereitung, Zeit und
Mühe kostende Mittelglieder zwischen Absicht und Erfolg, bedeutet Vermehrung des
äußeren wirtschaftlichen Apparates, der Kapitalaufwendung. Es fragt sich immer, ob
der Aufwand dem größeren und besseken Resultate entspricht, ob nicht die kompliziertere
Methode zu viel Reibung verursacht, ein zu schwieriges, hemmendes Zusammenwirken
vieler Personen zur selben Zeit oder nacheinander erfordert. Es muß immer die ver—
besserte technische Methode mit ganz besonderem Glück und Geschick erfunden sein, wenn
sie diese Hemmnisse überwinden, wenn der Erfolg dem Aufwande entsprechen soll. Auf
jeder Stufe der Kultur giebt es viele technische Verbesserungen, die wegen ihrer Kosten,
ihres Kapital- oder Personenerfordernifses, ihres zu komplizierten socialen Mechanismus'
unausführbar sind. UÜberall wird ein Teil des wirtschaftlichen Erfolges der höheren
Technik durch den steigend schwerfälligen Apparat aufgehoben. Freilich ist dies in ver—
schiedenem Maße je nach den Gebieten und Stufen der Technik der Fall. Jedenfalls,
wo die vermehrte oder verbesserte Produktion erheblichen natürlichen Widerständen
begegnet, durch physiologische, chemische, physikalische Grenzen eingeengt ist, wie in der
Landwirtschaft, ist der Fortschritt der Technik ein doppelt schwieriger, von bestimmten
Bedingungen abhängiger. Die Ersetzung der wilden Feldgraswirtschaft durch die Drei—
selderwirtschaft, dieser durch den Fruchtwechsel ist nur möglich, wenn die erzeugten Früchte
sehr viel teurer geworden sind, Klima und Boden relativ günstig sich gestalten, Kapital
und Arbeit relativ billig sind. Aber in gewissem Maße ist jeder technische Fortschritt
so ökonomisch bedingt durch die jeweiligen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ver—
hältnisse. Die einfache, primitive Wirtschaft verträgt nur einfache, direkt wirkende
technische Mittel. Nur die höhere Kultur verträgt die Kosten, die komplizierten Mittel
und den schweren gesellschaftlichen Apparat der höheren Technik.
Wegen des steigenden Kapitalerfordernisses der höheren Technik identifiziert Böhm—
Bawerk kapitalistische und moderne Maschinenproduktion. Und man ist ihm darin
vielfach gefolgt. Ebenso wichtig ist die zeitliche Auseinanderlegung der wirtschaftlichen
Prozesse durch alle höhere Technik. Die primitive Wirtschaft kennt nur eine Thätigkeit
von heute auf morgen; die ältere Landwirtschaft rechnet mit 2—54 Monaten von der
Saat bis zur Ernte, die neuere mit O—10 Monaten. Die höhere gewerbliche Produktion
fertigt Vorräte für Monate und Jahre, sie fügt immer mehr neben die Anstalten, die
fertige Waren liefern, solche, welche Zwischenprodukte, Rohstoffe, Werkzeuge und Maschinen
herstellen. Die Linien zwischen Produktion und Konfumtion werden zeitlich und geo—
graphisch immer länger und komplizierter, wie wir schon erwähnten. Daher aber auch
die steigende gesellschaftliche Kompliziertheit jeder technisch höher fstehenden Volkswirtschaft,
die, Juünehmende Vergesellschaftung, die Notwendigkeit gewisser centraler beherrschender
Mittelpunkte und Direktionen. Ebenso auch die unendliche Steigerung in der Schwierig—
keit der einheitlichen gleichmäßigen Vorwärtsbewegung, der Lenkung aller Wirtschaftsprozesse.
 Und endlich die leichte Möglichkeit der Störung, das häufige Vorkommen von
Mangel und Uberfluß der Güter an einzelnen Stellen, zu bestimmter Zeit; Mißstände,
welche nur durch Fortschritte der Organisation und der menschlichen Eigenschaften zu
überwinden sind, welche den technischen Fortschritten die Wage halten oder sie übertreffen.
Nur klügere, umsichtigere Menschen, ein ganz anderes gegenseitiges Wissen um die
Zusammenhänge, eine viel vollendetere sociale Zucht, ganz anders ausgebildete sociale
Instinkte und moralisch-politische Institutionen können die Reibungen und Schwierig—
keiten einer hohen Technik überwinden.
Von hier aus verstehen wir aber auch erst den scheinbaren Widerspruch, daß
einerseits die höhere Technik die Voraussetzung aller höheren Kultur überhaupt isi, und
andererseits doch die höhere Technik weder stets mit höherer Kultur parallel geht, noch
stets gesunde volkswirischaftliche und moralisch⸗politische Institutionen erzeugt.
Vollendetere Technik, höheres Wirtschaftsleben und höhere Kultur erscheinen bis
auf einen gewissen Grad. vor allem bei einem großen Überblick über die Weltgeschichte,
        <pb n="239" />
        Die Epochen der Technik und der Volkswirtschaft. 227

als sich begleitende, bedingende Erscheinungen. Aber im einzelnen fällt doch entfernt
nicht jeder Schritt der einen Reihe mit jedem der anderen zusammen. Es giebt Völker,
die mit hoher Technik wirtschaftlich zurückgingen, von technisch tieferstehenden überholt,
ja vernichtet wurden; Völker, die ohne gleich hohe Technik wie andere, sie an geistiger,
sittlicher und socialer Kultur übertrafen, Völker, die auch wirtschaftlich durch größeren
Fleiß, bessere sociale und politische Organisation vorankamen, ohne in der gleichen Zeit
erhebliche technische Fortschritte zu machen.
Den Beweis für die zuerst genannte allgemeine Wahrheit des Zusammenhanges
haben wir in unseren ganzen historisch-technischen Ausführungen geliefert. Die Benützung
des Feuers, die Zähmung des Viehes, die Erfindung der Werkzeuge, der Bau von
Wohnungen, vollends die moderne Maschine, die heutige Präcisionstechnik sind Stationen
auf einer ansteigenden Erziehungsbahn, welche den Menschen immer besser versorgten,
ihn aber auch denken, beobachten, die Zukunft beherrschen lehrten. Mit der höheren
Technik allein wurden zugleich die größeren, komplizierteren, arbeitsgeteilten socialen
Körper möglich. Die Organisation derselben aber, die Pflichten der einzelnen in ihnen
waren immer schwer zu finden. Und deshalb die Möglichkeit der sittlichen Entartung
bei jedem großen technischen Fortschritt, deshalb die große Frage, ob sofort oder über—
haupt allein mit der besseren Technik und dem größeren Wohlstand die vollendetere
gesellschaftliche Organisation gelinge.
Im ganzen waren gewiß die Völker mit höherer Technik nicht bloß die reicheren,
sondern auch die herrschenden, die siegreich sich ausbreitenden. Und zwar umsomehr, je
langsamer früher die Fortschritte der einzelnen sich auf andere übertrugen. Die heutige
Ausgleichung der Technik zwischen fast allen Völkern und Rassen wird schneller gehen
als je früher. Ob sie einzelnen der heute in erster Linie stehenden Völker ihren Primat
entreißt, ob bei der Konkurrenz und dem Ausgleichungsprozesse viele der unentwickelten
Rassen und Völker durch die unvermittelte Berührung mit hoher Technik leiden oder
gar zu Grunde gehen, ist schwer sicher zu prophezeien. Die höhere Technik und der
größere Wohlstand, die zunehmenden Genüsse sind etwas, was erst in langer sittlicher
Schulung an der Hand bestimmter moralisch-politischer Gesellschaftseinrichtungen ohne
Schaden erträglich und segensreich wird.
Als alleinige Ursache der volkswirtschaftlichen Organisation, der jeweiligen wirt—
schaftlichen Zustände und Institutionen wird kein geschichtlich Unterrichteter die Technik
und ihren jeweiligen Stand hinstellen wollen. Sie bildet nur ein sehr wichtiges
Mittelglied zwischen den zwei Hauptreihen der volkswirtschaftlichen Ursachen, den rein
natürlichen (Klima, physiologische Menschennatur, Flora, Fauna ꝛ⁊c.) und den geistig—
moralischen. Die drei Gruppen von Ursachen beeinflussen sich gegenseitig, aber keine
beherrscht ganz die andere. Es giebt kein höheres geistiges Leben ohne technische
Entwickelung, aber auch keine höhere Technik ohne geistige und moralische Fortschritte,
größeres Nachdenken, bessere Selbstbeherrschung.
Die volkswirtschaftliche Organisation in Familien, Gemeinden, Staaten, Unter—
nehmungen, die sociale Klafsenbildung und Arbeitsteilung ist von der Technik in gewissen
groben Ümrissen der Struktur stets bedingt. Ackerbauer und Nomaden sind notwendig
verschieden organisiert; die ältere Ackerbau- und Handwerkstechnik hat die Bauern⸗- und
Handwerkswirtschaft, die Maschinenwirtschaft den Großbetrieb, die heutige Verkehrs—
technik große Märkte und Staaten geschaffen; aber keine dieser technischen Ursachen hat
die Rasseneigenschaften der Menschen, ihre sittlichen Ideale, ihre Institutionen allein
geordnet, beeinflußt, gestaltet, sondern nur in Verbindung mit ebenso starken, selbständig
daneben stehenden psychischen Ursachen das einzelne der praktisch historischen Ausgestaltung
bvestimmt. Wie könnte sonst dieselbe oder eine ganz ähnliche Technik jederzeit so ver—
schiedene Volkswirtschaften erzeugt haben? Daß dem so sei, haben wir an verschiedenen
Stellen gezeigt.
Darum wird aber auch der Stufengang der Technik nicht allein ausreichen, um
als das allein herrschende Entwickelungsgesetz des volkswirtschaftlichen Lebens zu dienen,
obwohl in gewissem beschränkten Sinne die Stufen der Technik zugleich gewiß Stufen
15*
        <pb n="240" />
        228 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

des volkswirtschaftlichen Lebens sind. Es kommt für unser heutiges Urteil hinzu, daß
der Stufengang der technischen Entwickzlung heute weder schon ganz klar wissenschaftlich
vor uns steht, noch daß bei der —— Kompliziertheit der technischen Vorgänge, bei
der Selbständigkeit der Entwickelung einzelner Teile der Technik ihre fortschreitende
Gesamterscheinung ganz übereinstimmende Züge zeigt.
Wir haben einleitend die bisherigen Versuche einer Einteilung des historischen
Entwickelungsganges der Technik erwähnt, sie dann im einzelnen teilweise kritisiert, teil—
weise werden wir darauf zurückkommen. Wir wollen hier nicht versuchen, aus unserem
Material nun ein neues historisch-technisches Schema der Entwickelung aufzustellen; wir
glauben mit unserer historischen Erzählung und den von uns gebrauchten Bezeichnungen
der einzelnen Epochen dem wissenschaftlichen Bedürfnisse, soweit es heute erfüllbar ist,
Genüge gethan zu haben. Ohne konstruierende Gewaltthätigkeit ist heute nicht mehr
zu geben.
Nur darüber möchten wir noch ein Wort sagen, daß natürlich die einzelnen
Elemente der Technik einer Zeit zwar in Wechselwirkung stehen, daß aber diese je nach
Verkehr und Intelligenz, Volkscharakter und Klafssenordnung eine sehr verschiedene ist.
Die Technik der Ernährung, des Hausbaues, der Waffen ist überall von Klima und
Boden mit abhängig. Viele Völker machen einzelne technische Fortschritte, ohne die
entsprechenden, anderwärts hiermit zusammenhängenden zu vollziehen. Richt alle Völker
nit Töpferei, mit Pfeil und Bogen, mit bestimmtem Hack-, Acker- oder Hausbau haben
im übrigen die gleiche Technik. Die verschiedenen Stufen des Ackerbau-, Hirten- und
Gewerbelebens haben häufig, aber keineswegs immer, die Kriegstechnik in gleicher Weise
beeinflußt. Die Technik des Geldverkehrs hat häufig bestimmte Folgen durch die ganze
Volkswirtschaft hindurch gehabt. Aber alle diese Zusammenhänge sind sehr kompliziert,
in ihrer Wirksamkeit so vielfach beschränkt, daß die Aufstellung schematischer Reihen
sehr schwierig ist. Aus einigen bekannten technischen Elementen einer Zeit und eines
Volkes die übrigen unbekannten abzuleiten, ist immer nur in beschränktem Maße möglich.
Noch viel weniger freilich ist die Ableitung der geistig moralischen Eigenschaften der
Menschen und der gesamten Institutionen eines Volkes aus seiner Technik allein angängig.
Und nun noch ein letztes Wort über die auch von uns, im Anschluß an den
gewöhnlichen wissenschaftlichen Sprachgebrauch benutzten Begriffe der Halb- und Ganz—
kulturvölker, welche in Gegensatz zu den vrimitiven, den Naturvölkern, wilden und
Barbarenvölkern gestellt werden.
Mit dem sehr allgemeinen Worte „Kultur“ hat der Sprachgenius sich einen Begriff
gebildet, der ganz absichtlich halb technisch und wirtschaftlich, halb moralisch und politisch
ist. Mit dem Worte „Kulturvolk“ wollen wir einerseits eine Stufe der Technik und
der durch sie bedingten Wirtschaft, andererseits eine gewisse Höhe des geistig-moralischen
Lebens und der politischen Institutionen bezeichnen. Nur seßhaften Völkern von einer
gewissen Größe, mit Ackerbau, Städten und Gewerben, mit einer ausgebildeten Haus—
wirtschaft und einer bereits selbständig gewordenen Gemeinde- oder Staatswirtschaft,
geben wir das auszeichnende Prädikat der Kultur; aber auch nur, wenn ihnen die
geistigen Voraussetzungen dieser technischen Erfolge, die Anfänge der Schrift, der Zahlen,
des Maß- und Gewichtswesens in Fleisch und Blut übergegangen sind, und wenn sie
zugleich durch höhere Religionssysteme, durch Sitte und Recht, durch eine ausgebildete
Regierung zu einem geordneten komplizierten Gesellschaftszustand gekommen sind. Wir
teilen sie in Halb- und Ganzkulturvölker ein und verftehen unter den ersteren die
kleineren, älteren Völker dieser Art, deren geistig-moralisches Leben noch tiefer steht, die
noch despotischen Gewalten unterworfen sind, keine feste Sphäre persönlicher Freiheit
kennen. Die Griechen mit ihren Werkzeugen, wie die heutigen Europäer mil ihren
Maschinen rechnen wir zu den Kulturvölkern und im Gegensatz hierzu die Völker
des asiatischen Altertums, die heutigen Japaner, die Peruaner und Mexikaner des
16. Jahrhunderts zu den Halbkulturvolkern.
        <pb n="241" />
        Zweites Buch.

Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

hre wichtigsten Organe und deren Hauptursachen.

1. Die Familienwirtschaft.

Allgemeine Werke: Laboulaye, Recherches sur la condition civile et politique des
femmes depuis les Romains jusqu'â pos jours. 1848. — Unger, Die Ehe in ihrer weltgeschicht—
lichen Entwickelung. 1880. — J. J. Roßbach, Vier Bücher Geschichte der Familie. 1889. —
Lippert, Die Geschichte der Familie. 1884. — Devas, Studies of family life; deutsch 1887. —
v. Hellwald, Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung. 1889. —
5. Spencer, Principien der Sociologie; deutsch von Vetter. 4 Bde. 1877 ff.
Alteste Zeit, Mutterrecht und Gentilverfassung: Bachofen, Das Mutterrecht. 1861. —
Ders., Antiquarische Briefe. 2 Bde. 1880-86. — Giraud-Teulon fils, La möre chez certains
peuples de l'antiquité. 1867. — Ders., Les origines du mariage et de la famille. 1884. —
Lewis H. Morgan, Systems of consanguinity and attinity, of the human family. 1870. —
Ders., Kncient socieèty. 1877, deutsch 1891. — A. H. Post, Die Geschlechtsgenossenschaft der Urzeit
und die Entstehung der Familie. 1875. — 8. Fisfon u. W. Howitt, Kamilaroi and Kupnai,
Group marriage and relationshbip and marriage by elopement etc. 1880. — Dargun, Mutterrecht
 und Raubehe, Gierkes Unters. z. d. St. u. R. G. Heft 16, 1883. — Ders., Mutterrecht und
VBaterrecht. 1892. — Kohler, Sludien über Frauengemeinschaft, Frauenraub und Frauenkauf.
Zeitschr. f. vergl. Rechtsw. 5. — Ders., Zur Urgeschichte der Familie. 1897. — Starke, Die
primitive Familie. 1888. — Bern höft, Verwandtschaftsnormen und Eheformen der nordamerik.
Volksstämme. 1889. — Westermarck, Geschichte der menschlichen Ehe. Deutsch 1833. — Cunow,
Die Verwandtschaftsorganisationen der Australneger. 1894. — Ders., Die ökonomischen Grundlagen
der Mutterherrschaft. Neue Zeit 1898. 1. — Grofse, Die Formen der Familie und die Formen der
Wirtschaft. 1886 — Steinmetz, Die neueren Forschungen zur Geschichte der menschlichen Familie.
Zeitschr. f. Soc. W. 2. 1899. — Schmoller, Die Urgeschichte der Familie, Mutterrecht und Gentil⸗
derfassung. J. f. G.V. 1899.
Patriarchalische Großfamilie: H. S. Maine, Ancient law, 1. éd. 1861, 5. 1874. — Ders.,
Lectures of the éarly history of institutions. 1875. — J. F. Mac Lennan, Primitive marriage.
1865. — Ders. „Studies in ancient history. 1876. — Ders., The patriarchal theory. 1885. -
Kohler, Indisches Erb- und Familienrecht. Zeitschr. f. vergl, Rechtsw. ß8. — Hermanns
Lehrbuch griechischer Antiquitäten. 8. Aufl. 4, 251 ff. 1882 u. 2. Aufl. 83, 63 ff. 1870. — Aug. Roß—
bach, Untersuchungen über die römische Ehe. 1888. — Laband, Die rechtliche Stellung der Frauen
im altrömischen und germanischen Recht. Zeitschr. f. Völkerpfychol. 8, 1837 ff.
Gemeinderschaften und Irnnemeeneni Heusler, Institutionen des deutschen Privatrechts.
2Bde. 1885. — J. v. Keußler, Geschichte und Kritik des baͤuerlichen Gemeindebesitzes in Rußland.
II, 1, 53 ff. 1882. — de Laveleye (deutsch von Bücher) Das Ureigentum. 1879.
        <pb n="242" />
        230 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Germanisch-mittelalterliche Zeit: J. Grimm, Deutsche Rechtsaltertüumer. 8. Aufl. 1881. —
S. Königswarter, Histoire dè l'örganisation de la familte en France. 1881. — K. Weinhold,
Altnordisches Leben. 1886. — Ders., Die deutschen Frauen im Mittelalter. 2 Bde. 1851. 2. Aufl.
1882. — Charles de Ribbe, Les familles et les sociétés en France avant la Révolution.
1872. 4. Aufl. 1879. — Bücher, Die Frauenfrage im Mittelalter. 1882.
Neuere Zeit: Riehl, Die Familie. 1854. — J. Simon, L'ouvrière. 1861. — Ders., L'ouvrier
à huit ans. 1867. — Michelet, La femme. 1860. — Le Play, La réforme sociale en France,
déduite de l'observation comparée des peuples guropéennes. 3 Bde. 1864. 3. Aufl. 1874. —
Derf., L'organisation de la famille. 1. Aufl. 1871, 8. 1884. — Fr.v. Holtzendorff, Die Ver⸗
besserungen in der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung der Frauen“ 18867. — J. St. Mill,
Subjection of women. 1869, beutsch 1881. - Daubié, La femmé pauvre au 19. Siècle. 3 Bde.
1869-2 70. — J. Butler, Womans work and womans culture. 1869. — M. Reichardt—
Stromberg, Frauenrecht und Frauenpflicht. 1870. — v. Nathusius, Zur Frauenfrage. 1871. —
H. v, Scheel, Frauenfrage und Frauenstudium. J. f. N. u. St. 1. F. 2, 1874.v. Stein,
Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomie. 1875. — Ders., Die Frau auf dem socialen
Gebiete. 1880. — August Bebel, Die Frau und der Socialismus. 1879, 9. Aufl. 1891. —
Pierstorff, Frauenarbeit und Frauenfrage. H.W. 83. Dort die neueste Litteratur.

87. Vorbemerkung. Litteratur. Definitionen. Wir haben im bis—
herigen vielfach das individuelle wirtschaftliche Handeln der Menschen betrachtet und
werden im nächsten Buche, das die Wert- und Verkehrserscheinungen, sowie die Ein—
kommensverteilung behandelt, wieder auf dasselbe zurückkommen. Die Judividuen bleiben
stets die aktiven Atome des volkswirtschaftlichen Körpers. Aber ihre Bethätigung erfolgt
doch ganz überwiegend in der Form einer Verknüpfung zu bestimmten Organen, wie
wir oben (S. 61264) sahen. Die Struktur der Volkswirtschaft wird nur verständlich,
wenn wir die Art und die Haupttypen solcher Verknüpfung studieren. Die wirtschaftliche
Thätigkeit und Stellung, der sociale Rang, das Einkommen und die Versorgung der
einzelnen wird wesentlich bestimmt durch die Art, wie die Individuen in die socialen
Organe eingefügt sind. Die gesellschaftlichen Institutionen, welche die Organbildung
für Jahrhunderte und Jahrtausende bestimmen und in gewissen gleichmäßigen Bahnen
festhalten, sind das Ergebnis der menschlichen Natur und der Technik einerseits, der
geistigen Mächte andererseits. Die Volkswirtschaft nach ihrer gesellschaftlichen Seite stellt
iich dar als ein Mechanismus von Gruppen socialer Organe in bestimmter Wechselwirkung.
Es handelt fich hauptfächlich um drei Gruppen von solchen Organen: 1. um die
Familie und die Geschlechtsverbände, 2. um die Gebietskörperschaften, von welchen Ge—
meinde und Staat die wichtigsten sind, und 8. um die Unternehmungen. Die ersteren
zwei Formen der Organisation sind die älteren und die nicht bloß wirtschaftlichen,
sondern ebenso sehr anderen Zwecken dienenden; die Unternehmungen gehören den Zeiten
und Gebieten der höheren Kultur, hauptsächlich der letzten Generalionen an, haben
wesentlich nur wirtschaftliche Funktionen. Jede dieser Gruͤppen von Organen wird nur
klar verständlich durch eine historische Betrachtung, welche Herkommen, gegenwärtige Ver—
jassung und Entwickelungstendenz aufzudecken sucht. Die Ursachen der Organbildung,
soweit sie nicht dem wirtschaftlichen Leben angehören, werden wir nur so kurz wie
möglich anzudeuten suchen. Einige der wichtigsten aber, die zugleich dem wirtschaftlichen
Leben angehören, müssen wir besonders besprechen, keils um ihrer selbst willen, teils
um durch sie den Boden für die entsprechenden Organe zu gewinnen: die Ansiedelungs—
verhältnisse bedingen das Verständnis der Gebietskorporationen; die Arbeitsteilung, die
sociale Klassenbildung und die Eigentumsverhältnisse sind mit die wichtigsten social—
wirtschaftlichen Erscheinungen überhaupt, aber es kann auch ohne ihre Eroörterung das
Wesen der Unternehmung nicht dargestellt werden. Auf einige andere Organe der Volks⸗
wirtschaft, die in zweiter Linie stehen, wie z. B. den Markt und die Borse, die Arbeiter—
vereine, die Organe des Armen- und Versicherungswefsens, die speciellen Organe des Kredits,
kommen wir besser im folgenden Buche. Wir beginnen hier mit der Familienwirtschaft. —
u Seit den etwa 50 Jahren, da Gans das Erbrecht, Unger die Ehe in ihrer welt—
hiftorischen Entwickelung zu schildern versuchten, Laboulaye sein glänzendes Buch über
die rechtliche und politische Slellung der Frauen schrieb, hat die Erkenntnis von dem
Wesen und der Geschichte der Familie duderordentliche Fortschrte gemacht. Die
        <pb n="243" />
        Litteratur und Begriffe der Verwandtschaftsgruppen. 231

Kultur- und Rechtsgeschichte der einzelnen Vöolker haben uns einen Baustein nach dem
anderen dazu gereicht. Für die Nationalökonomie forderte Robert v. Mohl eine Ein—
ügung der Familienwirtschaft in ihr System; Stein, Schäffle und andere machten Ver⸗
uche dieser Art; die Socialpolitik bemächtigte sich mit Riehl, Le Play, J. St. Mill
der Frauen- und Familien-, jpäter der Wohnungsfrage. Die Kunstgeschichte und Archäo—
logie machten aus der Geschichte der Architektur und Wohnweise eine ganz eigene
Disciplin. Die philologisch-historischen Studien (Bachofen) und die Ethnologie und
Sociologie entdeckten das Mutterrecht und kamen zu einem keimenden Verständnis
desselben und der Gentilverfafsung. Lewis H. Morgan hat zwar durch doktrinäre
demokratische Ideale und falsch generalisierende Konstruktionen mannigfach gefehlt, aber
seine Untersuchungen über die älteste Familienverfassung bilden doch den Wendepunkt
iu der neueren wissenschaftlichen Entwickelung dieser Fragen, waͤhrend neben ihm
H. S. Maine als der Vegründer der wissenschaftlichen Geschichte der patriarchalischen
Familienverfassung dasteht. Starke, Westermarck und andere haben die Ubertreibungen
von Morgan nachgewiesen, aber im übrigen mehr Einzelheiten als die großen Fragen
gefördert. Dargun, Grosse und Cunow scheinen viel mehr als die eben Genannten das
Dunkel in der Urgeschichte der Familie einigermaßen geklärt zu haben.
Die wissenschaftlichen Kämpfe auf diesem Gebiete sind noch nicht abgeschlossen.
Ebensowenig sieht für die frühere Zeit der patriarchalischen und modernen Familie schon
alles so fest, wie es wünschenswert wäre. Aber das kann uns nicht abhalten, zu ver—
juchen, den Entwickelungsgang der Familie und Familienwirtschaft kurz so zu zeichnen,
wie er sich uns eben nach dem Stande unseres heutigen Wissens darstellt. Wir erkennen
wenigstens im großen und ganzen heute, wie die Formen der Familie sich entwickelt
haben, und wie sie mit dem Gang der Technik und des ganzen volkswirtschaftlichen
Lebens zusammenhängen; wie sie die Hauptphafsen des Familienrechtes bestimmten und
selbst von Religion, Sitie und geistigem Leben beeinflußt und gestaltet wurden. Vieles
einzelne und Äbweichende müssen wir beiseite lassen; nur das Wichtigste, volkswirt—
schaftlich und gesellschaftlich Bedeutsamste darf uns beschäftigen.
Berständigen wir uns vorher noch über einige Begrisfe und Namen. Wir wollen
unter einer Horde eine kleine Zahl von 20—100 Personen (Männer und Frauen,
Kinder, junge und alte Leute) verstehen, die, gemeinsamen Blutes, in engster örtlicher
Verbinduͤng' als geschlossene Einheit ieben. Wo mehrere solcher Gruppen miteinander
blutsverwandt, in nächster Nachbarschaft weilen, untereinander sich begatten, ein
geschlossenes Ganzes ausmachen, da sprechen wir von einem Stamm, dessen Teile wir
dun Sippen oder Gentes nennen. Der Stamm kann durch Verbindung von Horden,
wie durch eigenes Anwachsen und Scheidung in Sippen entstehen. Die Stämme
gehen von einigen hundert bis zu einigen tausend Seelen; haben sie schon eine kriegerische
und politische, kräftige Spitze, so können sie neben den Blutsgenossen auch Blutsfremde,
unterworfene Elemente mit umfassen; sie werden so nach und nach zu Völkern. In
der Regel sind die später als Völker bezeichneten Einheiten durch Stammesbündnisse
oder kriegerische Zusammenschweißung entstanden. — Die geschlechtliche Verbindung von
Mann und Frau innerhalb der Horde oder des Stammes, welche über die Fortpflanzungs—
thätigkeit hinaus bis nach Geburt des Sprößlings dauert, nennt Westermarck bereits
Ehe. Wir werden besser thun, diesen Begriff nur auf geschlechtliche Verbindungen
derselben Personen, welche in der Regel länger dauern, durch gesellschaftliche Sitte und
Satzung anerkannt und geheiligt sind, meist mehr als einem Kinde das Leben geben,
die Kinder gemeinsam erziehen wollen, anzuwenden. Unter Sippen oder Gentes
verstehen wir Teile eines Stammes, meist von 80—500 Personen aller Altersklassen
und beiderlei Geschlechtes, die ihre Abstammung auf eine gemeinsame Stammmutter
(Muttersippen) oder einen gemeinsamen Stammvater —D
innerhalb der Sippe sich nicht geschlechtlich verbinden. Regel ist, daß jedes Stammes—
mitglied einer, aber auch nur einer Sippe angehört. Die Sippen können die verschiedenste
Ausbildung haben; sie verfolgen teilweise nur den Zweck, gewisse Geschlechtsverbindungen
zu hindern; bei höherer Ausbildung sind sie zu Kult-, Rechts- und Schutz-, zu Wirtschafts—
        <pb n="244" />
        232 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

und Hausgenossenschaften geworden. Überall im wefentlichen auf den Blutszusammen⸗
hang gegründet, haben sie da, wo ihre feste Größe Bedingung der militärischen, wirt—
schaftlichen und sonstigen Einrichtungen ist, oftmals durch Teilung, Zusammensetzung,
Ergänzung eine absichtliche und planmäßige Umbildung erfahren, womit die alte Kontro—
verse, ob die Sippe auf Blut oder absichtlicher Einteilung beruhe, sich erledigt. Bei
vielen Stämmen bilden je zwei oder mehr Sippen Obergruppen, die man heute meist
mit dem griechischen Wort Phratrie bezeichnet.
Das oskische Wort famel bedeutet Knecht; die kamilia ist die auf Eigentum und
Herrschaft gegründete Berbindung eines Mannes mit einer Frau, den Kindern, Mägden
und Knechten, die als abhängige Arbeitskräfte dienen. Dieser römische Begriff, den die
Germanen nicht hatten — sie kannten nur die Sippe und das Wort Ewa, Ehe, für
Bund überhaupt — ging dann in die europäischen Sprachen über und wird in seiner,
der patriarchalischen und modernen Haus- und Familienwirtschaft entnommenen Be—
deutung jetzt auch rückwärts oft auf ältere Einrichtungen übertragen, die wesentlich
andere waren. Wir werden daher besser als Großfamilie nur die patriarchalische
Familie bezeichnen, nicht einen Verband von Sippengenossen und Muttergruppen, welche
in Langhäusern zusammen wohnen und in gewisser Beziehung zusammen wirtschaften.
Unter Muttergruppe verstehen wir die Verbindung und das Zusammenleben der
Mutter mit ihren Kindern, wie sie da vorkommt, wo der Vater nicht oder nicht ganz
in dieser örtlichen, häuslichen und wirtschaftlichen Gemeinschaft aufgeht. —
38. Die älteste Familienverfaffung bis zum Mutterrecht. So
roh wir uns sicher die ältesten Menschen zu denken haben, so müssen wir sie uns doch
wohl vorstellen als durch die Blutsbande und ein gewisses Zusammenleben verbunden,
als kleine Horden, wo die Ernährung eine örtliche Verbindung von 20— 100 Menschen
gestattete, als bloße Gruppen von Mann, Frau und Kindern, wo die Ernährung die
Zerstreuung nötig machte; aber mehrere benachbarte solcher Gruppen fanden sich dann
doch sicher zu gewissen Zwecken, z. B. zur Verteidigung zusammen, weil sie sich als
Blutsgenossen fühlten. Ohne herdenartige Eigenschaften, ohne gewisse Zuge der Sympathie
können wir uns auch die rohesten Menschen nicht denken. Sie werden auch mehr als
heute die tiefst stehenden Stämme (z. B. die Feuerländer und die Buschmänner) in einem
Klima, auf einem Boden gelebt haben, die das Zusammenbleiben der Horden gestatteten.
Wo die Zerstreuung eine so weitgehende war, wie wir fie heute bei den eben
Genannten treffen, muß damals wie heute in der Regel Frau und Mann nebst den
unerwachsenen Kindern zusammen gelebt haben, zusammen gewandert sein, muß ein
Gewaltverhältnis des Mannes gegenüber Weib und Kindern ftattgefunden, ein gewisses
Zusammenwirken, eine Art Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau Platz gegriffen
haben: der Schutz, die Jagd, der Fischfang war mehr Männer-, das Beerensammeln,
Schleppen der Habseligkeiten mehr Weibersache. Die furchtbare Not des Lebens drängte
damals wohl das Geschlechtsleben, das vielleicht noch an periodische Brunstzeit geknüpft,
das durch jahrelanges Säugen eingeschränkt war, wie alle zarteren Empfindungen mehr
zurück als später. Gewaltthätigkeit und Gleichgültigkeit war und ist heute noch vielfach
die Signatur solcher Gruppenverhältnisse. Eine Ehe im Sinne des späteren semitischen
oder indogermanischen Patriarchatz ist nicht vorhanden; die Kinder verlassen die Eltern,
sobald sie sich ernähren können Über die Ausschließlichkeit und Dauer der Geschlechts⸗
beziehungen zwischen demselben Mann und derfelben Frau sind wir nicht unterrichtet.
Wir werden sie uns nicht nach heutigen Bildern zu denken haben.
Auch wo Horden von der erwähnten Größe zusammenlebten, werden wir nach den
Zuständen der heutigen niederen Jäger- und Fischerstämme annehmen können, daß in
ihnen die Verbindung von Mann und Frau eine ähnliche war: eine gewisse rohe Gewalt
des Mannes über Weib und Kind treffen wir da heute noch überwiegend; der Vater
ist meist als Erzeuger bekannt. Aber die Kinder sind früh felbständig. Das Gefühl
der Zugehörigkeit zur Horde ist stärker oder ebenso stark wie das zwischen Mann und
Frau, Eltern und Kindern; eine eigentliche Familienwirtschaft ist nicht vorhanden, wenn
auch geschlechtsreife Baare in gewifser Weise zusammenhalten. Die durch besondere
        <pb n="245" />
        Die Familienverfassung der Jägerstämme. 233

Namen hervortretende, durch Sitte und Recht einigermaßen geordnete Einteilung der
Horde ist nicht die nach Ehegruppen, sondern vielmehr die nach dem Alter. Die Gleich—
alterigen nennen sich alle mit Namen, die unserm Bruder und Schwester entsprechen,
die Jüngern reden alle Erwachsenen mit solchen an, die für uns Vater und Mutter
bedeuten. Auch Spuren einer Sippeneinteilung sind oft vorhanden, und damit sind
gewifse Schranken des Geschlechtsverkehrs verbunden, wie sie heute auch den rohesten
Stämmen nicht fehlen. Es sind die Schranken zwischen Eltern und Kindern, vor allem
zwischen Mutter und Kind, die zwischen Geschwistern, d. h. zwischen den Kindern derselben
Mutter, teilweise auch schon zwischen Vettern und Basen ersten und zweiten Grades.
War hierdurch eine beliebige Geschlechtsvermischung schon in frühester Zeit aus—
geschlossen, so blieb allerdings häufig der Verkehr zwischen denen, welche nicht unter
dem Verbote standen, um so freier. Aber die Auswahl konnte in kleinen Horden von
20 bis 100 Personen nicht groß sein. Daher sehr früh die Sitte, aus nahen, verwandten,
sprachgleichen Nachbarhorden sich ein Weib zu holen, was die Mannesherrschaft in der
Geschlechtsgruppe befestigte. Die Nachbarhorden wurden so verknüpft, konnten, wie
erwähnt, zu einem Stamme zusammenwachsen. Und es konnte nun die Scheu vor bluts—
nahen Geschlechtsverbindungen leicht dahin führen und hat bei unzähligen Stämmen dazu
geführt, daß die bisher getrennten Horden sich als Sippen eines einheitlichen Stammes
fühlten und jeden Geschlechtsverkehr innerhalb der Horde oder Sippe verboten. Das
Princip der sogenannten Exogamie, d. h. der Zwang für alle Stamms oder Sippengenossen,
die geschlechtliche Verbindung in der Nachbarhorde, im Nachbarstamme, beziehungsweise
in den anderen zum Stamme gehörigen Sippen zu suchen, war damit entstanden. Es
ist das einer der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte der Familienverfafsung, es
ist der Keim aller bis heute dauernden Verbote der Verwandktenheiraten; in tausend—
fältiger Verschiedenheit haben es alle nachfolgenden Generationen ausgestaltet. Ohne
solche Schranken hätte ein gesittetes Familienleben nie sich bilden und erhalten können.
Wie die Furcht vor Incest (Begattung von Eltern und Kindern), vor der Ge—
schwisterehe, vor der Blutsmischung zu naher Verwandter, vor der Endogamie oder
Inzucht überhaupt nach und nach entstanden sei, ist eine der großen Kontroversen der
urgeschichtlichen Forschung. Wir können auf sie nicht eingehen. Wir konstatieren nur,
daß solche Schranken offenbar schon in frühester Zeit sich zu bilden begannen; wir müssen
annehmen, daß sie aus Instinkten und Gefühlen heraus entstanden, vielleicht zusammen—
hingen mit der dämmernden Einsicht in die natürlichen und moralischen Folgen des
Incests und der blutsnahen Geschlechtsverbindung; sie waren das Mittel, den Geschlechts—
trieb im engsten Kreise zu bändigen, die getrennten Sippen zu verbinden. —
Wo die Nahrungsgewinnung eine leichtere war, die Menschen in etwas größerer
Zahl leichter beisammen bleiben konnten, wie bei begünstigten Fischervölkern und den
Rassen, die in südlichem Klima, auf gutem Boden den Hackbau erlernt hatten, da mußte
das Stammes- und Geschlechtsleben ebenso anders werden wie die Wohn- und Wirt—
schaftsweise. Da erwuchsen die Stämme und Völker, aus denen die späteren Kultur—⸗
völker hervorgingen, die also für die ganze Entwickelung der Menschheit, ihrer Kultur
und ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen eine ganz andere Bedeutung haben, als die
zersprengten, isoliert lebenden Jäger, von denen wir bisher redeten. Die Betreffenden
find teilweise schon seßhaft, bilden Stämme von einigen hundert, ja taufend Seelen, sie
zerfallen fast alle in Sippen, wohnen in Dörfern zusammen, haben Sippen- und
Stammeshäuptlinge, kämpfen mit ihren Nachbarn. Sie haben in weiter Verbreitung
und stärkerer Ausbildung die eben geschilderten Schranken gegenüber dem Incest, der
Geschwisterehe, der Endogamie. Ihre Familienverfassung muß aus der der primitiven
Jäger hervorgegangen sein; aber sie ist bei vielen doch zu Einrichtungen und Gepflogen—
heiten gekommen, welche von den eben geschilderten wesentlich abweichen. Sie sind wegen
ihrer größeren Kompliziertheit schwerer zu verstehen als die der primitiven Jäger und
haben deshalb und durch unvollkommene Beobachtung zu viel Irrtum Anlaß gegeben.
Näheres Zusammenwohnen, bessere Ernährung, sociale Differenzierung, wirtschaft—
liche und kulturelle Fortschriste überhaupt werden stets zunächst leicht zur Verstärkung
        <pb n="246" />
        234 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

der sexuellen Begierden und zu entsprechenden Verirrungen Anlaß gegeben haben. Wir
treffen bei vielen Stämmen und Völkern der eben geschilderten Art sexuelle Ungebundenheit
bis zur Geburt des ersten Kindes, bestimmte Feste und Zeiten allgemeiner geschlechtlicher
Ausgelassenheit und Vermischung, in Zusammenhang mit der Sippeneinteilung und
Exogamie einen Geschlechtsverkehr mehrerer Verwandter der einen Sippe mit ent—
sprechenden Gliedern der anderen. Wo sexuelle Laxheit und Ausschweifung Platzz griff,
konnte Ungewißheit über die Vaterschaft eher Platz greifen als bei isoliert lebenden
Paaren und ganz kleinen Horden. Derartige Erscheinungen gaben für Bachofen, Lubock,
Mac Lennan, Morgan und andere Anlaß, an den Anfang der menschlichen Entwickelung
eine angebliche allgemeine und regellose Geschlechtsgemeinschaft oder die Annahme all—
gemeiner Gruppenehen zu setzen. Es ist denkbar, daß Derartiges da und dort vorkam,
aber nicht allgemein: die menschliche Entwickelung drängte — von gewissen Ausnahmen
abgesehen — wohl stets zu einer individuellen, gewisse Zeiten hindurch dauernden
Paarung; die Eifersucht wie die einfachsten menschlichen Gefühle wiesen immer auf diesen
Weg; es war stets nur die Frage, wie lange eine solche Paarung dauerte, ob die wirt—
schaftlichen und Wohnverhältnisse die Dauer und die Ausschließlichkeit begünstigten, ob
Sitte und Recht Institutionen schaffen und festhalten konnten, welche das den Ver—
hältnissen und dem sittlichen Fortschritte Angemessene durchsetzten.
Machen wir uns die Verhältnisse, um die es sich handelte, klar. Wir haben es
mit etwas größeren Stämmen, die meist durch den Hackbau in bessere Lage gekommen
sind, zu thun. Der bessere Anbau, die bessere Ernährung ist fast überall den Frauen
zu danken; sie haben die Mais- und anderen Felder angebaut; diese und die Hütten
sind meist als ihr privates Eigentum angesehen; erst' nach und nach entsteht mit dem
gemeinsamen Roden durch die Männer, durch die Sippen ein Sippeneigentum, durch
Stammesoccupation ein Stammeseigentum oder Obereigentum. Eine befestigte patri—
archalische Familienverfassung mit ausgebildeter Herrschaft des Mannes über Frau und
Kinder (wie Westermarck und andere annehmen) gab es bei ihnen auch vor diesem
Fortschritte nicht, sondern nur die Ansätze zu einer Ehe mit Vatergewalt und noch
stärkere Ansätze zu einer Sippeneinteilung des Stammes. Die Sippe konnte an die Ab—
stammung vom Vater wie an die von der Mutter anknüpfen; beides kommt vor; aber
das letztere überwiegt in der älteren Zeit, war das für jene Verhältnisse Natürlichere,
Angemessenere. Die Benennung der Kinder nach der Mutter und die Zuweisung aller
männlichen und weiblichen Nachkommen einer Stammmutter zur selben Sippe erleichterten
zunächst die Durchführung der instinktiv gewünschten Schranken des Geschlechtsverkehrs
am einfachsten. Und das Verbot für Kinder und Kindeskinder derselben Mutier erschien
allen primitiven Völkern unendlich wichtiger als das für die Kinder eines Vaters. Und
da zugleich bei allen primitiven Völkern ein instinktives Verständnis und Gefühl für
die Blutseinheit zwischen Mutter und Kind, nicht aber für die zwischen Vater und Kind
vorhanden ist, da der Geschlechtsverkehr der Mutter mit ihrem Manne oder mehreren
Männern anderer Sippen, die in der Nähe wohnten, durch die beginnende Selb—
ständigkeit der Wirtschaft von Mutter und Kindern nicht beeinträchtigt wurde, so
konnte aus der Benennung der Kinder nach der Mutter leicht das entstehen, was wir
heute Mutterrecht nennen: ein Verhältnis, dessen weite, fast universale Verbreitung
zu einer gewissen Zeit der menschlichen Entwickelung heute fast nur die Unkenntnis
leugnen kann.
Das Wesentliche dieser Verfassung ist nicht, daß die Kinder ihren Vater nicht kannten
— das ist doch wohl auch bei ihr nicht regelmäßig, sondern stets nur ausnahmsweise der
Fall gewesen —, auch nicht, daß eine oder mehrere Frauen in der Sippe herrschten;
eine solche Verfassung, das Matriarchat, die Mutterherrschaft in Sippe und Stamm, kam
und kommt nur vereinzelt vor. Das Wesentliche ist allein, daß die Ehegemeinschaft von
Mann und Frau in Stamm und Sippe, in Wirtschaft und Recht nicht die beherrfschende
Rolle spielt wie später in der patriarchalischen Familie, daß eine Reihe von Mutter—
und Geschwistergruppen zu Sippen verbunden, daß diese Sippen die wesentlichen und
wichtigsten Träger des socialen Lebens sind. Ich will nachher don ihnen vesonders reden.
        <pb n="247" />
        Mutterrecht und Muttergruppen.

235

Hier sprechen wir zunächst von den Muttergruppen, ihrer Wirtschaft, ihrer Stellung,
ihrem Rechte.
Die Wohnweise der älteren Völker überhaupt haben wir uns so zu denken, daß
die Menschen in so kleinen Hütten lebten, daß, auch wo Einehe mit Vatergewalt vor—
handen war, Mann und Frau häufig besondere Hütten hatten, wie sie auch vielfach
eine Art getrennter Wirtschaft führten, nur in einzelnem sich halfen. Derartiges ist nun
auch zur Zeit des Mutterrechtes vorauszusetzen; die Sippen wohnten zusammen, meist
mindestens zwei, oft mehr Sippen in nächster Nähe, im selben Dorfe. Wo nun die Hütten
etwas größer und besser wurden, da konnten leicht die Kinder, ja die Kindeskinder der
Mutter bei ihr in der Hütte bleiben, jedenfalls in Nachbarhütten untergebracht werden,
während die den anderen Sippen angehörigen Ehemänner bei ihrer Mutter, bei ihrer
Sippe wohnen blieben, ohne daß das den Geschlechtsverkehr, das Helfen bei der Arbeit
hemmte, da auch diese Hütten nur wenig weiter entfernt waren. Als der große bauliche
Fortschritt bei vielen dieser Stämme eintrat, der Bau von Holzhäusern, in denen 40,
60, 100 und mehr Personen Platz hatten, da war die Anordnung vielfach die, daß man die
jungen Männer oder alle Männer nach Sippen und Altersklassen in eines und daneben
die Weiber mit ihren Kindern in ein anderes verwies; oft aber auch so, daß die Sippen,
d. h. die von einer Stammmutter abstammenden Männer und Frauen oder Teile der—
selben sich ein sogenanntes Langhaus mit Abteilungen für die einzelnen Mütter nebst
ihren Kindern und mit solchen für die Männer herstellten. Die Sitten konnten sich dabei
sehr verschieden gestalten: junge Ehemänner wohnten oft die ersten Jahre der Ehe oder
auch länger in der Hütte der Frau, im Langhaus ihrer Sippe. Oft wohnte auch die
Frau beim Manne, kehrte aber stets bei Krankheit und Kindbett, im Falle des Todes
des Mannes mit ihren Kindern zur Muttersippe zurück. Oft durften auch die Ehe—
männer ihre Frauen nur regelmäßig in ihren Hütten, in ihrem Gemach des Langhauses
besfuchen. Eine gewisse getrennte Wirtschaft von Ehemann und Ehefrau erhielt sich, wie
sie schon vorher vielfach existiert hatte. Die Frau gab dem Manne vom Erträgnis
ihrer Felder, er ihr von seiner Jagd etwas ab. Im übrigen lebten beide bei ihren
Geschwistern, ihren Müttern, ihrer Sippe.
Die Frau führte mit ihren Kindern eine Art Sonderhaushalt, wobei ihre Brüder
einerseits, ihr Ehemann andererseits zu ihr in Beziehung standen, ihr da und dort halfen
und von ihr unterstützt wurden. Die Beziehungen der Frau zu ihrem Manne konnten
dauernde und ausschließliche sein; oft waren sie es nicht; oft hatte der Mann Be—
ziehungen zu mehreren Frauen in verschiedenen Sippen; die Dauer der Säugezeit war
meist noch eine viele Jahre lange; vielfach war in dieser Zeit den Frauen der Geschlechts—
verkehr untersagt wie auch den Männern längere Zeit, ehe sie auf den Kriegspfad sich
begaben. Bei manchen Stämmen war den Kriegern jahrelang der, dieser Thätigkeit
wie man glaubte ungünstige, Geschlechtsverkehr verboten.
Eine Familie in unserem Sinne gab es nicht. Mann und Frau lebten nicht
dauernd zusammen; die Kinder sahen nicht im Vater, sondern in dem stets anwesenden
Mutterbruder die Respektsperson, der sie gehorchten, die sie berrbten. Mann und Frau
erzogen ihre Kinder nicht gemeinsam; die sittigenden Einflüsse des Elternhauses, des
Ahnenkultus, der patriarchalischen Familie fehlten, wie die Fortsetzung der Traditionen
durch Generationen hindurch. Der Vater sparte und sammelte nicht für seine Kinder.
Die Muttergruppe hatte eine mehr vorübergehende Existenz: nur so lange die Kinder
klein waren, bestand sie, dann löste sie fich wieder auf; ihre Glieder traten in die Sippe
zurück. Alle geistige und materielle Überlieferung mußte viel schwächer sein.
Es war eine Familienverfassung, welche auf dem heiligsten und tiefsten Gefühle,
auf der Mutterliebe aufgebaut war, diese Grundlage aller sympathischen Gefühle aus—
bildete, verstärkte, auch die Geschwisterliebe pflegte, die Blutseinheit der mütterlichen
Verwandten zu lebendigem Gefühl und Ausdruck brachte; in dem mütterlichen Haushalt,
seinem Herde, seiner Vorratssammlung lag der Kern des späteren Familienhaushaltes.
Aber es waren doch Zustände und Einrichtungen, welche eine höhere wirtschaftliche,
politische, psychische und religiöse Entwickelung nicht förderten, weniger individuelle
        <pb n="248" />
        236 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Charaktere als herdenartige Menschen erzeugten. Wir kommen darauf gleich zurück,
wenn wir die Sippenverfafsung in ihrer älteren Gestalt der Muttersippen und in ihrer
Umbildung zu den Vatersippen besprechen.
Diese Verfassung konnte aus der Üüberlieferung älterer Zeit nicht klar erkannt
werden; aber daß sie noch in den letzten hundert Jahren in Amerika, Afrika, Australien,
Asien, Polynesien, bei den Malaien vielfach, oft freilich schon halb in Auflösung, sehr
verbreitet war, ist heute durch Reisende und Sprachforscher sicher erwiesen. Ebenso daß
sie da, wo die patriarchalische Familie einmal Fuß gefaßt hat, diese nie wieder ablöste.
Die heute noch offene Kontroverse ist, ob sie überall dieser vorausgegangen sei. Dies
als unbedingt anzunehmen, geht wohl zu weit. Die ältere Vatergewalt kann da und
dort direkt in die eigentlich patriarchalische übergegangen sein. Aber wahrscheinlich ist,
daß die Völker, welche eine Epoche des Hackbaues durchmachten, fast alle derartige,
freilich im einzelnen vielfach modifizierte Einrichtungen haiten.
89. Die Sippen- oder Gentilverfasfuüng haben wir in ihrer Entstehung
eben kennen gelernt. Ihre im ganzen ältere, uterine Form füllt mit dem Mutterrechte
zeitlich und örtlich zusammen, ihre spätere Form, die Vatersippe, ist in derselben Zeit
entstanden wie das Patriarchat, das sie aber überlebt und aufzulosen geholfen hat. Wir
erwähnten schon, daß die selbständige Entstehung von Vatersippen denkbar sei. Das
Wahrscheinlichere bleibt mir, daß sie hauptsaͤchlich als Nachbildung der Muttersippen
entstanden, weil die Sippenverfassung aus Muttet- und Geschwistergruppen viel leichter
erklärlich ist. Stämme mit Vaterrecht, mit patriarchalischer Familienverfassung enthielten
in sich größere Sonderinteressen, größere Besitzunterschiede, waren differenzierter nach allen
Seiten; sie konnten viel schwieriger von felbst zu brüderlichen Genossenschaften kommen;
die Söhne und Enkel der verschiedensten, oft blutsfremden Frauen konnten zur Zeit des
Vaterrechts viel schwerer sich als Brüder behandeln, auch wenn ihre Väter verwandt
waren, als die Söhne blutsverwandter Mütter zur Zeit des Mutterrechtes. Wo aber
die Sippenverfassung hergebracht und Voraussetzung aller Stammeseinrichtungen war,
konnte leicht beim Ubergang zum Vaterrecht teils von felbst, teils durch Stammes—
anordnung die Vatersippe, wenn auch von Anbeginn an in etwas abgeschwächter Gestalt,
entstehen.
Alle Sippenbildung ist in erster Linie das Ergebnis natürlicher Blutsverwandt—
schaft, geht aus den Gefühlen und Gewohnheiten des Blutszusammenhanges hervor;
aber sie ist daneben eine Folge konventioneller Einrichtung!: der Namengebung, der
Benennung gewisser Verwandter mit demselben Namen, des Bedürfnisses, die Verwandten
zu gruppieren, ein Verwandtschaftssystem aufzustellen; und daran wieder reiht sich die
Tendenz, gewisse Verbote des Geschlechtsverkehrs an diese Einteilung und diese Namen
anzuknüpfen. Die Auffassung der Verwandtschaft mit ihren Namen und Einteilungen
wird unmittelbar zu einer Vorstellung über Abstammung von Göttern, Tieren oder
anderen Wesen, sie führt zu gemeinsamen Kulthandlungen, Symbolen, Darbringungen,
Festen und in weiterer Linie zu wirkschaftlichen und rechtlichen Einrichtungen. Auf jeder
Stufe dieser Ausbildung kann der Entwickelungsprozeß stehen bleiben. Die Sippe ist,
je mehr sie Aufgaben übernimmt, desto mehr kine künstlich oder historisch gewordene
Institution, keine Ratureinrichtung. Sie ist bei gewissen Rassen kümmerlich, bei anderen
hoch ausgebildet. Sie erzeugt hier nur Verbote des Geschlechtsverkehrs für verwandte
Personen, die zerstreut wohnen, dort ein gemeinsames, geschlossenes Auftreten, Wohnen,
ja Wirtschaften. Wo sie blühte, spielte sie eine große Roͤlle, war sie lange das wichtigste
Unterorgan des Stammes.
Die älteren Stämme mit Gentilverfassung zählen bis zu einigen tausend Seelen;
aber auch in den späteren Stammesbündnifsen und Völkerschaften bis zu 10 und
20 000 Seelen treffen wir Sippen die antiken Völker der Griechen und Römer, auch
die Germanen beginnen ihre Geschichte mit noch sehr starken Sippen nach Vaterrecht,
Die Mitglieder des Stammes zerfallen in eine Anzahl Sippen in der Weise, daß jedes
einer angehören muß, aber auch nur einer angehören darf, daß ohne Sippengenossen—
schaft keine Stammeszugehörigkeit denkbar ist. Die Zahl der Sippen ist oft scheinbar
        <pb n="249" />
        Die Sippenverbände und ihre Verfassung. 237

willkürlich, ungerade, durch historische Schicksale bestimmt, meist aber eine gerade, häufig
trifft man 4, 8, 16, 82, 64 Gentes, so daß man an eine successive Teilung bei der
Stammesvergrößerung denkt und begreift, warum je 2 oder 4 Gentes sich besonders
verwandt (als Phratrie) fühlen, gewisse Namen und Heiligtümer gemeinsam haben. Die
Glieder der Sippe sind die Nachkommen einer Stammmutter (später eines Stammvaters)
oder betrachten sich als solche; Tätowierung, Blutsbrüderschaft und Ahnliches ersetzt bei
dieser Kulturstufe oft die Verwandtschaft, zumal wenn die Betreffenden geistig und
körperlich sich nahe stehen, durch Zusammenwohnen sich assimilieren. Die Zahl der einer
Sippe angehbrigen erwachsenen und unerwachsenen Personen schwankt, soweit wir halb—
wegs brauchbare Zahlen haben feststellen können, zwischen 50 und 500 Seelen; es würde
also eine Gens letzterer Art etwa 100 waffenfähige Männer, etwa 200 -250 erwachsene
Männer und Frauen im Alter zwischen 16—45 Jahren gehabt haben. Je mehr Zwecke
die Sippe in den Rahmen ihrer Verfassung aufnahm, desto mehr müssen die praktischen
Bedürfnisse der Vieh- oder Ackerwirtschaft, der Verteidigung und Wanderung, der Kriegs—
führung und der Siedelung bestimmend in die Größen- und Zahlenverhältnisse ein—
gegriffen haben. Desto mehr haben wir uns auch zu denken, daß absichtliche, planmäßige
Finteilung die Geschlechtsverbände ordnete, vergrößerte oder verkleinerte; sie gingen dann
freilich mehr und mehr in gemeindliche und staatliche Gebilde, gewillkürte Korporationen
über. Ich erinnere nur daran, daß über die Größe der germanischen Hundertschaft wie
über die der Mark- und Dorfgenossenschaft, deren Kern sicher geschlechterartig war, noch
immer der Streit hin- und herwogt. Meitzen sieht in der Markgenossenschaft eine Vieh—
weidegenossenschaft von 120 Familien, etwa 1000 Seelen.
Die Gens bildet ein Mittelding zwischen dem, was wir heute eine große Familie
und was wir eine Genossenschaft nennen; die uterine ist in sich nur in eine Anzahl
Muttergruppen nebst den diesen blutsverwandten Brüdern und Mutterbrüdern gegliedert,
die Vatersippe in eine entsprechende Zahl Familien. Das Wesentliche ist, daß alle
Gentilgenossen sich im ganzen wie Brüder und Schwestern behandeln, daß bei voll⸗
endeter Ausbildung der Institution innerhalb der uterinen Gens jede Liebesbeziehung
und jeder Geschlechtsverkehr teilweise bei den härtesten Strafen verboten war. Vielfach
steht die Todesstrafe auf jedem geschlechtlichen Verkehr innerhalb der Gens. Die Männer
einer uterinen Sippe haben ihre Geliebten oder Frauen in einer anderen Gens.
Die Gentilgenossen sämtlicher uns näher bekannten Stämme mit ausgebildeter
Sippenverfassung hatten gemeinsame Kulte, Heiligtümer und Begräbnisplätze, gemeinsame
Stammzeichen und Namen, bald nach Tieren, bald nach Orten und Ahnen; sie garan—
tierten fich Schutz, Frieden, Hülfe gegen jede Not und Gewalt. Wer den Gentilgenossen
schmähte, schlug, verwundete oder totete, griff damit die Sippe an, wie diese umgekehrt
für jedes Unrecht eines der Ihrigen haftete. Das Unrecht des einzelnen führte zu Ver—
handlungen zwischen den Gentes; wenn sie sich nicht in Güte vertrugen, erfolgte die
Blutsrache der Sippen untereinander. Die spätere Aufbringung des Wergeldes durch
die sämtlichen Magen oder Genossen der germanischen Vatersippe, die Verteilung des
empfangenen Wergeldes ganz oder teilweise an sämtliche Magen, die spätere Eideshülfe
der Magen, das spaͤtere Recht, den Genossen auszustoßen, für den die Sippe nicht haften
will, dies und vieles andere beweist, wie die Gens das Vorbild für alle Genossenschaft
ist, in welcher alle für einen und einer für alle stehen.
Die Gens hat gemeinsame Feste, Spiele und Tänze; wie auf der Festversammlung
des Stammes, bei den religidsen Aufführungen, so treten auf dem Schlachtfelde die
Glieder derselben geschlossen auf. Ihre kriegerische Kraft beruhte auf dem Schwure jedes
Genossen, dem anderen bis zum letzten Atemzuge beizustehen. Aber auch für wichtige
friedliche Geschäfte und Arbeiten hat sich da und dort eine Gemeinsamkeit oder ein
Reihedienst der Genossen ausgebildet, so sehr die Ernährung und Lebensfürsorge im
ganzen den einzelnen und den Muttergruppen überlassen bleibt. Wir finden Stämme, in
welchen die Sippengenossen Schiffe und Häufser gemeinsam bauen; einzelne haben
große Gentilhäuser fuͤr die Gens oder Teile derselben, die 40 bis 5800 Personen auf—
nehmen können; die Jagdgründe sind häufig den Gentes zugeteilt; später haben sie viel—
        <pb n="250" />
        238 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

fach die Zuweisung von Ackerland in der Hand; sie mußte Bedürfnis werden, wo nicht
viel überflüssiges Bauland vorhanden war; sie ergab sich da von selbst, wo die Sippen
gemeinsame Rodungsarbeiten vornahmen oder gemeinsam das Feld bestellten. Hier liegt
der Kern aller Feldgemeinschaft. Auch zu gewissen Jagdarten wirken alle oder einzelue
Genossen zusammen. Die Platze für Heiligkümer und Zusammenkünfte, die Hallen für
solche und für Unterbringung der kriegerischen Jugend, der Fremden, der Schiffe sind
Sippeneigentum; ebenso die Vorratshäuser und ihr Inhalt, die Schußbauten; gemein—
same Speisung besonders der kriegerischen, kasernierten Jugend komint vor. Bei vielen
Stämmen sind Einrichtungen, wie wir sie von den Spartauern her kennen. Wo wir sie
treffen, können wir sicher sein, daß ihr Ursprung in der Gentilverfaffung liegt.
Wir sehen die Sippen das Recht der Vormundschaft der Minderjährigen und der
Verheiratung der mannbaren Töchter da und dort in Anspruch nehmen; die Geus hat
teilweise ein Recht der Erbfolge an dem beweglichen Besitz der Genossen, während daneben
auch schon die Kinder gegenüber Mutter und mütterlichem Onkel ein solches beanspruchen.
Die Funktionen und Rechte der Gens sind von denen der Muttergruppen und
Individuen, später von denen der Familie sehr verschieden abgegrenzt. Die Gemeinsam—
keit konnte eine sehr beschränkte und eine relativ weitgehende sein. Wohl nur unter
günstigen Umständen gelang den fähigsten Rassen eine sehr starke Zufsammenfassung.
Aber je mehr sie gelang, desto kräftiger konnte der Stamm auftreten, seiner Feinde Herxr
werden, wirtschaftlich und kulturell vorankommen. Wo 50 100 erwachsene Mäuner
gewohnt waren, in der Schlacht und bei gewissen Arbeiten zusammen zu stehen, einem
Befehle zu folgen, wo die Stammesvorstände mit ihren Befehlen sich nur an die wenigen
Gentilvorstände zu wenden brauchten, da war ein Princip der Zucht, der Ordnung vor⸗
handen, eine Kraftzusammenfassung gelungen, welche allein bei dem niedrigen Stande
der damaligen Technik große Erfolge garantierte.
Die Voraussetzung für das Entstehen und die Blüte dieser genossenschaftlichen
Gruppen war, daß noch keine sehr erhebliche geistige und körperliche Differenzierung unter
den Genossen, noch kein bedeutender individueller Besitz vorhanden war, noch weniger erheb⸗
liche Besitzunterschiede. Auch die innerhalb der Gens vorhandenen Muttergruppen durften
keine zu feste individuelle Sonderorganisation erreicht haben, noch durfte da, wo das
Vaterrecht mit Eigentum, Herdenbesitz und Sklaven, mit Weiberkauf und starker väter—
licher Gewalt über Söhne und Töchter sich auszubilden anfing, dieses sich schon in
seinen ganzen Konsequenzen befestigt haben. Nur leise Anfänge einer Arbeitsteilung
innerhalb des Stammes, einer Bildung aristokratischer Kräfte, einer Umwandlung der
Häuptlingswürde in befestigte Königsgewalt durften die Gentilverfassung begleiten, so
lange sie ihre volle Wirksamkeit behaupten sollte. In der Regel hatte jede Gens mehrere
gewählte Friedenshäuptlinge, nur für die Kriegszeit einen Kriegshäuptling; die Wahl
bedurfte der Bestätigung durch Phratrie oder Stamm; die Abfetzung war in bestimmten
Fällen üblich. Die Versammlung der sämtlichen Häuptlinge der Gentes regierte, in
bestimmten Fristen als Keim der späteren Senate zusammentretend, den Stamm—. Aber
im ganzen waren diese führenden Organe der Gentes und des Stammes noch meist
ohne zu viel Gewalt und Macht. Der wirkliche Zusammenhalt des Stammes beruhte
auf dem durch Sitte und Kult geheiligten innigen bruderlich-genossenschaftlichen Zusammen⸗
hang der Männer und Weiber jeder Gens in sich und auf den Geschlechtsbeziehungen
der Glieder jeder einzelnen Gens in die andere hinüber, auf der Thatsache, daß der
ganze Stamm doch noch wie eine große Verwandtschaftsgruppe sich fühlte, in der jeder
jeden perfönlich kannte und mit seinem genauen Verwandtschaftstitel anredete.
Gegenüber den Zuständen in den kleineren, älteren Horden von einigen Dutzenden
zusammenlebender Menschen bildet die Stammesverfafsung mit Sippen den großen Fort—
schritt, daß sie statt einiger Dutzend schon Hunderte, ja mehrere Tausende von Menschen
einheitlich zusammenfaßt, daß sie durch das feste Mittelglied der Sippe die einzelnen
und kleine Gruppen mit dem ganzen Stamme verbindet, daß sie für einzelne große
militärische und wirtschaftliche, Friedens- und politische Zwecke die Gentilgenossenschaften
als geordnete, eingeschulte, große Gruppen verwendet; die Sippenverfassung will mir
        <pb n="251" />
        Würdigung der Gentilverfaffung. Entstehung der patriarchalischen Familie. 239

als die Schule des brüderlich-genossenschaftlichen Geistes erscheinen. Aus dieser Schule
erwuchs die psychologische Möglichkeit verschiedener späterer lokaler, kirchlicher, kriegerischer,
standes- und berufsmäßiger Bildungen, die nach und nach die Sippen erfetzten: die
Gilden und Zünfte, die Ortsgemeinden und kirchlichen Brüderschaften sind die Fort—
setzungen der Sippen.
Auf die Verfassung der späteren Vatersippen hier noch ausführlicher einzugehen,
ist des Raumes wegen nicht möglich; es ist bekannt, daß die irische Sept noch bis ins
12., die holsteinische Slacht bis ins 15., der schottische Klan bis ins 17. und 18. Jahr—
hundert sich erhielt, daß bei den Römern der religiöse Charakter der Gens bis in die
spätere Zeit der Republik fortdauerte. Die Vatersippen mußten überall in dem Maße
an Kraft und Einfluß verlieren, wie die patriarchalische Familie sich ausbildete. Die
Kraft der Sippenverfassung hatte in der Schwäche der Muttergruppe, in dem losen
Verhältnis des Vaters zu Frau und Kindern gelegen. Zur Zeit des Mutterrechtes
konnten die höchsten Familientugenden, wie sie aus dem Zusammenleben von Mann und
Frau, von Vater und Kindern entspringen, sich nicht entwickeln; als das Haus mit feiner
Hauswirtschaft, seinem festen Gefüge, seiner Disciplin, seiner Tradition entstand, als
aus der kleinen Familie die Großfamilie mit 15, 30, 100 Gliedern sich entwickelt hatte,
da mußte diese die im ganzen doch schwachen Sippenverbände, die keine so feste Gewalt
über sich hatten, die auf Sympathien, nicht auf Herrschaft und Eigentum beruhten,
nach und nach sprengen. Die Großfamilie ruhte auf sich, sie bedurfte der Hülfe und
Ergänzung durch die Sippe nicht mehr so notwendig. Soweit die differenzierte Gesellschaft
noch ähnliche Verbände nötig hatte, entstanden sie neu auf Grund der örtlichen oder Be—
rufsgemeinschaft, nicht mehr auf Grund der Blutsbande; und über all' dem entstand die
Staatsgewalt, welche mehr und mehr einen Teil der Funktionen auf sich nahm, die so
lange auf den Sippen geruht: Kultus, Kriegsverfassung, Blutrache, Gericht, Boden⸗
verteilung, Schiffsbau, Vorratshaltung und Ahnliches.
90. Die aältere patriarchalische Großfamilie hat man bis vor kurzem
als den Anfang und Keim aller socialen Organisation betrachtet, schon weil solche
patriarchalische Gruppen uns in den beglaubigten ältesten Nachrichten über die historischen
Völker, über Inder, Juden, Griechen und Römer, als klar erkennbare und wichtigste Ein—
richtung begegnen. Es wurde dabei nur übersehen, daß auch bei ihnen Spuren und Reste
älterer Geschlechtsverfassung erkennbar sind, und daß eine Unveränderlichkeit dieser Ein—
richtung durch ungezählte Jahrtausende doch wohl allen historischen Gesetzen widerspräche.
Nach den vorstehenden Ausführungen wissen wir heute, daß andere Familienverfassungen
vorausgingen. Die patriarchalische Familie ist das Ergebnis einer alten Kulturent—
wickelung, bestimmter wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zustände; sie ist eine Phase
der politischen, wirtschaftlichen, geistigen und sittlichen Entwickelung der Menschheit.
Die Muttergruppe bestand aus der Mutter mit ihren Kindern, denen lose Ehe—
mann und Bruder der Mutter angegliedert waren; die Familie besteht aus den nun
dauernd zusammenwohnenden Eltern und Kindern, Knechten und Mägden. Das gemein—
same Haus und die gemeinsame Wirtschaft unter der Leitung des Familienvaters ist
das Wesentliche. Der Übergang zur patriarchalischen Familie, der sogenannte Sieg des
Vaterrechtes, wird sich verschieden gestaltet haben, je nachdem das Mutterrecht und die
uterine Sippe eine schärfere oder schwächere Ausprägung gehabt hatten. Jedenfalls sehen
wir das Vaterrecht überall da sich ausbilden, wo ein etwas größerer Besitz sich an—
gesammelt hat, wo mit ihm die Sitte des Frauenkaufes beginnt, wo Tierzucht, eigent⸗
ücher Ackerbau, wo besserer Haus- und Zeltbau, wo Nomaodenwirtschaft Platz gegriffen
haben, wo die Männer am Ackerbau teilnehmen. Man hat daran erinnert, daß mit dem
größeren Besitz der Vater wünschen mußte, seinen Besitz nicht den Kindern seiner
Schwester, sondern seinen eigenen zu hinterlassen. Man wird auch auf die Thatsache
hinweisen können, daß der bessere Hausbau mit der Art, mit der Steinverwendung nur
Männersache, daß die Viehzähmung und Viehwartung überall Aufgabe des Mannes
war, ihm einen Einfluß gab, wie ähnlich seiner Zeit der Frau der Hackbau; ebenso
auf den Umstand, daß die vergrößerte, einheitliche Hauswirtschaft einer festen leitenden
        <pb n="252" />
        240 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Hand bedurfte. Der Mann mußte die Zügel der Herrschaft im Hause ergreifen, der
Frauen und Knechte gekauft hatte und mit ihnen wirtschaftete. Man könnte auch an
den Sieg der monogamischen Beziehungen denken, welcher den Wunsch des dauernden
Zusammenlebens von Mann und Frau gesteigert hätte. Aber vielfach verband die
patriarchalische Familie sich zunächst mit Polygamie. Ihre älteren Züge sind hart und
roh. Es handelte sich jedenfalls ebenso um die Ausbildung von Herrschaftsverhältnissen
über Nichtverwandte, über Knechte und Sklaven, wie um die von Verwandtschafts—
verhältnissen. Paterfamilias, so definiert Ulpian, appellatur qui in domo dominium
habet. Maine sagt, wo wir die väterliche Gewalt ausgebildet finden, können wir
stets zweifeln, ob der Zusammenhalt mehr auf dem Blute oder der Gewalt beruhte.
Das Vaterrecht entstand in den Zeiten, da Vieh- und Menschenraub an der Tages—
ordnung, da Frauenraub nicht selten war. Die erbeutete Frau gehörte dem Manne,
sie wohnte bei ihm, sie hatte keine Gens, keine Brüder in der Nähe, die sie schützten.
Eine Verschlechterung in der Stellung der Frau begleitet die Entstehung der patriarcha—
lischen Familie und hat sehr lange Zeit gedauert. Wer mehr Weiber raubte oder kaufte,
wollte nicht bloß den Genuß, sondern die Mehrung der Arbeitskräfte. Der Weiberkauf
bildet sich allgemein aus, weil die herangewachsenen Töchter dem Vater wertvolle
Arbeiterinnen sind, die er nicht ohne Entgelt hergiebt. Kann der Bräutigam nicht Vieh
oder anderen Gegenwert bieten, können nicht zwei Familien die Töchter tauschen, so
muß der besitzlose Bräutigam als Knecht ins Haus des Schwiegervaters ziehen. Die
Kinder werden wie die Frau und die Knechte vom Vater als Besitz geschätzt; die Söhne
gelten als Segen Gottes. Wer mit 70 auftreten kann, wie Gideon in Israel, erscheint
damit schon als ein mächtiger, gefürchteter Mann.
Ist so die fortschreitende wirtschaftliche Entwickelung und Differenzierung der
Menschen, das Bedürfnis festerer Organisation im kleinsten Kreise das Treibende in der
Entstehung der patriarchalischen Familie, so waren doch die religiösen und sittlichen
Vorstellungen nicht minder beteiligt, die neuen Verhältinisse in Sitte und Recht zu
fixieren, ihnen den geistigen Stempel aufzudrücken. Aller Fortschritt der Erziehung
beruhte auf einer starken Vatergewalt. Die Ahnenverehrung, das System der Toten—
opfer, die nur der Sohn dem Vater darbringen darf, das Gefühl des Zusammenhanges
mit den Ahnen, der Verantwortlichkeit vor ihnen konnte, wie alle höheren Religions—
systeme, nur bei Völkern mit Vaterrecht entstehen. Der Gottesbegriff entlehnt noch heute
seine Vorstellungen vom Verhältnis des strengen, gerechten Valers zu seinen Kindern.
Nicht unwichtig ist es anzumerken, daß, wo heute Islam und Christentum eindringen,
sie das Mutterrecht auflösen, das Vaterrecht sich ausbildet.
Die patriarchalische Familie ist ein Institut der Sitte und des Rechtes zur legi—
timen Kindererzeugung und zur gemeinsamen Wirtschaftsführung; gemeinsames Arbeiten
und Produzieren unter der Herrschaft des Vaters für die Familie, gemeinsames Essen
und Trinken, gemeinsame Geselligkeit, das bindet die Weiber, die Kinder, die Knechte
und Mägde mit dem Patriarchen zusammen. Je mehr bei der Arbeit zusammenhielten,
und je dauernder fie zusammen wirkten, desto angesehener, reicher wurde der Pairiarch.
Aber in der Natur der Familie und der Dauer der Generationen lagen doch enge, wenn
auch elastische Grenzen. Eine Mehrzahl von Weibern konnten immer nur die Vor—
nehmeren sich rauben und kaufen; eine starke Erwerbung und Benutzung von Sklaven
war nur kriegerischen Völkern zu bestimmter Zeit möglich. So handelte es sich für die
Mehrzahl aller Völker und Familien nur darum, ob und wie sich die Kinder und
Kindeskinder im Stammfamilienhause zusammenhalten lassen, ob im Todesfalle des
Patriarchen die bisher zusammenlebenden auseinanderfallen oder zusammenbleiben, ob
nun der älteste Sohn oder ein gewählter Vorstand, wie in Indien oder in der slavischen
Zadruga, an die Spitze trete. Und schon von 8 und 10 die Familie auszudehnen auf
20, 80 oder gar 50 uͤnd 100 Mitglieder, war immer ein Kunststück socialer Ordnung
und Zucht, das nur den fähigeren Rassen bei einer bestimmten Höhe der Gesittung,
haui e nur den höheren Klassen, den mit einem gewissen Grundbesitz ausgestatteten.
gelang.
        <pb n="253" />
        Die Verfassung und Größe der patriarchalischen Familie. 241

Wie groß die Familien der Häuptlinge, der Fürsten, der Großen teilweise im
Altertume und im Mittelalter wurden, davon können wir uns wenigstens eine Vor—
stellung machen, wenn z. B. Homer den Palast des Priamus schildert: sünfzig Gemächer,
nachbarlich aneinander gebaut, umgeben die Königshalle; es ruhten des Königs Söhne
allhier mit den anvermählten Weibern. Es entstanden so Familien von Hunderten
von Gliedern; freilich meist nur, wo Polygamie und Sklaverei sie so erweiterte. Wie
umfangreich die gewöhnliche ältere Familie wurde, darüber wissen wir nichts. Wir
können aber annehmen, daß sie eher größer war, als in den Beispielen, die wir aus
neuerer Zeit aus den Gebieten anführen können, wo sich die ältere Familienverfafsung
bis zur Gegenwart erhalten hat. In China und Indien umfaßt die in aneinander
gebauten Hütten wohnende Familie heute noch fast regelmähßig 16 — 40 Personen, die
südflavische Zadruga oder Hauskommunion, deren mehrere ein Dorf ausmachen, hat in
der Regel 20—25 Mitglieder; ähnlich die russische Bauernfamilie vor Aufhebung der
Leibeigenschaft; Le Plah fand noch neuerdings auf dem südfranzösischen pyrenäischen
Bauernhofe durchschnittlich 18 Personen versammelt; ebenso oder noch größer haben wir
uns die deutschen und französischen bäuerlichen Gemeinderschaften des Mittelalters vor—
zustellen, wie sie Heusler uns schildert. Der heutige isolierte alpine Bauernhof vereint
oft noch 12—518 Personen. Die Hälfte dieser Zahlen haben wir uns im Durchschnitt
als Erwachsene, als mitarbeitend zu denken. Dabei ist nicht zu vergessen, daß diese
Beispiele teilweise keine fremden Elemente, sondern nur Verwandte umfassen. Wir
erwähnten schon, daß die patriarchalischen Familien in älterer Zeit nicht leicht ihre
Töchter hergeben wollten; der Sohn, der sich nicht halten ließ und abgeschichtet wurde,
hatte so wenig wie die in eine andere Familie verheiratete Tochter einen Erbanspruch
nach älterem römischen Rechte. Auf die übrigen Mittel, die man anwandte, die Familie
zusammenzuhalten, können wir hier nicht eingehen; sie sind mannigfaltigster Art; in
Tibet hat man die jüngeren Söhne im Hause festgehalten, indem man ihnen Teil an
der Gattin des ältesten gab; in Skandinavien und auf dem pyrenäischen und deutschen
Bauernhofe zwingt man sie noch heute zur Ehelosigkeit. So ging es nirgends ohne
Zwang und Entsagung, ohne harte Unterordnung vieler unter den Patriarchen ab. Die
Frau, die Kinder, die Verwandten, die Knechte mußten gehorchen. Aber die Kraft der
Familie war auch um so größer, je unerbittlicher die Herrschaft des paterfamilias auf⸗
gerichtet war. Nicht umsonst waren die Römer stolz darauf, daß nirgends so weit wie
bei ihnen die Gewalt des Hausvaters gereicht habe.
Der Hausvater ist Regent, Richter, Priester, Lehrer und Wirtschaftsvorstand seines
Hauses und seiner Familie, die nun in Sippe, Stamm und Staat als ein fast selb—
ständiger, fast unantastbarer, auf sich ruhender Lebenskreis dasteht. Er vertritt die
Familie allein nach außen, kauft und verkauft für sie, verteilt die Arbeit und die
gewonnenen Güter nach innen. Frauen und Kinder sind ursprünglich rechtlos wie die
Sklaven; sie werden gekauft und verkauft, ausgenützt und mißhandelt; aber es lag in
der Natur der engen, siets wieder edle, sympathische Gefühle erzeugenden Hausgemeinschaft
zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, daß die Stellung von Frau und
Kindern trotz aller brutalen Gewalt des Mannes doch nach und' nach eine bessere, auch
rechtlich geschützte wurde. Der Frauenkauf, die Polygamie, die geringe Rücksicht auf
individuelle Gefühle bei der Verheiratung, das Straf- und Tötungsrecht des Mannes
im Hause haben nicht gehindert, daß die patriarchalische Familienverfafssung nach und
nach das wichtigste Instrument nicht bloß für den wirtschaftlichen, sondern auch für
den sittlichen Fortschritt wurde; „die Zwingherrschaft des Haufes ist der älteste Adels—
brief der Menschheit“ (Riehl).
Neben Raub und Kauf der Frau treten sinnige Hochzeitsgebräuche und die religiöse
Feier des Ehebündnifses, um die ersteren Formen später ganz zu verdrängen; die zuerst
heimgeführte Frau erhält schon wegen der Bevorzugung ihrer Söhne eine höhere Stellung,
wird Beherrscherin im Hause. Der ursprünglich ihrem Vater gezahlte Kaufpreis fällt
ihr zu; sie wird daneben mit einer Ausstattung von den Ihrigen, mit der Morgengabe
vom Manne bedacht, steigt dadurch an Achtung und Selbständigkeit. Ihre Verstoßung
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. JI. 4286. Aufl. 6
        <pb n="254" />
        242 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

wird erschwert. Das ursprüngliche Gewaltverhältnis wandelt sich in ein sittliches, fürs
Leben geschlossenes Ehebündnis um. Die Monogamie wird schon von Menu und
Zoroaster empfohlen, bei den Griechen ist sie die, freilich durch das Hetärentum ver—
unzierte, überwiegende Sitte, bei den Römern Gesetz; das Christentum verhilft ihr
definitiv zum Siege.
Die Kinder, welche in ältester Zeit in Liebe nur der Mutter anhingen, welche
der Mann behandelte wie junges, gezüchtetes Vieh, welche er töten und verkaufen konnte,
treten nun auch zum früher ihnen ferner stehenden Vater, als klar bewußte Fortsetzer
seines Blutes, in ein Verhältnis der Liebe und Sympathie, der Treue und der Ver—
ehrung. Der Kindesmord verschwindet, wird zuletzt gesetzlich verboten, der Kinderverkauf
beschränkt fich auf Notfälle, die Verheiratung der Tochter hört auf ein Geschäft zu fein;
die unbarmherzige Ausnützung der Kinder für die Wirtschaft verwandelt sich in jene
harte, zu Zeiten des Mutterrechtes noch fast ganz fehlende Erziehung, welche Ehrfurcht
vor dem Alter und vor den Eltern predigt, welche das Fundament wird fuür die feste
Uberlieferung aller sittlichen und praktischen Errungenschaften der Menschheit von
Generation zu Generation.
Indem die alten Eltern nicht mehr totgeschlagen, sondern als ein Gegenstand der
Ehrfurcht behandelt, als die Quelle aller Weisheit verehrt werden, indem in den
patriarchalischen Familien der Sinn für Genealogien entsteht, indem die Bilder der
Ahnen am Hausaltar aufgestellt werden, erhält das Leben in der Familie jene ideale
Weihe, entsteht jene Versittlichung der Beziehungen der Gatten und Kinder unter—
einander, welche die patriarchalische Familienverfassung allen folgenden Jahrhunderten
überliefert hat.
Die Fürsorge der Eltern für die Kinder wird eine unendlich umfassendere, nicht
bloß einige Jahre andauernde, wie zur Zeit des Mutterrechtes; die Fürsorge der Kinder
für die alten Eltern entsteht jetzt erst. Die maßlose Kindersterblichkeit nimmt nach und
nach ab; die Lebensdauer der Eltern über die Kindererzeugung hinaus wächst, und damit
beginnt, wie H. Spencer zeigt, erst die rechte Befähigung der Menschen zu den höheren
Kulturleistungen. Die Summe sympathischer Bande zwischen Eltern und Kindern und
zwischen Verwandten überhaupt, sowie die daraus entspringenden höchsten und dauer—
haftesten Freuden nehmen in der patriarchalischen Familie gegenüber den älteren Zu—
ständen wesentlich zu. Die früher nur nach der Mutterseite gepflegte Verwandtschaft
wird jetzt nach Vater- und Mutterseite hin gleichmäßig anerkannt, verknüpft deshalb in
sympathischer Weise einen viel größeren Kreis von Stammesgenoössen.
In wirtschaftlicher Beziehung ist die patriarchalische Familie ganz anders leistungs—
fähig als die Muttergruppe und als die Gens. Die Muttergruppe hatte keinen erheb—
lichen Besitz, keine dauernde Existenz gehabt. Die patriarchalische Familie ist hierin ihr
Gegenteil; die väterliche Gewalt und der Besitz geben ihr den festen, für Generationen
sich erhaltenden Mittelpunkt. Die Gens war eine Verknüpfung von Brüdern und
Schwestern und Schwesterkindern zu einzelnen Zwecken; die Familie verknüpft eine kleine
Zahl Verwandter und Beherrschter viel enger für alle Zwecke des Lebens; sie erzeugt
eine sehr viel intensivere Gemeinwirtschaft, sie schafft die natürlichste, systematisch und
einheitlich geleitete Arbeitsteilung, die vorher überhaupt kaum vorhanden ist; sie
ermöglicht erst die richtige Verwertung jeder Arbeitskraft an der rechten Stelle und
sichert durch den für rohe Menschen unentbehrlichen Arbeitszwang zum erstenmale
die Überwindung der natürlichen Faulheit; sie ist zugleich die einfachfie Art, für Kranke,
Alte, Sieche, Gebrechliche zu sorgen.. Die Wirtschaft der patriarchalischen Familie um—
faßt die ganze Produktion, die Sorge für Wohnung, für Kleidung, für Speise und
Trank, die Herrichtung für den Verbrauch, kurz den ganzen Wirtschaftsprozeß von Anfang
bis zu Ende. In einer Zeit erheblicher technischer Fortschritte entstanden, die aber noch
keinen nennenswerten Verkehr, kein Geld, keinen bedeutenden Absat kennt, wird die
Wirtschaft der Hirten- und Ackerbaufamilien wohl von Gentil-, Gemeinde- und Stammes—
zenofsen in diesem und jenem noch unterstützt, ist von den Ordnungen der Verbände
abhängig, aber sie ist doch wirtschaftlich in der Hauptsache selbständig, sie hängt nicht
        <pb n="255" />
        Die Wirtschaft der patriarchalischen Familie. 243

von Absatz und Kredit ab; ihr Hauptzweck ist die Eigenwirtschaft. Die fämtlichen
Familiengenossen sind zugleich Wirtschaftsgenossen und haben wirtschaftlich mit keinem
Nichtfamiliengenossen viel zu thun. So hart ein Teil der Familienglieder oft behandelt
werden mochte, ihre Stellung als Hausgenossen und der enge Zweck der Eigenwirtschaft
schützte sie vor allzu hartem Drucke. Die leidliche Behandlung aller Glieder hat in
der patriarchalischen Familie so lange gedauert, als die Eigenversorgung ihr Lebens—
princip blieb. Erst als fie anfing für den Markt zu arbeiten, dadurch große Gewinne
erzielte, als hiermit die Gewinn- und Habsucht neben dem Sinn für technischen Fort—
schritt entstand, wuchs die Mißhandlung der unteren Glieder der Familie, des Gesindes,
der Sklaven.
Die ältere Hütte, die Individuen oder Muttergruppen diente, hatte bei einzelnen
Stämmen schon zur Zeit des Mutterrechtes größeren Sippenhäusern Platz gemacht, die
aber doch mehr eine Anhäufung zahlreicher schlechter Hütten unter einem Dache waren.
Nun wird das Zelt der Nomadenfamilie ein gegliederter Organismus mit einer Reihe
von Abteilungen, und das Haus des Ackerbauers erhält nach und nach seine feste, teil—
weise noch vorhandene Gestalt; um das Atrium, die Halle der patriarchalischen Familie
mit dem Ehebette des Hausvaiers, fügen sich die Schlafgemache der verheirateten Kinder
und der dienenden Kräfte; der Wirtschaftshof gliedert sich nach den Zwecken des Be—
triebes, er wird mit einer Umfriedigung umgeben; die Tiere, die Vorräte, die Gerät—
schaften erhalten ihre besonderen Räume; die Holzhäuser, die noch in Perikles' Tagen
und noch im 12. und 18. Jahrhundert in den deutschen Städten zu der beweglichen
Habe gerechnet werden, nehmen nun unter der Leitung der Familienväter festere Gestalt
aus Holz, Stein und Mörtel an, werden für Generationen hergestellt (vergl. oben
S. 203 -205). Die bauliche Einrichtung der patriarchalischen Wohnung schafft die
Gewohnheiten, die festen Sitten, welche nun das Geschäft und die Freuden, die Arbeit
und die Ruhe regeln. Nicht umsonst hat man daher die Entstehung der Hauswirtschaft
als das Ende der Barbarei, als den Anfang der höheren Kultur bezeichnet; nicht um—
sonst benennen alle Kulturvölker noch heute alle Wirtschaft mit dem griechischen Worte
„Haus“ omα — als Hkonomie.
An das Haus und seine Einrichtungen schließt sich die nunmehr vom Manne
jystematisch geleitete Arbeitsteilung der Familie an. Die Verschiedenheit von Geschlecht
und Kraft hatte von jeher den Mann auf die Jagd, den Kampf, die Tierzucht, die
Frau auf das Sammeln von Beeren, auf den Hack- und Ackerbau, das Vorrätesammeln,
die Unterhaltung des Feuers gewiesen; die Herrschaft des Mannes bürdete ihr nach dem
Siege des Vaterrechtes wohl oft zunächst noch mehr auf, machte sie zur Sklavin. Aber
gerade bei den edleren Rassen verschafften der Gattin ihre hauswirtschaftlichen Künste
doch wohl bald eine bessere Stellung in dem gemeinsamen Haushalt. Der viehzüchtende,
jagende und in den Kampf ziehende Mann übernimmt neben der Rodung nun auch die
schwere Ackerarbeit, das Pflügen; das bedeutete eine große Veränderung in den Funktionen
der Frau; ihre Kräfte werden so für die Bereitung der Speisen und Kleidung, für die
Erhaltung der Vorräte, für die innere Leitung der Hauswirtschaft, vor allem für die
Erziehung der Kinder freier. Und an die Arbeitsteilung von Mann und Frau schließt
sich die der Söhne und Töchter, der Knechte und Mägde, und es entstehen so im
patriarchalischen Hause feste Typen von hauswirtschaftlichen Ämtern, von arbeitsteiligen
Handwerksarten als Keime späterer selbständiger Organisationen. —
Die geordnete Hauswirtschaft der patriarchalischen Familie wird in dieser Weise
für mehrere Tausend Jahre, für die Epoche der älteren asiatischen und griechisch-römischen
Kultur bis über das Ende des Mittelalters hinaus, sie ist noch für viele Völker und
fociale Klassen bis zur Gegenwart das einzige oder das wichtigste gesellschaftliche Organ,
um die Menschen fortzupflanzen, zu erziehen und um sie mit wirtschaftlichen Gütern zu
versorgen; es war das erste, das dem Individuum als solchem planvoll und im ganzen
die wirtschaftliche Fürsorge abnahm, um sie einer fest organisierten Gruppe von Individuen
zu übergeben; es war das Organ, welches die Menschen eine geordnete Hauswirtschaft
zu führen, einen erheblichen Herden- und Landbesitz, sowie Vermögen überhaupt zu ver—
13*
        <pb n="256" />
        244 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft.

walten, zu erhalten, zu mehren gelehrt hat, welches die wichtigsten wirtschaftlichen
Gewohnheiten der Kulturvölker bis zum Siege der neueren Konkurrenzwirtschaft erzeugte.
In der Zeit der ausschließlichen Herrschaft dieser patriarchalischen Familie besteht
die Gesellschaft, hat man gesagt, aus einem völkerrechtlichen Bunde von Familienhäuptern;
alle ihnen untergeordneten Familienglieder haben nur durch sie Beziehungen zum
Ganzen und zu den höheren socialen Organen; sie wirtschaften nicht für fich, sondern
nur für die Familienväter. Die Folgen dieser Familienverfassung sind nach allen Seiten
hin bedeutungsvoll.
Aus der patriarchalischen Familie gingen die Verwandtschaftssysteme hervor, die
heute das Recht aller Kulturvölker beherrschen; alles heute bestehende Erbrecht ist ein
Ergebnis dieser Familienverfassung. Alle älteren Unternehmungsformen, heute noch die
des Handwerks, der Kleinbauern, sowie die patriarchalische Fabrikverfassung sind aus
der Familie ebenso entfprungen, wie die kriegerischen Gefolgschaften, die Fronhofs—
verfassung, die Grund- und Gutsherrschaft. Die Klöster und andere kirchliche Institutionen
find Nachahmungen der Familienverfaffung; die Lehrlingschaft und alle älteren Erziehungs—
anstalten knüpfen an die patriarchalische Familie an. Die Formen der heutigen Handels—
gesellschaften haben ihre eine Wurzel in der Familie; die offene Handelsgesellschaft ist
heute noch meist an die Familie angelehnt. Das patriarchalische Königtum wie das
Aufkommen aristokratischer Kreise beruht auf dem Emporwachsen einzelner patriarchalischer
Familien; in China und Rußland gilt die höchste Gewalt noch heute als eine väterliche. —
Die politische und kriegerische Versassung der heroischen Zeitalter und aller Staaten bis
zu dem Punkte, da eine moderne Staatsgewalt sich ausbildet, beruht auf Elementen,
die der patriarchalischen Familienverfassung angehören; die erbliche Monarchie ist das
in unsere Zeit hereinragende Ergebnis derselben. Die sociale Klafsenbildung entspringt
in einzelnen ihrer Keime der patriarchalischen Familienverfassung; bei der Sklaverei ist
das an sich klar, aber auch die leibeigenschaftlichen und grundherrlichen Zustände gehen
teilweise aus ihr hervor; wo die Familie übergroß wurde, spaltete sie sich leicht in
eine führende, grundherrschaftlich befehlende, und in eine Reihe abhängiger, dienender
Familien.
In der UÜberlieferung der wichtigsten Kulturvölker, in ihrer Religion und Litteratur,
in ihren Sitten, ihrem Rechte nahm die patriarchalische Familie so sehr den beherrschenden
Mittelpunkt ein, daß sie naturgemäß von ungezählten Generationen als eine ewige
Form des socialen Lebens, als eine unverrückbare göttliche Anordnung betrachtet wurde.
Freilich hat fie nie alle Kreise der Kulturvoölker in gleicher Weise beherrscht, sie
kam frühe ins Wanken, wo die Geldwirtschaft und Arbeitsteilung sich energischer aus—
bildeten, wo moderne Staatsgewalten und Unternehmungsformen siegten, wo größere
Menschenmengen in den Städten sich sammelten, ein individualistischer Geist mit ihrem
Zwang, ihren Überlieferungen in Widerspruch kam. Es ist ein Prozeß, der zur Blüte—
zeit Athens und Roms ebenso einsetzte wie in dem Italien der Renaifsancezeit und bald
nachher in den heutigen Kulturstaaten.
Aber erhebliche Züge und Elemente der älteren Familienverfassung sind auch heute
noch überall vorhanden; viele werden sich dauernd erhalten, andere werden noch mehr
als bisher verschwinden.
Wenn heute die meisten konservativen und kirchlichen Elemente sich bemühen, von
der patriarchalischen Familienverfassung und ihren Ablegern so viel zu retten wie möglich,
so haben sie darin Recht, daß alle Auflösung dieser alten Ordnungen leicht das Ver—
schwinden der Zucht, des Gehorsams, der Ordnung und Gesittung überhaupt bedeutet —
aber sie haben Unrecht, wenn sie glauben, es gäbe auch für die intellektuell und sittlich
gehobenen, individuell ausgebildeten Menschen kein anderes Erziehungsmittel als die
alte despotisch-harte, oft brutale patriarchalische Familienzucht. —
91. Die neuere verkleinerte Familie, ihre Wirtschaft und deren
Ursachen. Sie steht zur patriarchalischen Familie nicht in so schroffem Gegensatze
wie diese zur Muttergruͤppe. Ihre allgemeine Struktur, eine gewisse vaterrechtliche
Gewalt, die Zufammenfsehung aus Mann Frau, Kindern und Dienstboten bleibt, bents
        <pb n="257" />
        Die historische Bedeutung der patriarchalischen Familie. Die neuere Kleinfamilie. 245

die Thatsache, daß die zusammenlebenden Eltern und Kinder in freiem Geben und
Nehmen, in freier gegenseitiger Unterstützung im ganzen aus einer gemeinsamen Kasse
ohne Abrechnung und Bezahlung untereinander wirtschaften; die Einschränkung der
väterlichen Gewalt durch Staatsgesetze, durch die freiere Stellung der Frau, der Kinder,
der Knechte, die Ersetzung des Frauenkaufes durch Verlobung, freie kirchliche oder bürger—
liche Eheschließung, das sind Neuerungen, die längst in der Zeit der patriarchalischen
Familienverfassung begannen, nun bloß vollendet werden. Aber die große Veränderung
ist doch daneben nicht zu verkennen: die Familie wird kleiner, ihre wirtschaftliche
Aufgabe wird in der arbeitsteiligen Gesellschaft eine eingeschränktere; eine Reihe von
Funktionen der Familie gehen auf Gemeinde, Kreis, Verbände, Kirche und Schule,
Unternehmungen, den Staat über.
Die patriarchalische Familie war das allseitige Organ für alle wirtschaftlichen
Zwecke gewesen, sie hatte, wenigstens in ihren Spitzen, zugleich politischen, kriegerischen,
Verwaltungs- und anderen Aufgaben gedient; sie war, so lange sie blühte, das aus—
schließlich dominierende Unterorgan der Gesellschaft und des Staates überhaupt gewesen.
In dem Maße, wie nun teils aus der Familie, teils unabhängig von ihr eine Reihe
anderer gesellschaftlicher Organe mit specialisierten Zwecken entstanden, mußte die Familie
in ihrer allseitigen Thätigkeit eingeschränkt, sowie auf eine geringere Zahl von Personen
beschränkt werden. Wenn die patriarchalische Familie mindestens aus 10, oft aus 20
und mehr Gliedern bestand, so zählt die neuere, so weit man sie statistisch verfolgen
kann, 6, 5, ja nur 4 und 3,2 im Durchschnitt. Die verheirateten Kinder bleiben selten
bei den Eltern; erwachsene und verheiratete Geschwister bilden nicht mehr eine ungeteilte
Hausgemeinschaft wie einstens; die heranwachsenden Söhne und Töchter verlassen früher
das elterliche Haus, um anderswo zu lernen, eine Stellung zu suchen; die Zahl der
Knechte und Mägde ist um so geringer, je höher die wirtschaftliche Arbeitsteilung steht.
Die Eltern, einige unerwachsene Kinder, in den höheren Klassen ein oder ein paar
Dienstboten machen die Familie aus, sie genügen für den Haushalt, der nicht mehr,
wie einstens, möglichst viel selbst produzieren, sondern, könnte man sagen, möglichst viel
fertig einkaufen will. Nicht mehr die Produktion, sondern die Herrichtung für die
Konsumtion ist seine Aufgabe: vieles, was vor 60 Jahren noch im Haushalt geschah,
wie Spinnen, Weben, Kleidermachen, Backen, Schlachten, Waschen, ist selbst auf dem
Lande teilweise aus der Familienthätigkeit ausgeschaltet: nur das Kochen, Kleiderreinigen,
die Wohnung in Ordnung halten, die Kinder warten und erziehen, die kleinen Freuden
des Familienlebens ermöglichen und vorbereiten, das ist der gegen früher so sehr ein—
geschränkte Zweck der Hauswirtschaft, deren Leitung nun ausschließlich oder überwiegend
der Frau zufällt. Wenn schon ein römischer Ehemann auf das Grabmal seiner Gattin
als höchstes Lob schrieb: domum servavit, lanam fécit, so umschrieb er damit den
wesentlichen Inhalt der hauswirtschaftlichen Thätigkeit in den arbeitsteiligen Kultur—
staaten überhaupt. Der Ehemann, oft auch erwachsene Söhne und andere Glieder der
Familie gehören ihr nur noch als genießende, nicht als eigentlich arbeitende Glieder
an. Ihre Thätigkeit ist hinaus verlegt in die anderweiten socialen Organisationen.
Der Anfang zu dieser Ausscheidung ist alt. Wo die großen herrschaftlich-patri—
archalischen Haushalte einen allzu großen Umfang erreichten, wo man nicht mehr alle
Diener, Sklaven, Hörige oder Gefolgsleute selbst beköstigen und bekleiden wollte, da
wies man diesen dienenden Kräften besondere Hütten, Grundstücke, Natural- oder Geld—⸗
einkünfte zu, und so entstanden kleine Sonderhaushalte und Familienwirtschaften, deren
Väter auf dem Herrenhofe dienten, deren übrige Glieder das zugewiesene Feld bebauten,
für Speise, Trank, Kleidung und die anderen kleinen Tagesbedürfnisse ihrer Familie
selbst sorgten. Das in Naturalien, Bodennutzung oder Geld bestehende, vom Vater
allein oder jedenfalls nur von 228 Familiengliedern verdiente Einkommen begann die
wesentliche Grundlage der wirtschaftlichen Existenz der Familie zu werden.
Und Ahnliches in verstärktem Maße trat in den Städten mit der vordringenden
Geldwirtschaft ein. Der Händler und der Handwerker, der Priester, der Arzt und der
Tagelöhner, sie alle begannen einen selbständigen Geldverdienst außer dem Hause zu
        <pb n="258" />
        246 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

suchen; damit konnte ergänzt werden, was die Familie etwa noch auf ihrem Ackerstücke
und in ihrem Hause schuf; und bald konnten von solchem Geldeinkommen zuerst einzelne
Familien, dann viele ausschließlich leben, auch wenn sie kein Haus, keine Hufe mehr
eigen besaßen, nicht ihre Lebensmittel, Kleider, Geräte, Wohnungen mehr selbst schufen.
Freilich ist dieser Prozeß im Altertum sehr langsam vorangeschritten; nur die unteren
Klassen in den Städten hatten die eigene Produktion ganz aufgegeben; die höheren
Klassen, selbst der Mittelstand, wollten nicht darauf verzichten, selbst das Brot und das
Wollgewebe, sowie vieles andere in der eigenen Wirtschaft zu erzeugen. Und ähnlich
war die Entwickelung vom Mittelalter bis ins 18. und 19. Jahrhundert. Manche
Patricier und Kaufleute der deutschen Städte trieben noch in Goethes Jugendzeit
Acker- und Viehwirtschaft; in Italien suchen noch heute die städtischen Honoratioren
sich ihr Getreide und Gemüse, ihre Trauben und Oliven mit Hülfe der auf dem Lande
ihren Besitz verwaltenden Halbpächter zu ziehen, während die städtischen Handwerker
und Tagelöhner, die Beamten und Lehrer auch dort darauf meist verzichtet haben, und
heute in Nordeuropa der Städter fast jede Eigenproduktion von Lebensmitteln, meist
auch von Geweben aufgegeben hat. Der Bauer und Gutsbesitzer freilich lebt vielfach
noch zur Hälfte oder zu zwei Drittel von seinen eigenen Produkten; seine Familien—
wirtschaft ist daher auch noch halb eine patriarchalische; und auch der Handwerker und
der Tagelöhner, der Beamte und der Fabrikarbeiter auf dem Lande baut sich mit Recht
noch seine Kartoffeln, füttert Hühner und Schweine und erleichtert sich so seine wirt—
schaftliche Existenz, füllt so unbeschäftigte Stunden aus. Aber auch auf dem Lande
nimmt das ab: in den deutschen Berufszählungen von 1882 und 1898 sinken die
ländlichen Tagelöhner, die einen eigenen oder gepachteten Landwirtschaftsbetrieb haben,
von 866 493 auf 382 872.
Die wichtigste Folge der ganzen, immerhin heute für einen großen Teil der Be—
völkerung vollzogenen Scheidung liegt darin, daß damit zwei ganz gesonderte und doch
innig miteinander verbundene, aufeinander angewiesene Systeme der socialen und wirt—
schaftlichen Organisation entstanden sind: das wirtschaftliche Familienleben einerseits,
die Welt der Gütererzeugung, des Verkehrs, des öffentlichen Dienstes und was sonst
noch dazu gehört andererseits. Dem ersteren Systeme gehören so ziemlich alle Einwohner
eines Landes an: von 28,8 Mill. Preußen lebten 1. Dezember 1885 27,4 in Familien—
haushaltungen, nur 0,37 in Einzel- und 0,54 in Anstaltshaushaltungen (d. h. Kasernen,
Kranken- und Armenhäusern, Erziehungsanstalten, Hotels); von der am 14. Juni 1895
zezählten deutschen Bevölkerung waren 22,9 Mill. Personen im Hauptberufe erwerbsthätig,
 d. h. übten einen erwerbenden Beruf aus; neben ihnen zählte man 1,8 Mill.
—
schaftlich nicht oder nur in der Familie thätig sind; die Erwerbsthätigen gehören ihr,
soweit nicht Familienwirtschaft und Erwerb, wie beim Landwirt noch vielfach, zusammen—
rallen, nur gleichsam mit ihrer halben Existenz, mit der Zeit, da sie nicht dem Erwerbe
nachgehen, an. Aber auch sie müssen so wohnen, ihre Zeit muß so eingeteilt sein, ihr
Verdienst muß so beschaffen sein, daß sie ihrer Stellung als Familienhäupter und
Familienglieder ebenso genügen können, wie ihrer Funktion in irgend einer Unternehmung
oder Arbeitsstellung. Die beiden Systeme der socialen Organisation gewinnen ihr eigenes
Leben, verfolgen ihre speciellen Zwecke und müssen das thun. Von verschiedenen Principien
regiert, können sie in Kollision kommen, sich gegenseitig schädigen und hindern. Die
neue Sitte und das neue Recht für beide ist nicht leicht zu finden. Die Familienwirt—
schaft existiert jetzt gleichsam nur als Hülfsorgan, häufig als schwächeres neben den
neuen, stärkeren, größeren Gebilden der Volkswirtschaft. Sie kann und muß in loserer
Form als früher ihre Rolle spielen, muß ihren Gliedern alle mögliche Freiheit geben.
Sie ist teilweise sogar mit vollständiger Auflösung bedroht, wo die anderen Organe die
Kinder und die Erwachsenen ganz mit Beschlag belegen, alle Zeit und alle Kraft für
sich in Anspruch nehmen; das ist der Fall, wo schon die Kinder verdienen sollen, wo
Frau und Mann von morgens 6 Uhr bis spät' abends in der oft weit entlegenen
Fabrik thätig sein müssen.
        <pb n="259" />
        Die wirtschaftliche Funktion und Einordnung der Kleinfamilie in die Volkswirtschaft. 247

Wir kommen specieller auf diese Gefahren und auf die socialistischen Pläne, welche
im Anschluß an diese Tendenzen überhaupt die Familienwirtschaft aus unserer gesell—
schaftlichen Verfassung hinausweisen wollen, im folgenden Paragraphen. Hier sei nur
noch ein allgemeines Wort über das schwierige Problem beigefügt, die Anforderungen
der Familienwirtschaft und der arbeitsteiligen Thätigkeit ihrer Glieder in die rechte zeit—
liche und räumliche Verbindung überhaupt zu bringen. Das Problem existierte im
patriarchalischen Haushalt, wo Wohnung und Produktionsstätte zusammenfiel, eigentlich
noch gar nicht. Da war es leicht, anzuordnen, daß jeder zur rechten Zeit bei jeder
Arbeit, jedem Zusammenwirken, auf dem Ackerfelde, beim Kirchgange, beim Essen, beim
Schlafen war; die Familienglieder sahen sich stets, kontrollierten sich stets, lebten sich
ganz ineinander ein. Die moderne Familie und ihre Wohnung ist heute gleichsam
nicht mehr ein selbständiges Ganzes, sondern ein untergeordneter Teil einer Stadt,
eines Dorfes, eines Bergwerkes, einer Großunternehmung; die Familie wohnt für sich,
oft mit einigen Dutzend anderen Familien, oft mit allen möglichen Werkstätten und
Läden, die sie nicht angehen, in einem und demselben großen Hause; sie wohnt meist an
anderer Stelle, oft sehr weit entsernt von den Berufsplätzen, wo ihre Glieder arbeiten.
Sie sendet dieselben in die Schule, in die Fabrik, ins Bureau, auf die Acker- und
Waldarbeit. Alle diese verschiedenen Thätigkeiten liegen örtlich zerstreut, oft weit aus—
einander; jede hat für sich eine eigenartige Zeiteinteilung, kümmert sich um die der
Familienwirtschaft und der anderen Organe nicht. Jedes derselben verfolgt einseitig
seine Zwecke; und doch ist das zu verwendende Personenmaterial allen gemeinsam; es
ist oft unmöglich, daß es zugleich allen den widersprechenden Aufgaben ohne Konflikte
und Reibungen nachkomme. Der Unternehmung wird oftmals Nacht- und Sonntags—
arbeit frommen, die Familie wird dadurch geschädigt. Die ganze räumliche Anordnung
der Wohnungen, der Arbeitsstätten, der Schulen ꝛc., die ganze Zeiteinteilung, die
gesamten Geschäfts- und sonstigen Ordnungen, die sich die einzelnen Organisationen
geben, müssen eigentlich ineinander gepaßt sein, ein harmonisches Ganze ausmachen,
wenn die Gesellschaft gedeihen, die Unternehmungen und die Familien nicht geschädigt
werden sollen. Die Bautechnik, Verkehrs- und Wohnungsversassung unserer großen
Städte und Fabrikorte ist dem freilich unendlich schwierigen Problem trotz der zahlreichsten
Anläufe noch entfernt nicht ganz gerecht geworden, alle Werkstätten, alle Schulen, alle
Wohnungen so zu legen, ihre Lebensordnungen so zu gestalten, daß die Mitglieder
derselben Familie sich so oft als nötig zusammenfinden können, daß die Unerwachsenen
stets unter der rechten Kontrolle stehen. Die rechten Kompromisse zwischen den Erziehungs-,
Produktions- und Familieninteressen, die neuen Ordnungen des gemeinsamen Zusammen—⸗
wirkens können erst in langen Kämpfen und Erfahrungen gewonnen werden. Nur sitt⸗
lich und intellektuell höher stehende Menschen sind den schwieriger gewordenen Aufgaben
überhaupt gewachsen. Daher die allgemeinen Klagen über ungesunde, unglückliche
Familienverhältnisse, die im Altertume wie in der Neuzeit überall sich erheben, wo
große Scheidungsprozeß zwischen der Familienwirtschaft und den anderen neuen Organen
einsetzte. Einer der beredtesten Ankläger unserer Zeit in dieser Richtung ist Le Play.
Aber wenn er die mangelnde Stabilität des heutigen Familienlebens beklagt, wenn er
schildert, daß die Kinder heute meist nicht werden, was die Eltern waren, deren Geschäfte
nicht fortsetzen, wenn er die Schäden berechnet, die solches Abbrechen und Neugründen
der Familienwirtschaft habe, so hat er mit seinen Klagen über die Auflöfung der alten
sittlichen Zusammenhänge gewiß nicht Unrecht, aber er vergißt, daß die heutige kleine
Familie nicht mehr ein so stabiles, so allseitiges Produktionsorgan sein kann, wenn
man unsere heutige Technik und Volkswirtschaft überhaupt zuläßt, daß Schule,
Vereinsleben und anderes teilweise dem Individuum ersetzen, was die Familie nicht
mehr bieten kann, daß das tyrannische Joch der älteren Hausgenossenschaft nicht
bloß Liebe erzeugte, daß die Auflösung sympathischer Bande zwischen entfernteren
Familiengliedern nur dann unbedingt zu beklagen ist, wenn auch zwischen Mann
und Frau, zwischen Eltern und Kindern die Sympathie und Ausopferungsfähigkeit
aufhörte, und wenn für die schwindenden Verwandtschaftsbande nicht andere neue der
        <pb n="260" />
        248 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Freundschaft, der Berufsgenofsenschaft, der Geselligkeit, des geschäftlichen Zusammen—
wirkens träten.
Es ist leider an dieser Stelle nicht möglich, den großen familien- und rechts⸗
geschichtlichen Prozeß der Umbildung des Familien-, Eher, Erb⸗, Ehescheidungsrechtes,
der väterlichen Gewalt, der Rechtsstellung der Frauen, der Kinder und der dienenden
Kräfte in der Familie zu schildern, in welchem der Übergang von der patriarchalischen
zur neuen Familie fich vollzog. Er setzt schon in den späteren Epochen der antiken
Kulturstaaten und dann wieder in den letzten 556 Jahrhunderten ein, hat die ver—
jchiedenften Schwankungen erfahren, ist vom Christentum, der Philosophie, der Litteratur,
allen geistigen und sittlichen Strömungen der Zeit beeinflußt worden. Das Resultat
war damals und neuerdings wieder dasselbe: die Familienglieder sollen freier, unab—
häugiger werden; aus dem Gewalt—- soll ein sittliches Genofsenverhältnis werden; die
freie Ausbildung der Individualität soll erleichtert, aber zugleich der Segen des Familien—
lebens, die einheitliche Lenkung der Familie durch den Familienvater erhalten werden.
Das schönste Blatt aus dieser Geschichte ist die successive Erhebung der Frauen—
stellung: schon bei den Römern verwandelt sich die starre Manusgewalt des Mannes
in das Verhältnis eines consortium omnis vitat. Bei den Germanen war die Gaättin
bereits nach Tacitus die laborum periculorumque socia des Mannes. Der Sachsen⸗
spiegel sagt: dat wip ist des mannes genotinne. Aber erst eigentlich in den letzten
hundert Jahren hat Sitte und Recht diesem Ziele sich ernftlich genähert, es freilich
nach der radikalen Auffassung, die alle Gewalt des Familienvaters aufheben möchte,
auch heute noch nicht erreicht. In dem ganzen Umbildungsprozesse werden immer
wieder Rückschritte gemacht, entstehen Mißbildungen, Dissonanzen zwischen den praktischen
Bedürfnissen des Lebens, der notwendigen Ordnung der Familie und den individualistischen
Tendenzen; der Fortschritt im ganzen aber fehlt nicht. Er liegt einmal in der gesteigerten
GBüterproduktion und dem größeren Wohlstand, die durch die Unternehmungen gegenüber
der bloßen Familienwirtschaft entstehen, dann in der Verbesserung unserer Wohnungen
und den edleren persönlichen Beziehungen zwischen den Familiengliedern. Ich muß
darüber noch einige Worte sagen.
Ich habe vorhin erwähnt, daß die Konflikte zwischen Familien- und Produktions⸗
interesse zur Zeit der patriarchalischen Familie leichter zu losen waren als später. Sie
waren es aber vor allem auch, weil die Ansprüche des Familienlebens noch so gar
zeringe, zumal bei der Menge der kleinen Leute, waren. Der Bauer lebte noch vielfach
mit seinem Vieh in einem Raume, wie er es heute noch teilweise in Rußland thut.
Die gewöhnlichen Wohnungen der Alten wie der mittelalterlichen Menschen waren elende,
kleine, dunkle Räume; noch im Patricierhause des 14. —16. Jahrhunderts hatte man
kaum HZimmer, in denen aufrecht zu stehen, ein Fest zu feiern war; das fand im Stadtoder
 Gildehause statt. Erst seit dem 16. —18. Jahrhundert erhielten zuerst die oberen
Klassen und dann auch der Mittelstand Zimmer mit Heizung, mit Licht, mit so viel
Raum, wie wir heute für nötig halten. Und das wurde doch wesentlich erleichteri durch
die Scheidung der Wohngelasse und der Produktionsstätten. Erst im 18. und 19. Jahr⸗
Zundert entstand mit Hülfe der sortschreitenden Technik und Kunst, unterstützt durch
Feuer- und Baupolizei, aus den alten, höhlenartigen Schlupfwinkeln die neuere Kultur—
wohnung mit ihren Empfangs-, Wohn-, Eß- und Schlafzimmern, ihren Küchen, Kellern,
Badezimmern, Klosets, Wasser- und Gasleitung und all' dem anderen Komfort. Die
Mehrzahl der Kulturmenschen wohnt seit einigen Generationen besser als je zuvor. Und
wenn die großstädtische Menschenanhäufung für die unteren Klassen die Anfprüche teil—
weise wieder vermindert hat, wenn es als allgemeiner öffentlicher Mißstand empfunden
wird, daß viele Familien nur einen oder zwei Räume haben, daß sie in ihren Wohn⸗
räumen zugleich ihre Geschäfte besorgen und arbeiten müssen, daß ihre Familienwohnungen
nicht isoliert von denen anderer sind, so beweist das nur, wie hoch die Ansprüche gegen
frühere Zeiten gestiegen sind, wo faft alle Menschen mit Vieh und Ungeziefer zusammen
zu hausen gewohnt Haren.
        <pb n="261" />
        Der wirtschaftliche und sittliche Fortschritt in der heutigen Familienverfassung. 249

Die große Verbesserung der Familienwohnung, welche in den letzten 200 Jahren
sich bis in die Arbeiterkreise erstreckte, war einerseits die Voraussetzung der besseren
Ordnung der Produktion, und sie hat mit der Scheidung der Wohn- und Produktionsstätten
 andererseits die inneren Verhältnisse des Familienlebens doch neben den vorhin
erwähnten Schädigungen nach anderer Seite hin außerordentlich gefördert, erleichtert,
ja dieses Leben auf eine viel höhere Stufe gehoben oder stellt solches in Aussicht, wo
diese Schüdigungen überwunden werden.
Die Leitung der älteren Familienwirtschaft mußte eine strenge, harte sein; die der
neuen ist viel einfacher und daher milder. Die Zügel sind im ganzen in die mildere
Hand der Frau und Mutter gegeben. Die Leitung von drei bis sechs Menschen ist ja
an sich leichter, sie kommen eher friedlich miteinander aus als zehn bis fünfzig. Die
ältere Familie war zugleich Geschäft, arbeitsteiliger Produktionsorganismus, war ein
Rechtsinstitut, das harter Disciplin bedurfte, um seinen Zweck zu erreichen. Auch wenn
sie zur Zeit der Eigenwirtschaft nicht allzu viel zu verkaufen und wieder einzukaufen
hatte, so bedurfte sie doch für die innere Produktionsleitung und für die Händel der
Knechte und Mägde, der zahlreichen Verwandten untereinander des männlichen, oft
gewaltthätigen Herrschers ebenso wie für ihre Vertretung in der Gemeinde, auf dem
Markte, im Staate. Die moderne kleine Familie ist ein wesentlich nach innen gerichteter
Haushalt, ohne jene komplizierte Produktionsthätigkeit und Arbeitsgliederung; der
herrschaftlichen Disciplinierung ist sie kaum mehr bedürftig; leicht verständigen sich
Mann und Frau und, wenn sie im richtigen Verhältnis stehen, auch Frau und Dienst—
boten über das, was zu geschehen hat. Die Dienstbotenmisere von heute wächst mit
der Zunahme perfönlicher Individualisierung, aber sie ist, glaube ich, doch im ganzen
verschwindend gegen die Schwierigkeiten und Härten, mit denen früher eine viel größere
Zahl in Ordnung zu halten war. Die wirtschaftlichen Beziehungen der Familien—
wirtschaft nach außen, so sehr sie wachsen, so sehr man die Waren und Leistungen der
verschiedensten Geschäfte und Handwerker heranziehen, Lehrer und andere Personen
beschäftigen muß, erfordern doch kein festes, hartes Regiment, wie einst das in der
patriarchalischen Familie war; diese Beziehungen spielen sich in der Form täglich neu
zu knüpfender und leicht zu lösender Verträge ab, welche in der Hauptsache die Frau
abschließt. So ist die Härte und Gewalt, die Ausbeutung und der Arbeitszwang, die
früher in der Familie kaum zu vermeiden waren, hinausgewiesen in die Unternehmungen,
auf den Markt des Lebens und der Konkurrenz. Und in der Familie ist nun Raum
für Friede und Behagen, für ein Wirtschaften mit Liebe und ungeteiltem Interesse
geschaffen, wie es früher in gleichem Maße nicht vorhanden sein konnte.
Die Arbeitsteilung fehlt freilich auch in dieser kleinen Familie nicht; die Mutter,
die Köchin, die erwachsene Tochter, die halb erwachsenen Kinder haben ihre besonderen
Aufgaben; aber im ganzen geht diese Teilung nicht weit; jedes hilft wo es kann und
ist stets mit ganzer Seele dabei, weil die stärksten sympathischen Gefühle zur intensivsten
Thätigkeit anspornen. Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau aber vollzieht sich
in der Hauptsache nicht innerhalb der Familie, sondern eben zwischen der Familienwirtschaft
 überhaupt und den weiteren socialen Organisationen. Der Mann sucht sich
draußen eine Stellung, einen Erwerb, ein Vermögen; er kämpft da den harten Kampf
ums Dasein und findet die Kraft dazu, weil er in der Familie dafür die Ruhe, die
Harmonie, das friedliche Glück einer behaglichen Existenz genießt. Die Frau aber, die
die Kinder unter dem Herzen getragen, pflegt und erzieht sie; sie stellt die Dienstboten
an und entläßt sie, sie waltet in Küche, Keller und Kammer, sie reinigt und flickt, stellt
überall im Hause wieder die Ordnung her, führt den kleinen Kampf gegen Staub und
Verderbnis und erhält so allen Besitz, alle Geräte, alle Mobilien sehr viel längere
Zeit; sie kann mit demselben Einkommen das Doppelte schaffen, wenn sie ihr Budget
richtig einzuteilen, wenn sie mit Waren- und Menschenkenntnis einzukaufen versteht,
wenn sie die nötigen kleinen chemischen, technischen und Küchenkenntnisse hat; von ihrem
—
heit und Leben aller Familienglieder ab.
        <pb n="262" />
        250 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Wenn so die Thätigkeit von Mann und Frau in gewissem Sinne weiter als je
auseinandergeht, so ergänzen sich beide doch besser als früher; beide Teile erreichen so
die Vollendung ihrer specifischen Eigentümlichkeiten, leisten mehr und erzeugen durch—
schnittlich mehr Glück für sich und die anderen. Die Arbeit des Mannes in Staat und
Volkswirtschaft mag dabei als die bedeutungsvollere erscheinen; sie ist doch für jeden
einzelnen Mitarbeiter ein arbeitsteiliges Stückwerk, dessen Resultate das Individuum
oft gar nicht, oft erst spät übersieht. Die Arbeit der Frauen im Hause umschließt einen
kleineren, aber einen vollendeten, harmonischen Kreis; die Gattin, die dem Manne das
Mahl bereitet, ihm abends die Stirne glättet, die Kinder vorführt, wird dienend zur
Glück spendenden Herrscherin ihres Hauses; sie sieht jeden Tag und jede Stunde die
Früchte ihres Thuns vor sich und weiß, daß in ihrem kleinen Reiche Anfang und Ende
alles menschlichen Strebens liege. Die Kindererziehung der patriarchalischen Familie
verliert ihre Härte, ihre egoistischen Zwecke; muß jetzt die Mutter sie mehr allein über—
nehmen, so tritt ihr dafür die Schule helfend zur Seite, und im Bunde mit ihr kann
fie exreichen, was früher nie möglich war. Ihre socialen Pflichten außer dem Hause,
in Vereinen, in der Armenpflege, in der Erziehung und Beeinflussung der Kinder der
unteren Klassen kann die Frau heute leichter als früher erfüllen, weil sie zu Hause ent—
lastet ist. Die hohen Aufgaben und Genüsse der Kunst und der Geselligkeit haben heute
vielfach außerhalb des Hauses Organisationen erzeugt, welche mit der Familie zusammen
wirken müfsen. Ich nenne das Theater- und Konzertwesen, die Vereine für Geselligkeit
und alles Derartige. Aber die Beziehungen dieser Kreise und Organe zur Familie find
nicht schwer zu ordnen. Und daneben umschließt doch die heutige Häuslichkeit die beste
und höchste Art Geselligkeit, den höchsten Musik- und Litteraturgenuß. Die antike Welt
und das Mittelalter kannten in der Hauptsache nur öffentliche Feste, das Tanzvergnügen
im Stadt- oder Zunfthause, den täglichen Wirtshausbesuch der Männer, während nun
doch das Haus der Mittelpunkt der Geselligkeit der Gebildeten wurde.
So zeigt die moderne Familienwirtschast neben ihren Schwierigkeiten doch auch
große Fortschritte. Sind sie freilich noch lange nicht überall eingetreten, so sind sie
doch bei den höheren Kulturvölkern in den höheren und mittleren, teilweise auch schon
in den unteren Klassen erkennbar. Das Wesentliche ist, daß die Familie aus einem
Herrschaftsverhältnis mehr und mehr eine sittliche Genossenschaft, daß fie aus einem
Produktions- und Geschäftsinstitut mehr und mehr zu einem Institüt der sittlichen
Lebensgemeinschaft wurde, daß sie durch die Beschraͤnkung ihrer wirtschaftlichen die
edleren, idealen Zwecke mehr verfolgen, ein inhaltreicheres Gefäß für die Erzeugung
ympathischer Gefühle werden konnte.
92. Gegenwart und Zukunft der Familie. Frauenfrage. Wenn ich
glaube, wahrscheinlich gemacht zu haben, daß die eben erwähnten Lichtseiten mehr im
Wesen der modernen Familienwirtschaft begründet, die Schattenseiten mehr überwindbare
Begleiterscheinungen des Äberganges seien, so läßt sich hiefür ein ganz strenger Beweis
nicht führen. Die Zukunft zu schätzen, bleibt problematisch. Jedenfalls wird derjenige ein
abweichendes Urteil hierüber wie über die ganze neuere Familienentwickelung haben, der
annimmt, sie werde und müsse überhaupt in der Form verschwinden, in welcher sie heute noch
als wirtschaftlicher Sonderhaushalt, basiert auf freiem sympathischem Austausch, existiert.
Diese Annahme geht davon aus, daß die Familienwirtschaft in den heutigen
Groß- und Weltstaaten, mit ihrem leichten Verkehr, mit ihren Bildungsanstalten, ihrer
Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Ehefreiheit, ihrer zunehmenden Arbeitsteilung, ihrer
kommunaglen Armenpflege und staatlichen Versicherung wachsenden Einschränkungen von
zwei Seiten ausgesetzt sei: der vordringende Individualismus wolle die einzelne Perfon
immer mehr, auf sich selbst stellen, die zunehmenden gesellschaftlichen Einrichtungen
nähmen thatsächlich der Familie eine Funktion nach der anderen, bis nichts mehr bleibe.
Und es ist wahr, die selbständige Organisation der Produktion hat dem Familien—-haushalte
 nicht bloß jene alten Aufgaben des Spinnens und Webens, des Nähens und
Waschens, des Backens und Schlachtens entzogen; gesellschaftliche Einrichtungen geben
uns auch schon Gas, Elektricitäi, Wasser, vielleicht auch bald Wärme, sie geben uns
        <pb n="263" />
        Die Gefahr einer Auflösung der Familienwirtschaft. 251

Unterricht, Bildung, Erziehung und was alles sonst noch. Nicht bloß die erwachsenen
Töchter sind im Hause nicht mehr notwendig, selbst Frau und Kinder gehen viel mehr
als früher nach Arbeit außer dem Hause; sie thun es teils durch die Not, teils durch
den Selbständigkeitsdrang getrieben; die jungen Leute verdienen vom 12. oder 14. Jahre
an selbständig, sie wollen sich die elterliche Zucht nicht mehr gefallen lassen, wohnen
für sich in Schlafstellen, wollen für ihr Geld auch ihr Leben genießen. Wo die modernsten
Verhältnisse walten, da sind die Kinder am frühreifsten, da heiraten einzelne junge
Leute, ohne Vater und Mutter zu fragen, da sind die Familienbande am losesten. Die
Schließung der Ehe wird andererseits immer schwieriger; die Zahl der Ehelosen nimmt
zu; die Zahl der Jahre, welche vom Verlassen des Elternhauses bis zur eigenen Ehe
verstreichen, wird größer, schon weil Lehr-, Bildungs-, Reisezeit, das Herumsuchen nach
einer Existenz es so mit sich bringen, man gewöhnt sich an Freiheiten aller Art, an
Genüsse, die in der Familie nicht möglich sind, an außerehelichen Verkehr; das Familien—
leben erscheint den so Gewöhnten oft nur noch als eine lästige Fessel, die man mindestens
jederzeit will wieder abstreifen können; man fordert unbedingte Scheidungsfreiheit und
beruft sich darauf, wie in allen Großstädten die Ehescheidungen zunehmen, wie in Nord—
amerika heute teilweise jährlich schon auf O—10 Eheschließungen eine Ehescheidung komme.
Indem man im Anschluß an die Theorien des 18. Jahrhunderts die Gleichheit
von Mann und Frau predigt, fordert man die ganz gleiche Erziehung beider Geschlechter,
die Zulafsung der Frauen zu allen Berufen, betrachtet die Beseitigung gewisser Arbeitsschranken
 für die Frauen, wie sie mit dem Zunftwesen fielen, nur als eine erste dürftige
Abschlagszahlung. Man erhofft die Beseitigung der Geld-, Konventions- und Ver—
sorgungsehen, wenn die Frauen alle Berufe erlernen und ergreifen dürfen; man hofft,
daß, wenn die Frau durch eigenen Erwerb auf sich selbst stehe, der stets kündbare Ehe—
bund erst ein wirklich freier werde, und den bisher schon so eingeschränkten Familien—
haushalt glaubt man als ein Rumpelstück aus der Vorväter kümmerlicher Zeit bald
vollends ganz über Bord werfen zu können.
Wenigstens der Socialismus träumt von einem Leben der durch die Ehe Ver—
bundenen in Hotels und Logierhäusern; alle gebärenden Frauen will er in öffentliche
Gebärhäufer, alle Kinder in Kinderbewahranstalten, die Halberwachsenen in Lehrwerkstätten,
Pensionate und öffentliche Schulen, die zugleich verpflegen, schicken; für alle Kranken
sollen die Krankenhäuser, für alle Alten die Invalidenhäufer sorgen. So brauchen die
arbeitenden Erwachsenen nichts als ein Wohn- und Schlafzimmer einerseits, Klubs,
Speisehäuser, öffentliche Vergnügungsorte, Bibliotheken, Theater, Arbeits-und Produktionsxäume
 andererseits. Der Familienhaushalt ist angeblich verschwunden.
Daß einer oberflächlichen Betrachtung unserer heutigen technischen und socialen
Entwickelung derartige Ziele als die notwendigen und heilsamen Endergebnisse erscheinen
können, wer wollte es leugnen? Und wer wollte, wenn er die großen Veränderungen
früherer Epochen, den ungeheuren Wandel der heutigen Technik und das chaotische
Ringen unserer sittlichen Vorstellungen und socialen Einrichtungen betrachtet, sicher
sagen, Derartiges sei unmöglich? Aber bei ruhiger, näherer Betrachtung erscheinen uns
doch diese Ideale und Zukunftspläne als starke Übertreibungen, ja Verirrungen, als
einseitig logische Schlüsse aus partiellen Bewegungstendenzen, die historisch notwendig
wieder entgegengesetzten Strömungen weichen oder vielmehr mit anderen notwendigen
Tendenzen sich vertragen müssen.
Die Familie soll verschwinden zu Gunsten des Staates und des Individuums?
Glaubte man, als der Staat im 18. Jahrhunderte den alten Korporationen zu Leibe
ging, nicht dasselbe von der Gemeinde und allen Genossenschaften und Vereinen? 1I
n'y a que l'stat et l'individu, dekretierte die französische Revolution, und heute sucht
überall eine entwickelte Gesetzgebung die Kreise, die Gemeinden, die Vereine, die Genossen—
schaften zu fördern. Die höhere Kultur schafft immer kompliziertere Formen und erhält
daneben doch an ihrer Stelle jede für bestimmte Zwecke als brauchbar gefundene typische
Lebensform. Sollte sie plötzlich die seit Jahrtausenden ausgebildete wichtigste, kräftigste,
noch heute für 99 0/0 aller Menschen unentbehrliche ausstoßen?
        <pb n="264" />
        252 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Je beweglicher heute das Leben wird, mit je mehr Menschen heute jeder in Ver—
bindung kommt, je mehr jeder neben seinen Verwandten mit verschiedenen Fach- und
Gesinnungsgenossen verkehrt, desto notwendiger wird ein sicherer, nach außen geschlossener
engster Kreis der Liebe, des Vertrauens, des Behagens, wie ihn allein die Familie
giebt. Man frage die Reisenden, die 2—510 Jahre im Gasthofe lebten, nach was sie
sich am meisten sehnen. Wer jeden Hungrigen ins Wirtshaus, jede Gebärende ins
Gebärhaus, jedes Kind von seiner Geburt bis zu seiner Mannbarkeit in eine Reihe von
Erziehungshäusern schickt, verwandelt die Gesellschaft in eine Summe genußsüchtiger,
egoistischer Vagabunden, deren Nervenunruhe und Überreizung die Mehrzahl zu Kandi—
daten für die Irrenhäuser macht.
Von 4S Mill. Deutschen waren 1882 18,8 Mill. männliche und 4,2 Mill. weib—
liche erwerbsthätig, 8,1 Mill. männliche und 18,1 Mill. weibliche Personen lebten ohne
Erwerb oder als Dienstboten in Familien und mit der Familienwirtschaft beschäftigt;
über 2 Mill. der weiblich Erwerbsthätigen gehörten dem Alter unter 89 Jahren an,
also einer Gruppe, von welcher die meisten später in die Kategorie der nicht erwerbenden
Familienglieder übergehen. Was wäre nun nötig, wenn das socialistische Ideal sich
verwirklichte: Erziehungsanstalten für 15216 Mill. Kinder und junge Leute, die heute
fast alle noch bei ihren Eltern wohnen; das würde Kosten von Ntilliarden machen, die
bezahlten Lohn- und Erziehungskräfte ins zehn- und mehrfache steigern, die ganze so
wichtige geistig-sittliche Wechselwirkung zwischen Eltern und Kindern aufheben. Für die
17,6 Mill. männlicher und weiblicher bisher Erwerbsthätiger und die 10 Mill. bisher
nicht erwerbsthätiger Erwachsener, also zusammen für etwa 27 Mill., wäre einerseits
bezahlte Lohnarbeit, andererseits Unterkommen in Hotels, zeitweise in Gebär-, Kranken-,
Invalidenhäusern nötig, soweit sie nicht als Beamte dauernd in Erziehungshäusern oder
sonstigen Anstalten leben müßten. Eine ungeheure Summe von heute unbezahlter
Arbeit in der Familie und gegenseitiger liebevoller Fürsorge, die jetzt spielend, von
Leuten, die sich kennen, sich richtig behandeln, geschieht, würde aufgehoben; alle Arbeit
würde in eine bezahlte, gebuchte, für Freinde mit Gleichgültigkeit verrichtete verwandelt.
Für einige Prozente der Kranken und Gebärenden wird es heute ein technischer Vorteil
sein, in eine Anstalt zu gehen; für die Mehrzahl ist die Pflege zu Hause die unendlich
bessere und billigere; sie ist zugleich die sittlich erziehende. Die Kosten des Unterhaltes
in den Hotels wären gewiß in einzelnen Beziehungen geringere, aber vielfach auch
höhere als heute in den Familien; die Reibung, die Händel waͤren viel erheblicher, ein
großer Teil der heutigen individuellen Freiheit wäre vernichtet; eine Disciplin wäre
nötig, gegen welche die einst in der patriarchalischen Familie vorhandene ein Kinderspiel
wäre; die Sparsamkeit würde eine viel kleinere; in all' den Hotels, Erziehungsanstalten ꝛc.
wirtschaftete ja jeder aus der allgemeinen Kasse; der mechanisch-gesellschaftliche Apparat,
seine Kontrollen, seine Kosten würden außerordentlich wachsen. Der optimistischen
Hoffnung der Socialisten also, eine solche Organisation sei billiger und besser, produziere
viel mehr, stehen die gegründetsten Bedenken entgegen. Was macht die Arbeit, die
heute noch in der Familie geschieht, billig und gut? Daß sie mit Liebe für Mann
und Kind, für das eigenste Interesse erfolgt, daß sie nicht bezahlt und gebucht wird,
daß dabei nicht gerechnet wird. Nun soll, was bisher diese Millionen Menschen in der
Familie für sich und die Ihrigen gethan haben, in Lohnarbeit für Fremde verwandelt
werden! Die Pflege des kranken Kindes durch die Mutter kann kein Krankenhaus der
Welt ersetzen. Nur weniges von dem, was die Millionen Familienglieder heute zu
Hause thun, läßt sich durch maschinellen Großbetrieb besser ausführen; es sind die tausend
kleinen Dienste, Besorgungen, Einwirkungen auf Kinder und Verwandte, die in dem
Maße, wie sie auf bezahlte Fremde übergehen, schlechter und teurer werden.
Außerdem aber: das durch Jahre dauernde Zusammensein von Mann und
Frau, von Eltern und Kindern ist die Vorbedingung für die Erzeugung starker Pflichtgefühle,
 heroischer Aufopferung, der wichtigsten sympathischen Gefühle überhaupt und
ür die Überlieferung aller seit Jahrtausenden entstandeuen sittlichen Errungenschaften.
Die Familie wird dabei in immer kompligiertere Verbindung mit Schulen und anderen
        <pb n="265" />
        Die Vorzüge der Erhaltung der Familienwirtschaft. Die Frauenfrage. 253

Institutionen kommen; gefund bleibt der sociale Körper nur, wenn die Kraft und Selb—
ständigkeit der Familie nach innen ebenso wächst, wie die Ausbildung der anderen Organe
in ihrer Art gelingt. —
Das schiefe Ideal der Gleichheit von Mann und Frau vergißt, daß alle höhere
Kultur größere Differenzierung und größere Abhängigkeit der differenzierten Teile von
einander, bessere Verbindung der verschiedenen unter einander bedeutet, vergißt den
Nachweis, wie es zu machen, daß das Kindergebären und das Waffentragen auch ab—
wechselnd von Mann und Frau zu übernehmen sei. Die Forderung, daß man heute
die Frau zum Lehrberufe, zum Heilberufe und sonst noch manchem zulaffe, ist ganz
richtig, aber ihre Erfüllung wird segensreicher wirken, wenn die Sitte, vielleicht auch
das Recht dafür an bestimmten Stellen die Männer ausschließt; denn bloß in die Arena
der atemlosen Männerkonkurrenz noch Tausende von Weibern einführen und sie unter
der Hetzpeitsche des Wettbewerbes um die Erwerbsstellen kämpfen lassen, heißt nur den
Lohn erniedrigen oder die Bevölkerung proletarisch vermehren. Die Kinder- und Frauen⸗
arbeit unserer Tage ist nicht ein Beweis, daß unsere Technik, unser Familienleben,
unsere Produktion diese Kräfte hier am besten verwenden, daß Ähnliches durch alle
Schichten der Gesellschaft hindurch zu geschehen habe, sondern zeigt nur, daß man sich
in der Zeit des Überganges zur Hausindustrie, zur Manufaktur- und Großindustrie,
zumal in den Gegenden dichter Bevölkerung, über die Tragweite der beginnenden
industriellen Frauen- und Kinderarbeit nicht klar war. Sind nicht die Bergdistrikte, in
denen man nie Frauen zur Bergarbeit zuließ, die glücklichsten? Man könnte behaupten,
es wäre ein großes Gluͤck gewesen, wenn die Regel, daß die Frau ins Haus und nicht
in die Produktion für den Weltmarkt gehöre, aus der Zunft in die moderne Zeit her—
über sich hätte erhalten lassen: die Bebölkerung wäre langsamer gewachsen, furchtbares
Elend wäre erspart geblieben. Und heute handelt es sich darum, wenigstens so weit
wie möglich und nach und nach wieder die verheiratete Frau und das Kind aus der
Mehrzahl der großen Industrien zu verdrängen und für die unverheirateten Mädchen,
die eines Erwerbes bedürfen, eine bestimmte Zahl von Gebieten au öffnen, für die sie
besser als die Männer passen.
Alle Frauen bedürfen einer besseren Erziehung als heute; möglichst viele mögen
so weit gebracht werden, daß sie eine Reihe von Jahren oder dauernd auf sich selbst
stehen können; alle aber müssen in erster Linie so erzogen werden, daß sie gute Mütter
und Hausfrauen werden; denn jede Frau, die das nicht wird, hat ihren eigentlichen
Beruf, den, in dem sie das Höchste, das Vollendetste, das Segensreichste leistet, verfehlt
und jede Frau, die eine schlechte Mutter und Hausfrau wird, schädigt sittlich und wirt—
schaftlich die Ration viel mehr als sie ihr nüht, wenn sie die trefflichste Aratin, Buch—
iührerin, Geschäftsfrau oder sonst was wird. J
Nicht in der Vernichtung, sondern in dem richtigen Wiederaufbau der Familien⸗
wohnung und der Familienwirtschaft liegt die Zukunft der Völker und die. wahre
Emancipation des Weibes. Man beobachte, was heute eine tüchtige Hausfrau des
Mittelstandes durch vollendete hauswirtschaftliche und hygienische Thätigkeit, durch
Kindererziehung, durch Kenntnis und Benutzung der hauswirtschaftlichen Maschinen
leisten kann; man übersehe nicht, wie einseitig die großen naturwisfenschaftlichen und
technischen Fortschritte sich bisher in den Dienst der Großindustrie gestellt haben, welche
segenspendende Vervollkommnung noch möglich ist, wenn sie nun auch in den Dienst
des Hauses treten. Nur die rohe, barbarische Hauswirtin der unteren Klassen kann
sagen, sie habe heute nichts mehr im Hause zu thun; vollends bei gesunder Wohnweise,
wenn zu jeder Wohnung ein Gärtchen gehört, ist die Hausfrau, ja sie mit ihren halb—
erwachsenen Kindern, auch heute voll beschäftigt und wird es künftig noch mehr sein,
trotz aller sie unterstützenden Schulen, Kaufläden und Gewerbe, trotzdem daß sie in
steigendem Maße fertige Produkte, ja fertiges Essen einkauft. Und neben ihrer Haus—
wirtschaft soll sie Zeit für Lektüre, Bildung, Musik, gemeinnützige und Vereinsthätigkeit
haben, gerade auch bis in die untersten Klassen hinein. Ohne das giebt es keine sociale
Rettung und Heilung! —
        <pb n="266" />
        254

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
2. Die Siedelungs⸗- und Wohnweise der gesellschaftlichen Gruppen;
Stadt und Land.

Niedere Kultur und Altertum: Ratzel, Völkerkunde. 3 Bde. 1885 ff. und 1894 ff. und die
übrige ethnologische Litteratur. — J. H, Krause, Deinokrates oder Hütte, Haus und Palast, Dorf,
Stadt und Residenz der alten Welt, 1863. — Kühn, Die griechische Kemenderafsung als Moment
der Entwickelung des Städtewesens im Altertum. Zeitschr. f Gesch. W. 4. — Derß, Entstehung der
Städte der Alten. 1878. — Rissen, Das Templum. 1869. — E. Curtius, Große und kleine
Städte (Altertum und Gegenwart). 18758. — Marquardt, Römische Staatsverwaltung 1. 1881
2. Aufl. — Mommsen, Römisches Staatsrecht. 1888. — Pöhlmann, Die Übervölkerung der
antiken Großstädte. 1884. — Jung, Die romanischen Landschaften des römischen Reiches. 1881.
Agrarische Siedelung im Mittelalter und in neuerer Zeit: Gaupp, Die germanischen An—
fiedelungen und Landteilungen, 1844. — Landau, Die Territorien. 1884. — v. Maurer, Einleitung
ur Geschichte der Mark-⸗, Hof- Dorf und Stadtverfafsung. 1854. — Der f., dehWwie der Dorfverfassung.
Bde. 1865—1866. — Ders., Geschichte der Fronhöse. 4 Bde. 18621863. — Arnold, Ansiedelungen
 und Wanderungen deutscher Stämme. 1875. — v. Inama-Sternegg, Untersuchungen
über das Hofsystem im Wittelalter. 1872. — Ders., Die Entwickelung der deutschen Alpendörfer.
Dn Taschenbuch. 3. F. 4. Bd. — Ders., Deutsche Wirtschaftsgeschichte. 8 Bde. 1879 ff. —
eitzen, Urkunden schlesischer Dörfer. Cod. dipl. Silesiae. 4. 1863. — Ders., Siedelung und Agrar—
wesen der Westgermanen und Ostgermanen, der Kelten, Römer, Finnen und Slaven. 3 Bde nebst Atlas.
1895. — H. Diet, Geschichte der Vereinödung im Hochstift Kempten. 18658. — Sering, Die Land—
politik der Vereinigten Staaten von Nordamerika. J. f. G.V. 1884. — Schlitte, Die Zusammen—
legung der Grundstücke. 3 Bde. 1886. — Vergl. noch die Litteratur beim Abschnitt „Eigentum“.
Mittelalterliches Städtewesen: Leo, Burgenbau und Burgeneinrichtung. Histor. Taschenbuch
1837. — Arnold, Geschichte der deutschen Freistädte. 2 Bde. 1854 — RNitzsch, Minisierialität
und Bürgertum. 1859. — Ders., Geschichte des deutschen Volkes. 3 Bde. 1883—85. — v. Maurer,
Geschichte der deutschen Stadtverfassung. 4 Bde. 1869-72. — Schäffle, Zur Lehre von den socialen
Stützorganen. 3. f. St. 1878. — Fnen Über die geogr. Lage der großen Städte. Ansichten d.
V. W. J (G. Aufl.), 1878. — Gengler, Deutsche Stadtrechtsaltertüͤmer. 1882. — Sohm, Die
Entstehung des deutschen Städtewesens. 1890. — Varges, Zur Entstehung der deutschen Stadt—
verfassung. J. f. N. 8. F. 6 ff. 1893 ff. — Ratzzel, Anthropogeographie. 2, 1898.
Über die neuere Verteilung der Bevölkerung: Dieterici, Über die Zunahme der Bevölkerun
im preuß. Staate in Bezug auf die Verteilung nach Stadt und Land.“ Abh. d. Berl. Ak. d. —
hist.-phil. Kl. 1837. — Rümelin, Stadt und Land. In R. und A. J, 1875. — Jannasch,
Wachstum und Konzentration der Bevölkerung des preuß. Staates. 3. d. pr. st. B 1878. —
Zur Eisenbahn- und Bevölkerungsstatistik der deutschen Städte. Monatsh. z. Stat. d., deutsch. Reiches
1878, Okt. 1884, Mai. — E. Mischler, Die Ansiedelungs- und Wohnverhältnisse in sterreich. Stat.
Monatsschr. 9, 1888. — G. Hansen, Die drei Bevölkerungsstusen. 1889. — Die Ursachen der
Verarmung mancher Kleinstädte. Deuische Gem.-Ztg. 1890 Nr. 1. — Brückner, Die Entwickelung
der großstädtischen Bevölkerung im Gebiete des deutschen Reiches. Allg. stat. Arch. 1, 1890. —
Longstaff, Rural depopulation. Journ. of the stat. sociéty. Sept. 1893. — Bücher, Die
inneren Wanderungen und das Städtewesen in ihrer entwickelungsgeschichtlichen Bedeutung. Entstehuug
der Volkswirtschaft 1893 u. 1898. — Wirminghaus, Stadt und Land unter dem Einfluß der
Binnenwanderung. J. f. N. 8. F. 9, 1895. — Kuczynski, Der Zug nach der Stadt. 1897. —
Ballod, Die deneih gut der städtischen und der läͤndlichen Bevölkerung. 1897. — Ders., Die
mittlere Lebensdauer in Stadt und Land. 1899. — G. v. Mayr, Bevölkerungsstatistik 1897, 8 26:
Das Anhäufungsverhältnis der Bevölkerung. — Brentano und Kuczynski, Die heutige Grundlage
 der deutschen Wehrkraft. 1900.

93. Vorbemerkung. Definitionen. Wie die Verwandten durch das Haus
und das gemeinsame Wirtschaften in ihm, so werden die etwas größeren Menschengruppen,
die Geschlechter, die Stämme, die Völker, durch das Zusammensiedeln, die Rachbar—
beziehungen und ihre wirtschaftlichen Folgen organisiert, verknüpft, zu einer Reihe der
wichtigsten Einrichtungen und konventionellen Ordnungen des Wirtschaftslebens ver—
anlaßt (vergl. oben S. 8). Die feste, dauernde Niederlassung der Menschen mit den
nun entstehenden Wohnplätzen, Bauten, Wegen und Grenzen, mit dem Acker- und
Hausbau, mit der Grundeigentumsverteilung an Gruppen, Familien und einzelne
(vergl. S. 198 ff., 2083 ff.) ist einer der wichtigsten Wendepunkte des wirtschaftlichen
Entwickelungsprozesses. Und vor allem die nun eintretende feste Verteilung der Be—
völkerung im Raume, wie sie in der Siedelung nach Höfen, Weilern, Dörfern, Städten
sich darstellt, auf Grund der wirtschaftlichen und sonstigen Bedürfnisse, der daran an—
tnüpfenden Sitten, Rechtssatzungen und Institutionen sich vollzieht, isi eine volkswirt—
        <pb n="267" />
        Die Begriffe: Hof, Weiler, Dorf, Stadt. 255

schaftliche Erscheinung, welche in ihrem Entwickelungsprozeß und gegenwärtigen Stande
untersucht und dargestellt sein will, die zugleich die Grundlage bildet sür das Verständnis
der Wirtschaften der Gebietskörperschaften, hauptsächlich der Gemeinde und des Staates.
Wie diese Siedelung von den natürlichen Urfachen des Klimas, des Bodens, der
Wasserverteilung ꝛc. abhängig sei, haben wir schon oben (S. 126—-139, hpts. S. 138)
zu zeigen gesucht. Hier bleibt die Aufgabe, sie von der historischen, gesellschaftlichen,
volkswirtschaftlichen Seite darzustellen. Das geschichtliche und geographische Material
dazu ist freilich sehr lückenhast, vielfach auch das vorhandene nicht genügend bearbeitet.
Der Gegenstand ist mit der ganzen Bau⸗, Gemeindeverfaffungs⸗ und Grundeigentums—
geschichte verquickt und soll hier doch ohne diese dargelegt werden; die Darstellung
und Schlußfolgerung muß unter diesen Schwierigkeiten leiden. Ein großes Hülfsmittel
bietet für die neuere Zeit und die Kulturstaaten die Statistik, obwohl auch sie gerade
in diesem Gebiete weniger vollendet ist als auf anderen.
Die Begriffe, welche wir dabei anwenden, Hof, Weiler, Dorf, Stadt, sind an—
scheinend so bekannt, daß ihre Definition kaum nötig scheinen könnte. Doch sind einige
Worte nicht überflüssig, weil in den Begriffen einerseits rein technisch-wirtschaftliche,
andererseits aber aber Auch stets institutionelle, sitten- und rechtsgefschichtliche Elemente
enthalten sind. Die isoliert liegende Einzelwohnung des Försters, Waldhüters, Eisenbahn—
wärters wird noch nicht als Hof bezeichnet, sondern nur die eines Ackerbauers mit Stall,
Scheune und Umzäunung, wenn dieses Anwesen den Mittelpunkt eines landwirtschaft⸗
lichen Betriebes bildet; eine Gegend mit Hofsystem ist eine solche, wo eine große oder
überwiegende Zahl der wirtschaftenden Familien so im Mittelpunkte ihrer Felder und
Weiden vereinzelt wohnt. Unter dem Dorfe verstehen wir das engere Zusammenwohnen
von einer Anzahl Ackerbauer, Fischer, ländlicher Tagelbhner ꝛc., die höchstens einige
Handwerker und andere Elemente (Geistliche, Schullehrer, Krämer) unter sich haben;
der Weiler ist eine Zusammensiedelung von wenigen Höfen und Familien, die aber nicht,
wie die Dorfbauern, durch Gemeindeverfassung, Kirche und ühnliches gleichsam eine
höhere Einheit und Verbindung erlangt haben. Die Stadt ist ein größerer Wohnplatz
als das Dorf, aber zugleich ein solcher, wo Verkehr, Handel, Gewerbe und weitere
Arbeitsteilung Platz gegriffen hat, ein Ort, der auf seiner Gemarkung nicht mehr
genügende Lebensmittel für alle seine Bewohner baut, der den wirtschaftlichen, ver—
waltungsmäßigen und geistigen Mittelpunkt seiner ländlichen Umgebung bildet. Man
denkt aber ebenso sehr daran, daß er mit Straßen und Brücken, mit Marktplatz, mit
Rat- und Kaufhaus und anderen größeren Bauten versehen, daß er durch Wall, Graben
und Mauern besser als das Dorf geschützt sei, wofern ein jolcher Schutz überhaupt noch
nötig ist; endlich daran, daß er eine hoͤhere politische und Gemeindeverfassung, gewisse
Rechtsvorzüge besitze. So steigert sich mit der Differenzierung der Wohnplätze ihr
technisch⸗wirtschaftlicher wie ihr institutioneller Charakter. Die Wohnplätze organisieren
sich und werden organisiert, sie werden, je höher sie stehen, konventionelle, in gewissem
Sinne immer künstlicher geordnete sociale und wirtschaftliche Körper und Gemeinschasten.
Je mehr das geschieht, je älter sie sind, desto mehr greifen neben den technisch natür—
lichen Ursachen, Sitte, Recht, Überlieferung, gesellschaftliche Ordnung in ihre Entwicke—
ung ein.
845. Die ältesten Siedelungen, die der heutigen Barbaren- und
asiatischen Halbkulturvölker. Wir haben gesehen, daß wir uns die ältesten
Menschen in Horden von 285 bis zu 100 Personen, ihre späteren Nachkommen in
Stämmen und Sippenverbänden gegliedert zu denken haben. Auf den Wanderungen und
bei den erst vorübergehenden, späler dauernden Siedelungen werden sie des Schutzes und
der Verteidigung, der Geselligkeit und des Zusammenwirkens wegen immer möglichst
bei einander oder in der Nähe geblieben sein; nur wo die Ernährung eine größere Zer—
streuung nötig machte, werden sie sich in kleine Gruppen geteilt haben, die dann aber
doch in der Nähe blieben. Erst die Versprengung und Verdrängung in kalte, unwirt—
liche Gebiete und Klimate hat auf solcher Wirtschaftsstufe das Vorkommen vereinzelt
lebender Familiengruppen erzeugt.
        <pb n="268" />
        256 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Gruppen von zehn bis dreißig kleinen Hütten, von ein paar Langhäusern trifft
man auch heute noch überwiegend bei den niedrigstehenden Rafsen. Sie beherbergen
kleine Stämme oder Teile derselben, je meist nicht mehr als 30—150 Menschen. Bei
den Negern wohnt häufig noch ein ganzer Stamm gedrängt um seinen Häuptling oder
in einigen nahen Dörfern. Die Dörfer liegen in nahen Gruppen zusammen, welche
dann wieder von größeren leeren Räumen umgeben sind. Einzelhöfe kommen auf solcher
Stufe der Entwickelung in besserem Klima nur selten, im Gebirge, im Walde, am Rande
des kulturfähigen Bodens vor. Hirten und Nomaden haben häufig größere Ortschaften
als die Hackbauern, weil sie, leicht beweglich, ihre Weideplätze vorübergehend ohne zu
große Schwierigkeit erreichen, sich periodisch zerstreuen und wieder versammeln können.
Ibn Batuta erzählt im 14. Jahrhundert von sehr großen, stadtartigen Zeltlagern der
tatarischen Sultanate in Südrußland. Größere Orte kommen im übrigen überhaupt
sehr selten vor, und so weit wir sie finden, haben fie den Charakter vergrößerter Dörfer,
d. h. es leben da zusammengedrängt die fünf- bis zehn- und mehrfache Zahl Hackbauern,
Hirten, primitiver Ackerbauern, weil der Boden und die sonstigen Lebensverhäͤltnisse die
Anhäufung gestatteten oder zu ihr nötigten (wie z. B. der enge Raum der Oase, der
Küstenrand ⁊c.). Diese Orte, aber auch meist die alten Dörfer sind durch Erdwälle
oder Verhaue geschützt; aber sie erhalten damit keinen wesentlich anderen Charakter als
die offenen Dörfser. Der vorhandene Jahrmarktsverkehr findet nicht in ihnen, sondern
etwa auf freien Grenzgebieten, an der Kreuzung von Karawanenstraßen außerhalb der
Orte statt. Etwaige Schutzbauten, starke Wälle, in die sich ganze Stämme auf einen
Berg, in Schluchten und Thäler zurückziehen können, fallen in solcher Zeit auch häufig
aicht mit den Dörfern zusammen.
Fast ganz Afrika, außer dem Nordrand und einigen füdafrikanischen Kolonien der
Europäer, ist heute noch stadtlos. Wohl giebt es da und dort Großdörfer und Resi—
denzen kriegerischer Häuptlinge von einigen tausend Seelen; aber sie haben nicht Stadt—
charakter. Auch ein großer Teil Asiens ist darüber nicht viel hinaus gekommen, wenn
auch China, Japan, Indien schon Orte bis 100000 und mehr Seelen besitzen. Die
Häuser und Bauten, das Leben und die Wirtschaftsweise hat sich noch nicht stark diffe—
renziert. In Japan wohnen etwa 120/0 der Menschen in Orten mit über 10000 Ein—
wohnern, fünf derselben sind Städte mit über 100 000. Aber, sagt Rathgen, Japan
ist kein Land der Städte; sie sind nicht zahlreich und unterscheiden sich von den Dörfern
nicht viel. Der britisch-indische Census bezeichnet von 717549 Wohnplätzen wohl etwas
über 2000 als towns; in ihnen wohnen 9,480/0 der Bevölkerung; von dem Rest der
Wohnplätze haben 1891 343052 unter 200 Seelen, 222996 aber 2-5500. Und bis
nach Rußland und Polen, Ungarn und die Balkanhalbinsel hinein hat sich eine Wohn- und
Siedelungsweise erhalten, welche überwiegend dorfartig geblieben ist. Es haben da freilich
befondere historische und wirtschaftliche Schicksale, Nachwirkungen kriegerischer Verfassung,
die Natur des Landes teilweise übergroße Dörfer wie in Ungarn, teilweise Städte geschaffen
und erhalten; aber der übrige Teil des Landes ist davon nicht wesentlich berührt. Von
China wird berichtet, daß dort neben großen Städten sehr viele große ummauerte
Dörfer vorhanden seien; ein Land der Städte, wie Westeuropa, ist es doch nicht.
Man wird so nicht zu weit gehen, wenn man fagt, für alle älteren und alle ein—
fachen wirtschaftlichen Zustände sei das Fehlen von Höfen und Städten das Vor—
herrschende; beides komme mehr nur als Ausnahme vor; das Zusammenwohnen in
kleinen Orten, in Menschengruppen von 30—300 Seelen, sei die Regel, habe viele Jahr—
tausende hindurch vorgeherrscht. Das Dorf giebt der Siedelung und Wohnweise dieser
Stämme und Völker seinen Charakter. Das Dorf entspricht dem vorwiegenden Leben vom
Hack⸗ und Ackerbau; das zu bebauende Land ist für 30—8300 Menschen meist in sehr
leicht erreichbarer Nähe zu haben; vier Geviertkilometer geben Getreidenahrung für 150
bis 400 Menschen; auch wo die Orte bis 1000 und mehr Seelen steigen, ist die Acker—
wirtschaft in Sommerhütten draußen leicht zu führen, wie das in Ungarn von den
großen Dörfern aus üblich ist. Ob die einzelnen Wohnplätze etwas größer oder kleiner,
langgestreckt oder um einen runden Platz herum gebaut, difen oder geschützt sind, das
        <pb n="269" />
        Ausschließliche Dorffiedelung der älteren Zeit. Antike Städtebildung. 257

hängt von Natur- und historischen Verhältnissen, von Frieden und Kampf, von Stammes—
organisation und Schicksal, von Bautechnik und Baumaterialien, auch von den kleinen
Verschiedenheiten des wirtschaftlichen Lebens ab. Die einzelnen Dörfer zeigen unter sich
keine erhebliche Verschiedenheit, keine Eigentümlichkeit.
Auch die höchststehenden Rassen, vor allem die indogermanischen Völker, haben nach
allem, was wir von ihnen wissen, in ihrer älteren Zeit ein solch' überwiegendes Wohnen
und Leben in kleinen Dörfern gehabt. Eine Anzahl Dörfer zusammen bildeten Gaue, Hundert—⸗
schaften oder wie die Gruppen hießen; mehrere solcher den Stamm, der sich meist mit einem
breiten, unbebauten Grenzgebiete umgab, das ihn von anderen Stämmen und Völkern
trennte und schützte. Die Dörfer und Gaue lagen im ganzen nicht so weit auseinander,
daß man sich nicht sehen, die Volksversammlung besuchen konnte. Gallien hatte zur Zeit
Cäsars 300—400 „populi“, während das heutige Frankreich 87 Departements und
362 Arrondissements zaͤhlt. Das letztere mit seinen 26 Geviertmeilen (1466 Geviert⸗
kilometern) dürfte also dem geographischen Gebiete eines damaligen „populus“ entsprechen.
Die Völkerschaft würde (bei 500 Seelen pro Geviertmeile) also etwa 18 000 Seelen
gezählt haben; sie würde 180 Ortschaften zu 100, 65 zu 200 Seelen umfaßt haben.
Gewiß eine rohe Schätzung, aber wenigstens eine konkrete Vorstellung!
95. Die antike Städtebildung haben wir in unserer Anschauung anzu—
knüpfen an Völker von 10 000 - 200 000 Seelen auf je etwa 1000-20 000 Geviert—
kilometern, die besonders begabt, technisch und kriegerisch vorangeschritten, im ganzen
noch als einheitliche Volksgemeinden sich fühlten; die lokalen dorse, die sippenschaftlichen
Verbände hatten als Teile derselben eben durch die zusammenfassende Entwickelung der
Gesamtvolksgemeinde es noch nicht zu ausgebildetem Sonderleben gebracht. War die
Ursache einer solchen Volks- und Staatsverfassung wesentlich politusch und kriegerisch,
drückte sie sich in einer starken Königsgewalt oder Aristokratie, in einer Priester- oder
Kriegerherrschaft aus, so fand die Centralisation und kriegerische Selbstbehauptung bau—
lich und wirtschaftlich hauptsächlich ihren Ausdruck in der Stadtgründung. In dem
bunten Kampfe der kleinen Völker und Kantone untereinander kamen nur die obenauf,
die es verstanden, den längst in der Regel als Zufluchtsort befestigten, als Versamm—
sungsort, Marktplatz und Truppenaushebungsort, sowie als Opfer- und Tempelstätte
dienenden Mittelpunkt der Volksgemeinde zu einer starken, belagerungsfähigen Festung,
zu einem größeren, die Regierung und Verteidigung erleichternden Wohnplatze zu erheben.
Zuerst die Westasiaten und Agypter, dann die Griechen und Römer kamen so frühe zu
einem größeren stadtartigen, befestigten Mittelpunkte für jede Volksgemeinde, der bei
günstiger Verkehrslage und in überreichen Tiefländern oft sehr großen Umfang annahm;
Babylon hatte zu Nebukadnezars Zeit eine Ringmauer von 8 Meilen Umfang, fast un—
übersteiglich, 380' hoch, 87 dick; das gab einen ungeheuren Wohn- und Lagerplatz,
Weiden und Acker für ein ganzes Volk einschließend, groͤßer als die Pariser Enceinte,
die 1830—1840 gebaut wurde. Die Griechen haben schon zu Homers Zeit da Städte,
wo politische Macht sich gefammelt. Und waren die meisten hellenischen Städte vor
Alexanders Zeiten nach unseren Vorstellungen klein, das Verlafsen der alten Siedelung
in Komen, d. h. Dorffchaften, das Zusammenbauen, der sogenannte Synoikismos gali
doch früh als das Zeichen der höheren griechischen gegenüber der barbarischen Kultur.
Von Theseus berichtet die Sage, er habe die Räte der übrigen Orte Attikas aufgehoben
und das ganze Gebiet unter den Rat Athens gestellt. Alle Wohlhabenden, Einfluß—
reichen mußten, wo der Synoikismos sich vollzogen, nun dauernd oder zeitweise in der
Hauptstadt leben. Selbst von den im Gebirge lebenden, der Stadtverfassung wider—
strebenden Arkadern berichtet Pausanias, man habe 40 Komen zu der Stadt Megalo—
polis vereinigt. Alle höhere politische und wirtschaftliche Kultur erschien eben den
Griechen nur möglich mit Hülfe einer einheitlichen, centralisierten Stadtgemeinde, in
der alle Glieder der Volksgemeinde Bürger waren. Wo die Schöpfung gelang, barg
die Stadt vielfach mit der Zeit einen übermäßigen Teil des Volkes dauernd in sich.
Die dem griechischen Heimatlande an Umfang und Bevölkerung gleichkommenden griechi⸗
schen Kolonialgebiete waren von Haus aus absichtliche Städtegruͤndungen mit mäßigen,
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4-6. Aufl. 7
        <pb n="270" />
        258 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

zu der Stadt gehörigem Landgebiete. Wir haben uns die griechischen Städte vor der
hellenistischen Zeit meist nicht über 2000 — 10 000 Seelen, aber auch die zugehörigen
Gebiete mit der Stadt meist nicht größer als 80 000 - 150 000 Seelen zu denken; nur
Athen und Syrakus waren damals schon Städte von etwa 100 000 Seelen. Kreta hatte
zur Zeit seiner Blüte auf 190 Geviertmeilen 100 Stadtbezirke, also hatte einer duͤrchschnittlich
 nur 1,9. Die Stadtstaaten waren Kantone, ihre Wirtschaft war eine Stadlb—
wirtschaft; das ganze Volk wurde als Stadtvolk bezeichnet; die Anlage und der Bau
der Stadt war das Wichtigste für die ganze Volksgemeinde; die Burg, die Tempel, die
Markthallen, die Straßen, die Wasserleitungen, die Häfen waren künstlerische und tech—
nische, oft viel bewunderte Werke großer Meister.
Mit König Philipp und Alexander, sowie unter ihren Nachfolgern breitet sich
über Makedonien und den ganzen Orient eine hellenistische, systematisch geförderte Städte—
gründung aus: in den weit ausgedehnten Reichen entstehen zahlreichere, teilweise die
altgriechischen Städte weit übertreffende Großstädte. Die konsularische Provinz Asien
hatte zur Römerzeit 500 Städte oder Stadtbezirke. Alexandria stieg auf 500 000 vbis
700 000, Seleukia auf 600 000, Antiochia, Pergamon und manche andere Städte auf
über 100 000 Seelen.
Die italische Entwickelung war der griechischen entsprechend. Die Italiker kamen
wahrscheinlich schon aus der Poebene mit der Kunst des Feldmessens, Lager- und Städle—
bauens nach Mittelitalien (Rifsen). Die Römer kennen eine historische Entwickelung
nur ab urbé condita. Die staͤdtisch-kriegerische Konzentration ihres Gemeinwefens hai
sie an die Spitze des Latinerbundes, dann der übrigen italischen Städtegebiete, endlich
des ganzen Erdkreises gebracht. Das römische Reich war von Anfang bis zu Ende nie
etwas wesentlich anderes als ein Städtebund mit führender Spitze; die verschiedenen,
nach innen sämtlich eine gewisse Selbständigkeit und eigene Verwaltung genießenden
Stadtbezirke waren nur je nach den verschiedenen Klassen von städtischen Rechten in
ihrer auswärtigen Politik, ihrem Gerichtswesen, ihrem Heerwesen, ihrem Steuerwesen der
römischen Herrschaft abgestuft unterthan. Nach der Eroberung Spaniens, Galliens, Afrikas,
Noricums, Illyriens, Daciens war es die Hauptaufgabe der römischen Politik, überall
an Stelle der alten ländlichen Stammesverfafsung die höhere Stadtbezirksverfassung zu
setzen, eine Anzahl kleiner Stämme zu Stadtgebieten zusammenzulegen, die höheren
Klassen für die Reize der städtischen Kultur zu gewinnen, und so in den zu Städten
auswachsenden Lagern wie in den zu Städten und Bezirksmittelpunkten erhobenen
größeren befestigten Orten eine geordnete lokale Administration zu schaffen. Vor allem
die ersten zwei bis drei Jahrhunderte der Kaiserzeit waren dieser großen volkswirtschaft⸗
lichen und administrativen Aufgabe gewidmet. In der spanischen Provinz Tarraconensis
gab es in der älteren Kaiserzeit neben 179 Städten und Stadtbezirken noch 114 länd—
liche Bezirke, als Ptolomäus im 2. Jahrhundert n. Chr. schrieb, 248 Stadt— auf
27 Landbezirke. Gallien hatte unter Augustus 64, später 125 Stadtbezirke; das kar—
thagische und das mauretanische Gebiet waren je auf 300 Städte gekommen.
Überall fiegten dabei die hellenisch-italischen Sitten: alle großen Grundbesitzer, alle
reichen Leute des Gebietes zogen nach der Stadt; alles platte Land, alle Doͤrfer und
Weiler gehörten zum Stadtbezirke, standen unter den städtischen Magistraten. Mögen
die ländlichen Gemeinden meist ein Gemeindevermögen, eigene Sakra, jährlich wechselnde
Ortsvorsteher, eine gewisse administrative Bedeutung gehabt haben, in allem Wichtigen
unterstand das platte Land den Stadtbeamten; die lokalen Allmenden sind wahrschein—
lich frühe in dem großen staatlichen ager publicus verschwunden.
Nachdem dieser Prozeß der Ausbildung von Städten als Spitzen der Bezirks—
verwaltung sich vollendet, nachdem in den großen Reichen der Diadochen und später
Roms ein Zuftand der friedlichen wirtschaftlichen Entwickelung und des großen Ver—
kehrs sich ausgebildet hatte, traten naturgemäß andere Ursachen für die Zunahme der
Städte mehr in den Vordergrund: Handel und Verkehr steigerten zumal an den Küsten
und Flüssen, an den großen Landstraßen und Straßenkreuzungen das Gedeihen; die
Gewerbe erblühten da und dort in den Städten; Kunft und Litteratur, Theater und
        <pb n="271" />
        Stadt und Stadtbezirk im Altertum.

259

Spiele lockten. Aus der großen Zahl kleiner und mittlerer erwuchsen nun manche zu
Großstädten, die einen reineren Städtetypus darstellten als einst die älteren asiatischen
und griechischen Städte: es waren Mittelpunkte der politischen Herrschaft großer Welt—
reiche, des damaligen Welthandels, der Administration großer Provinzen. Rom ist zur
Zeit vor Christi Geburt nach Beloch auf etwa 800 000, Karthago nach Jung in der
Kaiserzeit auf 700 000 zu schätzen; Mailand, Capua, Tarent, Konstantinopel waren
ebenfalls Großstädte; das alte Trier wird auf 50—60 000 Seelen geschätzt.
Teilweise verödete das platte Land; die Dörfer waren mannigfach in größere Hof⸗
güter verwandelt; die Latifundien erzeugten aber keine allgemeine Großgutswirtschaft,
sondern einzelne Höfe (villae) mit etwa 80 — 100 ha. Der Ruin der Kleinbauern durch
politische Urfachen, durch den Kriegsdienst, die Überschuldung, die überseeische Getreide—
konkurrenz trieb die Verarmten vielfach in die Städte. Und das ist nun das Eigen—
tümliche der spätgriechischen und wohl noch mehr der spätrömischen Großstädte, zumal
Roms, daß ihr Wachstum zwar nicht mehr so überwiegend auf dem kriegerischen und
administrativen Bedürfnis, aber auch nicht so, wie in der Neuzeit, auf wirtschaftlicher
Zweckmäßigkeit beruhte; natürlich hatte der Verkehr und die Industrie, die der konzen—
trierten Arbeitskräfte bedürfen — und zwar damals noch mehr als heute, weil die
Maschinen fehlten —, wesentlich mit zur Vergrößerung einzelner Städte, z. B. Alexan—
drias, gewirkt. Aber die Hunderttausende, welche den Hauptteil der römischen Stadt—
bevölkerung ausmachten, waren doch hauptsfächlich Sklaven und proletarische Klienten
der Millionäre, verarmte Landleute, bettelhafte Abenteurer und Almosenempfänger; alles
drängte nach Rom und Konstantinopel, wo man Getreidespenden erhalten (im Jahre
16 bekamen in Rom 320000 Köpfe solche) und glänzende Spiele umsonst sehen, Kurz⸗
weil und Zerstreuung aller Art haben konnte. Die verlumpten und verliederlichten
Existenzen machten mit den Sklaven in diesen Großstädten sicher zeitweise über die
Hälfte, wenn nicht drei Viertel der Volksmenge aus.
Es war eine ungesunde städtische Anhäufung, eine unglückliche, viel schlimmere
Landflucht als heute. Die Vorliebe aber für städtisches Leben und Wohnen ist seither
in vielen Teilen der Mittelmeerlande gleichsam erblich geblieben. In Sieilien, das so
wenig Gewerbe hat, wohnen noch heute viel mehr Menschen in Städten als in manchen
unserer hochentwickelten Industriestaaten: 680/0, während 1875 in Belgien 67, in
Sachsen 52, in Frankreich 420/0 darauf fielen.
Eine andere, bessere Errungenschaft der spätrömischen kaiserlichen Verwaltung war
es, daß sich endlich die Formen der Verfassung, der Verwaltung und des Rechts aus—
gebildet hatten, auf Grund deren ein geordnetes Zusammenwirken einer starken centra—
listischen Reichsgewalt mit zahlreichen relativ selbständigen Stadtbezirken möglich wurde.
An das Erbe dieser Traditionen konnten die germanischen Staaten anknüpfen, sie
brauchten eine Staatsgewalt nicht erst wieder aus der Stadt- oder Kantonverwaltung
deraus zu entwickeln.
86. Die mitteleuropäische Siedelungsweise der neueren Völker
auf dem platten Lande. Die Siedelungs- und Wohnweise in den Staaten nach
der Völkerwanderung ist teils (und zwar hauptsfächlich in Südeuropa) bedingt durch die
Nachwirkungen der aͤlteren Staats-, Kultur⸗ und Wirtschaftszustände, teils durch die
Lebens- und Wirtschaftsweise der keltischen, germanischen und slavischen Völker, welche
in der Hauptsache diese Staaten begründeten oder beherrschten. Die Kelten hatten schon
einen etwas entwickelteren Ackerbau, die Germanen und Slaven waren in kriegerischem
Vordringen begriffen, hatten nur vorübergehend feste Wohnsitze, lebten mehr von ihrer
Viehwirtschaft als ihrem Ackerbau. Bei allen drei Völkergruppen wird noch wesentlich
die alte indogermanische Gruppen- und Dorfsiedelung in der Zeit ihres Eindringens nach
Europa vorhanden gewesen sein.
Eine Erörterung der Nachwirkung der älteren Siedelung in Italien, den Alpen,
in Gallien würde uns hier zu weit führen. Nach Meitzens neuesten Forschungen ist fie
nördlich der Alpen geringer als man bisher oft annahm. Für Mitteleuropa bleibt die
Hauptfrage, wie die Seßhaftigkeit der Kelten und Germanen sich vollzogen habe. über
17 *
        <pb n="272" />
        260 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

die ersteren find wir noch weniger unterrichtet als über die letzteren. Ehe wir darauf
eingehen, seien zwei Vorbemerkungen gestattet, eine über die germanische Staatenbildung,
die andere über das Dorf- und Hofsystem.
Die kleinen germanischen Völkerschaften, noch nach Sippen gegliedert, hauptsfächlich
für Viehweide und kriegerische Zwecke nach Hundertschaften geordnet, gingen aus dem
langen Kampfe mit Rom als große Völkerbünde mit einem bereits starken Königtum
hervor. Es gelang ihnen so relativ rasch, große agrarische Flächenstaaten mit starker
striegs- und einer der römischen nachgebildeten Staatsverfassung zu schaffen; die Ver—
waltung der römischen Kirche, der große Grundbesitz des Königs und der weltlichen
wie geistlichen Aristokratie schufen in wenigen Jahrhunderten ein Rückgrat für die neuen
Staatsgebilde, so daß in den gegenüber den Mittelmeerländern ärmeren, kälteren, viel—
fach gebirgigen Landen auch ohne Städte ein geordneter, relativ befestigter Staats- und
Wirtschaftszustand in der Zeit von 800 bis 1100 n. Chr. eingetreten ist.
Für die Frage, ob, wie frühe, in welcher Art neben der Wohnweise im Dorfe die
Einzelsiedelung, die Hofverfaffung entstanden sei, scheint es nötig, neben der wirtschaftlich—
technischen Seite der Frage wesentlich auf zwei wichtige mitwirkende Umstände hinzu—
weisen. Der Einzelhof, der inmitten seiner Grundstücke wirtschaftet, kürzt die Wege,
spart an Kosten, stellt einen geschlosseneren Wirtschaftskörper dar als die Bauernwirt—
schaft im Dorfe. Aber das sind Vorzüge, die nicht so leicht bei niedriger Kultur er—
kannt werden und wirken können, und denen andere Nachteile für die verschiedensten
Lebenszwecke entgegenstehen. Das isolierte Wohnen raubt primitiven Menschen die ge—
wohnte gesellige Umgebung, oft auch den Schutz; sie entschließen sich meist nur dazu,
wo es durch besondere natürliche Umstände oder durch die Not des Lebens geboten ist.
Aber zweierlei kann den Übergang erleichtern. Einmal wenn es sich nicht um eine ein⸗
zelne kleine Familie handelt, sondern um eine große patriarchalische mit einigen Dutzend
Menschen, wenn ein Herrenhof, ein Kloster mit 12-24 Brüdern, kurz etwas stärkere,
geschlossenere sociale Gebilde, die Einzelsiedelung vollziehen. Solche Organe haben auch
am frühesten Sinn für die wirtschaftlichen Vorteile der Sondersiedelung; sie verfügen
über große Viehherden, die isoliert leichter zu erhalten und zu nützen sind. Und dann
scheint es uns denkbar, daß ein anderer Umstand die Einzelsiedelung früher fördern kann,
wenn nämlich die Familien in fest organisierten herrschaftlichen oder genossenschaftlichen
Verbänden herkömmlich leben und an ihnen einen gewissen festen Rückhalt auch auf dem
Hofe behalten. Unter diesen Voraussetzungen können einzelne Kreise und Völker früher
zum Hoffystem kommen als sonst.
Haben wir damit schon die Kompliziertheit des Problems berührt, so werden wir
auch begreifen, daß bis heute eine volle Klarheit und unbestrittene wissenschaftliche
Überzeugung über den agrarischen Siedelungsprozeß der neueren europäischen Völker nicht
besteht. Wir haben die wichtigsten der voneinander abweichenden Theorien kurz vor—
zuführen.
Möser und Kindlinger hatten im Geiste des 18. Jahrhunderts Einzelhöfe als das
Ursprüngliche hingestellt, aus denen erst viel später im Interesse des Schutzes Dörfer
und Städte entstanden seien. So sehr diese Annahme allem widerspricht, was wir heute
wissen, so ist doch zuzugeben, daß aus römischen Villen, auf früher romanischem Boden,
auch aus Fronhöfen und vereinzelten grundherrlichen und freien Bauernhöfen in späterer
Zeit mannigfach Dörfer hervorgingen, daß vom 11.-15. Jahrhundert oftmals Höfe,
Weiler und kleine Dörfer zu größeren Orten des Schutzes wegen zusammengelegt wurden,
wie auch die Städtebildung da und dort mit solcher Vereinigung verbunden war.
Nachdem die neuere Forschung die Feldgemeinschaft und das Dorfsystem ziemlich
allgemein als primitive Form des agrarischen Lebens der Kulturvölker aufgefunden hatte,
konnte Roscher den Möserschen Satz umkehren: das Hofsystem ist auf niederer Kultur—
stufe Ausnahme; wo man es fand, suchte man es wesentlich auf natürliche örtliche Ur—
sachen zurückzuführen; im Gebirgsthal, wo für Dörfer kein Platz ist, auf unfruchtbarem
Boden — so hieß es — entstanden die Höfe und die Weiler in späterer Zeit als die
        <pb n="273" />
        Hof⸗ und Dorfsystem nach Möser, Inama, Meitzen. 261

Dörfer. Es ist das die bis heute vorherrschende Meinung, die durch geographische
Siedelungsstudien mannigfache Unterstützung fand.
Nicht sowohl sie bekämpfen als etwas korrigieren wollte Inama mit seinen Unter—
suchungen über die Höfe und Dörfer der Alpen. Er will einzelne Urdörfer, die vor den
Höfen da gewesen sind, nicht leugnen. Aber er will beweisen, daß schon Tacitus Dorf
und Hof neben einander gekannt habe, daß die ältere Kulturausdehnung dann in den
Alpen mehr durch Höfe ersolgt sei, daß die größeren Dörfer ihnen erst als späteres
Ergebnis hauptsächlich der Grundherrschaft folgten. Die überwiegende Viehzucht und
Feldgraswirtschaft des älteren Mittelalters in den Alpen und die Careysche Vorstellung,
daß die Besiedelung von den Höhen und Berghängen ins Thal gegangen sei, haben
wesentlich seine Gedanken beherrscht, die er in seiner Wirtschaftsgeschichte aber dahin
modifiziert, daß in der ältesten Zeit die kleinen Dörfer, die einzelnen Ausbauten, die
sogenannten Bifange im Walde und die Höfe gar keinen festen Gegensatz gebildet hätten,
daß von der Karolinger Zeit an die Höfe zurückgetreten, die Doöͤrfer größer geworden
seien. Diese Auffassung stimmt mit dem Resultat der Untersuchungen von Landau,
Arnold und Mone, daß im älteren Mittelalter die Zahl der kleinen Niederlassungen
außerordentlich groß gewesen, später durch Kriege, grundherrschaftliche Tendenzen und
andere Ursachen ihre Zahl auf die Hälfte oder noch mehr zurückgegangen sei.
August Meitzen führt in seinen feinsinnigen Untersuchungen über die Siedelung
der West- und Ostgermanen, der Kelten, Romanen, Finnen und Slaven uns ein Bild
ganz Europas vor und bringt die verschiedene Siedelung wesentlich in Zusammenhang
mit dem verschiedenen Volkscharakter; die größeren Gebiete des Hofsystems in Deutsch—
land (Westfalen), Frankreich, Belgien, Großbritannien und Irland sieht er als ein
Ergebnis keltischer, die des Dorfsystems als ein solches germanischer Siedelung an. Er
läßt die indogermanischen Völker als Nomaden in Europa einwandern; die germanischen
Marken von etwa 228 Geviertmeilen (ca. 100 —400 Geviertkilometer) stellt er sich als
Sitze der Weidegenossenschaften von 120 Familien oder 1000 Seelen vor, die durch
Übervölkerung etwa im Beginne unserer Zeitrechnung genötigt sind, für den größeren
Teil ihrer weniger Vieh besitzenden Genossen zum Ackerbau und fester Siedelung in Dörfern
überzugehen: Gruppen von 53—380 Familien erwerben durch Vertrag mit der Mark—
genossenschaft feste Dorffluren, legen die Dörfer an, teilen das zunächst dem Dorfe liegende
Ackerland in Gewanne, d. h. längliche Quadrate nach der Bodengüte; jeder Hufner
erhält im Dorfe Hausstätte und Gartenland, in jedem Ackergewann seinen Anteil von
jen1/3 bis 1 Morgen, außerdem die Nutzung in der gemeinsamen Dorfweide, event. auch
noch in der Mark. Die vorherrschende Gleichheit der Germanen, ihr demokratisch—
genossenschaftlicher Geist soll so am leichtesten über jeden Streit weggekommen sein, die
Dorfverfassung als eine feste nationale Institution erzeugt haben, die sie nun überall
mit sich brachten, wo sie nach der Zeit ihrer Ausbildung eindrangen. Nur einzelne
früher in Bewegung gekommene Stämme, welche in ihrer nomadischen Verfaffung er—⸗
obernd in das Keltengebiet sich vorschoben, sollen da der keltischen Hofsiedelungsweise
sich bequemt haben.
Daß die Kelten relativ früh zum vorherrschenden Hofsystem gekommen seien, folgert
Meitzen in erster Linie aus dem Studium der irischen Altertümer; hauptsächlich die
irischen Karten und historischen Nachrichten aus der Zeit nach 1600 zeigen ihm eine
Landaufteilung nach Hofsystem, dessen Entstehung er in die Zeit gegen 600 n. Chr. ver—
setzt. Die vorher bestandenen Weidegenossenschaften von je sechzehn zusammen wohnenden
und unter einem Häuptling zusammen wirtschaftenden Familien läßt er, auch infolge
von Übervölkerung, in ackerbauende, separierte Hofbauern sich verwandeln. Die große
Gewalt der Klanhäuptlinge läßt ihm den Vorgang, der die wirtschaftliche Zweckmäßig—
keit für sich gehabt habe, begreiflich erscheinen. Und in ähnlicher Weise denkt er sich
einige Jahrhunderte früher den Übergang der gallischen Kelten zu Ackerbau und Hof—
system; das wirtschaftliche Leben derselben erscheint ihm demgemäß relativ hoch entwickelt.
Wir können hier auf die weiteren Stützen, welche Meitzen jeiner Hypothese durch
Untersuchung der Hausbauformen und der Wanderungen giebt, so wenig eingehen wie
        <pb n="274" />
        262 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

auf seine Studien über die Slaven und Finnen; auch eine kritische Würdigung ist hier
nicht am Platze. Wir können nur sagen: die Hypothese hat viele Anhänger, aber auch
erheblichen Widerspruch gefunden; sie erklärt geographische Verschiedenheiten, für die
bisher kein rechter Schlüssel da war; sie trägt der Stammes- und Volkseigentümlichkeit
Rechnung, welche man bisher nicht sehr berücksichtigte. Aber sie überspannt vielleicht
die Bedeutung der verschiedenen Gemütsanlage und Rechtsanschauung der Kelten und
Germanen, negiert wohl zu sehr den Einfluß der Bodenbeschaffenheit, der Bodengüte und
Ahnlichem. Sie führt überwiegend auf aristokratische und demokratische Gliederung der
Kelten und Germanen die verschiedene Siedelung zurück, wobei Zweifel und Fragen aller
Art offen bleiben. Wir selbst können nach unseren obigen Ausführungen uns Kelten
und Germanen nicht vorher als reine Nomaden denken; ebensowenig ist es uns leicht
glaublich, daß die Kelten so früh und allgemein ein Hofsystem sollten ausgebildet haben,
das doch sonst überwiegend ein Produkt höherer landwirischaftlicher Kultur oder natür—
licher Nötigung ist. Die Zweifel, welche Henning und Knapp ausgesprochen haben,
wird Meitzen wohl selbst erneuter Prüfung unterziehen. Am meisten begründet erscheint
der Einwurf, daß der keltische wie der germanische Üübergang von der Nomadenwirtschaft
zum Hof- und zum Dorfsystem bei Meitzen zu sehr als eine einmalige rationaliftisch
ersonnene Maßregel erscheint, während es sich doch wohl um einen Umbildungsprozeß
von vielen Jahrhunderten handelt.
Müssen wir so die Darlegung der Siedelungstheorien mit einem „non liquet“
abschließen, müssen wir auch konstatieren, daß alle Versuche, aus Stellen von Tacitus
das Dorf- oder das Hofsystem herauszulesen, vergeblich sind (nur daß die Germanen ihre
Holzhäuser nicht Mauer an Mauer, wie die Römer ihre Steinhäufer, bauten, sagt er),
müssen wir zugeben, daß überhaupt über der älteren europäischen Siedelungsgeschichte
bis ins 10. und 11. Jahrhundert zunächst noch ein gewisser Schleier ruht, — so viel
scheint mir doch wahrscheinlich, daß kleine Dörser wohl das Älteste waren, daß dann
vielfach Hofbildungen entstanden, vor allem durch Könige, Große, Klöster und ihre Leute,
daß dann mit der Zeit der Grundherrschaft, der Städtebildung, der höheren allgemeinen
Kultur die Dörfer sich erheblich vergrößerten, die Höfe teilweise wieder verschwanden,
und daß die eigentlich intensive Ausbildung des Hofsystems erst den letzten Jahr—
hunderten angehöre. Keußler hat auch für Rußland nachgewiesen, daß bis ins 16. Jahr⸗
hundert ganz kleine Dörfer und Höfe neben einander vorkommen, dann erst sich etwas
größere Dörfer bildeten.
Das Zusammenleben im Dorfe ist in dem Maße für die meisten menschlichen
Zwecke zuträglicher, als der Verkehr, die Presse und andere Verbindungen nach außen
fehlen, als die genossenschaftliche Schulung wie das tägliche Sich-helfen und Fördern
erstes Bedürfnis für die kleinen Ackerwirte ist. Unter fremdem Volkstum bei ungeord⸗
neten politischen und rechtlichen Zuständen gelingt ja eine Kolonisation als Einzelsiede⸗
lung überhaupt nicht leicht, wohl aber als genossenschaftliche Dorfsiedelung. Die ersten
agrarischen Kolonien Neuenglands im 17. Jahrhundert konnten nur als geschlosfene
Dorfanlagen sich halten. Und als im Anfange des 18. Jahrhunderts die preußische
Regierung ganz Littauen neu besiedelte und die bäuerlichen Verhältnisse dort neu orb—
nete, einigte man sich nach langer Debatte über Dorf- und Hoffystem doch für das erstere,
als unentbehrlich. Noch heute ist vielfach im Osten Deutschlands der einzeln lebende
Bauer auf isoliertem Hof zu schwach; er kann sich da nicht halten, wo das Dorf ganz
gut gedeiht. Die englische und die deutsche Landflucht in der Gegenwart geht nicht
sowohl von den Dörfern als von den isoliert oder in zu kleinen Gruppen wohnenden
Tagelöhnern aus. Einer gewissen Gesellschast bedarf der Mensch.
All' diesen Gründen steht nun freilich die größere wirtschaftliche Zweckmäßigkeit
des Hofsystems für den landwirtschaftlichen Betrieb gegenüber. Sie konnte aber, wie
wir schon bemerkten, doch erst bei höherer Kultur voll und ganz erfaßt werden. Die
Vereinddung des Hochstifts Kempten gehört dem achtzehnten Jahrhundert an, die Auflösung
der englischen Doͤrfer in isoliert liegende Pachthöfe der Zeit der Einhegung der Gemein—
heiten (1780 — 1860). Die isoliert wohnenden Marschbauern Deutschlands stammen auch
        <pb n="275" />
        Die neuere Ausdehnung des Hofsystems. Ältere Dorfgröße. 263

wesentlich aus der späteren Zeit, da neben den älteren Sommerdeichen die das ganze
Feld dauernd schützenden Winterdeiche entstanden. Was die deutsche Separation und
Güterzusammenleguͤng an ausgebauten Ritter- und Bauernhöfen geschaffen, ist ein Er—
gebnis unseres Jahrhunderts. Und ein Vermessungssystem wie das amerikanische, das
alles Land in Quädrate zerschneidet, deren Grenzen zugleich Wege sind, das überhaupt
keine Dörfer mehr kennt, sondern nur viereckige Farmen mit dem Hofe in der Mitte
derselben, ist nur in einer Zeit hoher Technik und ausgebildeten Verkehrswesens denkbar.
Wenn das spätrömische System der kaiserlichen Agrimensoren damit Ahnlichkeit hat, so
waren damals in Italien auch die Voraussetzungen ähnlich. Heute fehlt das Hofsystem
hier wie in Spanien und allen Mittelmeerländern.
Der künftige volle Sieg dieses Systems in den alten Gebieten des Dorfsystems ist nicht
zu erwarten, so sehr da und dort heute durch Ausbau an landwirtschaftlichen Produktionskosten
 gespart werden könnte. Es wird heute das isolierte Wohnen durch Posten, Eisen—
bahnen und Telegraphen, durch verbesserte Polizei und Justiz erleichtert. Ein Teil der
in den Städten übermäßig neben und über einander gehäuften Menschen drängt wohl
nach Licht, Luft und Raum in freierer Siedelung, aber nicht nach isoliertem Wohnen.
Es wird sich in dieser Beziehung wohl noch manches verschieben; aber die Dörfer der
alten Kulturländer werden nicht ganz verschwinden, schon weil zu große Werte in ihnen
stecken, die durch Auflösung zerstört würden, weil die bestehenden Sitten zu fest sitzen,
und auch zu viele andere wirtschaftliche und menschliche Motive dagegen sind.
Auf die Größe der hentigen Dörfer kommen wir nachher. Über die Größe derselben
im 15. Jahrhundert und später führe ich für 58 Pfälzer Orte nach Eulenburg an, daß
1439 1784 1880
alle je einer alle je einer alle je einer
zusammen durchschnittlich zusammen durchschnittlich uusammen durchschnittlich
7 Orte 3800 635 Einw., 5 562 927 Einw. 7724 2954 Einw.,
24 5562 231 ⸗ 11689 487 87 033 1548 ⸗
27 — 1902 70 — 4366 161 — 18 548 690 —
hatten. Ahnlich hat schon Mone nachgewiesen, daß die badischen Dörfer, welche jetzt
80 -300 Familien besitzen, im 15. Jahrhundert meist 10 —80 hatten; von 30 badischen
Städten und Dörfern verechnet er 1580 eine durchschnittliche Bevölkerung von 419,
1852 von 1310 Seelen. Von den russischen Dörfern meldet uns Keußler, sie hätten
im 16. Jahrhundert meist 16 —120 Einwohner, selten schon die letztere Zahl gehabt,
während jetzt größere Dörfer die Regel seien.
97. Die Entwickelung des Städtewesens vom Mittelalter bis
gegen 1800. Weit vorgreifend haben wir so den Gang der Siedelung auf dem Lande
bis zur Gegenwart zu zeichnen gesucht. Ihr steht nun die Städtebildung gegenüber,
die von der antiken sich dadurch unterscheidet, daß sie nicht so enge mit der Staats⸗
bildung zusammenhängt, daß sie, obwohl auch von militärisch-administrativen und kirch—
lichen Einflüffen berührt, doch mehr wirtschaftlichen Ursachen, hauptsächlich dem Bedürf⸗
nis von Handel und Gewerbe entspringt. Als der Übergang und die Vorbedingung
für höhere Kultur erscheint aber die Zeit der neueren Städtebildung ebenso wie die der
antiken. Es ist im Altertum wie in der neueren Zeit für alle Völker Jahrhunderte
lang die wichtigste volkswirtschaftliche Organisationsfrage, wo und wie das fehlende
städtische Leben zu erzeugen sei.
Die 96 angeblichen Städte (104640), welche der bekannte Geograph Ptolomäus
im 2. Jahrhunderten. Chr. für Deutschland aufzählt, waren wohl Fürstensitze, Stammes—
befestigungen, Versammlungsorte; daneben bestanden vielleicht einige dichtere Siedelungen
an Salzquellen und Furten. Die ersten eigentlichen Städte, die die Germanen sahen
und haßten, waren die 50 römischen Grenzkastelle und die befestigten Donau- und
Rheinstädte. Unsere Vorfahren bezeichneten sie als „Burgen“, wie bis ins 18. Jahr—
hundert jeder größere und befestigte Ort hieß. Die städtischen Mauern erschienen den
Germanen, sagt Ammianus Marcellinus, als die Mauern eines Grabes; sie zerstörten
        <pb n="276" />
        264 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

die Städte, siedelten sich auf dem Lande zerstreut an. Auch in Gallien geschah dies
zunächst überwiegend. Nur die Burgundionen bequemten sich früher zum Bewohnen
der „Burgen“, und in Italien haben Goten und Longobarden sich wohl noch rascher
in eine städtische Aristokratie als Nachfolger der römischen Possessoren umgewandelt.
So konnte das karolingische Reich in Italien und füdlich der Loire manche Städte
zählen, die direkt an die antiken anfschließen; auch in England bricht die romanische
Stadtentwickelung nicht ganz ab; am Rhein erheben sich bald wieder Koln, Mainz und
Straßburg, letzteres wird gegen 800 als civitas populosa bezeichnet. Aber im eigent⸗
lichen Deutschland fehlte es noch gegen 900 vollständig an Städten. Was es giebt,
sind ummauerte Pfalzen, Bischofssißze und Klöster. Im 10. Jahrhundert wird König
Heinrich als Städtebauer gepriesen, d. h. er baute Grenzkastelle gegen die Magyaren.
Es wurde von da an die Umwallung der Bischofssitze systematisch gefördert, und ebenso
haben die energischeren Könige den Festungsbau überhaupt betrieben, da und dort sogenannte
urbes regales mit Wall und Graben geschaffen; ihre Einwohner wurden als milite
asrarii bezeichnet. Aber es blieben diese Orie doch mehr befeftigte Dörfer als Städte,
und sie waren nicht sehr zahlreich. Sie versahen für gewisse bedrohte Gebiete die Stell⸗
eines Zufluchtsortes, welche für die Stämme und Volker früher befestigte Berge und
Burgwälle, im Altertum die Städte gespielt hatten. Daher findet man auch viele
Spuren, daß die ländlichen Umwohner am Bau helfen mußten.
Die Marktverleihungen an Bischöfe und Klöster vom . 11. Jahrhundert deuten
auf eine gewisse Hebung des Verkehrs an den periodisch stattfindenden Jahrmärkten
hin; aber wie es heute noch im Orient Markt- und Messeplätze giebt, wo einmal im
Jahre sich Tausende versammeln, ohne daß eine Stadt entsteht, fo war es auch damals
noch lange mit den meisten von der öffentlichen Gewalt oder der Kirche eingerichteten
Märkten.
Die Ausbildung einer kriegerisch organisierten Naturalverwaltung der großen
Grundherrschaften führte im 10.12. Jahrhundert vor allein zu einem planvollen
Burgenbau, zu einem System befestigter Fronhöfe, die aber schon ihrer Lage nach nur
zum kleineren Teile Mittelpunkte späterer Städte werden konnten. Wie die Reichstage
auf freiem Felde vor den Thoren der Bischofssitze Augsburg, Worms ꝛc. gehalten
wurden, so konnte Tribur 27/ Jahrhunderte Ntittelpunkt der denischen Reichsverwaltung
sein, ohne zur Stadt zu werden. (Nitzsch.)
In Italien, Frankreich, Belgien, ja sogar in England kam es durch die Reste
antiker städtischer Kultur und durch günstige Verkehrslage mancher Orte schon im 11.
und 12. Jahrhunderte wieder zu einem lebendigen städtischen Leben. Nach der Zu—
jammenstellung, welche Gneist auf Grund von Merewether macht, gehören von 275 eng⸗
lischen Städten der Zeit bis 1199 96, der von 1199 —1807 101, der von 1307— 1389
47, der von 1399 -1649 82 an. In Deutschland wuchsen fast nur die Rhein⸗ und
Donaustädte im Laufe des 11., Anfang des 12. Jahrhunderts kräftig empor; die Markt—
politik der Bischöfer hob den Verkehr; Weinhandel und Schiffahrt, die Anfänge des
Handels und des Gewerbes förderten die Ansammlung etwas zahlreicherer Bevölkerung
in und vor den Mauern. Aber neben Regensburg ist nur Koln durch seinen Verkehr
den Rhein hinab und über See gegen 1200 eine erhebliche Stadt. Freilich schon
900 Familien nannte man damals eine „ingens ciyitas“. Und der ganze Schwerpunkt
städtischer Entwickelung liegt für Deutschland doch erst am Ende des 12. und im
183. Jahrhundert; nicht vor dieser Zeit fällt der Begriff der Marktstatt und der der
Stadt überhaupt zusammen; es entsteht die bis heute gültige Bezeichnung: Stadt. Die
Städtebildung dauert im 14. Jahrhundert hauptsächlich im Osten Deutschlands fort und
klingt im 15. aus. Von da an sind wenig neue deutsche Städte mehr, und diese erst
vereinzelt im 18. Jahrhundert, häufiger mit der großen wirtschaftlichen Entwickelung
der letzten Menschenalter entstanden. Als Beweis feien solgende Zahlen angeführt, du
nach Genglers Cod. jur. municipalis berechnet find: je nach der ersten Urkunde oder
ersten Erwähnung des die Buchstaben A bis Du, d. h. 280 deutsche Städte umfassenden
Berzeichnisses fallen in die Zeit vor 1000 12 Stadte, ne 11 Jahrhundert 4, ins 12.
        <pb n="277" />
        Die deutsche Städtebildung bis ins 15. Jahrhundert, ihre Ursachen. 265

13, ins 18. 119, ins 14. 100, ins 15. 32. Diese 280 Städte dürften in der Zeit
ihres Aufkommens der Gesamtheit der deutschen Städte ungefähr entsprechen. Die älteren
sind die größeren, hauptsächlich durch Verkehr und Handel, Gewerbe und Marktwesen
emporgekommenen; die späteren Städte sind wesentlich die durch absichtliche Städtegründung
ins Leben gerufenen Landstädte, die den Marktmittelpunkt für einen ländlichen Bezirk
abgaben, diesen dadurch heben sollten. Vom 12.-15. Jahrhundert hat das Aufkommen
der deutschen Städte eine große Wanderbewegung vom Lande dahin erzeugt. Vom 15.
bis 17. handelt es sich um die letzten Stadien dieses Prozesses, dessen Endziel weniger
die Ausbildung großer als die zahlreicher Mittelpunkte der kleinen, selbständigen Wirt⸗
schaftsgebiete war. Wir werden im nächsten Kapitel die darauf fußende Stadtwirt—
ichaftspolitik kennen lernen.
Daß sehr viele der Städte aus einem Dorfe oder aus mehreren zusammengelegten
oder zusammenziehenden Dörfern erwuchsen, ist ebenso sicher, wie daß die meisten Jahr—
hunderte lang Ackerstädte blieben. Aber das erklärt nicht ihre Entstehung, nicht ihr Wesen.
Ebenso unzweifelhaft ist, daß die Umgebung mit Wall und Graben als Lebensbedingung
der Stadt damals und lange galt, daß das städtische Leben einen solchen Schutz voraus—
setzte; aber unzählige Burgen sind nicht zu Städten erwachsen; übrigens sind auch Dörfer
so geschützt worden. Jedenfalls könnte man außer der Umwallung auch den Bau größerer
Kirchen, Klöster, Pfalzen, Kauf- und Rathäuser, die baulichen Einrichtungen für Wage,
Münze, Handwerkerbänke und Ahnliches als Bedingung oder Folge des städtischen
Lebens anführen. Und das wirtschaftlich Entscheidende für die Stadtentstehung war doch
zuletzt, daß statt Dörfern und isolierten Fron⸗e und Bauernhöfen mit 20—150 Seelen
Wohnplätze mit 1000 -5000 Einwohnern entstanden waren, daß sie die wirtschaftlichen
Mittelpunkte ihrer Umgebung und weiterer Gebiete wurden, daß sie nicht bloß Bischofs—
sitze und Burgen, sondern Marktplätze und Sitze von Gewerbe und Handel waren;
endlich daß sie, durch eigentümliche Rechtsinstitutionen gefördert, zu besonderen vom
Lande getrennten Lebenskreisen, Genossenschaften, Korporationen erwuchsen.
Die Städte genossen, seit sie befestigt waren, eines besonderen königlichen Friedens;
sie wurden besondere Gerichtsbezirke; sie wußten die Rechtsverfassung oder, wenn man
will, das große Privileg für sich durchzusetzen, daß ihre Einwohner das ausschließliche
Recht des Handels und bald auch die persönliche Freiheit im Gegensatz zu den meist
unfreien Landbewohnern erhielten. Und weitere Privilegien kamen häufig hinzu: z. B.
die Zusicherung, daß auf einige Meilen kein anderer Markt errichtet werde, daß die
Straßen sie nicht umgehen, die durchziehenden Handelsleute in ihnen rasten und ver—
kaufen müssen (Stapelrecht); daß die ländliche Umgebung auf ihren Markt kommen
müsse; ferner die Verleihung von Zolleinnahmen und Zollfreiheiten und anderes mehr.
Die Summe von privat- und öffentlich-rechtlichen Satzungen, die so vom 12.-14. Jahrhundert
 als typisch für die Stadt sich herausbildeten, faßte man unter dem Begriff des
Stadtrechts zusammen und übertrug sie von Ort zu Ort.
Es ist ein großer, mehrere Jahrhunderte umspannender Prozeß, in welchen zuerst
die Könige, die Bischöfe, die Landesfürsten und großen Grundherren vieljach absichtlich
fördernd eingegriffen haben. Sie thaten es durch den Mauer- und anderen Bau, durch
Vergrößerung der Gemarkung, durch Herbeirufung von Kauf- und Gewerbsleuten, durch
Privilegien und Vorrechte aller Art, durch Übertragung des Gründungsgeschäftes an
kapitalkräftige Unternehmer, die dafür Gerichtseinkünfte und Schulzenrechte erhielten.
Die Gründung gelang aber doch nur, wenn die winrtschaftlichen und pfychologischen
Vorbedingungen dafür vorhanden waren. Das heißt: es gehörten zum Aufblühen der
Städte Menschen, die fähig waren, in genossenschaftlichem Geiste die komplizierte Ver—
waltung der größeren Gemeinwesen mehr und mehr selbst in die Hand zu nehmen. Und
es gehoͤrte eine Verdichtung der Bevölkerung, ein Bedürfnis nach Handwerk, Verkehr,
Marktwesen, eine gewisse Arbeitsteilung und Kapitalbildung, eine kaufkräftige Aristo—
kratie dazu.
Die älteren Städte erwuchsen im Südwesten Deutschlands gleichsam unter der
Vormundschaft der Könige, der Bischöfe, oft in Anlehnung an deren Fronhöfe und
        <pb n="278" />
        266 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

ihre Einrichtungen, in Niedersachsen mehr im Anschluß an die freie Initiative der Ein—
wohner. Von der Gründung Freiburgs und Hagenaus (1120 und 1164) an ist auch
im Südwesten der Sinn für städtische Selbständigkeit so gestiegen, daß die örtliche
Scheidung des königlichen oder fürstlichen Hofes von der Stadt als Bedingung der
Blüte gist. Und indem so Autonomie und Städtefreiheit, d. h. eine größere rechtliche
und verwaltungsmäßige Unabhängigkeit der Stadtkorporation gegenüber dem Stadiherrn
sich entwickelte (in Deutschland mehr als anderwärts, aber ähnlich doch auch in Frankreich,
England ꝛc.), vollendete sich der tiefgreifende wirtschaftspolitische und rechtliche Gegensatz
von Stadt und Land, der erst in neuester Zeit dem Grundsatze der Rechtsgleichheit wich.
Außer der städtischen, meist die der Dörfer wesentlich übertreffenden Gemarkung
hatten die Städte ursprünglich kein Gebiet; wohl kauften die reicheren nach und nach
Dörfer, Zollrechte, kleine Städte und ganze Herrschaften auf, nahmen Ritter als Aus—
bürger an, suchten überhaupt ihre Macht zu einer territorialen Herrschaft auf einige,
oft 10—15 Geviertmeilen auszuweiten; aber während das den italienischen großen
Kommunen gelang, weil sie viel mehr als die deutschen den Adel in ihren Mauern be—
hielten, war dies in Frankreich und England unmöglich durch die frühe Aufrichtung
einer königlichen Centralgewalt, und scheiterte die Bemühung der deutschen Städte in
den Städtekriegen an der festen Organisation der Aristokratie des platten Landes, an
der bereits vorhandenen Macht der Territorialherren.
Das wunderbar schnelle und glänzende Aufblühen der größeren deutschen Städte
von 1200— 1500 ist teils dem Zuge der Welthandelsstraße durch Deutschland und dem
deutschen Ostseehandel, teils der politischen Thatsache zu danken, daß nach dem Unter—
gange einer festen deutschen Centralgewalt die großen Städte fast unabhängige
Republiken wurden, die auch ohne großes eigenes Landgebiet durch eine energische, kluüge,
lokale Wirtschaftspolitik sowie durch ihre Geld- und Kreditwirtschaft bis gegen 1450 den
agrarischen territorialen Fürstentümern vielfach überlegen waren. Die Verlegung des
Welthandels nach dem atlantischen Ozean und der Sieg des Territorialfürstentums von
1450, ab nahm den Städten die Möglichkeit weiteren einseitigen Wachsstums; durch den
dreißigjährigen Krieg war der größere Teil der deutschen städtischen Kultur vernichtet.
Vom 18. Jahrhundert an konnten die deutschen Städte, wie schon seit Jahrhunderten
die französischen und englischen, nur noch als dem Fürstentum untergeordnete Gemeinden
emporkommen.
Die Größe der älteren Städte hat man bis vor kurzer Zeit außerordentlich über—
schätzt. Jetzt hat eine genaue, umfangreiche Forschung uns belehrt, daß vor 1400 wohl
aur die durch den Wasserverkehr begünstigten Städte Köln und Lübeck etwa 80 000 Seelen
überschritten, gegen 1600 vielleicht noch einige andere Städte einer solchen Zahl nahe
kamen oder sie übertrafen, daß die angesehensten und reichsten Städte ohne Wasser—
oerkehr sich zwischen 5000 und 25 000 Seelen bewegten, daß selbst viele relativ bedeutende
5000 Seelen nicht überschritten, und die Mehrzahl aller Städte zwischen 1000 und
5000 Seelen schwankte. Eine Parallele dazu ist, daß Rogers fürs Jahr 1877 London
35 000, fünf anderen englischen Städten 83000-11000, allen anderen englischen Städten
weniger zuschreibt. Burckhardt giebt Venedig 1422 190 000, Florenz 1388 90000 Seelen.
Ob die Meinung Cibrarios und Levasseurs, Mailand und Paris hätten gegen 1800
schon 200 000 Seelen gehabt, haltbar ist, scheint zweifelhaft. Daß sie, wie auch viel—
leicht Brügge und Gent, 5060 000 überschritten hatten, wenn Köln über 80000 be—
saß, ist denkbar. Daß Antwerpen 1549-61 aber etwa 200000 Einwohner erreicht, ist
so wahrscheinlich, wie daß London 1580 schon 180000 Seelen gehabt habe.
Wie die Bevölkerung überhaupt im Mittelalter viel stärkeren Wechseln ausgesetzt
war als heute, so sehen wir auch die einzelnen Städte je nach dem Wechsel ihrer
Lebensbedingungen rasch zunehmen und rasch sinken. Eine allgemeine Stocung der
städtischen Entwickelung tritt ziemlich allgemein vom 15. 17. Jahrhundert ein. Die
meisten Städte hatten die Größe erreicht, welche ihnen als Marktmittelpunkt ihrer Um—
zebung möglich war; nur wenige konnten darüber hinauskommen. Vom 16.18. Jahr⸗
hundert herrscht Verknöcherung, Erschwerung des Umzugs, der Wanderungen. Noch im
        <pb n="279" />
        Größe der älteren Städte. Stadtentwickelung anderwärts. 267

18. Jahrhundert galt es als selbstverständliche Schranke — selbst für einen Hamburger
wie Büsch —, daß die Kosten des Bezuges von Brennholz, Getreide und Ahnlichem
—D0
Landstädte wird in Deutschland schon im 16. Jahrhundert außerordentlich, auch in
England in dem Maße geklagt, wie dort der Bauernstand, welcher kleine Städte in der
Nähe braucht und erhält, zurückgeht. Dieser Rückgang beruhte daneben auf dem stärkeren
Wachsen der größeren Staͤdte infolge des verbesserten Verkehrs und der beginnenden
lokalen Arbeitsteilung. In Preußen hat die monarchische Politik dann im 17. bis
18. Jahrhundert gerade auch diese kleinen Städte durch Garnisonen, Lieferungen, Ver—
bote des Landhandwerks wieder zu heben gesucht.
Welchen Teil der Gesamtbevölkerung die städtische im Mittelalter ausgemacht habe,
darüber fehlen uns fast alle Nachrichten. Rogers führt für das England von 1377
8 Prozent an. Im ganzen können wir annehmen, daß, von einigen städte- und ver⸗
kehrsreichen Gegenden abgesehen, in ganz Europa die städtische Bevölkerung bis gegen
1800 10-20 Prozent der Gesamtzahl nicht leicht überschritten habe.
Dafür, daß vorübergehend in Not- und Kriegszeiten die Stadtbevölkerung im
Mittelalter oft aufs Doppelte wuchs, haben wir mancherlei sichere Anhaltspunkte; es
ist der Rest der alten Einrichtung, daß ganze Völkerschaften sich in den städtischen
Mittelpunkt zurückzogen. Eine übergroße, flottierende Fremdenbevölkerung haben nach
den Reiseberichten periodisch heute noch die afrikanischen Handelsorte. —
Über die städtische Entwickelung anderer Länder wissen wir wenig. Im Slaven—
gebiete hatten früher die Bezirke und kleinen Völkerschaften von 2210 Geviertmeilen
wenig oder nicht bewohnte Burgwalle als Rückzugsorte (Meitzen). Später waren es
hier und im Norden deutsche Kaufmanns- und Handwerkerkolonien, welche die Städte
nach deutscher Art gegründet oder als korporativ begünstigte Bevölkerungsgruppen den
Orten ihrer Niederlassung Bedeutung verschafft haben. Für Rußland berichtet Keußler,
daß erst 1648 —1700 eine Anzahl größerer Orte zu wirklich städtischem Leben gekommen
sei. Wo im Norden und Osten die Deutschen als Städtegründer auftraten, da hat man
ihnen später ihre Vorrechte genommen, suchte man den festgewurzelten Teil zu nationa—
lisieren, den anderen zu vertreiben, die heimische Bevölkerung durch verschiedene Privilegien
zum slädtischen Leben und Verkehr änzureizen; den Fremden wurde aller Landhandel
und Kleinhandel verboten, die einheimischen Marktorte erhielten die Vorrechte wie die
deutschen Städte und dergleichen mehr.
In den englisch-amerikanischen Kolonien hat man, wo nur eine agrarische Ent—
wickelung Platz griff, und es lange an allen Städten fehlte, zu ähnlichen städtefördern—
den Gesetzen und Einrichtungen gegriffen, wie die dänischen und schwedischen Könige fie
im 16. uͤnd 17. Jahrhundert erließen und geschaffen hatten. Ein virginisches Gesetz
von 1655 wollte in jeder Grafschaft eine Stadt mit dem Alleinrecht des Handels ins
Leben rufen. Ein Gesetz von 17085 hat denselben Zweck, es befreit die Stadtbewohner
vom Militärdienst, giebt jeder Stadt das Alleinrecht des Handels auf 5 Meilen.
98. Stadt uünd Land im 19. Jahrhundert. Die neuere Zeit hat, wie
für die städtische Entwickelung, so für das ganze Siedelungswesen andere Bedingungen
geschaffen. Zunächst haben die Verkehrsmittel sich ausgebildet wie niemals früher: die
Post im 16. und 17. Jahrhundert, die Kanäle im 18., die Chausseen und Vicinalwege
in der ersten Hälfte, die Eisenbahnen und Telegraphen in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts; dazu kam die Entwickelung der modernen Technik, welche zunächst
gewisse gewerbetreibende Städte außerordentlich rasch hob. Ebenso einflußreich war die
aͤllenthalben erfolgende Aufrichtung festerer staatlicher Gewalten auf viel größeren Ge—
bieten, einer geordneten Polizei, eines freien Verkehrs innerhalb der Staaten. In unserem
Jahrhundert fiel mit der Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit meist der ganze seit Jahr—
hunderten bestehende Vorzug der Städte für Gewerbe und Handel; Stadt und Land
wurden überall sich rechtlich gleichgestellt; die städtischen Mauern fielen, mit Ausnahme
einzelner Festungen, überall, in Preußen schon unter Friedrich Wilhelm J.; noch weniger
bedurften die Dorfer weiter solchen Schutzes: immer reiner und unbedingter konnten die
        <pb n="280" />
        2608 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

—ADDDD
Raume beherrschen, zumal wo eine gute, moderne Gemeindegesetzgebung und eine gute
Bau⸗, Gesundheits- und Niederlaffungspolizei jeder gesunden lokalen Wirtschaftsentwicke—
lung gleichmäßig Luft und Licht zum Gedeihen sicherte, während im 18. Jahrhundert
zwar die von fürstlicher Politik besonders begünstigien Residenzen, Handels- und Manu—⸗
fakturstädte sich vergrößert hatten, aber in allen anderen Städten und auf dem platten
Lande das starre Herkommen kaum eine Anderung gestattet hatte.
Die Ausbildung der Statistik setzt uns in den Stand, die seit 100 Jahren
erfolgten Umbildungen und den ganzen heutigen Zustand des Siedelungswesens anders
zu verfolgen als alle früheren Verhältnisse. Doch sei, wenn wir einige der wichtigsten
Zahlen in dieser Beziehung nun anführen, vorher kurz auch der Schwierigkeiten und
Schranken unserer diesbezüglichen Erkenntnis gedacht. Als Städte zählt man in Preußen
noch heute die Orte, die verwaltungsrechtlich unter der Städteordnung stehen, obwohl
gegen 1850 über Us derselben, 1890 1/4 nicht 2000 Einwohner hatten. Es wird oft⸗
mals in der Statistik Großstadt und Landstädtchen in einen Topf geworfen, obwohl sie
mindestens so verschieden sind wie Stadt und Land überhaupt. Auch wenn man, wie
jetzt die Statistiker allgemein pflegen, alle Orte über 2000 Seelen als Städte aussondert,
bleibt wirtschaftlich und socialpolitisch sehr Verschiedenes zusammengeworfen. Dann geben
uns die Zählungen in den meisten Ländern nur eine Statistik der Größe der politischen
Gemeinden, nicht der Wohnplätze: 500 auf 50 Höfen und 500 in einem Dorfe zusammen
Wohnende sind dabei oft statistisch nicht zu unterscheiden, während sie wirtschaftlich und
ocialpolitisch mindestens so große Gegensätze darstellen wie Stadt und Land, Großstadt
und Landstädtchen. In Preußen werden umgekehrt die so vielfach örtlich ganz zusammen
wohnenden Insassen eines Dorfes und des dazu gehörigen Gutsbezirkes als zwei gesonderte
Kommunaleinheiten gezählt. Wo man versuchte, die Nebenwohnplätze zu zählen, hat
man, wenigstens in Preußen, doch nicht ihre Bevölkerung erhoben, und außerdem un—
sichere Ergebnisse erhalten: im Jahre 1864 hatten die 1000 preußischen Städte 4857,
die 80248 ländlichen Gemeinden 21990, die 15619 selbständigen Gutsbezirke 7027
Nebenwohnplätze; man erhielt über 80000 Wohnplätze, während man 1861 71742
gezählt hatte. Was ist auch ein besonderer Wohnplaß: jedes Bahnwärterhaus, jedes
einzeln stehende Wirtshaus? Von Württemberg wissen wir, daß man dort 1822 und
1880 folgende Wohnplätze zählte:
Stadte Marktflecken Pfarrdörfer Dörfer Weiler Höfe Einzelne Häuser
1822: 182 175 1575 1878 2333 3384
1880:. 142 — 1284 414 3120 2587 2151
16098

Aber wir wissen die zugehörige Bevölkerung nicht und müssen zweifeln, ob die Zahl
der einzelnen Häuser richtig ist; einzig die Zunahme der Weiler, d. h. der Gemeinde—
parzellen von mehreren Wohnhäusern, erscheint als ein wahrscheinliches Resultat der
veränderten Verhältnisse. Den Gegensatz des Dorf- und Hofsystems können wir indirekt
zahlenmäßig durch geographische Vergleichung der württembergischen Ergebnisse etwas
verfolgen. Die Höfe und Weiler liegen hauptsächlich in Oberschwaben, d. h. im Donau—
kreise; im Unterland, d. h. im Neckarkreise, bestehen fast nur Dörfer; daher verteilen
sich die 623 000 Einwohner des Neckarkreises (1880) auf 1217, die 468 000 des Donau—
kreises auf 4808 Wohnplätze. Welch' großer Gegensatz!
Für Bayern haben wir (1871) eine Berechnung der durchschnittlichen Bevölkerung
der Gemeinden und Ortschaften, wobei mit Ausschluß der unmiitelbaren Städte folgende
Zahlen sich ergeben, welche andeuten, wo Höfe und Weiler, wo größere Dörfer vor—
herrschen. Es lebten in den folgenden Regierungsbezirken Einwohner:
Ober⸗ Nieder⸗ Ober—⸗ Mittel⸗ er⸗
pfalz bayern bayern Schwaben franken rg
in einer Ortschaft: 84 48 49 115 1385 108
in einer Gemeinde: 421 591 305 494 415 489
        <pb n="281" />
        Die heutige Bevölkerungsverteilung nach Wohnplätzen. 269

Kommen wir aber zur Sache und betrachten a) das Verhältnis der verschiedenen
Wohnplätze zur Fläche und Bevölkerungsdichtigkeit und die Größe der Dörfer, b) die
absolute und relative Verteilung der Bevölkerung nach Stadt und Land, sowie ihre
verschiedene Zunahme.
a) Die Länder mit dichter Bevölkerung sind im ganzen auch die städtereichen. In
Pommern kommt nach Franz auf 8, in Preußisch Sachsen auf 8, im Königreiche Sachsen
auf 2 Geviertmeilen eine Stadt, eine solche von über 10 000 Seelen kommt nach Viebahn
im östlichen Preußen auf 75, im westlichen auf 36, in Sachsen auf 27 Geviertmeilen.
Nach der Reichsstatistik von 1875 kommt ein Ort von über 2000 Seelen in Ostpreußen
auf 5334, in Pommern, Brandenburg, Posen auf 380, in Hannover auf 311, in Schlesien
auf 194, im Königreich Sachsen auf 97, am Rhein auf 78, in Bayern auf 466, in
Württemberg, Elsaß ꝛc. auf 146 Geviertkilometer. Die Rheinprovinz ist dreimal so dicht
bevölkert wie Ostpreußen; dort wohnen von 100 Einwohnern 60, hier 28 in Orten
von über 2000 Seelen. Aber diese Regel hat doch viele Ausnahmen, weil natürliche
und historische Ursachen eine erhebliche Bevölkerungsdichtigkeit auch ohne intenstve
Städteentwickelung erzeugen können. Horn berechnet für 1850, daß Preußen mit 280/0,
Belgien mit 250/0 Städtebevölkerung 2218 und 8090 Seelen pro Geviertmeile hätten;
Schlesien und Sachsen haben etwa gleiche Bevölkerungsdichtigkeit, aber Sachsen erheblich
mehr Städte. Die wenig bevölkerten Gegenden haben vielfach das Hofsystem; die reich—
bevölkerten sind die der großen Dörfer. Im Jahre 1849 —-650 hatte eine Landgemeinde
in Holland 1744, im preußischen Staate 302 Seelen; im Regierungsbezirk Gumbinnen
151 in Düsseldorf 404 Seelen. Im Jahre 1875 zählte durchschnittlich Seelen:

In:

Preu⸗
ßen

Kran⸗
den⸗
hura

Pom⸗
mern

Posen

Schle⸗
sien

Sach⸗
sen

Han⸗
wig⸗
Fold. nover

West⸗- Hessen⸗ Rhein⸗
Sest— —

—

eine Landgemeinde
ein Gutsbezirk

251 108 288
1151 115 14

288 460
1311891

406 3862 — 357
64 1803179

8741 485 781
101 34144

Von den 87 026 Landgemeinden des preußischen Staates haben 1875 fast 15 000 unter
200 Seelen (darunter 3448 in Ostpreußen), etwa 14000 haben 2-500. 6000 500
bis 1000, der kleine Rest über 1000 Seelen gehabt.
bp) Die wichtigste Bewegung der neueren Zeit ist die stärkere Zunahme der Städte,
wie sie uns in den absoluten und relativen Zahlen der Stadt- und Landbevölkerung
entgegentritt. Ich führe zunächst einige wichtige Zahlen an; die Bevölkerung ist in
Muͤlfonen ausgedrückt; als Städte sind für Deutschland und Frankreich die Orte über
2000, für die Vereinigten Staaten die über 8000 gezählt.
Deutsches Reich Frankreich
Städte 09/0 Land 2,0 Städte 2/0 Land —
1871 14,8 86,1 26,22 68,9 1846 8,6 24,4 268 75,6
1880 18,7 414 26,5 88,6 1886 13,8 35.9 24,5 64,0
18890 283,2 47,0 26,2 3183,0.
Vereinigte Staaten
Städte 0/0 das übrige 0/0
Land

Schottland
Sftz o 3 0/0 ländliche
Stãdte /o0 Dörfer 90 ee d/0
1800 0,2 2,3 1871 1,0 58,1 0,88 11,6 1,02 80,4
1840 1,8 8,5 15,6 91,5 1891 2,6 65,4 0446 11,6 0,92 23,0
1870 80 2099 304 791
1890 18,2 29,1 44,8 70,8.
Wir sehen, daß die absolute ländliche Bevölkerung nur in Frankreich erheblich abnahm,
in den Bereinigten Staaten sogar stark zunahm, wie auch die schottischen Dörfer wuchsen,
nur die Einzelfiedelungen zurückgingen. Freilich zeigen solch' summarische Zahlen nicht
        <pb n="282" />
        270 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

das einzelne. In England ging die Bevölkerung 1871 591 in 11 Grafschaften um
10— 160640 in 28 um 5—80s0 absolut zurück; in den drei Getreidegrafschaften Norfolk,
Suffolk, Esser 18853191 um 18,8/0, in vier westlichen, jetzt überwiegend als Weide—
grafschaften charakterisierten 1841 91 um 22,80,0. Ebenso zeigt sich bei uns neuerdings
in vielen der östlichen agrarischen Distrikte, für Frankreich in zahlreichen Departements
eine absolute Abnahme; dort klagte man schon im 18. Jahrhundert über die Landflucht.
Die absolute oder relative Abnahme der Landbevölkerung ist außerhalb Europas
kaum vorhanden, in Europa ist sie sehr verschieden, aber fast überall zu konstatieren;
am stärksten in England und Frankreich. Der Eintritt der ganzen Veränderung isi
nicht vor 1840 -50 zu setzen, d. h. nicht vor die Zeit der modernen Verkehrsmittel.
Natürlich kam auch vor 1840 wesentlich in Betracht, ob und in wie weit eine Zunahme
der landwirtschaftlichen Bevölkerung im einzelnen noch nach Boden, vorheriger laͤndlicher
Bevölkerung, Besitz- und Pachtverhältnifsen, unbebautem Land möglich war. Daß eine
solche bis in die Mitte unseres Jahrhunderts vielfach vorkam, beweisen folgende An—
gaben. In der Kurmark hatte 1748-86 das platte Land jährlich um 1,28, die
Städte (ohne Berlin) um 0,48 0/0 zugenommen; in dem Jahrhundert 1748 —1846 stieg
das platte Land der Kurmark um 28300, die Städte (ohne Berlin) um 261, also fasßt
gleich. Bis in die vierziger Jahre nahmen von allen preußischen Provinzen die östlichen
Pommern, Preußen), ůüͤberwiegend ländlichen, am meisten zu; von 1829 —86 blieb in
Belgien das Verhältnis von Stadt und Land fast gleich, in Holland nahm noch
1839 —-49 das platte Land etwas mehr zu.
Wie sehr man neben der Frage der prozentualen Zu- und Abnahme von Stadt
und Land die absoluten Zahlen der Landbevölkerung im Auge behalten muß, wenn man
die sogenannte Landflucht, die gewiß in manchen Gegenden großen und bedenklichen
Umfang neuerdings angenommen hat, richtig schätzen will, lehren die folgenden Zahlen.
Sie geben die landwirtschaftliche Bevölkerung auf je 100 Hektar landwirtschaftlicher Fläche:

im Regierungsbezirk Gumbinnen
⸗ Stettin ..
in der bayerischen Pfalz. ..
im württembergischen Neckarkreis
Also überall eine Abnahme der absoluten Zahlen; aber es bleibt jedenfalls in den
Gegenden des Kleinbesitzes ein genügender Bestand. Und man sieht, daß in erster Linie
die übermäßige Anhäufung des Grundbesitzes in wenigen Händen die Landbevölkerung
im deutschen Osten absolut zu klein macht.
Wie mäßig in der Zeit vor den Eisenbahnen die Zunahme auch besonders glück—
lich gelegener, industriell oder durch Handel hervorragender Städte gegen später war,
mögen folgende Zahlen lehren, die freilich nicht nur die Zunahme der alten Städte,
sondern auch die Einverleibungen von Vororten wiederspiegeln:
Es hatten Seelen:

1882 1895
54,00 47,7 Personen,
10383 36
906 871
123.4 116.3

Danzig

Leipzig Maadeburg

Breslaun“ Nürnbera! Köniasberg

Hamburg
1600 20000
1700 100 000

20 34000
1750 30000 1740 15 000 1757 84000 1745 40000
800 31900 1808 80 1817 6 800
810 303 840 24766 1847 47 000
1890 119714 is 358 331438 3 33 334710 1890 3331888 18—
—

1735 42000
1750 53 000
1802 56000
1837 69600

1842 160 0900
862 210000
1890 569260
1900 705 738

.Von den englischen Städten freilich sind
Hälfte des 19. Jahrhunderts erheblich gewachsen.

viele schon im 18. und in der ersten
        <pb n="283" />
        Die Zunahme der städtischen Bevölkerung. 271

Eine genauere Statistik, wie sich die gesamte Bevölkerung nach der abgestuften
Bröße der Wohnorte verteile, ist nur vereinzelt, z. B. in Hsterreich 1880, erhoben.
Ich teile aus dieser Statistik folgendes mit: Es lebten in Ortschaften bis 500 Ein—
wohner von je 1000 Menschen 822,7 (in Kärnten 767, in Oberösterreich 690, in
Niederösterreich 238), in solchen von 5300 —- 1000 Einwohnern 2085,6, in solchen von
1000 -2000 175,4, in solchen von 2000—5000 127,1 in solchen von 5000 - 10 000
41,2, in solchen von über 10000 128,0. In Deutschland hat die Reichsstatistik seit
1861 1. Großstädte mit über 100000, 2. Mittelstädte mit 20 -100 000, 3. Kleinstädte
mit 5000 -20 000, 4. Landstädte mit 2000 -5000 und b. plattes Land unter 2000 Seelen
unterschieden. Die Ergebnisse stellten sich:

—1871 — 1880 o/0 1890 — 1895 —
5 8 1.,96 Mill. 4,8 14 3,27 Mill. 7,2 6,553 Mill. 183,2 28 7,28 Mill. 13,9
2. 75 3,14 ⸗ 7,6 102 4,02 ⸗ 89 4,93 ⸗ 10,09 150 5,588 ⸗1090,7
3. 520 158 118 641 367 185 636. 139 796 70513
4. 1716 5,005- 12432,4 1950 5,74 -⸗ 123,7 5,81 ⸗ 11,7 2068 6,16— 11,8
3. 26,216339 2651 858,6 285,81 52,2 26,22 ⸗ 50,1
Man hat hauptsächlich die Wirkung der Eisenbahnen 1867—80 auf diese Größenklassen
untersucht und fand, daß die Groß- und Mittelstädte alle solche Verbindung hatten und
um 2,9 und 2,4/0, von den Kleinstädten die mit Bahn um 1,4—-1,80/0, die ohne Bahn
um 2,80/60, die Landstädte mit und ohne Bahn etwa gleich 10/0 zunahmen. Eine ältere
preußische Berechnung für 1840 —585 hatte ergeben, daß der Staat um 14,4, das Land
um 12,1, die Städte unter 30000 Seelen um 19,6, die darüber um 32,4 0/0 zu—
genommen hatten.
Die Großstädte mit über 100 000 Seelen betrugen nach den letzten Zählungen des
Decenniums 1890 — 1900 in den Vereinigten Staaten 18,6, in Frankreich 12,4, in
Deutschland 16,2, in Italien 6, in Großbritannien 29,00/0 der Bevölkerung. Es gab
solche Städte: in Deutschland 88, in Großbritannien und Irland 30, in Frankreich 12,
in Rußland 19, in Hstexrxreich 5, in den Vereinigten Staaten von Amerika 88, zusammen in
diesen 6 Ländern 137. Über eine Million hatten in Europa 1890 5 Städte: London 4,2,
Paris 2,4, Berlin 1,5, Wien 1,8, Petersburg 1,08. Die Bevölkerung in Orten über
2000 Seelen war 1875 in Rußland 10, in Bayern 26, in den meisten deutschen Staaten
33—42, in Frankreich 42, in Belgien 67, in Holland 290/0; in Preußen 1817 21,
1880 420/0. England und Wales hatte 1891 62 Städte mit über 50000 Einwohnern,
gleich 40,60/0 der Bevölkerung, die gesamte städtische Bevölkerung war 719/0. Von
1000 Einwohnern lebten 1890 in Großstädten von über 100 000 Seelen in Groß—
britannien-Jrland 285, in der europäischen Türkei 218, in den Niederlanden und
Belgien 179 und 169, in Deutschland 135, in Frankreich 119, in Italien 100.
Das prozentuale jährliche Wachstum war in Preußen 1885 —90 in den Städten
21,350/00, in den Landgemeinden 85,940/00, in den Gutsbezirken 1,810/00; in 10 Jahren
(1881 und 1882 bis 1880 und 1891) nahmen zu: Paris 8,8, London 10,4, Leipzig 20,5,
Berlin 40,2, Rom 458,20/0, also sehr verschieden. Auch zeitlich ist das Anwachsen der
Städte ein sehr schwankendes. Man konnte 1890 vielfach den Eindruck haben, sie seien
jetzt gesfättigt, aber teilweise stieg die Zunahme wieder 1895—1900.
Daß das große Wachstum wesentlich auf Zuwanderung beruht, nicht auf eigener
Vermehrung, ist selbstverständlich. Nicht ebenso bekannt war lange, daß die Zuwande—
rung meist aus der Nähe stammt, und daß auch das platte Land einen so sehr starken
Bevölkerungsaustausch, eine bedeutende zugewanderte Bevölkerung hat. In Bayern
waren 1871
in den Städten. .. 507381 Ortsgeborene, 519 499 Zugewanderte,
Landgemeinden . 2467768 ⸗ 1357 981
Nur die große Zuwanderung nach den alexandrinischen und spätrömischen Städten
kann dem Umfange nach mit der heutigen verglichen werden; die mittelalterliche war
nicht so groß. Gesunder als die antike ist die heutige sicher, weil sie mehr auf
derechtigten wirtschaftlichen Motiven beruht, das Land nicht so entvölkert wie damals.
        <pb n="284" />
        272 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Ohne Bedenken und große Schattenseiten, auf die wir zurückkommen, ist sie auch heute
nicht. Die Umbildung und die Wanderungen erzeugen Kämpfe und Schwierigkeiten
aller Art. Bücher sagt mit Recht: der Zug nach der Stadt versetze zahlreiche Menschen
fast plötzlich aus einer natural- in eine geld- und kreditwirtschaftliche Lebenssphäre, und
die socialen Gewohnheiten seien dadurch in einer Weise bedroht, welche den Menschen⸗
freund mit schweren Sorgen erfülle. Aber er fügt bei, man überschätze heute doch oft
die Mobilisierung der Gesellschaft sehr; der heutige Arbeiter wandere weniger als früher
der Geselle; die Mehrzahl der Wanderungen suche ihr Ziel in der Nähe, oft nur im
nächsten Dorfse. Und im ganzen entspreche die Wanderung eben der durch den neuen
Verkehr nötig gewordenen Verlegung aller Standorte der Industrie und der Land—
wirtschaft, der Umbildung aus den Zuständen der Stadt- und Territorial- in die der
National- und Weltwirtschaft.
Das ist alles richtig im ganzen; aber ob im einzelnen die Wogen nicht zu weit
gehen, nach falschen Zielen hinfluten, ob nicht neben berechtigten wirtfchaftlichen Motiven
andere nicht wirtschaftliche, sittlich zweifelhafte mitspielen, ungünstige Nebenfolgen ein—
treten, das sind offene Fragen, die freilich nicht generell zu beantworten sind.
99. Eine Zufammenfassung der Ergebnisse unserer vorstehenden histo⸗
rischen Ausführungen wird etwa dahin lauten:
a) Die Menschen haben nicht bloß das notwendige Bedürfnis, in Familiengruppen
von 4-10, sondern auch in größeren Gruppen von 20, 50, 100, 1000 und mehr
Menschen so zusfammen zu leben, daß die Nachbarn zum Verschiedensten zusammenwirken,
sich täglich sehen können. Für gewisse Zwecke reicht es freilich, wenn die aufeinander
Angewiesenen sich jährlich ein- oder ein paar Mal oder auch monatlich oder wöchentlich
sehen oder versammeln können: so z. B. für Gerichts- und Verwaltungs-, Markt- und
einzelne Kulturzwecke. Aber das sind die beschränkteren Aufgaben, und sie leiden, je größer
die Wege werden. Im übrigen liegt die Notwendigkeit des nachbarlichen Wohnens in
den gesamten Zwecken, welche die Menschen aus irgend welchen Ursachen besser gemeinsam,
in nachbarlichem Austausch und Kontakt verfolgen. Es kommt das Verschiedenartigste da
in Betracht; scheiden wir mal die nicht wirtschaftlichen und die wirtschaftlichen Zwecke;
von den nicht wirtschaftlichen stehen voran: das Bedürfnis der Geselligkeit, der Unter—
haltung, des gegenseitigen Schutzes gegen Feinde, bei höherer Kultur das der Schule, des
Kirchbesuches. Von den wirtschaftlichen Zwecken können die primitivsten auch von einzelnen
isoliert wohnenden Familien bis auf einen gewissen Grad verfolgt werden: z. B. die
Fischerei, die Jagd, der Hack- und Ackerbau. Aber wir sahen schon, daß die Biehzucht,
die Feldgemeinschaft, der Hausbau und Schiffsbau selbst auf niedriger Stufe doch besser
von Genossenschaften in die Hand genommen wird. Vollends jede Arbeitsteilung, die
gewerbliche Thätigkeit, der Handel ist bei dem zerstreuten Wohnen zwar nicht unmöglich —
man denke an den Hausierer, den gewerblichen Wanderarbeiter auf der Stör —, aber
jehr erschwert. Jede höhere Entwickelung der Staatsverwaltung, der Kirche, gewisser
aristokratischer Kreise mit großen Scharen von Dienern, der Geld- und Kreditwirtschaft,
des geistigen Lebens setzt gedrängteres Wohnen wenigstens für einen Teil der Bevölkerung
voraus. Aber ein solches hat seine engen Grenzen; wo 500, 1000 und mehr Ackerbau—
familien als Nachbarn zusammen wohnen wollen, werden die Wege zum Ackerfelde zu
lang und zu zeitraubend. Thünen, hat berechnet, daß ein großer Teil unserer von Dorf
oder Hof zu entfernt liegenden Acker deshalb keinen Reinertrag geben. Das enge
Wohnen macht die Orte ungesund; mehr als einige Stockwerke können nicht übereinander
getürmt werden; wo statt ein und zwei Familien zwanzig bis fünfzig in einem Hause
wohnen, wird das Familienleben und die Sittlichkeit bedroht oder ist nur durch kom—
plizierte Ordnungen in Reinheit zu erhalten; wo zu viel Menschen einander Luft, Licht,
Raum nehmen, da steigern sich alle Reibungen und Konflikte, wird auch alles wirt—
schaftliche Leben schwieriger, in vieler Hinsicht teurer.
So entstehen für alle socialen Gruppen und Individuen, für jede Zeit, auf jedem
Boden eine Summe von teils sich gegenseitig steigernden, teils sich begrenzenden und
widersprechenden Motiven, welche hier auf konzentrierteres, dort wieder auf gerstreuteres
        <pb n="285" />
        Die Tendenzen der Konzentration und der Decentralisation der Wohnweise. 273

Wohnen und Siedeln hindrängen. Und je nachdem die Menschen die Zwecke und die
Möglichkeit ihrer Durchführung klar erkennen oder nicht, je nachdem die natürlichen
ortlichen Vorbedingungen in ihrem Verhältnis zu den Zwecken klar oder unklar erfaßt
werden, desto mehr oder weniger werden die Familien und größeren Gruppen, die Massen
und die Obrigkeiten darauf hindrängen, das Maximum der Förderung und das Minimum
der Hinderung für ihre gesamten Zwecke durch die Art ihrer Siedelung zu erreichen.
Das Einzelne der Ergebnisse ist dabei von Klima und Wasser, von Boden- und Wärme—
verhältnissen beeinflußt und beherrscht; das Allgemeine derselben von den überlieferten
Sitten und gesellschaftlichen Institutionen, sowie von den überlieferten Resten früherer
Siedelung. Die vorgefundenen Gebäude, Wege, Grenzen, Grundeigentums- und Feld—
zinteilung sparen immer so viel Arbeit, daß man sie möglichst benußt. Und jede spätere
Anderung ist schwer; ein einzelner Zweck mag sie anzeigen, die anderen Zwecke können
aber noch gut in der alten Weise befriedigt werden oder widerstreben wenigstens durch
das Schwergewicht des Hergebrachten der Anderung.
„Alle Wandlungen der Kultur, der Technik, der Lebens- und Ernährungsweise,
alle Anderung der gesellschaftlichen Institutionen rücken stets wieder andere Zwecke in
den Vordergrund und erzeugen Tendenzen zu anderer Siedelung. Es ist ein nie ganz
ruhender socialer und individueller Anpaffungsprozeß, welcher die Menschen im Raume
bald mehr konzentriert, bald wieder mehr zerstreut, welcher aber doch nur in ganz großen
Perioden verschiedene Gesamtbilder der Siedelung und des Wohnens erzeugt.
Im ganzen werden wir sagen können: in den älteren Zeiten habe der Bluts- und
Geschlechtszusammenhang, das Schutzbedürfnis, dann auch Verwaltungs-, Schul-, Kultus—
rücksichten neben den wirtschaftlichen die Hauptrolle gespielt; bei höherer wirtschaftlicher
Kultur, mit ausgebildetem Verkehr, in fest und gut geordneten Staaten hätten die rein
wirtschaftlichen Motive und Zwecke eine steigende Rolle gespielt, weil die anderen Zwecke
Schutz, Unterricht ꝛtc.) jetzt leichter bei jeder Art des Siedelns zu befriedigen gewesen seien.
Auf eine sehr lange Periode der reinen Dorfsiedelung folgte mit der beginnenden
Staatsbildung und mit.Gewerbe und Handel der Gegensatz von kleinen Dörfern und
mäßigen Städten. Mit der Ausbildung größerer Staaten und verbesserter Berkehrswege
steigerte sich im späteren Altertum und in den letzten Jahrhunderten der Gegensatz zu
den vier Gliedern; Hof, Dorf, Klein- und Mittelstadt, Großstadt. Es sind vier Typen
der Wohnweise, des Gemeindelebens, welche verschiedene Arten von Menschen, von
Nachbarverhältnifsen, von wirtschaftlichen Einrichtungen erzeugen. Und gerade ihre
aeueste Ausbildung scheint dahin zu gehen, die Eigentümlichkeit der Typen und ihrer
einzelnen Erscheinungen nach gewissen Richtungen zu steigern, nach anderen sie zu ver—
mindern. Das städtische Leben ist heute vom ländlichen sicher viel verschiedener als vor
100 und 200 Jahren, aber die einzelnen Groß- und Mittelstädte werden zugleich immer
verschiedener und eigentümlicher, passen sich verschiedenartigen Specialzwecken arbeitsteilig
an: als Handels-, Industries, See-, Binnen-, Universitäts-, Residenz-, Festungs-Garnison-,
 Badestädte ꝛc. Neben die kleinen treten große und die Fabrikdorfer; neben
die Höfe die Weiler; die Zahl der Einzelwohnhäufer steigt. Zugleich ist mit dem
wachsenden Verkehr eine Tendenz vorhanden, das platte Land gewissermaßen zu ver—
städtern, einen Teil der Städte, besonders die Familienwohnungen, ins Grüne, in Vor—
orte zu verlegen, teilweise auch Gewerbe, die bisher in der Stadt sein mußten (wegen
des Verkehrs, der Arbeiter, der Kunden, des Modeeinflusses), aufs Land zu verlegen,
wohin jetzt die früher nur in der Stadt vorhandenen Einflüsse auch reichen.
b) Jede bestehende Ordnung des Wohnens erzeugt Sitten und Gewohnheiten des
täglichen Lebens, der Familienwirtschaft, der Arbeitsteilung, der Betriebsformen, des
Verkehrs; sie erzeugt bestimmte Formen und Einrichtungen der Gemeindeverfaffung und
der Staatsverwaltung. Sie ist stets ein Ergebnis ebenso sehr der öffentlichen Gewalten
wie der Individuen und Familien. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto
mehr scheint die Ordnung des Siedelns überwiegend in den Händen der Stammes—
und Volksorgane, der Fürsten, der Korporationen oder wenigstens der Genossenschaften
gelegen zu haben. Wo Stamm und Staat, Provinz und Gemeinde schon eine gewisse
Schmoller, Grundriß der Voltkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 2
        <pb n="286" />
        274 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

feste Ordnung erlangt haben, da werden die einzelnen Menschen und Familien eine
steigende Rolle in dem Prozesse spielen, und das hat die bedeutsame Folge, daß sie,
von Erwerbs- und Spekulationsabfichten geleitet, mehr ihre Sonderinteressen und nur
die nächsten Jahre im Auge, nicht immer das für die Zukunft und die Gesamtinteressen
Beste anstreben. Aber es wäre bei der Kompliziertheit der heutigen Verhältnisse und
dem notwendigen großen Spielraum für individuelle Bethätigung gar nicht möglich,
alle Siedelung und alles Wohnwesen einheitlich von oben her zu leiten. Und doch
entstehen dadurch Interessenkonflikte und falsche Bewegungen.
So lange man im Anschluß an A. Smith und in naivem Optimismus annahm,
stets fördere der Egoismus der einzelnen das Gesamtinteresse am besten, und stets
griffen die Obrigkeiten in ihren Maßnahmen fehl, beurteilte man besonders die hier
einschlägigen historischen und praktischen Fragen oftmals falsch. A. Smiths Ausführungen
über das ältere Städtewesen gehören zum Schwächsten, was er geschrieben hat; alle
Städtebildung erscheint ihm fast nur als Folge der mittelalterlichen Barbarei: die
Grundherren und ihre Brutalität haben den gesunden Landbau gehindert; übermäßig
viel Menschen flüchteten sich hinter die Stadtmauern, die viel natürlicher ihr Kapital
im Landbau angelegt hätten. Auch die oft erörterte Schulfrage, ob die Städte von
selbst „natürlich“ gewachsen oder absichtlich „künstlich“ gegründet und geschaffen worden
seien, beantwortete man mit Vorliebe früher in erfterem Sinne. Man wird nach unserer
heutigen Kenntnis sagen müssen: viele Städte seien überwiegend „von selbst“ entstanden,
viele auch absichtlich gegründet worden. Aber letztere gediehen auch nur, wenn die
wirtschaftlichen Bedingungen ihres Wachstums vorhanden, die rechten Stellen, die rechte
Zeit gewählt, die rechten Mittel ergriffen waren. Und die ersteren, die von selbst
erwachsenen Städte, konnten nur vorankommen, wenn sie die rechte Ordnung fanden
oder erhielten (durch Privilegien, Übertragung eines Stadtrechtes, durch Vorhandensein
guter Gemeindegesetze), wenn ausgezeichnete Personen mit weitem Blicke, mit Patrio—
tismus und genossenschaftlichem Geiste an der Spitze standen, die rechten Einrichtungen
und lokalen Statuten schufen. Jede Stadt ist ein komplizierter Organismus, der nur
gedeihen kann, wenn die für die Zukunft und die Gesamtinteressen notwendigen Schranken
und Ordnungen dem Egoismus der einzelnen die erlaubten Wege weisen und die
Grenzen setzen.
Das gilt auch für alle früheren und alle heutigen Kämpfe in der sonstigen Um—
bildung bestehender Siedelungsverhältnisse. Stets haben dabei die Obrigkeiten und die
Individuen zusammen gewirkt, oft gemeinsam nach demselben Ziele, oft auch nach ent—
gegengesetzten getrachtet. Machthaber, die den Fortschritt vertraten, haben einstmals
bersucht, die am Alten Klebenden zu anderer Wohnweise zu zwingen; Gesetze und Magistrate
werden heute noch versuchen, in dieser oder jener Weise eine veränderte Siedelungsart
zu begünstigen. Ob dabei die Individuen und ihre Anschauungen, ob die Organe der
Gesamtheit die größere Berechtigung für sich haben, das Richtige treffen, hängt von
ihrer Bildung, von der Tüchtigkeit der Spitzen des Staates und der Gemeinden ab.
Der Zwang zu städtischer Siedelung oder die große Privilegierung derselben war zeit—
weise früher so berechtigt, wie es unter anderen Verhältnissen einmal eine Hinderung
ungesunder Massenansammlung, die Förderung des zerstreuten Wohnens, des Ausbaues
und des Höfesystems sein kann. Konventionelle Einrichtungen, wie das amerikanische
Landvermessungssystem, Wegebauten, Kanalbauten und Derartiges können indirekt einen
ebenso wirksamen Zwang ausüben wie Niederlassungs- und Gemeindegesetze.
Wenn in älteren und großen Kulturstaaten mit der Ausbildung eines einheitlichen
Staatsbürgertums und unbegrenzter Freizügigkeit ein Hauptteil der Weiterbildung und
Veränderung der Siedelungs-, Standorts- und Wohnungsverhältnisse den Individuen
und ihrer wirtschaftlichen Überlegung anheimgegeben ist, wenn das praktisch sich aus—
drückt im freien Konkurrenzkampfe der Grundstücksverkäufer und Vermieter mit denen,
welche der Plätze, Wohnungen und Grundstücke bedürfen, so ist das eine Form der
Raumverteilung an die Familien und Unternehmungen, welche mit ihrer Beweglichkeit
und Flüssigkeit, mit dem starken Reize der möglichen Gewinne rasch veraltete Zustände
        <pb n="287" />
        Der Einfluß der Individuen, der Gemeinde, des Staates auf die Wohnweise. 275

beseitigen, aber unter Umständen auch ungünstige Ergebnisse herbeiführen kann und zwar
viel mehr als auf dem gewöhnlichen Warenmarkte. Es werden die künftigen Folgen
einer ungesunden Grundstücksspekulation, einer falschen Straßenziehung und Bauweise
nicht so leicht eingesehen. Und doch legen solche Spekulationen, und was ihnen folgt,
die Siedelungsweise für Generationen fest; es entsteht daraus vielleicht für Jahrhunderte
ein festes System, das alle möglichen menschlichen und wirtschaftlichen Zwecke beeinflußt,
ja beherrscht. Daher kann dem privaten wirtschaftlichen Egoismus hier weniger als
sonstwo ganz freie Bahn gelassen werden. Die Interessen der Zukunft und der Gesamt—
heit müssen mitsprechen und diejenige Verteilung der Grundstücke, der Straßen, der
Plätze, diejenigen Ortsanlagen und Einrichtungen aller Art teils direkt, teils indirekt
schaffen, die zweckentsprechend sind. Daher in der Gegenwart so vielfach die Forderung,
daß die Vertreter der Gesamtinteressen stärker als die heutige Bau-, Straßen-, Fabrik—
und Gesundheitspolizei es gestattet, in das Wohnungs- und Mietswesen wie in die ganze
Siedelung eingreifen sollen. Man fordert Expropriationen ganz anderer Art als bißsher,
Sorge der öffentlichen Korporationen für Wohnungen ihrer Beamten oder gar schon
UÜbergang alles oder eines Teils des städtischen Grundbesitzes auf die Kommune. Es
liegt in diesen noch unklar hin- und herwogenden Forderungen ein berechtigter Kern.
Es handelt sich darum, die Ordnungen zu finden, die am besten die Individual—
und Gesamtinteressen ausgleichen, auf Grund deren begangene Fehler und falsche
Richtungen wieder gut gemacht werden können. Es kann Korrekturen geben, die ihrer—
seits derb und kühn, fast plump durchgreifen, wie die bauliche Umwandlung von Paris
durch den Präfekten Hausmann, daneben andere, die zu schüchtern verfahren, wie die
neuere städtische Bau- und Gesundheitsgesetzgebung es noch vielfach thut. Der Staat
und seine Verwaltung können auch das Richtige treffen, wie z. B. die neuere preußische
und deutsche Separationsgesetzgebung, die staatliche preußische Kolonisation des 18. Jahr—
hunderts, die heutige deutsche Kolonisation in den östlichen Provinzen zu beurteilen
sein wird. Immer wird es sich heute, wie erwähnt, hauptsächlich um eine indirekte
Beeinflussung aller Siedelungsverhältnisse handeln. Staat und Gemeinde haben eine
solche in der Hand durch die ganze hierauf bezügliche Agrar- und Baugesetzgebung, wie
durch den Wege- und Straßenbau und durch die Kontrolle und Durchsührung der
Verkehrsmittel und -Anstalten. Ebenso ist der Bau von Schulen, Kirchen, Märkten,
die Konzessionierung der Dampfkessel, der Fabrikanlagen, der Schenken ein indirektes
Mittel der Einwirkung. Man wird behaupten können, daß, je dichter die Menschen
wohnen, desto unentbehrlicher die Herrschaft allgemeiner, vom Gesamtinteresse aus
wirkender Ordnungen über den Siedelungsprozeß sei.
100. Die Folgen der verschiedenen Siedelung. Die historische Über—
legenheit der Stadt über das platte Land ist dieselbe, die der große über den kleinen
Stamm, das dicht- über das dünnbevölkerte Land hat. Die Stadt bietet die Möglichkeit
und Wahrscheinlichkeit lebendigerer gesellschaftlicher Berührung, Reibung, Arbeitsteilung
und Ineinanderpassung; die gegenseitige Förderung des gesteigerten Geschäftsverkehrs,
das Gelingen socialer Organisation ist bei dichterer Wohnweise erleichtert. Daher hat
immer leicht die Stadt das Land beherrscht, eine gegenüber ihrer Einwohnerzahl über—
raschende Macht ausgeübt. Aber ebenso klar ist, daß nicht das gedrängte Wohnen an
sich diese Folgen erzeugt, sondern daß es nur die gesellschaftlichen Berührungen und
damit die geistigen Fortschritte sind, welche sociale Anstalts- und Machtbildung ermög—
lichen und erleichtern. Es giebt gedrängtes Wohnen stumpffinniger Menschen ohne diefe
Folgen, und es giebt eine Verkehrsausbildung und Steigerung der Bildungselemente
des platten Landes, die nahezu ähnliche oder gleiche Erfolge erzielen. Die ungesunde
UÜbermacht der Städte gehört hauptsfächlich den Epochen zurückgebliebener Entwickelung
des platten Landes an.
Auch die von Herbert Spencer mit Recht betonten politischen und socialen Folgen
zerstreuter und dichter Siedelung sind nur mit diesem Vorbehalt anzuerkennen. Er führt
aus, daß auf dem Lande der Angesehene, der Krieger und Priester, der große Grund—
besitzer, der Aristokrat stets eine ganz andere Übermacht behaupie, weil die ihn Umgebenden
102*
        <pb n="288" />
        276 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

ihn nicht mit anderen vergleichen können; je dichter die Siedelung fei, je mehr auch
die höher Stehenden gleiche neben sich haben, desto geringer sei ihre Überlegenheit: das
platte Land fühlt aristokratisch, die Stadt demokratisch. Man kann einwerfen, daß in
den deutschen Marschen und den Alpen die bäuerliche Demokratie bei loser Siedelung
sich erhalten hat, daß der Pöbel der antiken Großstädte sich zuerst der kaiserlichen
Tyrannis gefügt, ja fsie hervorgerufen hat, daß die kaufmännischen Aristokratien von
Genua und Venedig, wie heute die von London, New PYork oder Hamburg durch
mindestens gleichen Abstand von den untersten Klafsen getrennt sind wie der Tagelöhner
vom Rittergutsbesitzer. Es handelt sich eben bei allen Folgen des zerstreuten und
dichten Wohnens nur um Möglichkeiten, die sich je nach den mitwirkenden geistig-sitt—
lichen Faktoren aus der häufigeren Berührung und Reibung der Menschen ergeben.
Das aber ist klar und hat sich zu allen Zeiten doch überwiegend gezeigt: die
verschiedene Wohnweise differenziert die Menschen und ihre körperlichen und geistigen,
technischen und wirtschaftlichen Eigenschaften, und als wichtigstes Ergebnis dieses Prozesses
wird man sagen können: das einfachere Leben auf dem Lande ist für die moralischen
und Charaktereigenschaften günstiger; die Lebensziele sind da klarer, die Lebenswege
kontrollierter, die Sitte stärker; das Leben auf dem Lande ist meist der Gesundheit, der
Muskelausbildung zuträglicher; der Landmann ist politisch konservativ, technisch hängt
er mehr am Alten. Das Leben in der Stadt macht rühriger, klüger, dem Fortschritte
zugänglicher; es bildet mehr die Nerven als die Muskeln aus; die Menschen sind aber
auch genußsüchtiger; die moralischen Einflüsse sind geringer, die Zerstreuung größer, die
Sitte schwächer, das Leben ist ungebundener; die Menschen reiben sich mehr auf. Der
Städter ist liberal, fortschrittlich, socialdemokratisch.
In den Jahren 1845—70 hat die Statistik mit dem raschen Wachsen der Groß—
und Fabrikstädte teilweise überraschend ungünstige Ergebnisse der Sterblichkeit, der
Gebürtigkeit, der Vergehen, der Ehescheidungen ꝛc. zu Tage gefördert; Wappäus, Schwabe,
Engel und andere beleuchteten daher die städtische Wohnweise und ihre Folgen in
düsterer Weise, wie es allerdings schon von Süßmilch geschehen war. Und bis in die
neuere Zeit setzte sich diese pessimistische Auffassung fort; ja sie erhielt in dem geistvollen,
aber stark übertreibenden Buche von G. Hansen ihren stärksten Ausdruck; er wollte
beweisen, daß die Städte, in sich lebensunfähig und ungesund, in zwei Generationen
die ihnen vom Lande gelieferten Menschen aufbrauchen.
In dieser Litteratur ist Wahres mit Falschem gemischt. Konservativ-agrarische
Vorurteile spielen in ihr, fortschrittlich-industrielle in den Gegenschriften eine Rolle.
Die Wahrheit ist nicht so schwer zu finden. Zuerst haben Rümelin und andere gezeigt,
daß die durch die Städtebevölkerungsstatistik zu Tage geförderten Eigentümlichkeiten
wesentlich auf die Thatsache zurückgehen, daß in den Städten die Allersklassen vom
15.—-40. Jahre heute teilweise doppelt so stark besetzt sind als auf dem Laude, also
schon deshalb Todesfälle, Geburten, Verbrechen und alles Derartige im Durchschnitte
sich anders gestalten müssen. Peuerdings haben Brentano und seine Schüler eine Reihe
Studien veröffentlicht, die die Ubertreibungen Hansens mit Recht bekämpfen, die Gleich—
wertigkeit und Vorzüge der städtischen Bevölkerung ins Licht gesetzt haben. Sie haben
dabei viel Richtiges gesagt, aber auch ihrerseits teilweise übers Ziel hinaus geschossen.
Das ländliche Leben, sofern es mit guter Wohnung und guter Ernährung verbunden
ist, hat mit seinem Aufenthalt und seiner Arbeit in freier Luft für alle körperlichen
Eigenschaften doch unzweifelhafte Vorzüge. Longstaff, der übrigens Brentano nahe steht,
meint: das Stadtkind bleibt blasser, schwachäugiger, mit schlechten Zähnen versehen, auch
wenn die städtische Hygiene sein Leben verlängert. Gewiß haben manche Städte und
Gewerbe heute so viel oder fast so viel Militärtüchtige wie das Land; die Sterblichkeit
ist in gut gebauten Städten teilweise eine so niedrige wie auf dem Lande; verkommene
Landdistrikte mit schlechter Ernährung haben teilweise schwächlichere Menschen als Fabrik—
gegenden mit hochstehender Arbeiterbebölkerung. Aber daß das Land einfachere, schlichtere,
bescheidenere, kräftigere Menschen, die Stadt klügere, beweglichere, geistig entwickeltere,
        <pb n="289" />
        Die pfychologischen und körperlichen Folgen der Wohnweise. 277

körperlich schwächere, aber nervös ausgebildetere liefert, bleibt eine notwendige Wirkung
der gegenfätzlichen Lebensweise.
Stadt und Land als differenzierte Wohnplätze sind das notwendige Ergebnis des
höheren komplizierteren Staats- und Wirtschafts- und Geisteslebens; sie und die von
ihnen gestempelten Menschen ergänzen sich. Die ersten erheblichen Städte wurden die
Mittelpunkte der Kantone und Territorien, die Großstädte die der Provinzen und Reiche,
in welchen deren Regierung und Wirtschaftsleben sich zusammenfaßt. Das mußte
bestimmte Folgen für die Bewohner haben. Ebenso ist klar, daß die Kunst, die höhere
Technik, die Litteratur, die Wissenschaft, das heutige Geld- und Kreditwesen, die höchste
Arbeitsteilung vorzugsweise in der Großstadt gedeiht. Aber wie gewisse Fertigkeiten
und gewisse Tugenden, so wachsen die Laster in diesen großen Centralpunkten. Es liegt,
je groͤßer die Städte sind, die Gefahr um so näher, daß zeitweise die intellektuelle und
technische Kultur in ihnen auf Kosten der moralischen wächst, daß das Familienleben
mehr als sonst durch das Einzelwohnen von Männern und Frauen zurückgedrängt, die
Geschlechtsbedürfnisse außer der Ehe befriedigt werden. Es hört für so viele die wohl—
thätige Kontrolle des Nachbarn in der Großstadt auf. Schon der großstädtische Straßen—
verkehr erfordert Energie, Gewandtheit, ja Rücksichtslosigkeit, und so wird der moralisch
haltlose Teil der Großstädter rücksichts- und schamlos, neugierig und herzlos, materialistisch
unnd genußsüchtig, zumal in Zeiten fieberhaften Erwerbslebens und materialistischer
Lebensanschauung. Dazu kommen schlechte Wohnungsverhältnisse, ein Übermaß teils
von Arbeit, teils von entnervenden Genüssen, die Berührung mit dem massenhaft
angesammelten Verbrecher- und Hetärentum.
In den Epochen des gesteigerten atemlosen Lebens der Großstädte verhalten sich
die Mittel- und Kleinstädte zu diesen vielfach ähnlich wie früher das platte Land zu
jenen. Zumal in den Kleinstädten kann ruhiges Behagen, beschränkte Gemütlichkeit,
konservative Sitte fast ebenso wie auf dem Dorfe herrschen; freilich bleibt immer eine
mannigfaltigere Mischung socialer Elemente; es sind auch in der kleinen Stadt meist
eine Anzahl gebildeter, studierter Leute, einige rührige Handels- und Gewerbsleute.
Dadurch ist sie dem gewöhnlichen Dorfe überlegen, das in seinem moralischen und
intellektuellen Niveau unter Umständen ausnahmsweise ebenso sinken kann wie die
traurigsten Teile der Großstadt. Gewöhnlich bewahren es Kirche und Schule und der
genossenschaftliche Geist der Selbstverwaltung davor. Die Entwickelung von Charakteren
und starken moralischen Gefühlen gelingt in der kleinen Stadt und auf dem Lande wohl
stets leichter als in der Großstadt; vielleicht am meisten auf dem einsamen Hofe, wo
jedenfalls die konservativste, stabilste, unter Umständen freilich auch die zurückgebliebenste
Bepölkerung haust.
Die wichtigste gesellschaftliche Folge der ganzen Siedelung haben wir im bisherigen
übrigens nicht berührt; ihr wenden wir uns nunmehr zu: der Organisation der Gebiets⸗
abschnitte und der auf ihnen lebenden Menschen zu socialen Organen, zu Gebiets—
körperschaften.

3. Die Wirtschaft der Gebietskörperschaften: Staat und Gemeinde.

Allgemeines: Siehe die ganze S. 254 angeführte Litteratur über Siedelungs- und Wohnweise.
Dann: Schmoller, Städtische, derritoriale und staatliche Wirtschaftspolitik. J. f. G.V. 1884 u.
Nn. U. 1898. — Dersf., Der deutsche Beamtenstaat des 16. -518. Jahrh. J. f. G. B. 1894 u. U. U. —
Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft. 1893, 1898 u. 1901. — Levasse ur, Statistique de la superficie
et de la population des contrées de la terre. Bulletin de l'institut intern. de stat. 1887.
Dorf- und Grundherrschaft: Roscher, Nationalökonomik des Ackerbaues. 1859 und öfter. —
G. Hanssen, Die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Umgestaltung der gutsherrlich-bäuerlichen
Verhältnisse in Schleswig und Holstein. 1861. — Ders,, Agrarhistorische Untersuchungen. 2 Bde.
1880 -84. — Judeich, Die Grundentlastung in Deutschland. 1863. — Nasse, UÜber die mittel—
alterliche Feldgemeinschaft und die Einhegungen des 16. Jahrhunderts in England. 1869. — H. S.
Maine, Village communities in Last and West. 1871. — Laveleye, De la propriété et de
ses formes Taeg 1874. Deutsch von Bücher: „Ureigentum“. 1879. — Keußler, Zur Ge—
ichichte und Kritik des bäuerlichen Gemeindehesitzes in Rußland. 1877 ff. — v. Inama⸗Sternegg,
        <pb n="290" />
        278 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Die Ausbildung der großen Grundherrschaften in Deutschland während der Karolingerzeit. 1878. —
Seebohm, The engsisb village community. 1883, deutsch 1888 — Lamprecht, Deutsches Wirt⸗
schaftsleben im Mittelalter. 3 Bde. 188521886. — Knapp, Die Bauernbefreiung und der Urspruug
der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens. 2 Bde. 1887. Derf., Die Landarbeiter in
Knechtschaft und Freiheit. 1891. — Ders., Grundherrschaft und Rittergut. 1897. —. Schmoller,
Die ältere agrarische Familienwirtschaft. J. f. G.V. 1880. — Melßen, Agrarpolitik. In Schön⸗
berg H. d. pP. O. 2. 4. Aufl. 1896. — Fuchs, Die Epochen der deutschen Agrargeschichte und Agrar⸗
volitik. 1898.
Altere städtische Finanzen und Stadtwirtschaft: v. Schönberg, Die Finanzverhältnisse der
Stadt Basel. 1879. — Dangen Städtische Wirtschaft im 15. Jahrh. J. f. N. 1. F. 34, 1879.
Die Städtechroniken Passim. — Schmoller, Das Städtewesen unter Friedrich Wilhelm j. Zeitschr.
f. preuß. Gesch. 11ff. 1871 ff, — Büch er, Der öffentliche Haushalt der Stadt Frankfurt im Mitlel
alter 3. f. St. W. 1896. — Stieda, Städtische Finanzen im Mittelalter. J. f. R. 8. F. 17, 1890.5
Neuerdings eine große Speciallitteratur.
Entstehung der Territorial- und Volkswirtschaft, des Staatshaushaltes: (Forbonnais,
Recherches ét considérations sur les finances de la France. 2 Bde 1758. CEheruel, Histoirs
de l'adminisstration monarchique en France. 1855. — Cohn, Colbert vornehmlich in staats⸗
wirtsch. Hinsicht. 8. f. St.W. 1869 u. 1870, sowie die übrige Litleraktur über Colbert von Pierre
Clément und anderen. — A. Wagner, Grundlegung. 1876. 8. Aufs. 1892 98. Schmoller,
Epochen, der preuß. Finanzpolitik. J. f. GV. 1877 u. ü. U. — Dowell, History of taxation and
baxes. 4Bde. 1884 u. 1887. — Afbley, An introduction to englisi economic history and theory.
2 Bde. 1888 u. 1898, deutsch 1886. — Cunningham, The“ growth of engush industry and
commerce. 2Bde. 1890 u. 1892. — Schmoller, Über Behoͤrdenorganisation, Amtswesen und
Beamtentum, Einl. z. Bd. 1 der Acta Borussica, Behördenorganifation.“ 1894.
Heutige Finanzen: v. Stein, Lehrbuch der Finanzwiffenschaft. 1860, 5. Aufl. 1884-86. —
Laspeyres, Sltaatswirtschaft. In Bluntschli, St.W. gA. Wagner, Finanzwissenschaft. 1877 ff.
3. Aufl. 1884 ff. — Roscher, System der Finanzwissenschaft. 1886 ff. — E. Mischler, Über die
Subjekte der Finanzwissenschaft. Finanzarchiv 4, 1887. Saxr, Grundlegung der theoretischen Staats⸗
wirtschaft. 1887. — Cohn, System der Finanzwissenschaft. 1889. — Eheberg, Finanzen und
Finanzwissenschaft. Im H.W. 8, 1892. — Schönberg, H. d. p. O. 8. 4. Aufl.“ 1887.
Neuere Gemeindewirtschaft und Gemeindefinanzen? Streckfuß, Über die preußische Municipal⸗
verfafsung. 1841. — Savpigniy, Die preußische Städteordnung. Vermischte Schriflen“5. 18805
p Gneisst Geschichte und heutige Gestalt der englischen Kommunalverfassung oder des Selfgovernment.
1859 ff., 1882. — Faucher, Staats- und Kommunalbudgets. V. J. Sch. s. B.W. n. RG. . I863
Bistram, Die rechtliche Natur der Stadte und Landgemeinde. 1866 Leroy-Beaulieu,
L'administration locale en France et en Angleterre. 18738. 2 v. Brasch, Die Gemeinde und
ihr FFinanzwesen in Frankreich 1874. — Die Kommunalsiteuerfrage. S. V. f. S. 12. 1877. —
b. Bilinski, Die Gemeindebesteuerung und deren Reform. 1878. Tocal institutions. Johns
Hopkins Inix. Stud. in hist. and pol, 1. 1888. — Löning, Die Verwallung der Stadt Verlin
Preuß. Jahrb. 55. 1885 ff. — va Reitzenstein, Über fnanzielle Konkurrenz von Gemeinde,
sommunalverband und Staat. J. f. G.B. 1887— 1888. — Ders., Das kommunßake Finanzwesen.
In Schönbergs H. d. p. KÄ. 3. 24 Aufl. — Keil, Die Landgemeinde in den östlichen Provinzen
Preußens. S. V.j. S. 48. 1890. Berichte über die Zustände und die Reform des ländlichen Gemeinde—
wesens in Preußen. S. V. f. S. 44. 1890. — F. J. Neumgnn, Zur Gemeindeflzuerreform in
Deutschland. 1885. — Metcalf, Hffentliches Verkehrswesen in Paris. 1897. — Redlich, Englische
Lokalverwaltung. 1901. — Über die Zunahme der kommunaglen wirtschaftlichen Thätigkeit giebt es
heute — außer Hugeo, Städteverwaltung und Municipal-Socializmus in England. 1897, und
Deutsche Städteverwältung, ihre Aufgaben auf den Gebieten der Volkshygiene, bes Städtebaues und
des Wohnungswesens. 1901, sowie Sinzheimer, Der Londoner Graffchaftsrat. 1900 in— große,
zerstreute Litteratur, über die regelmäßig in der Zeitschrift ‚Sociale Praris« von E. Fraäncke
berichtet wird. — Statist. Jahrb. deutscher Städte von 18900 an. — Köröfi Bulletin nuej det
finances des grandes villes, seit 1879

101. Vorbemerkung. Entstehung und Wesen der Gebietskörper—
schaft und ihrer Wirtschaft. Im Anschluß an die Ausführungen über die
Siedelungsweise wollen wir im folgenden die Wirtschaft der Gebietskörperschaften,
hauptfächlich die von Gemeinde und Staat betrachten. Seit eine besondere Finanz—
wissenschaft besteht, hat man sie in der Volkswirtschastslehre fast ganz beiseite gelassen.
Und das ist für die Einzelheiten aus der Lehre von diesen Wirtschaften janotig.
Aber ihr allgemeines Wesen gehört hierher; denn alle großen Fragen der Volkswirtschaft
hängen mit dem Verhältnis der Korporationswirtschaft zu der der Individuen, Familien
und Unternehmungen zusammen; die wichtigsten gipfeln in diesem Verhältnisse; sie
drehen sich um den Unterschied zwischen ver vom Recht geordneten, mit Zwang aus—
geftatteten, gemeinnützig versahrenden Korvorations- und der freien, egoistisch derfahrenden
Privatwirtschaft.
        <pb n="291" />
        Die Entstehung der Gebietskörperschaften; ihr Wesen. 279

Der Stoff, den wir hier vorzuführen haben, ist ein sehr umfangreicher; er ist für
die neuere Zeit wohl nach manchen Seiten schon eingehend, für die ältere aber noch
entfernt nichi vollständig durchforscht. Was wir hier geben können, muß sich auf einige
Umriffe, Einzelausschnitte und Principienfragen beschränken. Die Lehre von der Korpo⸗
ratiouswirtschaft hier vor der der Unternehmungen vorzutragen, ist insofern berechtigt,
als sie, wie die Familienwirtschaft, doch das historisch Altere uud die historische und
begriffliche Voraussetzung alles privatwirtschaftlichen Getriebes ist. Natürlich sind die
höheren Formen der Gemeinde- und Staatswirtschaft erst entstanden unter dem Einfluß
der Arbeitsteilung, der Geld- und Kreditwirtschaft, des Marktes, der Unternehmungen,
die wir erst weiterhin schildern. Aber da wir es für richtig halten, in diesem Buche die
gesellschaftliche Versassung der Volkswirtschaft, erst im folgenden deren Einzelbewegungen
zu schildern, so konnte die Anordnung nur die sein, mit der Familie zu beginnen, die
Korporationswirtschaft folgen zu lassen und mit der Unternehmung zu endigen. —
Alle Wirtschaft der Gebietskörperschaften ist entstanden durch die Beziehungen und
Bedürfnisse, die Gefühle und Handlungen der Nachbarn und der Volksgenossen unter—
einander. Jede Siedelung, selbst der einsame Hof, welcher mit seiner Umzäunung
Wohnung und Ställe, Scheune und Knechtgelasse umspannt, erzeugte ein alles Leben
der Beteiligten durch seine Folgen beherrschendes System materieller, moralischer und
geistiger Beziehungen. Noch stärker wird jedes Dorjf, jede Stadt, jede geographische und
durch Stammes- und politische Bande verbundene Gruppe von Ortschaften, von Kreisen
und Provinzen mehr und mehr der sichtbare Ausdruck einer psychischen und materiellen
Gemeinschaft, welche durch Gebäude, Wege, Grenzen, Verteidigungswerke auf dem Boden
sich fesftgewurzelt hat. Aus der Stammes- und Volksgemeinschaft wird durch die feste
Siedelung die Gebietsgemeinschaft. Ursprünglich bluts- und sprachfremde Menschen, die
im selben Orte, im selben Gebiete wohnen, werden Nachbarn, Volks- und Staatsgenofssen.
Das Heimatsgefühl mit seiner sympathisch verbindenden Kraft, das Nachbargefühl mit
feiner natürlichen Hülfsbereitschaft verbindet und eint die Menschen. Und wenn in
größeren Gebieten und Ländern diese Gefühle sich abschwächen, so werden sie nach und
nach durch die Einsicht in den Wert der gemeinsamen gesellschaftlichen Einrichtungen,
der gemeinsamen Verteidigung, der gemeinsamen Friedensordnung ersetzt. Ein Prozeß
örtlicher Gruppenbildung vollzieht sich, der mit der Dichtigkeit der Bevölkerung, der
Wegsamkeit, der Arbeitsteilung, dem Verkehr, der Ausbildung der Presse und anderer
psychophysischer Bindemittel wächst, die Theilnehmenden geistig und wirtschaftlich auf
einauder verweist und gemeinsame Rechts- und Wirtschaftsinstitutionen erzeugt. Die
Bewohner desselben Dorfes, derselben Stadt, desselben Kreises und desselben Staates
find immer im ganzen und durchschnittlich mehr auf einander als auf andere angewiesen.
Die natürlich-geographische Absonderung wird durch die absichtliche, staatliche Grenz—
bildung mit ihren Hindernissen für Verkehr und Berührung gesteigert. Die Organe
und Vorstände der Stämme und Völker werden solche der Gebiete und Länder, die
Volkskönige werden Landeskönige. Und so entstehen die über bestimmte Gebiete fich
erhebenden socialen Körper, welche das Land und alle dauernd auf ihm Lebenden
beherrschen; die Gebietskörperschaften werden zu Gemeinschaften, welche alle anderen in
ihnen enthaltenen Vereine und Genossenschaften, alle persönlichen und dinglichen Gruppen,
alle Familien und Individuen zusammenfassen und regulieren. Sie werden überall zu
Zwaugsgemeinschaften mit einer die einzelnen durch Macht und äußere Gewalt beherrschen—
den Spiße, weil kein Grundstück und kein Mitglied derselben ohne Schaden und Nachteil
fürs Ganze sich gewissen gemeinsamen Einrichtungen entziehen kann. Ihre führenden
Organe üben diesen Zwang aus, übernehmen mit höherer Kultur immer größere
Funktionen, von welchen ein erheblicher Teil wirtschaftlich ist, der übrige der wirtschaft—
lichen Mittel bedarf.
Wir haben von ihnen oben schon (S. 8, S. 129) gesprochen; die Gebiete und
Völker müssen sich nach außen gemeinsam schützen, verteidigen, sich eine kriegerische Ver—
fassung geben, aus der eine Befehlsgewalt hervorgeht; sie müssen eine geordnete Rechtspflege
 und Polizei herstellen, die ebenfalls der Zwangsgewalt bedarf, weil nur sie den
        <pb n="292" />
        280 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Frieden garantiert. Sie müssen im Innern Wälder und Weiden, Äcker und Wohnstellen
vertetlen und abgrenzen, Wege, Grenzs und Schutzwälle bauen, Zufsammenkunftsorte,
Märkte, Tempel herstellen. Zu all' dem werden die Glieder zeitweise oder in bestimmter
Reihenfolge aufgeboten und gezwungen. Alle Arbeitsteilung, aller freie Tausch- und
Marktverkehr im Innern vollzieht sich im Rahmen des staatlich festgestellten Rechtes
und unter Einwirkung der öffentlichen Einrichtungen. Die Organe der Gebietskörper⸗
schaften bestimmen, welche fremde Versonen und Waren herein, welche einheimische
hinaus dürfen.
So wird die organisierte Gebietskörperschaft zu einem wichtigen Organe alles
Wirtschaftslebens; und ihre führende Spitze muß bald eine selbständige Sonderwirtschaft
führen, über gewisse wirtschaftliche Mittel und Arbeitskraäͤfte verfügen können. Die
Ausbildung einer solchen Finanzwirtschaft, eines öffentlichen Haushaltes ist nur die
wirtschaftliche Seite der Entstehung einer festen politischen Spitze, einer befehlenden
Zwangsgewalt der Gemeinde und des Staates.
H. Spencer sagt, wo Menschen als Gruppen zusammen wirken, da führt der
Klügste, Tapferste, Weiseste aus, was die Angesehenen besprochen und vorgeschlagen,
was alle genehmigt haben. In jedem politischen Körper muß es so neben der führenden,
von einer Aristokratite oder von Beamten unterstützten Spitze eine diesen führenden
Elementen gegenüberstehende, teils beschließende, teils gehorchende Menge geben; jede
sociale Gruppenbildung vereinigt so in sich ein genossenschaftliches Element und ein
herrschaftliches, welche auf eine irgendwie rechtlich geregelte Zusammenwirkung beider
durch eine Verfassung hingewiesen sind. Je kleiner und einfacher die socialen Gebilde
und Gebiete sind, desto mehr kann und wird der Schwerpunkt der Verfassung in den
Rechten aller Glieder liegen, desto mehr genofssenschaftliche Färbung hat der socialpolitische
Körper. Je größer und komplizierter der Verband, das Gebiet, der Staat wird, je
kräftiger er nach außen auftreten, je mehr Aufgaben er nach innen übernehmen soll,
desto ausgebildeter, selbständiger, mit größerer Zwangsgewalt ausgestattet müssen die
oberste Gewalt und ihre Organe sein: sie kann nur als herrschaftliche, befehlende, maͤchtige
Organisation ihre Funktion erfüllen. Das große Princip der Arbeitsteilung erzeugt
die Scheidung zwischen Befehlenden und Gehorchenden, Waffenführenden und Waffen⸗
unkundigen, geistig und mechanisch Arbeitenden, und scheidet so zugleich Centrum und
Peripherie, Regierung und Volk in jedem socialen Körper. Aller oöͤffentliche Haushalt
schließt sich in seiner Ausbildung hieran an.
Er kann aus genossenschaftlichen und Gemeindeeinrichtungen, aus dem Gemeinde—
vermögen und einer Gemeindekasse, auch aus ständischen Einrichtungen hervorgehen oder
Elemente empfangen; aber auch sie haben schon einen gewissen Zwangs- und herrschaft—⸗
lichen Charakter; häufiger entspringt der Siaatshaushalt aus dem Vermögen und der
Hauswirtschaft von Fürsten und Königen, von Häupilingen und Aristokratien. Meist
wird sich die Staatsbildung an die Macht und den Besitz von bestimmten Hreisen
anknüpfen, welche eine politische Hexrschaft begründen, welche die Gesamtinteressen
begreifen und vertreten, aber auch der Versuchung des Mißbrauches unterliegen, in
ihrer Stellung bedroht, zuletzt wieder der Zustimmung und Billigung der Beherrschten
bedürfen. In allem Staatsleben bleiben genossenschaftliche Elemenie, Rechte der Bürger,
Strömungen von unten nach oben. Aber eine feste, selbständige Gewalt, die auf ererbtes
oder übertragenes Recht sich stützt, in gewisser Rechtssphäre herrscht und verfügt, ist in
jedem halbwegs ausgebildeten politischen Körper erste Bedingung der Gesamtexistenz,
vor allem auch des gesunden wirtschaftlichen Lebens. Eine komplizierte Verfassung
ordnet die Wechselwirkung zwischen Peripherie und Centrum, Volk und Regierung, die
wirtschaftliche Teilung der Funktionen zwischen beiden, die wirtschaftlichen Forderungen
der Staatsgewalt an die einzelnen, die Leistungen derselben an sie.
Immer müssen bei höherer Kultur die Individuen, Familien, Unternehmungen
dine rechtlich genau bestimmte freie Sphäre wirtschäftlichen Handelns behalten. Die
Macht und Rechtsorganisation des Ganzen hat diese Sphäre zu schützen, den einzelnen
ihr Eigentum und ihre sreie Arbeitsbethätigung zu garantieren; eben hierdurch fördert
        <pb n="293" />
        Die Entstehung der Staatsgewalt und der staatlichen Finanzen. 281

sie Fleiß und Sparsamkeit, Handel und Verkehr, sowie das wirtschaftliche Gedeihen der
Unternehmungen. Aber die Regierung vertritt zugleich die wirtschaftlichen Gesamt—
interessen nach außen und innen, schafft die für alle nötigen wirtschaftlichen Einrichtungen
und Anstalten und organisiert für die wichtigsten gemeinsamen Zwecke die einzelnen
und die in ihr enthaltenen Gruppen; sie fordert und erhebt für die Zwecke der Gemein—
schaft wirtschaftliche Mittel; sie stützt, hebt und fördert die notleidenden Gebietsteile,
Klassen und Individuen, sie bringt die widerstrebenden wirtschaftlichen Sonderinteressen
zur Versöhnung; sie erwirbt als juristische Person und Korporation ein besonderes
Gemeinde- oder Staatsvermögen, schafft eine Centralkasse und Behörden, die Vermögen
und Kasse verwalten; sie nimmt neben den freiwilligen und Zwangsdiensten der Bürger
nach und nach bezahlte, berufsmäßig geschulte Diener, Beamte, Soldaten in ihren Dienst.
Sie bildet so auf Grund einer langen verwaltungsrechtlichen Entwickelung das besondere
Recht der Finanzgewalt und Finanzhoheit aus, nennt sich in dieser Eigenschaft „Fiskus“
und tritt als solcher in den Mittelpunkt aller volkswirtschaftlichen Veranstaltungen: die
staatliche Finanzwirtschaft wird die großartigste Sonderwirtschaft innerhalb der Volks—
wirtschaft, sie tritt allen anderen Privat- und Familienwirtschaften, Unternehmungen
und Korporationswirtschaften an bestimmten Stellen als gebietende und verbietende
Macht, Steuern und Dienste fordernd, Vorrechte ausübend, wie an anderer Stelle als
gleichgeordnete, tauschende und mit ihnen verkehrende Anstalt gegenüber. Sie beeinflußt
durch ihren Druck, durch die förderliche oder hinderliche Wirkung, die sie ausüben kann,
alle anderen Wirtschaften. Sie beherrscht, eng verbunden mit der ganzen Wirtschafts—
politik des Staates, durch ihre centralen Einrichtungen, durch die Steuern und Zölle,
durch ihr Kreditwesen, durch ihre Ordnung des Geld- und Verkehrswesens die ganze
Volkswirtschaft mehr oder weniger. Ihre gute oder schlechte Ordnung ist einer der
wesentlichsten Faktoren jeder Volkswirtschaft (vergl. oben S. 426, S. 61- 64, S. 88 ff.).
Die Finanzwirtschaft der Gemeinde und des Staates stellt eine Arbeitsorganisation
und eine Vermögens-, Steuer-, Geld- und Kreditverwaltung dar, welche Einnahmen an
verschiedener Stelle zu erheben, Ausgaben für verschiedene Zwecke überall im Lande zu
machen, die Mittel für eentrale und peripherische Funktionen zu verwenden hat, welche
Dutzende, bald auch Hunderte und Tausende von Personen beschäftigen muß. Diese
wirtschaften mit anvertrautem Gute, sie sollen für Fürst, Gemeinde, Staat redlich und
pflichttreu thätig sein; ihre Thätigkeit soll von einer Stelle aus gelenkt, in Überein—
stimmung gebracht, kontrolliert werden. Das Problem ist ein unendlich viel schwierigeres
als das, welches die Familie oder die gewöhnliche Unternehmung zu lösen hat. Es
setzt ein unendlich viel höheres geistiges und moralisches Niveau der Menschen und einen
technisch geschulten konventionellen Apparat voraus, den auch nur leidlich herzustellen
bisher nur großen Organisatoren auf der Höhe der politisch-socialen Entwickelung der
Kulturvölker nach einer Vorarbeit von Jahrhunderten und Jahrtausenden gelungen ist. —
Die in volkswirtschaftlichen Erörterungen der Smithschen Schule meist vorherrschende
Anschauung, als ob eine gut eingerichtete Staatsverwaltung mit geordneten Finanzen
in der Regel vorhanden sei, sich von Natur selbst einstelle, hat zu vielen Irrtümern
und falschen Schlüssen Anlaß gegeben.
102. Die Größe und die finanzielle Kraft der Gebietskörper—
schaften. Wenn alle Gebietskörperschaften zu einem einheitlichen und organisierten
wirtschaftlichen Leben kommen, und wenn bei höherer Kultur der sichtbare Ausdruck
desselben die felbständige Finanzwirtschaft des betreffenden Körpers ist, so handelt es
sich nun, wenn wir die verschiedenen Formen derselben näher kennen lernen wollen,
darum, uns zuerst eine Vorstellung von den betreffenden Größenverhältnissen zu machen.
Wie groß ist das Gebiet, wie viel Menschen nehmen an der Körperschaft teil, wie groß
sind die jährlich zu verwendenden Geldmittel in dem gemeinsamen öffentlichen Haushalt?
Nur das letztere können wir leider fragen; denn die Kraft der sonstigen gesamtwirischaft—
lichen Organisation, z. B. in der Form einer Naturaldienstverfaffung entzieht sich jeder
zahlenmäßigen Erfassung. Auch die Zahlen über die jährlichen Einnahmen einer Gemeinde
oder eines Staates sind natürlich nur ein ganz roher Ausdruck für die Ausbildung
        <pb n="294" />
        282 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

und Leistungsfähigkeit der finanziellen Organisation; aber sie bieten doch zur Ver—
gleichung einen festen Anhalt, so schwankend auch der Geldwert, so zweifelhaft vielfach
die Umrechnung älterer Münzen auf die heutige deutsche Mark fein mag; wir haben
für die ältere Zeit nur Zahlen über die verfügbaren reinen Überschüsse der Central—
regierung (Nettoeinnahmen), für spätere meist Angaben über die gesamten Staats—
einnahmen (Bruttobudgets). Besser als keine Angaben sind die Zahlen doch.
Die Ausbeute an Nachrichten für die älteren Zeiten ist sehr gering. Attika hatte
2653 Geviertkilometer und 250 000 Seelen beim Ausbruche des peloponnesischen Krieges;
Xenophon giebt ihm für diesen Zeitpunkt 1000 Talente (5 Mill. Mark) Staatseinnahme,
wovon aber 600 auf die Tribute der unterworfenen und bündischen Städtegebiete fielen,
deren Hunderte gezählt wurden; die Einnahmen stiegen dann auf 2000 Talente, und
sie sollen später unter der sparsamen Verwaltung Lykurgs ohne Tribute wieder 1200
betragen haben. Rom hatte am Ende der Königsherrschaft ein Gebiet von 983,
340 v. Chr. von 3096, vor dem zweiten Samniterkriege von 6089 Geviertkilometern
und nicht mehr als *2—1 Mill. Seelen. Seine finanzielle und militärische Kraft
ruhte damals auch schon auf den Bundesverhältnissen, obwohl es erst so groß war wie
ein kleiner preußischer Regierungsbezirk, obwohl es, noch wie Attika in seiner älteren
Zeit, einer heutigen großen Kommune näher als einem heutigen Staate stand; seine
Hauptausgaben waren, wie in jener, die für Bauten; aber freilich die eigene Politik
und die selbständigen Kriege unterscheiden beide von heutigen Großstädten oder Kantonen.
Agypten hatte schon vor der griechischen Herrschaft hochentwickelte Finanzen; es war in
seiner besten Zeit ein Land mit 3—7 Mill. Menschen, die auf etwa 27000 Geviert—
kilometern kulturfähigen Landes, auf einer Fläche wie die der Rheinprovinz saßen; es
hatte unter den griechischen Herrschern eine jährliche Regierungßgeinnahme von 8—514000
Talenten, d. h. 29—80 Mill. Mark. Auch darunter steckten sicher viele Tribute, die
von auswärts kamen. Immer war es ein einheitlicheres Reich als etwa Persien unter
Dareios, das nach M. Duncker 46,6 Mill. Mark Grundsteuer einnahm, einen Hofhalt
hatte, der 66 Mill. Mark kostete. Das römische Reich, das beim Tode von August
3,8 Mill. Geviertkilometer und 54 Mill. Einwohner umfaßte, soll in der Zeit von
Augustus bis Konstantin nach den einen nur etwa 80, nach den anderen bis 360 Mill.
Mark jährlich an Reichsausgaben gehabt haben. Aber es hätte, wenn es eine einheitliche
Volks- und Staatswirtschaft wie unsere modernen Staaten dargestellt hätte, nicht viel—
mehr ein Civitäten- und Provinzenbund mit führender Spitze gewesen wäre, auch mit
der zehnfach größeren Summe nicht gereicht. Die auswärtige Politik, die großen Straßen,
die Armee, die Grenzverteidigung, die Oberleitung der Provinzen und gewisse Steuern
waren im römischen Reiche einheitlich, alles übrige politisch-wirtschaftliche Leben war
Sache der Stadtbezirke und der Städtebündnisse.
Im Mittelalter sind es die größeren Städte einerseits, die fürstlichen Territorien
andererseits, von denen wir zuerst wieder Gebietsgröße, Menschenzahl und Finanzkraft
einigermaßen fest erfassen können. Die Städte haben meist ein viel kleineres Gebiel als
im Altertume; 100500 Geviertkilometer sind schon viel; aber sie haben mit 10 oder
20, höchstens 40—50 000 Seelen durch ihre Geld- und Kreditwirtschaft bereits einen
außerordentlichen Einfluß; Basel giebt im 15. Jahrhundert jährlich in Friedenszeiten
100 -160 000, in kriegerischen 200 - 260000 Mark aus, Hamburg 1350 85000, 1400
102 000 Mark, Köln 1370 114000, 1892 44 189 Mark (Stieda); Hamburgs Aus—
gaben steigen im 16. Jahrhundert einmal schon pro Jahr auf 759 000 Mark. Venedig
hat bei mäßigem italienischem, freilich großem Kolonialgebiet 1423 1 Mill. Dukaten
Staatseinnahmen (also etwa 10 Mill. Mark), der Papst gegen 1480 0,8—0,6, Mailand
O,s, Florenz O,s Mill. Dukaten. Die deutschen Kurfürsten werden im 18. Jahrhundert
bei Gebieten von etwa 5500- 27 000 Geviertkilometern mit Seelenzahlen von wahr—
scheinlich keiner halben Million auf 3000 -50 000 damalige Mark Einkommen geschätzt;
das find je nach der Gewichts- oder Zählmark (aà 83 oder 16,6 heutige Mark) vö oder
100 000 bis 0,s oder 1,6 Mill. Mark. Die kleineren Kurfürften stehen also unter den
Städten. Alle gut regierten Staaten vom 18. —17. Jahrhundert waren Territorialgebiete,
        <pb n="295" />
        Historischer Überblick der Größe der Staaten und ihrer Finanzen. 283

Kleinstaaten: Sicilien unter Friedrich II,. Böhmen unter Karl IV., Burgund, Florenz,
Genua, Mailand im 14.-15. Jahrhundert, Holland und selbst England im 17. Jahr—
hundert; über eine Bevölkerung von 14502, ausnahmsweise 5 Millionen sind sie, wie
wir schon sahen, alle nicht gekommen. Auf die 2 Mill. Holländer rechnet Davenant
1688 94, auf die 5 Mill. Engländer 70 Mill. Mark Staatseinkünfte, die letzteren
waren 1790 auf 840 Mill. Mark gewachsen. Brandenburg-Preußen hatte
1688 ca. 112000 Geviertkilometer, 1,8 Mill. Menschen, 8,2 Mill. Mark Netto-Staatseinkommen,
1740 - 122000 ⸗ 222⸗ * 24
1788 6 194000 ⸗ 5.4 * 57

Andere Staaten waren schon früher zu großem Umfang gekommen, wie Spanien,
Frankreich, Osterreich; Karls V. Einkommen wird auf 4,8 Mill. Dukaten, (45 Mill.
Mark) angegeben, während Luther zur selben Zeit einen reichen Grafen zu 24000, einen
namhaften Fürsten zu 240000, einen mächtigen König zu 2400000 heutiger Mark
schätzt. Aber mit der Größe der Staaten nahm meist noch die wirtschaftliche Leistungs—
fähigkeit ab: Osterreich erreichte unter Karl VI. wohl 1350000 Geviertkilometer und
20 Mill. Seelen, aber sein reines Staatseinkommen überschritt 44 Mill. Mark nicht;
es handelte sich um eine Zusammenfafssung von Ländern und Gebieten in ähnlicher Art,
wie seiner Zeit im Altertum; die Teile blieben selbständig.
Auch heute gilt das zum Teile noch für die ganz großen Staatsgebilde; aber die
mit 2—-500 000 Geviertkilometern und 10—60 Mill. Einwohnern find überwiegend
doch schon zu einer homogenen Bevölkerung und zu ganz einheitlichen Wirtschafts- und
Finanzeinrichtungen durchgedrungen. Ich füge zum Vergleich mit früher die folgenden,
überwiegend Levasseur entnommenen Zahlen über Gebiet und Einwohnerzahl einiger
der wichtigeren größeren Staaten bei:

Es hatten

1000 Geviertkilometer Millionen Einwohner
390 800 880—88 1896-1900

Europäisches Großbritannien.
Dasselbe mit feinen Kolonien.
Frankreich..
Dasselbe mit seinen Kolonien.
Deutschland..
Dasselbe mit seinen Kolonien (1899)
Preußen..
Schweiz..
Osterreich Ungarn...
Italien....
Europäisches Rußland
Dasselbe mit fseinen asiatifchen Besitzungen ..
Vereinigte Staaten.

2—

25
23

41
387
39
56,8
75
34,8
3,8
44
32
106
129
76

21
9345

64
58

Die finanziellen Kräfte einiger der wichtigsten dieser Staaten seien durch die
folgende kleine Tabelle veranschaulicht, welche Bruttobudgets in Millionen Mark teil—
weise mit schätzenden Ergänzungen giebt; z. B. ist die neuere preußische Zahl gewonnen
durch Zuschlag eines entsprechenden Beitrages aus dem Reichsbudget:
1820 - 30 1862
400 1414
768 1330
180 992
332 914
240 444

Broßbritannien
Frankreich ..
Kußland . . .
Osterreich-Ungarn
Preußen

Die enorme Steigerung der finanziellen Kräfte im letzten Menschenalter ist klar
ersichtlich. Die neuesten Zahlen ergeben das noch mehr; das preußische Bruttobudget
1899 bis 1900 hat 2326 Mill. Mark Einnahme und Ausgabe (wovon freilich 1050 Mill.
Mark Betriebsausgaben hauptsfächlich der Eisenbahnen sind), dazu 600/0 des Reichs—
budgets, gäbe 3262 Mill. Mark Bruttobudget, und ohne die 1050 Mill. Mark wenigstens
2212 Mill. Mark, also immer noch fast das 10fache von 1820 —830.
        <pb n="296" />
        284 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Mag man bei Vergleichung dieser Zahlen unter sich und mit den älteren daran
erinnern, daß der veränderte Geldwert und der Ersatz naturaler Staatsansprüche durch
Geld die Vergleichbarkeit erschweren, das ungeheure Wachstum der modernen staatlichen
Finanzwirtschaft gegen alle früheren Zeiten geht doch klar aus all' diesen Zahlen hervor.
Erst seit den letzten 200 Jahren begann der Prozeß, der große einheitliche Staaten mit
einheitlichen Wirtschaftsinstitutionen und einheitlich centralisierten Finanzen schuf.
Es ist nur ein anderer Ausdruck derselben großen Erscheinung, daß die Staats—
gewalt vom 16.-19. Jahrhundert versuchte, die selbständige Organisation und die
selbständigen Finanzen der Städte, Gemeinden, Territorien und Provinzen, aus deren
Zusammenfassung die größeren Staaten hervorgingen, zu beschneiden, teilweise ganz zu
beseitigen. In Preußen z3. B. hören die ständisch-finanziellen Organisationen der
Provinzen im 18. Jahrhundert fast ganz auf; die meisten Städte werden im 18. Jahr—
hundert auf ein Jahresbudget von 3000-30 000 Mark reduziert; selbst Berlin hatte
1734 mit 86 000 Einwohnern nur eine Ausgabe von 72000 Mark, während im Mittel—
alter Städte mit 10000 das 2—6fache Budget hatten. Aber ebenso klar ist, daß die
finanzielle Centralisation, an ihrer äußersten Grenze angekommen, in unserem Jahr—
hundert beginnen mußte, den mittleren und kleineren Gebietskörperschaften wieder eine
größere Thätigkeit und Selbständigkeit einzuräumen. Und so sehen wir heute, daß neuere
Reichsbildungen, z. B. die Deutschlands, neben den Reichs- die Staatsfinanzen belassen
haben; von den Vereinigten Staaten und der Schweiz gilt Ähnliches. Hsterreich—
Ungarn hat den Kronlanden eine erhebliche Selbständigkeit belassen oder wieder gegeben;
überall werden zwischen Staat und Gemeinde neue Gebietskörperschaften geschaffen, teil—
weise die Gemeinden vergrößert und zusammengelegt; allerwärts sind die Aufgaben und
die Finanzen dieser Gebilde wieder in aufsteigender Linie begriffen. UÜber die Größe
der neueren örtlichen Selbstverwaltungskörper sei noch folgendes beigefügt.
Die Gemeindemarkungen in Deutschland schwanken heute zwischen 4 und 13 Geviert—
kilometern; in Ostpreußen und Schlesien umfaßt eine Gemeinde einschließlich der Guts—
bezirke durchschnittlich 42—55, in der Rheinprovinz, Hessen-Kassel, Sachsen, Posen,
Brandenburg 528, in Hannover, Westfalen, Schleswig⸗Holstein O—18, in Württem—
berg 10 Geviertkilometer. — In diesen Zahlendurchschnitten sind alle Gemeinden, auch
die großen Stadtgemeinden, es ist alles unwirtliche Land, der gesamte Waldbestand
einbegriffen; das bewohnte und bebaute Land schrumpft also auf zwei Drittel oder
weniger zusammen. Von der Seelenzahl der dentschen Landgemeinden haben wir oben
(S. 269) schon gesprochen; wir sahen, daß fast die Hälfte der preußischen Landgemeinden
unter 200 Seelen, die als Kommunen geltenden Gutsbezirke noch weniger Bewohner
haben, während im Süden und Westen Deutschlands die Seelenzahl der Gemeinde auf
500 -800 steigt, wie sie etwa auch in Frankreich sein wird. Dort kommen jetzt 14 bis
15 Geviertkilometer auf die Gemeinde. In Hfterreich zählt eine politische Gemeinde
500- 1500 Seelen, jede umsaßt aber durchschnittlich 2—8 Ortschaften: diese, die älteren
Gemeinden, haben 120 -800 Seelen.
Nehmen wir den Durchschnitt einer alten germanischen Mark, welche, von den
kleinsten (12/8) und den größten nordischen (8) abgesehen, 8—8 Geviertmeilen hatte,
zu 4 gleich 225 Geviertkilometer, an, so sind heute 17 —20 Dörfer auf einem solchen
Raume. Überall haben sich in der langen historischen Entwickelung über den Dörfern
wieder größere Gebietskörperschaften, Grafschaften, Departements, Kreise, Arrondissements
und wie sie alle heißen entwickelt. Die englische Grafschaft hat durchschnittlich
2585 Geviertkilometer. Der preußische Kreis 200-2000, durchschnittlich 825, mit
24 000 - 100 000 Seelen. Die füddeutschen Oberämter sind etwas kleiner; die französischen
Arrondissements haben 14836 Geviertkilometer durchschnittlich. Auch zwischen diesen
größeren Gebilden und den Dörfern haben sich überall noch Mittelglieder gebildet;
* B. in England seit der Reformation die Kirchspiele, welche ursprünglich 18, später
durch Teilungen 8—9 Geviertkilometer umfaßten, heute etwa 1700 Seelen zählen. Da
auch sie für die kommunalen Zwecke zu klein waren, bildete man neuerdings (meist mit
den Friedensrichterdistrikten zusammenfallend) die Kirchspielumonen. 1502000 Geviert
        <pb n="297" />
        Größe der Gemeinden und ihrer Finanzen. 285

kilometer, 10514 Kirchspiele umfassend. Die rheinischen Bürgermeistereien sind etwas
Ahnliches, nur kleiner, etwa 40 Geviertkilometer groß, die neuen preußischen Amts—
bezirke ebenso, etwa 20 — 40 Geviertkilometer. In Rußland ist neuerdings neben und
über die Dorf- die Samtgemeinde und der Kreis getreten. Die Samtgemeinden zumal
der Kronbauern haben durchschnittlich etwa 1000—1200 Seelen. In den Vereinigten
Staaten ging das Kommunalleben im Norden von den Dorffchaften und Kirchspielen,
im Süden von den Grafschaften aus, da hier der Großbesitz vorherrschte; jetzt ist, ent—
sprechend der dortigen dünnen Bevölkerung, die an die nördlichen Einrichtungen sich an—
lehnende township die Grundform des Gemeindelebens geworden; sie hat 92ÿ98 Ge—
viertkilometer mit einigen Hundert bis einigen Tausend Seelen; sie läßt bei zunehmender
Bevölkerung Städte und Schulbezirke in sich entstehen.
Wenn nun in Großbritannien die sämtlichen kommunalen Körperschaften 1867 —68
36, 1892-98 82 Mill. M, der Staat aber 1892 -98 91-106 Mill. M, in Frankreich
die Gemeinden 1871 998, 1885 1060, der Staat jedoch 1885 über 3000 Mill. Francs,
in Preußen die sämtlichen Stadt- und Landgemeinden 1883—84 378, der Staat
1098 Mill. Mark (ohne Reichsbudget) ausgaben, so erhellt wohl, wie sehr die lokalen
Gebietskörperschaften an finanzieller Bedeutung wuchsen, wie wenig sie aber noch den
Staat eingeholt haben. Freilich unsere großen Städte haben Finanzen, die an die
Budgets der größeren Staaten des 16.—518. Jahrhunderts heranreichen; Paris 1801
12, 1860 106, 1888 304 Mill. Francs, Berlin 1888 —-90 85 Mill. Einnahmen,
75 Mill. Mark Ausgaben, Boston 1889 —90 17,8 Mill. Doll. Ausgaben; selbst Städte
wie Mainz und Altona haben einen Etat von 8, und 4,5 Mill. Mark, mehr als zu
Luthers Zeiten ein mächtiger König. Aber dafür bewegen sich auch die Ausgaben
einer Dorfgemeinde und Landstadt noch immer in den bescheidensten Grenzen. —
An diese statistisch-historischen Größenangaben möchten wir nur ein vaar all—
gemeine Schlüsse und Bemerkungen knüpfen.
a) Die ältere Vorstellung, als ob die lokalen kleinen Ortsgemeinden in ihrer
Verfafsung allerwärts das Altere, Ursprünglichere seien, als ob durch deren Zusammen—
fassung etwa die Staaten sich gebildet hätten, ist nicht richtig. Die älteren Stämme
und Stammesbündnisse führten zuerst zu kleinen Kanton- oder Stadtstaaten, welche
Staat und Lokalgemeinde zugleich waren; innerhalb derselben brachten es die Orts—
gemeinden in älterer Zeit überhaupt nicht zu einem kräftigen Sonderleben, sondern
blieben Teile der Kantone. Erst im Mittelalter und in der neueren Zeit geschah
dies; es beruht darauf der die ganze neuere Volkswirtschaft und Staatsversassung
beherrschende Gegensatz von Stadt und Land, der dem Altertume fehlte. Aber auch
in der neueren Entwickelung sind der Gau, die Markgenossenschaft, die nordamerikanische
Grafschaft und toßnship und ähnliche größere Bezirke das Altere, innerhalb deren
erst nach und nach durch Differenzierung der Zwecke und Organe die kleineren Gemeinden
als selbständige Gebietskörperschaften entstanden und von Recht und Staat anerkannt
und geordnet wurden. Vollends in unserem Jahrhundert sind eine Menge kleinerer
und größerer Gebietskörperschaften absichtlich durch die Staatsverwaltung und Gesetz—
gebung geschaffen worden.
Die Vergrößerung der Staaten erfolgte einerseits durch Bündnisse ganzer Gebiete
und Völker untereinander, andererseits durch Eroberung, Staatsverträge, fürstliche Erb—
schaften, Kaufgeschäfte fürstlicher Familien, die meist ganze Grundherrschaften, Graf—⸗
schaften, Territorien betrafen.
Das Charakteristische des historischen Entwickelungsprozesses in Bezug auf die
Gebietskörperschaften ist der Umstand, daß je größer die Reiche und Staaten werden,
desto mehr eine komplizierte Hierarchie von größeren und kleineren Körperschaften über—
einander entsteht, die sich nun in die verschiedenen Aufgaben des politischen und wirt—
schaftlichen Gemeinschaftslebens teilen. Je höher die Verfassung der Staaten sich aus—
bildet, desto mehr erhalten die untergeordneten Körperschaften in gewissen, besonders
wirtschaftlichen Gebieten eine relative Selbständigkeit, müssen dafür aber in anderen
        <pb n="298" />
        286 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

allgemeinen Aufgaben und in der Form ihres Verfafsungslebens sich den Beschlüssen,
den Gesetzen und Anordnungen der über ihnen stehenden Körperschasten fügen.
bp) Daneben nun noch ein Wort über die wirtschaftliche Bedeutung der Größe
und Abgrenzung der Gebietskörperschaften. Jedes Dorf, jeder Kanton, jede Provinz,
jeder Staat ist durch seine natürlichen oder politischen Grenzen ein wirtschaftliches
Ganzes, das zunächst seinen Schwerpunkt in sich hat, aber je nach der Zahl seiner Ein—
wohner, je nach der Technik seines ganzen Wirtschaftslebens darauf angewiesen ist, zeit—
weise oder dauernd mit Menschen oder Waren über das Gebiet hinaus zu drängen,
dies und jenes von Nachbarn zu beziehen. Und sobald er das zu thun genötigt ist, so
muß durch Verträge oder politische Vereinigung, durch Eroberung, Einverleibung,
Handelspolitik eine völker- oder staatsrechtliche Grundlage für diesen Abfluß, diesen
Austausch geschaffen werden.
Es wird also alle fortschreitende wirtschaftliche Entwickelung teils zu Grenzhinaus—
schiebungen führen, teils in Bündnissen und internationalen Verträgen verlaufen. Dabei
wird immer das erstere, die Schaffung größerer Staaten, größerer Verwaltungsbezirke,
größerer Gemeinden das durchschlagendere Miltel sein, um Gebiete, die wirtschaftlich nun
durch den Verkehr ganz aufeinander angewiesen find, auch rechtlich, finanziell, in allen
Wirtschaftseinrichtungen so unter einen Hut zu bringen, daß der Nenschen uund Waren—
austausch am leichtesten sich vollziehen kann. Andererseits aber stehen dem oft unüber—⸗
windliche sprachliche, nationale, historische und verwaltungsrechtliche Hindernisse entgegen;
die heutige internationale Arbeitsteilung und Weltwirtschaft hat zahlreiche Produktions⸗
und Konsumtionsgebiete geschaffen, die krotz verschiedener Sprachen, verschiedenen Rechtes,
verschiedener Nationalität wirtschaftlich für einander thätig sind. Es wurde eine Haupt—
aufgabe der Verträge und des Volkerrechtes, einen zunehmenden Verkehr über die Landes—
grenzen hinweg zu ermöglichen. Aber jeder solche Verkehr bleibt bedroht durch Anderungen
der Macht- und der Handelspolitik, und er bleibt erschwert durch Rechtsungleichheit,
Geldverschiedenheit und vieles andere. Mag der Weltpostverein, der Fortschritt im
internationalen Recht, in der Annäherung des Handels- und Wechselrechtes, in den
Handelsverträgen, in der Zulassung der Fremden zu Verkehr und Niederlassung noch
so groß heute schon sein, jedes Gebiet, jeder Staat bleibt ein Ganzes und führt vom
Standpunkte feiner Gesamtinteressen, seiner nationalen Gefühle und Leidenschaften aus
mit den Nachbargebieten einen Konkurrenzkampf, will unter Umständen diese ausstechen,
herabdrücken, ja vernichten, so daß gewisse Gefahren nicht aufhören.
Der große Entwickelungsprozeß des wirtschaäftlichen Lebens stellt sich uns von diesem
Standpunkte aus dar als ein Rivalitätskampf erst der kleinen, dann immer größerer
Bebiete; und das Ende ist häufig die verwaltungs- und staatsrechtliche Verbindung der
kleineren zu einem Ganzen, mit dem Zwecke, die wirtschaftlichen Gegensätze im Junern
durch eine starke Centralgewalt zu überwinden, dem wirtschaäftlichen Leben nach innen
Luft und freie Bewegung zu schaffen, nach außen die Kräfte zu sammeln. Die Stadt
gebiete, die Kleinstaaten, die Großstaaten, heute endlich die Weltreiche sind so nach—
einander entstanden, haben nacheinander einen wirtschaftlichen Kampf miteinander ge⸗
führt, welcher die Folge ihrer Gebietsgröße und ihrer Grenzen war.
Auch heute finden in den größeren Staaten noch ähnliche Rivalitäten statt. Die
Dörfer, die Städte, die Bezirke, sie führen um Wege, Märkte, Eisenbahnstationen
Fämpfe mit einander. Die Großstadt und ihre Vororle werden mannigfach in ihrem
Wirtschaftsleben dadurch geschädigt, daß ihre Straßen-, Wasserleitungs- Schul⸗, Markt⸗
derwaltung nicht in einer Hand liegt. Es wird zuletzt durch Eingemeindung geholfen.
Die steigende Übertragung wichtiger wirtschaftlicher Funktionen auf die größeren statt
auf die kleinen Gebietskörperschaften hat hier ihre Wurzel.
.. Aber das sind unerhebliche Schwierigkeiten; sie können zuletzt stets durch die ein—
heitliche centrale Staatsgewalt überwunden werden. Nicht so zwischen selbständigen
Staaten, die für ihr wirsschaftliches Gedeihen nicht groß genug sind, nicht ihre natür—
lichen Grenzen haben, nicht am Meere liegen, die mit einzelnen ihrer Nachbarn wirt—
schaftlich verfeindet, nach ihnen hin durg Sperren geschädigt werden, während der
        <pb n="299" />
        Die wirtschaftliche Bedeutung der Größe und Grenzen der Gebietskörperschaften. 287

wechselseitige Austausch dringendes Bedürfnis wäre. Alle Handels-, Wirtschafts- und
staatliche Gebietsgeschichte ist von hier aus zu erklären. Schon die asiatischen Eroberungs—
reiche, der attische Seebund, die Herrschaft der Hellenen im Orient, der Karthager im
Occident, das römische Reich, die Bildung der großen Nationalstaaten von 1300 - 1800,
der Versuch Napelons J., die halbe Welt zu unterwerfen, die Geschichte des Zollvereins,
des Deutschen Reiches und Italiens in unserem Jahrhundert sind wesentlich mit aus
diesen wirtschaftlichen Tendenzen zu erklären. Heute handelt es sich trotz aller Siege
des Freihandels darum, daß es doch viel leichter ist, sich in abhängigen Gebieten, in
Kolonien als in fremden Staaten Märkte zu sichern und Absatz zu schaffen. Daher haben
sich die Vereinigten Staaten von 1800 —1900 von etwas über 2 auf 9,s Mill. Geviert—
kilometer, haben sich von 1866- 99 das großbritannische Weltreich von 12,6 auf 27,8,
das russische von 12,8 auf 22,4 Geviertkilometer vergrößert; darum hat Frankreich sich
in Nordafrika eine zweite Heimat geschaffen; darum wird heute um die Teilung der
Erde allerwärts gekämpft. Die Größe der Gebiete ist an sich ein ungeheures wirt—
schaftliches Machtmittel; und die Lage der Teile zu einander, die Grenzbildung ist es
oft nicht minder. —
Doch genug. Wir gehen nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen über die Ge—
bietskörperschaften zur Darstellung des einzelnen über. Wir können daraus nur einige
Ausschnitte geben, vor die Darlegung der heutigen Wirtschaft des Staates und der
Gemeinde nur einige Skizzen über die ältere mitteleuropäische Dorfwirtschaft, Grund—
herrschaft und Stadtwirtschaft setzen.
103. Die ältere Dorfwirtschaft. Die Markgenossenschaft der germanischen
Völker, die wir schon mehrmals (S. 237, 261) berührt haben, die wahrscheinlich über—
wiegend oder teilweise mit der Hundertschaft und dem Hundertschaftsbezirke zusammen—
fällt, ist das erste uns deutlicher erkennbare Beispiel eines sippenartig und genossen—
ichaftlich gestalteten Familienverbandes, der zugleich durch ein fest abgegrenztes, von ihm
innegehabtes Gebiet zu einer Gebietskörperschaft wird. Mögen diese dem ersten Jahr—
tausend unserer Zeitrechnung angehörenden Verbände mehr politisch-kriegerischen oder mehr
äppenartigen und wirtschaftlichen Charakter gehabt, mögen ihre Zwecke im Laufe der
Jahrhunderte sich vielfach verschoben haben, später nach und nach auf andere Organe
(Grafschaft, Zendnerei, Dorf, Genossenschaft, Territorium, Staat) übergegangen fein,
mögen sie ursprünglich mehr Viehweidegenossenschaften, später mehr Organe der Acker-,
Forst⸗, Weide-, Fischwasserverteilung an die Häuptlinge und Dorfschaften gewesen sein,
so viel ist aus der Überlieferung zu erkennen, die freilich aus der Zeit des Rückganges
und der Auflösung der Markgenossenschaft stammt, daß die Markgenossenschaft eine
ziemlich lose Verfassung in dem obersten Märker, dem Markgericht und der Märker—
versammlung hatte, daß sie über die wirtschaftlichen Nutzungen der Mark verfügte, die
entsprechenden Ordnungen erließ und Beschlüsse faßte, daß die Mark als ein geschlossenes
Wirtschaftsgebiet galt, aus dem Holz, Kohlen, Heu, Mist, Mergel, Fische, Vieh auszu—
führen verboten oder erschwert wurde, weil sie als Produkte des großen Gemeinbesitzes,
des Waldes und der Weide, nur dann den Genossen dauernd und gleichmäßig dienen
und in ihrer Menge ausreichen konnten, wenn nicht einzelne Betriebsame durch Ausfuhr
die zehn- bis zwanzigfache Nutzung der übrigen in Anspruch nahmen. So viel wir
sehen können, hatten die Markgenofssenschaften aber es zu einer kräftig handelnden Spitze,
zu einem von dem genossenschaftlichen Eigentum getrennten Korporationsbesitze, zu einer
gemeinsamen Vermögensverwaltung, einer Kasse nie gebracht.
In dem Maße, wie die Bevölkerung sich vermehrte, der Ackerbau gegenüber der
Viehwirtschaft wichtiger wurde, in zahlreichen Dörfern mit besonderen aus der gemeinen
Mark ausgesonderten Ackerfluren und Weiden sich einrichtete, der Besitz der Großen,
teilweise auch des Königs zunahm, die Anfänge der Grundherrschaft sich bildeten, die
Schenkung der Hufen an die Kirche erlaubt wurde, mit königlichem Briefe Nichtgenofsen
in die Markgenossenschaft eindringen konnten, da lockerte sich das Gefüge der alten
Markgenossenschaften. Sie traten zurück gegenüber den neuen, kräftigeren Organen, dem
Dorfe und der Grundherrschaft. Die Mark erschien mehr und mehr nur als ein An—
        <pb n="300" />
        288 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Voltswirtschaft.

hängsel der neuen Gebilde; jedes Dorf, jede Grundherrschaft suchte davon zu erhalten,
was möglich war; man teilte bei Gelegenheit, was noch von dem alten großen Gebiete
unbesetzt vorhanden war.
Die Markgenossenschaft war ein loser Verband gewesen, der auf 100 400 Ge—
viertkilometern etwa 100 Familien, 1000 Seelen, später auch mehr umschloß; die Dorf⸗
genossenschaft, welche mit der Seßhaftigkeit, mit dem Siege der Dreifelderwirtschaft sich
ausbildete, besaß eine Gemarkung von etwa 15 —40, später 5—185 Geviertkilometern,
in deren Mittelpunkte, im Dorfe, 5—10, später oft 20 —50 Hufner (siehe S. 261) seit
dem späteren Mittelalter nebst einigen Kossäten oder Kleinstellenbesitzern, Handwerkern
und Tagelöhnern enge zufammen faßen. Die engere Siedelung und das engere Band
gemeinsamer agrarisch-wirtschaftlicher Interessen erzeugte eine kräftigere, dauerhaftere
Organisation als es die Markgenossenschaft je gewesen war. Die Dorfbewohner bildeten
im Anschluß an die alten brüderlichen Traditionen der Sippe eine Friedens-, Rechts—
und Unterstützungsgenofsenschaft, ihre Organe übten eine gewisse Rechtsprechung und
Polizei aus, schlossen sich ursprünglich persönlich und für den Verkehr ähnlich ab wie
die Markgenossenschaft. Der Schwerpunkt ihres wirtschaftlichen Lebens lag in der eigen—
tümlichen Verbindung der selbständigen Eigenwirtschaft der Familie mit der genossen—
schaftlichen Gemeinsamkeit, wie sie sich aus dem Gemeinbesitz der Allmende, aus der ge—
meinsamen Planlegung des Ackerlandes, aus der Einteilung desselben in zahlreiche Ge—
wanne von gleicher Bodenqualität, aus der Zuweisung eines Loses von je! /2—1 Morgen
in jedem Gewann an jeden Hufner, aus der Umlegung aller öffentlichen und grund—
herrlichen Lasten auf die Hufner ergab.
Das Dorf bildete einen persönlichen und dinglichen Verband; die Genossenschaft
hatte ein Gesamtrecht an der Dorfmark; jeder Genosse führte für sich eine rein auf die
eigene Produktion und Befriedigung aller Lebensbedürfnisse begründete Haus- und Acker—
wirtschaft, aber alle zusammen führten doch zugleich eine planvoll geordnete Gesamt—
und Gesellenwirtschaft, welche, ohne einen Sonderhaushalt darzustellen, die unentbehrliche
Ergänzung der einzelnen Hauswirtschaften war.
Haus und Hof waren dem einzelnen im Dorfe dauernd zugewiesen; das Haus
lag an der Dorfstraße, in bestimmter Reihe und Entfernung vom anderen, es war mit
der unentgeltlichen Hülfe der Genossen aus dem gemeinsamen, unbezahlten Holze des
Waldes gebaut; Haus und Hof standen unter verwandtschaftlichen und genofssenschaft—
lichen Vorkaufs- und Näherrechten, unter einer Bau- und Feuerpolizei, die ihre Wurzeln
im gemeinsamen Besitz hatte; sie waren des Nachts geschützt durch eine im Reihedienst
herumgehende Nachtwache. Das Vieh gehörte dem einzelnen, aber es durfte nur vom
gemeinsamen Hirten ausgetrieben werden, es erhielt seine Nahrung durch die gemein—
same Nutzung der Brache, des abgeernteten Sommer- und Winterfeldes, der Weiden, des
Waldes. Der dem Hufner zugeteilte Acker unterlag dem Flurzwange, d. h. er stand
unter der genossenschaftlichen Feldpolizei, unterlag den genossenschaftlichen Weide-, Trift—
— —
lichen Ordnungen und Beschlüssen. Wald, Weide und Wasser waren genosfenschaftliches
Gesamteigentum; und wenn die Rechte der einzelnen daran nach und nach individuelle
Sonderrechte wurden, so standen sie doch ganz unter den genossenschaftlichen Beschlüssen,
unter der gemeinsamen Weide-, Forst- und Wasserpolizei.
Die Wirtschaft des einzelnen Hufners verkaufte und tauschte lange nichts oder
sehr wenig; erst mit dem Aufkommen der Städte lieferte man einige Überschüsse auf den
städtischen Markt; im ganzen lebte die Familie durchaus von ihren eigenen Produkten,
stellte auch Kleidung und Geräte selbst her. Die Familie verteilte die Arbeit unter
ihre Glieder und sorgte für jedes derselben; ein starker Erwerbssinn konnte sich nicht
entwickeln, Kapitalbildung, Zins, Abhängigkeit vom Markte fehlten lange. Die einzelne
auf sich ruhende Hauswirtschaft war von der Dorfgenossenschaft, später von der Grund—
oder Gutsherrschaft, aber nicht vom Spiel der Preise beeinflußt und beherrscht.
Der Besitz der vollen Dorfgenossen, Haus, Garten, Acker und Anteil an der Allmende
zufsammen 15— 50 ha, je nach der Bodengüte), hieß die Hufe. Mehr und mehr dem freien
        <pb n="301" />
        Die mittelalterliche Dorfgenossenschaft und ihre Wirtschaft. 289

Privateigentume sich nähernd, blieb sie doch unter einem Agrarrechte, das mehr die
Gesamt- als die Einzelinteressen im Auge hatte, auf Erhaltung prästationsfähiger
Bauernnahrungen zielte.
Die Genossenschaft hatte keine gemeinsame Kasse; was sie etwa an Bußen ein—
nahm, verteilte oder vertrank sie gemeinsam. Was sie an Lasten aufzubringen hatte,
legte sie auf die einzelnen um. Sie hatte ursprünglich keine Organe, die über ihr als
felbständige Spitze, als Personifikation der Korporation standen; Vorsteher, Schöffen,
Gemeindeversammlung wurden erst langsam und nach und nach seit dem 15. —18. Jahr—
hundert zu einer solchen. Aber der genossenschaftliche Geist war um so stärker; er erhielt
durch die Feldgemeinschaft täglich und stündlich neue Nahrung. Jeder einzelne Hufner
mußte wirtschaften wie der andere; eine Stärke der Sitte, der Gebundenheit, des Gemein—
gefühls bildete sich aus, welche die Dorfgenossen bis heute vielfach wie eine große Familie
mit gleichen Vorzügen und Fehlern erscheinen läßt. Das Eindringen neuer perjsönlicher
Elemente war lange ebenso erschwert wie der freie Tausch- und Geschäftsverkehr nach
außen. Die Veräußerung des Grundbesitzes an Nichtgenoössen war durch Näbherrechte
der Verwandten und Dorfgenofsen gehemmt.
Die Ausbildung erst der territorialen, dann der großen nationalen Staatsgewalten,
sowie die der Geldwirtschaft gab den Anstoß zur Umbildung dieser älteren Dorfgenossen—
schaft in die neuere Einwohner- und Ortsgemeinde, in welcher die einzelnen bäuerlichen
Familien auf sich stehen, mehr und mehr für den Verkauf produzieren. Es ist eine
Umbildung, welche in vier bis fünf Jahrhunderten langsam durch alle möglichen kleinen
Anderungen der Staats- und Gemeindeverfassung, der Verwaltung und des Wirtschafts—
lebens sich vollzog. Wir kommen auf die moderne Ortsgemeinde unten. Hier ist nur
zu erwähnen, daß von der alten Verfassung mit ihrer Feldgemeinschaft auch heute noch
in vielen europäischen Staaten erhebliche Reste bestehen. Wo die Gemeinde noch Wald
und Weide besitzt, die Ackerstücke der Dorfgenossen noch in alter Gemengelage durch—
einander liegen, wo damit der faktische — wenn nicht der rechtliche — Flurzwang noch
besteht, da ist trotz aller Zunahme des individuellen Eigentums, trotz aller Einschrän—
kung der alten Gemeinschaft noch ein gut Stück der alten Zustände vorhanden. Aber
allerdings sind sie überall in voller Auflösung begriffen. Die Teilung der Allmende
und Gemeinheiten an die einzelnen, die Güterzusammenlegung und die Feldwegregu—
lierung haben den Betrieb der einzelnen Bauern mehr oder weniger auf sich selbst ge—
stellt. Es lag darin eine naturgemäße Entwickelung. Die Ausbildung der Sonder—
wirtschaft des Bauern, der selbständig werden, gewinnen, vorwärts kommen will, war
jetzt so notwendig und heilsam wie einstens die genossenschaftliche Zucht, die ihn genötigt
hatte, zu wirtschaften, zu pflügen, zu ernten, wie die anderen Genossen es thaten. In dem
Maße, wie die Geldwirtschaft in die Dörfer eindrang, der Bauer anfing, mehr als bis—
her für den Markt zu produzieren, mußte sein wirtschaftlicher Erwerbstrieb sich ent—
wickeln; die alten genossenschaftlichen Traditionen schrumpften zu einer starren Sitte
zusammen, die zunächst neue Blüten nicht treiben konnte. Rein auf das Herkömmliche
beschränkt, hatte der Bauer des 16. —18. Jahrhunderts kein Verständnis für genossen—
schaftliche Be- oder Entwässerung, für etwaige gemeinsame Unternehmungen; er war
jeder Majorisierung abhold. Erst die Schule der Geldwirtschaft, die moderne Umbildung
der Dorfverfassung, die Schaffung neuer, besserer Dorforgane, die Fortschritte der Technik
und des Marktes, die Hebung der ganzen Intelligenz brachten es endlich in unserem
Jahrhundert so weit, daß der ganz selbständig gewordene Bauer, der das Rechnen ge—
lernt hatte, Verständnis für Molkerei-⸗, Maschinen-, An- und Verkaufs-, Darlehns—
genossenschaften, für Güterzusammenlegung und gemeinsame Meliorationen bekam, daß
das zur Ortsgemeinde gewordene Dorf auch die modernen Aufgaben des Wege-, Schul-,
Armenwesens und Ahnliches übernehmen konnte.
Der pfychologische Umbildungsprozeß von dem alten genossenschaftlichen, ohne
Erwerbstrieb wirtschaftenden, dann der Grundherrschaft unterworfenen, von ihr vielfach
gedrückten und dadurch stumpf gewordenen Bauern zum schlauen Egoisten und dann zum
rechnenden Kleinunternehmer, zum freien Grundbesitzer der neuen Zeit und nun wieder
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4-6. Aufl. 9
        <pb n="302" />
        290 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

genossenschaftlich fühlenden, die Ehrenämter in Dorf und Amt bekleidenden tüchtigen
Klein- und Mittelbesitzer ist eines der anziehendsten Kapitel aus der mitteleuropäischen
Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. —
104. Die Grundherrschaft und ihre Wirtschaftsorganisation.
Das mittelalterliche Dorf war eine genossenschaftliche Gebietsorganisation von 50 bis
500 Menschen auf wenigen Geviertkilometern, die Grundherrschaft eine herrschaft—
liche Gebietsorganisation von in der Regel doppeltem, ja zehn- und mehrfachem Um—
fange. Das Dorf war in gewisser Beziehung wirtschaftlich unabhängig, wenn es auch
politisch der Teil eines größeren Ganzen war, wirtschaftlich zuerst von der Markgenossen—
schaft, später meist von der Grundherrschaft, dann vom Absatz nach der Stadt abhing.
Die Grundherrschaft war auch politisch und administrativ in ein größeres Ganzes ein—
gefügt, wirtschaftlich nicht ohne Verkehrsverbindung nach außen; aber sie ruhte in der
Hauptsache doch rechtlich und wirtschaftlich viel mehr auf sich, zumal in den Zeiten un—
entwickelter Staatsbildung, im ganzen Mittelalter und noch lange in der neueren Zeit.
Ahnliche Verhältnisse wie unsere europäischen feudal-grundherrlichen Bildungen
haben auch andere Erdteile und Zeiten gehabt, wo Naturalwirtschaft, kriegerische oder
priesterliche Aristokratien und von ihnen abhängige Bauernschaften zusammentrafen. Aus
solchen Verfassungszuständen heraus haben sich fast überall unsere heutigen geldwirt—
schaftlichen Agrarverhältnisse mit ihren Klein-, Mittel- und Großbetrieben in ver—
schiedenen Ubergängen entwickelt.
Ihren Kern- und Mittelpunkt hatte die Grundherrschaft in einer fürstlichen oder
aristokratischen großen patriarchalischen Familie oder einem Bischof, einem Kloster; diese,
im Besitze von großem Grundeigentum, sammelten um sich Gefolgs- und Lehnsleute,
freie und unfreie Diener; hauptsächlich aber fuchten sie Dörfer und Hufen mit ihren
Bauernschaften zu erwerben; und die Verdinglichung aller möglichen Regierungs-,
Gerichts-, Lokalverwaltungsrechte, d. h. ihre Verknüpfung mit dem herrschaftlichen Be—
sitze bildete die Grundlage des dinglich-persönlichen Herrschaftsverbandes. Er war bald
mehr geschlossen, bald stellte er mehr einen Streubesitz dar, bestand oft nur aus einigen
Dutzend, bald aber auch aus einigen Hundert oder Tausend Hufen nebst Zubehör und
großen Waldungen und allerlei Rechten; jedenfalls die lokale Verwaltung und Aus—
nutzung dieses Grundbesitzes, den man stets abzurunden suchte, war das treibende Princip.
Die Nutzung konnte, da Geldwirtschaft, Pacht und ähnliches noch fast ganz fehlte, nur
die sein, daß die Grundherrschaft das Land an ihre Leute gegen Dienste und Natural—
abgaben ausgab, sich ein Obereigentum vorbehielt. Die höheren Dienstleute und Reiter
erhielten Lehen, etwas größere Güter, 4428, auch mehr Hufen, die Bauern und andere
Hintersassen erhielten oder behielten ihre einzelnen Hufen und Ackerstellen, die, nach
ihrer Lage gruppenweise unter einem herrschaftlichen Meier zusammengefaßt, womöglich
in ihrer hergebrachten Dorfverfassung gelassen wurden. Eine Anzahl Dörfer und Meier—
zebiete wurden unter einen Haupt- oder Fronhof gestellt; diese selbst standen wieder
unter den Oberhöfen und Palatien, an welchen ein eigener, nicht sehr großer landwirt—
schaftlicher Betrieb des Grundherrn geführt wurde. Von den übrigen zur Grundherr—
schaft gehörigen Gütern, Dörfern, Hufen her wurden Vorräte für den Bedarf des größen
Grundhercen, für seine militärische, polizeiliche, gerichtliche, geistliche Verwaltung wie
für seine persönlichen Bedürfnisse in den Fronhöfen angesammelt. Wurde von diesen
wirtschaftlichen Mittelpunkten der Verwaltung aus auch schon einiges verkauft, auf den
nächsten Markt geliefert, die Hauptsache blieb doch der eigene Konsum des Grundherrn,
des Stiftes, des Klosters und ihrer Beamten und Diener. Es war Sitte, daß die
Könige, die Grafen, die Bischöfe mit ihrem Hofhalte von einem ihrer Haupthöfe zum
andern zogen, um zu verzehren, was im Laufe des Jahres da angesammelt war. Es
fehlte in der Hauptsache die Geldwirtschaft, das Produzieren für den Markt, die Ab—
hängigkeit von den Preisen.
Aber in dem Centrum jeder der zahlreichen grundherrlichen Verwaltungen ent—
stand ein Überblick, ein Gesamtinteresse, eine gewisse Fähigkeit, alle untergeordneten Glieder
zu einem planvollen Ganzen zu verbinden, ihnen nach einem System der Arbeitsteilung
        <pb n="303" />
        Die Grundherrschaft und ihre wirtschaftliche Verfassung. 291

Dienste und Lieferungen aufzulegen: der Ritter hat nur Kriegsdienst zu leisten, der
Handwerker gewisse Produkte zu liefern, der Bauer wurde von der alten Gerichts- und
Kriegspflicht befreit, damit er seiner Landwirtschaft leben, seine in der älteren Zeit
mäßigen naturalwirtschaftlichen Pflichten erfüllen konnte. Der Ministeriale, der Ritter,
der Förster, der Bauer, der Handwerker, der Köhler und Zeidler, kurz alle, die zum
grundherrlichen Verbande gehörten, hatten für sich ihre meist auskömmliche agrarische
Eigenwirtschaft, aber daneben waren sie dienende Glieder der Grundherrschaft, und es
fragte sich, wie stark sie von hier aus in Anspruch genommen, gut oder schlecht behandelt,
gefordert oder gedrückt wurden. Wo sich die genossenschaftliche und Gerichtsverfassung
des Dorfes erhielt, lag darin ein Schutz gegen die Erhöhung der Lasten; wo die Ab—
gaben und Dienste durch Recht und Herkommen, durch Aufzeichnung in Hofrechten und
Weistümern gegen Anderung geschützt waren, wo und so lange an Bauern und Hinter—
sassen eher ein Mangel als ein Überfluß vorhanden, ein leichter Abzug nach Städten
und neuen Kolonien möglich war, wo der Bodenwert und die Rohproduktenpreise bei
gleich bleibenden Naturallaften stiegen, da konnte die Lage des unfreien Bauern eine
leidliche, ja eine allmählich fich verbefssernde sein, wie es thatsächlich in vielen Ländern
bis ins 14. und 15. Jahrhundert der Fall war.
Die geistlichen Grundherrschaften, Bisstümer, Stifte, Klöster wurden im älteren
Mittelalter die Mittelpunkte der höheren Kultur, der feineren Technik, die Schulen und
Erziehungsanstalten für den geistlichen und weltlichen Adel, teilweise auch die Ausgangs—
punkte für die ältere Städtebildung. Hier und auf den weltlichen großen und kleinen
Grundherrschaften fand ein gewisser Fortschritt in Acker- und Wiesenbau, Viehzucht
und technischen Gewerben statt; von hier aus wurden die letzten großen Rodungen
unternommen, hier waren Kapitalmittel für Wege-, Burgen-, Kirchen- und Mauerbau
vorhanden; die Vorratssammlung und die große Zahl Dienender erlaubten, die höheren
Bedürfnisse des Herrenhofes beförderten manchen wirtschaftlich-technischen Fortschritt.
Die Organisation eines Boten- und Fuhrwerksdienstes brachte Verkehr und einige Absatzmöglichkeit.
 Die Grundherren schufen dann nach und nach auch Märkte und Münzstätten,
bauten Mühlen und Backhäufer, Keltern und Kalköfen. So geschah hier manches, was
auch den abhängigen Bauern zu gute kam, die dafüuür freilich die herrschaftlichen Ein—
richtungen gegen Entgelt benutzen, auf der herrschaftlichen Mühle mahlen, aus der herr—
schaftlichen Brauerei ihr Bier beziehen mußten.
Der Eintritt in den Verband der Gruͤndherrschaft setzte Geburt aus einer zugehö—
rigen Familie oder freiwillige Ergebung und Aufnahme voraus; wer hofrechtliche Grund—
stücke erwarb, mußte sich vom Herrn belehnen lassen; der vom Herrn Aufgenommene
mußte auch von der halbfreien Genossenschaft recipiert werden. Ein freies Austritts—
recht fehlte gänzlich; es wurde als Fortschritt empfunden, wenn der Herr den Leibeigenen
nicht mehr ohne seine Hufe verkaufen durfte; Heirat war nur zwischen Gliedern der—
selben grundherrlichen „Familie“, wie man die Gesamtheit der der Herrschaft Unter—
khänigen bezeichnend nannte, ohne weiteres gestattet; darüber hinaus gehörte, wie zu
jedem Austritte, Zustimmung des Herrn und Loskauf. Noch nach dem preußischen Land—
recht entläßt der Gutsherr einen Hintersassen, den er nicht beschäftigen, dem er nicht
Unterhalt verschaffen kann, nicht definitiv, sondern er giebt ihm, wie bis 1860 der
russische Grundherr und jetzt die russische Gemeinde, eine Kundschaft, einen Paß, um
auswärts Brot zu suchen. Der Grundstückverkehr, Veräußerung, Teilung, Verpfändung,
war — abgesehen von der Zustimmung der nächsten Verwandten — an die des Grund—
herrn gebunden, jedenfalls nur innerhalb des hofrechtlichen Verbandes erlaubt. Auch
für das Vieh, das Getreide, die Wolle des grundherrlich gebundenen Bauern maßte
fich die Herrschaft teilweise ein Vorkaufsrecht an, als mit dem Aufkommen der Städte
ein solcher Absatz bedeutungsvoll wurde. Ein gewisses Besteuerungsrecht hatten die
Grundherrschaften früh geübt; sie haben meist das Recht in Anspruch genommen, staat—
liche und andere solche Lasten zu verteilen und dabei etwas für sich zu erheben.
Vom 18. Jahrhundert an haben sie die in den Weistümern aufgestellten Schranken
bezüglich der bäuerlichen Dienste und Abgaben meist abzustreifen, die Bauern mehr und
6
        <pb n="304" />
        292 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

mehr zu belasten oder zu abhängigen Arbeitskräften herabzudrücken gesucht. Es ist ihnen
das in sehr verschiedener Weise gelungen. In umfassendem Maße hauptsächlich da, wo
auf herrschaftlichen Höfen häufig durch Einverleibung von Bauernhöfen ein größerer
Gutsbetrieb eingerichtet wurde mit der Tendenz, Getreide, Wolle, Bier, Holz, Häute
und andere Produkte auf den Markt zu bringen, wo die sich ausdehnenden Herren- und
Rittergüter mehr und mehr wirtschaftliche Geschäftsunternehmungen wurden, wie das
besonders in England, im Nordosten Deutschlands, in Polen und Rußland vom 16. bis
18. Jahrhundert geschah. Die hier entstandene Form der Grundherrschaft hat man
neuerdings als Gutsherrschaft bezeichnet, um damit anzudeuten, daß der gutsherrschaft⸗
liche Betrieb, eine der Ubergangsformen zur modernen, für den Markt produzierenden
Unternehmung, hier zur Hauptsache geworden sei.
Die ältere Grundherrschaft war eine patriarchalische Großfamilie, teils mit Dutzenden,
teils mit Tausenden dienender Familien; sie war gewissermaßen ein Großbetrieb, aber
nicht für den Verkauf, sondern für die Konsumtion, für den Unterhalt des Grundherrn,
des Fürsten, des Stiftes, und für die politische, gerichtliche, militärische Verwaltung des
Gebietes; so lange die Verwaltung eine durch feste Rechtsnormen gebundene, streng
disciplinierte, von guten Traditionen beherrschte war, konnte sie Großes leisten; wo sie
milde gegen die Hintersassen war, wie man es von den Krummstabsgebieten pries,
konnte der Wohlstand gedeihen. Aber die Disciplin lockerte sich früh, die Mißbräuche
einer großen Naturalverwaltung konnten rasch sich steigern; es fehlte leicht in dem großen
Getriebe die rechte Kontrolle. In den festen Geleisen der Gewohnheit und des Rechtes
wurden Anderungen und technische Fortschritte bald schwierig. Die Klosterwirtschaften
hörten auf, Musterwirtschaften zu sein; auf den weltlichen Herrenhöfen fehlte gar manig—
sach der Sinn für wirtschaftlichen Erwerb, für Sparsamkeit; man begann im 12. und
18. Jahrhundert schon, die Höfe oder die Meiereien zu verpachten; später versuchte man
da und dort, wie erwähnt, einen großen landwirtschaftlichen Eigenbetrieb zum Verkaufe
zu beginnen. Die alte Grundherrschaft ist so vom 18.—16. Jahrhundert in einer
gewissen Auflösung oder Umbildung begriffen; wo aus ihr die Gutsherrschaft sich ent—
wickelt, erzeugt sie technisch-wirtschaftlichen Fortschritt neben bäuerlichem Drucke und
focialer Mißbildung. Einzelne der großen Grundherrschaften werden in Deutschland
und anderwärts zu Kleinstaaten und erhalten damit einen anderen Charakter. Die
übrigen und die Gutsherrschaften kommen unter die territoriale und nationale Staats—
gewalt. Wo die herrschenden fendalen Klassen diese in Abhängigkeit von sich bringen,
ist der Bauernstand bedroht, verschlechtert sich seine Lage bis ins 19. Jahrhundert.
Wo eine starke fürstliche Gewalt mit großem eigenen Grundbesitze die Grund- und
Gutsherren an Macht und Einfluß überragt, erhält sie den Bauernstand, befreit ihn
persönlich, verleiht ihm freies Grundeigentum, löst seine Lasten ab. Das einzelne dieses
Umbildungsprozesses gehört nicht hieher. Er hat sich erst im Laufe der letzten sechs
Generationen im größeren Teile Europas vollzogen; bis vor 80—90 Jahren lebten
60 —900/0 der europäischen Landbevölkerung noch in grund- und gutsherrlichen, halb
naturalwirtschaftlichen, gebundenen Zuständen.
Die Grundherrschaften waren in ihrer ersten aufwärts gehenden Entwickelung
einstens die Träger des wirtschaftlichen Fortschrittes, die normalen Gefäße der lokalen
Administration wie teilweise auch der Staatsverwaltung, die Keime und Gefäße für alle
möglichen höheren Bildungen — für Städte, Landesherrschaften, Großgutswirtschaften,
Bistümer, Klöster, Schulen ꝛc. — gewesen. Die Voraussetzungen für diese ältere nor—
male Wirksamkeit waren klare und einfache: stabile naturalwirtschaftliche Verhältnisse
ohne erheblichen Geld- und sonstigen Verkehr, einfache agrarische Technik, Menschen ohne
ausgebildeten Individualismus, ohne starken Erwerbstrieb, mit regen Gemeingefühlen,
in der Zucht der Familie und der Genossenschaft aufgehend; daneben schon eine bedeu—
dende Klassendifferenzierung, eine zum Herrschen und Lenken fähige Aristokratie; patriarcha—
lische Beziehungen zwischen ihr und den Hintersafsen, wie sie in einfachen Verhältnifsen
unter täglicher Berührung der Beteiligten entstehen; Treue, Gehorsam, Hingebung auf
der einen Seite, wie sie aus dem Gefühle der berechtigten Lenkung, des gewährten
        <pb n="305" />
        Würdigung der Grundherrschaft; ihre Auflösung. 293

Schutzes, der unzweifelhaften Überlegenheit folgen; auf der anderen Seite kräftigstes
Selbstgefühl, Glauben an den eigenen Herrscherberuf, aber auch menschliche Rücksicht,
Anerkennung des ärmsten Grundholden als Glied der sogenannten „familia“, Schutz in
Not, Beistand im Unglück; auch der gedrückte Hintersasse hat seine Kate, sein Ackerland,
sein Familienleben, seine rechtlich fixierte Stelle in dem grund- und gutsherrschaitlichen
Verbande.
Gewiß war dabei die Organisation eine rohe und eine enge, stets mit einer ge—
wissen Härte für die Untergebenen verbunden; die herrschaftliche Spitze vertrat, was
heute Staat, Provinz, Kreis, Gemeinde, Kirche und Schule, Armee, Gericht, Polizei,
Unternehmung, Arbeitgeber, Armenhaus, Unterstützungsgenossenschaft als getrennte Or—
gane verfolgen. Viele, vielleicht die meisten Individuen, wurden in engstem Kreise für
die herrschaftlichen Zwecke gebraucht, eine Anzahl verbraucht; höhere technische und
geistige Kultur war so nur für die an der Spitze Stehenden möglich. Aber immer war
die Grundherrschaft und die Gutsherrschaft für Millionen und Milliarden einfacher
Menschen eine in gewisser Beziehung erziehende und sie befriedigende fociale Lebensform,
ein Ring in der Kette zu größeren und vollendeteren gesellschaftlichen Formen, in mancher
Beziehung teilweise vollkommener als ein Teil unserer heutigen Großunternehmungen
mit ihren freien, aber proletarischen Arbeitern.
Die sich vom 16. -19. Jahrhundert ausbildende Gutsherrschaft hat ihre unteren
Glieder noch stärker gedrückt als die ältere Grundherrschaft, weil sie die Eigenwirtschaft
der Leute beschnitt, dieselbe mehr und mehr zu ihrer gesteigerten Marktproduktion ver—
wendete; freilich blieben stets gewisse Schranken des Rechtes und des Herkommens, zu
denen dann die neuen der fürstlichen Gewalt kamen; diese wollte im hörigen Bauern
den Soldaten, den Steuerzahler, den Unterthan schützen. Auch die Gutsherrschaft wurde
nicht reine Unternehmung, sondern blieb ein Mittelding zwischen ihr und patriarchalischer
Lokalverwaltung. Das hinderte aber nicht, daß die Mißstimmung und gegenfeitige
Erbitterung zwischen Gutsherrschaft und halbfreien Bauern von 1700-1800 so wuchs,
daß sie auch die vorhandenen technisch-wirtschaftlichen Fortschritte der Gutswirtschaften
so hemmte, daß die Auflösung dieses Verhältnisses von 17891860 in ganz Europa
zu der wichtigsten volkswirtschaftlichen Reformfrage wurde.
Seit dem 183., noch mehr seit dem 15. Jahrhundert hatte an begünstigten Stellen
dieser Auflösungsprozeß begonnen; in den meisten Staaten ist er erst durch große
staatliche Reformmaßregeln 1750—1870 durchgeführt worden: das Eigentum und die
Personen wurden frei, Gutsbesitzer und Bauern mußten lernen, mit freiem Gesinde und
freien Arbeitern zu wirtschaften, sich im freien Getriebe der Volkswirtschaft zu Groß—
und Kleinunternehmern umzubilden. Der ältere agrarische Verfassungszustand war seit
Jahrhunderten um so schlimmer geworden, je mehr die Geldwirtschaft vordrang, die
patriarchalischen Gefühle schwanden, der individualistische Erwerbstrieb bei Gutsherren
und Hintersassen zunahm, die vor Jahrhunderten ausgebildeten Rechtsformen starr und
unbildsam geworden, für die intensivere Landwirtschaft, für die Marktproduktion und
den neuen Verkehr sich nicht mehr eigneten; der sociale Druck hatte für die unteren
Klassen außerordentlich zugenommen, ohne den oberen entsprechende Vorteile zu gewähren.
Freilich klammerte sich die ländliche Aristokratie noch immer an ihre alten Vorrechte
an, obwohl sie längst den Kriegsdienst und die Lokalverwaltung nicht mehr besorgte,
ihre social-patriarchälischen Pflichten nicht mehr wie früher erfüllte, weil sie vom Geiste
des Erwerbstriebes ergriffen war. —
105. Die ältere Stadtwirtschaft. Die Wirtschaft des Dorfes ruhte auf
einer genossenschaftlichen, die der Grundherrschaft auf einer herrschaftlichen Gebietsorgani—
sation, beide hatten es zu gemeinsamen Wirtschaftseinrichtungen, aber nicht zu einer
über den Einzelwirtschaften stehenden selbständigen, aktiv führenden Korporationswirt—
schaft gebracht. Das gelang nun der komplizierteren Stadtwirtschaft.
Die Entstehung der Städte im Altertume und Mittelalter haben wir im vorigen
Kapitel (S. 257 u. 263) erörtert. Hier haben wir uns auf die Ausbildung der Stadt—
wirtschaft in der zweitgenannten Epoche zu beschränken. Man wird an dem Ausbildungs—
        <pb n="306" />
        294 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

prozesse der Einrichtungen und Veranstaltungen, die wir unter diesem Begriffe zusammen—
fassen, dreierlei unterscheiden können: 1. die Markt- und Verkehrserscheinungen und deren
Organisation, wie sie zwischen der Stadt und ihrer ländlichen und weiteren Umgebung
sich ausbilden, einerlei ob beide ein politisches Gemeinwesen ausmachen, unter derselben
Administration stehen oder nicht, die Stadtgebietswirtschaft oder Stadt—
wirtschaft im weiteren Sinne, 2. die gesamte wirtschaftliche Organisation der Stadt
an sich auf dem geographischen Boden der Stadtmarkung und auf dem rechtlichen der
städtischen Korporations- und Verfassungsbildung, die Stadtwirtschaft im engeren
Sinne, und 8. innerhalb dieses gesellschaftlichen Körpers den Stadthaushalt, die
wirtschaftlich⸗finanzielle Seite des Stadtregiments. Ist dieser dritte, engste Begriff der
Stadtwirtschaft das, was uns hier am meisten interessiert, so ist er doch ohne einen
Blick auf die beiden anderen auch nicht verständlich.
Die Stadt erwächst lokal auf einer meist die des Dorfes wesentlich übertreffenden
Gemarkung. Die rasch wachsende, in den Stadtmauern eingeschlossene Einwohnerschaft
erhält durch gerichtliche und administrative Einrichtungen des Stadtherrn (des Königs,
Bischoss oder Fürsten), durch Ausbildung ihrer älteren genossenschaftlichen Gemeinde—
verfassung, durch das engere Zusammenwohnen und die lebendigen, neuen gemeinsamen
Wirtschaftsinteressen des Marktes, der Gewerbe und des Handels den Charakter einer
komplizierten, aber doch sehr eng verbundenen Genossenschaft. Aus einer oder mehreren
Bauerschaften, einer oder mehreren bischöflichen, königlichen oder klösterlichen Grundherr—
schaften, aus zugewanderten Kaufleuten und Handwerkern von weiterher, aus Ackerbauern
und Tagelöhnern aus der Umgegend wurde bald die einheitliche Bürgerschaft, die auf
engem Raume unter demselben Stadtherrn, unter demselben Stadtrechte, später unter
dem aus ihrer Mitte hervorgehenden Ausschusse, dem Stadtrate, in ihrer mäßigen
Größe, in ihrer Abgeschlossenheit, in ihrem Lokalegoismus, aber auch mit ihrem sehr
starken Lokalpatriotismus von einheitlichen Gefühlen, von unschwer zu erkennenden
städtischen Gesamtinteressen beherrscht ist.
Der Rat führte den Kampi um die Abschüttelung der Vormundschaft des Bischofs,
des Stadtherrn, ihrer Ministerialen, um die Beseitigung ihrer grundherrlichen und
territorialfürstlichen Tendenzen; er stellte die Einheit der verschiedenen Genosseuschaften
und Gruppen, der freien und unfreien Elemente in der Stadt her. Er nahm dem
Stadtherrn und seinen Beamten die Thätigkeit für Markt und Muͤnze, für gewerbliche
Hebung, für Handelseinrichtungen aus der Hand und reinigte die städtische Verwaltung
von den fiskalischen, fürstlichen und sonstigen Nebenzwecken und Mißbräuchen, welche die
selbständige wirtschaftliche Blüte der Stadt hinderten. Der Rat wußte über die Stadt
hinaus durch Meilenrecht, Straßenzwang, Verbot des Landhandwerkes, durch Abmachungen
mit den umliegenden Grundherren und Dörfern über Marktbesuch die Stadt zum wirt—
schaftlichen Centrum eines Gebietes zu machen. Diese wirtschaftliche Politik macht ihn
drotz aller Kämpfe zwischen Patriciat und Zünften, Groß- und Kleinbürgern zum un—
bedingten Herrn in der Stadt, zum Repräsentanten der Bürgerschaft und des Stadt—
gebietes, giebt der Stadt gegen König und Fürsten die durch Kämpfe aller Art, durch
Friedensschlüsse und teuere Privilegien erstrittene „Autonomie“. Durch ihn erhält die
Stadt die handlungsfähige Spitze, welche dem Dorfe gefehlt hatte, welche die Genossen—
schaft nur um den Preis der Unfreiheit erhalten hatte; seine Thätigkeit erhebt die Stadt
zur öffentlichrechtlichen Korporation, welche im Stadtsiegel das Symbol ihrer rechtlichen
Persönlichkeit, in der Stadtkasse den Ausdruck des selbständigen Korvorationshaushaltes
bekommt.
Im Stadtrate fitzen die Spitzen des städtischen Patriciats, die ersten Kauf- und
Geschäftsleute, bald auch die angesehensten Zunftmeister; die persönliche Verknüpfung
ihrer Geschäftsinteressen und Geschäftskenntnisse und ihrer politisch-administrativen
Schulung mit ihrem starken Stadtpatriotismus und ihrer vielfach vorhandenen Ehren—
haftigkeil ist die psychologische Grundlage der Blüte der italienischen, deutschen, fran—
zöfischen, niederländischen großen Städte vom 12. —16. Jahrhundert. In Venedig und
Genua, in Köln und Lübeck ist das so wie im Amsterdam des 17. Jahrhuünderts
        <pb n="307" />
        Die Stadtwirtschaft; der Rat und die Bürgerschaft. 295

Die Bürgerschaft enthält in den Zeiten des raschen Stadtwachstums viele neue
Elemente; sie ist in sich keineswegs homogen; aber die Stadtmauern, das Stadtrecht
und die Stadtfreiheit, die besonderen Privilegien schaffen doch zwischen den meist die
Zahl von 500—2000 nicht übersteigenden Familien einen engen Zusammenhalt. Die
mittelalterliche Stadtfreiheit giebt dein Stadtbürger viele kostbare Rechte, die der Grund—
hörige, ja teilweise auch der Freie des platten Landes entbehrte: so vor allem die per—
fönliche Freiheit und die gratia emendi et vendendi, den freien Verkehr auf dem städti—
schen Markte, das Recht, Handel und Gewerbe zu treiben, die dem Landbewohner ganz
ober teilweise verboten sind, sowie das Recht, die Hülfe der Stadt für alle Geschäfte
außerhalb der Stadt in Anspruch zu nehmen, ferner das Vorrecht auf den Gerichtsstand
 in der Stadt, die Befreiung von mancherlei Abgaben, das Vorrecht auf Zollfrei—
heiten da und dort. Jede Stadt hatte so ihre besonderen Rechte, und schon, deshalb
konnte damals von einer allgemeinen Freizügigkeit der Einwohner eines Landes in Bezug
auf die einzelnen Städte nicht eigentlich die Rede sein. Bürger der Stadt wurde ur—
sprünglich, wer eine Hufe in der Stadt erwarb, Jahr und Tag hier eigenen Rauch
hatte und von der Stadt d. h. dem Rate aufgenommen war. Als es dann beim Em—
porblühen der Stadt sich darum handelte, neben den besitzenden Altbürgern rasch eine
größere Menge Händler, Handwerker und Arbeitskräfte von nah und fern heranzuziehen,
— 0
mehr auslieferte, stellte sich neben die Bürgergemeinde die steigende Zahl von Schutz⸗
genossen, Bei- oder Hintersassen, die späteren Kleinbürger. Ihre Rechtsstellung war
eine schwankende, vielsach eine demütigende; sie selbst suchen natürlich ins volle Bürger—
recht mit seinem Einflusse, seinen Benefizien einzudringen; nach der Ausbildung des
Zunftwesens verbindet sich mit der Aufnahme in die Zunft in vielen Städten die Auf—
nahme ins Bürgerrecht; aber wenn der Aufzunehmende jetzt nicht mehr Haus und Hufe
als Eigentum nachweisen muß, so fordert man von ihm nicht unerhebliche Einkaufs—
gelder, den Nachweis eines Vermögens, des Meisterrechtes und Stellung von Bürgschaft
sür sein Verhalien, für sein längeres Verbleiben in der Stadt. Und selbst für Städte
mit Zunfstherrschaft, wie Basel, hat man (Geering) neuerdings nachgewiesen, daß die
meisten Zunftmeister zuerst Jahre lang nur Zunftgenossen, dann erst durch Einkauf,
durch geleistete Kriegsreisen ꝛc. Bürger wurden. Noch später schloß man gar, wie in
Basel gegen 1700, das Burgrecht; alle weiter etwa Zuziehenden waren und blieben
Beisassen. Teilweise duldete man die Neuzuziehenden wohl gar nur als Fremde, um
sie jederzeit beliebig ausweisen zu können, wie das Herkner für Mühlhausen nachwies.
Kurz, im ganzen haben die Städte mehr als nach feststehenden liberalen Grundsjüätzen,
nach ihrem jeweiligen, richtig oder falsch verstandenen Interesse die Aufnahme neuer
Bürger oder Beisassen behandelt, die Zulassung in Zeiten des Aufschwunges erleichtert,
sonst aber meist erschwert, obwohl eine rechtliche Verpflichtung zur Armenunterftützung
damals noch nicht bestand, die Armenpflege noch überwiegend der Kirche und den Klöstern
überlassen wurde.
Das Recht des freien Wiederaustrittes aus der Stadt ist in einigen städtischen
Stiftungsbriefen, um Ansiedler zu locken, ausgesprochen; den Besitzlosen hat man wohl
stets, zumal wenn es an Arbeitskräften nicht mangelte, ziehen lassen. Der wohlhabende
Vollbürger aber wurde meist nicht so ohne weileres entlassen; er mußte dem Rate
feierlich aufsagen, erhebliche Abzugssteuern bezahlen, oft bis zu 100/0 seines Vermögens,
schwören, für die Schulden der Stadt zu haften und eine Anzahl Jahre die Steuern
der Stadt noch zu zahlen. Das freie Eherecht für die Töchter der Bürger bestand im
Gegensatz zu Ministerialen und Hörigen darin, daß kein Herr sie beliebig verheiraten
durfte; aber im übrigen wurde z. B. der Wienerin durch das Stadtrecht nur erlaubt,
nuberé cui velit, dummodo nubat utiliter civitati. Außerdem galt der Rechtssatz, daß
an sich durch Erbschaft nichts aus der Stadt heraus dürfe, der freilich, durch Verträge
ermäßigt, in Erbschastssteuer umgewandelt wurde. Noch Fischer sagt in seinem Polizei—
recht 1782, jeder Stadt und jedem Gutsherrn komme das Abzugsrecht, d. h. ein Teil
des aus der Gemeinde herausgehenden Nachlasses zu.
        <pb n="308" />
        296 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Wie das Stadtgebiet eine Insel besseren Rechtes, so ist die Bürgerschaft eine
privilegierte, enggeschlossene, mit dem Stadtgebiete und den Stadtinteressen verwachsene
Genossenschaft von Voll- und Halbbürgern, die ein gemeinsames Vermögen hat, sich
in gewissem Sinne als Erwerbsgesellschaft fühlt, durch ihre Organe, hauptfächlich durch
den Rat, die mannigfachsten Einrichtungen im wirtschaftlichen Gesamtinteresse der Stadt
schafft. Blicken wir auf sie noch einen Moment, und konsiatieren wir damit zugleich
die Ausbildung der Stadtwirtschaft im obigen weiteren und engeren Sinne.
Das wirtschaftliche Gedeihen der Stadt hängt von einer gewissen Herrschaft über
das umgebende Land und von zahlreichen speciellen Abmachungen über Absatz und
Handel in der weiteren Umgebung ab. Nicht die Salzjunker in Lüneburg, nicht die
Brauer Hamburgs, nicht die Handwerksmeister in allen Städten schaffen den nötigen
Absatz, sondern stets ist es ganz oder teilweise der Rat, der, wie der Ausschuß eines
großen Stadtkartells, für die Absatzinteressen bemüht erscheint. Freilich leben zumal in
den kleinen Städten noch lange die meisten Bürger von ihrer Ackerwirtschaft, haben
nicht viel zu verkaufen, auch nicht so sehr viel einzukaufen. Aber das ändert fich eben
in dem Maße, wie die Stadt mehr wird als ein Dorf. Zum Jahrmarkt, auf dem
fremde Hausierer und Händler, städtische Handwerker und Krämer verkaufen, kommt der
Wochenmarkt, wo der Bauer der Umgegend Getreide, Vieh, Hühner und Eier verkauft,
sein Bier, sein Tuch, seine Werkzeuge einkauft. So entsteht die Stadtgebietswirtschaft,
die mit einem Nezze enger wirtschaftspolitischer Maschen die nächste ländliche Umgebung
überzieht und beherrscht, mit ihren weiteren handelspolitischen Maßnahmen, wenn es
gut geht, auf die Umgebung bis zu 10 und 50 Meilen sich ausdehnt.
Der Rat erwirbt das Münzrecht, sucht ein leidliches Geldwesen zu schaffen, die
Stadt zum Mittelpunkte einer größeren einheitlichen Münze zu machen, sie damit zu
fördern, aus der Naturalwirtschaft herauszuheben, ihre Überlegenheit über die Umgebung
zu steigern. Er ordnet den Wochenmarkt, stellt eine öffentliche Wage auf, Marktbeamte
an, erläßt eine kluge Wochenmarkts- und Fürkaufsgesetzgebung. Der örtliche Verkehr,
der sich zwischen Bauer und Bürger ergiebt, soll ohne Zwischenhand auf dem Markte
sich abspielen, der Bauer soll nicht vor den Thoren an Fremde, an Händler, fondern
allein oder in erster Linie auf dem Wochenmarkte an den Bürger verkaufen; oft ist dem
Landmanne verboten, seine Ware anders wohin als in die nächste Stadt zu bringen;
das Handwerk hatte seinen goldenen Boden an diesem sicheren Absatz; ebenso die städtische
Braunghrung, der städtische Kaufmann; ihre Kundschaft war ihnen gesichert. Die Stadt—
wirtschaft macht aus der tauschlosen Eigenproduktion die Produktion für persönlich
bekannte Kunden. Für den Kaufmann werden Kaufhäuser und Markthallen gebaut.
Der Marktzoll wird für die Bürger vielfach aufgehoben, für die Nichtbürger beibehaltend.
Die Pflege des Jahrmarktes soll Gäste von weiter her locken. Durch Straßen- und
Stapelrecht zwingt man den Verkehr in die Stadt hinein, durch die komplizierte Ord—
nung des Gast⸗ und Fremdenrechts läßt man von fremder Konkurrenz gerade so viel zu,
wie ersprießlich ist, schließt aber den fremden Kaufmann, außer während des Jahrmarktes,
vom Detailverkaufe aus, zwingt ihn, an den Stadtbürger zu verkaufen, damit dieser stets
den lokalen Absatz, die Vermittelung zwischen Ost und West, Süd und Nord behalte.
Jeden Moment verbietet man je nach den Stadtinteressen die Aus- und Einfuhr dieser
und jener Waren, stets die Edelmetallausfuhr, oft für Monate allen Verkehr mit dieser
oder jener Stadt. Die ganze Zunftverfassung war eine Konkurrenzregulierung im Inter—
esse der örtlichen Gewerbetreibenden, des lokalen Marktes; sie hatte günstige Folgen,
wo sie vom Rate im Gesamtinteresse der Stadt geleitet und je nach 'den wechfelnden
Verhältnissen umgebildet wurde. Wenn es im Interesse der maßgebenden Handels⸗ und
gewerblichen Kreise nötig schien, zerstörte man eine aufblühende Vorstadt, die den Bürgern
das Brot „vor dem Munde wegzunehmen“ drohte, wie man mit benachbarten Kon—
kurrenzorten Händel anfing, sie belagerte, womöglich aus Handelsneid zerstörte.
.All' diese energische Stadtwirtschaftspolitik war nicht möglich ohne erhebliche wirt—
schaftliche Mittel in den Händen des Stadtrates, sehen wir, woher fie stemmten, wie
sie gesteigert wurden, wozu sie dienten.
        <pb n="309" />
        Die städtischen Wirtschaftsinstitutionen und der städtische Haushalt. 297

„Der Stadt gemein Gut“ bestand ursprünglich wie im Dorfe, aus Allmenden,
Weiden, Wäldern, Wegen, Fischwassern, öffentlichen Plätzen. Teilweise hatte in älterer
Zeit der Stadtherr die Hand darauf gelegt; er hatte ursprünglich auch teilweise die
Stadtmauern, das Kaufhaus und Ähnliches gebaut; aber später sehen wir diesen großen,
alles städtische Leben beherrschenden Grundbesitz, wie die Allmende, die Mauern, die
Thore, das Kaufhaus, meist auch die Kirchen in der Hand der Stadt oder des Rates
selbst. Der Rat muß jetzt auch für die Verteidigung durch Wall und Graben, durch
die Wachttürme an der Landwehr sorgen und nimmt dazu die Geld- und persönlichen
Kräfte der Stadt in Anspruch. Wie im Altertume ist der „Stadt Bau“ lange die
wichtigste Ausgabe.
Zunächst hatte der Stadtrat in den alten Gewohnheiten der örtlichen Genofssen—
schaft die beste Stütze für eine billige Verwaltung. Wie das Patriciat im Stadtrate
ohne Bezahlung der Stadt diente, so mußte der Bürger Kriegsreisen und Nachtwachen
thun, seinen Harnisch, die Reichen ihre Pferde für den Kriegsfall halten, bei Feuers—
und Wassersnot unentgeltliche Hülfe leisten, auch Baudienste für Unterhalt der Straßen,
der Mauern thun, in allen möglichen lokalen Amtern ohne Entschädigung dienen. Und
wenn da und dort schon Gebühren und Entschädigungen bezahlt wurden, wenn die
Dienste, je komplizierter die Stadtverwaltung wurde, desto häufiger als nicht ausreichend,
als unzukömmlich sich erwiesen, die ganze, in der Stadt weiler als im Dorfe aus—
gebildete, unbezahlte persönliche Naturaldienstverfafsung hatte das Gute, in jedem Bürger
die Einsicht in die Notwendigkeiten des Gemeindelebens und den Gemeinsinn zu steigern.
Und während dieses billige System nun noch in voller Wirksamkeit war, ermög—
lichte der zunächst auf die Städte beschränkte Geld- und Kreditverkehr eine neue Art, die
Gesamtinteressen mächtig zu fördern, Diener und Kriegsleute zu besolden. Beiträge an
Naturalien und Geld für den König oder Stadtherrn, wohl hauptfächlich als Ersatß für
persönliche, besonders für Kriegsdienste, bestanden in den deutschen Siädten, ehe die
städtischen Räte diese Abgaben dann im 12. und 18. Jahrhundert für sich erhoben und
zu städtischen Vermögenssteuern weiterbildeten. Als diese nicht mehr ausreichten, kamen
die Ungelder auf Wein, Bier und Mehl, die Gebühren für Benutzung der städtischen
Einrichtungen hinzu, verdrängten teilweise die Vermögenssteuern, die nur in Jahren
außerordentlichen Bedürfnisses noch erhoben wurden. Und so sehr mit dem Durch—
dringen dieser Geldsteuerwirtschaft die Städte leistungsfähiger wurden, die Ausgaben
von Jahr zu Jahr waren doch so ungleichmäßig, daß nur die Städte, deren Ansehen
groß genug war, um Schulden machen zu können, sich den Weg zu immer höherer
Machtstellung offen hielten. Vom 18. Jahrhundert an bis ins 16. entwickelt sich dieser
städtische Kredit so, daß jeder in der Stadt, der überflüfsiges Kapital hat, es der Stadt
anbietet, die es gegen Leibrenten oder Ewigzins annimmt, damit große Barvorräte
sammelt, oft solche, die eine Jahreseinnahme übersteigen. Mit diesen großen Barvor—
räten wurde der Rat aber auch zu großen politischen Aktionen, Kriegen, Bündnissen,
Bauten, zum Erwerbe von Dörfern und Herrschaften in ganz anderer Weise als früher
befähigt. Die früher mäßige Vermögensverwaltung steigerte sich dadurch da und dort
außerordentlich: der Besitz der Dörfer und Herrschaften, die große Kreditverwaltung,
der städtische Bau-, Ziegel-, Kalkhof mit seinen Pferden und Personal, von wo aus
die Errichtung und Unterhaltung der Kirchen, Schulen, Rathäuser, Straßen, Brücken,
Brunnen, Quais, Kaufhäufer, Mühlen, Kranken- und Schlachthäuser besorgt wurde,
gaben schon genug zu thun. Und dazu kamen nun noch die städtischen Getreidespeicher
und Zeughäuser, die Beschaffung von Kanonen und Waffen. Wenn es nötig schien,
nahm der Rat den Salz- und den Weinverkauf in die Hand. Kurz, die Ausdehnung
der wirtschaftlichen Thätigkeit des Rates war eine sehr große.
Natürlich wuchsen auch entsprechend die Mißbräuche, die Klagen der Bürgerschaft
über teure Kriegsreisen und Gesandtschaften, über die Schmaufereien und die Freigebig⸗
keit des Rates, der wertvolle Geschenke an Freunde und Mitglieder machte, über die
Steuern und das Schuldenmachen, über schlechte Verwaltung des Getreidespeichers, über
falsche Maßnahmen der Wirtschaftspolitik. Die Verschuldung der Stadt war seit dem
        <pb n="310" />
        298 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

14. und 15. Jahrhundert vielfach schon eine drückende. Die Vorwürfe, daß die Stadt—
räte und die Zunftmeister ihre Taschen füllen, hören nicht auf. Aber im ganzen über—
wiegt der Gemeinsinn und das Gesamtinteresse so stark, ist die Ehrlichkeit so weit vor—
handen, daß der Rat nicht nur eine weitgehende Korporationswirtschaft führen konnte,
sondern daß er auch in einer Weise, die wir mit unseren Vorstellungen über Freiheit
der Person, der Familie und der privaten Geschäfte ganz unverträglich finden würden,
alles wirtschaftliche Leben und Treiben in der Stadt durch Markt- und Polizei-, durch
Zunft- und Gildeordnungen, durch Luxus- und Kleiderordnungen, durch Preistaxen und
Warenschau im Gesamtinteresse zu leiten und zu regulieren vermochte. Rur wenn man
sich zugleich der kleinen und einfachen Verhältnisse erinnert, um die es sich doch damals
handelte, wenn man bedenkt, wie viel geringer der Individualismus und der Erwerbs—
trieb, der Gegensatz der Klassen entwickelt, wie stark der kirchliche und Gemeingeist war,
begreift man die damalige städtische Wirtschafts- und Finanzorganisation. In gewisser
Weise hat auch die heutige Orts- und Einwohnergemeinde noch einen ähnlichen Chärakter,
obwohl sie in den Großstädten viel mehr Menschen umfaßt, ihre einzelnen Elemente viel
loser und selbständiger nebeneinander stehen, die Funktionen des Stadtrates teilweise
auf Staat, Provinz, Großunternehmung, Handelskammern, Kartelle übergegangen sind.
Daß alle Städte mit dieser alten stadtwirtschaftlichen Verfassung geblüht hätten,
ist natürlich eine falsche Vorstellung. Nur die bestverwalteten, günstig gelegenen haben
zeitweise einen großen wirtschaftlichen Aufschwung und eine längere Epoche der Blüte
erlebt. Die Zeit dieser Blüte fällt in die Epoche, da ein lokaler Kundenverkehr den
volkswirtschaftlichen Fortschritt der Zeit über Eigenwirtschaft und rein agrarische Zu—
stände hinaus darstellte, da große weitere Fortschritte technisch und verkehrämäßig nicht
möglich waren, da die Grundherrschaft und die Kirche, letztere als Pflegerin mancher
Zweige des sittlichen Gemeinschaftslebens, schon ihre Blütezeit überschritten hatten, der
moderne Staat mit seinen hohen und weiter ausgreifenden Funktionen erst in der Bil—
dung begriffen war.
Diese Blüte war meist erkauft durch einen harten Egoismus nach außen, durch
eine gewisse Ausbeutung des platten Landes, oft auch der kleinen Nachbarstädte; sie endete
pielfach nur zu rasch in der Verknöcherung der Stadtverfassung, in einer Oligarchie des
Patriciates und der Zunftmeister, in einem engherzigen Lokalegoismus, der die großen
Aufgaben einer neuen Zeit nicht verstand, in einem anarchischen schädlichen Kampfe
zwischen Stadt und Land, Hauptstadt und Landstadt, zwischen Haudels- und Agrarinter⸗
essen. Wo die Landesherrschaft sich ausbildete und mit ihren Grenzen und Einrichtungen
bis an die Thore der Stadt vorrückte, da waren die Städte (wie z. B. Regensbuͤrg
und Augsburg von 1600—1800) zum gänzlichen wirtschaftlichen Stillstand für Gene—
rationen verdammt. Das neue wirtschaftliche und gewerbliche Leben mußte seit dem
16. — 18. Jahrhundert vielfach außerhalb der alten Städte, auf dem Lande oder
in den fürstlichen Residenzen sich ansetzen. Die Sonderrechte der Städte, ihre Privilegien
und Monopole waren ein Anachronismus geworden, seit nicht mehr die absichtliche
Städte- und Marktschaffung das erste Bedürfnis des volkswirischaftlichen Fortschrittes
waren. Erst als Glieder des Staates, unter dem gemeinen gleichen Rechte desselben,
als vom Staate beherrschte und durch staatliches Gesetz geordnete Selbstverwaltungs⸗
körper konnten die Städte in den letzten zwei Jahrhunderten einer neuen wirtschaftlichen
und finanziellen Blüte entgegen gehen. Die Territorien und Staaten aber kamen empor,
indem sie analoge Institutionen, aber angewandt auf das Wirtschaftsleben größerer
Bebiete, einführten, das Vorbild der städtischen Wirtschaftspolitik nachahmten.
106. Die Ausbildung der Territorial- und Volkswirtschaft und
des Staatshaushaltes. Dorf, Grundherrschaft und Stadt waren Gebietskörper⸗
schasten mäßigen Umfanges, mit einer Zahl Familien und Menschen, die sich persönlich
meist kannten, deren Nachbarschafts- und sympathische Beziehungen auch, soweit eine
Klassen- und Besitzdifferenzierung, eine Ausbildung des iudividuellen egoistischen Er—
werbstriebes begonnen hatle, die Entstehung und Erhaltung gemeinsamer Wirtschafts—
einrichtungen erleichtert hatten.
        <pb n="311" />
        Würdigung der Stadtwirtschaft. Entstehung der Territorial- und Volkswirtschaft. 299

Schon in den etwas größeren Stadtstaaten des Altertumes, dann in den Klein—
und Territorialstaaten der neueren Zeit bis zu 80 und 50000 Geviertkilometern,
bis zu 1-500 000 Seelen, vollends in den neueren Großstaaten mit ihren weiten
Flächen und Millionen Menschen, ihren verschiedenen Landesteilen, kannten und kennen
sich die Menschen nicht mehr alle persönlich; die Gegenden, die Klassen, die einzelnen
Familien und vollends die Geschäfte und Geschäftsgruppen stehen sich mit ihren wirt—
schaftlichen Sonderinteressen ganz anders gegenüber; der selbstsüchtige Erwerbstrieb spielt
in der arbeitsteiligen Gesellschaft nun eine ganz andere Rolle. Und wenn auch bald
das lebendige, besonders zu gewisser Zeit die Massen stark beherrschende Nationalgefühl,
die gemeinsame Litteratur und Geschichte, der steigende materielle und geistige Verkehr
wieder neue sympathische Bindemittel erzeugen, wenn die Einsicht in den Wert der ge—
meinsamen Staats-, Rechts- und Wirtschaftseinrichtungen nach und nach wächst, so sind
die Voraussetzungen für das gemeinsame wirtschaftliche Leben in diesen viel größeren
socialen Körpern doch ganz andere, kompliziertere, schwieriger herzustellende. Die Macht-—
und Zwangsorganisation der Centralgewalt muß daher viel größer und stärker sein,
zumal wo kräftige Gemeingefühle und die Einsicht in die Gesamtinteressen fehlen. Und
doch muß den einzelnen Familien, Individuen, Unternehmungen, den untergeordneten
Gebietskörperschaften ein gewisser Spielraum freier Bethätigung eingeräumt werden,
sonst versiegt die frische Spannkraft, die Freude am eigenen Thun und Vorwärtskommen,
alles Selbstgefühl. Mag daraus Selbstsucht, Hader, Interessenkonflikt und Kampf aller
Art entstehen, das muß in Kauf genommen, durch gewisse feste Rechtsschranken gebän—
digt, durch gemeinsame öffentliche Einrichtungen überwunden werden. Die getrennten,
verselbständigten Elemente müssen in höherer Form wieder vereinigt werden. Aber das
ist nicht leicht, ist nur durch schwerfällige, leicht falsch wirkende Institutionen möglich.
Jedenfalls aber sind auf die einfachen alten genossenschaftlichen Sympathien wohl kleine
fociale Körper von Dutzenden und Hunderten, aber nie solche von Millionen zu be—
gründen. Die Wirtschaft der Staaten muß eine andere, viel stärkere Organisation,
andere gröbere Züge an sich tragen als die der älteren kleinen socialen Gebilde:; sie
muß ganz anders auf Macht und Zwang sich stützen können.
In der Ausbildung dieser großen wirtschaftlichen Organisation der neuen Zeit
werden wir unterscheiden können: J. die territoriale Zeit, wobei es sich um Kleinstaaten
handelt; sie reicht für fast ganz Europa bis ins 16. und 17. Jahrhundert, für einen
Teil Deutschlands, für ganz Italien und die Schweiz bis über die Mitte unseres Jahr—
hunderts; 2. die Bildung der großen, meist nationalen Staaten und Volkswirtschaften,
die vom 16.-19. Jahrhundert hauptsächlich durch den aufgeklärten Despotismus und
seine merkantilistischen Maßregeln hergestellt werden; die Vollendung dieses Prozesses
wird von den konstitutionellen und absoluten Staatsgewalten unseres Jahrhunderts
übernommen, wobei es sich darum handelt, das Übermaß eentralistischer Leitung des
Wirtschaftslebens zu beseitigen, Gemeinde, Unternehmung und Individuum wieder
freieren Spielraum einzuräumen, die nationale, wirtschaftliche Abschließung nach außen
zu ermäßigen oder zu beseitigen; es ist eine Bewegung, die 17831840 beginnt, von
da bis 1875 siegt, leilweise sogar übers Ziel hinausschießt. Seither hat nun eine neue,
vierte Epoche begonnen: die Weltwirtschaft greift immer mächtiger in die einzelnen
Volkswirtschaften ein; die längst vorhandenen Tendenzen nach Welthandelsherrschast und
Kolonialerwerbung schaffen einige weit über die Größe der bisherigen Nationalstaaten
hinausgehende wirtschaftliche Weltreiche, in denen neue Abschließungstendenzen entstehen.
Innerhalb der Staaten machen sich die centralen Wirtschaftsaufgaben wieder mehr
geltend, die zugespitzten Klassengegensätze und -kämpfe machen eine Wirtschafts- und
Socialpolitik nötig, welche eine Versöhnung der merkantilistisch-centralistischen und der
individualistisch-liberalen Tendenzen darstellt; das Anwachsen der centralisierten Groß—
betriebe und Kartelle bedeutet technischen und organisatorischen wirtschaftlichen Fortschriit,
steigert aber die Kämpfe und bedroht teilweise die Staatsgewalt und die übrige Gesell—
schaft mit Abhängigkeit; es erwachsen aus all' dem neue Formen des volkswirtschaftlichen,
weltwirtschaftlichen und finanziellen Lebens.
        <pb n="312" />
        300 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Wir kommen auf diese neuesten Tendenzen weiterhin noch öfter zu sprechen. Über
die territoriale Volkswirtschaft müssen wir uns, da der Raum gebricht, mit wenigen
Worten begnügen. Was wir allein hier etwas darlegen können, ist die Entstehung der
Volkswirtschaft in der merkantilistischen und ihre Ausbildung in der liberalen Zeit,
iowie dann die Entstehung des Staatshaushaltes überhaupt und speciell in dieser Epoche.
Die Territorien und Kleinstaaten, die als ganz oder halb selbständige wirtschaft—
liche Körper, als kriegerische Mächte, als finanzielle Organisationen vom 12.—19. Jahr—
hundert bestanden, haben im einzelnen mannigfachen Charakter. Einzelne sind wirt—
schaftlich nicht viel anderes als große Grundherrschaften, andere wieder als erweiterte
Stadtwirtschaften; noch andere stellen gleichsam einen Bundesvertrag zwischen einem
Domänen besitzenden Fürstentume und den ständischen Korporationen von Adel und
Städten eines Gebietes dar. Ihre volle Ausbildung erhalten sie in Venedig und Genua,
sowie in den Niederlanden durch eine kaufmännische, im Kirchenstaate durch eine geist—
liche Aristokratie, in den anderen italienischen Gebieten durch kunstliebende, halb ver—
brecherische, halb militärische Despoten, im übrigen Europa durch ständisch gebundene,
aber im 17. und 18. Jahrhundert meist schon auf Heer und Beamtentum sich stützende
absolute Fürstenhäuser. Die militärische Gewalt, der Handel, die Förderung von Kunst,
Technik, Verkehr, die stärker ausgebildete Geldwirtschaft, die etwas größere Kapitalbildung,
die Ausbildung des öffentlichen Dienstes, der Steuern und einer centralistischen, weit—
ausgreifenden Wirtschaftspolitik, das sind die Kräfte und Elemente, wodurch die gut
verwalteten unter diesen Territorien emporkommen, wodurch die kräftigsten unter ihnen
die Grundlage und Keime für wirkliche Staaten und nationale Volkswirtschaften schaffen.
Meist aber ist das Gebiet nicht groß, nicht abgerundet genug; die Regierung wird nicht
recht Herr über Städte und Zünste, über Grund- und Gutsherrschaften; die alten
Wirtschafts- und Betriebsformen erhalten sich, hemmen jetzt aber noch mehr als früher
den Fortschritt. Die Naturalwirtschaft bleibt auf dem Lande bestehen, der freie innere
Markt fehlt noch vielfach; nach außen sind die meisten dieser Territorien zu schwach.
Erst den großen staatlichen Gewalten, wie sie vom 16.-18. Jahrhundert an von den
Tudors, den Oraniern, den großen französischen Königen und Ministern, den Hohen⸗
zollern und Habsburgern, in Rußland von Peter d. Gr. geschaffen wurden, gelingt es,
große Volkswirtschaften und Staatshaushalte herzustellen. Und beides fällt für die
damals Lebenden so zusammen, daß man das Ergebnis diesfes einheitlichen Prozesses
Staatswirtschaft, économie politiques, nannte. Der Versuch, sie theoretisch zu fassen,
hat die Anfänge unferer fachwissenschaftlichen Litteratur erzeugt.
Ohne wiederholen zu wollen, was ich zur Erklärung dieser Litteratur (S. 84 -88)
jagte, möchte ich hier die Volkswirtschafts- und Staatsbildung kurz so charakteristeren.
Ihr Princip war, die Selbständigkeit des nationalen Staates und der Volkswirt—
schaft zu erringen und die lokalen, ständisch-egoistischen Wirtschaftsordnungen der Pro—
vinzen, der Stände, der Kirche, der Städte und Grundherrschaften, der Zünfte und
Korporationen zu brechen und umzuwandeln in dienende Glieder der einheitlichen, von
der Regierung geleiteten nationalen Volkswirtschaft. Alle divergierenden Elemente sollten
membra unius capitis werden, viribus unitis die gemeinsamen Lasten tragen; das
Staatsgebiet sollte richtig abgerundet, ausgedehnt, mit den richtigen Außenplätzen,
Handelsstationen, Kolonien, Machtsphären und Einflüssen über andere Märkte versehen
werden; nach innen ein freier Markt, nach außen eine geschlossene Volkswirtschaft, die
nur zuließ, was an Fremden und Waren ihr paßte, nur hinausließ, was sie als
Ganzes mit Vorteil entbehren, womit sie Gewinn zu machen, Geld hereinzubringen
hoffen konnte.
Derartiges war nur möglich, wenn eine feste Staatsgewalt sich auf eine große
staatliche Beamtenschaft, auf Heer und Kriegsmarine stützen konnte. Dazu gehörte viel
Geld, eine ganze neue Ausbildung der Steuern, der staatlichen Regalien und wirtschaft—
lichen Vorrechte, ein ausgebildetes Landeszollwesen an der Grenze, ein gut ausgenutztes
staatliches Münzwesen, bald auch staatliche oder halbstaatliche Banken, große Handels-,
Kolonial-⸗, Versicherungscompagnien, die ganz oder halb von der Staatsregierung ab—
        <pb n="313" />
        Die merkantilistische und die liberale Staatspraxis. 301

hängig waren; auch ein ausgedehnter Staatsbesitz, große staatliche gewerbliche Betriebe,
Bergwerke und Manufakturen waren erwünscht. Mit Steuern und Zöllen, mit Gewerbe—
inspektoren und gewerblichen Reglements, mit Markt-, Wege-, Wasser⸗, Forst- und
anderen Ordnungen wurde das ganze wirtschaftliche innere Getriebe beherrscht, reguliert,
die Produktion und der Verkehr, die Märkte und die Aus- und Einfuhr im Gange
gehalten. Nach außen suchte man oft gewaltthätig, oft durch Betrug Absatz, Einfluß,
unter Umständen die Kredit- und Handelsabhängigkeit der Nachbarn zu erlangen; durch
Schiffahrtsgesetze förderte man die Küstenschiffahrt und die Handelsmarine, durch die
staatlichen Flotten, auf welchen teilweise auch der private Handel stattfand, beherrschte
man die eigenen Kolonien, die man den Fremden verschloß, die man als Ausbeutungs—
länder behandelte, wie die Konkurrenten, deren Produktion und Handel man nieder—
zuhalten suchte. Wenn es nötig war, führte man handelspolitische Kriege gegen die
Konkurrenten, vernichtete ihre Handelsmarine. Wenn dies nicht ging, schloß man sich
durch Aus- und Einfuhrverbote ab, um auf dem eigenen Gebiete wenigstens eine durch
inneren Verkehr blühende Volkswirtschaft, ein blühendes Gewerbe, eine Landwirtschaft
mit ausgiebigem Absatz zu schaffen.
Es war vom 16.—18. Jahrhundert keine falsche Tendenz, in dieser Weise große
staatliche und wirtschaftliche Körper mit einer gewissen Selbständigkeit und Geschlossen—
heit, mit lebendigem innern Verkehr, mit einem alles übrige Wirtschaftsleben beherrschen—
den Staatshaushalte herzustellen. Es war die natürliche Kehrseite dieser Tendenz, daß
die Staaten und Volkswirtschaften sich in Handelsneid, Feindschaft, ja in Handels- und
Kolonialkriegen gegenüberstanden, daß die innere Centralisation und Vielregiererei zu
weit ging, unter Umständen alles lokale und individuelle Leben lähmte. Anders konnten
die neuen Staaten und Volkswirtschaften zunächst nicht sich ausbilden. Aber es mußte
eine Umkehr, eine veränderte Auffassung nach und nach, 17650 —1850, Platz greifen. Man
empfand, daß die individuelle Freiheit, der Rechtsschutz der Person, der Gemeinden, der
Korporationen mangele, daß Handelsneid und Handelskriege zu viel Schaden anrichten,
daß im internationalen Handel nicht notwendig der eine Staat verliere, was der andere
gewinne, daß im friedlichen Austausche auch beide gewinnen, sich fördern können, daß
das UÜbermaß der volkswirtschaftlichen Centralisation, der Handels- und Wirtschaftsleitung
 häufig mehr schade als nütze. Es entstand die Naturlehre der Volkswirtschaft,
welche ohne Erinnerung an die Entstehung des vorhandenen Wirischaftslebens dieses als
ein bloßes Spiel freier, natürlicher Kräfte auffaßte, die man besser sich selber überlasse,
die, harmonisch von der Vorsehung geordnet, auf dem freien Markte, unter dem Gesetze
der Arbeitsteilung ungehindert sich bethätigen sollen. Für Staat und Staatshaushalt,
Handels- und Gewerbepolitik war bei dieser Auffaffung der Volkswirtschaft überhaupt
kein rechter Platz. Man kam über diese Schwierigkeit am besten weg, wenn man ihren
Begriff nur auf die Markt- und Verkehrsvorgänge beschränkte, Staat und Recht als
etwas von ihr gänzlich Geschiedenes betrachtete.
So einseitig und schief diese Auffassung war, so enthielt sie die notwendige Kor—
rektur der merkantilistischen Staats- und Wirtschaftspolitik. Man hatte durch die Be—
vormundung zu viel Kräfte gelähmt, man hatte durch Beamte und Reglements das
aufkommende Bürgertum niedergehalten und beleidigt; dieses wollte, mündig, klug,
reich geworden, nun selbständig die Betriebe, den Markt, den Handel in die Hand
nehmen; man hatte durch die Sperrmaßregeln nach außen zu oft den Handel und den
Absatz gehindert; die alte Bureaukratie war gegenüber der neuen Technik, dem neuen
Verkehr, den neuen Betriebsformen unfähig, ihnen sofort die rechten Bahnen und Formen
vorzuschreiben; die Freiheit der Person und des Eigentums, der Niederlassung und der
Kapitalbewegung wirkte im 19. Jahrhundert vielfach wie ein befruchtender Tau auf
alles Wirtschaftsleben. Kein Wunder, daß die Vorstellung sich bilden konnte: alle ältere
Zeit mit ihrer Gebundenheit und ihrer autoritativen Leilung des Wirtschaftslebens sei
Barbarei gewesen; nun sei die vollendete, auf persönliche Freiheit und freies Privat⸗
eigentum gegründete Erwerbsordnung gefunden; nur sie ganz auszubauen und zu er—
halten, könne das Ziel sein.
        <pb n="314" />
        302 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Wenn man näher zusieht, so war mit solcher Generalisierung freilich weit übers
Ziel hinausgeschossen, so war nie die ganze Volkswirtschaft, sondern nur ein Teil der—
jelben mit dem Schlagworte der freien Erwerbsordnung richtig bezeichnet. Auch zur
Zeit des Merkantilismus hatte der Staat nicht die Güterproduktion und den Handel
in die Hand genommen, sondern sie der freien Thätigkeit der Privaten, freilich unter
mancherlei teils veralteten, teils neuen Schranken überlassen. Die großen Gesetzgeber,
welche die Volkswirtschaft im Sinne der freien Erwerbsordnung gestaltet hatten, wie
z. B. Napoleon J., Hardenberg, hatten wohl Rechts- und Steuergleichheit, freiere Kon—
kurrenz, einen freien inneren Markt und Verkehr geschaffen, Stadt und Land gleich—
gestellt, Adels- und Zunftprivilegien beseitigt, aber sie hatten zugleich die staatliche Ge—
walt, die Macht der Polizei, außerordentlich gesteigert. Während man Gewerbefreiheit
und freies Grundeigentum herstellte, hatte man in ganz Westeuropa, zumal in England
und Frankreich, den Verlust alter Einnahmen durch Steuern ersetzt, hauptsfächlich den
zesteigerten Staatsbedarf durch weitgehende Ausbildung der indirekten Steuern, der
Zölle und handelspolitischen Maßnahmen befriedigt und damit alles privatwirtschaft—
liche Getriebe in größere Abhängigkeit vom Staate gebracht als früher. Während man
einige staatliche Betriebe auflöste, Domänen und Forsten an Private verkaufte, hatte
man andere große staatliche Wirtschaftsinstitute und Einrichtungen, den Chausseebau,
die Fluß- und Hafenregulierung, die Staatspost, die großen centralen Banken geschaffen
oder weiter ausgebildet. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die gesetzliche
Neuordnung des Gemeindelebens mit ihrem Ehrendienste, ihren großen wirtschaftlichen
Aufgaben, die beginnende Arbeiterschutz,, Sanitäts- und Wohnungsgesetzgebung und
ꝓpolizei griff sofort oder bald tief in die persönliche und wirtschaftliche Freiheit ein, der
Staatshaushalt wurde in vielen Staaten erst jetzt recht ein weitgehender Regulator der
Privatwirtschaften, dehnte sich gerade in der Zeit des wirtschaftlichen Liberalismus
riesenhaft aus. Und auch darüber konnte man sich nicht täuschen, daß die neue liberale
Erwerbsordnung vielfach nicht von selbst, sondern gerade durch zwingende, hart ein—
schneidende Staatsgesetze, durch die neuen reformierenden Agrar-, Gewerbe- und Berg—
gesetze, durch das neue Arbeitsrecht, die alles mögliche, was bisher üblich war, verboten,
ins Leben trat. Ebensowenig dachte man im praktischen Leben irgendwo daran, auf
die allgemeine Leitung der Volkswirtschaft durch Handels- und Verkehrspolitik, durch ge—
werbliches Schulwesen, durch Prämien und anderes zu verzichten.
So konnte also auch in der Blütezeit der freien Erwerbssordnung, auch da, wo
sie am reinsten ins Leben trat, nirgends davon die Rede sein, daß ein bloß privates,
zanz freies Marktgetriebe die Volkswirtschaft ausgemacht hätte. Staat und Gemeinde,
Finanz und Polizei, Steuern und Wirtschaftspolitik, Recht und Ordnung griffen stets
und überall in das Getriebe ein; nur das Maß der Eingriffe, die Stelle und die Art
derselben hatte gewechselt. Es war zunächst eine Anderung vollzogen, welche die ver—
alteten Rechts- und Wirtschaftsinstitute und ihre Schranken nach und nach beseitigte
(17839 - 1870), und welche daher wohl als ein Sieg der wirtschaftlichen Freiheit, der
größeren wirtschaftlichen Konkurrenz bezeichnet werden konnte. Es war eine Bewegung,
welche mit Recht vielfach die ältere wirtschaftliche Staatsthätigkeit eingeschränkt, auch
den freien Verkehr von Staat zu Staat gefördert hatte. Aber die große Umbildung
hatte von Anfang an doch auch die staatliche, centrale Wirtschaft wie die der Gemeinden
gestärkt. Und sie hatte in dem Maße, wie die neuen volkswirtschaftlichen Gebilde sich
vollendeten, wie die socialen und wirtschaftlichen Kämpfe wuchsen, gezeigt, daß die freie
Erwerbsordnung für eine große Zahl von Menschen steigende Abhängigkeit und materielle
Unfreiheit bedeutet, daß neue Schutzmaßregeln für sie nötig sind, daß Staat, Gemeinde,
Zwangskorporationen und Vereine durch neue Ordnungen wieder die einzelnen binden
und beschränken, durch Übernahme neuer Funktionen wieder einen zunehmenden Teil
des Wirtschaftslebens für sich in Anspruch nehmen müffen.
Wir haben das hier nicht weiter zu verfolgen; wir hatten uns hauptsächlich ein
Bild davon zu machen, wie die neuere Ausbildung der Volkswirtschaft in der merkan—
tilistischen und in der liberalen Epoche mil der zunehmenden Bedeutung des Staats—
        <pb n="315" />
        Staat und Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. Die ältere Naturaldienstverfassung. 808

haushaltes und der staatlichen Wirtschaftsinstitutionen Hand in Hand ging. Man
hatte im 18. Jahrhundert Volkswirtschaft und Staatshaushalt als eine Gesamt—
erscheinung unter dem Begriffe „Staatswirtschaft“ zusammengefaßt. Im 19. Jahrhundert
hat man bald das privatwirtschaftliche Getriebe für sich als Volkswirtschaft bezeichnet
und ihm die staatliche Finanzwirtschaft entgegengestellt. Das entsprach den individua—
listischen liberalen Tendenzen. Wir verstehen unter der Volkswirtschaft heute die Ge—
samtheit aller in einem Staate vorhandenen Wirtschaften, wirtschaftlichen Veranstaltungen
und Einrichtungen, einschließlich der größten, im Mittelpunkte stehenden Wirtfschaft, des
Staatshaushaltes. Wollen wir daneben den Begriff der Staatswirtschaft beibehalten,
so ist darunter der Staatshaushalt und alle vom Staate ausgehende Einwirkung auf
das übrige Wirtschaftsleben, also die staatlichen Wirtschaftsinstitutionen und die
ganze wirtschaftliche Verwaltung zu verstehen. Aber wir sagen nicht, wie Rodbertus,
daß die Volkswirtschaft durch die Staatswirtschaft abgelöst werden müsse.
Wir betrachten nun das einzelne des Staatshaushaltes und gehen dabei an
einzelnen Punkten auch auf die Anfänge, die weiter zurückliegen, kurz ein.
107. Die Naturalabgaben- und Naturaldienstverfaffung und die
Domänenwirtschaft. Jeder Gemeinde- oder Staatshaushalt konnte in der älteren
Zeit der mangelnden oder unausgebildeten Geldwirtschaft nur in zweierlei liegen, entweder
in einer direkten Verfügungsgewalt des Staates über die Arbeitskräfte und wirtschaft—
lichen Güter der Mitglieder des politischen Körpers, oder in einem großen Besitz, vor
allem in imfangreichem Grundeigentum, über die Fürst, Gemeinde, Staat zu ihren
Zwecken frei bestimmen konnten. Das erstere dürfte im ganzen das Ältere, das zweite
das Spätere gewesen sein; beides kommt auch nebeneinander vor. Wir bezeichnen das
erstere als die Naturalabgaben- und -Dienstverfafsung, das letztere als die Basierung der
Staatsgewalt auf Domänenwirtschaft. Die erstere Verfassung geht in die zweite über,
wo die öffentliche Gewalt als Eigentümerin alles Grund und Bodens gilt, ihn an die
einzelnen gegen Dienste und Naturalabgaben erblich oder zeitweise ausgiebt.
Eine ausgebildete Naturalabgaben- und Dienstverfassung konnte auch bei sonst
geringer wirtschaftlicher Entwickelung eine sehr kräftige Centralgewalt schaffen; sie tritt
uns besonders in kriegerischen Barbarenstaaten entgegen. Die Häuptlinge und Könige
lassen Burgen und Grenzwälle bauen, sie sammeln große Vorräte, vermehren sie durch
Kriegs- und Raubzüge, bieten alle Männer zum Waffendienste auf. Aber auch später
in größeren halbkultivierten und kultivierten Staaten haben sich solche Einrichtungen
erhalten: aus der Sitte, den Fürsten Geschenke zu bestimmter Zeit zu geben, werden
feste Naturallieferungen. Getreide, Vieh, oft der Zehnte aller Erträgnisse oder gar
größere Quoten müssen abgeliefert werden. Daneben bleibt die Verpflichtung zum
Kriegsdienste, oft ohne Entgelt, bei eigener Stellung der Waffen und Verpflegung;
Wagen, Vieh, Schiffe müssen für den öffentlichen Dienst zeitweise gestellt werden. Im
Altertume und im Mittelalter herrscht da und dort eine ausgebildete Ordnung, welche
die Küstenbezirke, oft auch nur gewisse reichere Klassen zur Gestellung von Kriegs- und
anderen Schiffen für den öffentlichen Dienst verpflichtet. Das ganze System konute nur
in nicht zu großen, wirtschaftlich nicht allzu hoch entwickelten Gemeinwesen mit her—
gebrachter genossenschaftlicher Schulung, mit patriotischem Geist, mit straff kriegerischer
Zucht ohne zu viel Härten und Schwierigkeiten sich erhalten; es unterstellt alle priväte
Wirtschaft der Regierung und ihren Zwecken. So Großes man da und dort, in Mexiko
und Peru, im persischen Reiche, in Sparta und Rom, in einzelnen mittelalterlichen
Lehnsstaaten wohl mit solchen Einrichtungen erreichte, eine solche Verfassung mußte
stets in größeren Staaten mit Arbeitsteilung und verschiedenen Klassen, mit herrschenden
und beherrschten Teilen und Gebieten endlich an einen Punkt kommen, wo ihre Wirk—⸗
samkeit versagte. Die individuelle Wirtschaft kann sich nicht ausbilden, die Arbeitsteilung
keine Fortschritte machen, wenn jeder jederzeit seine halbe Arbeitskraft dem Staate zur
Verfügung stellen, periodisch so und so viel Getreide oder andere Produkte abliefern
soll; sind die staatlichen Dienste und Abgaben gering und an feste Regeln gebunden, so
versagt das System im Moment der Gefahr und der größeren Anforderungen; fehlen
        <pb n="316" />
        304 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

diese Regeln, und sind die Ansprüche sehr groß, so endigt das System in einem er—
drückenden Despotismus, der jede Freiheit und Selbstbestimmung vernichtet, jeden wirt—
schaftlichen Fortschritt hemmt. Daraus entspringt entweder eine Auflösung der alten
Verfasffung welche dem Staate seine Macht und Stellung nimmt; kriegerische Seestaaten,
die den Übergang von der Schiffsgestellung zu einer königlichen Flotte nicht machen
konnten, sind dadurch ebenso einer Schwächung für Generationen verfallen wie Lehns—
staaten, deren Ritter den Dienst versagten; oder es entsteht, wenn man mit Zwangs—
mitteln an den alten Einrichtungen festhält, eine Stagnation alles wirtschaftlichen
Lebens. Wo die Regierungen das einsahen, wo die wirtschaftliche Lage es erlaubte,
wo die Regierung über Domänenbesitz, Regalien, Steuern verfügte, wo die fortschreitende
Ausbildung des privaten Wirtschafts- und Verkehrslebens in Stadt und Land es er—
möglichte, da haben kluge Fürsten und Staatsmänner danach gestrebt, an Stelle dieser
Verfassung Mittel zur freien Verfügung zu sammeln, um, unabhängig von der über—
lebten schwerfälligen Dienst- und Naturalabgabenverfassung, wie eine große, unab—
hängige Privatwirtschaft handeln zu können; mit solchen Mitteln, am leichtesten mit
Geld, konnte man energischer, schneller, unabhängiger Leute werben, Krieg führen, Schiffe
und Festungen bauen, nach allen Seiten hin handeln. Und die Bevölkerung kam dem
überall entgegen. Die Krieger, die von ihrer Hufe Kriegsdienste thun, die Bauern, die
Acker-⸗, Bau⸗ und Fuhrfronden leisten, die den Zehnten und andere Teile der Ernte
abgeben, die Kaufleute, die ihre Schiffe dem Staate stellen und auf dem Markte einen
Teil ihrer Waren an den Fiskus abtreten sollten, sie fühlten ja längst den unerträg—
lichen Druck dieser Lasten, sie suchten sich in dem Maße, wie sie Überschüffe erzielten und
Geld sammelten, diesen Eingriffen in ihre Wirtschaft durch Geldzahlungen zu entziehen.
Die Regierung ging, wenn sie konnte, gern darauf ein: sie hatte den Armeren und
den Rittern, die in den Krieg zogen, ja ohnedies schon Sold, Waffen und Verpflegung
zu reichen begonnen; sie hatte angefangen, die niederen Beamten zu bezahlen, die Bauten
an bezahlte Unternehmer zu vergeben. Durch eine gute Ordnung des Münzwesens,
durch Beförderung des Verkehres, des Handels, der Geldwirtschaft erwächst so den Privat—
wirtschaften wie der Finanzwirtschaft eine Fülle neuer und größerer Kräfte; beide können
nun freier, eigentümlicher, lebendiger sich nebeneinander entwickeln, die Geldsteuer war
trotz aller Schwierigkeit leichter als die Naturalsteuer umzulegen. Es kommt eine lange
historische Epoche, in welcher die Gemeinwesen mit einer auf Geldeinnahmen und Geld—
ausgaben, auf ein Geldsteuersystem basierten Finanzwirtschaft den altväterischen, rohen
Gemeinwesen mit naturaler Dienst- und Abgabenverfassung unendlich überlegen sind, sie
in Abhängigkeit von sich bringen.
Da diese Umbildung aber zunächst nur den begünstigtsten Staaten gelingt, jeden—
falls Jahrhunderte dauert, so ist der andere Ausweg zunächst der leichtere. Die Regierung
verschafft sich einen großen Grundbesitz, über dessen naturalen Ertrag, über dessen spätere
Geldrente sie frei verfügt, ohne in die übrigen Privatwirtschaften eingreifen, ein aus—
gebildetes Steuersystem entwickeln zu müssen.
Sehr viele der älteren Gemeinwesen bauten ihre Finanzen auf einem solchen Be—
sitze des Herrschers oder der Volksgemeinde auf. Das römische Ararium hat in der Zeit
der Republik wesentlich von dem in den Vogteilanden für dasselbe eingezogenen ager
publicus gelebt; im Mittelalter beruht fast alle stärkere Staatsgewalt auf der Größe
des königlichen oder fürstlichen Kammergutes, die gute oder schlechte Finanz auf seiner
zguten oder schlechten Verwaltung; die meisten Fürsten haben aber, durch die Not des
Augenblickes gedrängt, gegen 1600 ihr Kammergut bereits stückweise verkauft, verpfändet,
oerschleudert. Es waren nur die fähigsten und tüchtigsten, die es in den folgenden
Jahrhunderten wieder von Schulden befreiten, es den Pffandinhabern, meist dem Adel,
in langen Kämpfen wieder abnahmen, es durch Kauf und Einziehung des Kirchengutes
oergrößerten, es durch Verpachtung, der Landgüter, durch bessere Forst-, Berge und
Salinenverwaltung höher auszunutzen verstanden. Die finanzielle Größe Sullys, Colberts,
einiger dänischer und schwedischer Könige, der preußischen Finanzverwaltung von 1640
bis 1806 beruhte wesentlich mit hierauf. Wenn dann nach 1800 die großen Kriege
        <pb n="317" />
        Die Auflösung der staatlichen Naturalwirtschaft. Die Domänenwirtschaft. 305

und die modischen Theorien von der Vorzüglichkeit des privaten Eigentums zu neuen
großen Veräußerungen des Domänenbesitzes, der staatlichen Forsten, Bergwerke und
Salinen da und dort führten, so haben doch auch heute noch manche, zumal viele
deutsche Staaten einen großen, durch das Staatseisenbahnsystem wieder sehr gesteigerten
Domänen- und fiskalischen Besitz, der die finanzielle Stärke der betreffenden Staaten
ausmacht, dieselbe gegenüber England, Frankreich, Osterreich und ähnlichen, von solchem
Eigentume fast ganz entblößten Staaten sehr erhöht.
Im preußischen Etat von 1900 mit 2826 Mill. Mark Brutto- und 1278 Mill. Mark
Nettoeinnahme stehen die Domänen und Forsten mit 45 Mill., die Einnahmen aus
Gewerbebetrieben und Eisenbahnen mit 6582 Mill., die Steuern und steuerartigen Ein—
nahmen mit 228 Mill. Mark Nettoeinnahme. Im französischen Etat für 1890 stehen
die Steuern mit 2564, die Staatsmonopole mit 691, die Domänen und Forsten mit
64 Mill. Francs, bei einer Gesamteinnahme von 3423 Mill. Der preußische Staat
würde noch einige Dutzend, vielleicht gar hundert Millionen Mark mehr aus dem alten
Obereigentums- und Regalrecht an den Kohlen- und Erzschätzen des Grund und Bodens
einnehmen, wenn er bei Erlaß der liberalen neuen Berggesetzgebung, welche allerdings
unsere glänzende große Aktien- und Gewerkschaftsentwickelung im Berawesen schuf, etwas
vorsichtiger die fiskalischen Interessen gewahrt hätte. —
Die alte Naturaldienstverfassung war mehr öffentlichrechtlicher, die Domänen—
wirtschaft mehr privatrechtlicher Natur; doch wurde auch die letztere teilweise durch
staatliche Vorrechte (Regalien, staatliche Monopole für einzelne fiskalische Betriebe, wie
die Post) halb öffentlichrechtlicher Natur. Bei der Aufloͤsung der beiden alten Ein—
richtungen hat der Staat vielfach sich nicht anders zu helfen gewußt, als indem er für
eine steigende Zahl wirtschaftlicher Betriebe, die er in Händen hatte, sich solche Vorrechte
der Verfügungsgewalt, der Produktion, des Absatzes (Regalien, Monopole ꝛc.) beilegte.
Man hat deshalb gesagt, den Übergang von der älteren Finanzwirtschaft zur neueren
Steuerwirtschaft bilde die Epoche der Regalwirtschaft; sie hat zu vielen Mißbräuchen,
z. B. dem Amterverkauf, der Verpachtung der staatlichen Vorrechte auf einzelne Gewerbe—
betriebe, zu einer übertriebenen, oft harten Konkurrenz des Staates mil den Privat—
wirtschaften Anlaß gegeben.
Die ältere Naturaldienstverfassung griff dadurch in alles volkswirtschaftliche Leben
aufs tiefste ein, daß sie durch ihre Ordnungen und Forderungen gleichsam täglich und
stündlich jede freie Verfügung aller privaten Wirtschaft hinderte; die Volkswirtschaft
und die Grundeigentumsverteilung solcher Zeiten und Gebiete war bestimmt durch die
Kriegs- und Dienstverfassung. Die ältere Domänenwirtschaft, und was an fiskalischem
Besitz und Betrieb an sie sich anschloß, erzeugte einen volkswirtschaftlichen Zustand,
wobei ein Teil des wirtschaftlichen Lebens, das Kammergut, in sehr viel größere
Abhängigkeit von der Regierung kam, der übrige Teil aber einer freien Bewegung über—
lafsen wurde. Im Preußen des 18. Jahrhunderts war 13—,4 des Staatsgebietes
Kammergut, der Rest war im grund- und gutsherrlichen Besitz des Landadels oder der
Städte. Machte das Domanium einen noch größeren Teil des Landes aus, so bekam
die ganze Volkswirtschaft einen grundherrlich-fiskalischen Charakter. Die größien socialen
und politischen Kämpfe knüpften sich da und dort an die rechtliche Natür des Kammer—
gutes, an seine Teilung zwischen Kirche und Staat, Adel und Fürstentum. Staat und
Fürstenfamilie an.
Heute sind diese Zustände im ganzen überwunden. Die Geldwirtschaft, die moderne
Erwerbsordnung, die Steuerwirtschaft haben das freie Getriebe der Privatwirtschaften
und den Staatshaushalt unabhängiger nebeneinander gestellt. Soweit Domänen, Staatsgewerbe,
 staatliche Eisenbahnen heute vorhanden sind, ist ihr erster Zweck nicht der
fiskalische, sondern ein allgemein volkswirtschaftlicher. Man glaubt, daß die staatliche
Verwaltung das technisch und wirtschaftlich Bessere sei.
Unbezahlte oder halbbezahlte Zwangsdienste, Naturalabgaben und -Leistungen
sind mit der, allgemeinen Wehrpflicht, der neuen Selbstverwaltung, der Ordnung des
Einquartierungs- und Mobilmachungswesens, dem Feuerlöschwesen, der Ordnung des
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 20
        <pb n="318" />
        306 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Schutzes gegen Wassergefahren und Ähnlichem wieder mannigfach entstanden, aber in
ganz anderer Weise als früher. Die Volkswirtschaft wird freilich auch hierdurch aufs
mannigfachste berührt, die persönliche Freiheit beschränkt. Wir haben davon weiter
unten zu sprechen.
108. Die Steuern und das Geldsteuersystem. Wo die beiden bisher
betrachteten Arten, dem Staate wirtschaftliche Mittel und Kräfte zuzuführen, nach und
nach versagen, die Arbeitsteilung und Geldwirtschaft sich ausbildet, das privatwirtschaft—
liche Getriebe in Familienwirischaft und Unternehmung eine gewisse Selbständigkeit
erreicht hat, da muß die Ausbildung von Steuern, und zwar wesentlich von Geld—
steuern, zum Losungsworte und Kennzeichen der höher entwickelten Volks- und Staats—
wirtschaft werden.
Wie im späteren Altertum die Kulturstaaten die Anfänge, so haben die neueren
Staaten des 17.—19. Jahrhunderts die weitere Ausbildung des staatlichen Geldsteuer—
systems vollzogen, nachdem vom 12.—16. Jahrhundert die städtischen Systeme voran—
gegangen, und innerhalb einzelner Staaten und Territorien die ersten Geldsteuerversuche
gemacht worden waren. Die ältesten Geldsteuern knüpfen an die halb freiwilligen, halb
zur Sitte gewordenen Geschenke der Unterthanen an die Fürsten an, die statt in natura
nun in Geld gereicht werden; unter Elisabeth waren z. B. Geldgeschenke an die Königin
zu Neujahr noch ganz allgemein. Sehr vielfach treten dann die Geldsteuern als Ersatz
sfür Kriegs- oder andere Dienste auf, wie die englischen Dänen- und Schildgelder, die
deutschen Städtesteuern an den König im 12.—18. Jahrhundert. Wo der Unterthan
etwas vom Fürsten will, muß er bezahlen; es entstehen die zahlreichen Gebühren für
Rechtsprechung und andere Amtshandlungen, die Bezahlung für Benutzung des Markt—
platzes, des Hafens, der Brücke, welcher der Kaufmann, besonders der fremde unterworfen
wird. So sind Zölle und Marktabgaben, welche ursprünglich in Form von Anteilen
an dem eingeführten oder verkauften Wein, Pfeffer, Mehl und Derartigem erlegt wurden,
frühe allerwärts in Geldgebühren und Geldsteuern umgewandelt worden. Wo der
Unierthan angeblich oder wirklich Unrecht gethan hatte und deshalb der Gnade und
Barmherzigkeit des Fürsten oder der Regierung gegenüberstand, mußte er häufig nach
Gutdünken zahlen. Im attischen demokratischen Freistaate wie im normännischen Lehns—
staate waren die Strafgelder und Vermögenskonfiskationen gleichmäßig hart und maßlos
ausgebildet. Ohne solche direkte Veranlassung und Gegenleistung aber dem Staate Geld
nach der Kopfzahl der Familie, nach der Zahl der besessenen Husen, nach dem Vermögen
zu zahlen, das widerstrebte allerwärts dem Sinne der im übrigen schon mannigfach
steuernden Bürger; ja Hörige, Fremde, Schutz- und Bundesgenossen, die belegte man
wohl, aber nicht leicht den Freien. Die attischen Bürger zahlten erst im peloponnesischen
Kriege eine Vermögenssteuer; das römische tributum war ein gezwungenes Kriegsdar—
lehen des Bürgers an das Arar, das man zurückzahlte, sobald es ging, das man von
167 v. Chr. an nicht mehr erhob. Die städtischen Vermögenssteuern erhoben die Räte
vom 12.—15. Jahrhundert meist nur in schlechten Zeiten, in Kriegsepochen, wenn es
nicht anders ging.
Es ist so ein sehr langsamer Prozeß, der mit der vordringenden Geldwirtschaft
und den zunehmenden staatlichen Leistungen und Rechten durch mancherlei Mittelglieder
zur Steuer führt: man bezahlt da, wo die einzelne Leistung des Staates und der
specielle, dem Bürger daraus erwachsende Vorteil klar zu schätzen ist, einen entsprechenden
Geldpreis wie in der Privatwirtschaft; da wo Leistung und Vorteil weniger deutlich
korrespondieren, eine Gebühr, d. h. einen herkömmlich feststehenden mäßigen Pauschal—
preis; da wo gewisse dauernde staatliche Leistungen einzelnen vorzugsweise zu gute
kommen, belegt man sie mit sogenannten Beiträgen (z. B. die Adjacenten eines Kanals,
einer neuen Straße), die auch als Pauschalsumme für die Staatsleistung sich darstellen;
da wo aber die Leistungen des Staates nicht sowohl einzelnen in bestimmten, klar er—
kennbaren Akten zu gute kommen, sondern in ihrer Gesamtheit allen oder der Mehrzahl
in einer Weise, daß von einer Abmessung des Vorteils gar nicht die Rede sein kann,
da erhebt man Steuern, d. h. Geldbeiträge, welche der einzelne als Staatsbürger und
        <pb n="319" />
        Die Entstehung und das Wesen der Steuern. 4 207 I
4 V Wa·
Unterthan an sich zahlt, ohne genaue Beziehung von Vorteil und Leistung a etz ander
In diese Steuern schieben sich nun auch noch männigfach die älteren Vorstellumeeines
Preises, einer Gebühr, eines Beitrages ein, aber im ganzen überwiegt der Gesichteé— ntn
daß jeder zahlen soll nach seiner Kraft. Die Austkeilung, Anlegung und Abmessung
der Steuern ist zuerst und lange eine sehr rohe, ungleiche, und deshalb eben führen die
Bürger gegen sie einen langen Kampf. Erst in neuerer Zeit hat man sie nach Rein—
ertrag, Einkommen und Vermögen, sowie nach der Art des Einkommens (Arbeits- und
Vermögenseinkommen), nach der Kinderzahl und anderen Merkmalen abgestuft, hat man
die älteren Befreiungen der Geistlichen und der Ritter, der Beamten, oft auch einzelner
Landesteile beseitigt, den Grundsatz gleicher Steuerpflicht durchgeführt.
Es ist natürlich, daß die Steuer sich schwerer einbürgern konnte als die direkte
Bezahlung einer Leistung, als Gebühren. Unvollkommen, oft ungerecht angelegt, erschien
sie dem gering entwickelten Staatsbewußtsein nur als ein Raub an der Privatwirtschaft,
als ein erzwungener Beitrag für die fürstlichen Zwecke, für die Sonderinteressen der
Herrschenden. Sie bestand Jahrhunderte lang in einem Erpressungssystem; ihre Ver—
wendung erfolgte ohne Kontrolle. Die Einsicht in ihre Notwendigkeit, in ihren Nutzen,
in die Vorteile, die aus ihrer Verwendung durch die Macht- und Rechtsorganisation
generell für alle entspringen, kann nur bei ganz hochstehenden Menschen in gut regierten
Staaten entstehen. Deshalb ist es so schwer, auch heute noch meist unmöalich, alle
Staatsausgaben auf Steuern zu basieren.
Die ständische Steuerbewilligung beseitigte die alten gröbsten Mißbräuche, schuf
ein Paktieren von Regierung und Steuerzahlern über die „generelle Entgeltlichkeit“;
aber sie erschwerte bald auch die Ausbildung und Reform der Steuern, so daß der
absolute Staat doch wieder nach einem möglichst unbeschränkten Steuerhoheitsrechte
strebte, das aber durch die konstitutionelle Regierungsform und das Budgetrecht wieder
in die Bahn von Verhandlungen zwischen Regierung und Steuerzahlern zurücklenkte.
Das Problem, staatliche Steuern ohne zu viel Ungerechtigkeit und Druck, Miß—
behagen und Betrug umzulegen, war schon technisch so schwierig, daß Steuerreformen
auch in den best organisierten Staaten nur in Zeiten der größten Not oder des größten
nationalen Aufschwunges den fähigsten Staatsmännern glückten. Es war schon ein
Großes, wenn statt der städtischen Vermögenssteuern oder statt der gleichen Heranziehung
jeder Hufe des platten Landes es endlich gelang, ein Verzeichnis des steuerbaren Ver—
mögens und Einkommens in Geldeswert für ein ganzes Land zu machen, wie solche in
Deutschland im 15. —16. Jahrhundert doch mannigfach zustande kamen; aber die un—
veränderten Verzeichnisse blieben dann viele Menschenalter hindurch die Grundlage der
Besteuerung, man war nicht fähig, sie immer neu zu revidieren; man besteuerte zuletzt,
weil die Kataster zu schlecht waren, wieder die Kopf- oder Viehzahl, die Hufenzahl, die
Zahl der Schornsteine. Jahrhunderte lang hat so England beispiellos schlechte direkte
Steuern gehabt, bis Pitt und Peel 1798 und 1842 die Einkommensteuer durchführten.
Und unter fast noch ungerechterer Umlegung der sogenannten taille, einer allgemeinen
direkten Vermögens- und Erwerbssteuer, hat Frankreich geseufzt, bis die Revolution
und Napoleon J. das Ertragssteuersystem schufen, das heute noch besteht. In Preußen
hat die Staatsgewalt 1718 —-1861 mit den widerstrebenden Provinzial- und Adels—
interessen ringen müssen, um endlich die Hufen- und Schoßkataster des 16. Jahrhunderts
zu einer gerechten Grundsteuer umzubilden; von 1820-1891 hat es gedauert, bis die
rohe Klassensteuer zu einer halbwegs brauchbaren Einkommensteuer wurde.
Auch die Mahl-, Schlacht-, Biers, Weinsteuern, die einst in einer kleinen Stadt
nicht so schwer umzulegen waren, boten, auf ganze Länder, auf das platte Land erstreckt,
unsägliche Schwierigkeiten. Auch sie haben in Deutschland gegen 1500 ihre erste Aus—
bildung für ganze Territorien erhalten, sind dann im 17. Jahrhundert fast in ganz
Europa rasch fiskalisch vermehrt worden, haben im 18. Jahrhundert aber kaum eine
wesentliche Reform erfahren; sie haben erst nach den Freiheitskriegen und in den letzten
zwei bis drei Menschenaltern eine etwas bessere Gestaltung in den meisten Staaͤten
20 *

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        <pb n="320" />
        202

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft.

erhalten. Auch das Zollwesen ist vollständig rationell erst in den letzten hundert
Jahren ausgebildet worden.
Heute besteht in den meisten Staaten ein kompliziertes System von Steuern;
einzelne sind gebührenartig, andere verbinden sich mit Staatsgewerben und ihrem
Monopol, werden in dem erhöhten Preise, z. B. des Tabaks, der Eifenbahntarife der
Staatsbahnen erhoben. Daneben unterscheidet man die indirekten Steuern, welche, wie
Zölle, Verbrauchs-, Aufwandsteuern, Steuern von der Bier⸗-, Wein⸗, Branntwein-,
Zuckerproduktion, von einem Verkaufsgeschäfte, einem Produzenten oder Händler mit der
Absicht erhoben werden, daß er sie auf den Konsumenten überwälze, und die direklen
Vermögens-, Einkommen⸗, Personen-, Ertrags-, Grund-, Häuser-, Gewerbesteuern),
welche der Inhaber eines Einkommens oder Besitzes direkt zahlt und tragen soll.
Der größte Fortschritt im Steuerwesen neben der Ausbildung der staatsrechtlichen
Steuerhoheits- und des verfassungsmäßigen Steuerbewilligungsrechtes war der von den
Physiokraten und Ad. Smith begründete Gedanke, daß übermäßige und ungerechte
Steuern die Volkswirtschaft bedrohen, daß eine starke und reiche Regierung nur durch
Stärkung der Steuerkraft der Unterthanen herzustellen sei. Bisher hatte man Steuern
erhoben, wo und wie es ging, wo man Geld sand oder zu finden glaubte. Nun erst
begann die Forderung einer gerechten Besteuerung, ein Versuch, die Leistungsfähigkeit
zur Grundlage der gewöhnlichen Steuern zu machen, bei allen Steuern die volkswirt—
schaftlichen und socialen Nebenresultate im Auge zu behalten, die Anforderungen der
praktischen Steuertechnik in richtige Verbindung mit den allgemeinen politischen und
rechtlichen Anforderungen der Steuerpolitik zu bringen, die Reichs-, Staais- und
Kommunalsteuern richtig gegen einander abzugrenzen, die Gesamtsumme der Steuern
immer zu vergleichen mit dem Einkommen des Volkes und mit den Leistungen, die
durch sie erreicht werden.
In sehr vielen und zwar den vorangeschrittensten Staaten sind die Steuern heute
so zur hauptfächlichen Staatseinnahme geworden. Die Steuer und das Steuersystem
jedes Staates ist damit zugleich zu einem wichtigen Elemente der Volkswirtschaft geworden.
Einmal dadurch, daß ihr Ergebnis, die Steuereinnahme, die ganze Staatsverwaltung
und so indirekt alles wirtschaftliche Leben ermöglicht. Die Steuer entzieht den Privat⸗
wirtschaften bestimmte Mittel, macht sie um so viel ärmer, aber sie giebt sie ihnen durch
die Leistungen der Staatsverwaltung zurück, stützt und fördert sie; natürlich in dem
Maße, wie letztere richtig verfährt. Außerdem aber üben alle Steuern und das Steuer—
system durch die Art der Anlage die bedeutsamsten Wirkungen auf das wirtschaftliche
Leben im einzelnen aus. Die Zölle und indirekten Steuern wollen häufig indirekt
bestimmte Produktionen und Handelsgeschäfte fördern oder erschweren; auch wo sie nicht
diese Absicht haben, thun sie es meist. Die direkten Steuern haben teilweise ähnliche
Wirkungen; fie haben allerwärts die Feststellung der Reinerträge und des Einkommens
herbeigeführt,“, sie treffen die verschiedenen Klassen nie ganz gleich. Alle Steueranlage
wird von den Klasseninteressen der Herrschenden beeinflußt; eine gerechte Regierung wird
das zu vermeiden suchen, es ist aber nie ganz möglich. Die Steuergesetzgebung bleibt
immer bis auf einen gewissen Grad ein Instrument der Einkommensverteilung. Man
spricht heute von einer kommenden Epoche der socialen Steuergerechtigkeit.
Die Entwickelung der Steuer ist ein Teil der Entwickelungsgeschichte des Staates
in seinem Verhältnis zur Gesellschaft, zu den Individualinterefsfen. Indem das Geld—
steuersystem sich ausbildete, konnten der Staatshaushalt und das privatwirtschaftliche
Leben sich selbständig, je nach ihren besonderen Tendenzen ausbilden; aber beide Teile
— —
in engster Verbindung. Mit den Sieuern hat sich die individuelle wirtschaftliche Freiheit
und doch zugleich die moderne staatswirtschaftliche und sociale Fürsorge der Regierung
für alles Wirtschaftsleben entwickelt.
Die Steuern können in einem Staate mit größerem Staatseigentume und
zunehmenden Staatsgewerben geringer sein als in einem anderen; verschwinden könnten
        <pb n="321" />
        Die Steuern und die Volkswirtschaft. Der Staatsschatz. 309

sie nur in einem socialistischen Staate, der zugleich die individuelle wirtschaftliche Frei—
heit, die Unternehmung, die privatwirtschaftliche Preis- und Gewinnbildung aufhöbe.
109. Der Staatsschatz und der Staatskredit. Auch wo die Steuer—⸗
erträgnisse sehr anwuchsen, auch wo sie eine von Jahr zu Jahr je dem Bedürfnisse sich
anpassende Beweglichkeit erreicht hatten, blieb die Thatsache bestehen, daß der Staats—
bedarf von Jahr zu Jahr durch Kriege, große Kalamitäten, durch staatliche Neu—
erwerbungen, durch notwendige Bauten und Befestigungen nicht bloß ums Doppelte,
unter Umständen ums Drei- und Mehrfache schwankte. Mochte man noch so sehr dahin
streben, den Jahresbedarf gleich hoch zu halten, es lag in seiner Natur, daß dies un—
möglich war. Wir sehen daher schon in alten Zeiten, daß das hochentwickelte Staats—
wesen den Staatsschatz voraussetzt: Perikles hatte zur Zeit, als das attische Staatsein—
kommen 1000 Talente betrug, 8000 Talente auf der Akropolis angesammelt; von den
Lagiden berichtet Lumbroso, daß ihr Schatz bis zu 740000 Talenten angewachsen sei;
Tiberius soll nach seiner habfüchtigen Regierung 567 Mill. heutige Mark hinterlassen
haben. Alle mittelalterlichen Fürsten, die gute, sparsame Finanzleute waren, sammelten
einen „Vorrat“, Heinrich VII. hinterließ 2 Mill. A im Schatze, Friedrich Wilhelm J.
über 10, Friedrich II. 54 Mill. Thaler im Staatsschatze; noch heute hat das Deutsche
Reich einen solchen von 120 Mill. Mark. Aber es ist klar, daß jede solche Ansammlung
große Schwierigkeiten hat, nur einer besonders sparsamen und geordneten oder glücklichen
Verwaltung gelingt, daß die kurzsichtigen Interessen des Tages solcher Weit- und Vor—
sicht sich stets widersetzen. Das private Kapital war immer dem Staatsschatz abgeneigt,
da er ihm die Wahrscheinlichkeit nahm, in Zeiten des Kriegsausbruches ungeheure
Wucherprozente zu verdienen. Die Erfahrungsthatsache, daß die Finanzwirtschaft mit
einem Schatze den übrigen ohne solchen immer weit überlegen war, konnte nicht hindern,
daß die meisten Regierungen den plötzlich ansteigenden Anforderungen der Kriegs- und
Notzeit doch meist rat- und hülflos gegenüberstanden. Wo der Staat bereits eine leidlich
große Münzprägung übernommen hatte, konnte er sich durch Münzverschlechterungen
helfen; und das ist denn auch bis ins vorige Jahrhundert allgemein geschehen, zum
größten Schaden der Volkswirtschaft, die durch die Ausgabe des zu leichten Geldes und
durch die notwendige spätere Wiedereinziehung desselben in bedenkliche, teilweise gefähr—
liche Krisen gestürzt wurde. In neuerer Zeit ist an die Stelle der Münzverschlechterung
die übermäßige Papiergeldausgabe mit ähnlichen Folgen getreten.
In dem Maße, wie der Kredit sich entwickelte, konnten Fürsten und Regierungen
sich durch Kapitalaufnahme gegen Zinszahlung in solcher Zeit helfen. Die Fürften
begannen zur selben Zeit wie die Städte, wie schon erwähnt, ihren Kredit auszunutzen,
ihre Domänen und Zölle zu versetzen; viele waren auch im 16. Jahrhundert vollständig
überschuldet. Aber die meisten fanden damals überhaupt nicht so leicht und so viel
Kredit wie die Städte. Erst als im 17. und 18. Jahrhundert Holland, England und
Frankreich, das Vorbild Venedigs, Genuas, Florenz' und des Papstes nachahmend, an
Stelle der einzelnen kleinen, in privater Form abgeschlofsenen Schuldverträge neue recht-)
liche Formen der Staatsanlehen mit gesicherter Zinszahlung, mit leicht übertragbaren,
gleichlautenden Urkunden ausbildeten, als die steigende Kapitalbildung der reichsten
Länder diesen wie ihren Bundes- und Schutzgenossen die Möglichkeit erbffnete, rasch
Millionen auf dem Kapitalmarkte aufzutreiben, wurden die Staatsschulden, ihre Ver—
zinsung und Abzahlung zu einem der Hauptstücke jeder großen modernisterten Finanzwirtschaft.
 Den reicheren Staaten wurden damit ungeheure Leistungen in der Politik
der Eroberung, der Kriegführung, wie in der Ausführung von Straßen- und Eisenbahn
bauten, in der Milderung von Notständen möglich; die ärmeren zerrütteten damit ihre
Haushalt für Generationen, gerieten in weitgehende Abhängigkeit vom Auslande
konnten vielfach sich zuletzt nicht anders helfen als durch den Gewaltstreich des Staats
bankerottes. So ist es natürlich, daß die einen den Staatskredit übermäßig priesens
die anderen ihn über die Gebühr verdammten. Es versteht sich, daß das Wachsen de
Staatsschulden etwas anderes ist in einem reichen als in einem armen Lande, in einen
Staate, der die Steuern entsprechend erhöht oder der sie unvermindert läßt, in einem
        <pb n="322" />
        310 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Gemeinwesen, das damit Kriege führt, oder das damit Eisenbahnen baut. Großbritannien
gab Millionen Fnfür Zinsen und Tilgung aus: 1701 1,8, 1784 9,2, 1815 32,6,
1856 27,6, 1886 23; es hatte also verstanden, seit 1815 seine Schulden zu vermindern.
Frankreich hatte schon 1773 1700 Mill. Livres Schulden, machte dann wiederholt
Bankerott; 1851 hatte es 5345 Mill., 1869 8782, 1867 216539 Mill. Franes Schulden;
Preußens Staatsschuld betrug 1797 184, 1820 644, 1848 175, 1866 770, 1888 90
4457 Mill. Mark. Nach den Berechnungen Heckels über den neuesten Stand (1887—98)
hetrug in Millionen Mark

der Überschuß der der Überschuß
3— Dnaederi privatwirtschaftlichen beträgt Prozente des
r ã g Staatseinnahme Bruttobedarfes

n

Frankreich
Italien
Rußland
England
Preußen

975,5
753,6
823,5
500,0
279.,8

72,1
62,6
266,1
50,7
473,0

7,309
8,81
42,88
11,02
169,2.

Wenn die größeren europäischen Staaten heute 12—380/0 ihrer Einkünfte für die
Staatsschulden nötig haben, wenn von dem Gesamtbetrage der 5669 Mill. Mark
Effekten, die 1888 an der Berliner Börse notiert wurden, 37653 auf Staats- und
Städteanleihen kamen, wenn man die fämtlichen europäischen Staatsschulden 1868 — 66
auf 66013, 1885—86 auf 100 431 Mill. Mark schätzte (Kaufmann), so springt aus
diesen Zahlen die außerordentliche Bedeutung der Staatsschulden in die Augen. Und
neben der finanziellen ist die volkswirtschaftliche und sociale kaum minder groß. Mit
und durch die Staatsschulden haben sich die Banken, die Börsen, die Formen des
Kreditverkehrs, hat sich das Lebensversicherungsgeschäft entwickelt; durch die Schwierigkeit,
die Anlehen aufzubringen, ist es den älteren Kreditvermittlern, wie Rothschild, gelungen,
ein überfürstliches Vermögen zu erwerben. Das ganze Verhältnis der Besitzenden zu
den Nichtbesitzenden ist durch die Staatsschulden ein anderes geworden. Hätte der Staat
stets, statt Schulden zu machen, feine außerordentlichen Bedürfnisse direkt durch Umlagen
gedeckt, so hätte er das nur mittelst einer hohen Besteuerung der Reicheren aufbringen
können. Indem er Anlehen aufnahm, gab er den besitzenden Klassen die Gelegenheit zu
großen Kursgewinnen und bequemer Kapitalanlage, steigerte er immer wieder den Zinsfuß
und damit die Kapitalrente überhaupt; er verzinste nun seinen Gläubigern ihre Staats—
papiere und deckte das durch Steuern, welche zwar auch die Reicheren, aber neben ihnen
die übrige Bevölkerung zahlen. Wären alle Bürger in gleichem Betrage Gläubiger des
Staates und Steuerzahler, so würde der Staat von jedem so viel Steuern erheben, wie
er Zinsen erhält, und die Schuldenverwaltung kostet; die Kosten der letzteren wären eine
überflüssige Mühe. Man thäte am besten, Steuern und Zins auf einmal nieder—
zuschlagen (Soetbeer). Nur die Ungleichheit der Teilnahme an Steuer und Zins hindert
das. Ohne die großen Staatsschulden würde eine für die unteren Klassen günstigere
Einkommensverteilung stattfinden. Und diese Thatsache wird etwas gemildert, nicht auf⸗
gehoben, wenn die „Rente demokratisiert“ wird, d. h. wenn kleinere Staatsschuldtitel
auch bis in die mittleren und unteren Klassen eindringen, hier ganz besonders als
gesicherte Kapitalanlage geschätzt werden.
110. Die Finanzbehörden und die Schwierigkeit aller Finanz—
verwaltung und staatlichen Wirtschaft. Die Verwaltung des Staats—
vermögens, der Steuern, der Staatsschulden, ebenso die von Staatsbanken, Staats—
eisenbahnen, Staatsposten, Staatsschulen ec. ist nur möglich durch ein System einheitlich
organisierter und disciplinierter Kräfte; sie zu schaffen, zu richtiger Funktion zu bringen,
war ungemein schwer, wie wir schon einleitend (S. 281) erwähnten. Sie amtieren nicht,
wie die Menschen in der Familie aus Zuneigung und Liebe, nicht, wie in der Unter—
nehmung aus bloßem Erwerbstrieb. Die psychologische Grundlage ist keine so einfache,
überall vorhandene, wie dort, sondern eine komplizierte, aus Selbstinteresse, Ehr—,
Standes- und Pflichtgefühl, Sitten- und Rechtstraditionen gemischte. Die staatlichen
        <pb n="323" />
        Der Staatskredit. Die Schwierigkeit aller Finanzverwaltung. 311

Behörden und Ämter entstehen langsam, die Finanzbehörden entwickeln sich aus der
allgemeinen Amts-, Hof⸗- und Kriegsverwaltung heraus; sie müssen dann aber eine
jelbständige Stellung neben den übrigen Central-, Provinzial- und Lokalbehörden, neben
den politischen, juristischen, militärischen Organen erhalten, sich mit diesen, wie mit der
Volksvertretung, mit der Menge der Steuerzahler in langem Kampfe und Reibungen
ihre feste, rechtlich umgrenzte Stellung sichern. Der Auftrag für sie geht dahin, die
Mittel für den Staat und die Staatsverwaltung zu beschaffen, sie in gerechter Verteilung
zu erheben, sie den Zwecken zuzuführen, welche für die Gesamtheit die wichtigsten sind.
Die Finanzbehörden haben die zwingende Macht des Staates hinter sich, sie sollen nach
Recht und Gesetz verfahren; aber unendlich viel muß stets ihrem Gutdünken überlassen
sein; je nach ihrer Weisheit und Rechtlichkeit, ihrer Beschränktheit und Unredlichkeit
können sie in Erhebung und Verausgabung der Mittel fast wie eine irdische wirtschaft—
liche Vorsehung walten. Alle Beteiligten, vom Fürsten, den Ministern und obersten
Finanzbehörden herab bis zum letzten Zoll- und Steueraufseher sind und bleiben Menschen
mit egoistischen Interessen, mit Haß und Leidenschaft, mit richtiger Einsicht, aber auch
mit Irrtum und Sachunkenntnis. Daher immer wieder Fehlgriffe und Versuchungen
zum Mißbrauch der Gewalt, zur Erpressung von Diensten und Abgaben, immer wieder
die Klagen über Nachlässigkeit, Ungerechtigkeit, unredliche Bereicherung, über fiskalische
Mißhandlung des Volkes, welchen Jahrhunderte und Jahrtausende lang jede entwickelte
Finanzgewalt anheimgefallen ist. Daher die notwendige Forderung, daß alle Ansprüche
der Finanzgewalt in gefetzlicher Form sich vollziehen müssen, daß alle Thätigkeit der Finanz—
behörden von oben kontrolliert werde, von unten durch Beschwerde und Klage angefochten
werden könne; die Folge hievon ist, daß Schwerfälligkeit, Umständlichkeit und Verteuerung,
welche durch diese unerläßlichen Anordnungen entstehen, nie ganz zu vermeiden sind.
Gewiß steht die Finanzwirtschaft eines gut verwalteten modernen Staates dem
Volke und den Privatwirtschaften heute so gegenüber, daß ihre Leistungen, d. h. die
Gesamtheit der staatlichen Funktionen, dem Volke trotz der Schwerfälligkeit, trotz des
teuren Mechanismus der Behörden viel mehr nützen, als die Dienste und Abgaben des
Volkes an die Regierung diesem Kräfte entziehen. Aber wenn das in der Gegenwart
da und dort auf Grund einer langen Geschichte durch Budgetbewilligung, Offentlichkeit —
und feste Rechtsorganifation endlich auch erreicht ist, die große Mehrzahl der einzelnen
Unterthanen sieht die Gleichung zwischen Last und Vorteil doch nicht leicht ein, kann
sie nicht beurteilen, weil sie nie auf so hohem Standpunkte stehen kann, nie ihre Privat—
interessen mit den Staatsinteressen so zu identifizieren vermag wie die an der Spitze
des Staates und der Finanzen Stehenden. Das feste Zwangsfystem, das den Unterthan
zur Steuer zwingt, der Dienstpflicht unterwirft, wird daher nie entbehrlich werden. Nie
wird ein gewisser wirtschaftlicher Kampf zwischen den Bürgern und dem Fiskus aufhören;
jeder Bürger sucht, so viel er kann, vom Staate wirtschaftliche Vorteile zu erhaschen,
so wenig wie möglich an ihn zu zahlen; stets wird der Fiskus schwanken zwischen seiner
ersten Aufgabe, der Mittelsammlung, und seiner höheren, der Förderung aller Bürger
und der ganzen Volkswirtschaft. Nie wird die Finanzwirtschaft mit den Einzelwirt—
schaften so tauschen und verkehren können wie diese unter einander, wenn sie es auch an
einzelnen Stellen thut, wenn sie auch den Zwang z. B. bei der Steuerzahlung sehr oft
nicht praktisch anzuwenden braucht. Sie ist durch ihre Macht und ihre Größe, durch
ihre Aufgaben und ihre Mittel, durch ihr Riesenpersonal, ihre rechtliche Bindung, ihr
Kontrollwesen, ihre Thätigkeit durch bezahlte Beamte etwas von den übrigen Wirtschaften
gänzlich Getrenntes. Nur die Gemeindewirtschaft ist ihr ähnlich; die Organifation der
großen Aktiengesellschaften nähert sich ihr nach einzelnen Seiten.
Es scheint nötig, diese Schwierigkeiten, mit denen jede größere finanzielle Organi—
sation zu kämpfen hat, hier noch durch einige historische und statistische Beweise und
verwaltungsrechtliche Bemerkungen zu belegen. — Staatliche Steuern zu erheben durch
ein eigenes fiskalisches Personal, staatliche Bauten in Regie auszuführen, große Armeen
so zu verpflegen, schien ohne die maßlosesten Mißbräuche in Griechenland, in Karthago,
in Rom lange so unmöglich, daß man die Einziehung der Steuern wie die Ausführung
        <pb n="324" />
        312 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

der Bauten und Armeeverpflegung privaten Unternehmern und Gesellschaften gegen
Pauschalsummen übergab, die daraus Wuchergewinne ohne Gleichen zogen, die das Volk
maßlos mißhandelten; aber das erschien doch noch als das kleinere übel gegenüber der
erwarteten allgemeinen Dieberei und der Unfähigkeit einer direkten Staatsfinanz—
verwaltung. Und ähnlich ist man in neueren Zeiten wieder vielfach, in Frankreich vom
16.—18. Jahrhundert und anderswo verfahren. Erst die spätere römische Kaiserzeit
und jetzt wieder die neueste Entwickelung der Verwaltung verstand den Beamtenapparat
in Staat und Gemeinde so weit zu vervollkommnen, daß man ihm mit minderem Schaden
als den brutalen Steuerpächtergesellschaften diese Aufgabe in die Hand geben konnte.
Von den orientalischen Monarchen wird berichtet, daß sie in ihrem Finanzdienste
hauptsächlich Eunuchen und Sklaven verwendeten; auch Athen und Rom hat Sklaven in
großer Zahl für die niederen Gemeindedienste gehabt, und der römische Principat hat die
Erbschaft der politisch und finanziell vankerotten Republik damit angetreten, daß er
lange überwiegend Sklaven und Freigelafsene im großen kaiserlichen Finanzdienste ver—
wendete; im Mittelalter waren wieder die unfreien Ministerialen zuerst allein fähig,
eine große fürstliche Finanzwirtschaft ohne zu viel Mißbräuche ins Leben zu rufen.
Wo eben Hunderte und Tausende nicht für sich, sondern für den König, den Fiskus thätig
sein sollen, große Summen in Händen haben, bei großen Aufwendungen sparsam ver
fahren sollen, da gehören, um die Mehrzahl vom Stehlen, von der Nachlässigkeit und
Verschwendung abzuhalten, ursprünglich die eisernen Disciplinmittel der Unfreiheit dazu.
An ihrer Stelle sucht heute ein bis ins kleinste Detail ausgebildetes Verwaltungs- und
Staatsdienerrecht, ein bis zu lähmender Umständlichkeit gefteigertes Kontrollsystem mit
Nachweisen, Attesten und Rechnungslegung aller Art die Tausende von Beamten in Pflicht
und Ordnung zu halten. Und doch war das 18. Jahrhundert in England und Frank—
reich nur deshalb so überzeugt, daß alle Beamtenwirtschaft schlecht sei, weil man in
ihrem Finanzdienst, ihrer Kolonial- und Heeresverwaltung überwiegend faule, bestechliche
Beamte sah. Wir haben heute, in Deutschland besonders, ein hohes Maß von Beamten—
tüchtigkeit und Integrität durch einen Erziehungs- und Einschulungsprozeß von Jahr⸗
hunderten, durch ein richtiges Besoldungs- und Carrieresystem erreicht. Auf der Sach⸗
kenntnis, dem Patriotismus, dem offenen Sinne des höheren und besseren Teiles dieses
Beamtentumes fur die staatlichen und Gesamtinteressen, auf der Abwesenheit egoistisch⸗
wirtschaftlicher Klasseninteressen bei ihnen beruht psychologisch ein sehr großer Teil aller
neueren Fortschritte im Staatsleben, in der wirtschaftlichen und socialen Gesetzgebung.
Aber dieser Fortschritt ruht auf eigentümlichen Vorausfetzungen, die nicht überall zu
schaffen find. Die socialistische Stroömung unserer Zeit ist gFeneigt, die Beamtenwirtschaft
ähnlich zu überschätzen, wie A. Smith sie unterschätzte. Es steht zu fürchten, daß auch
bei uns ein gewisser Rückschlag, eine Ernüchterung eintreten wird in dem Maße, wie
wir den Apparat der Finanzwirtschaft, die Zahl der angestellten Beamten immer weiter
ausdehnen. Es ist bekannt, wie wenig die republikanische Staatsform die finanzielle
Korruption der Volksvertreter und Beamten in großartigstem Maßstabe hindert.
Die Schwierigkeit wächst mit der Größe des Beamtenpersonals und mit seiner
geographischen Zerstreutheit. Friedrich der Große ließ sich 1752 eine Zusammenstellung
der aus den königlichen Kafsen bezahlten Civilbeamten machen; es waren (ohne die
schlefischen) 8786 mit 787 206 Thaler Gehalt. Nach einer neueren Zusammenstellung
von Zeller sind (ohne Staatsgewerbe, Straßenbau und ohne Unterricht) im gewöhnlichen
Justiz-, Inneren- und Finanzdienste 1889 —90 beschäftigt:
Württemberg 8093 Beamte mit 6,1 Mill. Mark Gehalt,
Baden 3384 ⸗ 6,6 ⸗ * *
Bayern 10425 ⸗ ⸗20,3⸗ æ
Preußen 46281 1079

n

Einschließlich der Staatsgewerbe, des Straßenbaues und der Schule waren in Württem—
berg 12528 staatliche Beamte mit 21 Mill. Mark Gehalt, mit Geistlichen und Volks—
schullehrern 18896 vorhanden. In Preußen zaählte Eugel schon 18762 9409 höher,
        <pb n="325" />
        Die historische und verwaltungsrechtliche Ausbildung der staatlichen Wirfschaft. 313

25 433 subalterne und 39217 Unterbeamte des Staates, zusammen 74149. Im Jahre
1898 beschäftigte die deutsche Reichspost ein Personal von 173976, das preußische
Staatsbahnsystem ein solches von 845 903 Personen, worunter 113814 etatsmäßige,
15 590 diätarische Beamte und 216499 Arbeiter waren. Wie weit geht das hinaus
über die wenigen großen Privatgeschäfte oder Aktiengesellschaften, die 10 000 oder gar
40 000 Personen beschäftigen.
In nie ruhender Arbeit muß man versuchen, solche Massen von Menschen in
präciser, einheitlicher, ineinandergreifender Thätigkeit zu erhalten, sie bis zu dem Maße
von Ehrlichkeit und Fleiß, von Energie und Ausdauer zu bringen, das der Mensch so
viel leichter für sich, so schwer im Dienste anderer bethätigt. Die allgemeine Zunahme
der Bildung, der Intelligenz, der Moralität ist hiefür gewiß das Wichtigste. Aber
mit der Größe des Verwaltungsapparates und der Zunahme der Versuchungen, der
Schwierigkeit und Kompliziertheit der Aufgaben versagen die Kräfte immer wieder. Die
geographische Zerstreutheit des Personals, die Konflikte der Ressorts, der oberen und
unteren Instanzen erschweren die Ordnung und die Disciplin; die Einschulung, die
Schaffung und Erhaltung der besseren Traditionen bietet stets erneute Schwierigkeit.
Neben den allgemeinen Fortschritten in Intelligenz und Moralität müssen bestimmte
äußere technische Hülfsmittel und Einrichtungen kommen, um den Beamtenapparat zu
kontrollieren und zu disciplinieren; sie werden zugleich das Hauptmittel, ihn moralisch
und intellektuell zu heben.
Dabei ist das Wichtigste ein geordnetes Schrifttum. Die Völker mit ausgebildetem
Schriftwesen, die Agypter, die Römer, haben auch die ersten leidlich geordneten Finanzen
gehabt; doch hat erst Augustus ein Verzeichnis aller Einnahmen, Vorräte und Kafssen—
destände des römischen Reiches zustande gebracht. Das ganze Mittelalter hindurch
kämpften alle fürstlichen Haushaltungen mit der Schwierigkeit, richtige Güter- und
Schuldenverzeichnisse herstellen zu können. Noch im 17. und 18. Jahrhundert schwebt
infolge der Unvollkommenheit der Aufzeichnungen in zahlreichen Staaten über Hunderten
von Gütern, über ebenso vielen fiskalischen Rechten der Staaten die stete Unsicherheit,
wem sie eigentlich zustehen. Und noch viel schwerer als den Besitzstand des Fiskus und
aller seiner Organe zu verzeichnen, fiel es den Behörden und Beauftragten, nach und
nach die täglichen Ausgaben und Einnahmen zu buchen und die Belege für ihre Be—
rechtigung zu sammeln. Ein wie ausgebildetes Rechnungswesen für ihre Finanzen die
Griechen und die Römer schon hatten, es war doch immer so unvollkommen, daß selbst
die größten und edelsten Staatsmänner jener Tage samt und sonders dem Verdachte
nicht entgingen, die Staatskasse um Hunderttausende bestohlen zu haben. Die Rechnungs⸗
führung der neueren Staaten ist teilweise Jahrhunderte alt, vollkommen aber erst seit
wenigen Menschenaltern. Die jährliche Wirtschaftsführung des Staates vor Beginn des
Jahres einheitlich zu überschlagen, den mit einer Volksvertretung fixierten Überschlag,
den sogenannten Etat, dann der Wirtschaftsführung zu Grunde zu legen, um so einiger—
maßen gegen Zufälle und Wechselfälle, gegen plötzliche Ebbe in der Kasse geschützt zu
fein, ist heute wohl allgemein üblich, aber in Preußen z. B. nicht über 200 Jahre alt.
Es hat allerwärts langer Kämpfe bedurft, bis man sich diesem Zwange, der jetzt meist
gesetzlich genau vorgeschrieben und in seiner Durchführung sicher gestellt ist, fügte.
Und ebenso lange hat es gedauert, bis ein geordnetes Rechnungswesen mit Belegen
und genauer Nachprüfung, ein ganz geordnetes einheitliches Kassenwesen mit absolut
genauer rechtlicher Bestimmung, wer jede Ausgabe anzuweisen habe, entstand. Heute
wird jeder Schritt des ganzen staatlichen Finanzapparates schriftlich fixiert und mehrfach
nachgeprüft, jeder bewegt sich in festen Formen und Formularen, die ihn legitimieren.
Ein bis ins kleinste Detail ausgebildetes Finanz- und Disciplinarrecht hat all' das
fixiert, ein ausgebildetes Steuergesetz und Steuerstrafrecht umgiebt iede fiskalische
Forderung mit den Kautelen gegen Mißbrauch.
Endlich ist eines wichtigen Mittels zu gedenken, das den Schattenseiten einer
allzu ausgedehnten Beamtenwirtschaft mit ihrer Patronage, ihrem Strebertume, ihrer
Neigung, Gehalte ohne zu viel Anstrengung einzustreichen, entgegenwirkt: das unbezahlte
        <pb n="326" />
        314 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirischaft.

Ehrenamt der Besitzenden und Gebildeten, der zeitweise Militärdienst aller Staatsbürger
gegen geringe Entschädigung. Indem viele Tausende heute als Geschworene, Schöffen,
Steuereinschätzer, Abgeordnete, als Reserve- und Landwehroffiziere, als Soldaten zeitweise
für den Staat thätig sind, werden ihm große Summen erspart, wird neben den Söldner
geist der zahlreichen mittelmäßigen Beamten ein ganz anderes, bürgerlich unabhängiges
Element in die Staatsmaschine eingefügt. Wir haben darauf oben (S. 305/6) schon
hingewiesen. Da die Herstellung eines solchen Mechanismus mit der Arbeitsteilung
der heutigen Gesellschaft in einem natürlichen Widerspruche steht, so ist er nur in einem
mäßigen Umfange möglich und muß den Anforderungen der arbeitsteiligen Gefellschaft,
den Carrieren und Berufsstellungen, dem Einkommen der Betreffenden vorsichtig angepaßt
sein. Die Leistungen in sölchen Ehrenämtern behalten teilweise notwendig etwas
Dilettantisches; sie lassen sich, wo den Betreffenden ein größerer Einfluß eingeräumt
wird, nicht freihalten von egoistisch-wirtschaftlichen Mißbräuchen, denen diese Elemente
mehr als eigentliche Staatsbeamte unterliegen; man hat deshalb schon gesagt, die ehren—
amtliche Selbstverwaltung und der Parlamentarismus mit seinen Majoritätsbeschlüfsen
sei eine Art Klafsenherrschaft. Und es muß daher der Hauptteil und Schwerpunkt der
staatlichen Arbeit bei berufsmäßig geschulten, ganz dem Staatsamte lebenden bezahlten
Beamten bleiben. Aber die Einrichtung ist ein notwendiges und heilsames Korrektiv
der geldbezahlten, arbeitsteiligen Beamlen- und Berufssoldatenarbeit; sie erzieht die
ehrenamtlich Thätigen zu politischem Verständnisse, erhebt den Bürger über sein egoistisches
Sonderinteresse auf das Niveau der Gesamtinteressen, erzeugt in ihnen ein höheres
Streben und ein staatliches Bewußtsein. Sie ist vor allem im Gemeindeleben in breiterer
Weise zu benutzen, wie wir gleich sehen werden.
Immer wird hiedurch wie durch das vollkommenste Beamtenrecht, das beste
Besoldungssystem, die strafffte Disciplin und Kontrolle des Beamtentums nichts absolut
Vollkommenes zu erreichen sein. Nur nach dem Maße alles Menschlichen darf hier
gemessen werden. Gewiß sind heute in den Kulturstaaten die gröbsten, früher üblichen
Mißbräuche beseitigt; die Herrschenden und die Beamten haben nur ausnahmsweise
noch ihre Hände in den Taschen des Fiskus, auch die zahllosen kleinen Mißbräuche der
Beamten sind erheblich weiter zurückgedrängt bei uns als in Rußlaud oder in den
Vereinigten Staaten. Aber niemand wird behaupten, daß alle Beamten für ihr Amt
so interessiert seien wie für ihr Vermögen, niemand wird leugnen, daß selbst in Deutsch⸗
land auf 30 ausgezeichnete und fähige Staatsdiener 50 mittelmäßige und 20 ichlechte
und indolente kommen. Damit ist heute, damit wäre in unendlich gesteigerter Pro⸗
portion zu rechnen, wenn die Staatsthätigkeit im Sinne des Socialismus die ganze
Volkswirtschaft erfaßte.
111. Die heutige Einwohnergemeinde und ihre Wirtschaft. Liegt
die Hauptschwierigkeit eines immer größer werdenden Staatshaushaltes in der Schwer⸗
fälligkeit und Unkontrollierbarkeit des persönlichen Riesenapparates der ungeheuren Geld⸗
verwaltung, so liegt es nahe, daß, je größer die Staaten und ihre Aufgaben werden,
sie desto mehr die Provinzen, Kreise und Gemeinden als halb selbständige Gebiets—
körperschaften organisieren, ihnen bestimmte Zwecke auftragen und die Mittel hiefür
überlassen müssen. Wir haben darauf schon oben hingewiesen; es in allen Einzelheiten
hier darzustellen, ist nicht unsere Aufgabe. Nur von der wichtigsten dieser Bildungen,
der modernen Einwohnergemeinde und ihrer Wirtschaft, ist hier noch kurz zu reden.
Die heutige Gemeinde ist eine unter staatlicher Oberhoheit stehende Gebiets—
körperschaft, welche nicht mehr kraft Sonderrechts und Privilegs, sondern nach allgemein
gültigen Rechtsgrundsätzen die auf dem Gebiete befindlichen Grundstücke und Wohnungen
und die dauernd da sich aufhaltenden Personen zwangsmäßig zu gemeinsamen, wesentlich
auch wirtschaftlichen Zwecken zusammenfaßt; ihre Organe sind nicht mehr, wie zeitweise
im 17. und 18. Jahrhundert, zu reinen Staatsorganen herabgedrückt; das Gemeinde—
gebiet ist nicht mehr eine bloße geographische Abteilung des Staatsgebietes wie damals.
Die Gemeinde steht unter dem staatlichen Gesetze, führt vielfach staatliche Aufträge aus;
Hhre eigenen Aufgaben sind ihr vom Gefehe juüm großen Teile vorgeschrieben; aber sie
        <pb n="327" />
        Die heutige Gemeinde, ihre Aufgabe und ihre Wirischaft. 313

hat selbständige Organe, ein selbständiges Vermögen, eine eigene Kasse, fie hat eine
Sphäre freier Thätigkeit, wenn sie auch ihren Mitgliedern überwiegend mit einer
präcisierten Rechtssphäre gegenübersteht, ähnlich wie der Staat dem Bürger.
Die heutige Gemeinde ist keine geschlossene Genossenschaft, die beliebig die Auf—
nahme verweigern, den Abzug erschweren kann. Sie muß nach den Grundsätzen der
heutigen Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit jeden Einwohner dulden, der nach den
Staatsgesetzen sich in ihr niederläßt. Sie kann nicht mehr, wie die mittelalterliche Stadt,
eine ganz selbständige Wirtschaftspolitik verfolgen; sie kann in ihren Gliedern nicht mehr
den hingebenden lokalen Patriotismus, nicht mehr den zähen, harten Lokalegoismus
erzeugen. Die Hälfte der in ihr Wohnenden sind häufig heute an anderem Orte geboren,
was freilich nicht ausschließt, daß die meisten älteren, am Orte schon Jahre lang An—
säfsigen mit dem Gedeihen und Leben der Gemeinde so enge verwachsen, daß aus dem
Kreise dieser heraus eine gesunde Kommunalverwaltung entsteht, wie sie unsere neueren
Städteordnungen und Gemeindegesetze herzustellen fuchen. Die Gemeindeverfassung jedes
Landes ist nicht bloß politisch und social von der größten Bedeutung, sondern auch
wirtschaftlich. Wo ein gesundes, kräftiges Kommunalleben besteht, wo die gebildeten
und besitzenden Bürger, bis zum Mittel- und Arbeiterstande herab, zum unbezahlten
Ehrendienste für die Gemeinde herangezogen werden, da entsteht in der Bürgerschaft ein
kräftiger, gemeinnütziger Sinn, da lernen die oberen Klafsen die Interessen der unteren
aus eigener Anschauung kennen, da erhält der egoistische Erwerbstrieb der einzelnen sein
notwendiges Korrektiv durch die lebendigen Nachbargefühle und durch die Einsicht in
den engen Zusammenhang des Gedeihens aller Glieder der Gemeinde unter einander
und die Abhaͤngigkeit aller von der gemeinsamen guten oder schlechten Lokalverwaltung.
Die wirtschaftlichen Aufgaben der heutigen Gemeinde sind nicht mehr dieselben
wie in Dorf und Stadi des Mittelalters. Der Bauer und der Stadtbürger haben heute
eine viel selbständigere Wirtschaft, eine viel größere Sphäre individueller Freiheit, beide
haben nicht mehr bloß lokale Interessen, hängen vielfach von der Handels- und Steuer—
bpolitik des Staates mehr ab als von der des Ortes. Aber Nachbarn find die Dorf—
wie die Stadtbewohner nicht bloß geblieben, sondern durch das enge Wohnen, durch die
Fortschritte der Technik, durch das zunehmende geistige Leben, durch die wachsende Be—
deutung gemeinsamer Veranstaltungen noch mehr geworden als früher. Die Solidarität
und Abhängigkeit des einen Nachbarn vom anderen ist gewachsen, und damit haben sich
die Aufgaben der Nachbarverbände vermehrt, so viel sie andererseits an größere Verbände
und den Staat abgegeben haben.
Man hat deshalb geglaubt, in der Formel, die Gemeinde sei ein wirtschaftlicher
Nachbarverband, der Staat ein Herrschaftsverband zu Macht- und Rechtszwecken, das
Geheimnis gefunden zu haben, um aus ihr alle Staats- und Gemeindezwecke, ihre
gegenseitige Abgrenzung und die richtigen Mittel zu ihrer Durchführung ableiten zu
können. Aber auch der Staat wirtschaftet, auch die Gemeinde lebt nach Rechtsgrundsätzen
und hat eine gebietende und verbietende Zwangsgewalt. Beide sind wesensverwandte
Gebietskörperschaften; nur das ist richtig, daß beim Staate heute die Macht- und Rechts—
organisation voransteht, bei der Gemeinde die gemeinsamen wirtschaftlichen Aufgaben.
Wir werden unten noch davon zu sprechen haben, wie neuerdings die wirtschaft⸗—
lichen Gemeindeaufgaben gewachsen sind. Wir erwähnen hier nur kurz das Wichtigste:
die Regulierung des Trinkwassers, die Abfuhr der Fäkalien, das Wege- und Bebauungs-—
wesen, die Pflasterung und Beleuchtung, die lokalen Verkehrseinrichtungen, die Kirchen—
und Schulverwaltung, die Armenunterstützung, das sind die wichtigsten der neueren
wirtschaftlichen Funktionen der Gemeinde. Und meist stehen darunter drei voran: das
Wege- und Verkehrswesen, das Schulwesen und die Wohlthätigkeitseinrichtungen. Im
Jahre 1883—84 gaben die sämtlichen preußischen Stadtgemeinden von 272 Mill. Mark
65 für Wege, Verkehr und gewerbliche und gemeinnützige Anstalten, 62 für Unterricht,
36 für Armenwesen, zusammen 163 Mill. aus; die anderen erheblichen Zwecke kosteten
folgende Summen: 18 Mill. die staatlichen Zwecke, 24 die Gemeindeverwaltung, 27 das
Schuldenwesen; der Rest verteilte sich auf verschiedene Aufgaben.
        <pb n="328" />
        316 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Damit ist auch der Charakter der modernen Gemeindewirtschaft bestimmt. Sie
ist nicht mehr wie einst eine dorfgenossenschaftliche Gesamtwirtschaft, d. h. Verwaltung
eines von den Genossen genutzten Eigentums, sondern eine der Staatsfinanz ähnliche
und ihr nachgebildete Vermögens-, Schulden- und Steuerverwaltung, nebft einer Summe
specialisierter Anstaltsverwaltungen, wie die Kirchen-, Schul-, Straßen-, Wege-, Wasser—
werks⸗, Gasanstalts-, Armen⸗-, Krankenhaus⸗-, Sparkassen-⸗, Leihhausverwaltung und
Ahnliches mehr.
Ein Teil der Gemeinden hat noch aus alter Zeit Forsten, Kämmereigüter, Reste
der Allmende und bezieht daraus ein wertvolles, die Steuerlast erleichterndes Einkommen,
kann auch da und dort noch ihren Gliedern freies Holz, Waldweide, einem Teile der—
selben gegen mäßige Bezahlung ein Stückchen Kartoffelland liefern. Überall hat die
Gemeinde für Meliorationen und Wegeanlagen, für Wohnungsreform und Errichtung
öffentlicher Anstalten, Gebäude, Schulen, Kirchen, Parks, wie für ihre ganze Finanz—
gebarung durch solchen Grundbesitz eine wertvolle Stütze. Der größere Teil des Gemeinde—
vermögens besteht allerwärts aus Gebäuden für den Gemeinde-⸗, Schul-, Kirchen- und
sonstigen Dienst und aus den Wegen und öffentlichen Plätzen; dieser Teil giebt keine
oder nur nebenbei eine geringe Einnahme; er wirkt durch seine direkte Nutzung; auch
Museen, Bibliotheken und Ahnliches gehören hieher. Einen dritten Bestandteil des
Gemeindevermögens bilden die öffentlichen Gemeindeanstalten, wie sie besonders die
großen Städte in ihren Wasserwerken, Gasanstalten, Schlachthäusern, Sparkassen, Leih⸗
häusern, Markthallen ꝛc. haben. Diese Anstalten lassen sich ihre Leistungen im ganzen
nach ihrem Werte bezahlen; einige erheben noch in der Bezahlung Steuern, d. h. sie
stellen ihre Preise so, daß große Überschüsse für die Gemeinde sich ergeben. Dazu kommt
endlich das unter Gemeindeverwaltung stehende Stiftungsvermögen und eigenes werbendes
Kapital. Im Westen der Vereinigten Staaten hat die township als Lokalgemeinde die
Wurzeln ihrer Kraft dadurch erhalten, daß !/86 alles Grund und Bodens ihr als
Schulfonds angewiesen wurde.
Allen diesen Vermögensposten stehen nun die wachsenden Gemeindeschulden gegen—
über; fie übersteigen jetzt vielfach das Vermögen; die englischen Selbstverwaltungskörper
hatten 188182 auf 50 Mill. E Jahresausgabe 140 Mill. &amp;amp; Schulden, die französischen
Gemeinden 1876—277 auf 239 Mill. Francs Ausgabe 1988 Mill. Francs Schulden;
selbst die östlichen preußischen kleinen Landgemeinden hatten 1890 87 Mill. Mark
Schulden. Berlin hatte 1889 eine fundierte Stadtschuld von 168 Mill. Mark, der
allerdings ein Wert von 120 Mill. in den großen Anstalten der Stadt gegenüber—
stand. Paris hatte 1885 eine Schuld von 1810 Mill. Francs. Immer ist' heute die
Verschuldung der Städte verhältnismäßig wohl noch nicht so groß wie gegen 1600;
das Schuldenwesen ist gut geordnet und vom Staate kontrolliert; es bildet ein die
Gemeindeglieder verbindendes Band.
In Bezug auf die Geldmittel, welche die Gemeinde sich jährlich von den Bürgern
und Einwohnern verschaffen muß, unterscheidet sie sich vom Staate hauptsächlich in
folgendem. Sie hat, wenigstens die größere Stadt, meist eine verhältnismäßig bedeutende
Anstaltsverwaltung (Gas-, Wasserwerke, Markthallen), für welche sie sich in privat—
wirtschaftlicher Weise bezahlen läßt. Sie hat mehr als der Staat Gelegenheit, das
Gebührensystem auszubilden, wird sich häufiger als er für bestimmte Leistungen,
„. B. den Schulunterricht, wenigstens teilweise durch tarifierte Geldansätze bezahlen laffen.
Noch mehr wird sie für viele ihrer Thätigkeiten, wie z. B. für Pflasterung und Straßenreinigung,
 statt eigentlicher Steuern, welche alle Bürger nach der Leistungsfähigkeit
heranziehen, sogenannte Beiträge erheben, die von denen zu zahlen sind, die den Vorteil
haben, und nach dem Maßstabe, nach welchem fie ihn haben. Nur bleibt stets die
gerechte Bemessung dieser Beiträge sehr schwierig, da doch immer schematisch und nicht
nach individueller Bewertung verfahren werden muß. Die stärkere Ausbildung der
Gebühren und Beiträge hat'man mit Recht vielfach neuerdings als eine Hauptpflicht
der Gemeinde betont; auch die Vorliebe der Gemeindepolitiker für Grund-, Gebäude—
und Mietssteuer beruht aui dem Gedanken, daß diese Steuern dem Princip der Beiträge,
        <pb n="329" />
        Die Einnahmen der Gemeinde.

317

der Bezahlung nach dem Vorteile sich nähern. Jedenfalls aber sind für Unterricht,
Armenwesen und alle anderen den Staatsaufgaben näher stehenden Gemeindeaufgaben
Steuern nach der allgemeinen Leistungsfähigkeit nicht zu entbehren.
Die älteren indirekten Steuern, welche die Gemeinden, besonders die Städte, bei
sich ausgebildet hatten, hat der Staat ihnen vielfach genommen, weil sie die Handhabe
einer lokalen, egoistischen, wirtschaftlichen Sonderpolitik waren, und die Staatsbeamten
technisch zur Verwaltung der indirekten Steuern viel fähiger sind. Auch die selbständigen
direkten Kommunalsteuern gingen auf dem Kontinente meist von 1600 — 1850 in
Staatssteuern über, während England sein besonderes Lokalsteuersfystem auf Grund des
sichtbaren äußeren Vermögensbesitzes beibehielt. So sind die Kommunen heute auf dem
Kontinente überwiegend auf Zuschläge zu den direkten Staatssteuern angewiesen, was
die Gemeinden in vieler Beziehung lähmt und hindert. Es ist daher ein glücklicher
Gedanke, daß man in Preußen den Ertrag der Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer
ganz den Gemeinden überlassen hat.
Ausreichen mit den Gemeindesteuern wird man trotzdem nicht, zumal in den
kleineren und ärmeren Gemeinden und gegenüber den zunehmenden Staatsaufträgen und
vom Staate geforderten Zwangsausgaben. Nie sollte der vom Staate auf die Gemeinden
in dieser Richtung geübte, in gewissem Umfange freilich notwendige Druck so weit gehen,
daß die Gemeinde zur bloßen Abwehrverbindung gegen staatliche Zumutungen wird.
Im übrigen ist zu helfen durch Schaffung größerer, leistungsfähigerer Gemeinden,
durch Übertragung einzelner Aufgaben von den Gemeinden auf das Amt, den Kreis, den
Bezirk, ferner dadurch, daß die Gemeinden vom Staate oder den größeren Verbänden
mit Kapital oder jährlichen Zuschüssen dotiert werden oder schließlich, was die beste
Form ist, dadurch, daß sie für bestimmte Zwangsaufgaben, die sie nach dem Gesetz erfüllen
müssen, durch staatliche Vorschüsse und Zuschüsse subventioniert werden, die sich einerseits
nach ihrer Bedürftigkeit, andererseits nach ihrer eigenen Aufwendung richten. Indem
in steigendem Umfange komplizierte, gerechte Maßstäbe für solche Subventionen gefunden
werden, erhält man die Selbstthätigkeit und das Selbstinterefse der Gemeinden und
tommt zugleich zu einem passenden Zusammenwirken von Staat und Kommune. —
112. Gesamtergebnisse. Das neuere Anwachsen der wirtschaftlichen
Staats- und, Gemeindethätigkeit, ihre Grenze und Verschiedenheit.
Der vorstehende Überblick über die Geschichte und den gegenwärtigen Bestand der gebiets—
körperschaftlichen Wirtschaften und öffentlichen Haushalte konnte und sollte den Gegen—
stand nicht erschöpfen, sondern nur die Hauptpunkte hervorheben; zumal auf die Wirt—
schaften der Kirchen, der Stiftungen, der humanitären Korporationen und Vereine,
welche A. Wagner der Volkswirtschaft als ein besonderes caritatives System neben
Gemeinwirtschaft und Privatwirtschaft einfügen will, ist dabei gar nicht eingegangen;
zunächst des Raumes und ihrer geringeren Bedeutung wegen, dann aber auch, weil die
wirtschaftlichen Aufgaben und die finanziellen Mittel, ebenso die Licht- und Schatten—
seiten aller dieser Organe doch im Grunde mit denen von Staat und Gemeinde identisch
oder nahe verwandt find, nur eigentümliche Abarten derselben darstellen. Wir haben
hier zum Schluß nur noch ein zusammenfassendes Wort über das Resultat unserer
Untersuchung und über die neueste Entwickelung beizufügen.
Wir sahen, daß aus genossenschaftlichen herrschaftliche Wirtschaftsgebilde, gebiets—
körperschaftliche Organisationen entstehen, daß an ihrer Spitze öffentliche Haushalte sich
bilden, die über allen anderen Wirtschaftsorganen des Gebietes stehen, daß an die
herrschaftliche Spitze von Staat und Gemeinde sich wirtschaftliche Institutionen anschließen,
welche das ganze Wirtschaftsleben beeinflussen oder beherrschen. Wir sahen, daß die
Ausbildung der Volkswirtschaft, der öffentlichen Haushalte und der staatlichen Wirtschafts—
institutionen nur Glieder eines und desselben großen Prozesses sind. Die öffentlichen
Haushalte bilden den Kern der Staats-, Macht- und Rechtsorganisation, den Mittel—
punkt der Volkswirtschaft, den ernährenden Quell für alle Staatsverwaltung und alle
staatlichen Wirtschaftseinrichtungen. Die gesamte Verwaltung von Staat und Gemeinde
ist so bestimmend für alle volkswirtschaftlichen Zustände, daß ohne ihre Kenntnis nur
        <pb n="330" />
        318 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

über wenige Gebiete der Volkswirtschaft ein begründetes Urteil möglich ist. Der öffent—
liche Haushalt bietet das Werkzeug, die Stadt, das Territorium, den Staat durch die
Zoll- und Handelspolitik in richtige Beziehung zu den Nachbargebieten und anderen
Volkswirtschaften zu bringen; davon wird im letzten Buche näher die Rede sein. Von
den übrigen großen, bisher nicht behandelten Wirtschaftsinstitutionen der neueren Zeit
(3. B. vom Maß- und Gewichtswesen, Münzwesen, Kreditwesen, Bankpolitik ꝛc.) wird
weiterhin im einzelnen zu handeln sein. Das Wichtigste, was wir hier festzuhalten
haben, ist die principielle Frage nach den Zwecken der öffentlichen Haushalte und der
öffentlichen Anstalten, da wir im bisherigen mehr die Mitiel der ersteren erörtert haben.
Und unter den Zwecken von Staat und Gemeinde stehen für uns die primären voran,
nicht die sekundären, welche bloß um der Einnahmen willen verfolgt werden. Die Frage
spißzt fich darauf zu, welche Ursachen den Gebieiskörperschaften den einen Teil der wirt—
cchaftlichen oder wirtschaftliche Mittel erfordernden Funktionen, den privatwirtschaftlichen
Organen, Familie und Unternehmung, den anderen zugewiesen haben. Wir werden
ein letztes Wort darüber erst nach Untersuchung der Unternehmung sagen können; hier
aber muß das Wichtigste zur Charakterisierung der wirtschaftlichen Rolle von Staat
und Gemeinde beigefügt werden.
Das ursprüngliche Wirtschaftsleben ist auf Ernährung, Kleidung, Wohnung,
Herrichtung gewöhnlicher Werkzeuge, einfache Dienstleistungen gerichtet; alles Derartige
besorgt am einfachsten und billigsten das Individuum, die Familie, die Unternehmung,
welche Produkte oder Dienste für andere auf dem Markte nach dem Princip von Leistung
und Gegenleistung mit Gewinnabsicht verkauft. Wenn nun mit steigender Kultur und
—
Bedürfnisse auf die öffentlichen Haushalte und Anstalten, ein anderer aber nicht über—
gegangen ist, so muß die Ursache darin liegen, daß von den gesteigerten und differenzierten
Zedürfnissen ein Teil, der ältere, einfachere, natürlichere, im ganzen doch besser durch
die privatwirtschaftlichen, ein anderer, der spätere, höhere, kompliziertere, besser durch die
zffeutlichen Organe befriedigt wird. Zu jenen Bedürfnissen gehören alle die, welche
seder ohne weiteres fühlt, die im Gesichtskreise jedes Alltagsmenschen liegen, deren Be—
riedigungsmittel in der Familie und auf dem Markte jeder kennt und durchschnittlich
richtig beurteilen kann; es ist heute so noch der größere Teil aller gewöhnlichen wirtschaft—
ichen Bedürfnisse, für welche Familie und Unternehmung Besseres und Billigeres leistet;
schon um ihrer einfacheren Organisation willen sind sie vorzuziehen. In dem Maße aber,
als die höheren, feineren Bedürfnisse wachsen, als es sich um größere sociale Körper,
hre Einrichtungen und Wirkungen, die nicht jeder begreift und übersieht, handelt, als
dielerlei Bedürsnisbefriedigung durch die Arbeitsteilung, die socialen Klassenkämpfe, die
komplizierte Einkommensverteilung schwieriger, von vielen Mittelursachen abhängiger
wird, als es sich um ein dichteres Wohnen, um eine höhere, für die Massen oft unver—
tändliche Technik handelt, als für die Bedürfnisse der Zukunft schon heute gesorgt, als
ür die großen Zwecke der nationalen Existenz, der Volksbildung und Volksgesundheit
gjehandell werden muß, für welche dem Alltagsmenschen in seinem Egoismus das Ver—
dändnis fehlt, — da versagt die Privatwirtschaft, da muß die Gemeinschaft in ihrer
Rechts- und Machtorganisation, oder es müssen, wenn sie unfähig ist, stellvertretend
Bereine und Korporationen eintreten, welche das gemeine Wohl, seine Bedürfnisse und
Zwecke verstehen. Wir werden so sagen können, die zunehmende wirtschaftliche Thätigkeit
der öffentlichen Organe sei das Ergebnis der höheren geistigen, moralischen und technischen
Kultur überhaupt, des zunehmenden Sinnes für die zeitlich und örtlich auseinander
liegenden Zwecke, sei die Folge der wachsenden Vergesellschaftung und komplizierteren Staats—
und Gesellschaftsverfassung. Wir werden freilich gleich hinzufügen: diese Bedürfnisse zu
erkennen und zu befriedigen, sei viel schwerer, sei, wie wir sahen, nicht zu ermöglichen
ohne gesellschastliche Apparate, welche Mißbrauch, Irrtum, große Kosten, Freiheitsverluste,
despolische Vergewaltigungen in sich schließen. Also werde die Verfolgung dieser Zwecke
durch Staat und Gemeinde immer nur dann überwiegend von Segen sein, wenn es
zelingt, über diese Schwierigkeiten einigermaßen Herr zu werden. Gelingt es nicht, so
        <pb n="331" />
        Der Gegensatz von privater und öffentlicher Wirtschaft. 319

wird man teils die Zwecke wieder fallen lassen müssen, teils sie Vereinen oder auch der
Privatwirtschaft, obwohl fie principiell und im ganzen hiefür weniger taugt, zurückgeben.
Die geschichtliche Entwickelung wird so in einem steten Vordringen der öffentlichen
Anstalten innerhalb des für sie passenden Gebietes, aber auch in einem häufigen Zurück—
weichen verlaufen. Aber stets wird der Privatwirtschaft ihr eigentliches Gebiet bleiben.
Und stets wird die Schwankung zwischen Vordringen und Zurückweichen dadurch kom—
plizierter werden, daß die Staats- und die Unternehmerthätigkeit, ihre Formen und
Gepflogenheiten sehr verschieden sich gestalten können; die große Unternehmung hat mit
ähnlichen Schwierigkeiten wie Staat und Gemeinde zu kämpfen; sie kann aber auch die
Vorzuüge dieser sich aneignen, kann durch weitsichtige, gemeinnützige Leitung, durch staat—
liche Kontrolle, durch Abgabe eines Teiles ihrer Gewinne an Staat und Gemeinde sich
diesen nähern; auch die staatliche Anstalt kann die Einrichtungen der Privatunternehmung
sich aneignen; es können gemischte Formen der Organisation sich bilden.
Sehen wir das einzelne in Staat und Gemeinde noch etwas näher an.
a) Die heutige Gemeinde hat ein viel dichteres Wohnen und durch die
moderne Technik eine unendlich komplizieriere, nur von wenigen Sachverständigen erkannte
Einwirkung der Nachbarn aufeinander. Der Zustand der Aborte und Dungstätten, des
Trinkwassers, die Beseitigung der Fäkalien, die mögliche Wirkung von Dampf und
Elektricikät, von Rauch und Lärm, von Feuers- und Explostonsgefahr auf die Nachbarn,
das Zusammenwohnen von 5—40 statt von 122 Familien auf einem Grundstücke, die
Ordnung der Wege, der Platzanlagen, der Friedhöfe, die Beleuchtung der Märkte und
Straßen, die Verknüpfung aller Häuser und Straßen durch ober- und unterirdische
Leitungen aller Art hat einen technisch-wirtschaftlichen Zustand geschaffen, wobei nur
einheitliche Ordnungen, einheitliche Anstalten die einschläägigen Bedürfnisse befriedigen
können. Nun kann gewiß auch heute noch ausnahmsweise ohne zu große Mißstände
die Wasserleitung, die Gasanstalt, das Elektricitätswerk, das Absuhrwesen, das Schlacht—
haus, die Markthalle in Privat-, Vereins- oder Aktienhänden liegen; aber das Monopol,
das entsteht, muß dann sehr streng in Leistungen und Preisen kontrolliert, es muß durch
Abgabe eines Teiles des Monopolgewinnes an die Gemeinde korrigiert werden; es
erzeugt sonst nur zu leicht übergroße Gewinne für die Inhaber, schlechte Bedienung
des Publikums. Die Übernahme auf die Gemeinde ist oft mit etwas größeren Kosten,
meist aber auch mit besserer Behandlung der Arbeiter und Beamten, mit besserer Ver—
sorgung aller Bürger verbunden.
Die Befriedigung der religibsen Bedürfnifse, die der Erziehung der Jugend hat
früh zu gesellschaftlichen Organisationen geführt; Kirche und Gemeinde traten ein; es
ist klar, daß die Nachbarskinder billiger und besser durch einen gemeinsamen Lehrer im
gemeinsamen Schulhause unterrichtet werden, daß ohne diese Einrichtung nur die Reichsten
sich einen Lehrer halten können. Heute kommen dazu Fortbildungs-, Ackerbau⸗, Gewerbe—
schulen, Bibliotheken, Theater, Musik-, Turn- und Festhallen, Spielplätze und Parks; auch
Derartiges kann in Privat- oder Vereinshänden sein; am besten aber sorgt doch wohl
die Gemeinde dafür, sofern sie richtig orgänisiert, nicht von einer Clique beherrscht ist.
Man hat mit Recht heute oft schon gefragt, ob nicht die allgemeinen Vergnügungen und
ihre Lokale, die Wirlshäuser, Theater, Musikaufführungen besser unter Gemeindekontrolle
obder -Verwaltung stünden; der private Erwerbstrieb wenigstens hat hier vielfach zur
Großziehung von Laster und Mißbrauch gesührt; er macht die größten Wuchergewinne,
wenn er dem Leichtsinne des Augenblickes dient. Das Verlangen der Municipalisierung
des Schankwesens wurde neulich von einem Gemeinderate Manchesters aufgestellt.
Hie Unterstützung und Erhaltung Kranker, Bedürftiger, Verunglückter war ur⸗
sprünglich Sache der Gentilverbände, später der Großfamilien und Grundherrschaften,
der Dorf-, Zunft- und anderen Genossenschaften, aushülfsweise auch der Kirche gewesen;
als diese Organisationen versagten, sich auflösten, zahlreiche Bettler entstanden, legte der
Staat der Gemeinde als solcher die Pflicht der Armenunterstützung auf, und dies
erschien allerwärts um so natürlicher, als der Wohlstand, die Gesittung und die
Arbeitsgelegenheit am Orte von der guten oder schlechten Gemeindeverwaltung wesentlich
        <pb n="332" />
        320 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

mit abhängt. Notstandsarbeiten im Winter können große Städte viel besser in die
Hand nehmen als der Staat. Wir kommen auf das Armenwesen unten zurück. Für
die Versorgung der Irren und Blinden, für den Bau der Armen-, der Kranken-, der
Waisenhäuser hat man neuerdings meist große Kommunalverbände geschaffen, weil die
einzelne Gemeinde zu klein, zu arm ist, solche Anstalten in zu kleinem Maßstabe anlegen
müßte. Teilweise hat man auch die Feuer-, Hagel-, die Viehversicherung Gemeinden
oder größeren Kommunalkörpern in die Hand gegeben. Die Krankenversicherung, wie
fie neuerdings in vielen Ländern gesetzlich erzwungen wurde, liegt teils in Gemeinde—
händen, teils in den Händen lokaler Kassen, die von der Gemeinde und dem Staate
kontrolliert werden. Auch die Kreditorganisationen für die ärmeren Klassen, die Spar—
kassen, die Pfandleihanstalten, da und dort auch Banken und Pfandbriefinstitute sind
oielfach mit Erfolg in Gemeindehänden.
An einzelnen Punkten hat man die Leistungen der Gemeinde teils heute schon
unentgeltlich gemacht, teils die Unentgeltlichkeit verlangt: man hat da und dort schon
jreien Unterricht in der Volksschule gewährt, hauptsächlich im Gesamtbildungsinteresse
der Nation; diskutierte Fragen sind die Unentgeltlichkeit der Lehrmittel, des warmen
Frühstücks und der Bäder für die Schulkinder, dann die des Ärztedienstes und der
Arzneimittel, der Beerdigung für alle; ferner die der Rechtsbelehrung in besonderen
Burkaus, des Arbeitsnachweises. Es handelt sich dabei um kleine sociale Hülfen für
die Armeren, um eine Bedürfnisbefriedigung, welche erwünscht ist und doch unterbleibt
oder sehr schwer drückt, sobald direkte Bezahlung gefordert wird. Immer werden solch'
unbezahlte Gemeindedienste nicht sehr weit gehen dürfen, wenn sie nicht die Selbsi—
thätigkeit und Selbstverantwortung lähmen sollen.
Wo die Gemeinde, wie jetzt in rasch zunehmender Weise in England und sonst,
Elektricitäts-, Wasser-, Gaswerke, Pferdebahnen in eigener Regie unterhält, wo sie, wie
oereinzelt geschieht, auf Gemeinderechnung Bäckerei, Milch- und Kohlenhandel, Lagerhäufer,
Apotheken, Volksküchen betreibt, Wohnungen baut, große vorstädtische Landstrecken zum
Zwecke der Beherrschung des Baugeschäftes kauft, da läßt sie sich mindestens die Kosten
ersetzen und muß das, weil hier der Vorteil für die Benutzer klar und einfach zu
berechnen ist, eine Unterhaltung aus Steuermitteln ungerecht wäre, kommunistische Be—
gehrlichkeit erzeugte, Fleiß und Sparsamkeit vernichtete. Die Ursache, daß die Geineinde
auf den erstgenannten Gebieten vordringt, ist einfach; sie bedient alle gerechter; sie sucht
nicht Wucher- und Monopolgewinne zu machen; sie arbeitet durch centralifierten Groß—
betrieb billiger als eine Anzahl konkurrierender Werke; es handelt sich meist um Unter—
nehmungen, die auch beim Aktienbetrieb des schwerfälligen Apparates zahlreicher Beamten
dedürfen, deren Eigeninteresse teilweise durch Tantiemen belebt werden kann. Den an
zweiter Stelle genannten Zwecken werden sich die Gemeinden nur ausnahmsweise, wenn
besondere Not vorliegt, zuwenden.
b) Die Zwecke und wirtschaftlichen Anstalten, die in Staatshänden ruhen,
sind teils die alten der Macht-, Rechts- und Friedensorganisation mit dem baulichen
und persönlichen Apparat, welcher dazu gehört, teils die neueren der Kultur- und
Wohlfahrtsförderung.
Freilich auch die ersteren wurden nicht immer von den Regierungen auf sich
genommen: erst langsam erwuchs aus Blutrache und Fehde das Gericht, aus dem ört—
lichen das staatliche, aus dem vom Kläger bezahlten der staatlich besoldete Richter; man
hat von einer Verstaatlichung des Gerichtswesens in Preußen gesprochen, die von der
Schaffung des Kammergerichtes bis 1850 gedauert habe. Der Schutz nach außen war
lange nur Sache des Fürsten, da und dort dann solche von privaten Söldnerbanden,
die jedem dienten, der sie bezahlte. Die Entstehung der heutigen Heere, 1660 -1870,
hat man auch als Verstaatlichung des Kriegshandwerkes bezeichnet. Der Schutz nach
außen durch Armee und Flotte, nach innen durch Justiz und Polizei kommt so sehr
der Gesamtheit und all' ihrem Leben zu Gute, daß die Koften durch Steuern aufgebracht
werden müssen; und unter denselben Gesichtspunkten stehen der Finanzdienst, das meiste
staatliche Bauwesen, die Festungen, die Ordnung der Flußläufe und Ähnliches.
        <pb n="333" />
        Die steigenden wirtschaftlichen Staatsaufgaben. 321

Alles Straßen-, Verkehrs- und Marktwesen beruht auf gemeinsamer Veranstaltung,
nämlich auf Straßen-, Brücken- und sonstigen Bauten, Kosten für Urmaße, Münz⸗
prägung, Warenschau. Je größer die Gemeinwesen wurden, desto weniger genügte die
Sorge von Vereinen, Genofssenschaften, Gemeinden, desto mehr mußten diese Veran—
staltungen im Gesamtinteresse gemacht, gerecht gehandhabt, von den egoistischen Sonder—
interefsen einzelner Geschäfte, Orte und Klassen befreit werden. Deshalb mußte die
Münzprägung und das Postwesen verstaatlicht werden (in Deutschland hauptsächlich
1600 — 1866); die wichtigsten großen Straßen übernahm allerwärts der Staat; die
Eisenbahnen sind auch besser in Staats- und Reichshänden, sind in Deutschland und in
einer Reihe anderer Länder wenigstens, hauptsächlich 1870 -90, verstaatlicht worden.
Aller Eisenbahnbetrieb stellt ein großes wirtschaftliches Monopol dar; die Aktienbahnen
bauen nur die centralen Haupt-, nicht die Nebenlinien; ihre Konkurrenz stellt eine
Verschwendung an Nationalvermögen dar; die Verschiedenheit ihrer Verwaltung, Ein—
richtung, Tarife hindert die Landesverteidigung, erschwert und verteuert den Verkehr,
macht eine nationale Verkehrs- und Tarifpolitik unmöglich; nicht umsonst rief Bismarck,
die 63 deutschen Eisenbahngebiete schaffen ein Fehderecht wie im Mittelalter. In der
Hand von privaten Kapitalmagnaten sind die Eisenbahnen und ihre Aktien das Mittel
der Börsenspekulation, der ungeheuren Bereicherung der Aktionäre, der politischen und
wirtschaftlichen Herrschaft der Großkapitalisten über Staat und Volkswirtschaft. Für
gewisse Teile der Kreditorganisation, besonders die, welche das Notenwesen betreffen,
mit der Geldcirkulation zusammenhängen, verlangen ähnliche Gründe eine staatliche
Organisation oder staatliche Kontrolle. Für eine Verstaatlichung der Kohlenbergwerke,
gewisser Teile der Eisen- und Waffenindustrie, für eine staatliche Verwaltung der Wasser—
kräfte, der Elektricitätswerke, aller großen mechanischen Kräfte haben sich neuerdings
manche Stimmen erhoben. Ob man sich Derartigem weiter nähert, wird von den
socialen Kämpfen in diesen Industrien und der Art abhängen, wie Ringe und Kartelle
in ihnen ihre Macht ge- oder mißbrauchen.
Die steigende Rolle des Staates im Bildungs- und Schulwesen beruht auf anderen
Ursachen. Eine gewisse Einheit der sittlich-religiösen Gefühle und der Bildung war
stets die Voraussetzung eines höheren Kulturlebens, zumal freier Verfassungsformen;
sie war früher unter einfacheren Verhältnissen leichter herzustellen, zumal wo Staat und
Kirche noch zusammenfielen. Als sie sich trennten, als die Gesellschaft und ihre Bildung
gespaltener wurden, entstanden Privatschulen, Korporations- und Gemeindeschulen,
kirchliche Schulen, staatliche Schulanstalten, kurz eine Summe sich kreuzender und
bekämpfender Einrichtungen. Je mehr ein weltlicher paritätischer Staat sich ausbildete,
je verschiedenere Religions- und Sittlichkeitssysteme sich in einem Lande um den Vor—
rang stritten, desto mehr hatte der Staat Anlaß, zuerst höhere, dann auch niedere
Schulen, zu deren Unterhalt er die Gemeinden zwang oder heranzog, zu schaffen. Nur
damit konnte er hoffen, im ganzen Volke diejenige einigermaßen homogene geistige
Atmosphäre herzustellen, ohne welche die verschiedenen Elemente sich nicht verstehen
können, ohne welche vor allem die unteren Klassen den schweren Kampf des heutigen
freien Erwerbslebens nicht kämpfen können.
Die Verkehrs- und die Schulanstalten stellen die Gebiete der größten neueren
Ausdehnung der Staatsthätigkeit dar; ich füge den oben angegebenen Zahlen die Notiz
bei, daß Württemberg 1889—90 auf 8098 gewöhnliche Beamte 6000 im Schul- und
5400 im Verkehrsdienste hatte. —
Man versuchte, für die ganze Grenzbestimmung zwischen öffentlicher und Privat—
thätigkeit einfache, feste, klare Formeln aufzustellen: der Staat oder die Gemeinde solle
alle Monopole übernehmen, weil sie in Privathänden zur mißbräuchlichen Ausnutzung
führen; aber was ist ein Monopol? Der Staat solle alle Anstalten, die ihrer wirtschaft—
lichen und sonstigen Gesellschaftsnatur nach über das ganze Land sich ausdehnen müssen,
alle die, welche mehr für die Zukunft als für die Gegenwart arbeiten, alle, deren Produkte
im Wege des gewöhnlichen Tauschverkehrs nicht leicht gerecht zu bezahlen sind, deren
Leistungen ohne große Kostensteigerung Tausenden und Millionen zugänglich gemacht
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. —21
        <pb n="334" />
        322 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

werden können (z. B. Bibliotheken), übernehmen. Man hat sich bemüht, alle diese
Erscheinungen auf Gemeinbedürfnisse, im Gegensatze zu den Individualbedürfnissen,
zurückzuführen.
So wenig solchen Versuchen ein gewisser wissenschaftlicher Wert abzusprechen ist,
so wenig können sie doch praktisch im einzelnen Falle entscheiden. Es handelt sich um
einen großen, langsamen Umbildungsprozeß, wie wir schon sahen; dabei entscheiden
neben den Principien und großen Ursachen viele kleine, unter denen die jeweiligen
Machtverhältnisse der Regierungen, der Parteien und Klassen, die Fähigkeit und Integrität
des Beamtentums obenan stehen. Ein Staatseisenbahnsystem ist in einem gut regierten
monarchischen Staate mit tüchtigen Beamten vielleicht ebenso zu empfehlen wie in einem
Lande mit bestechlichen Beamten und ausgedehnter varlamentarischer Patronage zu
widerraten.
Eines bleibt immer wünschenswert: weder darf die öffentliche Wirtschaft die
private, noch diese jene verschlingen; sie müssen sich die Wage halten, sich gegenseitig
korrigieren: keine dauernd segensreiche Steigerung der Staatsgewalt und der Staatsfinanz
 ohne entsprechende Fortschritte der individuellen Freiheit, der Freiheit der Vereine,
der Gemeinden und sonstigen Körperschaften. Mancherlei hat der Staat und die Finanz
auch nur vorübergehend übernommen, um einer Organisation den Stempel ihrer gemein—
nützigen Ideen aufzudrücken; dann kann der Staat die Anstalt wieder anderen unter
ihm stehenden Organen übergeben. Jedenfalls aber ist heute auch in unserer Technik
und in unserem Verkehr kein Grund vorhanden, daß eine ungeheure staatliche Riesen—
maschine Familie und Unternehmung absorbierte. Sie sind die einfacheren, natürlichen,
viel leichter herzustellenden, auf sicherer wirkenden psychologischen Motiven beruhenden
Organe. Jedes Beduürfnis, das mit einem einfachen socialen Apparate ebenso gut und
billiger befriedigt werden kann, darf nicht einem großen und komplizierten, teuereren
Mechanismus überliefert werden. Wenn heute noch in Deutschland die Hälfte aller
Menschen ihre Kartoffeln, ihr Brot, ihr Schweinefleisch selbst produzieren, wozu sollen
diese Produkte den Umweg durch einen socialistischen Staatsapparat machen? Die
Individuen, die Familien, die kleineren und größeren Geschäftsunternehmungen, die
arbeitsteilig für einander arbeiten, werden heute wie in absehbarer Zukunft trotz der
Unvollkommenheiten und Schattenseiten ihrer Produktion, auf die wir in anderem
Zusammenhange kommen, die gewöhnlichen wirtschaftlichen Thätigkeiten behalten, jene
alltäglichen Gegenstände herstellen, die jeder beurteilen kann, deren Dringlichkeit jedem
gleich deutlich ist, die wir teilweise auch vom Auslande beziehen, also aus Händen,
denen die Staatsgewalt die Herstellung nur abnehmen könnte, wenn sie bereits zu einer
Weltcentralstaatsgewalt geworden wäre. Dem Leben der Individuen und Familien
wäre der wichtigste Teil seines Inhalts und seines Strebens, seiner Verantwortlichkeit
und Freiheit genommen, wenn diese Alltagsbedürfnisse und ihre Befriedigung auf einen
Staatsapparat übertragen wären. Die Mannigfaltigkeit und steigende Verschicdenheit
der socialen Organisationsformen, die stets das Zeichen höherer Kultur ist, wäre durch
die Monotonie der ungeheuerlichen Staatswirtschaft beseitigt.
Eine zahlenmäßige, breitere und sichere Kenntnis über das Verhältnis von öffent—
licher und privater Wirtschaftsthätigkeit besitzen wir leider nicht. Aber einen ungefähren
Maßstab dafür vermögen doch Zahlen wie die folgenden zu geben. David A. Wells
führt aus, zu Anfang unseres Jahrhunderts hätten die Ausgaben der großbritannischen
Regierung ein Drittel des Nationaleinkommens betragen (die enormen Kriegsausgaben
hatten das Budget von 11 [17841] auf 116 Mill. Æ I[1818)] angeschwellt), heute machen
sie ein Zwölftel aus. Mit den kommunalen Ausgaben werden sie wohl auch heute
ein Sechstel betragen. Das preußische Volkseinkommen wird gegenwärtig auf 12 bis
15 Milliarden Mark geschäht; die Regierung giebt 1900 (unter Zuschlag von 600
des Reichsbudgets) 3,262 Milliarden Mark aus, also auch etwa !4—1/5; mit Zufügung
aller anderen oͤffentlichen Haushalte, aller Kirchen-, Stiftungs-, gemeinnützigen Haushalte
wäre es noch mehr. Jedenfalls zeigen diese Zahlen die ungeheure, freilich nicht überall
gleich große Bedeutung der öffentlichen Haushalte, ihren Einfluß auf die Volkswirtschaft.
        <pb n="335" />
        Privat- und Staatswirtschaft in der Gegenwart. 323

Sie sind in Großbritannien und Preußen die größten Geldempfänger und ⸗zahler, die
größten Kapital- und Kreditnehmer, die größten Abnehmer und Besteller von Bauten,
don Erdarbeiten, von Maschinen und Waffen, häufig auch von Wagen und Schiffen;
fie haben die größte Nachfrage nach Beamten und Arbeitern, sowie eine weitgehende
Einwirkung auf alle Privatwirtschaften durch die Steuern und durch die wirtschaftliche
VBerwaltung in der Hand. Wo vollends die centralen neueren Wirtschaftseinrichtungen
für Verkehr und Kredit in ihren Händen ruhen, wo sie die Zoll— und Handelspolitik
benutzen wollen, ist es nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, sie beherrschten damit
das Ganze, auch wenn drei Viertel bis fünf Sechstel alles wirtschaftlichen Lebens noch
dem freien Willen der einzelnen unterstehen.
Eine außerordentliche Ausdehnung der staatlichen Wirtschafts- und Finangzthätigkeit
hat von 1600 — 1815 und dann wieder von 1880 -1800 stattgefunden. Man hat
deshalb von einem „Gesetz“ der wachsenden Ausdehnung der Staatsthätigkeit gesprochen.
Wir haben mancherlei Zahlenbelege für 38 Auͤsssdehnung schon oben (S. 282-83)
angeführt. Zur vollen Klarheit über ihre Bedeutung käme man freilich erst, wenn man
zugleich in ücherer und umfassender Weise Rechenschaft darüber ablegen könnte, wie die
Einnahmen und Ausgaben der Privatwirtschaften daneben stiegen.' Jedenfalls aber
stehen dieser Steigerung, wie wir sahen, große Schwierigkeiten und eine bestimmte Grenze
entgegen; es ist nicht davon die Rede, daß sie gleichmäßig fortdauern kann. Die Grenze
liegt teils im Wesen der verschiedenen Bedürfnisse und der verschiedenen Wirtschafts—
organisationen, teils in den besonderen Verhältnissen des einzelnen Staates. Ob man
heute nicht teilweise schon zu staatssocialistisch geworden, ob man heute viel weiter gehen
könne, darüber streiten die Parteien und Klassen. Ich glaube, die Bewegung auf Ver—
staatlichung, noch mehr die auf Kommunalisierung ist augenblicklich noch im Wachsen,
aber sie wird nicht mehr sehr wichtige und große Gebiete in absehbarer Zeit ergreifen.
Der Unterschied der augeführten Zahlen in Bezug auf Preußen und Großbritannien
zeigt, um welche Unterschiede es sich heute etwa in den Kulturstaaten handeln kann.
Wo die Staatsgewalt nur !/ is des Nationaleinkommens ausgiebt, müssen andere wirt—
— , VV —
Der Unterschied, um den es sich dabei handelt, ist nicht durch den vexrschiedenen
Reichtum, nicht durch die verschiedene Technik, auch nicht durch die verschiedene sociale
Klassengliederung be sondern wesentlich durch die von Volkscharakter, geographischer
Lage, Geschichte und politischer Verfassung hervorgebrachte Verschiedenheit in den Be—
ziehungen der Staatsgewalt zu dem individuellen Leben. Eine stärkere oder schwächere
bolitische und wirtschaftliche Centralisation kann es in ärmeren und reicheren Staaten
Jeben, obwohl die moderne Volkswirtschaft wie jeder große gesellschaftliche Fortschritt
nirgeuds ohne erhebliche Anläufe der Centralisation entstand; aber es fragt sich, ob
eine solche anhält, ob nicht bald (wie zuerst einst in Holland, später in England, dann
auch in Frankreich, vielleicht am meiften in den Vereinigten Staaten) die besitzenden
Klassen es verstehen, mehr für ihre Skärkung als für die der Staatsgewalt zu sorgen.
Die scheinbar demokratische, Lehre, der Staat müsse schwach, die Gesellschaft stark sein,
bedeutete praktisch so viel wie: die oberen Klassen müssen ohne wesentliche Schranken
fich bereichern, den Staatzbeheprschen können. Diese Schwächung des Staates und seiner
wirtschaftlichen Mittel tritt leichtesten ein, wenn derselbe durch seine Lage, wie
England und die Vereinigten Staaten, von außen gar nicht bedroht, am wenigsten,
wenn er sehr gefährdet ist, wie Preußen. Dort kann am leichtesten die reiche Gesellschaft
und der arme“Staat entstehen; es fragt sich nur, ob die reiche Gesellschaft nicht in
Wahrheit eine solche mit einer kleinen Zahl sehr reicher und einer großen Zahl sehr
armer Bürger sei, und ob so die schwächere Staatsgewalt einen Fortschritt bedeute, ob
sie auf die Dauer der volkswirtschaftlichen Gesamtentwickelung günstig sei.
Jedenfalls aber sehen wir mit diesen Betrachtungen, daß die Beziehungen der
oöffentlichen Haushalte und der öffentlichen Wirtschaftsanstalten zur Vollkswirtschast weder
rein wirtschastlich, noch rein technisch zu erklären sind. Gewiß, die Fortschritte des tech—
nischen, des privatwirtschaftlichen Lebens, der Bedürfnisse, der Produktion, des Verkehrs
21*
        <pb n="336" />
        324 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

sind die Elemente, aus denen sich auch der wirtschaftende Staat aufbaut. Und sie geben
zu gewissen Zeiten allgemein allen Staaten, welche an ihr teilnehmen, eine andere
Verfassung der Finanz, der öffentlichen Anstalten. Aber wie der wirtschaftende Staat
nun im einzelnen sich gestalte, wie er sich mit der Privatwirtschaft in die Funktionen
teile, das hängt zugleich von den großen vorherrschenden Ideen über Gemeinschaft und
individuelle Freiheit, von den einschlägigen Gefühlen, von den Sitten und Rechtssätzen,
den Institutionen und moralisch-politischen Ordnungen, dem Amterwesen und der
monarchischen oder sonstigen Centralgewalt ab, wie sie auf dem Boden der realen
Geschichte jedes Staates hauptsächlich unter dem Drucke der feindlichen Mächte und der
großen Ereignisse seine Entwickelung beherrschen. Diese Ursachen in ihrer Gesamtheit
bestimmen das geistige und politische Leben der Staaten und zugleich deren mehr oder
weniger centralistische Entwickelung.

1. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Arbeitsteilung.

Allgemeines: Außer Ferguson, Versuch einer Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, deutsch
1768. A. Smith, Marx' Kapital 1, Spencers Sociologie, Schäffles Bau und Leben des
socialen Körpers kommt die ganze anthropologische, die technisch- und kulturhistorische Litteratur in
Betracht. Dann: Schmoller, Die Thatsachen der, Arbeitsteilung. J. f. G.B. 1889. — Ders.,
Wesen der Arbeitsteilung. Das. 18890. — Simmel, Über sociale Differenzierung. 1890. — Bücher,
Entstehung der Volkswirtschaft in Aufl. 1, Arbeitsteilung und sociale Klafsenbildung; in Aufl. 2uüͤ. 3
Die Arbeitsteilung. 189983-1901. — Dürkheim, De la division du travail social. 1893. Dazu
meine Kritik J. f G.V. 1894.
Aus der großen übrigen Litteratur, die ich benützt habe, kann ich hier nur einzelnes anführen.
UÜber Priester: M. Suncker, Geschichte des Altertums. 9 Bde. 5. Aufl. 1878 -1886. —
J. Wellhaufsen, Geschichte Israels. 1878 u. 1888. — Ders., Israelitische und jüdische Geschichte.
i895. — J. Lippert, Allg. Geschichte des Priestertums. 2 Bde. 1888 -1884. — Hafe, Kirchen—
zeschichte. . Aufl. 1867. — R. Schröder, Gesetzsprecheramt und Priestertum bei den Germanen.
Zeitschgf. Rechtsgesch. 4 (1883); dazu K. Lehmann, daf. 6.
Über Krieger: Rüstow und Köchly, Geschichte des gricchischen Kriegswesens. 1852. —
Rüstow, Geschichte der Infanterie. 2 Bde. 1887. — H. Meynert, Geschichte des Kriegswesens und
der Heeresverfassungen in Europa. 3 Bde. 1868. — M. Jaͤhns, Geschichte des Kriegswesens von
der Urzeit bis zur Renaissance. 1880. — Ders., Heeresverfassung und Völkerleben. 1888. —
Ders., Geschichte der Kriegswissenschaften. 83 Bde. 1898. — J. Marquardt, Römische Staats—
verwaltung 2. 2. Aufl. 1884. — Schmoller, Die Entstehung des preußischen Heeres 1640 -1740.
Ruͤndschguꝰ Ii, si ucu. U. isos.
Über Händler: Scher er, Allg. Geschichte des Welthandels. 1854. — Falke, Geschichte des
deutschen Handels. 2 Bde. 1859. — Beer, Allg. Geschichte des Welthandels. 3 Bde. 1860 —
Kulischer, Der Handel auf primitiver Kulturstufe. 3. f. Völkerpsych. 10. 1875. — Heyd, Geschichte
des Le vantehandels. 2 Bde. 1879ff. — Schrader, Zur Handelsgeschichte und Warenkunde. 1886.
— Sonndörfer, Technik des Welthandels. 1889. — Goldschmidt, Handbuch des
3. Aufl. 1. Universalgeschichte des Handels. 1890. — Mataja, Großmagazine und Kleinhandel.
1891. F., Lexis, Handel. In Schönbergs H. d. p. H. 2. Bd. 4. Aufl. 18098.
Uber Sklaverei: Wiskemann, Sklaverei. 1866. — Wallon, Histoire de l'esclavage
dans l'antiquité. 8 Bde. 2 éd. 1879. — Knapp, Der Ursprung der Sklaverei in den Kolonien.
Braun, A.f soc. G. 2. 1889. — Ders., Landarbeiter in Freiheit und Knechtschaft. 1881. — M. Weber,
Römische Agrargeschichte. 1891. — 8. M. Hartmann, Zur Geschichte der antiken Sklaven. D. 3.
. Gesch. W. 9. 1894. — Grünberg, Art. Unfreiheit in H.W. d. St.W. 6. 1894. — E. Meyer,
Die wirtschaftliche Entwickelung des Altertums. 1895. — v. Halhe, Baumwollproduktion und
Pflanzungswirtschaften der nordam. Südstaaten 1. Die Sklavenzeit. 1897.
Uber Leibeigenschaft und Hörigkeit: Heisterbergk, Entstehung des Kolonats. 1876. —
Schulten, Der roͤmische Kolonat. Hist. Zeitsch. 78. 1897. — Suͤgenheim, Geschichte der Auf⸗
hebung der Leibeigenschaft und Hörigkeit in ECuropa bis um die Mitte des 17. Jahrhunderis. 1861. —
Engelmann, Die Leibeigenschaft in Rußland. 1884. — Fuchs, Art. Bauer in W.B. 1, 1888,
ziebt eine sehr umfangreiche Litteratur.
Über die Entwickelung der gewerblichen Arbeitsteilung handelt ein großer Teil der neueren
Handwerts- Hausindustrie- Fabrikbeschreibungen, die ganze neuere — rc.; die ganze
S. 187188 erwähnte Litteratur der Technik kommt mit in Betracht. Ich füge nur bei: PDrumgann,
Die Arbeiter und Kommunisten in Griechenland und Rom. 1860. — Deditzich, Jüdisches Hand
verkerleben zur Zeit Jesfu. 1869 u. 1879. — Lumbrofo, Reécherches sur s'économie politique
Je Pgyꝑpte sous les Lagides. 1870. — Riede nauer, Handwerk und Handwerker der homerischen
Zeit. 1873. — Helbig, Das homerische Epos aus den Denkmälern exrläutert. 2.Aufl. 1887.
        <pb n="337" />
        Rückblick auf die Theorien der Arbeitsteilung. 325

Schriften d. Ver. f. Socialpol. über Hausindustrie Bd. 89, 40, 41, 42, 84. 85, 86. 87. 1889
bis 1899, über das Handwerk Bd. 62-71. 188352-1897.
M. Mohl, Aus den gewerbswissenschaftlichen Ergebnissen einer Reise in Frankreich. 1845. —
Die SoyIg9l angeführten Werke Le Plays und Barbarets. — Die fämtlichen Berichte über die
Industrieausstellungen.

113. Dogmengeschichte. Wesen und Entstehung der Arbeits—
teilung. Stoffeinteilung. Wir haben in den letzten Kapiteln untersucht, wie
einerfeits die Geschlechts- und Blutsbeziehungen, andererseits die Nachbarschafts-,
Stammes- und Staatsbeziehungen die Menschen verbinden und gruppieren, sie wirt—
schaftlich organisieren und zu typischen Organen und gesellschaftlichen Formen verknüpfen.
Wir haben nun zu sehen, wie Arbeit und Eigentum in diese Beziehungen und Organi—
jationen eingreifen, die Menschen differenzieren und gruppieren. Und es ist da zunächst
auszugehen von dem großen Princip der Arbeitsteilung, das wir im weitesten Sinne
des Wortes fassen, das nicht bloß wirtschaftliche, sondern viel allgemeinere Folgen für
alles menschliche und gesellschaftliche Leben hat, aber vor allem durch die Differenzierung
der Gesellschaft volkswirtschaftlich gestaltend wirkt.
Wir werden dieses Princip nur dann richtig fassen, wenn wir, wie im bisherigen,
von der gesellschastlichen Natur des Menschen, von den verschiedenen Arten gesellschaft—
licher Verbindung, von den gemeinsamen Gefühlen und dem gemeinsamen Handeln der
Menschen ausgehen. Aus den vorhandenen Gemeinsamkeiten geht alles hervor, was
wir Teilung der Arbeit nennen. Nur das thatsächlich oder in der Vorstellung der
Menschen Gemeinsame kann in seiner Scheidung als etwas Geteiltes aufgefaßt werden. —
Seit die denkenden Griechen die Berufsgliederung in ihren rasch zu hoher Kultur
gelangten Gemeinwesen beobachtet sowie die weitgehende gewerbliche Arbeitsteilung Agyptens
als eine Ursache des dortigen Wohlstandes erkannt hatten, bildet die Betrachtung der
gesellschaftlichen Arbeitsteilung ein Element aller gesellschaftlichen Theorien. Adam Smith
hat dann, sich an Ferguson anschließend, die Arbeitsteilung in den Handwerksstätten
und Manufakturen seiner Zeit studiert, hat aus diesen Erscheinungen allgemeine Schlüfse
gezogen, die technische und die tauschwirtschaftliche Arbeitsteilung zum Mittelpunkte
seines Systems gemacht. Mit merkwürdiger Gedankenarmut haben seine Nachfolger an
seinen Beispielen und Sätzen festgehalten, bis Marx die Beobachtungsreihen erweiterte,
die Arbeitsssteilung in der heutigen Fabrik der Werkstattarbeitsteilung des 18. Jahr—
hunderts entgegensetzte. Einen weiteren Anstoß hat die Lehre neuerdings durch die
Biologie erhalten. Sie begann Pflanzen und Tiere unter dem Bilde eines Zellenstaates
zu betrachten, der durch Differenzierung der Zellenindividuen höhere Formen des Daseins
erreiche; sie lehrte, daß eine Art Arbeitsteilung die besondeten Organe der Körper—
bedeckung, der Ernährung, der Fortpflanzung, die besonderen Nervenzellen und Muskel—
zellen geschaffen habe; sie wies nach, daß die niedrigstehenden Wesen eine geringe, die
am höchsten stehenden die entwickeltste Arbeitsteilung aufzeigen; sie lenkte unsere Auf—
merksamkeit weiter auf die Arbeitsteilung der Tierstaaten hin; hauptjsfächlich Herbert
Spencer und Schäffle haben diese Gedankenreihen staatswissenschaftlich zu verwerten,
durch Vergleichungen und Analogien Anregung zu geben gesucht; sie haben aber auch
da und dort den großen Unterschied zwischen dem Zellenstaate und der menschlichen
Gesellschaft übersehen, der darin besteht, daß felbst der niedrigste und roheste Mensch in
ganz anderem Maße Selbstzweck bleibt als die Pflanzen- oder Tierzelle. Jedenfalls ist
es zunächst Aufgabe der socialen Wissenschaften, die gesellschaftliche Arbeitsteilung für
sich zu betrachten, sie nach allen Seiten richtig zu beschreiben, die hieher gehörigen
Erscheinungen zu klassifizieren und daraus die für unsere Wissenschaft brauchbaren
Schlüsse zu ziehen. Einen solchen Versuch habe ich 1889 veröffentlicht. Bücher ist 1898
mit einer Unterfuchung der gewerblichen Arbeitsteilung und ihrer Unterarten gefolgt.
Simmel und Dürkheim haben die Frage vom, sociologischen Standpunkte aus behandelt.
Ich versuche, im folgenden zuerst eine Übersicht der hieher gehörigen Thatsachen
zu geben, dann die wichtigsten allgemeinen Schlüsse daraus zu ziehen. Ich muß aber
vorher doch über Begriff und Entstehung der Arbeitsteilung ein paar Worte sagen.
        <pb n="338" />
        326 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Die Arbeitsteilung ist eine und vielleicht die wichtigste Erscheinung des gesellschaftlichen
 Lebens, sie trennt und verknüpft die Menschen politisch, geistig, wirtschaftlich und
zwar in dem Maße, wie die Kultur steigt, die gesellschaftlichen Körper größer und ver—
schlungener werden. Die Stämme roher, primitiver Menschen zeigen wenig körperliche
und geistige Verschiedenheit; jeder lebt, nährt sich wie der andere, stellt seine Kleider
und Geräte wie der andere her; auch der Häuptling führt alle die kleinen Verrichtungen
für seinen eigenen Bedarf aus wie der letzte Stammesgenosse; selbst Mann und Frau
unterscheiden sich nicht viel in ihrer wirtschaftlichen Lebensfürsorge, so lange jedes auf
sich angewiesen ist. Sobald nun zu gewissen Arbeiten mehrere zusammentreten, sei es
der Geselligkeit, sei es der Größe und Krafterfordernis der Aufgaben wegen, entsteht
eine gewisse Vergesellschaftung; die Sippen in ihrer Thätigkeit, auch die Familien, später
Nachbarn und Arbeitsgenossenschaften, die ältere Kriegsverfassung, manche Arbeiten, die
mit der Feldgemeinschaft sich ergeben, führen zu solcher Gemeinschaft der Arbeit; Bücher
— D
nur die Gemeinsamkeit der gleichen, oft im Rhythmus verrichteten Arbeit, die nicht
Aifferenziert, meist nur vorübergehend die Menschen in Beschlag nimmt. Sobald aber
einer befiehlt, die anderen gehorchen, sobald die Frau den Hackbau treibt, der Mann
jagt, sobald ein Teil der Männer Eisen schmilzt und Geräte fertigt, der andere den
Acker baut, sind die Anfänge der Arbeitsteilung und eine höhere Form der Organisterung
der gesellschaftlichen Gruppen vorhanden.
Alle Arbeitsteilung knüpft an gewisse geistige, moralische, kriegerische, technische
Fortschritte an. Aber nicht jeder solche Fortschritt erzeugt sfofort Arbeitsteilung. Die
meisten Verbesserungen menschlichen Thuns, menschlicher Arbeitsmethoden fügen sich
zunächst in die hergebrachte Lebensweise der betreffenden so ein, daß sie zu einer zeit—
weise geübten Funktion ihres täglichen Lebens und Treibens werden. Das Feuer, die
Werkzeuge, die Tierzähmung, die Künste des Kochens, Spinnens und Webens sind
Jahrtausende lang von allen oder den meisten Gliedern unzähliger Stämme so ausgeübt
worden, ohne zu einer Arbeitsteilung Anlaß zu geben. Jahrhunderte lang war der
römische Bauer zugleich Soldat, der römische Großgrundbesitzer nebenher Priester, Jurist,
Offizier und Kaufmann. Die ausgebildete Haus- und Eigenwirtschaft der indogermanischen
und semitischen Völker umfaßte lange Ackerbau, Viehzucht und gewerbliche Künste aller
Art, wie heute noch die der norwegischen und anderer isolierter Bauern. Bis in die
Begenwart bleibt überall ein Teil alles wirtschaftlichen und Kulturfortschrittes auf das
Ziel gerichtet, in den Thätigkeitskreis der Individuen und Familien so weitere Einzel—
heiten und Verbesserungen einzufügen, die mit der bestehenden Lebensweise sich vertragen.
Die Arbeitsteilung setzt erst da ein, wo ein Teilstück einer Lebenssphäre so anwächst,
daß es nicht mehr Glied derselben bleiben kann, daß es seinen eigenen Mann fordert,
wo die Einsfügung neuer Operationen und Thätigkeiten ins hergebrachte Leben nicht
geht, zu schlechte Resultate liefert, wo man für die neue Thätigkeit einen freiwilligen
oder erzwungenen Vertreter und eine ernährende Lebenssftellung für ihn findet oder eine
solche schaffen kann. Das Leben derer, für die der arbeitsteilig Fungierende nun eine
Arbeit übernimmt, wird meist nicht allzuviel verändert, es wird nur an einzelnen
Punkten entlastet. Aber der, welcher den Teilinhalt nun zu seiner Lebensaufgabe macht,
muß seine Lebensweise gänzlich umgestalten. Zwar muß auch er für seine und seiner
Familie Wirtschaft und Lebenszwecke eine gewisse Zeit und Kraft behalten, denn gewisse
unveräußerliche Eigenzwecke kann niemand aufgeben, aber sie werden eingeschränkt, müssen
sich mit seiner neuen Thätigkeit für andere vertragen.
Jeder Fortschritt der Arbeitsteilung verläuft so in Kompromissen zwischen dem
Alten und dem Neuen, zwischen der bisherigen Vielseitigkeit der Arbeit und der
Specialisierung. Was früher allgemein und selbstverständlich in der Wirtschaftsführung
der Familie, der Gemeinde, einer Unternehmung verbunden war, ist nun eine getrennte
Funktion von zweien oder mehreren, und wenn sich diese Scheidung eingelebt hat, so
erscheint sie nun von diesem Standpunkte als etwas, dessen Verbindung, wo sie noch
besteht, überrascht, als rückständig erscheint. Und doch hatte die ältere Berbindung oft
        <pb n="339" />
        Die Entstehung der Arbeitsteilung. 327

moralische und politische, ja auch große wirtschaftliche Vorteile. Noch heute stellt jede
Familienwirtschaft solche Kombinationen dar, aus der durch Arbeitsteilung dies und
senes (z. B. das Bereiten der Mahlzeiten) unter Umständen auszuschalten wäre. Die
Kleinbauern und Tagelöhner, die Maurer und Zimmerleute, die im Winter weben und
schnitzen, können für bestimmte Verhältnisse heute ebenso am Platze sein, wie vor
160 Jahren der Schuster, der zugleich Gerber war. Da und dort kann freilich auch
die Not zu heterogenen Verbindungen führen, welche nicht hergebracht, sondern, aus Not
neu erdacht und geübt, technisch geringe Leistungen zum Ergebnis haben. Wo unter
bestimmten Verhaͤltnissen technische Funktionen, die anderwaͤrts längst getrennt find,
noch in einer Person sich vereinigen, könnte man von halber Arbeitsteilung reden,
während wir unter der ganzen Arbeitsteilung diejenigen specialisierten Thätigkeiten
verstehen, welche die Lebensarbeit der Betreffenden ganz oder überwiegend ausmachen.
Wir werden so die Arbeitsteilung definieren können als die überwiegende und dauernde
Anpafsung der menschlichen Arbeitskräfte an bestimmte specialisierte Aufgaben und
Thaͤtigkeiten, welche der einzelne nicht für sich, sondern für mehrere, für viele, für das
Volk oder auch für Fremde ausübt.
Ist das Neue von Anfang an so eigentümlich, bedeutsam, zeit- und kräfteraubend,
daß es gar nicht in den Kreis der alten Hauswirtschaft und Lebensweise eingefügt wird,
sondern gleich besondere Kräfte und Geschaͤfte fordert, wie z. B. heute die Photographie,
die Produktion von Gas, Elektricität, Lokomotiven, so sprechen wir doch ebenso von
Arbeitsteilung, wie wenn das Spinnen und Weben aus der Familienwirtschaft aus—
geschaltet wird. Und ebenso wenn zwei bisher fremde Stämme ihre Waren und Produkte
lauschen, die sie bisher nicht kannten. Unser Sprachgefühl, welches Derartiges Arbeits—
teilung nennt, fingiert dabei nicht, daß früher das Getrennte in einer Hand gelegen
habe, sondern es will nur sagen? eine rechtlich und gesellschaftlich irgendwie geordnete
nationale oder internationale Gemeinschaft hat Teile ihrer gemeinsamen Bedürfnisse
einzelnen zu befriedigen übertragen.
Die Resultate, welche mit der Arbeitsteilung erreicht werden, können historisch
nicht ihre Ursache sein, denn sie konnten in ihrem ganzen Umfange nicht vorausgesehen
werden. Auch ein angeblicher Tauschtrieb kann nicht, wie A. Smith meint, der kaufale
Ausgangspunkt sein, denn es giebt eine umfangreiche Arbeitsteilung ohne Tausch,
z. B. im Geschlecht, in der Familie, und die primitiven Menschen haben eher eine Ab⸗
neigung gegen den Tausch, wie sie eine Abneigung gegen jede Anderung hergebrachter
Lebensgewohnheiten besitzen. Diese mußte überwunden werden, so oft ein Schritt der
Arbeitsteiluug gelingen sollte, und deshalb war jeder Fortschritt schwierig und langsam;
er hing stets an der nie leicht gelingenden Ausbildung neuer Sitten und Institutionen.
Doch wirkt diesen Hindernissen entgegen, was allen Fortschritt bedingt: die Lust am
Neuen, der taftende Sinn nach Verbesserung, die Not des Lebens, die zu Versuchen
treibt, über die Schwierigkeiten der Existenz besser Herr zu werden, der Spürsinn, der
nach verbesserter Leistung sucht, die dämmernde Einsicht in das kräftesparende Princip
der Arbeitsteilung. Endlich gab die Verschiedenheit der menschlichen Kräfte gleichsam
eine stillschweigende Anleitung zur Arbeitsteilung.
Freilich hat oft auch erst sie die Kräfte nach und nach differenziert. Und bei
allen Stämmen niederer Kultur ist die Verschiedenheit der Individuen ja noch unerheblich,
oder wird sie nicht bemerkt. Aber mindestens der Unterschied des Alters gab Anlaß zu
zeitweiser, der des Geschlechtes zu dauernder verschiedener Thätigkeit. Außerdem: gewisse
Differenzen der Kraft, des Fleißes, der Klugheit hat es stets gegeben, und sie traten
stärker hervor, wenn der Vater seinen Söhnen dauernd verschiedene Aufgaben zuwies;
sie zeigten sich deutlich, wenn große technische oder wirtschaftliche Fortschritte in Frage
standen, denen die einen gewachsen waren, während die anderen sich als unfähig zeigten,
fie mitzumachen. Jedenfalls aber waren, seit es verschiedene Rassen gab, feit die ver—
schiedenen Stämme teils im · Gebirge, teils in der Ebene, teils am Wasser lebten, seit
so verschiedene Arten der Ernährung, der Lebensweise, der Geschicklichkeit sich ausbildeten,
die Individuen der einzelnen Rassen und Stämme durch einen Jahrtaufende umfassenden
        <pb n="340" />
        328 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Prozeß natürlicher Beeinflussung und eigentümlicher erblicher Entwickelung so weit
differenziert worden, daß fast jede Rafse und jeder Stamm einzelne Fertigkeiten und
Güter befaß, die dem anderen mangelten. Und je stabiler und unbiegsamer in Lebens—
weise und Sitte, je unfähiger zur Aneignung neuer Künste alle primitiven Rassen, ja
selbst heute noch breite sociale Schichten unserer Kulturvölker sind, desto größeren Einfluß
auf die langsam beginnende Arbeitsteilung mußten diese ethnischen Verschiedenheiten
haben. Wie ein roter Faden geht es durch alle Kulturgeschichte hindurch, daß Fremde
alle neuen Künste und Fortschritie bringen; noch heute rekrutteren fich bei dem Durch—
einanderwohnen verschiedener Rassen immer wieder dieselben Berufe aus den verschiedenen
ethnischen Elementen. —
Bei den folgenden Darlegungen wird die Schwierigkeit sein, die Arbeitsteilung
losgetrennt von ihren Ursachen und ihrer praktischen Ausgestaltung in der Gesellschaft,
von den konventionellen Ordnungen und Institutionen, in welchen sie allein Leben
gewinnt, vorzuführen. Wollte man diese Scheidung nicht vornehmen, so würde dieses
Kapitel die ganze volkswirtschaftliche Organisation und alle ihre UÜrsachen darlegen
müffen. Eine isolierende Untersuchung der Arbeitsteilung ist an sich berechtigt, und es
ist angezeigt, die anderweitig in diesem Grundriß besprochenen, aus der Arbeilsteilung
hervorgehenden Institutionen (wie z. B. die Unternehmungsformen) nicht auch hier
darzustellen. Immer aber ist der große weltgeschichtliche Entwickelungsprozeß der
Arbeitsteilung anschaulich nur zu geben mit Ausblicken auf Ursachen und Folgen, mit
da und dort eingestreuten kurzen Darlegungen der gesellschaftlichen Einrichtungen, welche
der Arbeitsteilung ihre bestimmte historisch wechselnde Form gaben.
Den Stoff gliedern wir nach gewifsen in sich zusammenhängenden Teilen oder
Gebieten, innerhalb derselben nach hiftorischer Folge.
Die Arbeitsteilung auf jedem der von uns unterschiedenen Gebiete ist eine in sich
zusammenhängende Kette von Erscheinungen. Daneben hat jedes Volk für sich seine
Geschichte der Arbeitsteilung, die aber in ihren einzelnen Teilen der Gesamtentwickelung
der Menschheit angehört. Wenn die verschiedenen Völker im ganzen eine einheitliche
Entwickelungsreihe uns zeigen, so liegt es teils darin, daß immer wieder dieselben
Ursachen selbständig zur selben Scheidung führten, teils darin, daß die Gepflogenheiten
einer älteren Arbeitsteilung häufig im Zusammenhang mit einer gewissen Technik oder
mit gewissen Institutionen auf die jüngeren Völker durch Nachahmung übergingen.
Das erste wichtige Gebiet, das uns bei einer Scheidung der hieher gehoͤrenden
Erscheinungen entgegentritt, ist die Arbeitsteilung in der Familie, die zwischen
Maunn und Frau, zwischen den dienenden Gliedern derselben. Sie hat in der patri⸗
archalischen Großfamilie ihre Hauptausbildung erhalten, spielt aber heute noch eine
erhebliche Rolle. Für alle spätere und weitere Arbeitsteilung ist vor allem die That—
sache wichtig, daß die vollen Konsequenzen derselben wohl für die Familienväter, nicht
aber ebenso für die Hausfrauen und deren Gehülfinnen gezogen werden. Alle haus—
wirtschaftliche Frauenthätigkeit ist zwar von der Produktion der Güler im großen heute
getrennt, stellt jedoch in sich die universalste Vielgestaltigkeit ungetrennter Arbeits—
funktionen dar. Ich muß mir versagen, auf dieses ganze Gebiet hier nochmals einzugehen,
da ich das Wichtigste hierüber in dem Kapitel über die Familienwirtschaft gesagt habe.
Als ein zweites großes Gebiet der Arbeitsteilung stellt sich uns die Erhebung
der Priester, Krieger und Häuptlinge in der älteren Zeu, der Häudler in der späteren
über die Masse des übrigen Volkes dar. Ihr steht als Gegenstück die Entstehung einer
Schicht handarbeitender Kreise, der Sklaven, der Hörigen, der freien Lohnarbeiter
gegenüber. Es handelt sich auf diesem Gebiete um die Scheidung der höheren von der
niederen, der geistigen von der mechanischen Arbeit; es ist das Stück Arbeitsteilung,
welches aristokratische, herrschende Klassen und daneben untere, dienende, beherrschte
rzeugt. Ich bezeichne sie als die sociale und berufliche Arbeitstéilungz; sie
ist es zuerst, welche die Scheidung in Klafsen und Stände herbeiführt.
Das dritte Gebiet, das wir betrachten, betrifft die Scheidung der Gewerbe
von der Haus- und Landwirtschaft, sowie die Arbeitsteilung in der letzteren
        <pb n="341" />
        Die Gebiete der Arbeitsteilung. Die Entstehung der Priester. 329

und in den Gewerben. Wir fügen dem die Entstehung der Arbeitsteilung innerhalb
der läberalen Berufe bei, die gleichsam die modernen Nachfolger der Priester, in
gewissem Sinne auch der Häuptlinge und Krieger sind. Alle diese Teile der Arbeits—
teilung gehören mehr der neueren Entwickelung an, stellen Vorgänge dar, die ebenfalls
klassenbildend wirken, die vorhandenen drei Hauptgruppen, Aristokratie, Mittelstand,
untere Klassen weiter scheiden, vielfach aber auch nur im Mittelstande Platz greifen.
Wir schließen endlich mit einigen Bemerkungen über die räumliche Arbeits—
teilung und über die Versuche einer allgemeinen Beurteilung und zahlenmäßigen
Erfassung der Arbeitsteilung, um dann die allgemeinen Ursachen und Folgen der Arbeits⸗
teilung im Anschluß an diese Vorführung der Thatsachen zu erörtern.
114. Das Priester- und Kriegertum. Häuptilinge, Priester und Krieger
sind die Berufsarten, die zuerst mit der Ausbildung der Stammesverfassung und des
geistigen Lebens sich von der übrigen Menge abheben. Ihre Entstehung ist oft eine
gleichzeitige; doch scheinen Zauberer und Priester da und dort vorhanden zu sein, wo
besondere Krieger noch fsehlen, die Häuptlinge noch wenig Bedeutung haben.
Auch bei sehr rohen Stämmen, ja wir können fagen bei den meisten, die man bis
jetzt näher kennen gelernt hat, findet man Zauberer und Heilkünstler; in Nordasien sind
sie unter dem Namen der Schamanen, in Amerika als Medizinmänner, in Afrika als
Gangas, in der Südfee unter verschiedenen Namen bekannt. Ihre Thätigkeit entspringt,
wie wir schon oben S. 46 sahen, dem Glauben, daß die Seele des Menschen nach dem
Tode sich da oder dort in einem Gegenstande, einem Tiere, einem Steinbilde, einem
Grabe niederlasse, dem Menschen Verderben bringe, wenn man ihr nicht opfere, daß
überhaupt ein Heer von Geistern den Menschen umgebe und all' sein Glück oder Unglück
beherrsche, daß alle Krankheit auf die Geister zurückzuführen sei, daß daher die Be—
schwörung dieser Geister, ihre Versöhnung durch immer weiter sich steigernde Kultakte,
Blutdarbringungen, Fasten, d. h. Enthaltungen zu ihren Gunsten, und Opfer aller Art
das dringlichste Bedürfnis sei. Leute, in die scheinbar die Geister gefahren, wie Epi—
leptische, Nervöse, mit Veitstanz Behaftete, Kränkliche, die sich nicht wie die gewöhnlichen
Wilden ernähren können, haben sich wohl zuerst als die der Geister Kundigen und als
Vermittler ihren Stammesgenossen angeboten; sie erziehen ihre Kinder oder andere
Schüler abseits in der Einsamkeit, im Walde, unter allen möglichen Kasteiungen und
Plagen zu ähnlichem Berufe. Und so entsteht eine Klafse von Zauberern, Priestern
und Arzten, welche, durch Zucht und Selbstbeherrschung gestählt, durch Kenntnisse und
UÜbung aller Geisteskräfte den anderen überlegen, im Besitze von scheinbar wunder—
kräftigen Fetischen, d. h. von den Geistern mit Zauberkraft ausgestatteten Gegenständen
sich befinden; es sind Männer, welche mit Hülfe der ihnen zugänglichen Geister gegen
Geschenke und Bezahlung unter allen möglichen Formeln, ekstatischen Erregungen, Be—
schwörungen und Vermummungen, bei Feuerlicht und Musik die bösen Geister vertreiben,
die Kranken heilen, Regen machen, die Bösewichter entdecken; daneben kundschaften sie
die Feinde aus, tragen ihre Fetische in Kriegszügen als siegbringende Götter mit, leiten
die Gottesurteile, werden so halb und halb die Richter und Polizeiorgane in ihrem
Kreise, kurz erringen eine immer angefehenere, oft das ganze sociale Leben der Stämme
beherrschende Stellung. Um die Grabdenkmäler der Haͤuptlinge, die zu Tempeln und
Gotteshäusern werden, sammeln sich dann später die mit Land, Vieh und Sklaven, mit
regelmäßigen Geschenken und Zehnten ausgestatteten Priesterscharen. Sie sind ursprünglich
nach Geschlechts-, Lokal- und Gaukulten gespalten, oft auch nach den verschiedenen
Krankheiten, die sie heilen können, nach den Fetischen und Geistern, über die sie ver—
fügen, wie wir das in Afrika heute selbst bei recht niedrigstehenden Regern sehen. Aber
aus der Gemeinsamkeit der Fetische, der Zauberformeln und der Lehre bilden sich größere
Kultbünde und Genossenschaften. Und oft gerade im Zusammenhang mit großen
nationalen und religiösen Fortschritten entsteht aus den Kämpfen der kleinen Priester—
gruppen ein einheitlich organisierter Bund der Priester des ganzen Volkes, der die freien
Zauberer und die alten lokalen Priesterzünfte zu unterdrücken sucht. Wellhausen hat
uns gezeigt, wie so der Bund der Leviten, um den Jehovakultus und die Priesster—
        <pb n="342" />
        330 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

herrschaft zu befestigen, sich unter Aufzeichnung der Geschlechtsregister einheitlich organi—
sierte, die Abstammung aller seiner Glieder von einem Stammvater lehrte, die priester—
lichen Satzungen definitiv fixierte. Ahnlich wird es anderwärts, in Agypten, Indien,
Mexiko und Peru gegangen sein, während bei den Griechen und Römern das Priester—
tum mehr als Nebenwürde des weltlichen Adels erscheint, bei den Kelten die Herrschaft
der Druiden durch die römische Eroberung gebrochen wird, bei Slaven und Germanen
eine abschließende Sonderbildung der Priester noch nicht vollzogen war, als das Christen—
tum eindrang. Die christliche Kirche des Mittelalters ruht auf einer internationalen
Priesterzunft, die zwölf Jahrhunderte lang an der Spitze der europäischen Menschheit steht.
Die ganze Entwickelung ist in ihrem Höhepunkte ebenso sehr Ständebildung wie
Arbeitsteilung, aber ihre Kraft ruht ausschließlich auf der speciellen Ausbildung der
sittlichen und geistigen Kräfte bei den Zauberern und Priestern und den hiedurch ihnen
allein möglichen Leistungen. Kein späterer Schritt der Arbeitsteilung und Ständebildung
hat tiefer eingegriffen als dieser: die Geisterfurcht des Naturmenschen und das unklare
Befühl der Abhängigkeit von den dahingegangenen Geschlechtern wird das große
Instrument, die Millionen für Jahrhunderte und Jahrtausende in eine fast stlavische
Abhängigkeit von einer kleinen Priesterschar zu bringen; die Erfüllung der endlosen,
alles Leben auf Schritt und Tritt begleitenden, teilweise tiefsinnigen und wohldurch—
dachten, teilweise aber auch sinnlosen Kulthandlungen wird eine psfychische und wirtschafi—
liche Last, die auf die Individuen und die Gesellschaft mit nie ruhender Qual drückt.
Ein Drittel und mehr alles Bodenertrages und aller Arbeitskraft nimmt die Priester—
aristokratie und der Kult in den alten Priesterstaaten und im Mittelalter in Anspruch,
als Gegengabe geistigen Trost spendend und auf das Leben im Jenseits verweisend.
Furchtbare Mißbräuche, roher Betrug, gemeine Übervorteilung knüpfen sich da und dort
an die Priesterherrschaft, zumal in ihren späteren Stadien. Aber sie war, besonders in
ihrer ersten Hälfte, doch für alle Kulturvölker die Bedingung ihrer Erhebung; nicht
umsonst sind Jahrhunderte lang die Priesterstaaten die Träger des Fortschrittes, die
reichsten und gebildetsten Gemeinwesen. Die Arbeitsteilung, die in ihnen staitfand, war
eben in der Hauptsache doch nichts anderes als ein Sieg der edleren und klügeren
Elemente über die rohe Kraft der Masse. Das Vertrauen der großen Menge auf die
scheinbar übernatürliche Kräfte besitzenden Priester bezeichnet H. Spencer als unentbehr—
liches Hülfsmittel des gesellschaftlichen Zusammenfaffens der Kräfte auf primitiver
Kulturstufe.
Indem die Priester mit Orakeln, Kultvorschriften und Gesetzen die Menge bändigten
und ordneten, schoben sie allmählich in die rohen Vorstellungen über Befriedigung der
Toten und der Geister die sittlichen Gebote eines höheren socialen Daseins ein. Aus
der Vorstellung, daß Opfer, Fasten und Geschenke die Götter beschwichtigen, wurde die
edlere, daß die Zauberformel des heiligen Wortes und das Gebet die Hauptsache sei;
aus der Vorstellung, daß gerecht sei, wer viel Kühe den Priestern darbringe, wurde die
edlere, daß gerecht sei, wer seine Eltern ehre, nicht stehle, nicht lüge, nicht ehebreche,
den Witwen und Waisen beistehe. Die Priester waren für unendlich lange Zeiträume
die Pfadfinder und Bahnbrecher auf den Wegen der socialen Zucht und der steigenden
sittlichen Erkenntnis, des Tempel- und Hausbaues, der Zeit- und Kalenderbestimmung,
der Schriftkunde und unzähliger anderer Fortschritte. Sie waren für Jahrhunderte die
politischen und wirtschaftlichen Organisatoren, die ersten Sammler großer Schätze, die
ersten Bankiers, die ersten Techniker und Leiter großer gemeinnüßiger Wafser- und
Strombauten.
Die Priester lebten ursprünglich von Bettel, Geschenk und Gaben, teilweise blieben
sie auch Hauswirte und Ackerbauer; bald aber waren sie, wie erwähnt, mit Vermögen
und Einkommen aller Art ausgestattet. Sie vereinigten in älterer Zeit alle höhere
geistige Bildung, sie sind zu gleicher Zeit die ÄArzte, die Kenner des Rechles, die Jugend⸗
rzieher und Lehrer; sie sind Astronomen, alle feinere Kunst und Technik liegt in ihren
Händen. Auf dem Höhepunkte ihrer Herrschaft haben sie sich selbst in eine Hierarchie
höherer und niederer, arbeitsgeteilter Berufe uͤnd Beschäftigungen geschieden. Die
        <pb n="343" />
        Die Priesterherrschaft und ihre Beseitigung. Die Krieger. 331

schreibende, buchführende Verwaltung hat Jahrhunderte lang da und dort in ihren
Händen gelegen. Ihr hohes Einkommen haben sie ursprünglich zur Sammlung von
Familienvermögen, später, zumal wo der Cölibat herrschte, wie in der mittelalterlichen
Kirche, zur Anhäufung von Tempel- und Kirchenvermögen verwandt.
Die Nachwirkungen dieser Institutionen und dieser Vermögensverteilung sind in
den meisten europäischen Staaten heute noch vorhanden. Die Priesterherrschaft aber ist
fast allerwärts veseitigt oder zurückgedrängt durch die Konkurrenz der selbständigen
geistig-sittlichen Kräfte, die in den gesamten höheren und mittleren Klassen sich ent—
wickelten, hauptsächlich heute in den verschiedenen liberalen Berufen sich finden. Ein
großer Teil dieser letzteren ist direkt oder indirekt aus den Einrichtungen und Traditionen
der Priester hervorgegangen. Der Typus von Personen, die durch ausschließliche oder
überwiegende geistige Kraft und Arbeit sich eine höhere oder besondere Stellung erwerben,
ist seit den Tagen des Priesterberufes nicht mehr verschwunden. Alle spätere Aristokratie
hat sich ihre Stellung in dem Maße erwerben und behaupten können, wie sie, ähnlich
den einstigen Priestern, sich durch Bildung und Kenntnisse, geistige Kraft und moralische
Zucht auszeichnete. Manche Naturforscher glauben, die höheren geistigen Leistungen
beruhten physiologisch auf der viel stärkeren Zuleitung des Blutes zum Gehirn, wie die
mechanischen auf der zu den Muskeln, und es sei ausgeschlossen, daß große Fähigkeiten
nach der einen oder ganderen Seite möglich seien ohne diese physiologische Einseitigkeit.
Es dürste dies eine Übertreibung sein, die nur teilweise wahr ist; es liegt sicher die
Möglichkeit einer harmonischen Ausbildung der körperlichen und der geistigen Kräfte vor;
sie ist nur praktisch, je weiter die Arbeitsteilung voranschreitet, um so viel schwieriger,
d. h. nur bis zu einem gewissen Grade durch immer komnliziertere Gesellschafts- und
Erziehungseinrichtungen herbeizuführen. —
Neben den geistlichen haben die meisten Stämme und Völker eine Gruppe von
weltlichen Aristokraten, Häuptlingen, Principes, Adeligen und
Kriegern frühe entstehen sehen, die wohl von Anfang an auch durch Klugheit und
moralische Eigenschaften, in der Hauptsache und vor allem aber als große Jäger, kühne
Kämpfer, als Viehzüchter und Tierbändiger, als Anführer von Beutezügen, als kraft⸗
volle, imponierende Perfönlichkeiten sich auszeichneten. Sie waren diejenigen, die am
frühesten fich zahlreiche Weiber und Kinder, großen Vieh- und Sklavenbesitz zu verschaffen
wußten, die in Zusammenhang mit ihrer Stellung, mit ihrem Menschen- und Viehbesitz
später auch den größeren Landbesitz erwarben. Wir kommen darauf zurück.
Die letzte ürsache aber ihres Besitzes waren ihre persönlichen Eigenschaften; durch
diese stiegen sie unter den Volksgenoffen empor, durch diese erhielten sie die Richter-,
die Häuptlings-, die Anführerstellen, die Amter. Die Tapferkeit (virtus) galt nicht bloß
bei den Römern als die einzig wahre Tugend, sie war für alle aͤlteren Zeiten eben die
für die Stämme und Sippen, ihre Existenz, ihre Kämpfe wichtigste, um sich zu behaupten.
Und darum erwies man ihr eine Ehrfurcht, die heute kaum mehr vorhanden sein kann,
nur etwa in der Stellung unseres Offizierstandes noch nachklingt. Die kriegerischen
Aristokratien gingen aus diesen Tapferen und ihren Gefolgschaften hervor.
Freilich ist die Entstehung eines besonderen Kriegerstandes bei den tüchtigsten
und kühnsten Stämmen nicht der Anfang ihrer Militärverfassung. Besonders einzelne
Stämme mit Viehbesitz, mit kräftigen Rasseeigenschaften, durch Klima, Schicksale und
Wanderung auf stete Kämpfe hingewiesen, haben unter der Leitung begabter Führer
eine Verfaffung ausgebildet, nach der jeder erwachsene Mann zugleich Krieger war. Die
bedeutendsten indogermanischen Völker, Griechen, Römer, Germanen, sind hieher zu
rechnen, welche in ihren Wandertagen und auch noch später in ihrer Gesamtheit Hirten,
Ackerbauer und Krieger zugleich waren. Allerdings waren auch bei ihnen bald gewisse
Modifikationen der allgemeinen Kriegspflicht nötig. Man bot jahres- oder zeitweise
nur die Hälfte der Männer auf, während die anderen für diese arbeiteten. Man ließ
zu kleineren Zügen nur die Jugend oder die Altersklassen bis zum 80., 40., 45. Jahre
ausrücken; man begann, die schwere Last der Ausrüstung und eigenen Verpflegung wie
den Kriegsdienst selbst nach der Größe des Grundbesitzes oder Vermögens abzuflufen.
        <pb n="344" />
        332 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfaffung der Volkswirtschaft.

Nur bei einem sehr niedrigen Grade der wirtschaftlichen Kultur, bei kleinen
Stämmen, bei steter Bedrohung oder Wanderung konnten alle Männer Krieger sein.
Die wirtschaftliche Last des Unterhaltes fiel dabei überwiegend auf die Weiber, die
Jugend, die alten Leute, die Knechte. Als die höchste kriegerische Leistung rechnet man
heute, daß 250/0 eines Stammes, die Gesamtheit der erwachsenen Männer, in den Krieg
zogen; für gewöhnlich werden 15 — 20 00 schon eine außerordentlich große Leistung
gewesen sein. Jeder Fortschritt im Landbau und in der Seßhaftigkeit, jede friedliche
Kultur, jede Vergrößerung des Stammgebietes drängte zu einet Arbeitsteilung, welche
einen Teil der erwachsenen Männer vorübergehend oder dauernd von der kriegerischen
Arbeit entlastete. Es geschah in der Weise, daß kriegerische Stämme durch Eroberung
und Unterwerfung sich zum Kriegsadel eines größeren Gebietes machten, wie in Sparta,
oder so, daß nur die Besitzer größerer Landlose noch Kriegsdienste thalen, wie in Athen
oder in Deutschland mit Einfuührung des Reiterdienstes und Lehnswesens. Die indische,
ägyptische, japanische Kriegerkaste waren Ergebnisse einer ähnlichen Entwickelung. Wo
die Kriege seltener wurden, der Kriegsschauplaß ferner lag, auf die Grenzen sich beschränkte,
da genügte ein kleiner Teil des Volkes für die kriegerusche Verteidigung. Aber es war
der angesehene, meist mit erheblichem Grundbesitz ausgeftattete. Die Entwöhnung des
Bauern von der Führung des Schwertes bedeutete für ihn ein besseres wirtschaftliches
Fortkommen, aber allerdings auch eine tiefere sociale Stellung. Die Scheidung des
Volkes in einen kriegerischen und nicht kriegerischen Teil war zugleich eine solche in
einen befehlenden und einen gehorchenden; denn die Kriegeraristokratie kam neben den
Priestern ebenso an die Spitze des Staates, den sie allein nach außen verteidigte, wie
lokal an die Spitze der Selbstverwaltung, da sie allein Ruhe und Ordnung in jenen
gewaltthätigen Zeiten aufrecht erhielt. Ein heroisches Zeitalter ritterlicher Kultur knüpft
sich an die Tage ihrer Herrschaft: für Jahrhunderte zerfielen die Völker in die drei
Hauptgruppen der Priester, der Krieger, der Bauern und Bürger, wobei jedoch die zwei
ersten herrschenden Klafsen nur einen mäßigen Bruchteil ausmachten, die Masse des
übrigen Volkes häufig in eine untergeordnete, abhängige Stellung kam.
Mit der Zeit aber geht ein wachsender Teil der Amtsgeschäfte der Kriegeraristokratie
auf das Beamtentum, ein immer größerer Teil ihrer militärischen Thätigkeit auf die
mittleren und unteren Klassen über. Die größeren technischen Ansprüche in beiderlei
Richtung erzwingen diese weiteren Schritte der Arbeitsteilung. Mit dem Vordringen
der Geldwirtschaft und des beweglichen Besitzes, mit der dichteren Bevölkerung, die ihren
Unterhalt auf dem besetzten Boden immer schwieriger findet, mit der Umwandlung des
Kriegsadels in einen Grundbesitz- und Amtsadel, mit der Schwierigkeit, die Ritterschaft
stets schlagfertig und kriegstüchtig zu erhalten, sie auf entferntere Kriegsschauplätze zu
jühren, beginnt der Kriegsdienst gegen Geldsold, in den erst die Söhne der Riller und
die verarmten Adeligen, dann die unteren Klassen des eigenen Volkes, endlich Fremde,
zuletzt die besitzlosen Proletarier von überallher eintreten. An den dauernden Solddienst
knüpfen sich die großen technisch-militärischen Fortschritte: das Heer wird stehend, der
Soldatenberuf ein ausschließlicher Lebensberuf. Nicht nach Familie, Heimat, Grundbesitz
werden die Leute mehr gruppiert, sondern nach Fähigkeit, Bewaffnung und Ausbildung;
es entstehen die administrativen und taktischen Einheiten des Heeres, die Waffen⸗
specialitäten, die hierarchische Ordnung von Ober-, Unteroffizieren und Mannschaften.
Ein gut geschultes stehendes Heer von wenigen Prozenten der Bevölkerung reicht jetzt
für die größten Staaten aus. Die stehenden Heere machen heute (nach Zahn) zwischen
O,190 (Vereinigte Staaten) und 8,40/0 (Frankreich) der Erwerbsthätigen aus; in Groß—
britannien sind es 10/0, in Deutschland 2,89/0. Von der Gesamtbevölkerung wären es
noch wesentlich niedrigere Bruchteile. So ist der historische Fortschritt, welcher in der
Linschränkung des Waffendienstes in den letzten 2-53006 Jahren liegt, etwa in dem
Zahlenverhälinis auszudrücken: wo einst 25 o4 der Bevölkerung, 35 — 40 0/0 der Erwerbs—
thätigen, zum kriegerischen Schutze notig waren, da reichen heute etwa 0..1, ver
Bevölkerung, 186/0 der Erwerosthäligen aus!
        <pb n="345" />
        Die Geschichte der Kriegsverfassung. Die Händler. 333

Die reinen Soldheere, die im Altertume schon etwa 400 v. Chr. beginnen, auch
in Rom unter Marius die alten Bauernsoldaten verdrängen, in der neueren Zeit vom
13. —18. Jahrhundert vorherrschen, am frühesten und ausschließlichsten reichen Handels—⸗
staaten eigen sind, führen aber zuletzt zu den größten politischen und socialen Mißständen.
Während das übrige Volk in Feigheit und Genußsucht verweichlicht, setzt sich der
Soldatenstand mehr und mehr aus den rohesten Elementen, barbarischen Fremden,
Soldatenkindern, Thunichtguten, Verbrechern zusammen; ohne sittlichen Zusammenhang
mit den Volks- und Staatsinteressen, die er verteidigen soll, ergiebt er sich Usurpationen,
erhebt seine Führer zur Diktatur, fordert unerschwingliche Summen für seinen Unterhalt
oder seine Bestechung und schützt zuletzt so wenig vor innerer Auflösung wie vor äußeren
Feinden. Die zu weit getriebene Arbeitsteilung macht bankerott.
Daher ist die neuere Zeit zu einem gemischten System zurückgekehrt: lebenslängliche
Offiziere sowie Unteroffiziere, die S—— 15 Jahre dienen und dann in eine Civilstellung
übergehen, geben den Rahmen für ein stehendes Heer, für das die Männer vom 17. bis
42. Jahre (180/0 der Bevölkerung) kriegspflichtig sind, in dem die körperlich tüchtigen
Männer der ganzen Nation in einer Übungszeit von einigen Monaten oder Jahren
kriegerisch ausgebildet werden, um dann ihrem anderen, dauernden Berufe zurückgegeben,
nur im Kriegsfalle je nach Bedarf bis zu 7, 8 und 92/0 der Bevölkerung zur Fahne
gezogen zu werden. Im Offiziersdienste verjüngt sich der alte Grundbesitzadel, indem
er neue Pflichten auf sich nimmt; er kann es aber nur, indem er selbst zugleich die
höhere geistige Bildung der liberalen Berufe erwirbt und sich mit diesen gleichsam ver—
schwistert. Die allgemeine Wehrpflicht der übrigen Klassen ist die stärkste Korrektur
der sonstigen so weitgehenden, teilweise übertriebenen Arbeitsteilung überhaupt, ein
Erziehungsmittel für die ganze Nation, sowie ein sicheres Gegenmittel gegen die Miß—
bräuche der Klassenherrschaft.
115. Die Händler. Ein gewisser Handel und Tauschverkehr hat sich sehr
frühe entwickelt. Wir kennen kaum Stämme und Völker, die nicht irgendwie durch ihn
berührt würden. Die verschiedene technische und kulturelle Entwickelung schuf in der
allerfrühesten Zeit bei einzelnen Stämmen bessere Waren und Werkzeuge; die Natur
gab verschiedene Produkte, welche bei den Nachbarn bekannt und begehrt wurden. Und
überall hat sich die Thatsache wiederholt, daß der Wunsch nach solchen Waren und
Produkten Jahrhunderte, oft Jahrtausende früher lebendig wurde als die Kunst, sie
selbst herzustellen; für viele war dies ja an sich durch die Natur ausgeschlossen.
Der erste Handel und Tauschverkehr war nun aber lange ein solcher ohne Händler.
Schon in der Epoche der durchbohrten Steine gelangen Werkzeuge und Schmucksachen
von Stamm zu Stamm auf Tausende von Meilen. Ein sprachloser, stummer Handel
besteht noch heute am Niger; auf den Stammgrenzen kommt man zusammen, legt ein—
zelnes zum Austausch hin, zieht sich zurück, um die Fremden eine Gegengabe hinlegen
zu lassen, und holt dann letztere. Innerhalb desselben Stammes hindert lange die
Gleichheit der persönlichen Eigenschaften und des Besitzes jedes Bedürfnis des Tausches.
Auch auf viel höherer Kulturstufe finden wir noch einen Handel ohne Händler, wie
z. B. zwischen dem Bauer des platten Landes und dem Handwerker der mittelalterlichen
Stadt lange ein solcher Austausch der Erzeugnisse stattfindet, ein Handel zwischen
Produzent und Konsument. Zwischen verschiedenen Stämmen gaben die Häuptlinge und
Fürsten am ehesten die Möglichkeit und den Anlaß zum Tausch. Daher sind lange diese
Spitzen der Gesellschaft die wesentlich Handeltreibenden. In Mikronesien ist heute noch
dem Adel Schiffahrt und Handel allein vorbehalten; die kleinen Negerkönige Afrikas
suchen noch möglichst den Handel für sich zu monopolisieren. Ahnliches wird von den
älteren russischen Teilfürsten berichtet; die Haupthändler in Tyrus, Sidon und Israel
waren die Häuptlinge und Könige.
Nur bei solchen Stämmen, die, entweder am Meere lebend, Fischsang und Schiff—
fahrt frühe erlernten, oder als Hirten mit ihren Herden zwischen verschiedenen Gegenden
und Stämmen hin und her fuhren, wie bei den Phönikern und den arabisch-syrischen
        <pb n="346" />
        334 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Hirtenstämmen, konnten sich der abenteuernde Sinn, die kühne Wagelust, der rechnende
Erwerbssinn entwickeln, die in breiteren Schichten der Stämme Handelsgeist und
Handelsgewohnheiten, sowie Markteinrichtungen nach und nach schufen. Ihnen steht die
Mehrzahl der anderen Stämme und Rassen mit einer zähen, Jahrhunderte lang fest—
gehaltenen Abneigung gegen den Handel gegenüber; sie dulden Generationen hindurch
eher, daß fremde Händler zu ihnen kommen, als daß sie selbst den Handel erlernen und
ergreifen. So ist bei den meisten, besonders den indogermanischen Völkern der Handel
durch Fremde und Fremdenkolonien nur sehr langsam eingedrungen. Die Phöniker,
Araber, Syrer und Juden waren die Lehrer des Handels für ganz Europa. Die Araber
sind es noch heute in Afrika, wie die Armenier im Orient, die Malaien und Chinesen
vielfach in Ostasien. Bis auf den heutigen Tag sind in vielen Ländern einzelne
Handelszweige in den Händen fremder Rassen, wie z. B. in London der Getreidehandel
wesentlich von Griechen und Deutschen, in Paris das Bankgeschäft hauptsächlich von
Genfer Kaufleuten und deutschen Juden begründet wurde, in Manchester noch heute ein
erheblicher Teil des Baumwollwarenhandels in fremden Händen liegt. In Indien kann
der Krämer und Händler des Dorfes noch heute nicht Gemeindemitglied sein (Maine).
Im Elsaß wohnt der jüdische Vermittler nicht in dem Dorfe, das ihm von seinen
Freunden stillschweigend als Geschäftsgebiet überlassen ist. Am Handel klebt so sehr
lange die Vorstellung, daß es sich um ein Geschäft mit Fremden handle.
Die älteren Händler sind Hausierer, die mit Karren, Lasttieren und Schiffen von
Ort zu Ort, von Stamm zu Stamm, von Küste zu Küste ziehen; sie sind meist Groß—
und Kleinhändler, Frachtführer und Warenbesitzer, oft auch technische Künstler und
Handwerker zugleich. Die wertvollsten Waren, mit ihren großen örtlichen Wertdifferenzen,
Vieh und Menschen, Salz, Wein und Gewürze, Edelsteine, Metalle und Werkzeuge sind
die Lockmittel jenes ersten Verkehrs. Von dem römischen Weinhausierer, dem Caupo,
stammt das Wort Kaufmann. Es ist ein Handel, der stets Gefahren mit sich bringt,
Verhandlungen mit fremden Fürsten und Stämmen, ein gewisses Fremdenrecht, Be—
schenkung und Bestechung der zulassenden Häuptlinge oder auch Bedrohung und Ver—
gewaltigung derselben voraussetzt. Leichter erreichen die Händler ihr Ziel, wenn sie in
gemeinsamen Schiffs- und Karawanenzügen, unter einheitlichem Befehle, mit Waffen,
Gefolge und Knechten auftreten. So wird die Organisation dieses Handels in die
Fremde meist eine Angelegenheit der Fürsten oder gar des Stammes, jedenfalls der
Reichen und Angesehenen; Stationen und Kolonien werden nicht bloß für die einzelnen
Händler, sondern für das Mutterland erworben; die Händler desselben Stammes treten
draußen, ob verabredet oder nicht, als ein geschlossener Bund auf, der nach ausschließ—
lichen oder bevorzugten Rechten strebt. An der Spitze solcher Handelsunternehmungen
stehen Männer, die als Diplomaten, Feldherren, Koloniegründer sich ebenso auszeichnen
müssen wie durch ihr Geschäftstalent. Sie streben stets nach einer gewissen Handelsherrschaft
und suchen mit Gewalt ebenso oft wie durch gute Bedienung ihrer Kunden ihre Stelluͤng
zu behaupten. Von den phönikischen und griechischen Seeräuberzügen und den Wikinger—
fahrten bis zu den holländisch-englischen Kaper-, Opium-, Gold- und Diamantenkriegen
klebt List und Betrug, Blut und Gewaltthat an diesem Handel in die Fremde, dessen
Formen außerhalb Europas heute noch vielfach vorherrschen.
Meist leben diese älteren Kaufleute nicht ausschließlich von Handel und Verkehr;
sie sind zu Hause Grundbesitzer, Aristokraten, Häuptlinge, oft auch Priester; der römische
Handel tritt uns bis in die Kaiserzeit als eine Nebenbeschäftigung des Großgrundbesitzes
entgegen; der punische Kaufmann ist Plantagenbesitzzer, der mittelalterliche vielfach zugleich
Brauer und städtischer Grund-, oft auch ländlicher Rittergutsbesitzer. Aber wo der
Handel dann eine gewisse Blüte erreicht hat, da sind es die jüngeren Söhne, die Knechte
und Schiffer, die Träger und Kamelführer, die nach und nach mit eigener Ersparnis
und auf eigene Rechnung anfangen zu handeln; so entsteht ein Kaufmannsstand, der
ausschließlich oder überwiegend vom Handelsverdienst lebt, soweit die betreffenden nicht,
wie ihre Principale, wieder durch ihren Besitz zugleich in die höhere Klasse der Grund—
besißzer und Ariftokraten einrücken.
        <pb n="347" />
        Die Entstehung des Handels und der Händler. 335

Der ältere Kaufmann ist so im ganzen wie der Priester und der Krieger eine
aristokratische Erscheinung. Der Handel größeren Stils bietet noch leichter Möglich—
keiten des Gewinnes als jene Berufe; er ist lange ein Monopol bestimmter Stämme,
Städte, Familien; er fordert Talent, Mut, Charakler, er bietet Gelegenheit zu List,
Gewalt und Herrschaft; daher ist der Merkur der Gott der Kaufleute und der Diebe.
Für die naive ältere Auffassung ist der Kaufmann der stolze, hochmütige, zungenfertige,
sprachkundige, weltbürgerliche, von der Heimat losgelöste Völkervermischer, welcher Kultur,
Luxus, höhere Gesittung, aber auch Auflösung der bestehenden Sitten und allerlei Laster
bringt. Neben dem aristokratischen Kaufmann, der in die Fremde zieht, stehen nun
aber teils von Anfang an, teils bald darauf weitere arbeitsteilige Glieder von Handel
und Verkehr, die mehr dem Mittelstande oder gar den unteren Klassen angehören. Schon
die kleineren Hausierer, die teils im Gefolge des großen Kaufmannes, teils selbständig
mit etwas höherer wirtschaftlicher Entwickelung entstehen, gehsren hieher.
In dem Maße, wie aus den älteren Märkten, die einigemale im Jahre bei
Gelegenheit der Gerichts- und Volksversammlung, der kirchlichen Feste gehalten werden,
täglich stattfindende Märkte werden, treffen wir seßhafte Kleinkaufleute, Krämer, Höker,
welche, mit kleinem Gewinn sich begnügend, den lokalen Detailhandel übernehmen; es
entsteht daneben ein offizielles Marktpersonal von Marktmeistern, Messern, Trägern,
Maklern, Warenprobierern, denen sich erst der fremde Münzer und Geldwechsler, dann
der heimische zugesellt. Aus letzteren erwächst später der Bankier und das ganze Kredit—
geschäft, das aber lange auch von anderen Großkaufleuten, von Klöstern und Stadt—
verwaltungen, von Goldschmieden nebenher betrieben wird, erst im Laufe der letzten
200 Jahre seine große, selbständige Ausbildung, seine Specialitäten, seine innere, weit—
gehende Arbeitsteilung empfangen hat.
Das Verkehrsgeschäft ist sehr lange Sache des reisenden Kaufmanns selbst. Er
verpflegt fich unterwegs oder nimmt Gastfreundschaft in Anspruch, er besitzt eigene
Schiffe, Pferde und Wagen, er oder seine Diener begleiten die Waren selbst. Im Orient
kehrt er noch heute in der von den öffentlichen Gewalten hergestellten Karawanserei ein,
die ihm nur leere Räume bietet. Gasthäuser sind erst langsam im Mittelalter auf⸗—
gekommen, noch im vorigen Jahrhundert mußte die preußische Verwaltung sich bemühen,
fie durch besondere Verguͤnstigungen ins Leben zu rufen, während heute das Gasthaus,
die Bank und die Poststelle die ersten Häuser einer städtischen Neugründung in Amerika
sind, und die europäische Gasthausindustrie eine der großartigsten, technisch und auch
arbeitsteilig vollendetsten ist.
Die Entstehung eines besonderen Frachtgewerbes haben wir am Wasser zu suchen.
Der Schiffer, der freilich lange zugleich Fischer bleibt, auch einzelne Zweige des Handels,
so hauptsächlich den Getreide- und Holzhandel, mit feinem Frachtgewerbe verbindet,
nimmt den Kaufmann und seine Waren schon bei den Phönikern und im Altertume
auf; aber daneben bleiben vielfach die Großkaufleute der Seestädte Reeder und Schiffsbesitzer
 bis heute. Viel langsamer entwickelt sich ein besonderes Frachtfuhrgeschäft auf
dem Lande. Das Altertum hat nur Spuren davon; die neueren Zeiten haben es vom
15. — 18. Jahrhundert langsam entstehen sehen; die Metzger und Bauern an den Haupt—
straßen beschäftigen lange ihre Pferde nebenher in dieser Weise, bis das regelmäßige
Frachtfuhrgeschäft als selbständiges Gewerbe sich lohnte. Eine Post im Dienste der
kaiserlichen Verwaltung hat das Altertum gekannt, aber nicht im Dienste des Verkehrs;
erst aus den städtischen und fürstlichen Botenkursen des 15. —17. Jahrhunderts sind die
Posten unserer Tage als selbständige, dem Bries-, Personen- und Frachtverkehr dienende
Institute erwachsen. An sie knüpfen sich als große Privatunternehmungen oder Staats—
institute unsere heutigen Eisenbahnen, Telegraphenanstalten, Postdampferlinien, Telephon—
einrichtungen mit ihrem arbeitsteiligen Personal von Tausenden von Personen.
Alle diese Institutionen zusammen haben vom 16. Jahrhundert an unsern Handel
und seine Einrichtungen in den civilisieriten Staaten und zwischen ihnen gänzlich um—
gestaltet. Nun konnte der Kaufmann zu Hause bleiben, durch Briefe und Frachtgeschäfte,
welche andere besorgten, seinen Handel abmachen; er brauchte nicht mehr in gleichem
        <pb n="348" />
        336 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Maße wie früher allein oder in Genossenschaft sich eine Stellung in fremden Ländern
zu erkämpfen; Derartiges nahm ihm, wenigstens teilweise, die Staatsgewalt ab. Selbst
die Warenlagerung und das Vorrätehalten ging teilweise auf besondere Geschäfte und
Organisationen, wie die öffentlichen Lagerhäuser über; das Spekulieren, das Ein- und
Verkaufen auf der Börse, durch den reisenden Commis, durch Korrespondenz trat in den
Vordergrund der großen, das Ladengeschäft in den Vordergrund der kleinen Geschäfte.
Aber weder damit, noch mit der Scheidung der Handels- von den Verkehrs⸗
zejchäften und -organen, noch mit der Ausbildung der besonderen Kredithändler, der
Banken ist die neuere Arbeitsteilung im Handel und Verkehr erschöpft, die Stellung des
neueren Händlertums charakterisiert. Man wird fagen können, vom 15. und 16. Jahr⸗
hundert bis zur Gegenwart habe der Handelsstand erst seine selbständige höhere Aus—
bildung und Teilung erreicht, sei er erst der Beherrscher und Organisator der Volts—
wirtschaft geworden. Erst von da an hat die Gütercirkulation, der Abfatz, die inter—
(okale und internationale Teilung der Arbeit so zugenommen, daß sie überall des
handels und seiner Teilorgane bedurfte. Erst jetzt entstand für einzelne Handwerks—
varen ein Absatz in die Ferne durch den Kaufmann; der Handel schuf die Hausindustrie,
wie er später hauptsächlich die Großunternehmung ins Leben rief. Wir werden unten
darauf zurückzukommen haben, daß die ganze Unternehmung wesentlich durch den Gewinn
auf dem Markte, durch den Handel und den Kaufmann entstand. Die großen Messen
zehören der Zeit von 160021800, die größeren Börsen der von 1800 1900 un.
Beide sind Ergebnisse des Handels. Die ganze privatwirtschaftliche, spekulative Seite
der heutigen Volkswirtschaft hängt am Handel, liegt in den Händen der Kaufleute, ist
von der arbeitsteiligen Handels- und Verkehrsorganisation abhängig, welche sich immer
einflußreicher, komplizierter gestaltet hat; sie beherrscht Industrie und Landwirtschaft,
»en großen Teil der wirtschaftlichen Produktion und die Verteilungsgeschäfte, welche die
Büter den einzelnen zuführen.
Allerdings zeigen die Handels-, Versicherungs-, Verkehrs- und Beherbergungs⸗
zewerbe in unserer heutigen Berufs- und Gewerbestatistik entfernt nicht die Speciali—
sierung wie die Industrie. Aber in der deutschen Zählung von 1882 sind doch für den
Handel mit Tieren 832, mit landwirtschaftlichen Probukten 121, mit Brennmalerkalien 33,
nit Metallen 51, mit Kolonial-, Eß- und Trinkwaren 121, mit Schnittwaren 126, mit
Kurz⸗ und Galanteriewaren 51 Specialitäten von Geschäften verzeichnet. Die Anpassung
der Verkaufsgeschäfte an die Bedürfnisse der verschiedenen Klafsen und Orte hat Magazine
und Läden jeder Art, von den kleinsten bis zu den Riesenbazaren geschaffen. Die ver—
schiedensten Formen des Verkaufs stehen nebeneinander: Hausfierbetrieb, Wochen-, Jahr⸗
markts⸗, Markthallenverkauf, Auktionsgeschäfte, Wander- und stehende städtische Verkaufs—
ager. Die Linien zwischen Produktion und Konfumtion werden durch Makler, Agenten,
Kommissionäre, Groß- und Kleinhändler aller Art verlängert. Und so sehr an vielen
Stellen die Zunahme und Verbesserung der Verkehrsmittel früher notwendige Mittel⸗
glieder des Handels ausmerzt, da und dort entstehen wieder neue. Und jedenfalls ist
die Macht und der Einfluß des Händlertums immer noch eher im Wachfen, so ver—⸗
schiedenartig Stellung und Einfluß der Elemente sind.
Die kleinen Ladenhalter, Höker, Hausfierer, das Personal der Markthelfer, Packer,
Träger, Dienstmänner, das subalterne Personal aller Verkehrsanstalten steht mit dem
gelernten und ungelernten Arbeiter auf einer Stufe, die kleinen Ladengeschäfte mit
dem Handwerker, die großen Ladengeschäfte rechnen zum höheren Mittelstande; ihre
Tausende von Commis und sonstigen Gehülfen gehbren teils ihm, teils dem höheren
Arbeiterstande an. Über all' dem stehen die höhere Geschäftsweli, die Großhändler, die
Direktoren und Leiter der Aktiengesellschaften, Kartelle, Banken und ähnlicher Geschäfte;
iie bilden die Spitze der kaufmännischen Welt. Sie werden nicht mehr Fürsten, wie
einst die Medici oder heute noch glückliche arabische Händler in Afrika, aber sie über—
agen an Reichtum, Macht und Kinfluß doch da und dort alle anderen Kreise der
Gesellschaft, beherrschen in einzelnen Staaten Regierung und Verwaltung nicht minder
als einst in Karthago, Venedig und Florenz. Nur wo Line alte, starke Monarchie, eine
        <pb n="349" />
        Die neuere Handelsentwickelung, ihre Arbeitssteilung und Bedeutung. 337

gesunde und große Grundaristokratie, eine ausgebildete Heeres- und Beamtenverfassung
ist, existieren noch starke Gegengewichte, welche ihren monopolartigen Einfluß in der
Volkswirtschaft und Gesetzgebung, sowie im Staatsleben im ganzen hemmen, ihren großen
Gewinnen gewisse Schranken setzen.
Die höhere Schicht der kaufmännischen Welt stützt sich auf ihren beweglichen
Kapitalbesitz, wie die Grundaristokratie auf ihren Grundbesitz. Aber es ist eine sehr
schiefe Auffassung, aus dem Kapital an sich alles heute abzuleiten, was Folge der tech—
nischen, geistigen und moralischen Eigenschaften der Kaufleute, was das Ergebnis ihrer
Marktkenntnis und -vbeherrschung, ihrer Organisation, ihres teilweise vorhandenen
Monopolbesitzes der Geschäftsformen und Geschäftsgeheimnisse ist. Ihre Stellung in
der modernen Volkswirtschaft hat man lange von der günstigsten Seite, neuerdings unter
dem Eindrucke gewisser Mißbräuche und Entartungen, auch unter dem Einflusse socia—
listischer Theorien vielfach überwiegend zu ungünstig be- und verurteilt. Gewiß kann
der habsüchtige Handelsgeist entarten, in herrschsüchtiger Monopolstellung für Volks—
wirtschaft und Staat große Gefahren bringen. Aber nie sollte man dabei übersehen,
daß die arbeitsteilige Ausbildung des Handelsstandes der Fortschritt ist, der unsere
moderne Volks- und Weltwirtschaft schuf. Und stets sollte man sich klar sein, daß
dieser Handelsgeist je nach den Menschen, ihren Gefühlen und Sitten, ihrer Moral und
Rasse etwas sehr Verschiedenes sein kann. Eine fortschreitende Versittlichung der Geschäfts—
formen kann die Auswüchse des egoistischen Handelsgeistes abschneiden; ein reeller Ge—
schäftsverkehr, eine steigende Ehrlichkeit und Anständigkeit in Handel und Wandel kann
Platz greifen; durch Staats- und Kommunalbanken, durch Genossenschaften und Vereine,
die wirtschaftliche Funktionen übernehmen, teilweise auch durch das Aktienwesen und
seine Beamten kommt in einen Teil des Geschäftslebens ein anderer, zugleich auf Ge—
samtinteressen gerichteter Geist. Die großen Organisationen der Industrie und der
Landwirtschaft haben sich teilweise schon von der Vorherrschaft des Händlertums befreit.
Alle Gefahren wucherischer Ausbeutung der übrigen Volksklassen und des Staates durch
die Händler werden in dem Maße zurückgedrängt, wie das ganze Volk die modernen
Handels- und Kreditformen erlernt und beherrscht.
Für das Verständnis der neueren politischen und volkswirtschaftlichen Entwicke—
lung der Kulturvölker ist es eine Erscheinung von größter Bedeutung, daß von den
drei bisher geschilderten, durch Arbeitsteilung entstandenen aristokratischen Gruppen der
Gesellschaft die beiden ersteren, die Priester und Krieger, wenn nicht verschwunden, so
doch ihrer Übermacht entkleidet sind; ihre Berufe dauern in wesentlich anderen gesell—
schaftlichen Formen heute fort. Wohl giebt es noch Staaten mit starker Priesterschaft;
aber die höher civilifierten, besonders die protestantischen, haben eine Geistlichkeit, einen
Lehrerstand ohne wirtschaftliche Vorrechte und Ubermacht. Wohl giebt es noch Militär—
staaten, wie Preußen, aber der Offiziersstand herrscht nicht, rekrutiert sich aus allen
Kreisen der Gebildeten; die allgemeine Wehrpflicht hat das proletarische Söldnerberufs—
heer mit seiner einseitigen Arbeitsteilung abgelösi.
Die Handelsaristokratie der Gegenwart konnte und kann nicht ebenso verschwinden,
weil ihre arbeitsteilige Funktion, die Leitung und Reguliecung der wirtschaftlichen Pro—
duktion, der Verteilung der Güter erst in den letzten 2—3 Jahrhunderten entstand und
heute unentbehrlich ist. Wäre der Handel aller Zwischenhändler so entbehrlich, wie die
Socialisten meinen, verdienten die kaufmännischen Fabrikleiter ihre Gewinne nur mit
demselben Rechtstitel wie die Jungen, die über die Mauer steigen, um Äüpfel zu stehlen
(Kautsky), dann wäre diese Handelsaristokratie auch schon verschwunden. Sie wird
bleiben, so lange sie am besten große und wichtige Funktionen der Volkswirtschaft ver—
sieht. Aber ihre einseitige Herrschaft wird abnehmen, wie wir eben schon andeuteten. —
116. Die Entstehung eines Arbeiterstandes. Sklaverei, Leibeigen—
schaft. Die drei Gruppen der Gesellschaft: Priester, Krieger, Händler bleiben die
Grundtypen aller Aristokratie. Die betreffenden Individuen und Gesellschaftsgruppen
steigen durch eigentümliche Kräfte und Vorzüge empor, erreichen durch sie die größere
Ehre, die größere Macht, das größere Einkommen und Vermögen. Sie steigen in harten
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre J. 4-6. Aufl. 22
        <pb n="350" />
        338 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Daseinskämpfen auf, denen Gewalt, Betrug und Mißbrauch so wenig fehlen kann wie
allem Menschlichen. Die Priester haben Dokumente gefälscht, um ihren Besitz zu mehren,
die Ritter haben widerrechtlich Bauern von ihren Hufen bertrieben, die Händler haben
mit List und Betrug, mit Wucher und oft auch mit Gewalt ihren Besitz vergrößert. Sie
haben stets gesucht, ihre Stellung um jeden Preis zu befestigen, sie haben die übrige
Volksmasse herabgedrückt, sie ihrer Leitung und Gewalt unterstellt. Diese Unterstellung
war aber ein unabweisbares Bedürfnis der gesellschaftlichen Organisation. Größere
politische und wirtschaftliche Körper konnten nur entstehen, indem die führenden und
gehorchenden Kreise sich schieden. Auch die künftige Emporhebung und Erziehung der
Massen konnte nur so vorbereitet werden, obwohl zunaͤchst damt Härten und Miß—
bildungen aller Art eintraten.
Die erwähnten aristokratischen Gruppen werden meist nur einige Prozente der
Völker ausgemacht haben; die Masse lebte zunächst in hergebrachter Weise weiter, als
kleine Ackerbauern, Hirten, Waldbewohner, in den Städten nach und nach als Hand—
werker. Diese Gruppen der Gesellschaft, aus denen dann der Mittelstaud sich zusammen⸗
setzte, treten uns bald allein, bald auch in Verbindung mit einer unmer ihnen stehenden
Schicht entgegen. Der Mittelstand kommt teilweise auch in Abhängigkeit von den
aristokratischen, führenden Teilen der Gesellschaft, teilweise behauptet er eine gewisse
Freiheit. Dabei stellt er einen Teil der Gesellschaft dar, der mehr die alte Zeit,
Technik, Wirtschaftsweise als die neue repräsentiert, aus dem heraus viel weniger als
aus den aristokratischen der Fortschritt entspringt. Jedenfalls aber bedurften die füh—
renden Elemente der direkten mechanischen Hülfe von dienenden, den Familien und Be—
trieben angegliederten Kräften. Wo Großes geschehen soll, muß der Kluge und Kräf⸗
tige befehlen, und der, welcher über gute Arme verfügt, gehorchen. Nur so können,
vollends bei primitiver Kultur, erhebliche politische und wirtschaftliche Erfolge erzielt
werden. Die Arbeitsteilung zwischen geistiger und mechanischer Arbeitskraft ist ein un—
entbehrliches Glied auf der Bahn der gesellschaftlichen Differenzierung und des wirt—
schaftlichen Fortschrittes.
Diese Arbeitsteilung war zunächst überall durch die patriarchalische Familien—
verfaffung gegeben: die Frauen, die Söhne und Töchter, oft auch verheiratete Kinder,
ältere unverheiratete Geschwister und Verwandte, die Knechte und Mägde waren in ihr
die ausführenden Kräfte. Soweit die patriarchalische Familie Platz griff, entstand so
eine Arbeitsteilung teils für Jahre, teils fürs Leben, die nur eine kleine Zahl Befehlender
kannte. Die kleine, neuere Familie schuf diese Stellung für eine etwas größere Zahl.
Aber auch sie beließ zunächst den größeren Teil der 12-3830jährigen in einem Dienst—
oder Arbeitsverhältnis bei ihren Eltern oder in anderen Familien, in Kleinbetrieben;
ihre Stellung war auch in letzteren vielfach die von Familiengenossen, welche Wohnung,
Unterhalt und Kleidung, daneben einige Geschenke, auch etwas Geid erhielten. Wir
werden unten darauf zurückkommen, welch' großer Teil der heute in der Statistik auf⸗
geführten Arbeiter noch Familienglieder oder Leute sind, welche, ohne dem Arbeiter—
stande anzugehören, bis zum 25. oder 80. Jahre in einer dienenden Arbeitsstellung sind.
Aber wo die herrschaftlichen Organisationen sich ausdehnten und befeftigten,
reichten die Familienglieder und jungen, freien Leute nicht aus. Wo verschiedene
Rafsen und Völker sich bekämpften, die einen die anderen unterwarfen, wo dann ver—⸗
schiedene Rassen durcheinander wohnten, ergaben sich hiedurch Abhängigkeitsverhältnisse,
die nicht bloß auf die jüngeren sich beschränkten. Es entstanden so besondere Klassen
mechanisch dienender Kräfte als die notwendigen Ergänzungsglieder der aristokratischen
Kreise und ihrer Organisationen.
Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage dieser Kreise fand ihren rechtlichen
Ausdruck in den drei großen Institutionen der Sklaverei, der Leibeigenschaft, der freien
Arbeit. Die erstere knüpft in ihrer Entstehung rein an die Familie an, wird aber dann
mit der Entstehung der Unternehmung etwas wesentlich anderes; die Leibeigenschaft
knüpft hauptsächlich an die Unterwerfung ganzer Stämme an und wird das ergänzende
Glied der Grundherrschaft; die persönlich freie Lohnarbeit ist dag Ergebnis der modernen
        <pb n="351" />
        Die Entstehung einer Arbeiterklasse. Die Sklaverei. 339

persönlichen Freiheit, des Rechtsstaates und der Geldwirtschaft und bildet das ergänzende
untere Glied der modernen Unternehmung.
a) Sklaven. Die Wurzeln der Sklaverei liegen, wie erwähnt, in der herrschaft⸗
lichen Familienversassung. Wo bisher der Kannibalismus geherrscht, d. h. wo man
jeden Stammfremden als rechtlos betrachtet, ihn getötet und verzehrt hatte, da war es
ein großer Fortschritt der Menschlichkeit und der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit, wenn
man den Gefangenen nicht mehr tötete oder den Göttern opferte. Wie man Frau und
Kinder damals als verkäufliches Eigentum in der Regel betrachtete, so begann man
ebenso die erbeuteten oder erkauften Knechte und Mägde zu behandeln; man schonte sie,
um sie zur Arbeit zu gebrauchen; man sah in ihnen nur die Arbeitskräfte, aber in
ähnlicher Schätzung standen auch die Weiber und Kinder. Gewisse Fortschritte in der
Familienverfassung und in der Technik, welche folgsame Arbeitskräfte als wünschenswert
erscheinen ließen, mußten vorhanden sein, um die Sklaverei entstehen zu lassen. Meist
nur Hirten- und Ackerbaustämme (neben wenigen hochstehenden Fischern) und meist nur
kriegerische haben die Institution ausgebildet; sie wurde für lange Zeiträume die große
mechanische Arbeitsschule der Menschheit. Da sie in der älteren Zeit fast regelmäßig nur
durch Krieg und Beutezüge entsteht, so sind es die schwächeren, weniger gut organisierten,
weniger klugen Stämme und Rassen, welche ihr unterliegen. In dieser Rassendifferenz
fah man im Altertume und bis in die neuere Zeit ihre Rechtfertigung: wie das Kind,
so hieß es, bedarf der niedriger stehende Erwachsene der herrschaftlichen Leitung und
Zuchtrute, des Zwanges zur Arbeit; er ist zur mechanischen Arbeit brauchbarer als zur
geistigen. Er läßt sich Leitung und Herrschaft nicht nur gefallen, er liebt seinen Herrn,
giebt sich ihm in Treue und Gehorsam völlig hin.
Der Sklave ist Eigentum des Herrn; er wird von ihm unterhalten und muß
diejenigen Leistungen verrichten, die ihm befohlen werden; das find bei einzelnen auch
höhere Arbeiten aller Art, bei den meisten aber handelt es sich um die mühevollen
mechanischen Dienstleistungen in Haus und Hof, in Wald und Acker, später im Berg⸗
werke, auf den Schiffen, in den Handwerken und Fabriken. Die Sklaverei erzeugt so
nicht sowohl einen bestimmten Beruf, als in aller Thätigkeit die Scheidung zwischen
der leitenden und befehlenden und der mechanischen, ausführenden Arbeit. Der Sklave
ist das unterste Glied der Hauswirtschaft; die bisher den Frauen zugemuteten schwersten
Arbeiten werden nun ihm auferlegt; er hat keine eigene Wirtschaft, meist keine Familie;
auch wenn die Sklaven massenweise erbeutet wurden, hat man sie einzeln dem König,
den Häuptlingen, einem Tempel, einzelnen Familienvätern zugewiesen.
Ihre Rechtsstellung ist ursprünglich mit der Familienverfafsung gegeben; sie find
nicht gänzlich rechtlos, so lange sie als Familienglieder behandelt werden. Noch heute
heitaten in Afrika viele Sklaven die Töchter ihrer Herren; der Islam hat stets eine
Sklavenbehandlung angestrebt, die mit der Freilassung endigt. Aber wo der Familien⸗
fklave übergeht in den Plantagen- und Bergwerksstlaven, wo der Sklave nicht mehr
in persönlicher Berührung mit dem Herrn steht, nicht mehr in der Familie mit dem
Herrn lebt, wo er von ihm nur noch als eine Erwerbsquelle angesehen wird, wo an
Stelle des Krieges der Sklavenhandel und die eigene Sklavenzüchterei die Hauptquelle
der Sklaverei wird, wo ein hartes Schuldrecht die eigenen Volksgenossen der Sklaverei
ausliefert, da entsteht jenes unbarmherzige, harte Sklavenrecht, das im Bewußtsein der
Gegenwart häufig als dessen einzige Form erscheint. Es war eine Institution, die sich
da notwendig zeigte, wo mit einfacher Technik große, riesenhafte Leistungen nötig waren:
nur mit harter Disciplin und unbarmherziger Behandlung ließen sich wohlgeschulte
Arbeitercompagnien aus den meist auf tiefster Stufe stehenden Rassenelementen herstellen.
Die Verschärfung des Sklavenrechtes war vielfach die Vorausfetzung, Großes und technisch
Besseres als bisher zu leisten. Aber dieses verschärfte Sklavenrecht vergiftete mit seinen
Folgen ebenso das Familienleben der Sklaven wie das Verhältnis zum Herrn; es
führte ganz entmenschlichte Verhältnisse, barbarische Mißhandlungen der oft gefesselten
Sklaven herbei. Die Unternehmungen, die ganze Gesellschaft wurde durch die zunehmen—
22*
        <pb n="352" />
        340 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

den Reibungen und Kämpfe gelähmt, kam an den Abgrund unhaltbarer, sich immer
weiter vergiftender gesellschaftlicher Zustände.
Die Sklaverei, wie sie in der späteren römischen Republik und im Anfange des
Principats, neuerdings in den Sklavenplantagen der europäischen Handelsvölker bestand,
war die härteste Form der Arbeitsteilung und das höchste Maß von ausbeutender
Herrschaft des Menschen über den Menschen. Ohne jedes Eigentum, oft ohne jede
Familienfreude, ohne jede Aussicht auf die Zukunst, ohne jeden strafrechtlichen Schutz,
oft schlechter als das Vieh ernährt und behaust, wurde der Sklave gerade so viel
geschlagen und zur härtesten Arbeit gezwungen, wie man rechnete, den größten Gewinn
mit ihm zu machen. Man kalkulierte, ob es billiger sei, einen Negertrupp von achtzehn—
jährigen in 7 oder 14 Jahren aufzubrauchen, to use up. Die barbarische Strenge ift auf
diesem Standpunkte so richtig und konsequent wie das strenge gesetzliche Verbot jedes
Unterrichtes an die Sklaven. Haben doch noch englische Manchesterleute den Schul—
unterricht der Arbeiterkinder als einen Verstoß gegen die Arbeitsteilung bezeichnet.
Alle Sklaverei, die äͤltere milde und die spätere harte, leidet an dem Grundfehler,
daß der Arbeitende gar kein Interesse an dem Ersolge der Arbeit hat, was um so mehr
sich geltend machen mußte, als ein Selbstbewußtsein in diesen Kreisen erwachte. Als
vollends der innere Kampf und die Erbitterung sich immer weiter steigerten, mußte die
Erkenntnis erwachen, daß das Spiel ebensoviel wirtschaftlichen wie sittlich-politischen
Schaden stifte. Es trat teils eine successive Milderung, ieils eine plötzliche Aufhebung ein,
wie ja auch schon während des Bestehens der Sklaverei stets Hunderte und Tausende der
höher stehenden Sklaven durch Freilassung in eine bessere Lage übergingen, freie Arbeiter,
Kleinunternehmer oder was sonst wurden. Die langsame Umbildung der antiken Sklaverei
durch die kaiserliche, von Stoa und Christentum beeinflußte Gesetzgebung in den Kolonat
und andere Mischformen der Unfreiheit, die Fortsetzung dieses Prozesses durch die Kirche
des älteren Mittelalters ist eine der anziehendsten socialen historischen Erscheinungen.
Wir haben sie so wenig wie die modernen Aufhebungen der Sklaverei hier darzustellen,
wohl aber zu betonen, daß auch im günstigsten Falle als die Nachwirkung des aͤlteren
Zustandes eines übrig bleibt: die ties in allen Gewohnheiten und Sitten des wirtschaft—
lichen und socialen Lebens wurzelnde Thatsache, daß eine Minorität von höher Gebildeten
und Besitzenden die mechanische Arbeit der weniger Gebildeten und Besizzenden leitet, so
sehr auch der Gegensatz gemildert, die Rechtsformen des Verhältnisses verbessert sind.
d. Die verschiedenen Formen der Halbfreüheit, welche begrifflich
zwischen der Sklaverei und der freien Arbeit liegen, historisch oftmals auch vor ihr und
neben ihr entstanden, werden gewöhnlich unter dem Begriffe der Hörigkeit zusammengefaßt.
Sie haben einen dreifachen Ursprung: 1. kriegerische Unterwerfung ganzer Stämme und
Einverleibung solcher zahlreicher stammfremder Elemente in das Gemeinwesen zu minderem
Rechte, 2. die Emporhebung früherer Sklaven und ganz Unfreier zu einer besseren
Rechtsstellung, wie im antiken Kolonat, und 8. die Herabdrückung früher freier Volks—
genossen zu minderem Rechte, wie im Mittelalter die der zahlreichen freien Bauern zu
Vogtei⸗ und Zinsleuten. Die erstgenannte Ursache ist in älterer Zeit die am allgemeinsten
porkommende: die griechischen Heloten und Periöken, die ganze bäuerliche Bevölkerung
in den Provinzen des römischen Reiches, die deutschen Liken waren dieser Art. Wo
das wirtschaftliche Leben wenigstens bis zu seßhaftem, geordnetem Ackerbau gekommen
ist, wo ganze Stämme, Landschaften und Länder erobert und unterworfsen werden, wo
zar Sprach- und Rassenverwandtschaft zwischen Siegern und Besiegten besteht, da können
die Unterworfenen nicht alle zu Sklaven gemacht, den Hauswirtschaften der Sieger ein—
verleibt werden; man läßt ihnen ihren Ackerbesitz, ihre selbständige Hauswirtschaft; die
Sieger nehmen nur teils für die Staatsgewalt, teils für die einzelnen eine Art Ober—
eigentum am Besitz und ein Recht auf gewisse Abgaben und Dienste der Halbfreien in
Anspruch, Der Halbfreie entbehrt der politischen Rechte, darf häufig deine Waffen
führen, ist in der Wahl des Aufenthaltes und Berufes häufig beschränkt, als Ackerbauer
zum Zeil an die Scholle gefesselt; aber er ist strafrechtlich gegen Unrecht, oft auch
gegen Uberlastung mit Abgaben und Diensten geschützt, er hat das Recht der Familien—
        <pb n="353" />
        Die Hörigkeit; ihre wirkschaftliche und historische Würdigung. 341

gründung und ein beschränktes Eigentumsrecht, kann Prozesse führen, hat an halbfreien
Gemeinden, Gilden und Vereinen vielfach einen Rückhalt; er ist von den staatlichen
Militär⸗-, Gerichts- und anderen Diensten der Freien vielfach ganz oder zum Teil befreit;
oft hat er Anspruch auf Zuweisung einer Ackerstelle oder einer anderen Erwerbsgelegen—
heit gegenüber seinem Herrn. Die Verhältnisse sind sehr mannigfaltig; es kommen
Halbfreie in älterer Zeit auch in Städten und gewerblichen Betrieben vor, wie z. B.
die griechischen Periöken, dann die römischen Freigelafsenen, die amerikanischen Dienst⸗
ute des 17. und 18. Jahrhunderts einé solche Klasse darstellen; überwiegend aber
sind die Halbfreien kleine Ackerbauer in Laͤndern einer sparsamen Bevölkerung ohne
Geldwirtschaft, die Hintersassen des feudalen Grund- und Gutsherrn.
Es handelt sich bei dem Verhältnis dieser Halbfreien ebenso sehr um eine Ver—⸗
fassungs- ünd Verwaltungseinrichtung wie um die Ordnung des Arbeitsverhältnifses.
Verschiedene Stämme und Rassen konnten ursprünglich nicht in anderer Form ein ein—
heitliches Gemeinwesen bilden, als in der von freien und halbfreien, streng geschiedenen
Klafsen; die Staats- und Kirchengewalt, die kriegerische Verfaffung, die lokale Verwal⸗
tung konnte, so lange es keine Steuern gab, nicht anders organisiert werden, als durch
Zuweisung von Land und Hörigen an diejenigen, welche diese höheren Dienste für die
Gesamtheil übernahmen. Auch wo im Anfang der Fürst, der Priester, der Ritter eine
Ackerwirtschaft ähnlich wie der unterworfene Hörige führte, war der letztere doch zu ge⸗
wissen Abgaben und Diensten verpflichtet, und mehr und mehr mußte es dahin kommen,
daß die hoͤheren Klassen, um ihren Pflichten zu genügen, von der mechanischen Acker⸗
ind Hausarbeit ganz entlastet, diese ausschließlich den Hörigen aufgebürdet wurde. Sie
mußten Straßen und Kanäle, Kirchen und Burgen bauen, die Fuhren für die öffentliche
Berwaltung und die Großen übernehmen, ihnen den Acker bestellen, die Kinder ihnen
zür Jahre zum Gesindedienst ausliefern. Die Aristokratie war so vom Drucke mecha⸗
uischer Arbeit und Lebensnot befreit, die große Masse der Hörigen mußte ackern und
fronen, damit bei dem damaligen Stande der Technik der Staat, die Kirche, sowie die
—V Es war eine tiefgreifende
IArbeitsteilung, die trotz aller Härten und Mißbräuche, die sie erzeugte, für ihre Zeit
so notwendig war wie' jede andere. Es war ein System, das höher stand als die
Sklaverei, weil es dem Halbfreien immer eine beschränkte Sphäre individueller Freiheit
und persönlichen Eigentums garantierte; da wo der Druck nicht zu groß war, konnte
eine gewisse Freude am eigenen Erwerbe, am Familienleben, am Vaterlande entstehen.
Aber 'auch oft war die Belastung eine so schwere, daß Stumpfheit und Gleichgültigkeit
die Folge war, jedes Interesse an der Arbeit erlahmte.
Er war im ganzen ein zu rohes Rechtsverhältnis und eine zu rohe Art der
Arbeitsteilung; es mußte zurücktreten und verschwinden in dem Maße, wie die Gefühle,
Rechtsanschauungen und socialen Einrichtungen sich verfeinerten, wie bessere und feinere
Arbeit gefordert wurde, wie die dichtere Bevölkerung, der bessere Verkehr, die Geldwirt⸗
schaft und die fortschreitende Technik bessere Formen der Arbeitsteilung ermöglichten.
Wie im Allertum und Mictelalter die begabteren Unfreien und Halbfreien, die mit
specialifierter, höher geschätzter Thätigkeit Befaßten vielfach zur persönlichen Freiheit,
a zur Aristokralie aufstiegen — ich erinnere an die Freigelassenen Roms, an die ritter⸗
lichen unfreien Ministerialen, an die ursprünglich unfreien Handwerker und Kaufleute
in den mittelalterlichen Städten —, so hat in späterer Zeit auch die gesamte ländliche
hörige Bevölkerung die persönliche Freiheit erreicht. Vom 15.—–19. Jahrhundert haben
die Hörigen Europas sich losgekauft oder sind durch Ablösungsgesetze befreit worden;
in Teil derselben wurde damit in einen Stand kleiner Grundeigentuͤmer, ein anderer
in freie Lohnarbeiter verwandelt. Es ist klar, daß die Nachwirkung dieser älteren Zu⸗
stände heute noch nicht verschwunden sein kann. Die Mehrzahl unserer europäischen
Lohnarbeiter sind Nachkommen von Hörigen; in unseren Einrichtungen und Sitten sind
noch zahlreiche Nachklänge der älteren Zustände.
Die Zahl der Sklaven im Altertume und in den heutigen Staaten und Kolonien
ist wohl nie so umfangreich gewesen wie die der Hörigen. Nach den neuesten Forschungen
        <pb n="354" />
        342 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

betrugen sie in Griechenland und Italien seinerzeit nicht leicht irgendwo mehr als die
Hälfte der Freien, wozu freilich noch mannigfach Halbfreie, Metöken, Freigelassene
kamen. Die Leibeigenen schätzt Grimm schon für das 8.—10. Jahrhundert auf die
Hälfte der Bevölkerung, später haben sie wohl vielfach vier Fünftel derselben ausgemacht.
Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daß diese Leibeigenen als Klasse mit den
Sklaven gar nicht vergleichbar sind. Ein großer Teil von ihnen stand viel höher,
repräsentierte trotz seiner Lasten und Pflichten eine Art Mittelstand, ging später in
diesen über. Nur die tiefer stehenden Leibeigenen, die, welche mit der Freiheit befitzlos
wurden, können mit den Sklaven in Vergleich gezogen werden.
117. Die Entstehung des neueren sreien Arbeiterstandes. Das
große Problem unserer Tage ist die Entstehung eines breiten Standes mechanischer Lohn⸗
arbeiter, die auf Grund freier Verträge ganz oder überwiegend von einem Geldlohn leben,
den sie durch ihre Arbeit in den Unternehmungen, Familien oder in wechselnder Stel—
lung verdienen. Wir fragen: wie kommt es, daß mit dem Siege der persönlichen Frei—
heit nicht bloß in den Ländern der alten Kultur, sondern auch in den europäischen
Kolonien mit ihrem Bodenüberfluß die alte Zweiteilung der Gesellschaft sich erhielt: in
eine leitende Minorität, die überwiegend geiftige, und in eine ausführende Majorität,
die überwiegend mechanische Arbeit versieht? Wer alle Menschen für gleich, das Princip
der persönlichen Freiheit für ein magisches Mittel zur raschesten Entwickelung aller Körper⸗
und Geistesgaben aller Menschen hält, wer die Vorstellung hat, eine allgemeine Besitz⸗
ausgleichung hätte, mit der Erteilung der persönlichen Freiheit verknüpft, für immer die
Klafsengegensätze beseitigt, wer, von den Wundern der heutigen Technik berauscht, annimmt,
es wäre wirtschaftlicher Überfluß für alle Menschen bei richtiger Verteilung und demo—
kratischer Organisation von Staat und Volkswirtschaft vorhanden, der kann natürlich
die große historische Thatsache des modernen Arbeitsverhältnisses nicht richtig verstehen.
Wer die Dinge historisch auffaßt, wird die Wucht der überlieferten Klassen- und Be—
fsitzverhältnifse, die Bevölkerungsbewegung, die Notwendigkeit herrschaftlicher Organi⸗
sationsformen bei der Entstehung der modernen Institution des freien Arbeitsvertrags
mit in Rechnung ziehen und begreifen, daß allerdings seine Ausbildung besser und
schlechter gelingen konnte, da und dort verschiedene Resultate erzeugte; er wird ver—
stehen, daß er, obwohl von Anfang an ein großer principieller Forischritt, doch erst
sangsam und durch mancherlei Reformen zu einer befriedigenden Einrichtung werden
lonnte; der wird es für eine kindliche Täuschung erklären, wenn die Lehre aufgestellt
wird, ausschließlich boöse, brutale Menschen oder das Gespenst des blutaussaugenden
Kapitalismus hätten es dahin gebracht, daß einige wenige sich der Arbeitsmittel und
des Bodens bemächtigt und so die Masse der Bevölkerung enterbt, zu befitzlosen mecha—
nischen Arbeitern gemacht hätten.
Schon die Nachwirkung der Leibeigenschaft, in den Kolonien die der Sklaverei, die
großen Schwierigkeiten der Durchführung der allgemeinen Schulpflicht, die Unmöglich⸗
keit, bei der Aufhebung der seudalen Agrarverfassung alle Hörigen mit Besitz auszustatten,
schuf, wie wir schon sahen, bhreite Schichten wirtschaftlich, technisch und geistis niedrig
stehender Menschen, welche mit der Freiheit auf irgend eine mechauische Lohnacbeit an—
zewiesen waren. Sie besaßen nicht die Fähigkeit, auf dem Boden der neuen Technik
soliert oder genossenschaftlich gewerbliche oder agrarische Betriebe zu schaffen; auch wo
Bodenüberfluß war, wie in den Kolonien, zogen fie Lohnarbeit dem Leben des Squatters
im Urwald vor. Die große Menge kleiner Handwerker und Hausindustrieller war
,benfalls nicht recht fähig, fich aktiv an der neuen Organisation des wirtschaftlichen
Lebens zu beteiligen. Wo sie verkümmerten, waren sie wie die besitzlosen ländlichen
Taglöhner auf Arbeit bei der nicht zu großen Zahl von Unternehmern angewiesen, welche
nach ihren persönlichen Eigenschaften und ihrem Besitz den technischen und organisa—
torischen Fortschritt in die Hand nehmen konnten. Die gesamten westeuropäischen Staaten
waren 1750 —1850 nach langer Stagnation wieder in eine Phase des wirtschaftlichen
Aufschwunges gekommen; aber die überlieferten Klassenabstufungen waren nicht plötzlich
zu beseitigen. 'Die Bepölkerung blieb nach Rasse, Abstammung, Lebenshaltung, Arbeits—
        <pb n="355" />
        Die Entstehung des heutigen Arbeiterstandes. 343

gewöhnung, Begabung stark differenziert; die einen waren zu geistiger, die anderen zu
mechanischer Arbeit brauchbarer. Die Leute, die vom Gebirge nach der Ebene, vom
Lande nach der Stadt kamen, waren und sind härter, machen geringere Lebensansprüche,
sind aber meist auch zunächst zu feinerer Arbeit weniger tauglich.
Die Bevölkerung wuchs teilweise seit dem 16. Jahrhundert, noch mehr seit 1750;
sie war fast überall seither über ihren Nahrungsspielraum hinausgewachsen; für über—
flüssige Hände Arbeit zu schaffen, war das Losungswort der merkantilistischen Politik.
Die Hausindustrien haben überall ihre Wurzel in einem Überangebot ländlicher oder
städtischer Arbeitskräfte, wie auch ihre neueste Zunahme (z. B. in der Konfektion rc.)
darauf zurückgeht. Auch wo keine Großindustrie, keine große Gutswirtschaft in Betracht
kam, mußte die Bevölkerungszunahme auf die Bildung besitzloser Arbeiter hinwirken.
Nehmen wir als einfachsten Fall die Geschichte eines freigebliebenen Bauerndorfes mit
fester Gemarkung. Wo 1300 noch 20 Vollhufner saßen, lebten vielleicht 1500 noch
sz Vollhufner, 12 Viertelshufner, einige Kossäten und Taglöhner, und im Jahre 1800
waren daraus 2 oder 3 Vollhufner, 20— 30 Viertelshufner, 50 Kleinstellenbesitzer und
ebenso viele grundbesitzlose Tagelbhner geworden, die in den Wirtschaften der Bauern,
in Forst-, Berg⸗, Straßenarbeit, in der Hausindustrie einen Verdienst suchen mußten.
Auch das Handwerk hat stets, gerade wenn es blühte, in 2—8 Generationen die drei—
und mehrfache Zahl von Kandidaten für die meist nicht stark zunehmende Zahl von
Meisterstellen erzeugt; sie fanden von 1300—1700 in den aufkommenden Söldnerheeren,
in Schreibstuben und Beamtenstellungen, dann auch in Hausindustrie und Fabrik ihren
Unterhalt. Wo vollends die neuere Großindustrie erblühte und exportierte, wuchs die
Menschenzahl sehr rasch; es schien sich jetzt so leicht eine schrankenlose Erwerbsmöglich—
keit zu eröffnen, und man beeilte sich, von 17891870 die alten etwa noch bestehenden
Schranken der Niederlassung und Eheschließung zu beseitigen. Alle Schichten der Ge—
sellschaft nahmen rasch zu, und wer nicht als Bauer oder Meister, als Künstler oder
Beamter, als Kaufmann oder Krämer eine Stellung fand, dem blieb keine andere Wahl,.
denn als Lohnarbeiter sich eine solche zu suchen.
Das Geldlohnverhältnis für ältere verheiratete Leute war nun nicht etwa seit 1750
etwas ganz neu sich Bildendes. Wo schon in älterer Zeit auf Grund der Geldwirt—
schaft eiwas größere Betriebe sich gebildet hatten, da war neben dem Lehrling und Ge—
sellen auch ein verheirateter, geldgelohnter Arbeiterstand erstanden, dessen Glieder nur
ausnahmsweise noch Meister oder Unternehmer werden konnten. Die Berg- und Salinen⸗
arbeiter und die Matrosen sind frühe Beispiele von Gruppen von Arbeiterfamilien, die
durch Generationen Arbeiter blieben. Gerade sie waren ursprünglich zu einem großen
Teil Glieder primitiver Arbeitsgenossenschaften gewesen, auf die wir unten kommen, sie
hatten sich aber in dieser Form nicht dauernd ordentlich ernähren können; die Genossen⸗
schaften wie die einzelnen Arbeiter waren unfähig, das von ihnen hergestellte ungeteilte
oder geteilte Produit zu verkaufen, aus ihrer Genossenschaft ein lebensfähiges Unter—
nehmen zu machen; der Verdienst war zu ungleichmäßig; es war für die Leute ein
groößer Fortschritt, wenn besitzende Unternehmer sich fanden, die im stande waren, ihnen,
so lange das Geschäft dauerte, aber unabhängig davon, ob es gut oder schlecht ging,
einen sortlaufenden Geldlohn zu zahlen. Und als in neuerer Zeit eine immer erheb⸗
lichere Zahl von größeren Betrieben und Anstalten der dauernden Arbeitskräfte bedurfte,
da haben fie wohl auch noch, wie seither die kleinen Betriebe, jüngere Leute beschäftigt;
sie haben jogar teilweise übermäßig Kinder und Frauen herangezogen, „Lehrlinge ge—
züchtet“, — 'aber im ganzen war doch damit die Notwendigkeit gegeben, die brauchbaren
Arbeiter Zeit ihres Lebens oder wenigstens bis ins 40., 80. Jahr im Dienst zu be—
halten; der Geselle konnte immer seltener Meister werden. Ein breiterer Stand älterer
verheirateter gewerblicher Arbeiter mußte in der Stadt mit dem Großbetrieb entstehen,
wie auf dem Lande der Stand verheirateter Tagelöhner mit dem Großgutsbetrieb.
Insofern ist es wahr, daß die größeren Unternehmer und ihr Besitz den heutigen
Arbeiterstand schaffen halfen; man muß aber hinzufügen, die Leute waren schon da, sie
entschlossen sich lange Jahrzehnte hindurch ungern und schwer genug, in die Fabrik
        <pb n="356" />
        344 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirkschaft.

einzutreten. Aus dem Zusammenwirken der neuen Technik, des neuen Rechtes, der per—
fönlichen Freiheit, der vordringenden Geldwirtschaft, der bestehenden Gesellschaftsverhält—
nisse, der Bevölkerungszunahme ergab sich das neuere Arbeiisverhältnis, der moderne
Stand von Lohnarbeitern, seine Basierung auf den freien Arbeitsvertrag. Das Wesent—
liche ist dabei folgendes.
Nicht mehr bloß jüngere Leute stehen in abhängigen dauernden Arbeitsstellungen,
sondern auch verheiratete Familienväter und Frauen; ein großer Teil der Arbeilenden
hat keine Hoffnung, wie es früher vielfach der Fall war, mit den Jahren an die Spitze
eines Kleinbetriebes zu kommen; die Mehrzahl der Arbeitenden verkauft nicht einzelne
Arbeitsleistungen, wie die Dienste leistenden Handwerker, sondern sie verrichten in einem
wenn auch löslichen, doch festen und ihre Lebensführung beherrschenden Arbeitsverhältnis
für einen Arbeitigeber täglich bestimmte gleichmäßig sich wiederholende Dienste und
Arbeiten. Aber dafür ist auch für die Mehrzahl der Arbeiter durch eine gleichmäßig
ortgehende Einnahme die Exiftenz wenigstens einigermaßen gesichert; eine erbliche oder
lebenslängliche Berufsbindung, wie früher, besteht nicht; jeder kann seiner Faͤhigkeit
entsprechend sich seinen Verdienst suchen, wo und wie er will. Darin lag eben der
vesentliche Fortschritt. Der Arbeiter ist selbst verantwortlich gemacht; und wenn erst
angsam das rechte Gefühl dieser Verantwortlichkeit sich bildete, wenn es zunächst nur
eine Elite haben konnte, die übrigen ohne die alten Gängelbande teilweise zurückgingen,
der Segen der Freiheit trat doch nach und nach ein, zeigte sich in dem Maße, wie der
Arbeitsvertrag sich richtig ausgestaltete, der Arbeiterstand sich hob. Auch wo der
größere Teil der Arbeitenden erhebliche andere wirtschaftliche Mittel der Existenz nicht
hat als den täglich verdienten Lohn, der nur bei den höheren Stufen sich in Jahres—
gehalte mit dauernder Anstellung verwandelt, konnten Reformen aller Art das Arbeils—
verhältnis verbessern, wie wir im zweiten Teile sehen werden. Auf die einzelnen Seiten
des heutigen Arbeitsvertrages in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht kommen wir
daselbst.
Hier haben wir nur die Entstehung des freien Arbeiterstandes klarzulegen als
ein Glied in der Kette der gesellschaftlichen Arbeits- und Berufsteilung. So Ver—
schiedenes er umfaßt, wie einst die Sklaverei und die Hbrigkeit, alle, welche wir zu ihm
rechnen, stehen nicht bloß unter einer ähnlichen Rechts- und Wirtschaftsinstitution, fon—⸗
dern zeigen auch den übereinstimmenden Zug, daß sie die mehr ausführende, die mehr
mechanische Arbeit arbeitsteilig zu leisten haben, daß sie durch diese Teilung an ihre
Arbeitgeber gekettet sind, daß beide zusammen eine gesellschaftliche Organisation dar—
stellen, auf deren Wesen wir bei der Lehre von der Unternehmung kommen.
Hier haben wir nur noch die Frage zu beantworten, wie groß dieser Lohnarbeiter—
stand sei, und aus welchen einzelnen Elementen er fich zusammensetze. So wenig sicher
die statistischen Grundlagen hiefuͤr sind, jo geben sie doch einigen Anhalt. Für dem allen
preußischen Staat möchte ich folgende, freilich weder erschöpfende noch ganz sichere An—
gaben wagen. Es gab etwa:

1802 1816 1867
Fabrikarbeiter. . O,is Mill., 0,s Mil L,i4 Mill.,
Befellen und Lehrlinge .2 * O, is O,o⸗
landwirtschaftliche Arbeiter 2 O,s 14 —A
1,88 Mill, 2,38 Mil. 83 is.
Also ohne Dienstboten von 1816—67 eine Zunahme von 1,3 auf 3,0, mit ihnen
von etwa 2,8 auf 4,0 Mill.; in Prozenten der ganzen Bevölkerung ein Wachstum von
13 auf 19, mit den Dienstboten don 22 auf 2400; der ganze preußische Siaat dürfte
1867 etwas über 8, mit Dienstboten etwas über 6 Mill. Axrbeiter gehabt haben; im
Jahre 1898 zählte Preußen in Landwirtschaft, Industrie und Handel 75 Mill. Arbeiter
sohne Dienstboten). Das Deutsche Reich hatte nach den Berufszählungen von 1882
O., von 1895 12,5 Mill. Arbeiter ia diesen Produktionszweigen (ohne O,« Mill.
höhere Angestellte, d4 Mill. wechselnde Lohnaheiter un 1,8 Mill. Dienstboten, auch
        <pb n="357" />
        Das heutige Arbeitsverhältnis. Größe und Zusammensetzung der Arbeiterklasse. 345

ohne die Post und die Eisenbahn); das waren 1882 230,0, 1895 250/0 der Gesamt⸗
bevölkerung. Für Frankreich hat man neuerdings noch die Arbeiter auf 18,3, die
Unternehmer auf 21,00/0 der Bevölkerung berechnet (Herkner). Für England giebt
Webb die männlichen Arbeiter zu 1895/0 an: mit den Frauen würden sie also wohl
über 250/0 ausmachen.
Eine große Zunahme der Arbeiterbevölkerung ist also von 1800—-1900 sicher
eingetreten; immer erreicht sie auch heute noch nicht die relative Zahl der Sklaven oder
gar der Hörigen früherer Zeiten. Die verschiedene Zunahme der Zahl der Lohnarbeiter
in den einzelnen Volkswirtschaften, die wir hier statistisch nicht weiter verfolgen können,
wird davon abhängig sein, wie früh und rasch der kleine Bauern- und Handwerker—
stand abnahm, der Großbetrieb zunahm; im Süden und Osten Europas wird er also
weniger umfangreich sein als in England, wo die frühe Vernichtung des Bauern—
standes ihn schon vom 16.—18. Jahrhundert anschwellen ließ. Mag die Erhaltung
des Bauernstandes für jedes Land, da und dort auch die längere Erhaltung des kleinen
Handwerkers ein Glück sein, im übrigen darf die Zunahme des Lohnarbeiterstandes
nicht unter allen Umständen als ein ungünstiges Symptom, als eine Vernichtung des
Mittelstandes, als eine Zunahme abhängiger Existenzen gedeutet werden. Sie ist an
sich ein Zeichen moderner Technik und Betriebsverhältnisse, kann proletarisches Elend,
aber auch je nach Zusammensetzung, Lohn, Arbeitseinrichtungen eine neue Füllung des
Mittelstandes, normale Verhältnisse der unteren Klassen bedeuten.
Das Verhältnis der Lohnarbeiterzahl zur Gesamtbevölkerung giebt überdies auch
statistisch noch keinen erschöpfenden Aufschluß über die Bedeutung derselben gegenüber
den Unternehmern und über die in ihnen stehenden Arbeiterfamilien. Darüber noch
einige Worte und Zahlen.
Im Jahre 1895 kamen in Deutschland in den drei großen Gebieten der Land—
wirtschaft, der Industrie und des Handels nach der Berufszählung:
248ß6 Erwerbsthätige mit ihren
Erwe. athenae allein e uß —I
n — 188 Mill. — 42,10,
ο, —83,600,
7,880, — 54,800,
18.0 Mill. — 100 06/0, 435, Niss. — 100 90.
Von diesem hinter der Gesamtbevölkerung um 7—8 Mill. zurückbleibenden Teile
der Nation machten also die Arbeiter 67,8, mit den Familien 54,390 aus.
Unter diesen Arbeitern stecken nun aber über 2 Mill. mithelfende Familienglieder;
von ihrer Gesamtzahl sind 66,69/0 ledige, 538 —60 010 jüngere Leute unter 80 Jahren.
Verheiratete männliche Arbeiter sind nur 8,— Mill., verheiratete weibliche nur O,s Mill.,
zusammen 4,8 Mill. (von den 12,8 Mill. Arbeitern) vorhanden; es werden also, da
wohl viele der verheirateten Männer und Frauen derselben Familie angehörten, nicht
viel über 4 Mill. Arbeiterfamilien in Deutschland 1895 auf 114512 Mill. Familien
des Reiches existiert haben. Wir sehen zugleich daraus, daß unter den Gesamtzahlen
unserer Arbeiter auch heute noch die jungen ledigen Leute, die unverheirateten, weit
uüberwiegen, daß unier ihnen viele Tausende sind, die später in Unternehmer- oder
andere Stellungen einrücken, dem Mittelstand, teilweise den höheren Klassen angehbren,
sich in andere Kreise verheiraten. Unsere heutige Statistik muß den Millionärssohn,
der als Commis in einem Geschäfte arbeitet, die Tochter des Bauern, die irgendwo
dient, ebenso zum Arbeiterstande rechnen wie den letzten proletarischen Arbeiter.
Auf die Scheidung des Lohnarbeiterstandes in gelernte und ungelernte Arbeiter, in
eine Hierarchie von Kreisen, deren obere Beamtenqualität haben oder sich ihr nahen,
den liberalen Kreisen, dem Mittelftand angehören, ebenso sehr geistige wie mechanische
Arbeit verrichten, haben wir nicht hier, sondern anderweit einzugehen. Diese Differen—
zierung des Arbeiterstandes selbst ist aber eine der wichtigsten und auch der erfreulichsten
Erscheinungen der neuesten volkswirtschaftlichen Entwickelung.
        <pb n="358" />
        346 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

118. Die Scheidung von Landbau und Gewerbe. Die landwirt—
schaftliche und gewerbliche Arbeitsteilung. Einzelne Stämme sind seit ur—
denklichen Zeiten je nach Rasse, Klima und Boden, nach Wohnsitzen, nach Flora und
Fauna ihres Landes bloße Jäger, vbloße Fischer oder bloße Viehzüchter, bloße Bananen—
oder Maisesser geblieben, haben ihre agrarische Wirtschaft nicht zu der vielseitigen Ge—
talt ausgebildet wie die Indogermanen und Semiten, teilweise auch andere Rassen in
den gemäßigten Zonen mit ihrer Verbindung von Ackerbau, Viehzucht, Forstnutzung
und mancherlei Rebengewerben. Wir haben diese auf Eigenproduktion gerichtete Haus—
und Familienwirtschaft schon im Zusammenhange der Geschichte der Technik (S. 204
bis 205) und weiterhin dann für sich geschildert (S. 239 —244), dabei auch die Arbeitsreilung
 dargelegt, die sie besonders in ihrer patriarchalischen Form in den höheren
Kreisen der Gesellschaft ausbildete. Die antike Familie mit Hunderten von Sklaven,
die mittelalterlich grundherrliche Fronhof-, Kloster-, Abtei⸗-, Fürstenwirtschaft ist ein
hauswirtschaftlicher Großbetrieb mit einer erheblichen Zahl Hausämter für Stall, Kriegs—
rüstung, für Vorratshaltung in der Kammer, für Küche und Keller, mit einer Anzahl
Werkstaͤtten und technischen unfreien Arbeitern. In den großen Patricterhäusern, großen
Butswirtschaften, fürstlichen Haushaltungen dauert bis heute eine solche weitgehende
Arbeitsteilung fort. In dem Haushalt des Sultan Abdul Azzis waren in unseren
Tagen noch 6124 Personen arbeitsteilig beschäftigt, 389 allein für den Küchendienst.
Daß im übrigen seit Jahrhunderten diese ältere große Hauswirtschaft sich auflöste,
daß diese Auflösung sich durch Ausscheiduug der gewerblichen Betriebe, durch Verwand—
ung bisheriger arbeitsteiliger Hausbeamten und Diener in selbständige Handwerker und
Berufe vollzog, haben wir bei Besprechung der neueren Familie (S. 245—-246) eben⸗
alls schon dargestellt, brauchen das dort Gesagte nicht zu wiederholen. Es ist die
zroße Scheidung, welche heute Landwirtschaft und Gewerbe, in gewissem Sinne auch
Stadt und Land als besondere Produktionszweige, gesellschaftliche und wirtschaftliche
Bruppen mit ihrer Eigenart, ihren Sonderinteressen erzeugt hat. Die heutige kompli—
ierte volkswirtschaftliche Organisation hat ihren Hauptzweck darin, durch Handel, Markt
und Verkehr diese zwei getrennten Hälften doch in rechte Verbindung, zu glattem Zu—
jammenwirken zu bringen.
Der Scheidungsprozeß zwischen den zwei Gebieten ist aber auch heute noch lange
kein vollständiger und wird es nie werden; die Scheidung ist ja nicht Selbstzweck, fon—
dern ein Mittel, das nur dort sich einstellt, wo die Produktion dadurch erleichtert, ver—
hessert wird.
Sie kann sich nicht einstellen, wo der Verkehr fehlt: der amerikanische Farmer,
der alpine Hofbauer, der schwedische Bauer ist heute noch zugleich Jäger, Baumeister,
Tischler, Backsteinbrenner, Weber, Gerber und sonst noch einiges. Sie vollzieht sich
iber auch da nicht, wo der kleine Bauer nicht recht von seiner Ackerstelle allein leben
sann, wo ein gewisser Absatz von gewerblichen Produkten der Hauswirtschaft — wo der
sogenannte Hausfleiß — möglich wird, auch wo später der ländliche Handwerker nicht vom
Ertrage seines Gewerbes allein bestehen kann. In den osteuropäischen und asiatischen Län—
—D
Prozent der Bauern in der Umgebung Moskaus verrichten gewerbliche Nebenarbeit.
In Mittel- und Westeuropa hat in unserem Jahrhundert mit der Zulassung der
Bewerbe auf dem platten Lande der Handwerksbetrieb als Nebenbeschäftigung am
meisten, viel mehr als in den Städten zugenommen! Für einen thüringischen Bezirk
weist Hildebrand auf 5577 landwirtschaftliche 11752 gemischte Betriebe nach, und für
Württemberg berichtet Rümelin, daß von 117000 landwirtschaftlichen Familien etwa
99 000 irgend einen Nebenerwerb haben. Nach der deutschen Berufszählung von 18095
zaben von den Erwerbsthätigen im Hauptberuf 1 Mill. in der Landwirischaft, 1,6 Mill.
in der Industrie, 8,2 Mill. im ganzen Nebenberufe, und damit ist ihre Zahl entfernt
aicht vollständig erfaßt. Von den deutschen Müllern haben 87, den Brauern 74, den
Brobschmieden 70, den Stellmachern 66, den Maurern und Zimmerleuten 61, den
        <pb n="359" />
        Die große Scheidung von Landwirtschaft und Gewerbe. 347

Bäckern 520/0 einen Nebenberuf. Beinahe 5 Mill. Fälle von Nebenberufen überhaupt
wurden 1895 ermittelt, wovon 8,6 Mill. auf die Landwirtschaft entfallen.
Die Scheidung zwischen Landwirtschaft und anderen Berufen vollzieht sich aber
auch deshalb vielfach nicht, weil alle Versorgung durch den Markt leicht ein Element
der Verteuerung und der Unsicherheit in sich enthält; der Tagelöhner, der Schullehrer,
der Handwerker des platten Landes, der kleinen Stadt spart, wenn er Kartoffeln und
Gemuͤse selbst baut, er giebt damit Frau und Kindern eine heilsame, gegen übertriebene
berufliche Arbeitsspecialifierung schüßende Thätigkeit. Es giebt einsichtige sociale Re⸗
former, die für alle Lohnarbeiter Derartiges wünschen. Ein großer Teil der socia⸗
listischen Schriftsteller hält eine Gesundung unserer Zustände nur möglich unter der
Bedingung allgemeiner Verbindung anderer Berufsarbeit mit Garten- und Ackerbau.
Endlich hat die Loslösung der alten Bestandteile der agrarisch universalen Wirt⸗
ichaft auch gewifse technische und organisatorische Hindernifse. Forstwirtschaft, Bergbau,
Ziegelei, Steinbrüche sind heute meist nicht mehr mit den landwirtschaftlichen Betrieben
derbunden; aber vielfach erscheint die Verbindung doch noch vorteilhaft wegen der Lage der
Forsten und Gruben, wegen der Einteilung der Arbeiten, der Holznutzung ꝛc. Neuerdings
derbindet man den Rübenbau mit der Zuckerindustrie, den Kartoffelbau mit der Spiritus—
brennerei, um sich die Rohstoffe zu sichern, Wege zu sparen, gewisse Nebenprodukte (wie
die Schlempe) als Viehfutter zu verwenden.
All' dies sind heilsame und natürliche Ausnahmen des großen Scheidungsprozesses.
Auch wo sie, wie bei manchen ländlichen Hausindustrien, bei manchen Kleinbauern und
ländlichen Handwerkern die Folge haben, daß die agrarische und gewerbliche Technik
nicht so leicht fortschreitet, kann die Verbindung noch angezeigt sein, wenn die ander—
veiten Vorteile für die Hauswirtschaft, die Wohnweise, das Familienleben, die Moral
schwerwiegender sind als die etwaige technische Unvollkommenheit.
Immer haben diese Ausnahmen und Schranken die große Thatsache nicht gehin⸗
dert, daß die Landwirtschaft unserer Kulturländer heute im ganzen etwas anderes, Speciali⸗
fierteres ist als früher, daß die meisten Gewerbe sich von ihr losgelöst haben. In
edem Dorf sind heute zahlreiche Handwerker; jeder Guts— und Bauernbetrieb kauft
heute dieses und jenes vom Hausierer, läßt vom wandernden Lohnwerker Schuhe und
leider machen, kauft Wagen, Werkzeuge, Pflug und andere Ackergeräte, läßt sich sein
Haus von Maurern und Zimmerern bauen.
Aber im übrigen bleibt dem landwirtschaftlichen Betriebe doch stets eine größere
Vielseitigkeit als den Gewerben. Der Viehzüchter im Gebirge baut zugleich Hafer und
artoffeln; der Ackerbauer in der Ebene hält Vieh, weil er Spannkräfte und Düngung
zraucht, seine Wiesen und Weiden nutzen muß; er muß mit verschiedenen Früchten
wechseln, weil er sonst seinen Boden erschöpft. Die meisten landwirtschaftlichen Arbeiten
find an bestimmte Tages- und Jahreszeiten geknüpft, können nicht dauernd geübt, nicht
ausschließlich denselben Kräften übertragen werden; wer morgens und abends die Kühe
melkt, wer im Frühjahr pflügt, im Sommer die Ernte schneidet, muß zu anderer Zeit
anderes thun. Für alle land- und forstwirtschaftlichen Betriebe handelt es sich um die
ichwierige Kunst, die verschiedensten Thätigkeiten an dieselben Leute im Jahre so zu
verteilen, daß man auch in der Zeit der staͤrksten Arbeit nicht so sehr viel mehr Kräfte
zraucht als im Winter.
Daneben aber hat die neuere Ausbildung des Abfatzes und die Entstehung größerer
Gutswirtschaften doch mancherlei Ansätze zur Arbeitsteilung gebracht. Je mehr der
dandwirt anfing, für den Markt zu produzieren, desto mehr mußte er suchen, das Ein—
träglichste in seinem Betriebe in den Vordergrund zu rücken. Er legte sich vorzugsweise
auf Getreidebau oder Viehzucht, auf Mästerei oder Wollproduktion. Er begann mehr
als bisher je nach Bodenverhältnissen, Größe des Gutes, Arbeitskräften und Kapital—
besitz seinen Betrieb zu specialisieren; der kleine Landwirt warf sich auf Hopfen, Tabak,
Bemüse, der große auf Rübenbau, Pferdezucht und Ahnliches. Und innerhalb eines
größeren Betriebes versuchte man specialisierte gelernte Arbeitskräfte, wie Schäfer,
        <pb n="360" />
        348 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Molkereikundige, Inspektoren, Buchhalter, Maschinenwärter neben den Stallknechten und
Tagelöhnern heranzuziehen.
Ist aus dem vorstehenden klar, daß der landwirtschaftliche Betrieb, so mancherlei
er gegen früher abgestoßen hat, doch keine Teilung der Produktion, wie der gewerbliche
verträgt, daß die Leiter und die Hülfskräfte fich nicht so specialisieren können, wie in
der Industrie, so ist damit zugleich erklärt, warum die Landwirtschaft technisch, wirt—
schaftlich, pfychologisch etwas für sich bleibt. Sie behält stets ein gut Stück Eigen—
— DD
durch ihren isolierten Standort. So sehr der Landwirt rechnen, den Kredit zu benutzen
lernen, die Konjunkturen studieren soll, er kann nie so sehr Spekulant, nie so von der
Geld- und Kreditwirtschaft erfaßt werden wie der Industrielle und Kaufmann. Wie
er deshalb wirtschaftlich, psychologisch und ethisch seit Jahrtausenden als der Antipode
der anderen Hauptberufszweige angesehen wurde, so wird er es auch künftig immer bis
zu einem gewissen Grade bleiben.
An den Boden gebunden, von Natur und Wetter stets ebenso abhängig wie von
Kunst und Technik, glaubt der Ackerbauer nicht so an Neuerung und Fortschritt wie
der Gewerbetreibende. Er ist auch nicht so sparsam, so eifrig; er bleibt leichter im
Schlendrian stecken; der große Grundbesitzer ist leichter ein luxuriöser Verschwender als
der große Fabrikant und Kaufmann. Aber dafür hat der Landmann mehr Achtung
vor der Sitte, ist ein gesünderer und besserer Soldat, ein treuerer und zäherer Patriot.
Das Familien- und das Staatsleben haben kein besseres Fundament als einen bewährten
Stand mittlerer besitzender Ackerbauern, neben dem auf der einen Seite eine grundbesitzende
Aristokratie, auf der anderen eine Mehrzahl kleiner Stellenbesitzer und auf Parzellen
wirtschaftender Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner stehen. Auch die höchste Ent—
wickelung einer arbeitsteilig gegliederten Volkswirtschaft hat sich bis jetzt mit einem
solchen Ideal der Ackerbauorganisation wohl vertragen.
Der Begriff der gewerblichen Thätigkeit in dem eingeschränkteren Sinne, in
welchem heute das Wort als Gegensatz zu Landwirtschaft, Handel und Verkehr gebraucht
wird, ist erst ein Ergebnis der neueren Arbeitsteilung. Man versteht darunter den—
jenigen Teil der wirtschaftlichen Produktion, welcher auf Formveränderung von Roh—
stoffen und auf Dienstleistungen persönlicher Art gerichtet, durch besondere Berufsbildung
und Arbeitsteilung aus der Haus- und Landwirtschaft geschieden, nicht zu dem Handel
und dem Verkehr und den höheren persönlichen Dienstleistungen (liberalen Berufen) ge—
rechnet wird. Alle gewerbliche Thätigkeit entspringt bestimmten Handgriffen und
technischen Geschicklichkeiten, die ursprünglich Bestandteile der primitiven Lebens- und
Ernährungsweise einzelner Stämme waren; einzelne Jäger hatten Waffen, einzelne
Fischer Boote, einzelne Bergstämme eiserne Werkzeuge bereiten gelernt, unendlich lange
Zeiten hindurch erhielt sich der Besitz solcher Fertigkeiten in den betreffenden Stämmen;
nur wenig Neues kam durch Fremde oder durch Nachbarn hinzu, und was die Haupt—
jache ist, die meisten dieser Fertigkeiten blieben lange Gemeinbesitz der Stammesgenossen;
noch in der ältesten patriarchalischen Hauswirtschaft der Semiten und Indogermanen
treffen wir kaum technische Sonderthätigkeiten, die ausschließlich von einzelnen geübt
wurden. Nur wo eine gewisse Rafsenmischung oder Berührung begonnen hat. wird es
langsam anders.
In den ältesten Quellen der Eranier treten als einzige Handwerker die Erz⸗
schmelzer, die zugleich die Metalle verarbeiten, in den indischen Vedas (900 v. Chr.)
neben diesen schon Holzarbeiter auf, die um Entgelt für andere ausüben, was heute
der Zimmermann, Wagenbauer, Tischler, Schnitzer besorgt. Der Schmied ist allerwärts
der erste und wichtigste Handwerker. F. Lenormant behauptet, es sei diese Kunst von
der turanischen Rasse auf die anderen Völker des Orients übergegangen. Bei den
Juden ist der Schmied in den Tagen König Sauls kein Stammesgenosse wie heute
noch bei vielen Stämmen Afrikas. Bei den Südgermanen traten die Schmiede und
andere Handwerker zuerst als zugekaufte Sklaven auf, bei den Nordgermanen haben
Könige und Häuptlinge die Kunfst des Schwertschmiebens zuerst geübt. Das Wahr—
        <pb n="361" />
        Die Entstehung der Gewerbe. Die handwerksmäßige Arbeitsteilung. 349

83 ist, daß sie sie von Fremden lernten und durch sie als tapfere Krieger empor—
tiegen.
In den homerischen Gesängen tritt zum Schmied und zum Holzarbeiter der Töpfer
und der Lederbearbeiter, der lederne Schläuche, Riemen, Gürtel, Helmbänder fertigt;
das Gerben war Sache der Hauswirtschaft, wie bei uns bis tief ins Mittelalter hinein.
So sind bei allen Völkern, die im Begriff stehen, zu höherer wirtschaftlicher Kultur
uͤberzugehen, nur einige wenige Arten von Gewerbetreibenden vorhanden, die meist noch
ähnlich leben wie die anderen Stammesgenossen, aber nebenher für andere um Entgelt
haͤufig im Umherziehen thätig sind, sofern sie nicht als Sklaven arbeiten; sie sind nicht
Verkäufer von Waren, sondern von Arbeit, sie sind Lohnwerker. Sie erscheinen je nach
der Schätzung ihrer Kunst teils als gewöhnliche Bürger, teils als Vornehme, wie die
erwähnten germanischen Schmiede oder die geistlichen Baumeister, Glockengießer und
Glasmaler des älteren Mittelalters. Auch als Gemeindebeamte treten sie auf, wie in
Indien oder im ältesten Griechenland.
J Eine breitere Ausbildung von arbeitsteiligen Gewerbetreibenden, wie wir sie in
Agypten schon von 2000 v. Chr., in Indien von 700 -800 v. Chr., in Griechenland vom
6. Jahrhundert an, in Rom in der späteren Zeit der Republik, in Deutschland vom
12. und 18. Jahrhundert an beobachten, setzt die Werkzeugtechnik seßhafter Völker, die
Anfänge städtischen Wesens, der Baukunst, der Metallverwendung, der Markteinrich⸗
tungen voraus (vergl. S. 208 -205). Fast überall wiederholen sich dieselben Haupt—
handwerke: die Bäcker, die Schmiede, die Goldarbeiter, die Zimmerleute, die Wagner,
die Kürschner, die Gerber und Schuhmacher, die Sattler und Riemer, die Tischler, die
Toͤpfer, die Maurer, die Färber, die Walker, die Kupferschmiede, bald auch die Maler
und Metallgießer, die Metzger und die Weber. Wie 8 Handwerksarten schon unter
König Numänerwähnt werden, so treffen wir mit der Ausbildung städtischer Kultur fast
uberall die 10—20 Handwerksberufe, die für Jahrhunderte die breitbesetzten bleiben.
Im 13.— 15. Jahrhundert haben nur wenige Städte über 1220 anerkannte gewerb—
uͤche Innungen gehabt (Basel 15, Straßburg 20, Magdeburg 12, Danzig 16, Leipzig
und Köln 26, Frankfurt a. M. 1355 12, 1387 20, 1500 28, 1614 40, nur Wien
1288 50, 1463 66, Lubeck 1174 80, Bruügge 1868 650, 1562 72). Freilich umfaßten
einzelne dieser Innungen bereits verschiedene Gewerbe. Wenn man auch die gewerb⸗
lichen Beruse besonders zählt, die nur einzelne Vertreter in einer Stadt und kein
Junungsrecht hatten, einschließlich aller Arten perfönlicher Gewerbe, wie Barbiere,
Musiker, Tänzer, Lastträger, Messer ꝛc., so ist 200-6500 Jahre nach den Anfüngen
städtischer Arbeitsteilung die Zahl der zu unterscheidenden Berufe schon nach Hunderten
zu schätzen. Für das spätere Agypten und Griecchenland ist uns das ebenso bezeugt
wie für Rom in der Kaiserzeit. Der im Codex Theodosianus aufgeführten aristokratischen
Handwerke, die von den sordidis muneribus 837 n. Chr. befreit werden, sind es
allein 838. Für Wien im Jahre 1463 hat Feil schon gegen 100, für Frankfurt 1387
Bücher 148, 1440 191, bis gegen 1500 gegen 800 Arten, für Rostock 1694 Paasche
180 Arten von überwiegend gewerblichen Berufen nachgewiesen. Nach Geering sind in
Basel (14. —15. Jahrhundert) in der Safranzunft allein gegen 100 verschiedene Berufsarten.
 Und in der Renaissancezeit sowie im 17. und 18. Jahrhundert steigt diese Zahl
noch. Bratring zählt für die brandenburgischen Städte 1801 467 verschiedene Berufs⸗
arten, von denen drei Viertel etwa gewerbliche sind, während für China die Zahl der
Gewerbszweige neuerdings von kundiger Seite auf etwa 850 geschätzt wird. Für die
kleine bayerische Stadt Landsberg hat Krallinger nachgewiesen, daß sie 1648 42, 1702
60, 1792 70, 1888 100 Arten von Gewerbetreibenden hatte. Die Zahl der zünftigen
Gewerbe hat in den einzelnen deutschen Städten und Ländern im 18. Jahrhundert
zwischen 25 und 80—100 geschwankt, so daß überall daneben eine große Zahl un—
zünftiger freilich viel weniger besetzter vorhanden war. Für Paris weist Savary 1760
120 eigentliche Gewerbekorporationen nach.
Wir können die ganze gewerbliche Arbeitsteilung dieser Zeit als die Epoche der
handwerksmäßigen Berufs- und Produktsonsteilung bezeichnen. Sind
        <pb n="362" />
        350 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

viele der Handwerker noch umherziehende technische Arbeiter, die auf der „Stör“, auf
dem Lande wie in der Stadt als helsende Glieder für Tage in die Hauswirtschaft kommen,
bald überwiegen doch die in der Stadt auf dem Markte verkaufenden, in ihrer Werkstatt
für ihre Kunden arbeitenden Meister; neben dem Lohnwerk treiben sie das Preiswerk,
verkaufen bestellte Waren an ihre Kunden. Auch so bleiben sie mehr Hülfsorgane der
örtlichen Hauswirtschaften, die bei ihnen bestellen, als Produzenten für einen größeren
Markt. Doch fehlt dieser nicht, erst in der näheren, dann in der weiteren Umgebung.
Große Meister und Händler kaufen zuletzt die Handwerksprodukte für den Fernabsatz; es
entsteht die Hausindustrie vom 14. 518. Jahrhundert. Aber die Arbeitsteilung wird
dadurch zunächst meist nicht viel anders. In der Werkstatt findet zwischen Meister,
Gesellen und Lehrling nur eine geringe Arbeitsteilung statt, jeder erlernt und übt den
ganzen Beruf. Wo Scheidungen sich nötig machen, vollziehen sie sich so, daß statt des
einen Schmiedes der Schlosser, der Klein- und der Grobschmied, der Messerer und der
Harnischmacher entsteht; Bücher nennt das Specialisation der Berufsteilung. Schon
einer späteren Zeit gehört es an, daß dasselbe Rohprodukt vom Klingenschmied zum
Härter und von diesem zum Reider oder Fertigmacher geht, daß Spinnen, Weben,
Färben verschiedene einander in die Hand arbeitende Handwerke werden; Bücher nennt
das Produktionsteilung. War die handwerksmäßige Berufs- und Arbeitsteilung auch
schon da und dort durch die höheren Formen, auf die wir gleich kommen, vom 16. Jahr⸗
hundert an ersetzt, im ganzen herrschte sie bis 1800, ja in Mitteleuropa bis 1860
und 1870 vor.
Die sociale Stellung der Handwerker hing überall an der Schwierigkeit und
Feinheit ihrer Kunst, an dem Umstand, ob sie zugleich Acker- und Hausbesitzer waren,
endlich an ihrer Fähigkeit, sich zu organisieren, sich korporative und politische Rechte
zu erwerben. In Griechenland und Rom erscheinen sie in der Mehrzahl tief herabgedrückt,
und in den deutschen Städten haben sie sich Achtung, Ansehen, bielsach auch Wohlstand
errungen, sind bis in unser Jahrhundert die Vertreter des bürgerlichen Nittelftandes
geblieben.
Die neuere Entwickelung mit ihrer ganz anderen Technik, ihren großen Verkehrs⸗
mitteln, ihrem Kapital, ihrer Organisation des Absatzes durch die Händler auf weite
Entfernungen hat die gewerbliche Arbeitsteilung gänzlich umgestaltet. Zunächst ist die
Specialisation der gewerblichen Betriebe außerordentlich gewachsen; teils so,
daß mehrere verschiedene Betriebe sich in die Fertigstellung dessen für die Märkte teilen,
was bisher in einem Betriebe angefertigt wurde; teils so, daß das eine Geschäft Vor—
arbeiten für andere, Maschinen, Halbfabrikate ꝛc. herstellt. Die besondere Herstellung
von Werkzeugen und Maschinen für spätere Stadien des Produktionsprozesses nennt
Bücher Arbeilsverschiebung. Am meisten in die Augen springend war aber die Teilung
der einzelnen Arbeitsoperationen in derselben Werkstatt, derselben Fabrik; Bücher nennt
diese Art der gewerblichen Arbeitsteilung Arb eitszerlegung.
Die Scheidung der Betriebe drückt sich am deutlichsten in unserer heutigen Ge—
werbestatistik aus: die Tabellen des Zollvereins schieden 1861 erst 92 Arten von Hand⸗
werks- und 121 von Fabrikbetrieben; die Pariser Gewerbestatistik von 1847. 18 hatte
schon 325 Arten von Betrieben unterschieden. Die deutsche Gewerbezählung von 1875
hat 15—1600 Arten von Gewerbebetrieben, und die baherische Publikation fügt allein
398 Gewerbearten als solche hinzu, die nicht in die gegebene Klassifikation einzureihen
ihr gelungen sei. Und wenn wir das systematische Verzeichnis der Gewerbearten der
mit der deutschen Berufszählung von 1882 verbundenen Gewerbezählung ins Auge
fassen, so sehen wir, daß es 4785 Gewerbebenennungen (ohne Handel und Verkehr)
umfaßt; von diesen ist ein erheblicher Teil, wenn man die Zahl der Gewerbearten
lennen lernen will, abzuziehen; jedes Gewerbe, das verschiedene Namen hat, ist mit
allen seinen Namen aufgeführt; aber mehr als ein Drittel der Zahl durften diese
Doppelbenennungen keinenfalls ausmachen. Allein die Metallverarbeitung ohne die
Hutten⸗, Walz⸗ Stahl-⸗ gFrischwerke ohne die Hochöfen- und Hammerwerke, aber ein⸗
schlieklich der Maschinen- und Werkzeuginduftue, gliedert sich in 1248 verschiedene
        <pb n="363" />
        Die neuere Arbeitsteilung der Betriebe. Die Arbeitszerlegung in ihnen. 351

Arten von Betrieben; mögen von dieser Zahl vielleicht 100-200 abzuziehen sein wegen
Doppelbenennung, wie Messerschmiede und Messerfabrikanten, auch der Rest der Zahl
und noch mehr die Einzelheiten, aus denen sie erwächst, zeigen doch, welch' erstaunliche
Arbeitsteilung heute zwischen den Betrieben stattfindet. Die Verarbeitung von Metall—
legierungen zaͤhlt 112, die Nadler- und Drahtwarenverfertigung 57, die Verfertigung
von Spinn⸗ und Webmaschinen 73, die Maschinenherstellung 239, die Verfertigung
musikalischer Instrumente 5 Specialitäten von Geschäftsarlen. Und dabei ist die
Unterscheidung noch nicht so weitgehend, wie sie sein könnte und da und dort ist.
Die Uhrmacherei ist mit 38 Geschäftsarten angeführt, während man in La Chaux do
Fonds schon früher 53, in England 102 Specialitäten zählte. Die Spielwaren aus
Metall bilden nur eine Nummer, während in dieser Branche die Geschäfte, welche ver—⸗
schiedene Soldätchen, verschiedene Wägelchen ⁊c. anfertigen, noch in eine Reihe von
Arten unterschieden werden könnten.
Das Virzeichnis kann uns belehren, wie selbst unsfere alten einfachsten Gewerbe
sich geteilt haben: die gewöhnlichen Gärtner zerfallen heute in Rosen-, Kamelien-,
Blumenzwiebelzüchter, Oostbaumzüchter, Samenzüchter, Baumschuleninhaber, dann in
Anlagen- und Landschaftsgärtner, in städtische Verkaͤufer und Kranzbinder. Die Gerberei
und Lederfabrikation zerfällt in 420—50 Specialitäten; die Buchbinder- und Cartonnage—
fabrikation in noch erheblich mehr. Auch die Bäcker und Fleischer sind in den größeren
Sladten in eine ganze Reihe besonderer Gewerbszweige gespalten. Die Herstellung von
Fleischkonserven, Würsten, Pasteten, Tafelbouillon, die Geflügelmästung, die Pökelei und
Raucherei, die Schmalzsiederei ist zu besonderen Geschäften geworden. Viehhändler und
Importfirmen, Viehmakler, Groß- und Kleinschlaͤchter, Fleischlieferanten für große An—
stalten, Fleischwarenverkäufer, Eingeweidehändler, ambulante und stehende Kochläden
sreten in den Großstädten neben einander auf. Die neueste Gewerbezählung von 1895
hat noch viel weitere Unterschiede in der Betriebsscheidung nachgewiesen als die
von 1882.
Je mehr aus technischen und organisatorischen Gründen häufig jetzt in Riesen—
unternehmungen die früher meist getrennte Spinnerei, Weberei und Färberei vereinigt,
das Erz- und Kohlenbergwerk mit Hochöfen, Gießerei, Walzwerk und Eisenverarbeitung,
ja mit Waggonfabrik verbunden ist, desto mehr könnte man vermuten, daß die Zahl
der Betriebsßarten durch Zusammenlegung abnehme. Aber das ist in den meisten
Branchen nicht der Fall. Es besteht wohl eine ebenso große Tendenz der Hinaus—
verlegung von Teilprozessen in besondere Betriebe.
Daneben steht nun die Arbeitszerlegung in der vergrößerten Werkstätte,
wie sie vom 16. und 17. Jahrhundert an begann; schon wenn man statt zwei zehn und
zwanzig Webstühle in einem Raume ausstellte, noch mehr, wenn man den Stellmacher,
Tischler, Polsterer, Glaser, Lackierer und Vergolder zur Wagenfabrikation unter einem
Dache vereinigte, war es natürlich, daß man nicht mehr, wie im Handwerk, jeden alles
machen ließ, sondern die Mitwirkenden nach Alter, Kraft, Geschicklichkeit einteilte, jeden
ausschließlich mit dem beschäftigte, wozu er am geschicktesten war. Man hatte mit
dieser Einteilung zugleich den Vorteil, Kinder, Frauen, alte Leute besser verwenden und
beschäftigen zu können; eine größere Specialisierung der Werkzeuge trat ein; ein sichereres
und schnelleres Ineinandergreifen der Teiloperationen war möglich. Es war zugleich
eine Scheidung aller mitwirkenden Personen in höhere, mittlere und untere, in hoch
und gering bezahlte Kräfte. Es ist die Arbeitsteilung, die Adam Smith durch die
18 Operatsonen der Stecknadel-, Say durch die 70 der Spielkartenfabrikation illustriert,
die Karl Marx als die Arbeitsleilung der Manufakturperiode bezeichnet. Sie herrscht
aber auch in der heutigen Fabrik, in der Zwischenmeisterwerkstatt der heutigen Haus⸗
industrie, ja in der Heimarbeit, die gerade neuerdings ihre Produkte dadurch am meisten
verbilligt hat, daß sie an dieselbe Person immer nur die gleiche Specialarbeit, z. B. das
Nähen von Kinderschürzen oder Jacken, ausgiebt, aber die Knopflöcher, das Bügeln und
all etwas feineren sonstigen, von der gleichmäßigen Näharbeit abweichenden Thätigkeiten
durch besondere Teilarbeiter machen läßt.
        <pb n="364" />
        352

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Vieles, was man von der Arbeitsteilung überhaupt aussagte, gilt nur von dieser
weitgehendsten Art der gewerblichen Arbeitszerlegung, die zugleich ihren eigentümlichen
Charakter dadurch erhält, daß sie vom Unternehmer angeordnet, meist in der Fabrik
und unter ihrer Disciplin ausgeführt wird. Es ist eine Art specialisierter Arbeit, die
in schroffem Gegensatze zur haus- und landwirtschaftlichen, zur gewerblichen alten Werk—
stattarbeit steht.
Einen etwas verschiedenen Charakter hat diese Arbeitszerlegung, je nachdem sie
mehr an specialisierte Werkzeuge anknüpft und so virtuose Teilarbeiter schafft, deren
Ausbildung, in Jahren erworben, gleichsam einen wertvollen Besitz darstellt oder, je
nachdem die Arbeitsmaschinen gesiegt haben und damit die virtuosen Teilarbeiter über—
flüssig, durch ungelernte und sogenannte Futterarbeiter ersetzt wurden. Gewiß ist mit
der fortschreitenden Maschinenanwendung so ein Teil der Arbeiter technisch herabgedrückt
worden, aber es ist eine große Übertreibung, wenn Marx die Sache so darstellt,
als ob hierdurch fast alle Arbeiter in ungelernte verwandelt, der ganze Arbeiterstand
gesunken wäre.
Die neueste deutsche Berufszählung hat über das Vorkommen der gelernten und
ungelernten Arbeiter zum erstenmale volles Licht verbreitet. Ich führe nach ihr und
anderweiten Nachrichten folgendes an. Es ist zuerst zu bemerken, daß auch viele so—
genannte ungelernte Arbeiter, wie die Spinner und Weber, durch gute und lange Übung zu
halbgelernten werden können. Der ausgezeichnete Maschinenweber kann die doppelte, oft
dreifache Zahl mechanischer Webstühle bedienen. Sehr wichtig ist, daß die ungelernte
gewerbliche Arbeit fast doppelt so stark bei dem weiblichen Geschlecht vorkommt wie beim
männlichen; ferner daß sie in der Landwirtschaft mehr als noch einmal so zahlreich,
im Handel und Verkehr mehr als dreimal so häufig vertreten ist wie im Gewerbe. Die
ungelernte weibliche Arbeit liegt aber im Wesen des weiblichen Geschlechtes an sich mehr
begründet; und die ungelernte landwirtschaftliche Arbeit ist abwechslungsvoll und ge—
sund, ist in der Unmöglichkeit der Arbeitsteilung in der Landwirtschaft begründet; die im
Handel und Verkehr besteht vielfach aus Vertrauenspersonen, aus Kutschern, Hausdienern ꝛc.
Außerdem beschränkt sich in der Industrie die starke Zunahme der ungelernten
Arbeiter auf gewisse Industriegruppen, wie Spinnerei, Weberei, Wäscherei, Färberei,
Buchbinderei, Papier-, chemische, Zuckerfabriken, Hütten ꝛc. In dem größeren Teile der
Maschinen⸗, Metall-⸗, Holz-, Möbel-, Lederindustrie, in den Kunstgewerben, in den alten
Handwerken überwiegt noch heute die gelernte Arbeit; in vielen Industrien hat bis in
die neuere Zeit trotz zahlreicher Maschinen die Specialisierung der Operationen zu—
genommen, und stehen überall neben Futterarbeitern feine Specialarbeiter, z. B. in einer
englischen Tuchfabrik wurden neuerdings 34 Operationen, in einer deutschen Schuh—
warenfabrik 16 unterschieden. Ich führe zuletzt das Gesamtresultat der deutschen Be—
rufszählung und einer Erhebung an, die Bücher für Bafel im Jahre 1888 gemacht hat.
Es gab unter 100 Gewerbetreibenden:

Unternehmer Beamte gelernte ungelernte Arbeiter
in Basel.. .. 24,8 —EX 50,8 9,s
in Deutschland .. 24,8 320 468 25,8 (darunter auch die Familien⸗
glieder, die mit arbeiten).

In diesen Zahlen liegt zugleich ein Hinweis auf die vier socialen Gruppen, welche
die moderne gewerbliche Arbeitsteilung geschaffen hat. An der Spitze der größeren Ge—
schäfte steht die leitende, kaufmännisch und technisch geschulte Aristokratie; die betreffenden
sind meist zugleich die Eigentümer eines erheblichen Teiles des in den Geschäften steckenden
werbenden Kapitals; aber vielfach sind es auch mittellose Kapazitäten, die als Direktoren
von Gesellschaften, als Associss, als Prokuristen die Geschäfte leiten. Neben dieser Klasse
steht im Verhältnis zu bezahlten Beamten heute die rasch wachsende Zahl der Commis,
Techniker, Künstler, Contremaitres, Aufseher, die teils aus dem Handel, teils aus den
liberalen Berufen, teils aus dem höheren Arbeiterstande hervorgehen. Sie bilden zusammen
mit den kleineren Unternehmern die höhere Schicht des Mitielstandes. An dritter und
        <pb n="365" />
        Gelernte und ungelernte Arbeiter. Liberale Berufe— 333

vierter Stelle kommen dann die Arbeiter; die obere, wie mir scheint, größere Abteilung
derselben, die gelernten und besser bezahlten Arbeiter, zu denen noch die höhere Schicht
hausindustrieller Meister tritt, sind, wenn man so sagen darf, die heutigen Nachfolger
des mittelalterlichen Handwerkerstandes; sie bilden mit den noch vorhandenen Hand⸗
werkern und Kleinbauern die untere Hälfte des Mittelstandes. Die nichtgelernten, nicht
arbeitsteilig specialisterten Arbeiter und Tagelöhner bilden eine sociale Klasse für sich;
in früheren Epochen Sklaven oder Leibeigene, sind sie heute freie Arbeiter: ihr Zahlen—
und ihr sonstiges Verhältnis zu den gelernten Arbeitern, zum Mittelstande und zur
gewerblichen Aristokratie ist der Angelpunkt der heutigen socialen Entwickelung.
115.5 Die Arbeitsteilung der liberalen Berufe; die räumliche
Arbeitsteitung. Da wir im vorstehenden schon fast zu ausführlich waren, müssen
wir über diese Teile oder Seiten der Arbeitsteilung uns mit wenigen Worten begnügen.
Das staatliche und Gemeindebeamtentum, der ürztliche, der Künstlerberuf, das
Lehrer- und Gelehrtentum, die Journalistik haben in unseren neueren Volkswirtschaften
eine steigende Ausdehnung, eine zunehmende Specialisierung ihrer Thätigkeitssphären
erhalten. Das Eigentümliche ihrer Beruse liegt in dem Umstande, daß viele dieser
Thätigkeiten in älterer Zeit unbezahlte NRebenbeschäftigung der Priester oder anderer
Aristokraten war, daß daneben aber früh der bezahlte Spielmann, Gaukler, Arzt,
Künstler trat. Die Formen und Grenzen dieser Bezahlung waren nicht rasch und nicht
leicht zu finden.
Die aͤltere aristokratische Einrichtung der Nichtbezahlung hatte das für sich, daß
diese höheren liberalen Thätigkeiten meist leiden, schlecht ausgeübt werden, wenn der
Gewinn sie auslöst. Sokrates verachtet die Sophisten, die für den Unterricht sich
bezahlen lassen, als Krämer, welche mit den Gütern der Seele Handel treiben. Noch
heute giebt es viele hieher gehörige Handlungen und Dienste, für welche der anständige
Mann nichts nimmt: der ganze unbezahlte Ehrendienst in der Selbstverwaltung gehört
hieher.
Aber das Princip reichte schon im Altertume nicht aus, heute noch viel weniger.
Allerwäürts entstand mit der Gelbwirtschaft und höheren Arbeitsteilung die Bezahlung
der liberalen Thätigkeit; es drängten sich dazu die Talente aus allen Klassen. Die
Folge war zunächst in Griechenland und Rom schlimm genug. Wir sehen in Athen
und Rom eine Schicht geld- und ruhmdürstiger Elemente, deren Charakterlosigkeit,
Korruption und Gewinnsucht sprichwörtlich wurde. Es waren Freigelassene, in Rom
hauptfächlich die einstrbmenden afiatischen und griechischen Elemente, Leute, die fich für
aͤlles bezahlen ließen — für die schamlofesten Künste wie für guten ärztlichen Rat, die,
ohne feste Vorbildung, ohne Standesehre, fast als eine Eiterbeule der antiken Gesellschaft
bezeichnet werden können.
Als beim Abergang von der einfachen mittelalterlichen Gesellschaft in die komplizierte
moderne, die unbezahlte Aristokratenarbeit des Klerikers und Patriciers sich wieder in
ähnlicher Weise umwandelte in die demokratische Schreiber⸗, Gelehrten⸗ und Künstler—
rhätigkeit, die nach Lohn geht, drohten ähnliche Gefahren. Man lese die Schilderung
nach, die Burkhardt von dem fahrenden Gelehrten des 15. Jahrhunderts entwirft, man
erinnere sich, wie heute noch vielfach Schauspieler und Journalisten sich aus den Per⸗
sonen rekrulieren, die moralisch oder sonstwie in anderen Carrieren Schiffbruch gelitten.
Aber im ganzen hat die Entwickelung unseres neueren Schul-, Studien-, Examenwesens,
auch das Vereinswesen, die Arztekammern mit ihren Ehrengerichten und anderes derart
die meisten liberalen Berufe zu festen Laufbahnen umgebildet, führt den einzelnen
Gruppen überwiegend homogene Elemente meist aus dem Mittelstande zu, hat eine feste
Slandesehre, feste Sitien und Gewohnheiten über Berufspflichten, sichere Anstands⸗
schranken des Gelderwerbes geschaffen. Damit haben diese liberalen Berufe einen gänzlich
auderen Charakter erhalten, als sie ihn (von den Priestern abgesehen) früher hatten;
die Familien, welche ihre Söhne den liberalen Berufen widmen, sind mehr oder weniger
eine sociale Klasse für sich geworden, die weniger durch Besitz, als durch persönliche
Eigenschaften sich auszeichnet, eine Klasse, die doch jedem Talentvollen offen steht,
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 23
        <pb n="366" />
        354 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

hauptsächlich aber aus den jüngeren Söhnen des Mittelstandes sich rekrutiert. Die
liberalen Berufe haben dem ganzen Mittelstande, der sonst überwiegend dem Geschäfte
und dem Erwerbe lebt, eine edlere Denkungsart eingeimpft und gewisse geistige Schwung—
federn verliehen, den nackten egoistischen Klafseninteressen anderer Kreise ideale Gegen—
gewichte gegeben; diese Kreise haben vielleicht zeitweise mit abstrakten Theorien Staat
und Gesellschaft zu sehr beeinflußt. Im ganzen aber wurden sie die eigentlichen Träger
des wifsenschaftlichen Fortschrittes, des Idealismus, der vornehmen Gesinnung. Der
Stand unserer heutigen Geistlichen und Lehrer, unserer Arzte und Gelehrten, unserer
Künstler und Beamten übt durch seine Berufsthätigkeit wie durch die im ganzen diskrete
und anständige Art seiner Entlohnung einen außerordentlich großen Einfluß auf die
Weiterentwickelung von Gesellschaft und Volkswirtschaft aus.
Diese Entwickelung nun im einzelnen für die verschiedenen hieher gehörigen
Berufskreise darzulegen, in jedem einzelnen die weitere Teilung der Arbeit zu verfolgen,
würde zu viel Raum fordern; es gehörte dazu eine Schilderung der Erziehungseinrichtungen,
der Carrierebedingungen, der verschiedenen Staffeln in jeder Laufbahn, der Art und Höhe
der Bezahlung; es müßte nachgewiesen werden, aus welchen socialen Schichten und
warum aus ihnen der einzelne Stand sich rekrutiert. Man müßte bei der Besprechung
der Beamtencarriere zuerst eine Geschichte der Amter geben, zeigen, wie die höheren,
mittleren, untergeordneten Amter, wie die Berufe der Offiziere, Richter, Verwaltungsbeamten
 nebeneinander entstanden sind, wie erbliche, Wahl-, Ernennungsämter nach
und nebeneinander vorkamen, wie das Besoldungswesen und die unbesoldeten Ehrenämter
sich geftalteten. Es würde all' das hier zu weit führen. Nur das sei zum Schluß
bemerkt, daß die ganze Entwickelung des staatlichen Verfassungs- und Verwaltungs—
apparates unter dem Gesichtspunkte der Arbeitsteilung betrachtet werden kann, und sich
von ihm aus eine Reihe fruchtbarer wissenschaftlicher Gedankenreihen eröffnet. —
Die persönliche Arbeitsgliederung wird im Anschluß an die Natur- und
Verkehrsverhältnisse zur räumlichen Arbeitsteilung,; diese drückt sich aus in der
geographischen Verteilung der landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktionszweige,
in den gesamten Wohnungs- und Siedelungsverhältnissen der Menschen mit Rücksicht
auf ihren Beruf. Wir haben diese Dinge bei der Erörterung der Siedelung schon
besprochen, müssen hier aber mit ein paar Worten auf sie zurückkommen.
Wo Stadt und Dorf nebeneinander entstehen, da ist der erste große Schritt
räumlicher Arbeitsteilung vollzogen: die Landwirtschaft fucht das Land, Gewerbe und
Verkehr die Stadt auf. Es entstanden die stadtwirtschaftlichen Systeme mit ihrer
räumlichen Gliederung. Die Stadt selbst hatte in ihrem Centrum Markt, Kirche, Rat—
haus, Münze, Wage, Gasthäuser, in ihrer Peripherie die Wohnungen, dann die land—
wirtschaftlichen Gebäude, die Wein- und anderen Gärten, sowie ihr Ackerland und ihre
Weide. Die Dörfer in nächster Nähe der Stadt fingen an, die rasch verderblichen,
schwer transportablen Rohprodukte, Gemüse, Milch, Blumen, Stroh, Heu, Kartoffeln zu
erzeugen; von den etwas entfernteren Dörfern kam mehr nur Getreide, von den ferner
liegenden Landbezirken das Vieh, die Wolle und ähnliche leichter transportable Produkte.
Thünen hat, indem er die Einwirkung der Transportkosten auf den Standort der
Landwirtschaftszweige studierte, in seinem isolierten Staate (s. S. 117) diese örtliche Arbeits—
teilung der Bezirke, wie sie unter dem Einflusse eines einheitlichen städtischen Marktes
sich gestalten muß, zuerst richtig erfaßt, sie gleichsam in ein abstraktes Schema gebracht.
Es sind die Zustände, die zugleich die ältere Stadtwirtschaftspolitik erklären, wie wir
sie bereits kennen gelernt haben, wie sie am deutlichsten sich da herausbildeten, wo in
einem Kleinstaate nur ein beherrschender städtischer Mittelpunkt vorhanden war.
Wo Wasserverkehr ist, oder ein verbesserter Landverkehr entsteht, beginnt die
Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Städten und Gegenden. Nur zur Blütezeit der
antiken Weltreiche und in der neueren Zeit hat diese fortschreitende räumliche Arbeits—
teilung eine größere Bedeutung erhalten. Sie war Schritt für Schritt verknüpft mit
der Herstellung größerer Staaten und freier Märkte in ihrem Innern; das Hinterland
mußte seine Küsten und Flußmündungen zu erwerben suchen, die Industriegegend bedurfte
        <pb n="367" />
        Die geographische Arbeitsteilung.

355

hrer Handelsplätze und Ackerbaudistrikte; die intensivste Arbeitsteilung setzt stets staat—
liche Zusammengehbrigkeit voraus, wie umgekehrt jede staatliche Zusammengehörigkeit
mit der Zeit darauf hinarbeitet, daß die politisch verbundenen Teile auch durch eine
erhebliche wirtschaftliche Arbeitsteilung verknüpft werden. Alle moderne nationale
Wirtschafts- und Schutzzollpolitik beruht darauf. Daneben aber greift dieselbe Tendenz
der lokalen Arbeitsteilung doch notwendig über die einzelnen Staaten hinaus; erst
befreundete und benachbarte, später alle eivilisierten Länder kommen mit einander in
Verkehr auf Grund völkerrechtlicher Abmachungen und handelspolitischer Verträge
(vergl. S. 286—-287). Aus der interlokalen wird die internationale Arbeitsteilung;
aus den Nationalwirtschaften hat sich neuerdings die Weltwirtschaft entwickelt, die ihr
Ideal im allgemeinen Weltfrieden und im Siege des Freihandels hat. Die beiden
Tendenzen der nationalen und der internationalen Arbeitsteilung gehen gleichberechtigt
nebeneinander her; so oft sie sich auch bekämpfen, müssen sie immer wieder die den realen
Verhältnissen angepaßten Kompromisse schließen.
Für Deutschland sehen wir hauptsächlich seit dem 15. Jahrhundert die interlokale
Teilung zwischen verschiedenen Städten und Gegenden eintreten. Die früher allerwärts
blühende Tuchindustrie konzentriert sich auf bestimmte Orte, an den anderen geht sie
zurück. Zur selben Zeit fängt die Ulmer und Augsburger Barchentweberei, die Nürn—
berger Metallindustrie, die Solinger Klingenindustrie, die Baseler Papierindustrie an,
mehr für andere Städte als für den lokalen Markt zu arbeiten, wie es schon früher
die flandrische und niederrheinische Tuchindustrie gethan. Die Messen, auf denen diese
interlokale Ärbeitsteilung ihre Produkte tauscht, werden für Deutschland von 1500 bis
1800 so wichtig wie früher die lokalen Wochen- und Jahrmärkte. Für viele Orte
bedeutete dieser Umbildungsprozeß einen unwiederbringlichen Verlust; zahlreiche kleine
Städte sind von da an zurückgegangen; Klagen daruber treffen wir daher auch in
Deutschland wie in England seit dem 16. Jahrhundert. Die ältere gewerbliche Universalität
jeder Stadt war für immer verloren, wo und insoweit diese interlokale Arbeitsteilung
siegte. Roschers Untersuchungen über den Standort der einzelnen Industriezweige ent⸗
halten im wesentlichen den Nachweis, daß in älterer Zeit die meisten Gewerbe nur an
dem Orte des Absatzes gediehen, später an entfernteren Orten mit bestimmten Produktions⸗
vorteilen. Seine zahlreichen Beispiele enthalten hauptfächlich Beweise der Verschiebung
der Standorte innerhalb desselben Landes.
Heute stellt jedes größere Land ein um so ausgebildeteres System räumlicher
Arbeitsteilung dar, je ausgebauter sein Verkehrswesen, je abschließender seine Handels—
politik ist. In der Haupistadt konzentriert sich heute mehr als früher die Central⸗
regierung, die Kunst, die Litteratur, die großen Kreditgeschäfte; in den großen Hafen⸗
platzen konzentriert sich mehr als früher alle Aus- und Einfuhr, schon weil sie allein
die besten Docks, Lagerhäufer und Freihafeneinrichtungen haben, weil hieher die fremden
Besteller am meisten kommen. Aus Hunderten von kleineren Getreide- und Viehhandels—
plätzen werden einige wenige gut gelegene große, wie in Deutschland Danzig, Berlin
und Mannheim. Während früher jede Stadt Wall und Graben hatte, übernehmen jetzt
wenige große Festungen den Schutz des ganzen Staates. Wie die Landes- und Reichs—
hauptstadt, so wachsen die Provinzialhauptstädte durch die Konzentration der Provinzial⸗
verwaltung, durch die provinziellen Anstalten, Sammlungen und Schulen. An einer
Stelle werden die Irren oder Kranken bestimmter Art für eine Provinz oder einen
Bezirk verpflegt, die früher zerstreut waren. Die einzelnen Städte bilden sich mehr
ind mehr zu ftädtischen Specialitäten aus (vergl. S. 273). In wenigen Punkten oder
Gegenden konzentrieren sich die großen Industrien des Maschinenbaues, der Spinnerei,
der Weberei, der Gerberei, der Eisenverhüttung, der Zuckerindustrie für den ganzen
Staat. Hier sind Fachschulen, Techniker, Maschinenbau, Arbeiterbevölkerung darauf ein⸗
zerichtet, Verkehr und Kreditorganisation paßt sich den speciellen Bedürfnissen an. Den
Änstoß hiezu haben die verschiedenartigsten Ursachen gegeben: Gunst der Natur, Ein—⸗
wanderung von Gewerbsleuten, ältere verwandte Industrien, besondere Pflege; meist
reichen die Keime Jahrhunderte zurück: aber während an anderen Orten die ähnlichen
28 *
        <pb n="368" />
        356 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft.

Bestrebungen abstarben, sind sie hier gediehen. Der Konkurrenzkampf war früher ein
nur lokaler, heute ist er mindestens ein nationaler, oft ein internationaler; für alle
leicht versendbaren Waren ist er so stark, daß er jede nicht unter den günstigsten Be—
dingungen arbeitende Industrie beseitigt.
Je kleiner nun aber der Staat, je aufgeschlossener er durch das Meer oder die
Eisenbahnen nach außen ist, je freier seine Handelspolitik, desto mehr setzt sich der
Konkurrenzkampf und die Arbeitsteilung über die politischen Grenzen hinaus fort. Die
großen kontinentalen europäischen Staaten erzeugen noch 75—900/0 ihrer Lebensmittel
selbst, Großbritannien nur noch 26— 50 *0. In der Industrie haben alle europäischen
Großstaaten seit zwei Menschenaltern einzelne Branchen verloren, um andere desto mehr
auszubilden. So ergänzen sie sich in gewissen Specialitäten gegenseitig und suchen ihren
Export nach den Tropen- und Kolonialländern, nach den Ländern mit geringerer tech—
nischer Entwickelung, nach den Ackerbaustaaten zu steigern. Deutschland setzt einen sehr
großen Teil seines produzierten Zuckers, Branntweins, Papiers, seiner chemischen und
Textilwaren im Auslande ab. Von den Seidenwaren des Krefelder Bezirkes gingen 1879
und 1880 für etwa 50 Mill. Mark ins Ausland, für 28 —24 Mill. blieben in Deutsch—
land, von den Barmer Strumpfwaren gehen 750/0 nach außen. Laves hat den Versuch
gemacht zu berechnen, welchen Teil seines Einkommens Deutschland 1880—82 für aus—
wärtige Waren ausgegeben; er kommt zu dem Resultat, es müsse 25—! / sein. Heute
(1899) führen wir bei einem Nationaleinkommen von 20 — 22 für b, Milliarden
Mark ein.
Wenn wir mit Recht diese neueren Fortschritte des Verkehrs und der Weltwirtschaft
bewundern, ihre Folgen für menschliche Wohlfahrt, Frieden und Gesittung preisen, das
dürfen wir daneben nicht übersehen, daß es keineswegs an sich eine Verbesserung bedeutet,
wenn eine zunehmende Zahl Waren lange Wege zwischen den Orten der Produktion
und der Konsumtion zurücklegen. Wo das nicht nötig ist, erscheint bei gleich guter und
billiger Güterversorgung der Konsum am Orte oder in der nächsten Nähe der Produktion
stets als das einfachere und natürlichere. Wenn heute noch die Mehrzahl aller Frauen
ohne tauschwirtschaftliche Arbeitsteilung im Hause thätig ist, wenn die landwirtschaftliche
Bevölkerung heute noch die Hälfte ihrer Produkte selbst verzehrt, wenn heute noch der
zrößere Teil aller Arbeitsteilung sich in derselben Stadt, demselben Kreise, derselben
Provinz, demselben Staate abspielt, so ist das ebenso natürlich und vorteilhaft, wie
wenn einige unserer Großindustrien ihre Produkte in alle Weltteile absetzen. —
120. Die älteren Versuche der Beurteilung und die neuere zahlen—
mäßige Erfassung der Arbeitsteilung. Eine entwickelte Arbeitsteilung erzeugt
sociale Klassen, entgegengesetzte Interessen, einen komplizierten socialen Mechanismus.
Es war natürlich, daß auch die tiefere, nach Erkenntnis ringende Einsicht der großen Denker,
geschweige denn die von Klasseninteressen getrübte Tages meinung über diese große gesell—
schaftliche Erscheinung nicht sofort nach allen Seiten das Richtige traf.
Die Alten faßten zunächst die psychologischen und sittlichen Folgen ins Auge, die
das Leben des dem Staate dienenden Aristokraten und die Thätigkeit des kleinen Acker—
bauers und Handwerkers, des als Betrüger verdächtigen fremden Kaufmannes, des als
Barbaren verachteten Sklaven habe. Wenn Aristoteles sagt, daß die Handarbeit Körper
und Geist abstumpfe, rohe, ungeschlachte Leute schaffe, wenn im Altertume die Klein—
händler, Höker und Geldwechsler als schlechte, verworfene Menschen fast allgemein an—
gesehen wurden, so lag darin neben unbedingter Wahrheit doch auch aristokratischer
Hochmut und Verkennung des Wertes arbeitsteiliger Funktionen von dem Klassenstand⸗
punkte aus, den die Philosophen und Schriftsteller einnahmen. Man sieht das schon
aus den vergeblichen Bemühungen Solons und anderer, Gewerbe, Arbeit, Kaufmannschaft
in der socialen Achtung zu heben.
Die Kirchenväter und die Resormationszeit lehnen sich an die Anschauung der
Alten an. Die Verachtung des Handels ist bei den Aristokraten des 18.—517. Jahr—
hunderts eine ähnliche wie bei Plato; Neid und Mißgunst, Unverständnis in Bezug
auf die Rolle des Handels und wirkliche Beobachtung wirkien zusammen, so daß noch
        <pb n="369" />
        Die ältere Beurteilung der Einzelberufe. Produktivitätslehre. 357

ein so feingebildeter Mann wie Erasmus, um von Luther, Hans Sachs, Hutten zu
schweigen, die Kaufleute als die schmutzigste und thörichtste Menschenklasse bezeichnen
fonnte. Derartige Übertreibungen und der Übergang der Aufmerksamkeit von den
psychologisch-sittlichen auf die damaligen glänzenden gesellichaftlichen Folgen des Handels
bebdingten dann den Umschlag zur merkantilistischen Auffassung: man sah, daß die
Handelsstaaten, die Länder mit starkem innerem Güterumsatz, mit aktivem, direktem
Handel, die Industriewaren ausführenden, seefahrenden, Kolonien erwerbenden Staaten
die reichen waren. Und so kam man zu der Lehre, was Edelmetall ins Land bringe,
also hauptsächlich der Handel, sei allen anderen Thätigkeiten vorzuziehen. Es kam das
Stichwort auf, diese geldschaffende Arbeit sei allein oder vorzugsweise produktiv,
welchem dann die Physokraten den Satz entgegenstellten, daß nur die Ackerbauer, welche
die brauchbaren Stoffe vermehrten, produktiv, die anderen Gefellschaftsklassen steril seien;
der Handel bringe die Waren nur von einer Hand in die andere, vermehre fie nicht,
jsei unproduktiv. Ad. Smith will der Landwirtschaft die größere Produktivität lassen,
nennt aber auch Gewerbe und Handel produktiv. Und die neuere deutsche National⸗
okonomie will diesen Ehrentitel dann ebenso für die persönlichen wirtschaftlichen Dienst⸗
leistungen wie für die liberalen Berufe in Anspruch nehmen, während die materialistische
Demokratie mit Vorliebe bis heute den Satz wiederholt, daß Fürsten und Beamte,
Soldaten und Geistliche unproduktiv seien.
All' diesen schiefen Theoremen lag der Gedanke einer Klassifikation und Rang—
ordnung der arbeilsteiligen Berufe zu Grunde, sowie die Absicht zu beweisen, daß diese
oder jene Berufe vorzugsweise befördert, andere eingeschränkt werden müßten. Weil man
den ganzen Zusammenhang der Arbeitsteilung, die mit ihr verknüpften Institutionen
und Folgen noch nicht übersah, strebte man nach einer einfachen dogmatischen Formel,
die den Schlüssel der Erkenninis abgeben sollte. Und an das vieldeutige Wort produktiv
knüpfte man nun in wirrer Weise privat- und volkswirtschaftliche, technische, sittliche
und politische Gedankenreihen. Der eine dachte au die Vermehrung des Verkehrs, der
andere an die Vermehrung der Warenvorräte, der dritte an die Wertbildung, der vierte
an den privaten, der fünfte an den socialen Nutzen, der sechste an den moralischen
Einfluß und die indirekten Wirkungen der verschiedenen Berufe. Es ist klar, daß von
jedem dieser Standpunkte eine andere Rangordnung der arbeitsteiligen Berufe sich ergiebt.
Der ganze hieran sich knüpfende, noch von Hermann, Roscher und anderen mit
Umständlichkeit vorgetragene Schulstreit kann heute als eine Antiquität der volkswirt⸗
schaftlichen Dogmatik gellen. Er hatte den Wert, die Aufmerksamkeit auf die Gesamt⸗
solgen der Arbeitsteilung gegenüber den früheren, ausschließlich in Betracht gezogenen
psychologischen und individuell-moralischen Folgen hinzulenken und zu der Erkenntnis
zu führen, daß die schmälere oder reichlichere Besetzung der einzelnen Berufsgruppen
zine Folge notwendiger historischer Entwickelung der Gesellschaft und der Volkswirtschaft
jei, daß also eine geographische und historische Vergleichung der Zustände eintreten
müsse, daß dann die Verschiebenheit der Ergebnifse gedeutet werden könne teils als
Produkt des verschiedenen normalen Entwickelungsgrades, teils als eine Abweichung
hiervon, die besondere Ursachen habe. Solche Resultate können in der Besonderheit der
Zustände, z. B. eines Handelsftaates, liegen, wie in der Hypertrophie ungesunder
Bildungen,z. B. eines Übermaßes von Geistlichen, von Zwischenhändlern, von Acker—
bauern, gegenüber dem Bedürfnisse und den Leistungen. Hauptsächlich Roscher hat auf
diese Verhältnismäßigkeit der Besetzung hingewiesen und betont, daß übermäßig viel
Diener und Mönche, wie in Spanien, nicht anormaler erscheinen, als ein Ackerbau⸗
proletariat wie das irische, das pro Kopf nur !4—!/s dessen erzeuge, was die gleiche
Zahl englischer Landwirte hervorbringe. Dieses Beispiel zeigt zugleich, wie die älteren
Zersuche, mit dem Schlagworte der Produktivität die socialen und wirtschaftlichen
Fesamizustände der Länder abzuthun, das aussichtslose Bestreben enthielten, Technitk,
Organigation, wirtschaftliche und ethische Leistung aller Berufszweige aller verschiedenen
Länder auf einen einheitlichen Nenner zu bringen.
        <pb n="370" />
        358 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

So ist an die Stelle der Lehre von der Produktivität der Arbeitszweige heute
der Versuch getreten, die Berufsgliederung historisch und statistisch zu erfassen. Und
Arbeiten wie die von Bücher über die Bevölkerung in Frankfurt a. M. im 14. bis
15. Jahrhundert zeigen, was selbst für ältere Zeiten möglich ist. Im übrigen ist auch
das Material unserer Zeit bisher wenig zuverlässig gewesen, weil bei Erhebungen des
Berufes die Grenzen so schwer festzustellen sind und so leicht bei jeder Zählung wieder
etwas anders gesetzt werden. Will man nur die eigentlich im Berufe Thätigen, die
sogenannten Erwerbsthätigen, zählen, so bleibt immer fraglich, wie weit man im Berufe
nebenbei mithelfende Frauen, Kinder und Dienstboten mitzählen soll. Von einer großen
Zahl bald da bald dort beschäftigter Arbeiter und Tagelöhner ist immer zweifelhäft,
welcher Gruppe fie zuzurechnen sind. Zählt man die landwirtschaftlich Thaͤtigen oder
die Gewerbetreibenden allein für sich, so erhält man stets zu hohe Zahlen, weil noch
heute Tausende und Millionen beides verbinden. (Vergl. oben S. 346—347.)
Das sind die einfachen Gründe, weshalb man alle älteren Angaben über Berufs—
statistik mit Zweifel betrachten muß; ich will nur Vereinzeltes aus ihnen und dann
neuere Berechnungen von Bodio und aus den deutschen Berufszählungen kurz anführen.
Zu einer Begründung der Zahlen ist hier kein Raum. Ich suche im ganzen die Prozentzahlen
 der gesamten Bevölkerung, d. h. der Erwerbsthäligen nebst Angehörigen und
Dienenden, nicht die der Erwerbsthätigen allein zu geben, weil letztere zu ungleichmäßig
abgegrenzt werden.
Die erste Frage ist, welchen Anteil die Urproduktion (Land- und Forstwirtschaft,
Gärtnerei ꝛc.) an der Gesamtbevölkerung noch habe. Eine Berechnung über den Kauton
Zürich kommt zu dem Ergebnis, es seien 1629 88, 1775 833, 1890 27 6/0 gewesen.
In den meisten europäischen Staaten nimmt sie gegenwärtig nicht mehr die Hälfte in
Anspruch, nur (nach Bodio) in Italien 32, in Irland 54, in Cisleithanien 88, in
Ungarn 62, in Rußland wohl noch über 70, im Kanton Wallis beinahe 7830/05 fie
iinkt in Sachsen auf 18, in England auf 18 0/0. Nach der Tabelle des deutschen
statistischen Amtes von 1884 fallen auf die Urproduktion in der Schweiz 42, in
Deutschland 42 (1895 36), in Dänemark 485, in Frankreich 48, in Hsterreich 55, in
Norwegen und Schweden 55 0/0. In Großbritannien sinkt die Prozentziffer von 88
1811) auf 28 (1881), 21 (18661) und 16 (1881), in Preußen von 78 (1816) auf 64
(1849), 48 (1867) und 42 (1882). Nach preußischen Gebielsteilen stellt sich die Ziffer
1882 auf 63 in Posen, 62 in Ostpreußen, 52 in Pommern, 48 in Hannover, 48 in
Schlesien und Brandenburg, 41 in Schleswig-Holstein, 89 in Hessen-Nassau, 46 in
Sachsen, 33 in Westfalen, 80 am Rhein; ähnlich schwanken die anderen deutschen
Staaten zwischen 30 und 500/0. Im mittelalterlichen Frankfurt nimmt die Urprodultion
noch 18—19, im heutigen 2230/0 in Anspruch.
In der Abnahme der landwirtschaftlichen Prozentziffer von 83, 70, 60 bis zu
30, 15 und 10 sehen wir die ganze neuere Wirtschaftsgeschichte des betreffenden Staates,
die Umbildung des Agrarstaates zum Industriestaate, wie man es neuerdings bezeichnete.
Natürlich kann dieselbe Abnahme der Prozentzahl sehr Verschiedenes bedeuten, je nachdem
sie auch absolute Abnahme oder nur relative der landwirtschaftlich Thätigen bedeutet,
je nachdem sie durch eine sehr intenstve, mit Maschinen betriebene Landwirtschaft aus—
geglichen wird oder nicht, je nach der nötigen Zunahme der Einfuhr von Lebensmitteln
und je nach der Sicherheit dieser Zufuhr.
Als komplementäre Zahlen zu den eben angeführten erscheinen nun die über die
Gewerbe (Industrie, Bergbau, Handwerk). Unter 11-120/0 sinkt ihr Anteil an der
Besamtbevölkerung heute selbst nicht in den agrikolen europäischen Gebieten, z. B. in
Schweden und im Kanton Wallis; in Ostpreußen und Posen sind es 16—17, ähnlich
in Norwegen; in Ungarn kamen 1857 17, in Cisleithanien 210/0 auf die Gewerbe,
jetzt 21 und 29; für Dänemark berechnet Bodio 1880 80 0/0, für Italien 1881 25,
jür Frankreich 1880 24, für die Schweiß 1870 35, 1880 42 0/0; für Deutschland zählte
man 1882 85 (Rhein 44, Sachsen 55, Westfalen 48, Württemberg 88, Bayern 27),
1895 39, für England 1881 565, 1891 537, für Belagien 1846 81. 1880 57 804
        <pb n="371" />
        Berufsstatistik. Agrar⸗ und Industriestaat. 359

100 Einwohnern überhaupt sind nach einer Berechnung von Jannasch eigentliche gewerblich
Thätige (1870 —80) in Ungarn 4, in Frankreich und Hsterreich 11 —12, in Deutschland
145, in der Schweiz und Belgien 18—–19, in England 22.
Die Zahl der gewerblichen Bevölkerung ist also heute eine geringe, wo sie 11918 0/0
umfaßt, eine mittlere, wo es sich um 19-386 handelt, eine starke, wo sie bis 5700 an—
fteigt. Deutschland erreicht Belgien und die Schweiz noch nicht, England entfernt nicht.
Die Personen, welche dem Handel und Verkehr ihre Thätigkeit widmen, machen
nebst ihren Angehbrigen in den großen europäischen Ländern der Gegenwart wohl
nirgends unter S—5/0 und über 11213“0 aus; in Berlin freilich 22, in Hamburg 31;
sie sind aber als Städte nicht mit größeren Gebieten vergleichbar. Zur Illustration
mag beigefügt werden, daß in Frankfurt a. M. 1440 die Gewerbe 58, Handel und
Verkehr 13, im Jahre 1882 erstere 88, letztere 312320/0 der selbständigen Erwerbs—
thätigen beanspruchten. Nach der deutschen Berufszählung von 1882, welche Eisenbahnen
und Posten nicht mit umfsaßt, haben fast alle Provinzen und Länder über 7—80/0,
Heffen⸗Nassau, Rheinprovinz, Schleswig-Holstein, Sachsen, Braunschweig stiegen über 1000.
Die liberalen Berufe schwanken, soweit wir Nachrichten haben, zwischen 2 und 8,
in der deutschen Berufszählung zwischen 8 und 80/0; in den großen Städten machen
sie 11—120/0 aus. Für genauere Vergleiche bestimmter Teile fehlen meist die Zusammen⸗
stellungen, so lehrreich sie wären; Bodio hat einige geliefert, die uns z. B. zeigen, daß
in den'Vereinigien Staaten dreimal soviel Advokaten sind als in England, in Italien
zwei⸗ bis dreimal soviel Geistliche als in Deutschland.
Es geht in diesem Punkte wie oft mit der Statistik; gerade wo sie uns die lehr—
reichsten Ausblicke eröffnen sollte, verläßt uns das Instrument, weil es noch zu roh, zu
wenig entwickelt, und weil auch das von ihr gelieferte Rohmaterial zu wenig bearbeitet
ist. “ Wir müssen uns hier mit diesen wenigen Zahlen und Andeutungen begnügen,
die nur den Zweck haben, einen summarischen Einblick in die Gesamtresultate der
heutigen Berufs- und Arbeitsteilung zu geben.
1211 Die Ursachen und Bedingungen der Arbeitsteilung haben
wir schon in der Einleitung andeutungsweise berührt, wir haben jetzt auf Grund des
vorgeführten Thatsachenmaterials zu versuchen, sie präcis und möglichst erschöpfend zu
formulieren.
Die Arbeitsteilung entspringt der feineren und specialifierten Ausbildung aller
menschlichen Thätigkeit; es entstehen Einzelaufgaben, denen nicht jeder gleich gewachsen
ist, die gut nur der bemeistern kann, der hiezu besondere körperliche und geistige Fähig—
keilen hat, der hiezu angelernt ist, dieser Ausgabe sein Leben widmet.
Wie der einzelne Mensch aus seiner Thätigkeit ein zusammenhängendes, durch—
dachtes System macht und so rationeller, arbeitsparender seine Bedürfnisse befriedigt, so
kommt die Gesellschaft durch rationelle Specialisierung der Thätigkeit ihrer Glieder, durch
Zuweisung der geteilten Arbeit an die hiefür Passenden zu immer größeren Erfolgen.
Die Arbeitsteilung fetzt, wie wir von Anfang an erwähnt, eine sociale Gemeinschaft
voraus: wir fügen jet bei: sie setzt eine Berührung und Verständigung der zur An⸗
passung an specialisierte Arbeit und zur Organisation fähigen Personen voraus. Wie
fie möglich ist in der patriarchalischen Hauswirtschast, so gelingt fie zwischen Stadt
und Land, zwischen zwei Welten, die häufigen Dampsschiffahrtsverkehr haben. Eine
immer dichtere Bevölkerung, größere Gemeinwesen und Staaten, höhere Staatengemein—
schaft wird ihr günstig sein, ebenso wie alle Verbesserung der Verkehrsmittel. Sie wird
auch unter diesen Voraussetzungen nur gelingen, wenn eine kluge, zum Fortschritt
geneigte Bevölkerung sie benuͤtzt, wenn nicht starre Sitten und Rechtsinstitutionen, wie
da und dort das Kasten- und Zunftwesen, die Anderung hindern. Aber es müssen
außerdem noch gewisse Bedingungen erfüllt sein, um sie möglich zu machen: die
specialisierte Funktion muß in der Regel dauernd, gleichmäßig ausgeführt werden können,
die Teiloperationen müssen zeitlich zugleich verrichtet werden, die Zusammenwirkenden
müssen örtlich und geschäftlich richtig nebcneinander gestellt, in Verbindung gebracht
werden können. Es muß ein gewisses Verständnis fuͤr die erwachsende Ersparnis an
        <pb n="372" />
        360 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Kräften, für die so erzielte bessere oder größere Leistung vorhanden sein, die Bedürfnisse
müssen gestiegen oder verfeinert sein, oder es muß die Aussicht hiefür vorliegen; eine
zrößere und bessere Produktion muß erwünscht oder gefordert sein. Endlich wird jede
Arbeitsteilung nur Hand in Hand mit Fortschritten der Technik und der Kapitalbildung
sich vollziehen. Die phönikisch-ägyptische Werkzeugtechnik hat die gewerbliche Arbeits—
teilung für mehrere Jahrtausende bestimmt; aber nur die wohlhabenderen Völker konnten
sie anwenden. Die technischen Fortschritte der Renaissancezeit haben neben den Verkehrs—
verbesserungen aus der kleinen Werkstatt des Altertums und Mittelalters seit dem 15.
und 16. Jahrhundert in Süd- und Westeuropa die Hausindustrien und die arbeits—
teiligen Manufakturen gemacht. Seit 100 Jahren ist es die moderne Maschinentechnik,
die bei den reichen und mit guten Verkehrsmitteln ausgestatteten Völkern oder vielmehr
in gewissen begünstigten Mittelpunkten derselben die höchste Arbeitsteilung erzeugte.
Wie der moderne Augenarzt sich erst vom gewöhnlichen Arzt schied, als zu einer
zgenügenden Anzahl Augenkranker in der großen Stadt der Augenspiegel und andere
besondere technische Hülfsmittel der Augenheilkunde kamen, so entstand an Stelle des
Handspinners und Handwebers die moderne arbeitsteilige Textilindustrie, als zu dem
bermehrten Leinwand- und Tuchabsatze die Spinnmaschine, der Kraftwebstuhl, die chemische
Bleiche und ein Stand von Kaufleuten und Verlegern hinzukam, der große Kapitalien
in die Manufakturen und Fabriken stecken konnte. Ein einfacher alter Holzwebstuhl
kostet 30 Mark, hundert Weber brauchen also nicht viel mehr an Werkzeugkapital als
etwa 3000 Mark; um 100 Arbeiter in einer heutigen Maschinenwebanstalt mit Utensilien
auszustatten, dazu gehören schon Hunderttausende von Mark.
Den praktischen Anstoß aber zu der Ausführung jedes einzelnen Schrittes der
Arbeitsteilung, zu dem die Bedingungen im übrigen vorliegen, giebt in der Regel der
Kampf ums Dasein, die Konkurrenz. Daher die große und rasche Zunahme der Arbeits—
teilung infolge der heutigen liberalen wirtschaftlichen Gesetzgebung und der verbesserten
Verkehrsmittel. Wo die Bevölkerung nicht wächst, wo in hergebrachter Weise Platz für
die Überschüsse der Bevölkerung ist, da schreitet sie nicht leicht voran. Aber wo die
Lage für viele schwieriger wird, da probieren die Fähigsten etwas Neues; wo das
geschieht, da findet sich auch für die schwächeren Kräfte ein Plätzchen; je verschiedener
die Menschen werden und je Verschiedeneres sie thun, desto mehr haben auf demselben
Raume nebeneinander Platz, desto eher vertragen sie sich, schon weil die in verschiedener
Funktion Befindlichen nicht direkt konkurrieren, und jeder des anderen bedarf. Der große
Auslefeprozeß drängt diesen nach oben und jenen nach unten, schiebt jeden an die für
ihn mögliche Stelle und nötigt ihn zur Anpassung. Und indem diese geschieht, gelingt
s auch am ehesten, die Gefühle, die Moral- und Sittenregeln, die Rechtsformen ent—
sprechend umzubilden, ohne welche das neue komplizierte Zusammenwirken sich nicht
zestalten und bewähren kann. Ich sage zuerst ein Wort über die socialen Formen und
Institutionen, welche den neueingeschobenen Gliedern ihren Unterhalt verschaffen, dann
ein folches über den notwendigen pfychologischen Umbildungsprozeß.
Die Arbeitsteilung, wie sie der Hausvater in der Familie anordnet, und die, wie
sie zwischen zwei Fremden stattfindet, die ihre Werkzeuge oder Waren tauschen, sind die
Urtypen der möglichen socialen Anordnung der Beteiligten. Eine herrschaftliche und
eine freie, gewillkürte Form; jene geht von der Gemeinschaft aus, diese erzeugt sie oft—
mals erst, entspringt der Verschiedenheit der Menschen; die hauswirtschaftliche Teilung
führt sie herbei oder fördert sie. In der historischen Entwickelung, können wir sagen,
haben sich aus diesen zwei vier Hauptformen, zwei naturalwirtschaftliche und zwei geld—
wirtschaftliche herausgebildet.
a) die Familie, die patriarchalische Hauswirtschaft der Alten, die Fron- und
Klosterhöfe des Mittelalters, heute noch große Fürstenhaushalte, Truppenkörper, Arbeits—
und Zuchthäuser sind mehr oder weniger naturalwirtschaftliche Verbände, die ihren
Gliedern bestimmte specialifierte Funktionen und dafür Wohnung, Kleidung und Speise,
kurz alles zum Leben Nötige zuweisen. In älterer Zeit ruhten diese Verbände halb
auf Herrschaftsverhältnissen, halb auf dem Blutszusammenhange; beides war intensiv
        <pb n="373" />
        Die vier Formen gesellschaftlicher Ordnung der Arbeitsteilung. 361

ausgebildet; der Individualismus stand nicht hindernd im Wege. Heute ist diese Art
der Organisation wohl in der Familie noch leicht zu ermöglichen, aber wo sie über
dieselbe hinausreicht, ist die Durchführung nur mit schärfster Disciplin möglich. Die
zunehmende Abneigung der modernen Menschen, sich von oben nicht bloß die Arbeit
und die Hausordnung, sondern auch Kleidung, Essen und Trinken und jede Bewegung
vorschreiben zu lassen, erschwert die Bildung solcher Verbände. Und wir sehen daher,
daß diese Form, zumal seit dem Siege der Geldwirtschaft, immer mehr verlassen wird.
Die nötige Unterordnung unter eine strenge Arbeits- und Hausordnung wird heute
wohl noch von der Jugend in Erziehungshäusern und Kasernen, von frommen Mönchen
in Klöstern, von Armen in Armenhäusern, von Verbrechern in Zuchthäusern ertragen,
im übrigen können nur utopische Schwärmer davon träumen, die ganze Volkswirtschaft
unter Aufhebung des Geldverkehrs aus solchen Verbänden aufzubauen oder gar ein
Volk von Millionen wieder in einen einzigen solchen naturalwirtschaftlichen Verband
zu verwandeln. J
b) Wo Gemeinde, Stamm und Staat mit der Seßhaftigkeit, der Priester- und
Kriegerversassung und einem geordneten Ackerbau mit Sklaven und Hörigen zu einer
festen, geordneten Organisation, zur Sammlung von Vorräten, zur Erhebung von
Zehnien und Derartigem gelangen, da wird es möglich, aristokratische Familien mit
dand und abhängigen Arbeitern, sowie mit Zehnten zu dotieren, auch Beamte, unter
Umständen Handwerker mit periodisch zu erhebenden Naturalabgaben auszustatten. Ein
erheblicher Teil der älteren Arbeitsteilung und Klassenordnung ruht auf einem solchen
Systeme, das in seiner Entstehung stets voraussetzt, daß die so Ausgestatteten ihre Kräfte
dein Ganzen widmen. Aber es sehlt in der Regel die Kontrolle der Veistungen, und
daher tritt so leicht die Entartung zu einer Aristokratie des Besitzes ein, die nur ver—
zehren und genießen, höchstens herrschen, aber nicht mehr arbeiten will.
c) In dem Maße, wie die Geldwirtschaft vordringt, hört nicht bloß der Natural—
tausch auf, sondern werden auch die eben erwähnten Formen der herrschaftlichen Organi—
sation und der Dotierung mit Land und Naturalabgaben nach und nach beseitigt. Der
Staat und die Korporationen sammeln nun Vermögen oder legen Steuern um und
erhalten so die Geldmittel, um für bestimmte specialistserte Berufe Leute fest anzustellen
und zu besolden: Geistliche, Beamte, Offiziere, Soldaten, Lehrer, oft auch Arzte und
andere Personen verpflichten sich, gegen feste Jahresgehalte bestimmte arbeitsteilige
Thätigkeiten zu übernehmen; neuerdings stellen auch Privatunternehmungen und Altien⸗
gesellschaften Hunderte und Tausende so an. Im ganzen findet diese Form mehr in
den oberen Schichten der Gesellschaft ihre Anwendung. Immer ist heute bereits ein
sehr großer Teil der arbeitsteilig thätigen Gesellschaft in dieser Weise eingegliedert in
den Zusammenhang der Volkswirtschaft. Die Bezahlung durch Jahresgehalte setzt ein
gleichmäßiges Bedürfnis nach den Leistungen, durch Sitte und Recht geordnete Carrieren
und eine stete Beaufsichtigung der Leistungen voraus. Da die Kontrollen aber stets
sehr schwierig sind, so wird das System leicht zu Faulheit und Schlendrian Anlaß
geben; es wird in den unteren Klassen der Gesellschaft ohne eiserne Disciplin nicht leicht
bestehen können; für die mittleren und oberen kann diese wenigstens teilweise ersetzt
werden durch ein hochgespanntes Ehr- und Pflichtgefühl, durch das Bewußtsein größerer
Verantwortung und steter Kontrolle durch die Hffentlichkeit. Das System hat vor der
naturalwirtschaͤftlichen Eingliederung in einen Herrschaftsverband den Vorzug, die weit—
gehendste Arbeitsteilung möglich zu machen bei größter Freiheit des Familien— und
des individuellen Lebens in den dienstfreien Stunden. Vor der Bezahlung der einzelnen
Ware oder Leistung hat es den Vorzug, den Angestellten vor den täglichen Schwan—
kungen des Marktes zu bewahren, aber den Nachteil, weniger zu Fleiß und Anstrengung
anzuspornen, Leistung und Belohnung unvollkommener einander anzupassen.
d4) Der Hauplierfolg der Geldwirtschast aber ist die Verwandlung des Tausch-—
verkehrs in das Kauf- und Verkaufsgeschäft, der älteren gebundenen Arbeitsverhältnisse
in das jederzeit lösbare Geldlohnverhältnis: die Produktion der Waren für den Markt
und der daran sich schließende Warenhandel, sowie die freien Arbeitsverträge über die
        <pb n="374" />
        362 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

einzelnen Arbeitsleistungen werden das Instrument, die Arbeitsteilung in größerem
Maßstabe als je früher durchzuführen. Das System ist einer geographischen Aus—
dehnung, einer qualitativen Steigerung, einer Verfeinerung fähig, wie keine der anderen
Formen. Auf Grund desselben haben sich Landwirtschaft und Gewerbe, Handel und
Verkehr in ihrer heutigen specialisierten Gestaltung ausgebildet. Die bisherige National—
»konomie hat an diese Form fast ausschließlich gedacht, wenn sie von der Arbeitsteilung
und ihren Bedingungen sprach. Daher die bekannten Sätze: die Ausdehnung des Marktes
ei die Grenze der Arbeitsteilung, die höchste Arbeitsteilung finde statt bei der Produktion
der transportabelsten Waren, deren Markt über die ganze Erde sich erstrecke; größere
Arbeitsteilung in der Stadt als auf dem Dorfe, in der dichtbevölkerten als in der
sparsam bevölkerten Gegend, im Lande mit Flüfssen, Kanälen und Eisenbahnen als in
dem mit schlechten Landwegen; größere Arbeitsteilung im Gewerbe als in der Land—
wirtschaft mit ihren schwer transportablen Waren. Kurz die Lehre: der Verkehr und
seine Ausbildung sei das große Schwungrad für die Ausbildung der Arbeitsteilung.
Der Markt, die Börse, das Maß-, Gewichts- und Geldwesen, die Unternehmung,
das Arbeitsvertragsrecht sind die socialen Institutionen, die zur Verwirklichung dieser
Art von Arbeitsteilung gehören. Angebot und Nachfrage, sowie Preisbildung sind die
socialen Hülssmittel, um die Cirkulation der Güter und Arbeitsleistungen in Bewegung
zu halten. Von all' diesen Erscheinungen ist an anderen Orten zu reden.
Die Resultate dieser Art der Arbeitsteilung sind bald über alle Maßen verherrlicht,
bald maßlos angegriffen worden. Sicher ist, daß durch diese Arbeitsteilung die Indi—
diduen bei steigender Thätigkeit für andere doch unabhängiger von einander werden, daß
die höhere wirtschaftliche und sittliche Entwickelung der Individualität mit ihr in Ver⸗
bindung steht, daß sie aber auch die Menschen zunächst trennt und in scharfe Konflikte
und Interessengegensätze hineinführt, daß die Ausbildung der richtigen Institutionen,
Befühle und Sitten so viel Schwierigkeiten macht, daß die richtigen Grenzen und
Gegengewichte gegen übermäßige Arbeitsteilung hier oft lange nicht gefunden werden.
Wenn diese Form der Arbeitsteilung also auch bei vollendeter Ausbildung einerseits
freie Bewegung und Wegfall von Zwangsmaßregeln, andererfeits eine im ganzen zu—
aehmende Gerechtigkeit der Einkommensverteilung herbeiführt oder wenigstens nicht aus⸗
schließt, so ist doch der allgemeine Satz Dürkheims, daß die zunehmende Arbeitsteilung
tets wachsende Solidarität bedeute, nur beschränkt wahr; das ist mehr eine ideale
Möglichkeit als eine Wirklichkeit, wenigstens für unsere heutige sich umbildende, an
krisen und Verkümmerung großer socialer Klassen leidende Voltswirtschaft. Und daß
diese Mißstände mit der Arbeitsteilung, mit den aus ihr entsprungenen Institutionen
entstanden sind, wird man nicht leugnen können. Es fragt fich nur, ob diese Übel⸗
tände nicht doch gegenüber den älteren und anderen Rechtsformen der Arbeitsteilung
und ihren Härten die geringeren, ob sie nicht zu beseitigen find. Und jedenfalls wird
sede denkbare Organisation der Volkswirtschaft aus einer irgendwie vollzogenen Mischung
der vier erwähnten Formen haushalten müssen. —
Neben den neuen Institutionen, welche die Arbeitsteilung ermöglichen, kommen
aun als letzte Vorbedingung derselben die Veränderungen im ganzen Seelenleben der
Menschen. Die Menschen ohne wesentliche Arbeitsteilung werden wirtschaftlich durch das
einfache Motiv, ihren Bedarf zu decken, beherrscht und direkt geleitet; die Interessen—
gegensätze sind geringer, Habsucht und Erwerbssinn fehlen; in Hauswirtschaft, Sippe,
Stamm, Gemeinde, Staat entstehen in solcher Zeit unschwer die verbindenden sym⸗
pathischen Gefühle, ohne welche die Gesellschaft nicht bestehen kann. Mit der Arbeus—
eilung hört die klare, einfache Leitung des wirtschaftlichen Handelns nach dem Bedarfe auf;
eder muß nun, statt direkt auf die wirtschaftliche Versorgung loszugehen, nach Arbeits⸗
gelegenheit, Absatz, Gewinn, Verdienst sich umsehen, darum mit anderen kämpfen; der
Erwerbssinn, die Konkurrenzleidenschaft entsteht bei den oberen Kreisen; die unteren
sollen für ferne, ihnen unverständliche Zwecke arbeiten, was fie lange nur gezwungen,
urch Not und Hunger getrieben thun. In jedes individuelle Leben zieht nun ein
kompliziertes System von wirtschaftlichen Motiven ein: Hunger und Durst, die Vor—
        <pb n="375" />
        Die Komplizierung der menschlichen Motive durch die Arbeitstetlung. 363

stellung der Bedarfsdeckung wirken noch mit, aber müssen auf komplizierte Umwege sich
begeben; es muß sich ein vielgestaltiges Lock- und Zwangssystem ausbilden, wobei Lohn
und Gewinn, Ehre, Freude am technischen Erfolge, Furcht und Zwang zusammenwirken.
Alles individuelle Leben, seine Gestaltung, die ganze Lebensführung wird jetzt von dem
eingangs erwähnten Kompromiß von unveräußerlichen Eigenzwecken und gesellschaftlichen
Aufgaben und Pflichten, von Zwecken, die dem einzelnen zunächst nicht als die seinen
erscheinen, beherrscht; für solche thätig zu sein, ist schwer zu erlernen; der natürliche
Mensch sträubt sich dagegen, wenn er nicht viel gewinnt. Und wird ihm das gestattet,
so geht er leicht über die Grenze, mißhandelt die Schwächeren. Alle Moral, alle
Pflichtenlehre muß eine andere, kompliziertere werden; alle Erwerbs- und Gewinnarten
müffen erst in Recht und Sitte, im Gefühl und in der Moral ihre rechten Schranken
erhalten. Es ist vielleicht die größte moralisch-pfychologische Aufgabe, vor die die
Menschheit so gestellt ist.
Alle socialen Institutionen, durch welche die Arbeitsteilung allein wirken kann,
sind abhängig von dem jeweiligen Stande dieses pfychologisch-historischen Prozesses; nur
große geistige und moralische Fortschritte können ihn so gestalten, daß die Arbeitsteilung
als rein segensreich sich darstellt. Alle Institutionen der Gesellschaft müssen nun so
beschaffen sein, daß sie nicht bloß dem Bedürfnifse des Tages, dem heutigen Stande der
Arbeitsteilung entsprechen, sondern so, daß sie auch diesen psychologischen Umbildungs⸗
prozeß richtig fördern. Wie schwierig ist das! Wie leicht kann aus der fortschreitenden
Arbeitsteilung deshalb da und dort mehr Reibung und Kampf, mehr Verwirrung und
Druck als vollendete Vergesellschaftung entspringen. —
Fassen wir das über die Ursachen und Bedingungen der Arbeitsteilung Gesagte
nochmal zusammen, und vergleichen wir unsere Auffassung mit der älteren, so leiten wir
sie in erster Linie aus den geistigen und technischen Fortschritten ab, die mit dichterer
Bevölkerung in größeren Staaten unter dem harten Drucke des Daseinskampfes ent—
standen; wir begreifen sie als den elementar notwendigen gesellschaftlichen Anpassungs—
und Differenzierungsprozeß, der stets auf eine höhere Form der Vergesellschaftung hin—
zielt, aber nur unter der Bedingung besserer Moral, vollendeterer gesellschaftlicher Or—
ganifationen und Rechtsformen dies Ziel erreichen kann.
Die manchesterliche Nationalökonomie betrachtete von ihrem technologisch-individua—
listischen Standpunkte aus die Arbeitsteilung als eine Art Wunderwerk, als eine prä—
stabilierte Harmonie, in die sich die selbständig und isoliert gedachten Individuen un—
bewußt oder gelockt durch die Vorteile des Tauschverkehrs gleichsam willenlos einfügen.
Der Socialismus von Marx sah nur in der Despotie des Dorfpatriarchen, des Werkstatt—
vorstehers, des großen Fabrikanten eine vernünftige, weil von oben geleitete Arbeits—
teilung, in allen anderen Teilen derselben eine Anarchie, in der nur Zufall und Willkür
ihr Spiel treiben, und die Marktwerte vergeblich sich abmühen, das Gleichgewicht zwischen
den gesellschaftlichen Arbeitszweigen herzustellen. Während jene ältere manchesterliche
Auffassung unbedingte Freiheit und Willkür, diese jüngere socialistische von Marx centra—
listischen Despotismus für die Durchführung aller Arbeitsteilung verlangte, sind sie
beide das Produkt einer gänzlich unhistorischen, atomistischen und materialistischen Ge—
sellschaftsauffassung. Die Arbeitsteilung ist weder ein absolut harmonischer, noch ein
ganz anarchischer, sondern sie ist ein gesellschaftlicher Prozeß, der in der Einheit von
Sprache, Gedanken, Bedürfnissen und moralischen Ideen seine Grundlage, in der Einheit
von Sitte, Recht und Verkehrsorganisation seine Stützen hat. Sie ist ein Schlachtfeld,
auf dem der Kampf um die Herrschaft und der Irrtum ihre Spuren hinterlassen, aber
sie ist zugleich eine Friedensgemeinschaft mit zunehmender sittlicher Ordnung. Die Fort—
schritte der Technik, des Verkehrs, der Bevölkerung rütteln täglich an dem bestehenden
Systeme der Arbeitsteilung; je komplizierter das ganze System ist, je rascher es sich
ändert und vergrößert, desto leichter kann ein einseitiges Wachsen an dieser oder jener
Stelle und damit eine zeitweise Inkongruenz der arbeitsteilig auf einander angewiefsenen
Teile eintreten. Nur ein Thor könnte leugnen, daß zeitweise recht ungesunde parasitische
Mittelglieder sich in den vielgliedrigen Mechanismus der arbeitsteiligen Gesellschaft
        <pb n="376" />
        364 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

einschieben. Ich erinnere nur an den Ausspruch J. St. Mills, daß neun Zehntel der
englischen Detailhändler entbehrt werden könnten, und an die von Roöscher beigefügte
Anmerkung, die Übersetzung des englischen Detailhandels erzeuge jährlich Bankerotte im
Betrage von 40 Millionen Pfund Sterling. Aber solche Unvollkommenheiten liegen in
der Schwierigkeit des Problems. Sie beweisen nichts gegen die Beherrschung der Arbeitsteilung
 durch eine immer verständigere und immer vollkommenere gefellschaftliche Ordnung.
Diese Ordnung wird durch geistig-moralische Faktoren erzeugt, sie befteht in ein—
zelnen Teilen aus der leicht umbildsamen Sitte, in anderen aus dem starren und festen
Rechte; sie ist teilweise durch Befehle und Gesetze von oben her gemacht, teilweise durch
Anpassungen, freie Verträge, sowie Gewohnheiten der Beteiligten von unten her ent—
standen. Jedenfalls fehlen in ihr nie gewisse einheitliche Tendenzen, gewisse geistig—
sittliche Faktoren, Vorstellungen über das, was gut, recht und billig sei. Immer sind,
auch wo die Ordnung zunächst eine unvollkommene ist, die Anläufe und Ansätze vor—
handen, um aus den Härten und Unvollkommenheiten, aus dem zeits und stellenweifen
Mangel an Harmonie herauszukommen zu besseren Einrichtungen.
122. Die gesellschaftlichen und individuellen Folgen der Arbeits—
deilung haben wir in den bisherigen Betrachtungen über ihre Ursachen und Bedin—
zungen teilweise schon berühren müssen; auf einzelne andere Folgen, z. B. die Eigen—
tumsverteilung und sociale Klassenbildung, kommen wir in den folgenden Kapiteln.
Hier ist aber doch noch kurz auf den Kern derselben einzugehen: was hat die Arbeits—
teilung geschaffen, was hat sie aus Gesellschaft und Individuen gemacht, was hat sie
ihnen genützt und geschadet?
Die Arbeitsteilung ist das große Instrument des Kulturfortschrittes, des größeren
Wohlstandes, der größeren und besseren Arbeitsleistung. Da die beschränkte menschliche
Kraft da mehr leiftet, wo sie nach ihrer Eigentümlichkeit hinpaßt, da die Ausführung
immer schwierigerer geistiger und technischer Aufgaben stets eher den für sie ausgewählten,
auf sie eingeschulten Krästen gelingt, so muß mit der Arbeitsteilung immer Größeres
nit geringerem Aufwande erreicht werden. Arbeitsteilung ist wirtschaftlichere Aus—
ührung aller Arbeit, ist Kraftersparnis. Die Lebensenergie nimmt zu in dem Maße,
vie die Funktionen sich specialisieren; die Specialisierung der gesellschaftlichen Organe
vedeutet bessere Anpassung, höhere Funktion, sichereren Effekt. Indem das gesellschaftliche
System der ineinander gepaßten Thätigkeiten jedem das zuweist, wozu ihn seine Geistes—
und Körperkräfte, seine Rassen- und Familieneigenschaften, jeine Erziehung und seine
Schicksale, seine Gewohnheiten und sein Alter, sein Geschlecht und sein Gefundheitszustand
befonders befähigen, indem diese verschiedenen Thätigkeiten immer geschickter ineinander
zefügt werden, müssen die Leistungen der Gesamtheit immer vollkommenere und größere
werden. In der isolierten Wirtschaft des Individuums findet eine ungeheure Kraft—
oerschwendung statt; zu jeder Stunde muß wieder anderes gethan werden; die Hemmung
und Reibung verbraucht den größeren Teil der Kraft; der Erfolg ist ein minimaler
zegenüber der geteilten und gesellschaftlich richtig geordneten Arbeit. Die kurze Lebens—
dauer und der geringe Umfang der individuellen Kräfte erlauben eine bessere Ausbildung
der geistigen und körperlichen Fähigkeiten nur auf beschränktem Gebiete.
Nur durch die Arbeitsteilung haben wir Denker und Dichter, Künstler und Tech—
niker, geschicke Handwerker und bessere Ackerbauer erhalten; aller geistige und technische,
aller politische und organisatorische Fortschritt beruht auf ihr. Selbst der mittelmäßig
Begabte erlangt durch jahrelange Übung virtuose Fähigkeiten; der Talentvolle erlangt
durch eine Erziehung und Einschulung in einem bestimmten Berufe körperliche und
geistige Fähigkeiten, die ans Wunderbare grenzen. Die Gewöhnung des Geistes und
der Aufmerksamkeit, der Nerven und Muskeln an bestimmte Funktlonen erzeugt nun
eine leichtere Auslosung der betreffenden Thätigkeit; sie geschieht zuletzt automatisch, läßt
die geistige, bisher auf sie verwendete Kraft zur Verfolgung weiterer damit in Zusammen-—
hang stehender Arbeitszwecke frei. Die steigende Geschicklichkeit arbeitsteilig thätiger
Menschen beruht wesentlich auf der Möglichkeit, bei derselben Arbeit eine Reihe von
Gesichtspunkten zugleich und in richtiger Verbindung zu verfolgen. Was die Talente
        <pb n="377" />
        Der gesellschaftliche Erfolg der Arbeitsteilung. 365

und Genies so mit Hülfe der Arbeitsteilung ersannen, das macht in der Folge als
objektive Arbeitsmaxime die Arbeit von Millionen fruchtbarer. Indem arbeitsteilige
Organe uns besonders das abnehmen, was uns übermäßig viel Zeit und Mühe kostet,
wen wir es nicht regelmäßig üben, was uns, wie die Bestellung von Briefen, der
nächtliche Schutz unseres Hauses, nicht mehr Mühe macht, ob wir es für uns allein
oder fur 10 und 100 Nachbarn zugleich besorgen, entsteht eine gesellschaftliche Zeit—
ersparnis ohnegleichen.
Der heutige Staat, die heutige Volks- und Weltwirtschaft mit all' ihrem Glanz,
ihrem Reichtum, sie sind ein Ergebnis der Arbeitsteilung. Die Existenz eines neben—
einander bestehenden regulierenden, produzierenden und verteilenden Systems von Or—
zanen, wie es Herbert Spencer ausdrückt, und alles Zusammenwirken dieser regierenden,
schaffenden und verteilenden Kreise, die Spaltung der regierenden in centrale und lokale,
in Specialzweige, in befehlende und ausführende Organe, die Abzweigung der wirtschaft⸗
lichen Leitung von der regierenden in der Gesellschaft, die Scheidung der liberalen Berufe
von den kirchlichen Funktionen, die Gegensätze von Stadt und Land, von Gewerbe,
Handel und Landwirtschaft, von Unternehmer und Arbeiter, kurz alles dieses kompliziertere
Kulturleben ist eine Folge der Arbeitsteilung. Durch sie kommen alle Glieder einer
Gesellschaft in immer größere Abhängigkeit von einander; die Vergesellschaftung wächst;
oft wachsen auch die Konflikte und Reibungen; aber zuletzt müffen die Losungen gefunden,
die richtigen Verbindungen hergestellt werden. Insofern liegt in der Arbeitsteilung der
Antrieb zum sittlichen Fortschritte, zu immer besseren Institutionen. So oft die Völker
an dem Probleme strauchelten, so viele darüber zu Grunde gingen, den fähigsten gelang
es. Die zunehmende Arbeitsteilung ging bei ihnen Hand in Hand mit dem intellek—
luellen und moralischen Fortschritte. Die Völker mit der größten Arbeitsteilung sind
doch die an Macht, Größe, Bevölkerung, Reichtum, Ausbreitungsmöglichkeit ersten; sie
find denen mit geringerer Arbeitsteilung überlegen, sie bleiben die Sieger im welt—
geschichtlichen Kampfe um den Erdball.
Aber dieser große Erfolg für die Gesamtheit wird nicht ohne schwere Opfer für
einzelne Individuen und Klassen erreicht. Die Arbeitsteilung fordert von ihnen, daß
fie sich einzelnen Aufgaben anpassen, daß sie vielfach ihre Eigenzwecke hintansetzen hinter
die Thätigkeit für andere, für die Gesellschaft; sie fordert die komplizierten Kompromisse,
deren psychologische Voraussetzungen oft ebenso schwer herzustellen sind, wie ihre Durch—
führung Körper und Geist schädigt. Seit es eine Arbeitsteilung giebt, haben die Klagen
über sie vom individuellen Standpunkt nicht aufgehört. Zumal die neuen großen Fort⸗
schritte der Arbeitsteilung, deren richtige Begrenzung und Versöhnung mit den An—
sprüchen individueller Ausbildung und harmonischer Lebensführung so vielfach noch
nicht gefunden sind, haben sie aufs neue gesteigert. Die Naturschwärmerei Rousseaus
und des ganzen 18. Jahrhunderts ist ein Protest, gegen die Arbeitsteilung. Schiller
klagt, daß sie den an ein kleines Bruchstück des Ganzen gefesselten Menschen nur zu
einem Bruchstück ausbilde, Hölderlin jammert, man sehe heute nur Handwerker, Priester ec.,
aber keine Menschen. Der socialistische Urquhart meint: einen Menschen unterabteilen,
heißt ihn hinrichten, wenn er das Todesurteil verdient hat, ihn meuchelmorden, wenn
er es nicht verdient hat; die Unterabteilung der Arbeit ist der Meuchelmord eines Volkes.
Engels klagt, der erste große Schritt der Arbeitsteilung, die Scheidung von Stadt und
dand, habe die Landbevolkerung zu jahrtausendelanger Verdummung verurteilt; „indem
die Arbeit geteilt wird, wird auch der Mensch geteilt; der Ausbildung einer einzigen
Thätigkeit werden alle übrigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zum Opfer ge⸗
bracht,“ Von der Maschine und der modernen Technik hofft er Beseitigung aller Arbeils⸗
teilung, wie er vom Verschwinden des Gegensatzes von Stadt und Land träumt. Alle
derartigen Vorwürfe gegen die Arbeitsteilung haben darin recht, daß sie die harmonische
Ausbildung der menschlichen Körper- und Geisteskräfte als individualistisches Lebens—
deal betonen gegenüber der einseitigen Thätigkeit in einem erschöpfenden Lebensberuf;
sie haben auch darin recht, daß dieses individualistische Lebensideal immer wieder sich
geltend machen muß gegenüber den Ansprüchen der Gesellschaft und den übertriebenen
        <pb n="378" />
        366 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfaffung der Volkswirtschaft.

Gestaltungen der Arbeitsteilung. Aber sie irren historisch und praktisch, wenn sie glauben,
das Individuum hätte vor der Arbeitsteilung dem Ideale eines gleichmäßig ausgebildeten,
körperlich und geistig vollendeten Menschen näher gestanden oder würde ihm heute ohne
fie nüher kommen. Es ist ohne sie ein Barbat, der ißt, trinkt und faulenzt; wir wiffen
heute, daß alle Wilden dem tierischen Zustande viel näher kommen als die gewöhnlichen
Tagelöhner der Kulturstaaten. Das Ideal einer harmonischen Ausbildung, das wir
in Gegensatz stellen zur Arbeitsteilung, ist eine nur in Gebanken zu vollziehende Sum—
mierung dessen, was durch specialifierte Ausbildung der Kräfte in den verschiedensten
Lebensberufen Hohes und Bedeutsames erreicht wurde. Es ist unmöglich, es auf eine
Person zu häufen. Wohl aber ist es die sekundäre historische Folge der vorübergehend
einseitigen Arbeitsteilung, daß spätere Zeitalter gewisse Stücke des so erzielten tech—
nischen und geistigen Fortschrittes, wie z. B. das Lesen und Schreiben, die militärische
Ausbildung, das Buchsühren des Händlers, das ästhetische Gefühl des Künstlers in Forin
der Jugenderziehung oder in anderer Weise zu einem Teilinhalt jedes Menschenlebens
zu machen suchen.
Die Arbeitsteilung schreitet, wie alles Menschliche, durch tastende Versuche, durch
einseitige Gestaltungen und Ordnungen vorwaͤrts. Die harten Interessenkämpfe drücken
auch ihr erst zeitweise einen häßlichen Stempel auf; ganze Gesellschaftsgruppen sind
durch sie, durch eine zu einseitige körperliche oder geistige Arbeit ohne Gegengewicht ver—⸗
kümmert oder verkrüppelt worden. Ihre bisherige Gestaltung in manchen Fabriken ist
unzweifelhaft gegenüber der älteren Gestaltung, wie sie im Bauernhaus und in der
Handwerksstätte sich fixiert hatte, für menschliche Erziehung und Gesittung ein Rück—
schritt. Aber diese Gestaltung ist auch der wesentlichsten Umgestaltung fähig, ebenso
wie früher gewisse Extreme der Arbeitsteilung wieder umgebildet oder gar ganz rück—
gängig gemacht wurden, z. B. die Sklaverei. Es ist felbstverständlich, daß jede zu ein⸗
seitige Ausbildung und Thätigkeit einer einzelnen körperlichen oder geistigen Funktion
die Gesundheit des ganzen Menschen bedroht, und daß so zuletzt auch die Specialkraft
gelähmt werden kann. Aber deshalb ist nicht jede Arbeitsteilung falsch, fondern nur
gewisse extreme Gestaltungen derselben; ihre maßvolle mit Gegengewichten und Schranken
umgebene Durchführung, ist das der beschränkten individuellen Menschenkraft Adaͤquate;
sie ist das Mittel, das Individuelle und Wertvolle im Menschen auszubilden. Deshalb
sagt Hegel mit Recht, wer einen speciellen Beruf ergreift, ergiebt sich nicht dem Nied—
rigen, sondern wird erst ein rechter Mensch. Und Goethe läßt mit Recht den titanischen
Faust als Dämme bauenden Landwirt, den ästhetisierenden Wilhelm Meister als Wund—⸗
arzt enden und glücklich werden.
Es kommt bei jedem Schritte der Arbeitsteilung darauf an, wie er die Motive und
Zielpunkte menschlicher Thätigkeit umgestalte und durch Veränderung des ganzen Lebens
und seines Inhaltes auf die Individuen zurückwirke, wie die unveräußerlichen Eigenzwecke
jedes Menschen und die arbeusteiligen Funktionen sich vertragen, wie der Verlust auf der
Seite der allgemeinen Ausbildung und vielseitigen Thätigkeit ausgeglichen werde durch
die Thatfache, daß die einseitige Specialarbeit den Menschen doch in den Dienst der
Gesellschaft stelle, ihm neben harter Arbeit doch auch höhere Zwecke setze oder wenigstens
ihn einfüge in ein System gefellschaftlichen Zusammenhanges und fittlicher Solidaͤrität.
Die Abrechnung zwischen diesen beiden Konten kann dabel immer wieder zeitweise zu
Ungunsten des Individuums ausfallen; d. h. der gesellschaftliche Fortschritt und die
Arbeitsteilung ist nicht möglich, ohne daß immer wieder zeitweise ihr einzelne Indi⸗
viduen und Klafsen geopfert werden.
Und daher wird stets von neuem der Antrieb entspringen, die gesellschaftlichen
Ordnungen so weit zu bessern und zu korrigieren, daß die Zahl dieser Hpfer abnehme.
Aber es heißt, sich auf den individualistischen statt auf den gesellschaftlichen Standpunkt
stellen, wenn die socialistische Theorie alle Arbeitsteilung aufheben, jeden Menschen für
alle Berufe erziehen und ihn dann stunden-, tage-, monats- oder jahreweise allen zu—
teilen will. Damit wird die menschliche Natur und ihre Ausbildungsfähigkeit gänzuch
verkannt; es wird die Vererbung der menschlichen Fähigkeiten überfehen, 'es wird'der
        <pb n="379" />
        Die Schattenseiten der Arbeitsteilung, ihre Beseitigung. 367

Reichtum an Talenten grenzenlos überschätzt. Eine solche Einrichtung bedeutete einen
ungeheuren Kräfteverlust, die Nichtausnußung aller eigentümlichen Begabungen und
Talente, die mittelmäßige Arbeit aller und die Vernichtung der größten Lustgefühle, die
mit der Thätigkeit im rechten Specialberuf gegeben sind. Die Gesellschaft wäre in einen
Taubenschlag verwandelt.
Aber einen berechtigten Keim enthalten diese Vorschläge, wie alle socialistischen
und individualistischen Anklagen gegen die Arbeitsteilung. Vor allem unsere Erziehung
muß nicht bloß die Specialgeschicklichkeit, sondern auch beim Arbeiter seinen Verstand,
sein technisches Können im allgemeinen ausbilden; er wird dann auch leichter, wenn es
nötig ist, von einem Beruf zum anderen übergehen können, ohne daß damit die Arbeits—
teilung aufhört.
Der heutige Fabrikarbeiter muß die entsprechende Zeit für seine Familienwirtschaft
und seine Muße erhalten; ebenso muß die verheiratete Arbeiterfrau mehr als bisher
ihrer Wirtschaft, ihre Kinder müssen der Schule und dem Spielplatz zurückgegeben werden;
die mechanische Arbeit für andere, für fremde Zwecke darf in der Jugend nicht zu früh
beginnen, im Alter nicht zu lange dauern; sie muß möglichst so gestaltet werden, daß
der Arbeiter sie als gesellschaftlichen Zweck, als sociale Pflicht begreift, Freude und
Verständnis für sie haben kann; sie muß durch genügenden Lohn, durch die Möglichkeit,
an Sparkassen, Kranken- und anderen Hülfskassen teilzunehmen, als ein gleichberechtigtes
Glied im Gesamtorganismus der Volkswirtschaft anerkannt sein. Sie muß in der
Erziehung, in der Schul- und Wehrpflicht, in der Geselligkeit, im Vereinswesen, in
der Teilnahme an Gemeinde-, Kirchen- und öffentlichen Angelegenheiten die entsprechenden
Gegengewichte erhalten. Dann wird die Arbeitsteilung nicht mehr von den Soecialisten
als der Meuchelmord des Volkes angegriffen werden können. Und so weit wir von
einem Ideal dieser Art noch entfernt sind, die Erkenntnis, daß die Grenzüberschreitungen
der Arbeitsteilung rückgängig gemacht werden müssen, ist heute eine ziemlich verbreitete.
Man könnte sagen, ein großer Teil der besten Reformen unserer Zeit, allgemeine Schul—⸗
und Wehrpflicht, lokale Selbstverwaltung, unbezahlte Ehrenämter, Geschworenenthätig—
keit, Einführung von Vertretungen neben den Beamten in Gemeinde und Staat seien
Reaktionen gegen ein Übermaß der Arbeitsteilung, Versuche, die harmonische Ausbil—
dung mit ihr ins Gleichgewicht zu bringen.

5.

Das Wesen des Eigentums und die Grundzüge seiner Verteilung.

Die rechtsphilosophische Litteratur (S. 48), die socialistische (S. 933299) die socialreformatorische
und wirtschaftsgeschichtliche ( S. 116-123, 3. B. Maine, Schäffle, A. Wagner), die anthropo—
logische (S. 139) die kulturgeschichtlich-technische (S. 187), die siedelungsgeschichtliche (S. 254), endlich
die Litteratur über Dorf- und Grundherrschaft, Gemeinde- und Staatswirtschaft (S. 277-278) wieder⸗
holen wir hier nicht, so vielfach sie, auch in einzelnen Teilen hierher gehört, einzelne Seiten des
Eigentumsproblems erörtert. Es ist somit hier nur einiges nachzutragen.
Allgemeines: Thiers, Propriété. Deutsch 1848. — Leist, Über die Natur des Eigentums.
1859. — Eamser, Fesellschaftliches und Privateigentum. 1877, — Derg.„Das Eigentum in feiner
socialen Bedeutung. 1879. Dargun, Ursprung und Entwickelungsgeschichte des Eigentums. 3. f.
vergl. Rechtsw. 5. — R. Hildebxrand, Recht und Sitte auf den verschiedenen ee 1, I806.
Altertum: B. Hildebrand, Die sociale Frage der Verteilung des Grundeigentums im klassischen
Altertum. I.f. N. T. F. 12, 1860 — M. Weber, Die römische Agrargeschichte. 1891.
Geschichte der neueren Eigentumsverteilung: Laboulaye, Histoireé du droit de propriété
koncidre eu Occident. 1880. -8Systems of land tenures in various countries. (Cobden Olub)
1870. — Eliffe Lestie, Land systems and industrial economy ↄf Ireland, England and con⸗
tinental countries. 1870. — Liebknecht, Zur Grund- und Bodenfrage. 2. Aufl. 1876. —
v. Miaskowski, Das Erbrecht und die Grundeigentumsverteilung. 2 Bde. 1882 — 1884. —
Scrutton, Commons and common fields. 1887. — Hasbach, Die englischen Landarbeiter und
die Einhegungen. 1894. — Rachfahl, Zur Geschichte des Grundeigentums. J. f. N. 3. F. 19, 1900.

128. Begriff und Bedeutung. Das Eigentum primitiver Jäger—
und Hackbaustämme. Wenn wir vom Eigentum und vom Eigentumsrecht sprechen
wollen, so müssen wir uns zunächst alles dessen erinnern, was oben (S. 51-55) über
        <pb n="380" />
        368 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

die Natur und Bedeutung des Rechtes überhaupt, über seine Entstehung aus der Sitte,
über den notwendig formalistischen Charakter alles positiven Rechtes gesagt ist. Das
Eigentumsrecht ist gleichsam der Kernpunkt und das Centrum alles Rechtes, jedenfalls
alles Privatrechtes. Alle dergleichen Rechte und ein Teil des Familien- und Erbrechtes
sind nur ein Anhängsel des Eigentumsrechtes. Ein erheblicher Teil des Obligationen—
und Strafrechtes stellt nur ein Mittel zur Durchführung der Zwecke des Eigentums—
rechtes dar.
Hätten wir nun das Eigentumsrecht vom Standpunkt des Juristen zu erklären
und zu erörtern, so würden wir versuchen, die historisch-genetische Entstehung des Be—
sitzschutzes, der Prozeßformen, kurz des formalistischen Gesellschaftsapparates zu schildern,
dessen Funktionen die äußere Ausbildung des Eigentumsrechtes ermöglichen. Diese
Aufgabe müssen wir dem Juristen und Rechtsphilosophen überlassen; wir haben uns
vom gesellschaftswissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Standpunkt aus klar zu werden,
wie, an welchem Stoffe, unter welchen Verhältnissen das Eigentumsrecht entstanden sei,
was für Folgen socialer und wirtschaftlicher Art sich daran knüpften, wie es sich in
seinen Grundzügen auf Staat, andere Korporationen, Familien und Individuen verteilt
habe, was es in fseinem innersten Kern bedeute. Und wenn wir dabei zu dem Resultat
kommen werden, das Eigentumsrecht sei der Inbegriff der rechtlichen Regeln, welche die
Nutzungsbefugnisse und die Nutzungsverbote der Individuen und der socialen Organe
untereinander in Bezug auf die materiellen Objekte der Außenwelt festsetzen, so liegt
darin schon die ganze Tragweite des Eigentumsrechtes angedeutet und ebenso seine
doppelte Funktion: das Eigentumsrecht ist in seiner äußeren Funktion eine Schranke,
um den Streit zu hindern, bestimmte Bethätigungssphären abzugrenzen; es ist seiner
inneren Funktion nach Gesellschaftsordnung, d. h. eine Institution, welche Individuen,
Familien, Genossenschaften, Gemeinde und Staat zu bestimmtem Zusammenwirken ver—
anlaßt und nötigt.
Es mag fehr schwer erscheinen, hier in kurzen Strichen die Grundzüge der Eigen—
tumsverteilung vorzuführen, ohne vorher die Einkommenslehre vorzutragen, ohne auf
die ganze Rechtsgeschichte des Grund- und beweglichen Eigentumes einzugehen. Aber
da an dieser Stelle vom Eigentum geredet werden muß, als einem der Eksteine des
volkswirtschaftlichen Lebens, als einer Voraussetzung der gesellschaftlichen Klassenbildung
und der Unternehmung, wie sie heute die Volkswirtschaft charakterisiert, so müssen auch
die thatsächlichen und historischen Verteilungserscheinungen kurz dargestellt werden, weil
ohne ihre Kenntnis alles Reden über das Eigentum ins Blaue und Nebelhafte geht.
Einzelne Ergebnisse des folgenden Buches, welches den Verteilungsprozeß darstellt, muͤssen
dabei schon hier vorweggenommen werden.
Sobald es eine Gesellschaft gab, mußte auch eine gewisse, wenn auch noch so
primitive Ordnung der Nutzung des Bodens, des Besitzes an Geräten, Gebrauchs—
gegenständen und Nahrungsmitteln vorhanden sein. Man behauptet wohl, daß es bei
den rohesten Stämmen keinen Besitzschutz gebe, daß Kleider und Geräte scheinbar ohne
Gegengabe von einem Individuum zum anderen übergingen, daß jeder Staämmesgenosse
bei den anderen unbegrenzte Gastfreundschaft finde. Aber das sind mehr Beweijse für
die Wertlosigkeit aller Habe unter bestimmten Verhältnissen, als für das Fehlen jedes
—DD————
selbst der roheste und ärmste Wilde seine Waffen und Werkzeuge als ihm gehbrig an—
sieht, daß dann bei beginnender Differenzierung der Gesellschaft Vornehmen ihre Waffen,
ja später ihre Weiber und Sklaven ins Grab mitgegeben werden, daß Fürsten in ihren
Palästen begraben, und die letzteren für immer mit ihren Schätzen verlassen werden.
Ein gewisser Eigentumsschutz wurde überhaupt den Götiern und Häuptlingen, auch den
Priestern eher zu teil, als anderen Menschen. Aber auch für sie fehlte er nicht. Wir
sehen jedenfalls bei Jägern und Hackbauern, daß teils der Stamm und die Gens,
teils die Mutter mit ihren Kindern und die Individuen zu bestimmten Teilen der
Außenwelt in ausschließliche Beziehung gebracht, als ausschließliche Nutzungs⸗ und
Verfügungsberechtigte betrachtet werben. Wo die Horden und Stamme lagern, Ouellen
        <pb n="381" />
        Das Eigentum der Jäger- und Hackbaustämme. 369

benutzen, sich etwas länger aufhalten und jagen, da achten sie für gewöhnlich den gegen—
seitigen Besitzstand, da werden natürliche Grenzmarken zwischen ihnen als Verbote an—
gesehen, die wirtschaftliche Nutzung darüber hinaus in Anspruch zu nehmen. Der auf
zinem Jagdgebiet verwundete, in einem anderen fallende Elefant gehört am Zambesi
mit feiner unteren Hälfte dem Häuptling des letzteren. Die Betschuanen geben den
Buschmännern noch heute Teile ihres Jagdertrages für die längst vollzogene Abtretung
von Jagdgründen. Im übrigen entscheidet zwischen seindlichen Stämmen, zwischen
solchen, denen die Weidegründe und Ackerstellen zu schmal und zu klein geworden,
natürlich die Gewalt der Waffen. Der stärkere Stamm siegt, aber er sieht in diesem
Siege auch die rechtliche Legitimation auf Verdrängung und Knechtung der Unter—
worfsenen. Gewalt und Kraft, kriegerische Tüchtigkeit entscheidet so, nicht ein Fatum,
das unabhängig wäre von den Eigenschaften der Menschen.
Innerhalb des Stammes aber wird, so lange Grund und Boden in Fülle vor—
handen ist, jede zeitweilige Besitzergreifung für den Bau einer Hütte, den Anbau eines
Feldes geachtet. Erst wo es an Raum zu fehlen beginnt, stellt sich die Verteilung
und Abgrenzung durch die Stammesorgane ein, die entweder an die Zwecke und Be—
dürfnifse des Stammes oder an die persönlichen, von dem Stamme bereits geachteten
und anerkannten Unterschiede der Führer, der Krieger, der Priester von den übrigen
Stammesgenossen anknüpft; sie wird nirgends wesentlich auf Gewalt beruhen. Es ist
ganz allgemeiner Grundsatz, daß kein Individuum, keine Gens, keine Familie die andere
aus der vdccupierten oder zugewiesenen Stelle vertreiben darf; oft ist rechtens, daß erst
nach zweijähriger Nichtbenutzung ein anderer dieselbe Stelle für sich in Anspruch nehmen
kann. Als Inhaber dieses Verbotsrechtes der Störung erscheinen bald die Verwandt—
schaftsgruppen, bald die Individuen, die das Feld bebauen. Und sofern es bei den
am niedrigsten stehenden Stämmen mehr die letzteren als die ersteren sind, hat man
auch bezüglich des Bodens behaupten können (Dargun), das rein individuelle Eigentum
stehe am Beginn aller wirtschaftlichen Entwickelung, nicht das Kollektiveigentum.
Jedenfalls viel richtiger als für den Boden ist das für Werkzeuge, Waffen, Kleider,
Nahrungs- und Genußmittel. Bei den rohesten Stämmen sorgt zunächst jeder Mann
und jede Frau für sich, fsucht Nahrung, wie jedes sie findet, und behält, was es hat.
In den langen Zeiträumen, in welchen der Kampf mit den wilden und eßbaren Tieren
im Vordergrund stand, war der starke, kampfgeübte Jäger, der Mann, der die besten
Waffen herstellte, zugleich der, welcher den erheblichsten Besitz sein nannte. Niemand
bestritt ihm, was er sudore et sanguine erworben. Für die gemeinsame Jagd mehrerer
bilden sich fseste, Eigentum erzeugende Teilungs- oder Zuweisungsgrundsätze: ist das
Renntier von mehreren Pfeilen getroffen, so gehört es dem, dessen Pfeil dem Herzen
am nächsten sitzt; bei den Siour und Comanches erhält bei gemeinsfamer Jagd der
Erleger das Fell, als den wertvollsten Teil, das Fleisch wird gleich geteilt.
Der individuelle, freilich meist noch unbedeutende Besitz, der den Männern nicht
ins Grab mitgegeben wird, erfährt im Erbfall eine verschiedene Behandlung. Er fällt
teils an die Gens, teils an die Kinder der Schwestern. Es giebt auch vereinzelte
Stämme, bei welchen die bewegliche Habe nach dem Tode des Mannes geplündert wird.
Daß Frau und Kinder darauf kein Recht haben, solange Mutterrecht besteht, ist wohl
begreiflich, während umgekehrt der bewegliche und sonstige Besitz der Mutter, so weit
wir sehen, stets auf ihre Kinder überging.
Also ausschließliche Nutzungsrechte der Stämme und Gentes, weitgehende Besitz—
anerkennung, Erbrecht sind schon auf diesen ältesten Stufen menschlicher Wirtschait vor—
handen; ohne sie ist ein geordneter Friedenszustand nicht denkbar.
124. Das Sklaven- und Vieheigentum der älteren Ackerbauer
und Hirten. Mommsen hat von den Römern gesagt, was man in richtiger Be—
grenzung von den meisten Rassen und Völkern behaupten kann: das Eigentum habe
sich nicht an den Liegenschaften, sondern zunächst am Sklaven- und Viehstand entwickelt.
Mommijen meint natürlich damit nicht die Anfänge eines Besitzschutzes und ausschließ—
lichen Nutzungsrechtes in irgend welcher Form, sondern das individuelle Eigentum in
Schmoller, Grundrik der Volkswirtschaftslehre. JI. 4.—-6. Aufl. *
        <pb n="382" />
        370 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

seiner schärferen Gestaltung und breiteren Ausdehnung, mit seiner relativ wenig be⸗
schränkten Verfügungsgewalt. Diese hat freilich zuerst nur für das Vieh bestanden;
die Herrschaft des Menschen über den Menschen war lange kein wirkliches Eigentum,
sondern ein familienhaftes Rechtsverhältnis.
Daß das ältere Sklavenrecht ein Teil des Familienrechtes war, dem Familien—
vater über den Sklaven kaum andere Rechte gab, als über Frau und Kinder, sahen
wir. Das spätere harte, zum wirklichen Eigentum führende Sklavenrecht war die Folge
der Ausweitung der Familien zu herrschaftlichen unternehmerartigen Organisationen,
welche nur unter der Voraussetzung dieser Herrschaft in jenen Zeiten technisch und
wirtschaftlich Großes leisten konnten. Aber die Möglichkeit dieses zur Entartung
führenden Sklavenrechtes bot doch in erster Linie die ethnische Verschiedenheit: die Herren
stammten im ganzen aus der höheren, die Sklaven aus der niederen Rasse. Nie und
zirgends hat es sich in der Hauptsache und dauernd so verhalten, daß kulturell gänzlich
Gleichstehende sich als Herren und Sklaven gegenüber, daß im Durchschnitt die Herren tiefer
standen. Ihre Wurzel lag in persönlichen Verschiedenheiten, sowie in dem Bedürfnis großer
herrschaftlicher Organisation; dazu kam dann das Zurücktreten der älteren familien haften
Rechtsschranken, wodurch allerdings das ganze Verhältnis zum Unrecht nach und nach
wurde. Das spätere Sklavenrecht ist die salsche UÜbertragung einer für Tiere und Sachen
pafsenden und entstandenen Institution auf Menschen. Diese Art des Eigentums mußte
wieder verschwinden; sie that es allerdings erst, nachdem sie viel Unheil gestiftet, vor—
übergehend aber zugleich die Rolle eines weitreichenden herrschaftlichen Bandes und
Organisators roher Menschen für große technische und wirtschaftliche Zwecke gespielt hatte.
Die ursprüngliche Entstehung des Vieheigentumes knüpft an die oben (S. 196
bis 197) besprochene Viehzähmung an. Die Hypothese über sie, welche E. Hahn aufstellt,
weist darauf hin, daß ursprünglich die Rinderherden eine Art geheiligten Stammes—
eigentums dargestellt haben. Auch Meitzen nimmt an, daß bei den keltischen Viehweide—
genossenschaften das Rindvieh teils diesen, teils den einzelnen gehört hätte. Im übrigen
können wir in historischer Zeit und in der heutigen beschreibenden Reiselitteratur kaäne
Beispiele des Stammes- oder Sippeneigentums an Vieh finden. Der verbreitete Vieh—
besitz erscheint überall als ein persönlicher; und ich glaube, wir können annehmen, das
beruhe auf der Thatsache, daß in aller älteren Zeit die perfönliche Kraft und Geschick⸗
lichkeit des einzelnen Mannes am besten solches Eigentum pflegen, erhalten und ver—
mehren konnte. Der Mann allein konnte mit dem Stier und der Kuh, dem Pferd und
Kamel fertig werden, sie bändigen, schlachten; er besorgt bei allen primitiven Stämmen
das Vieh. Schon den Kindern wird bei den afrikanischen Hirtenstämmen ein Schaf
oder ein Kalb geschenkt. Bei vielen Nomaden wird der erwachsene mannbare Sohn
mit so viel Vieh ausgestattet, daß er existieren und sich eine Frau kaufen kann. Wir
sehen überall mit dem Viehbesitz die Vermögensungleichheit beginnen. Im Eranischen
heißt der König Hvanthwa, d. h. der mit guter Herde Verfehene. Die demokratisch
kriegerische Rechtsgleichheit der höher stehenden Indianerstämme beruht auf der Abwesen⸗
heit des Viehbesitzes. Unter den ältesten Semiten und Indogermanen finden wir schon
Reiche und Arme; ihre Häuptlinge sind, wie heute die afrikanischen, stets die reichen
Viehbesitzer. Und wenn der wohlhabende Herero nach der Schilderung Büttners sein
Vieh bei möglichst vielen verschiedenen Stammesmitgliedern leihweise unterbringt, wenn
bei den Kaffern jeder Besitzlose fich zum Hofe und Dienst des Häuptlings drängt, der
schon als Führer der Viehraubzüge die größten Herden hat, und für seine Dienste Vieh—
belohnung erwartet, so lassen uns die ältesten Nachrichten über Viehbesitz und Vieh⸗
kreditgeschäfte bei den Juden und Indern, neuerdings die anschaulichen Bilder der ältesten
irisch-keltischen Zustände, wie sie Maine aus den Brehon-laws entwickelt, erkennen, wie
wir uns die Eigentumsversassung solcher Stämme au denken haben, deren wichtigster
Besitz noch das Vieh ist.
Der keltische Häuptling giebt dem ihm etwa an Rang gleichstehenden aber besitz—
losen Volksgenosfen einige Stuͤcke Vieh, wofür er ihm sieben Jahre lang Kalb und
Milch liefern und gewisse Gefolgsdienste leisten muß; dem tiefes stehenden werden
        <pb n="383" />
        Das Sklaven- und Vieheigentum.

371

größere Dienste und Abgaben auferlegt, die bis zum Tode des Häuptlings dauern; der
rechtlose Flüchtling, der mit dem Vieh und der Landparzelle Schutz und Sicherheit
erhält, wird den schwersten Lasten unterworfen. Maine hat wohl Recht, daß die
Stellung der keltischen Equites, welche nach Cäsar auf der Zahl ihrer Schuldner beruhte,
der attischen Eupatriden, der römischen Patricier gegenüber den Klienten auf Derartiges
zurückzuführen sei. Die neueste Hypothese Meitzens, welche auch R. Hildebrand zur
Grundlage seiner ältesten germanischen Social- und Wirtschaftsgeschichte gemacht hat,
daß die Germanen des Tacitus aus einer kleinen Zahl reicher Viehbesitzer und einer
großen ärmerer Ackerbauer bestanden hätten, gehört, wenn sie sich als richtig erweist, in
diesen Zusammenhang. Jedenfalls ist sicher, daß eine starke Ungleichheit des Viehbesitzes
überall die Klassengegensätze vermehrte, daß sie geeignet war, Schuld- und Abhängigkeits—
verhältnifse zu erzeugen, die alte mehr demokratische Gesellschafts- und Wirtschafts⸗
verfassung zu bedrohen oder aufzulösen.
Wie sollen wir uns aber den ersten Anfang des ungleichen Viehbesitzes denken?
Die Ungleichheit mag vielfach durch Raub bei anderen Stämmen sich gesteigert haben;
aber die Anführer der Viehraubzüge waren eben die Tapfersten, die Klügsten. Und
innerhalb des Stammes gab es keinen solchen Raub. Zufällige Schicksale, Viehsterben
mögen noch so sehr eingegriffen haben; im ganzen müssen aber doch diejenigen größere
Herden bekommen haben, die sie am besten zu behandeln wußten, oder die für höhere
Dienste und Leistungen Viehgaben erhielten, wie Priester, Gefolgsleute, treue Diener.
Wir können uns ohne Rückgriff auf diese persönlichen Unterschiede keine Entstehung der
Besitzungleichheit denken. Sobald sie dann eine Zeit lang bestanden hatte, gab natür—
lich der größere Besitz eine Überlegenheit, eine sociale Stellung, die unabhäͤngig von
persönlichen Eigenschaften sich geltend machen konnte. Alle größeren Viehbesitzer werden
weiterhin bei der Verteilung der Acker und Weiden größere Teile zugewiesen erhalten
haben. Aber nur pysychologische und historische Unkenntnis kann leugnen, daß auch in
dieser Phase der Entwickelung die Bevorzugten die klügsten, die tapfersten, die wirt—⸗
schaftlich höchststehenden Glieder ihrer Stämme im Durchschnitt waren und lange blieben.
Wir kommen damit zur Grundeigentumsverteilung zurück.
1268. Die ältere Grundeigentumsverfassung der Ackerbau- und
Hirtenvölker, einschließlich der antiken. Alle alten Völker und Stämme
mit Viehbesitz haben bei getrenntem Vieheigentum eine genossenschaftlich organisierte
Pflege und Ernährung des Viehes gehabt (siehe S. 198): den Sippen und Viehweide—
genossenschaften wurden von den Stammesobrigkeiten die Gebiete und Weideflächen zu—⸗
geteilt. Soweit daneben gar kein oder nur ein geringer Ackerbau stattfand, konnte man
den Geschlechtern und Familien es frei überlassen, die nötigen Stellen in Besitz zu
nehmen; sobald Raummangel eintrat, wurde auch hier eine Zuweisung und Anerken⸗
nung des occupierten Feldes durch die Organe des Stammes oder der Sippen nötig.
Je nach der definitiven oder vorübergehenden Seßhaftigkeit, je nach dem Stande der
landwirtschaftlichen Technik (Brennwirtschaft, wilde Feldgraswirtschaft ꝛc.) werden die
Ackerstellen nur als jährliche oder als mehrjührige oder als Zuweisung auf Lebenszeit
gegolten haben. Der weitaus größte Teil des Gebietes wurde in älteren Zeiten gemein—
sam als Wald und Wiese genußt, stand also im gemeinsamen Eigentum des Stammes
oder seiner Unterverbände. Lamprecht schätzt die Allmenden des Trierschen Landes noch
im 18. Jahrhundert auf die Hälste des Gebietes.
Die weitere Entwickelung konnte nun aber sehr verschieden sein. Es kann bei
Bodenüberfluß und wenig straffer Organisation aus solcher Festsetzung der Sippen und
Familien fich ohne Zwischenglied das individuelle oder Familieneigentum an Grund
und Boden dadurch entwickeln, daß eine seit Generationen nicht gestörte Nutzung sich
in die rechtliche Vorstellung eines ausschließlichen Nutzungs- und Verfügungsrechtes der
Inhaber umsetzt, während die Vorstellungen über ein Obereigentum der Gentes und des
Stammes sich verflüchtigen, beziehungsweise einerseits in das Eigentumsrecht des Königs
über gewisse Teile der Gebiete, andererseits in das staatsrechtliche Territorialrecht am
Gebiete sich umbilden. Das ist aber wenigstens für die höher stehenden Rassen und Stämme
94 *
        <pb n="384" />
        372 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

nicht das Gewöhnliche. Bei ihnen sehen wir aus diesen ältesten periodischen Nutzungs—
rechten an Ackerstellen und dem älteren Stammes- oder Gentileigentum an dem übrigen
Lande verschiedene Formen des Gentil-, Gemeinde- und Familieneigentums entstehen,
die erst nach einer Entwickelung von Jahrhunderten in ein überwiegend individuelles,
freies Eigentum übergehen. Es sind immer gewisse gemeinsame Thätigkeiten, gesell⸗
schaftliche Organisationen, die das bedingen. Das Kollektiveigentum wird für lange
Zeiten das wesentliche Instrument höherer politischer und socialer Organifation, das
Mittel socialer Zucht. Gemeinbesitz und Feldgemeinschaft sind für lange die begleitenden
Erscheinungen des Häuptlings- und Königtums, der Militärverfassung, des besseren
Ackerbaues und der höheren Kultur überhaupt.
Hauptsfächlich an die Geschlechterverfassung und die aus ihr folgenden genossen—
schaftlichen Einrichtungen schließt sich das kollektive Grundeigentum an. Die Mäuner
einer Gens roden den Weibern ihrer Sippe, die das Feld bestellen wollen, im voraus,
ehe der Wohnsitz weiter verlegt wird, die künftigen Felder gemeinsam, wie fie gemeinsam
die Jagd, den Schiffsbau, den Hausbau betreiben. Die Weiber bestellen das Feld
teils isoliert, teils unter gegenseitiger Hülfe und in Gemeinschaft. Kriegerische Stämme
oder deren Gentes sammeln vor den Kriegszügen gemeinsame Vorräte; damit verknüpft
sich teilweise gemeinsame Bestellung und Ackerarbeit der Männer, teilweise gleichmäßiger
Zwang zum Anbau, um bestimmte Teile der Ernte in die Vorratshäuser des Stammes
liefern zu können. Gemeinfame Mahle nach der Ernte, aber auch fürs ganze Jahr
knüpfen sich teils an die gemeinsame Bestellung, teils an die Naturalabgaben der
Einzelwirtschaft. Bei manchen Stämmen ist die gemeinsame Bestellung und örnte mit
einer gleichen oder nach Rang und Würde sich vollziehenden Teilung nach der Ernte
verbunden. Wo die gemeinsame Bestellung üblich wird, da erscheint der so bestellte
Acker als Eigentum der Gens, des Dorfes, unter Umständen, bei gesteigerter Central—
gewalt, als Eigentum des Häuptlinges oder des ganzen Stammes. Vo der Zwang
zu Abgabenlieferung sich ausbildet, da wird es Sitte, daß der Häuptling den einzelnen
die Lose zuweist, je nach der getriebenen Wirtschaft in jährlichem oder mehrjährigem
Wechsel. Für alle diese Fälle laffen sich bei Waitz, Klemm, Dargun, Laveleye-Bücher,
Ratzel und anderen zahlreiche Beispiele anführen. Die von Cäsar geschilderte Acker—
bestellung der Sueben, wobei jährlich die Hälfte der Männer in den Krieg zieht, die
andere den Acker bestellt, gehört hieher, wie die ähnliche Einrichtung der Bohmen in
den Hufsitenkriegen. Wo aus solchen Verhältnissen heraus eine kriegerische Despotie
sich ausbildete, konnte bei einer gewissen Kulturhöhe der Gedanke eines allgemeinen
Staats- oder Stammeseigentums siegen. Ein Beispiel hiefür scheint die peruanische
Bodenverfassung zu sein, welche mit der alten ägyptischen, soweit wir fie kennen,
Ahnlichkeit hat. Von dem peruanischen Lande war kein Drittel dem Volke, ein Drittel
den Tempeln und ein Drittel dem Herrscherhause der Inka zugewiesen; das Heer wurde
von den Inkas unterhalten, die zwei Trittel öffentlichen Eigentums (das Tempel- und
das Königsgut) wurden ebenfalls vom Volke in Fronarbeit bestellt; den einzelnen
Familien wurde ihr Landanteil in jährlicher Neuverteilung nach der Zahl der Kinder
zugewiesen.
Am leichtesten konnte der allgemeine Gedanke, daß das Grundeigentum der Ge—
jamtheit gehöre, daß es in ihrem Interesse verteilt werden müsse, daß der Staat stets
wieder durch Neueingriffe die richtige Verteilung herbeizuführen habe, siegen: 1. in
zemeindeartigen Kleinstaaten von wenigen Quadratmeilen, 2. in Bezug auf eroberten
Grund und Boden, und 83. gegenüber relativ gleichartigen Bodenflächen, deren wesent—
licher Wert von gemeinsam hergestellten Bewässerungen abhing, wie in Agypten. In
Rom hat Generationen hindurch die Bauernpolitik der plebs rustica es durchgeseßt,
daß auf dem eroberten Boden jedem jüngeren Sohne eine Hufe zugewiesen wurde. Auch
die so oft im Altertum aufgestellte Forderung neuer Landteilungen und gewisser
Schranken des privaten Landbefitzes und des auf die Gemeinweide zu treibenden Viehes
gehört hieher. Doch ist bekannt, daß diese Wünsche bei intensiverer Landwirtschaft,
höherer Kuͤltur und Kabitalverwendung, in den rößeren Staaten mit omplnictet
        <pb n="385" />
        Die älteste Grundeigentumsverfassung, einschließlich der der antiken Welt. 373

Agrarverfafsung immer weniger durchführbar waren. Alle nicht ganz primitiven Acker—
bauer, oft auch die kleinen, fürchteten bei solchen Maßregeln mehr zu verlieren als zu
gewinnen. Und vollends die größeren Vieh- und Grundbesitzer stemmten sich mit Energie
gegen die Neuverteilung. Sie hatten stets die Gemeinweiden stärker in Anspruch ge—
nommen, sie hatten, wie wir von den Römern wissen, vom eroberten Lande größere
Striche occupiert, auch durch Kauf ihre Besitzungen abgerundet; die billige Sklavenarbeit
und die höhere landwirtschaftliche Technik der großen Besitzer begünstigte diese in Judäa,
in Griechenland und Italien gleichmäßig sich vollziehende Bewegung einer raschen An—
sammlung großen Grundeigentums.
M. Weber hat uns in einer geistreichen Untersuchung zu zeigen gesucht, wie an
Stelle der alten römischen Hufenversassung mit Feldgemeinschaft die Großgrundbesitzer,
welche zugleich Kaufleute waren, die unbedingte Freiheit des Bodenverkehrs herbeiführten,
wie sie die Kleinbesitzer bewucherten, die neuen Eroberungen freilich teilweise mit den
nach Land hungrigen Kleinbesitzern teilten, im ganzen aber doch vor allem für sich
auf dem ager publicus freie Beweidung und Occupation mit einer niemals seither
wieder erreichten Nacktheit des Klassenegoismus durchsetzten. Sie haben die Landansprüche
der kleinen Leute immer wieder zu hemmen, die Gesetzes- und Verwaltungsanläufe nach
dieser Richtung zu nichte zu machen gewußt. Sie haben so zu dem Zustande geführt,
den der große Historiker mit den lapidaren Worten bezeichnet: latifundia perdidere
Romam. Sechs Personen besaßen die Provinz Afrika. In dem späteren Stadium
hätten Landteilungen auch nichts mehr genützt; sie hätten aus verlumpten städtischen
Proletariern keine Bauern mehr machen können.
Wenn so die glänzendste, wirtschaftlich tüchtigste Aristokratie der Welt durch
Freiheit des Grundeigentums, Wucher, Eroberung, Sklavenwirtschaft, Spekulation und
harten Egoismus ihren Reichtum vergiftete, so endeten sie doch als Grundherren, die
ihren halbfreien Kolonen das Land überlassen mußten, weil die Sklavenwirtschaft zu
teuer wurde. Damit entstand langsam eine neue, wieder gesundere Verteilung des
Grundeigentums, wie sie die Regierung, weder die patricische der späteren Republik,
noch die demokratische des Principats, unmöglich hätte durch Gesetz durchführen können.
Die Aufgabe einer plötzlichen Neuverteilung des Grundeigentums wird in Ländern alter
Kultur, dichter Bevölkerung immer weniger durchführbar.
Wo in späterer Zeit und in größeren Staaten die Rechtsvorstellung vom Eigen—
tume des Staates an allem Grund und, Boden wieder auftritt, da hat sie nie wieder
so weitgehende Resultate erzeugt wie in Agypten und Peru; es war ja in den größeren,
komplizierteren Staaten der späteren Zeit auch unendlich viel schwieriger, sie praktisch
durchzuführen. So verflüchtigte sie sich z. B. im Islam frühe in ein Besteuerungs—
recht des Staates, oder sie wurde, wie im normannischen Lehnsstaate, zu einem allgemeinen
Rechte des Staates, die Besitzordnung zu regulieren. In dieser Form aber ist sie auch
später und bis heute immer wieder aufgetreten, und steht ihr eine fernere Zukunft bevor.
Die zwei Tendenzen 1. eines zunehmenden Individualeigentums am Grund und Boden
im Interesse des technischen Fortschrittes und im Anschluß an die Eigenschaften wirt—
schaftlicher Tüchtigkeit und technischer Fähigkeit und 2. die Unterordnung alles Privat—
eigentums, seiner Größe, seiner Veräußerlichkeit, Verschuldbarkeit und Vererblichkeit
unter die Gesamtinteressen des Staates haben immer wieder sich vertragen müssen, in
irgend welcher Form wieder Kompromisse geschlossen.
126. Die Ausbildung des neueren kleinen und großen Grund—
eigentums. Wir haben oben die Ausbildung der westeuropäisch-mittelalterlichen
Dorfgenossenschaft und der Grundherrschaft geschildert (S. 287 -293). Damit hängt die
Grundeigentumsentwickelung aufs engste zusammen; sie begreift eine ältere, stärkere, auf
kleine und mittlere Ackernahrungen gerichtete und eine spätere, aristokratische, den größeren
Besitz erzeugende Bewegung in sich.
In sämtlichen germanischen Staaten finden wir, daß mit der Seßhaftigkeit, dem
Siege des Ackerbaues, ganz überwiegend Landbesitzungen und Höfe entstehen, welche den
Zweck haben, eine Familie von 5—18 Personen zu ernähren und zu beschäftigen, sie
        <pb n="386" />
        374 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

auch für die gemeinsam zu tragenden Lasten kräftig genug zu machen; stets ist im selben
Dorfe eine Besitzung genau so groß wie die andere; in den verschiedenen Gegenden sind
sie je nach Bodengüte und Wirlschaftsart verschieden groß; alle sind spannfähig, ermög—
lichen die Haltung von 2, 4 oder 8 Pferden. Jede umfaßt die Hausstelle, den Hof,
das nahe gelegene Gartenland als festes Eigentum, das zugewiesene, in den Gewangen—
dörfern im Gemenge liegende Ackerland als festes, erbliches Nutzungsrecht, endlich das
Mitbenutzungsrecht von Wald und Weide, von Fischwasser und Jagd als ideellen An—
teil an der Allmende, an dem mark- oder dorfgenofsenschaftlichen Gemeinbesitz. Der ge—
samte Besitz heißt, wie wir schon sahen, die Hufe, englisch hide, er umfaßt 15—50 ha,
wovon im Anfange und auf besserem Boden meist nur 8 ha unter dem Pfluge waren.
Wenn offenbar von Anfang an da und dort Mehrhufner vorkommen, d. h. An—
gesehenen mehrere Husen schon bei der ersten Verteilung zugewiesen wurden, wenn früh
die Halb- und Viertelhufner durch Erbteilung entstanden und sie in vielen Gegenden
bereits im 16. Jahrhundert die Mehrheit ausmachen, so ist doch der ganz überwiegende
Charakter der Hufenverfassung der der Gleichheit, das dauernde Vorherrschen von spann—
fähigen Besitzungen, die ihren Mann voll ernähren und beschäftigen. So lange über—
flüssiger Boden in Menge vorhanden war, hat man den jüngeken Söhnen die Errichtung
neuer Hufen gestattet. Aber als dies nicht mehr möglich war, hat man in den meisten
germanischen Ländern doch auf Erhaltung der Hufenverfafsfung, d. h. spannfähiger
Nahrungen hingewirkt. Sie lagen im Interesse des öffentlichen Kriegsdienstes (die karo—
lingische Heeresverfassung baute sich auf ihr auf), wie später der Grundherren. Die
Familie verwuchs mit der Hufe; gewisse Schrauken hinderten die Teilung und Ver—
äußerung; es bildete sich nach und nach das besondere bäuerliche Individualerbrecht
mit Bevorzugung eines Erben aus. Die ganze Institution ruhte auf dem Gedanken
des Familieneigentums, der Hufe als normaler Wirtschaftseinheit, die durch den Lauf
der Generationen erhalten werden sollte. Und die Wirkung war im ganzen eine so
starke, daß trotz der mannigfachsten Wandlungen, Bevölkerungszu— und ⸗aAbnahmen,
Bauernbedrückungen und -beraubungen in einem großen Teile Europas sich im Anschluß
an diese 12-18 Jahrhunderte alte Hufenverfaffung ein Eigentum von 7,65—50 ha als
vorherrschend bis heute erhalten hat.
Es war eine Verfassung, welche in ihrem Ursprunge demokratischen Charakter hat,
nur aus den socialen und politischen Anschauungen der betreffenden Voölker und ihrer
lechnischen Wirtschaftsstufe sich ganz erklären läßt, in ihrer Konsequenz aber eine aristo—
kratische Färbung erhielt: für die wachsende Bevölkerung blieb kein Raum für immer
weitere Hufenbildung: die jüngeren, überzähligen Söhne mußten abwandern oder sich
außerhalb der Flur auf einem Stück Gartenland oft ohne Gespann als Kossäten ansiedeln
oder gar als Kätner, Häusler, Büdner mit einem Gartenstück sich begnügen oder auch
als Pächter kleine Stellen übernehmen und zugleich beim Bauern auf Arbeit gehen
GHeuerlinge), endlich als in natura bezahlte Tagelbhner (Instleute) eine Existenz fuchen.
Wo in älterer Zeit in den eigentlich germanischen Gebieten periodische Neuvermessungen
und ⸗»verteilungen vorkommen, haben sie nicht den Zweck, an alle Gemeindeglieder gleiche
Anteile auf Kosten der älteren größeren Stellen zu geben, sondern nur den iner besseren
Einteilung der Gewanne, einer Zusammenlegung der dem einzelnen gehörigen Grundflücke.
Das ist auch das Grundprincip der neueren Güterzusammenlegungs- Separations-,
Arrondierungs-, Feldwegregulierungsmaßregeln und ⸗gesetze von 1770 bis zur Gegenwart.
Nicht auf demselben principiellen Boden steht die eigentümliche agrarische Ent⸗
wickelung in Irland und Schottland, sowie in den slavischen Ländern. Die irischen und
schottischen Kelten haben eine ausgebildete Klanverfassung mit starker Verfügungsgewalt
des Häuptlings gehabt: in Schoitland erhielt sich lange eine gemeinsame Bearbeitung
des Bodens und Verteilung der Nahrung durch den Häuptling. In Irland war es
noch 1605 eigentlich rechtens, daß jedes Landlos nach dem Tode des Inhabers von
dem Häuptlinge eingezogen und an die Mitglieder der Sept (Gens) verteilt wurde;
der Hauptgewaͤhrsmann hiefür, Davies, führt damals schon die trostlose Wirtschaft und
die Kleinheit der Stiellen darauf zurück. In Wahrheit aber beruhte diese Kleinheit
        <pb n="387" />
        Das kleine Grundeigentum der Germanen und Slaven. Die Entstehung des großen. 375

damals schon überwiegend nicht auf den Teilungen, welche die genossenschaftliche Rechts—
basis hatten; die Häuptlinge waren längst Herren des größeren Teiles des Grund und
Bodens geworden und gaben sie in zu kleinen Stücken gegen Rente an die zahlreichen
verarmten pachtenden Glieder der Sept, des Geschlechtes.
Im ganzen Slavengebiete hat wahrscheinlich in älterer Zeit allgemein die Haus—
kommunion geherrscht (s. oben S. 241), d. h. die Familien blieben mehrere Generationen
hindurch zusammen und wirtschafteten kommunistisch unter einem Hausvater und einer
Hausmutter; sie hatten einen entsprechend großen Landbesitz. Wo aber die Zahl der
Familienglieder zu groß wurde, teilte man, und so entstanden frühe zu kleine Besitzungen;
auch scheint in Böhmen, Polen und Rußland die Hauskommunion sich früh aufgelöst und
sleinen Bauernnahrungen Platz gemacht zu haben. Nur in den sfüdslavischen Landen
hat sie sich erhalten, ist aber auch wohl da im Zurückgehen. In Rußland hat sich das
Hrincip wiederholter Teilung des Landes in den Bauerngemeinden erst seit dem 16. und
17. Jahrhundert unter dem Drucke der schweren staatlichen und grundherrlichen Lasten
jestgesetzt. Die seither entstandene russische Gemeindeverfassung giebt jedem männlichen
erwachsenen Gemeindemitgliede das Recht auf einen gleichen Ackerteil, aber legt ihm auch
die Pflicht auf, die entsprechenden Steuern zu tragen und Dienste zu leisten; sie kommt
mit diesem Princip zu häufigen Neuverteilungen des Ackerlandes, die von da an bedenk⸗
lich und störend werden, wo die Bevölkerung über das Maß der in der Gemeinde vor—⸗
handenen Nahrungsstellen gewachsen, und wo eine intensivere Bodenbestellung, eine
Fixierung von Kapitalien in den Boden angezeigt ist. Die Folge ist eine Summe zu
kleiner, fast lebensunfähiger, schlecht und extensiv bestellter Ackernahrungen. —
Ist so im neueren Europa meist eine etwas aristokratischer oder etwas demo—
kratischer gefärbte, hier zu erblichem, dort zu zeitweisem Nutzungsrechte ausgestaltete
Berteilung des Bodens an mittlere und kleine bäuerliche Wirte die Grundlage, so erhebt
sich nun über derselben eine andere Entwickelung, die seit den Tagen der Völkerwanderung
wirksam, teilweise die alte Grundlage zerstört, teilweise sie aber nur vorübergehend be—
einflußt und partiell verändert hat. Sie entspringt teils romanischen und kirchlichen
Einflüssen, teils dem Aufsteigen des Königs, des kriegerischen und Dienstadels, dem
dehenswesen, der Grundherrschaft, erzeugt, wie wir schon sahen, hier ein Obereigentum,
dort einen großen Besitz von 12, 80, 50 und mehr Hufen. Wir wollen hier nicht auf
die Frage zurückkommen, ob die Verschiedenheit des Besitzes und Besizzrechtes das ältere,
die höhere Klassen schaffende, oder ob diese eine Folge der verschiedenen persönlichen
Eigenschaften und Leistungen gewesen sei. Schon Tacitus spricht von Geringen und
Maͤchtigen, die sich doch an Besitz noch gleich gestanden.
Die angesehenen Fürsten, der Erb- und der Dienstadel wie kluge romanisierte
Priester verstehen es, die antike Grundbesitzordnung für sich zu nützen. Sie hatte auf
dem früher römischen Boden vielfach sich erhalten. Große Güter, abhängige, unfreie
Kolonen darauf, individuelles, unbeschränktes Eigentum bestanden da fort, wo man
germanische Stämme erst an der Hand der römischen Einquartierungsordnung auf—
Jenommen, dann mit der Hälste des Grundbesitzes ihrer Gastgeber ausgestattet hatte.
Die Kirche besaß in Gallien zu Ende des 7. Jahrhunderts schon ein Drittel alles Grund
ind Bodens. die Könige beanspruchten als Bodenregal alle großen Flächen unbebauten
Landes; ihnen gehörten große Stücke bebauten konfiszierten Landes, das sie teils be—
hielten, teils in beliebigen Stücken verschenkten; sie gaben sie ihrem Gefsolge als Lehen.
Diese erst lebenslänglichen Lehen wurden später erblich; an die großen Lehen des hohen
Adels schlossen sich in den Jahrhunderten des aufkommenden Reiterdienstes die kleinen
Reiterlehen an, die wenigstens das 428 fache einer Bauernhufe ausmachten. Uberall
heanspruchten große und kleine Herren in der Mark- und Dorfgenossenschaft die erste
Stelle, galten zuletzt als oberste Märker, ja als Eigentümer des Waldes, der Weiden,
der Fischwasser, an denen die Hufner nur Nutzungsrechte behielten. So roh und brutal
sich da und dort die Inhaber dieses größeren Grundbesitzes gegen die Bauern benahmen,
im ganzen war dieses Eigentum der Grundherren lange ein bloßes Obereigentum; die
Mehrzahl der Bauern war durch ihre genosfenschaftliche Verfassung, durch die Fixierung
        <pb n="388" />
        376 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

ihrer Lasten in den Weistümern geschützt. Jedenfalls hat die grundherrliche Verfassung
nicht gehindert, daß der Bauernstaund in Nordeuropa vom 8.-15. Jahrhundert an
Wohlstand zunahm, und daß auch vom 1818. trotz des zunehmenden Druckes der
Feudallasten der grundherrliche Adel in den meisten Gegenden des kontinentalen Europas
mehr zurückging als der Bauernstand, und daß die Ablösungsgesetze des 19. Jahrhunderts
das Obereigentum und die anderen Rechte der Grundherren auf feste Renten beschränkt,
in Ablösungsgelder oder Landabtretungen umgesetzt oder gar ohne Entschädigung auf⸗
gehoben haben. Dabei ging ein Teil der kleinen Stellenbesitzer mit schlechteren Rechten
leer aus; sie sanken zu Tagelöhnern und Instleuten herab. Ein sehr erheblicher Teil
der Bauern aber, in vielen Ländern der weitaus größere Teil, wurde, soweit dies nicht
vorher durch Einzelgeschäfte geschehen war, durch diese neuere Agrarpolitik zu vollen,
freien Eigentümern an ihren Hufen. So geschah es überwiegend in Frankreich, im
ganzen füdlichen und westlichen Teile Deutschlands, in Belgien, Holland, der Schweiz,
in den skandinavischen Reichen, wo daher heute das kleins und mittlere freie Grund—
eigentum überwiegt. J
Im Osten Deutschlands, in Hsterreich, in Rußland, hauptsächlich im südlichen,
fehlt es an gesundem bäuerlichem Besitze heute zwar keineswegs, aber es stehen daneben
doch auch zahlreiche große Güͤter; sie sind aus den Einrichtungen des Feudalwesens,
aus dem landwirtschaftlichen Selbstbetriebe der Ritller und aus den Bauernlegungen und
Bauernmißhandlungen hervorgegangen. Es wird auf ihnen heute Großgutswirtschaft
mit Tagelöhnern getrieben; ein erheblicher Teil ist verpachtet, wie die dem Staate ge—
bliebenen Domänen. Die großen auf diesen Gütern sitzenden Pächter repräsentieren
einen wohlhabenden Unternehmerstand, der zugleich der Hauptträger des landwirtschaftlichen
 Fortschrittes ist. In England hat hauptsächlich die unbedingte Verfügungs—
gewalt des Grundherrn über Wald und Weide und die vom technisch-⸗agrarischen Fort⸗
schritte diktierte Durchführung der Feldgraswirtschaft, welche größere Güter forderte, zu
den Einhegungen der Allmende im grundherrlichen Interesse geführt, welche dem kleineren
Bauern seine wirtschaftliche Existenz unmöglich machten. Es giebt jetzt dort überwiegend
Großgrundbesitz in den Händen der alten uͤd der neuen Aristokratie, von Geldzeitpächtern
unter Hülfe von Tagelöhnern bewirtschaftet. —
Die im vorstehenden geschilderte verschiedene Entwickelung der Grundeigentums—
verteilung vom Mittelalter bis in die neuere Zeit ist in ihrem Unterschiede nicht oder
nicht in der Hauptsache auf technische oder rein wirtschaftliche Ursachen, sondern haupt—
sächlich auf politische und verfassungsgeschichtliche zurückzuführen. Wo eine starke Monarchie
den Bauernstand schützte, hat im ganzen das mittlere und kleine Grundeigentum sich
erhalten; wo grund⸗ und gutsherrliche Zustände zu einer überwiegenden politischen
Herrschaft des Adels im Parlamente, in der Stauts und Selbstverwaltung führten, da
hat fich das große Grundeigentum ausgebreitet. Dabei wirkten natürlich die perfsön—
lichen Eigenschaften der Bauern und des Adels mit; ein kräftiger, tüchtiger Bauernstand
erhielt sich länger und leichter, ein intelligenter, hochstehender, zu politischen und mili—
tärischen Leistungen befühigter Adel dehnte seinen Besitz energischer aus, verkümmerte
nicht so leicht wie ein unpolitischer, in Genußfucht versunkener, dem Landleben ent—
fremdeter; ein tüchtiger, dauernd zwischen seinen Bauern lebender Adel, wie der englische
und nordostdeutsche, wurde meist zugleich der Führer auf dem Gebiete des technischwirtschaftlichen
 Fortschrittes; er hatte, wo er dies geworden, häufig auch mehr Neigung,
einen tiefstehenden Bauernstand auszukaufen, ihn zum Tagelöhnertume herabzudruͤcken.
So wenig es für die Zeit von 13001900 wahr wäre zu sagen, bloß die ver—
schiedene Grundbesitzverteilung habe die Klassenunterschiede der Gutsherren, Bauern und
Tagelöhner geschaffen, so wird das doch unzweifelhaft sein, daß die vorhandenen und
sich durch Generationen befestigenden Besitzunterschiede ein sehr wichtiges Moment für
die verschiedene Lebenshaltung, Bildung, Gesittung, Erziehung, für den politischen Ein⸗
fluß und die Einkommensverteilung fowie für die Ausbildung der Klassenunterschiede
waren. Aber nirgends wirkten der Besitzunterschied und seine rechtlichen Folgen allein,
sondern stets in Zusammenhang und Wechselwirkung mit anderen Faktoren.
        <pb n="389" />
        Die Ursachen des heutigen Großgrundbesitzes. Das neuere Grundeigentumsrecht. 377

Die Grundeigentumsverteilung wird für den Aufbau der Gesellschaftsordnung in
jedem Lande ein wesentlicher Faktor; ja sie beeinflußt alle sociale Klassenbildung, ihre
Färbung und ihre Distanzen; wo der größere Teil des Landes Bauern gehört, pflegt
auch der gewerbliche Mittelstand, die kleine Stadt sich anders zu erhalten als im Gebiete
des größeren Grundbesitzes. Wo dieser vorherrscht, sind die unteren Klassen stets
tiefer herabgedrückt als sonst. Wo noch 40 —60 6/0 aller Familienhäupter Grundbesitzer
sind, wie in den Gegenden des deutschen Kleinbesitzes, müssen andere, mehr demokratisch
gefärbte Zustände sein als da, wo nur 5—200/0 derselben diesen festen Boden der
Unabhängigkeit unter sich haben.
Immer aber ist die Grundeigentumsverteilung nicht allein ausschlaggebend. Die
Verteilung des übrigen Eigentums wird mit steigender wirtschaftlicher Kultur immer
wichtiger. Und zugleich haͤngen alle feineren und vielfach ausschlaggebenden Folgen
—DD—
aischen und wirtschaftlichen Eigenschaften der Eigentümer und der übrigen Klassen der
Gesellschaft. Diese Eigenschaften gehen stets zugleich auf andere Ursachen als auf den
Besitzuntexschied zurück.
127. Das heutige Grundeigentumsrecht und die Richtungen der
heutigen Landpolitik. Gleichmäßig, ob großer, mittlerer oder kleiner Grundbesitz
hdorherrsche, hat die neuere Ideenentwickelung und das wirtschaftlich technische Bedürfnis
in Europa überall auf eine Beseitigung der alten Bindung des Grundeigentums durch
seudale, grundherrliche, familienhafte und dorfgenossenschaftliche Schranken hingewirkt.
Die Geldwirtschaft, der individuelle Erwerbssinn, der ganze Zug des modernen Rechts—
lebens drängte seit 200 Jahren dahin. Überall hat die Gesetzgebung der neuen Zeit
es als ihr Ziel angesehen, dem individuellen Eigentümer eine möglichst weitgehende
und unbeschränkte Veräußerungs-, Verschuldungs-, Teilungs- und Zusammenlegungs—
freiheit zu geben. Jedes gemeinschaftliche Eigentum, jede Beschränkung im Familien—
oder dorfgenossenschaftlichen Interesse schien ihr schädlich. Sie knüpfte, und zwar zum
erheblichsten Teile mit Recht, die Hoffnung großer landwirtschaftlicher Fortschritte und
steigender Verwendung von Arbeit und Kapital auf den Grundbesitz in erster Linie an
ein rechtlich gesichertes, unbeschränktes Grundeigentum. Durch gute Vermessung, Kartierung,
Eintragung aller Parzellen in die Grundbücher, durch Neuordnung des Hypotheken—
wesens im Sinne der EKintragung aller Hypotheken und sonstigen dinglichen Rechte ins
Grundbuch hat alles Grundeigentum in der That sehr an rechtlicher Sicherheit gewonnen.
Die Übertragung von Grundeigentum und die Eintragung von Hypotheken ist durch
die neueren Grundbuchordnungen außerordentlich erleichtert; man hat das eine Mobili—
sierung des Grundbesitzes genannt. Das frühere Gemeindeeigentum ist vielfach an die
privaten Grundeigentümer der Gemeinde auifgeteilt; von dem Staatsbesitz ist ein großer
Teil an Private verkauft.
Und doch hat das private Grundeigentum so wenig in Westeuropa ganz gesiegt
wie die unbeschränkte Freiheit desselben. Die meisten deutschen Staaten wenigstens
besitzen noch große Forfien und Domänen, die süddeutschen, schweizerischen, französischen
Gemeinden haäben noch erhebliche Allmenden. Freilich nutzen Staat und Gemeinden
ihre Forsten und ihr Grundeigentum nicht mehr wie früher, sondern überwiegend als
privatwirtschaftliche Rentenquelle, um ein fiskalisches Einkommen zu erzielen.
Eine Reihe von Schranken des privaten Grundeigentums sind in verschiedenen
Formen stehen geblieben. Es ist für kein Land der Welt ganz wahr, was man oft
behauptet hat, daß die heutige Zeit das römische Mobilieneigentumsrecht ganz und
ohne Rückhalt auf das Grundeigentum angewendet habe. Und soweit eine unbeschränkte
Freiheit des Grundeigentums unerwünschte Folgen nach sich zog, hat sie bald zu rück—
läufigen Strömungen geführt. All' zu rasch hat sich gezeigt, daß sie unter gewissen
Umstaͤnden zu übermäßiger Zersplitterung und Zwergpacht einerseits, zu Anhäufung des
Grundbesitzes in wenigen Händen und Überschuldung des Grundbesitzes andererseits
führe. Und so stehen wir heute mitten in einer großen theoretischen und praktischen
Bewegung, welche in ihrem Extrem die ganze heutige Grundeigentumsverfassung und
        <pb n="390" />
        378 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

ihre Folgen für schädlich hält, allen privaten Grundbesitz in Frage stellt, ihn in Staats—
und Gemeindeeigentum überführen will, in ihren energischen Reformern ihm die Ver—⸗
schuldbarkeit ganz oder teilweise nehmen, die Teilbarkeit und die Anhäufung des Grund—
besitzes an gewisse Bedingungen knüpfen möchte, in ihren gemäßigten Vertretern jedenfalls
durch eine Bevorzugung eines Erben im Erbrecht die bestehende Verteilung erhalten,
den Grundbesitz vor Zersplitterung und Überschuldung bewahren will.
Den stärksten Anstoß zu Erörterungen und Fragen dieser Art gab die Verfassung
des Grundeigentums da, wo der wirtschaftende Eigentümer in wachsende Abhängigkeit
von Hypothekengläubigern kam, oder wo mehr und mehr der Grundeigentümer aufhörte,
Landwirtschaft zu treiben, ein bloßer Rentner wurde. Bei starker Überschuldung, wie sie
ein Teil der kleinsten mitteleuropäischen Grundeigentümer und ein Teil der osteuropäischen
Gutsbesitzer zeigt, werden materiell die Gläubiger Eigentümer, der juristische Eigentümer
ist ihr Verwalter, oft ein ausgebeuteter, schwer bedrängter Verwalter. Der englische
Großgrundbesitz zeigt fast gar keine Verschuldung, er ist die Grundlage einer immer
noch großen und gesunden Aristokratie; ob die so vom großen Besitz bezogene Rente
dem Staate und der Gefellschaft durch die Leistungen der Aristokratie zu gute komme,
davon hängt die innere Berechtigung solch weitgehender Ungleichheit der Verteilung ab.
Außerdem ist, da wo die Pacht sich ausdehnt, wichtig, welche Stellung die Paͤchter
sJaben; die englischen, meist aus den ehemaligen Bauern hervorgegangenen Zeitpächter
ttellen einen besitzenden Mittelstand dar, der freilich successix in etwas ungünstigere
Lage gekommen ist; der irische kleine Pächterstand, von Mittelspersonen und jährlichem
Kontrakt abhängig, ohne jeden moralischen und politischen Zusammenhang mit den
englischen, fast stets außerhalb Landes residierenden Großgrundbesitzern, zeigt uns ein
Bild ungesundester Agrarverfassung. In den südeuropäischen und romanischen Ländern
bildet ein großer Teil des Grundeigentums nur einen Rententitel für städtische Kapital—
desitzer, Honoratioren, Advokaten, Notare, Kaufleute. Die in Zeit- und Halbpacht
sitzenden Bebauer sind in leidlicher Lage da, wo noch patriarchalische Beziehungen
herrschen. Wo diese fehlen, ist eine ungesunde Ausbeutung der Pächter, proletarisches
Elend unter ihnen nicht zu leugnen. Die ernstliche, zumal für Irland, für Sicilien,
aber auch sonst aufgeworfene Frage, inwieweit Staat und Gesetzgebung die kleinen
Pächter vor dem Druck und der Ausbeutung der Grundbesitzer schützen solle, zeigt eben—
'alls, wie wenig das Princip des unbedingt freien Grundeigentums heute vorhält.
In Deutschland haben wir, von den größeren, vorhin erwähnten Domänenpächtern
abgesehen, noch wenig Pacht; der wirtschaftende Eigentümer überwiegt noch vollständig
'm Mittel- und Bauernbesitz; nur in der Nähe der Städte, in Fabrikgegenden, in dem
Bebiete der dichtesten Bevölkerung fängt die Klein- und Parzellenpacht an, etwas häufiger
zu werden; aber sie hat noch nichts Bedenkliches. Und auch das Maß der Verschuldung
des Grundbesitzes ist für die meisten Gegenden und für den erheblicheren Teil des Groß—
und Mittelbesitzes, sowie für die eigentlichen Bauerngüter erst in neuester Zeit durch
die lange landwirtschaftliche Krisis, in Folge der überseeischen Konkurrenz, bedenklich
geworden. Es kommt darauf an, dem Bauernstand durch eine große Agrarpolitik über
dieselbe weg zu helfen, einen Teil des unhaltbar gewordenen ritterschaftlichen, über—
schuldeten Besitzes in Bauerngüter unter günstigen Bedingungen üherzuführen, der
Neuverschuldung bestimmte Grenzen zu setzen. Die frühere lechnische Überlegenheit der
großen über die kleinen Betriebe beginnt zu verschwinden, weil die Bildung und Technik
des Bauernstandes sich sehr gehoben hat.
Neben den Wandlungen, welche das westeuropäische Grundeigentumsrecht von
1750— 1850 im Sinne der UÜberführung feudalen und unfrei bäuerlichen Eigentums
in das freie, wenn auch mannigfach noch beschränkte Privateigentum der neueren Zeit
erfahren hat, stehen in der Zeit von 1830 bis zur Gegenwart die großen Veränderungen
im Grundeigentumsrecht und in der Landvolitik Rußlands, Britisch-Indiens und Nord—
amerikas.
In Rußland hat die Emancipationsgesetzgebung von 1861 zunächst das bäuerliche
und grundherrliche Eigentum nach Teilungsgrundsätzen geschieden, wobei der Bauer zu
        <pb n="391" />
        Neuere Grundeigentumsreformen. Städtisches Grundeigentum. 379

sehr verkürzt wurde; der grundherrliche Besitz ist seitdem freies Privateigentum des
Abels, der bäuerliche blieb auch jetzt Gemeindeeigentum, wie wir schon erwähnten, das
nach der Kopfzahl der Männer periodischer Neuverteilung unterliegt. Die einsichtigsten
Stimmen gehen dahin, daß mit wachsender Bevölkerung weder die alten Landteilungen
sich erhalten können, weil fie die gesunden normalen Wirtschafts- und Hofeinheiten
auseinander schneiden zu Gunsten eines wirtschaftlich nicht haltbaren Kleinbesitzes, noch
daß es richtig oder moͤglich wäre, sofort westeuropäisches privates Eigentum einzuführen
(Kawelin, Keußler). Nur eine Sistierung der Landteilungen und eine Verwandlung
des bisherigen bäuerlichen Rechtes auf einen Landanteil in ein beschränktes, von der
Gemeinde kontrolliertes Rutzungsrecht, mit festen Schranken gegen allzu große Parzellierung
und gegen Anhäufung mehrerer Höfe in einer Hand erscheint als das Ziel einer ver—
nünftigen Reform.
Auch in Indien stand die britische Regierung feudalen Grundherren und uralten
Dorfgemeinschaften gegenüber; sie hat zuerst vielfach falsch experimentiert, die Grund—
herren begünstigt, neuerdings aber mit Energie und Glück versucht, einen gegen Pachterhöhungen
 der Grundherren gesetzlich geschützten Bauernstand zu schaffen. Die Maß—
regeln sind um so bedeutungsvoller, als sie sich auf einen großen Teil des rein agrikolen
Landes mit 253 Mill. Menschen beziehen, während die russische Bauernemancipation
nur auf 22 Mill. Privat- und 28 Mill. domänenbäuerlicher Bevölkerung gerichtet war.
In den Vereinigten Staaten hatten politische und Staatsschuldenrücksichten die
unbebauten Ländereien der Unionsgewalt unterstellt: sie verkaufte, nachdem sie ein aus—
gezeichnetes quadratisches Vermessungssystem angeordnet hatte, das alle Besiedelung für
smmer auf die Bahn isolierter, viereckiger Einzelhöfe wies, erst lange aus freier Hand;
eine wüste Spekulation entstand und vielfach übergroßer Grundbesitz in wenigen Händen.
Dagegen reagierte der gesunde demokratische Gedanke, eine Republik solle auf kleinen
Grundeigentümern ruhen, und setzte das Bundesheimstättengesetz von 1860 durch, dessen
Tendenz'es ist, Höfe von 160 acres (etwa 64 ha) Landes zu schaffen. Wenn daneben
auch noch die Landschenkungen an die Eisenbahnen und andere Ursachen und gesetz—
geberische Möglichkeiten viel großen Besitz erzeugten, das mittlere und kleine freie Grund⸗
eigentum überwiegt doch. Und die Nachahmungen dieser amerikanischen Landgesetzgebung
haben sich nicht nur auf Australien, Canada, Chile, Mexiko und andere Staaten er—
streckt, sondern diese Staaten sind auch vielfach noch kühner und energischer vorgegangen
mit der Tendenz, passende mittlere und kleine Wirtschaftseinheiten zu schaffen, die
Spekulation auszuschließen, für die Weide- und Holznutzung im großen Stil, mit der
die Urbarmachung beginnt, nur Pacht zuzulassen. Die ganze neue Welt scheint so unter
ein Grundeigentumsrecht zu kommen, das, verwandt mit der Hufenverfassung, die
Tendenz verfolgt, freies Privateigentum, aber in fest bestimmten Größen zu schaffen.
Die Heimstätte von 160 acres Landes (à 1,6 Morgen oder 40,8 Aren — 64,8 ha) ist
nicht so sehr viel größer als die alte Hufe, die an Garten, Ackerland und Weide
zusammen auf bestem Boden wohl nur 15, auf geringem aber und in den Gebieten
mit Bodenüberfluß auch 50 ha Umfang hatte, wie wir schon wissen.
128. Das staädtische Grund- und Hauseigentum. Wie das gesunde
Hufeneigentum des Familienvaters dahin zielte, daß der Eigentümer auf seinem Gute
jeͤlbst wirtschafte, so war überall mit der Seßhaftigkeit und dem beginnenden Hausbau
fur Hausbesitz und Hausbau der Gedanke maßgebend, daß jede Familie ihre Unabhängigkeit
erhalten solle durch das Eigentum an Haus und Ho, durch die Freiheit, sich das Haus
so zu bauen, wie fie es brauche. Noch heute sind in unseren alten Kulturländern diese
Voraussetzungen vielfach auf dem Lande vorhanden: in jedem Hause trifft man eine
Haushaltung, die meisten Familien wohnen im eigenen Hause, Mietsverhältnisse kommen
nur ausnahnmsweise vor. In den Städten aber ist dieses längst anders geworden, der
enge Raum wurde zu mehrstöckigen Häusern benutzt, das Mietsverhältnis wurde all—
gemeiner, und heute sind in den meisten unserer Groß-, Mittel- und Fabrikstädte nicht
mehr etwa nur 2-68, sondern 10, 20 ja 80 Haushaltungen auf einem Grundstücke;
90 96 0/0 aller Familien wohnen in kurzen Kundigungsterminen zur Miete; 5— 2800
        <pb n="392" />
        380 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft.

aller Mieter wechseln in den deutschen Städten, von denen wir statistische Nachrichten
haben, jährlich ihre Wohnung.
Auch auf dem Lande wohnen viele Arbeiter zur Miete, sind teilweise heute mehrere
Familien in einem Hause. Vor allem aber das städtische Grundstücks- und Haus—
eigentum ist nicht mehr die Bafsis der freien auf sich selbst gestellten Familienwirtschaft,
sondern ist ein nutzbringender Kapitalbesitz, ein Geschäft wie andere. Von einem Einfluß
des Bewohners auf seine Wohnung ist nicht die Rede; die Mehrzahl der Menschen wohnt
heute in Räumen, die vor Jahren und Jahrzehnten von anderen, oftmals auch für
ganz andere Zwecke und die, wenn neu, von der Spekulation nach der Schablone her—
gestellt sind. Das Baugewerbe ist ein großer komplizierter Organismus geworden:
vornehme Bautechniker mit einem Stab von Hülfsbeamten, Baubanken und anderen
Kreditgebern, spekulierende Grundstücksbesitzer sowie Bauunternehmer und Handwerks—
meister aller Arten mit Hunderten und Tausenden von Arbeitern wirken mit den
Baupolizeibehörden und den die Straßen- und Baupläne im ganzen beeinflussenden
Kommunen zusammen, um das Wohnungsbedürfnis des Publikums zu befriedigen.
Gewiß liegt in dieser selbständigen Organisation der für den Bau Thätigen einerseits
ein großer Fortschritt; die vollendete Bautechnik der heutigen Zeit wäre nicht möglich
gewesen in den Händen der einzelnen Familien. Aber andererseits haben sich hiemit
große Mißstände entwickelt: das Grundeigentum hat nirgends einen so monopolartigen
Wert erhalten als im Centrum der größeren Städte; nirgends sind so sichtbar maßlose
Konjunkturgewinne ohne Arbeit des Eigentümers gemacht worden; die Spekulation
auf ein Steigen der Renten hat vielfach so falsch in die Straßenbaupläne und den
Häuserbau eingegriffen, die steigende Wohnungsnot der ärmeren Klassen hängt mit
diesen Verhältnissen so zusammen, die Vermietung wird teilweise durch wucherische
Mittelspersonen so unanständig betrieben, daß es natürlich erscheint, wenn gerade das
städtische private Grundeigentum den heftigsten Angriffen und Bedenken ausgesetzt war,
wenn Vorschläge auftauchten, Staat und Gemeinde müßten hier sehr viel stärker ein—
greifen, mindestens für ihre Beamten Wohnungen herstellen, durch das Expropriations—
recht und eine Bauordnung und Baupolizei ganz anderer Art die ungesunden Zustände
in den übervölkerten Häusern beseitigen, ja wenn verlangt wurde, das private Eigentum
müfse hier ganz fallen.
Der Weg einer Verstaatlichung oder Kommunalisierung des Grund- und Haus—
besitzes einzelner Städte gegen Entschädigung der Eigentümer würde aber sicher nicht
zum Ziele führen; er würde gar zu leicht das Beamtentum und die Kommunalverwaltung
korrumpieren. Eher ließe sich denken, daß da, wo die Mißstände zu grell werden, mil
Hülfe eines Specialgesetzes der Grund- und Hausbesitz einer Stadt oder wenigstens
dieser oder jener Vorstadt einer selbständigen halb öffentlichen, halb erwerbsthätigen
Korporation übergeben würde, deren Aktionäre aus den bisherigen Grund- und Haus—
besitzern, deren Gläubiger aus den bisherigen Hypothekenbesitzern und Pfandbriefinhabern
bestünden. Die Korporation erhielte eine gemischte Leitung, in welcher Staat, Kommune,
Aktionäre, Gläubiger und Mieter vertreten wären; ebenso müßte der Gewinn zwischen
diesen Elementen geteilt werden. Leicht herstellbar wäre freilich auch ein solcher Apparat
nicht; aber er erlaubte, die schlimmsten der heutigen Wohnungsmißstände zu beseitigen,
ohne Staat und Gemeinde mit allzu schwierigen Aufgaben und mit zu viel Versuchung
zu Nepotismus und Bevorzugung zu belasten. So lange Derartiges unmöglich erscheint,
ist es Aufgabe von Genossenschaften, gemeinnützigen Gesellschaften, Stiftungen, human
und billig geleiteten Aktiengesellschaften, nach und nach möglichst viel Haus-und Grund—
besitz an sich zu ziehen, das private Haus- und Grundeigentum, soweit es zu schlechter
Verwaltung, korrupten Mietsverträgen, Bauschwindel und Ähnlichem führt, in ein gut
verwaltetes Eigentum von solch' höher stehenden Gesellschaftsorganen überzuführen. In
kleinen Städten und auf dem Lande liegt zu all' dem kein Bedürfnis vor.
128. Das bewegliche Eigentum der Kulturvölker. An der fahrenden
Habe bestand, wie wir oben sahen, Eigentum der Familien und der einzelnen seit un—
denklichen Zeiten. Und seit den Tagen des wachsenden Viehbesitzes knüptle sich an die
        <pb n="393" />
        Das städtische Grundeigentum. Das Eigentum am Kapitalbesizßz. 381

Verschiedenheiten der Personen wesentlich auch die Verschiedenheit an solch beweglichem
Eigentum. Die spätere historische Entwickelung hat das Princip des perfsönlichen
Eigentums nur weiter gebildet durch die genauere Ordnung des Familien- und Erbrechts,
des ehelichen Güterrechts, durch feinere Ausbildung der Verträge und Erwerbsarten,
durch welche Eigentum erworben wird. Ohne Ausnahme blieb in allen Kulturstaaten
der weil überwiegende Teil des beweglichen Besitzes der freien Verfügung der Individuen
und Familien, dem privaten Eigentum überlassen.
———
die man felbst hergestellt, ganz von selbst, ebenso auch für alle eingetauschten Gebrauchs—
vorräte. Und heute noch will selbst der extreme Socialismus das private Eigentum
an diesen Gegenständen nicht antasten. Auch in Bezug auf das Eigentum des Bauern
und Handwerkers an seinem produktiven Kapital geben Marx und Engels zu, daß es
berechligt, weil in klarem sichtbarem Zufammenhang mit der individuellen körperlichen
Arbeit des Eigentümers sei. Aber das Kapital der Großunternehmung, das ausgeliehene,
Zinsen oder Gewinn gebende Kapital, das stehe mit seinem heutigen juristischen Eigen—
cümer nicht mehr in derselben Beziehung; nicht von ihm geschaffen und nicht von ihm
bearbeitet, ein Ergebnis gesellschaftlicher Prozefse gebe es ihm eine unberechtigte Rente;
wie der gesellschaftliche Arbeitsprozeß den individuellen oder familienhaften abgelöst
habe, so müsse auch der Verteilungsprozeß ein gefellschaftlicher, das Arbeitsmittel und
fein Produkt ein der Gesellschaft gehöriges werden. Die jetzige überlebte Rechtsform —
der sogenannte Kapitalismus — erzeuge die Ausbeutung der unteren, die UÜbermästung
der oberen Klassen.
Nun ist gewiß der frühere Kleinbetrieb vom heutigen Großbetrieb weit verschieden;
und gewiß haben die geld- und kreditwirtschaftlichen Formen des heutigen Geschäfts—
lebens, zumal die neueren Unternehmungsformen den Verteilungsprozeß so kompliziert,
dem großen Besitzer und dem großen kaufmännischen Talent Möglichkeiten der Rente
und des Gewinns geschafft, die früher sehlten, und die an vielen Stellen durch unrechte
Ausnützung der Übermacht, durch Betrug und List entarteten. Wenn selbst ein Mann
wie Datwin es aussprechen konnte, die Sieger im Kampfe ums Geld seien heute keines—
wegs immer die Besten und Klügsten, so muß die heutige Verteilung des beweglichen
Kapitaleigentums nicht einwandfrei sein. Die Geldmacher sind gewiß meist große
Geschäftstalente, aber ihre Millionen und Milliarden stehen zu oft doch in keinem ent—
sprechenden Verhältnisse zu diesem Talent. Der Zufall spielt in dem lotterieartigen
Kampfe um den Besitz heute eine größere Rolle als früher; und ebenso die harte, oft
wucherische Skrupellofigkeit der Mittel. Die heutige Kapitalbildung in den Händen
der Kaufteute und Unternehmer konnte den Anschein erwecken, als ob in der neueren
Zeit nur noch der Besitz die Scheidung zwischen den höheren Ständen und den besitzosen
 Arbeitern erzeuge, daß nur die Besitzenden Unternehmer würden, die Nichtbesitzenden
davon ausgeschlossen seien. Und so wenig das durchaus zutrifft, so groß die Zahl der
besitzlosen Ärbeiter, Werkmeister und Kaufleute ist, die Unternehmer und Kapitalbesitzer
werden oder sonst in gute Stellungen kommen, bei dem Übergang in die Großindustrie
und in die moderne Kapital- und Kreditwirtschaft vollzog sich in der That eine harte
Klassenscheidung, die neben anderen Ursachen auf der großen und raschen Kapital—
anhäufung in den Händen der wenigen Führer der neuen —
heruhte. Das hat naturgemäß heute in weiten Schichten der Zurückgebliebenen und
Übervorteilten ein starkes, aber unklares, dunkles Gefühl der Mißstimmung erzeugt, die
Zweifel an einer gerechten Verteilung der Güter sehr verstärkt. Aber das beweist doch
nicht, daß alles individuelle produktive Kapital nun gesellschaftliches Gesamteigentum werden
müsse. Wenn im Handwerk mehr die technische Arbeit des Meisters, in der Großunter—⸗
nehmung mehr die geistige des Unternehmers in den Vordergrund tritt, so ist damit
doch nicht bewiesen, daß der Reinertrag dort von Rechts wegen, hier zu Unrecht dem
gebühre, der das Risiko trägt, das Geschäft ins Leben gerufen hat. Die Bezeichnung
des Kleinbetriebes als individuellen, des Großbetriebes als gesellschaftlichen Produktions—
prozesses ist eine starke UÜbertreibung, wenn sie behaupten will, daß bei jedem großen
        <pb n="394" />
        382 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirxtschaft.

Geschäft die ganze Gesellschaft gleichmäßig die Ursache, die Ordnerin des Betriebes sei;
es ist dort ein Meister, hier ein Kaufmann oder Techniker, ein Kapitalist oder eine
Gruppe von solchen; der Geselle hat dort, die Arbeiter haben hier, so bedeutsam ihre
Intelligenz, ihr technisches Können auch ist, doch mehr nur eine passive Rolle, sie führen
die Gedanken anderer aus. Und so weit es wahr ist, daß in den immer gröoͤßer
werdenden Geschäften und ihren Formen ein eigentlich gesellschaftlicher Prozeß sich uns
offenbare, insoweit ist auch der Verteilungsprozeß ein gesellschaftlich geordneter und wird
es täglich mehr. Daß er heute noch vielfach unvollkommen sei, die Spuren veralteter
Einrichtungen oder des Übergangs in eine neue Zeit an sich trage, durch Sitte und
Recht, durch gerechtere Einkommens- und Vermögensverteilung vollkommener zu gestalten
sei, leugnen wir nicht nur nicht, sondern betonen wir mit aller Energie. Wir leugnen
nur, daß durch diese Mißstände die Unhaltbarkeit alles privaten Kapitaleigentums
bewiesen sei. Wir behaupten, daß es bis jetzt von niemandem nachgewiesen sei, wie
ohne dasselbe die Menschen heute zu Fleiß und Anstrengung, zu Sparsamkeit und
Kapitalbildung, zu kühnen Versuchen der Produktionsverbesserung veranlaßt würden.
Wenn heute die großen Vermögen in erster Linie in den Händen glücklich
operierender Händler und Großunternehmer, Bankiers und Gründer sich sammeln, so
ist eben die Frage, ob ihre großen Gewinne mehr Folge außerordentlicher Talente und
seltener Leistungen oder Folge von Zufällen und Konjunkturen, von künstlichen oder
thatsächlichen Monopolen oder gar von unredlichen Mitteln sind. Und glatt, allgemein
läßt sich hierauf weder mit ja, noch mit nein antworten. An die erstere Alternative
glaubt die Geschäftswelt, zu letzterer neigen die socialistischen Schriftsteller, oft auch das
große Publikum. Die Wahrheit wird in der Mitte liegen. Es wird jede Einschräukung
der Möglichkeit unreellen Erwerbes ein sittlicher und socialer Fortschritt fein, während
das größere Eigentum für das größere Talent und die höhere Leistung doch, soweit fie
ehrlich und anständig verfahren, von keinem Vernünftigen ernstlich beanstandet werden
kann. Nur darum kann es sich handeln, die Wege zu finden, um den maßlosen
Monopolgewinn einzuschränken oder zu beseitigen, die Erwerbsarten nach Seite des Rechts
und der Geschäftssitten, eventuell durch bestimmte Schranken des Gelderwerbs so zu
gestalten, daß nicht zu viel rohe Emporkömmlinge und Protzen, nicht zu viele unanständige
Wucherer und gewissenlose Spekulanten sich als die maßgebenden Spitzen der Gesellschaft
ühlen oder gar Gemeinde und Staat beherrschen können.
Jedenfalls aber lassen sich zwei Reihen von Thatsachen und Überlegungen an—
führen, die für den historisch Denkenden jede Wahrscheinlichkeit beseitigen, daß das private
Eigentum am Erwerbskapital im socialistischen Sinne überwiegend oder ganz beseitigt
werden könnte. Es handelt sich einerseits um die psychologisch-sittengeschichtlichen Vor—
gänge, die heute unser Erwerbsleben begleiten, andererseils um die Rechisformen, in
denen das Kapitaleigentum heute mehr und mehr auftritt.
In ersterer Beziehung möchten wir betonen, daß die unteren Klassen nur in dem
Maße sich wirtschaftlich heben können, wie sie selbst diejenigen wirtschaftlichen Eigen—
schaften des Fleißes, des Sparens, der Kindererziehung, des Zurücklegens für die Kinder
sich erwerben, wie sie heute als Folge des Eigentums, des Darlehens, der Geld- und
Kreditwirtschaft die höheren und mittleren Klafsen auszeichnen. Nur indem der Arbeiter,
der Handwerker, der Bauer rechnen, buchführen, kalkulieren lernt, alle Preise kennt und
verfolgt, kurz in gewissem Sinne ein Geschäftsmann wird, kann er dem Druck der Über—
legenheit der heutigen Kaufleute und Unternehmer sich entziehen. Nur Menschen, die
fähig geworden sind, EKigentum sich zu erarbeiten, es richtig zu verwalten und ihren
Kindern entsprechende Gewohnheiten einzuimpfen, sind auch fähig, Eigentumsanteile an
einem genossenschaftlichen, gemeindeartigen oder staatlich gemeinsamen Besitz richtig zu
gebrauchen, sofern und soweit die weitere Entwickelung Derartiges bringt. Vom Drucke
der Besitzlosigkeit läßt sich der heutige und zukünftige städtische und gewerbliche Arbeiter
nur vereinzelt noch durch ein eigenes Häuschen oder ein eigenes Garten- und Ackerstück,
aber ziemlich allgemein bei rechter Erziehung und Entwickelung durch einen Anteil, eine
        <pb n="395" />
        Die Notwendigkeit des individuellen Kapitaleigentums. Das Erbrecht. 388

verzinsliche Forderung an eine Sparkasse oder eine Genossenschaft, durch ein Inhaber—
papier irgend welcher Art befreien.
Und damit sind wir beim zweiten Punkt: ein steigender Teil alles Kapital- und
Grundeigentums geht heute in Forderungs- und Anteilrechte von Aktionären, Genossen⸗
schaftern, Pfandbrief- und Sparkassenbuchinhabern, von Hypotheken⸗, Staats⸗ und
Gemeindegläubigern über. Aus dem realen wird eine Art Buch- oder Papiereigentum,
das gewiß neue Mißstände und sociale Gefahren erzeugt, in seiner Geteiltheit aber allen
Kreisen der Gesellschaft, auch den untersten zugänglich ist. Die hieher gehörigen Ein—
richtungen sind nicht denkbar ohne den Mechanismus der Wert- und Preisbildung sowie
ohne das Institut des verzinslichen Darlehens; sie bringen aber einen immer größeren
Teil des produktiven Kapitals aus Privathänden in die thatfächliche Verwaltung von
Staat, Gemeinde, öffentlichen Korporationen, halböffentlichen Anstalten, Gefellschaften
und Genossenschaften. Die Ausbildung der entsprechenden socialen Organe, die diese
Art gemischten, nach der Rentenseite individualistischen, nach der Verwaltungsseite
gemeinsamen Eigentums verwalten können, ist die Vorausfetzung des Fortschrittes nach
dieser Richtung. Wir kommen darauf in anderem Zusammenhang zurück. Nur daran
sei erinnert, daß jede solche Organisation in gewisser Weise schwerfällig ist, Betrug und
Unterschleif erzeugen kann, auf zahlreiche Schwierigkeiten stößt, die in der Familienwirtschaft
und der herrschaftlichen Privatunternehmung fehlen. Daher werden die Fortschritte
auf diesem Gebiete immer langsame sein. Aber ebenso unzweifelhaft ist, daß damit der
formale Weg angebahnt ist, auf dem das kollektive Eigentum der Zukunft sich aus—
dehnen wird. Das rententragende Bucheigentum ist der Demokratisierung fähig; seine
Mißbräuche und seine zu ungleiche Verteilung können bis zu einem gewissen Grade
durch Sitte und Recht verbessert werden; durch Regulierung der zulässigen Erwerbsarten,
durch gerechtere Einkommensverteilung, durch successives Steigen des Lohnes und successives
Sinken des Zinsfußes kann die künftige Eigentumsverteilung eine gerechtere und gesündere
werden, ohne daß die segensreichen Folgen des Eigentums für individuelle Freiheit und
für wirtschaftliche Erziehung verschwinden.
130. Das Erbrecht. Ehe ich nun aber versuche, kurz die Ergebnisse der
geschichtlichen Betrachtung zusammenzufassen, sei ein Wort über die Erblichkeit alles
privaten Eigentums hier eingeschaltet.
Die Erblichkeit alles Eigentums hat ihren Ursprung in der Familienverfafsung.
Die ältere Familie hatte wirtschaftlich eine durch Generationen hindurch fortgesetzte
Existenz. Die aus der Familie hinaus heiratenden Töchter hatten ursprünglich kein
Erbrecht, so wenig wie Söhne, die mit einer gewissen Ausstattung das Elternhaus
verlassen hatten und „abgeschichtet“ waren. Die beim Tode der Eltern vorhandenen Kinder
setzten ungeteilt die Wirtschaft fort. Niemandem konnte einfallen, ihnen die Habe zu
nehmen, delche die Grundlage ihrer Wirtschaft war. Später, mit dem steigenden Besitz
und dem erwachenden Individualismus forderte jedes Kind einen gleichen Erbteil, foweit
nicht im Gesamtinteresse der Familie oder des Staates einzelne Kinder bevorzugt wurden.
Jevenfalls aber wird, wo heute ein gesundes und kräftiges Familienleben vorhanden
ist, überall das Erbrecht der Kinder als etwas Gerechtes und Selbstverständliches an—
gesehen; jedermann sieht, daß dieses Erbrecht ein wichtiges Mittel des wirtschaftlichen
Forischrities ist; gerade die fähigen und kräftigen Eltern werden zur höchsten Anspannung
ihrer Kräfte am meisten dadurch veranlaßt, daß fie ihren Kindern eine bessere Stellung
erwerben wollen. Der wichtigsie Teil der Motive, die heute Fleiß, Anstrengung und
Kapitalbildung erzeugen, wäre stillgestellt, wenn das Erbrecht der Kinder wegfiele.
Das Erbrecht entfernterer Seitenverwandten dagegen wird in dem Maße als ein
Überlebsel aus der Zeit der alten Sippen- oder patriarchalischen Familienverfassung
erscheinen, wie die moderne kleine Familie fiegt, die Verwandtschaftsbeziehungen zu
entfernteren Verwandten verblassen.
So natuürlich nun aber das Erbrecht der Kinder allen Kulturvölkern seit langer
Zeit erschien, so mußte doch, sobald der Besitz etwas größer und ungleicher geworden
dar, das exerbte Eigentum in anderem focialen Licht erscheinen als das selbst erworbene.
        <pb n="396" />
        384 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Der einzelne erhält es, ob er so tüchtig ist wie sein Vater oder nicht; er erhält weniger,
wenn er mehr Geschwister hat, mehr, wenn er allein ist, Seitenverwandte beerbt. Und
wie das Erbrecht für die Eltern das Motiv zur Anstrengung, so kann es für die Kinder
der Reichen das zur Faulheit werden. Es treten sich entgegengesetzte Folgen und
UÜberlegungen gegenüber. Und Sitte und Recht werden hievon beeinflußt werden, so
langsam auch gerade hier veränderte Zustände zu einer Umbildung der Gewohnheiten
und Gesetze führen.
Welche Änderungen des Erbrechts man auch erwarten mag, wie hoch man die
Thatsache einschätze, daß schlechte und unfähige Kinder ein reiches Erbe ohne Verdienst
erhalten, daß der Zufall der Kinderzahl den einen reich, den anderen unbemittelt
mache, — all' das sind mehr individuelle Zufälle, die aus keiner Gesellschaftsverfafsung
zu beseitigen sind. Im ganzen werden wir für die Fragen der Gesellschaftsordnung nur
auf den Durchschnitt ganzer Klafsen sehen duürsfen. Und thun wir das, so werden wir
sagen: so lange die höheren besitzenden Klassen nicht entartet sind, so werden die Kinder
durchschnittlich die Eigenschaften der Eltern haben. So lange also eine gewisse Parallelität
der höheren Eigenschaften und des größeren Besitzes sich im Laufe der Generationen
erhält, so lange wird auch das Erbrecht der Kinder innerlich berechtigt sein. Dieses
Erbrecht wird Segen stiften, so lange es zum Instrument wird, um höhere perjsönliche
Figenschaften bestimmter socialer Gruppen für längere Zeit zu erhalten, ja sie zu steigern.
Wo der große Grundbesitz ausgezeichnete Staatsmänner und Generale, tüchtige unabhängige
Lokalbeamte und Vertreter des landwirtschaftlichen Fortschritts erzieht, wo der mittlere
Grundbesitz einen gesunden Bauernstand erhält, da erscheint auch die durch Jahrhunderte
erhaltene ungleiche Grundeigentumsverteilung als ein berechtigtes Mittel aristokratischer
Gesellschaftsgliederung und Erhaltung eines breiten Mittelstandes. Und wo das in den
Händen von Kaufleuten, Bankiers und Unternehmern sich sammelnde Kapital überwiegend
die Grundlage für ein gesittetes Bürgertum, der Anlaß zu kühner Aufsuchung neuer
Handelswege, zur Anbahnung technischer Fortschritte, zur Begründung neuer Industrien
wird, da wird die Erhaltung erheblicher Vermögen in denselben Familien segensreicher
jürs Ganze sein, als wenn alles neu ersparte Kapital stets sosort gleichmäßig unter
alle Bürger verteilt würde.
Das Erbrecht wird so das Mittel, eine bestehende ungleiche Grundbesitz- und
überhaupt jede Besitzverteilung zu erhalten, unter Umständen auch sie zu steigern, zumal
wenn einzelne Kinder bevorzugt werden, oder die höheren Klassen nur eine geringe
Kinderzahl haben. Es können dadurch auch die Klassengegensätze sich verschärfen, wenn
.B. der Grundbesitz sehr an Wert steigt, die Pächter oder Bauern gegenüber den
Eigentümern und Grundherren in schlechtere Lage kommen. Aber das Erbrecht schafft
nicht die ungleiche Besitzverteilung; es erleichtert nur einzelnen die wirtschaftliche Exiftenz
and damit auch die Anhäufung von Besitz. Es fragt sich nun, wie im Laufe der
Senerationen die persönlichen Eigenschaften der Befitzenden zu der Größe ihres Besitzes
sich stellen, welchen Gebrauch sie davon machen, ob zumal da, wo immer größerer Besitz
sich in wenigen Händen anhäuft, die Leistungen, Fähigkeiten und Tugenden entsprechende
find. Es kommt da ganz auf die Erziehung in den höheren Klassen, auf deren geistig—
moralische Entwickelung an. Jede ältere Befitzaristokratie ist der Versuchung ausgesjetzi,
sich dem Luxus, dem individuellen Lebensgenuß, den Lastern des vornehmen Lebens zu
ergeben, nicht mehr zu arbeiten und auf das stolze Vorrecht der Initiatibe zu verzichten.
Erst sind es einzelne ihrer mißratenen Söhne, oft bald auch der Durchschnitt derselben,
der so herabsinkt, die alten Fähigkeiten und damit die Führung des Volkes verliert.
Und doch sind ihre Glieder oft gerade in solcher Zeit in der Lage, durch geminderte
Eheschließung und Kinderzahl, Geldheiraten und Erbrecht größere Vermögen zu sammeln.
Die perfönlichen Eigenschasten sinkender Aristokratien sind es, welche die wichtigste Ursache
revolutionärer, kommunistischer Bewegungen darstellen. Daß alle Aristokratien, am
frühesten die exklusiv nach unten sich abschließenden, mit der Zeit der Gefahr der Er—
schöpfung, der Entartung erliegen, wird sich nicht leugnen lassem
        <pb n="397" />
        Das Erbrecht, die Angriffe auf dasselbe, seine Reform. 385

Man kann nun einwenden, in solchen Zeiten fänken die verkommenen Söhne und
Enkel einer alternden Aristokratie durch Verschwendung und durch ihre körperlichen und
geistigen Eigenschaften in der Regel spätestens in der 2. oder 8. Generation von selbst
in die unteren Klassen herab, oder die Familien stürben aus, neue, bessere Elemente
träten an ihre Stelle, und es fände so gleichsam ein natürlicher Reinigungsprozeß statt.
Aber ein solcher genügt den anstürmenden demokratischen Bestrebungen nicht. Unter
dem Eindrucke der entarteten Sitten, der gesunkenen Leistungsfähigkeit und der politischen
Fehler der bevorrechtigten Kreise, bildet sich in solcher Zeit der Glaube, alle Vermögens—
berteilung sei ungerecht. Und unter der Vorstellung, daß alle Menschen von Natur
zleich seien, wird nun das Erbrecht überhaupt angegriffen, das den gleichen Menschen
so ungleichen Besitz zuweise. Der Zufall, der durch Krankheit und Gesundheit, durch
deben und Sterben in alles Menschenschicksal eingreift, erscheint auch in der Form
der Erbrechtsresultate nun als etwas Unerträgliches, durch neue Einrichtungen zu
Beseitigendes.
Aus solchen Bewegungen ist der berechtigte Gedanke erwachsen, daß das Erbrecht
der Seitenverwandten zu beseitigen sei, daß der Staat durch Erbschaftssteuern an jeder
Vermögensübertragung im Todesfall teilzunehmen habe. Weiter schon geht es, wenn
alle größeren Vermögen einer progressiven Erbschaftssteuer unterworfen werden, oder
wenn, wie das oft (zumal im Altertum) vorgekommen ist, die größeren Vermögen durch
taatliche Konfiskation befeitigt werden. Das letzte Glied in dieser Kette ist der socialistische
Bedanke, überhaupt Staat oder Gemeinde statt der Kinder erben zu lassen oder wenigstens
ede Erbschaft über einen gewissen Umfang diesem Princip zu unterwerfen. Dabei wird
ibersehen, wie klein heutzutage die Zahl der Millionäre ist, die man beneidet, bei
deren Kindern die ungünstigen sittlichen und wirtschaftlichen Folgen des Erbrechts über—
viegen. Wir können ohne Übertreibung behaupten, daß bei 80 —95 0/0 aller Familien
auch heute noch das Erbrecht der Kinder überwiegend segensreich wirkt. Auf die Zahlen,
die dies wahrscheinlich machen, werden wir bei der Einkommensverteilung zurückkommen.
Und auch bei der heutigen Aristokratie wird die Zahl derer, welche durch größeren
Besitz und Erhaltung desselben in den Familien der Gesamtheit mehr nützen als
ichaden, ebenso groß oder größer sein wie die der entarteten Rentierssöhnchen, die durch
ein großes Erbe zu Grunde gehen, nicht arbeiten, durch ihr Beispiel mehr schaden als
nützen. Und wie wollte man ein Erbrecht einrichten, das nach der persönlichen Würdigkeit
 dem einen sein Erbe läßt, dem andern es nimmt. So wird, so lange es individuelle
Menschen und individuelles Eigentum giebt, die Menschheit sich in Familien fortpflanzt,
auch das Erbrecht dauern; allerdings allmählich durch Steuern mehr beschränkt und in
Bezug auf Seitenverwandte ganz oder halb beseitigt, sowie modifiziert durch jenen
gemeinnützigen Sinn, der jedem Millionär die Pflicht auferlegt, einen Teil seines Besikes
durch gemeinnützige Stiftungen der Gesamtheit zuzuwenden.
131. Die Ergebnifse der geschichtlichen Betrachtung. Zwei historische
Entwickelungsreihen aus der Geschichte des Eigentums übersehen wir: die antike und
die moderne. Beidesmal siegte im ganzen das Privateigentum über das ältere Staats—
und Gemeindeeigentum. Diese letzteren Formen waren in breiter, ausgebildeter Weise
so lange vorhanden, wie eine naturalwirtschaftliche Genossenschafts- oder Staatsverfassung
die noch nicht zu individueller Ausbildung gelangten Menschen beherrschte. Ein volles
staatliches Vodeneigentum hat es nur in militaͤrischen oder priesterlichen Despotien
zegeben; die Allmende fetzte Überwiegen der Weidewirtschaft über den Ackerbau voraus.
Mit dem Siege des intensiven Ackerbaues, mit allen Fortschritten der Technik verknüpft
ich bei allen Völkern das breitere Vordringen des freien Privateigentums. Weil wir
bisher eine andere Art vollendeter technischer Produktion in Ackerbau und Industrie,
im Klein- und Großhandel noch nicht erlebt haben als unter der Voraussetzung des
überwiegenden Privateigentums, so hat bisher auch die herrschaftliche freie Verfügung
der Individuen über die Gegenstände der beschränkten materiellen Außenwelt für die
zeste rechtliche Basis der Volkswirtschaft gegolten.
Schmoller. Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 426. Aufl.
        <pb n="398" />
        386 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Ebenso klar aber ist, daß mit dem Eigentum des Privatmannes, welches das
direkte Bedürfnis seiner Person, seiner Familie überschreitet, Mißbräuche gesellschaftlicher
Art verbunden sein können. Das Eigentum giebt eine Sphäre der Freiheit, einen
Spielraum für individuelles und mannigfaltiges Thun, und je größer diese Freiheits—
sphäre, desto wechselvoller können die Folgen sein. Der größere Grundbesitz, das größere
Kapital giebt Macht, die recht und die falsch gebraucht werden, die der Gesellschaft
nützlich oder schädlich sein kann. Alles größere Eigentum legt mehr sittliche als rechtliche
Pfuichten auf, die erfüllt und vernachlaͤssigt oder verletzt werden können. Und darnach
wird die Gesellschaft urteilen, darnach wird ihr Urteil über die bestehenden Eigentums—
verhältnisse ausfallen.
In der antiken Geschichte war das ältere gebundene und genossenschaftliche Eigentum
zu rasch und zu plötzlich in den freien Latifundienbesitz einer kleinen entarteten, mehr
durch Ausbeutung ihrer politischen Herrschaft als durch Arbeit überreich gewordenen
Aristokratie umgeschlagen, während die Menge ebenso faul und genußsüchtig wie
eigentumslos war. Der römische Principat legte auf das wertvollste Eigentum an
Bergwerken, Salinen, Gütern und Fabriken durch Konfiskation und in anderer Weise
die Hand und fammelte so gewaltsam ein Riesenvermögen, um das ungeheure Reich
damit zu regieren, den Pöbel der Hauptstädte durch Brotspenden und Spiele zufrieden
zu stellen; die großen aristokratischen Vermögen, die daneben in Privathänden, im
Besitz der Possessoren blieben, wurden mit solchen Lasten im Staatsinteresse belegt, daß
die Eigentümer bald lieber ihren Besitz aufgaben, durch erblichen Zwang in ihrer
Stellung festgehalten werden mußten.
Die neuere Entwickelung war viel langsamer, viel komplizierter, sie war in ihren
wirtschaftlichen und sittlichen Folgen eine viel günstigere.
Von dem großen Grundeigentum, das im Mittelalter sich bildete, und das einst
die Grundlage der politischen und lokalen Verwaltung, der Kirche, des kriegerischen
Dienstes gewesen war, ist der größere Teil später in die Hände freier mittlerer und
kleinerer Cigentümer gekommen. So weit der Großgrundbesitzz sich erhielt oder neu in
den letzten 200 — 300 Jahren sich bildete, gehört er überwiegend dem Staate, den
Korporationen oder einer Aristokratie, welche politische Pflichten erfüllt, die lokale
Selbstverwaltung ermöglicht, Träger des technisch landwirtschaftlichen Fortschrittes ist.
Es ist von Seiten der Socialisten und der Verherrlicher des Großbetriebes neuerdings
öfter behauptet worden, bald werde und müsse alles Ackerland zu Großbetrieben ver—
einigt werden, um besser und mehr zu produzieren. Aber selbst in Nordamerika machen
die Riesenfarmen nur einen verschwindenden Bruchteil des bestellten Landes aus; in
England sind die Pachteinheiten viel kleiner als die Eigentumseinheiten; auf dem ganzen
europäischen Kontinent dehnt der landwirtschaftliche Großbetrieb sich heute nicht nur
nicht aus, sondern er weicht da und dort bereits dem Kleinbetrieb. Auch ist es nicht
allgemein wahr, daß er größere Ernten billiger erzeuge als der Mittel-, vollends als
der Klein- und Gartenbetrieb. Ob künftige Fortschritte in der landwirtschaftlichen Technik
das ändern werden, muß dahingestellt bleiben. Für jetzt ist das Nebeneinanderfortbestehen
der kleinen, mittleren und großen Güter als das der Produktion und der Gesellschaft
Zuträglichste anzusehen. Jedenfalls hätten wir, falls heute ein Gesetz das bestehende
Grundeigentum durch Rentenentschädigung der Grundeigentümer einziehen wollte, keine
fähigen genossenschaftlichen oder anderweiten Organe, denen mit denkbar günstigem
Erfolg das Land in direkte Pacht oder zur Unterverpachtung übergeben werden könnte.
Genoffenschaften unserer Bauern und unserer Landarbeiter wie unsere Landgemeinden
wären gleich unfühig dazu. Und alles, was wir heute an Triebkräften des Fleißes und
der Spaärsamkeit in eigenem Besitz so segensreich wirken sehen, was wir an gesunder
Verbindung von Familienwirtschaft und landwirtschaftlichem Kleinbesitz, an Verwachsung
der Generalionen mit dem Hofe der Väter besitzen, wäre mutwillig zerstört. Von den
landwirtschaftlichen Arbeitern verlangen heute die meisten nach einem kleinen individuellen,
nicht nach einem genossenschaftlichen und staatlichen Eigentum.
        <pb n="399" />
        Antike und moderne Eigentumsentwickelung. 387

Nur unter bestimmten Voraussetzungen werden die heutigen Eigentumsverhältnisse
des Grundeigentums unhaltbare; wenn der größere und mittlere Besitz seiner öffentlichen
Pflichten ganz vergißt, wenn die Mehrzahl der größeren Grundeigentümer zu bloß
zenießenden Rentiers herabsinkt, wenn und wo ungesunde Zwergpachtverhältnisse oder
eine allgemeine Überschuldung siegen oder ganz überwiegend werden. Diesen Gefahren
'ann entgegengearbeitet werden, und wird es längst, wie wir oben schon ausführten.
Der ältere Bauernschutz, unsere Ablöfungsgesetze, unser neueres Anerbenrecht gehören
hieher. Uber Erschwerung der Verschuldung verhandelin wir heute, mehr wird noch in
Zukunft geschehen. Im Osten der preußischen Monarchie hat man mit Erfolg begonnen,
unter Mitwirkung staatlicher Behörden und staatlichen Kredits zahlreiche mittlere und
leine Bauernstellen zu schaffen. Die Anhäufung des zu großen Grundbesitzes in einer
Hand sollte erschwert, jedenfalls an Bedingungen im Interesse socialer Reform geknüpft
werden. Es könnte verfügt werden, daß die bestehenden mittleren Besitzungen ohne
genügende Gründe nicht verpachtet, sondern von Eigentümern bewirtschaftet werden
müssen, daß fie über ein Maximum nicht vergrößert, unter ein Minimum nicht ver—
kleinert werden dürfen, daß von solchen Besitzungen nur eine in derselben Hand sein
darf. Ansätze zu solcher Rechtsbildung haben wir in verschiedenen Staaten und in der
kolonialen Landgesetzgebung. Ein größerer Teil des Grund und Bodens kann daneben
ganz dem freien Verkehr überlassen bleiben.
Aller Grundbesitz, ebenso aller Haus⸗, Fabrik-, Bergwerksbesitz wird in steigendem
Maße in seiner Nutzung gesetzlichen Schranken im Gesamtinteresse unterworfen. Und
doch bleibt daneben der Verkehr damit frei; ein immer größerer Teil des heutigen Ver—
mögens ist nicht ererbt, sondern erworben; je beweglicher unsere Volkswirtschaft geworden,
destoweniger kann der Unfähige und Faule im ganzen sich halten. Freilich verschwinden
die Ausnahmen nicht, freilich hören glückliche Zufäülle und Konjunkturen nicht auf, den
Dummen und Trägen einmal das große Los treffen zu lassen, und überträgt das Erb—
recht immer wieder die Vermögensverteilung der alten Generation, ohne Rücksicht auf
die Eigenschaften, auf die jüngere. Aber das sind keine Einwürfe, die schwerwiegend
zenug gegenüber den entgegenstehenden günstigen Folgen wären. Nur darf man als
Ideal einer gerechten und durchführbaren Eigentumsordnung nicht eine solche aufstellen,
die jedem Individuum gleich viel oder in jedem Augenblick nach seinem persönlichen
Verdienst giebt. Soweit letzteres indirekt möglich ist, müssen die Institutionen darauf
hinwirken, direkt aber ist dies nie möglich, weil dazu eine allwissende Behörde gehörte,
deren Wirken doch von den einzelnen als ungerechter Despotismus empfunden würde.
Hauptsächlich ist aber nicht das augenblickliche Einzelinteresse aller Individuen der
richtige Maßstab, sondern das gesellschaftliche Gesamtinteresse in Gegenwart und Zukunft.
Dies kann daher auch allein maßgebend für die Frage sein, ob und wo Staat
und Gemeinde oder öffentliche von ihnen halb abhängige Anstalten, ob und wo
Stiftungen, Gesellschaften, Genossenschaften die Verwaltung eines steigenden Teils
alles Eigentums in den werschiedensten Rechtsformen den Individuen und Familien
abnehmen.
Aber es wird auch in Zukunft wie bisher eine breite Sphäre des Eigentums der
Individuen bestehen bleiben neben dem des Staates und der anderen höheren socialen
Organe; es liegt im Wesen des Individuums und der Gesellschaft, daß dem so sein muß.
So lange es Menschen giebt, wird es individuelles Eigentum geben, es ist nur erweitertes
Organ des Willens; menschliche und berufliche Ausbildung ist unmöglich ohne eine
freie Eigentumssphäre. Alle höhere Ausbildung der Individualität fetzt die höhere,
sichere Ausbildung einer gewissen individuellen Sphäre der Freiheit d. h. des Eigentums
voraus. Und vollends wer daran festhält, daß eine gewisse aristokratische Gliederung
der Gesellschaft sich immer erhalten wird, kann auch in einer entsprechenden aristokratischen
Eigentumsverteilung nur die Konsequenz eines Gedankens sehen, dessen Ausschreitungen
man bekämpfen muß, der aber an sich nicht verschwinden wird.
Ebenso aber schließt alle höhere Staats- und Gesellschaftsverfassung gemeinschaft—
liches Eigentum und bestimmte Rechte der Gemeinschaft über das individuelle Eigentum
        <pb n="400" />
        288 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

in fich. Die Epochen des großen socialen Fortschritts, der steigenden Zusammenfassung
der Kräfte sind zugleich Zeiten, in welchen das gemeinsame Eigentum nicht bloß das
des Staates fondern aller größeren socialen Organe zunimmt, und die Unterordnung
des individuellen Eigentums unter die Gesamtzwecke wächst. Wir leben heute wieder
in einer solchen Epoche, die die Grenzen zwischen gemeinschaftlicher und individueller
Figentumssphäre etwas anders reguliert, eine kompliziertere Ineinanderpassung beider
Sphären herbeiführt, eine Summe neuer Gemeinschaftsorgane mit eigentümlicher,
'omplizierter Verfassung und gemeinschaftlichem Eigentum erzeugt und erzeugen wird.
Das Wesentliche aber bei all' dem ist, daß die Eigentumsordnung eine immer kom—
pliziertere wird, die verschiedensten je für bestimmte Verhältnisse passenden Formen
ausbildet, aber nicht, daß sie zu den rohen Formen des alten Staats- oder Gemeinde—
eigentums zurückehrt.
Die Geschichte des Eigentums reflektiert stets die ganze Geschichte der Gesellschaft
und ihrer Organisation, sowie die Geschichte der fortschreitenden sittlichen Ideen, welche
diese in sich aufnimmt. Alle Gesellschafts-, Genossenschafts-, Staatsbildung hat irgend
welche Formen des gemeinsamen Eigentums, irgend welche Schranken und Pflichten des
privaten Eigentums erzeugt. Die Ausbildung des individuellen Eigentums hat die
älteren Gesellschaftsordnungen aufgelöst, die neuere bilden helsfen. Ohne dasselbe konnte
die patriarchalische und moderne Familie, die Unternehmung, die Arbeitsteilung, Handel
und Verkehr so wenig entstehen, wie die individuelle Persönlichkeit sich ausbilden.
Immer mehr aber haben sich zugleich die Gesamtinteressen, die sociale Zweckmäßigkeit und
Reform, die sympathischen Gefühle in alle Rechtssatzungen des Eigentums eingeschoben
uind haben edlere höhere Formen des privaten und kollektiven Eigentums erzeugt.
132. Eigentumsdefinitionen und Eigentumstheorien. Wenn wir
so alle Konsequenzen des Eigentumsrechtes ins Auge fassen, so werden wir uns für
unseren Zweck auch nicht mit der gewöhnlichen Definition zufrieden geben, das Eigentum
eei die ausschließliche rechtliche Herrschaft einer natürlichen Person oder eines socialen
Organes über eine Sache; das ist eine Definition mittelst einer bildlichen Analogie;
das Bild der politischen oder socialen Herrschaft einer Person über andere wird auf die
Sachenwelt übertragen. Alles Recht ist in seinem Kerne eine Regelung der Beziehungen
zon Personen und socialen Organen untereinander, und daher sagen wir lieber: das
Figentumsrecht ist der Inbegriff von rechtlichen Regeln, welche die Nutzungsbefugnisse
und -Verbote der Personen und socialen Organe untereinander in Bezug auf die
nateriellen Objekte der Außenwelt festsetzen. Das Eigentum an der einzelnen Sache
ist in erster Linie der rechtliche Inbegriff der andere ausschließenden Nutzungsbefugnisse,
also das Recht des Gebrauches, des Verkaufes, der Vererbung, der Verschenkung ⁊tc., in
weiter Linie schließt aber das Eigentumsrecht stets auch gewisse rechtliche Schranken
und Pflichten ein, welche dem Eigentümer in Bezug auf die bestimmte Sache gegen
andere Personen und sociale Organe auferlegt find.
Die Eigentumsordnung ist die rechtliche Regelung der gesamten Beziehungen der
einzelnen Personen und der socialen Organe zur materiellen Außenwelt; sie normiert
zemäß den bestehenden Machtverhältnissen und sittlichen Grundanschauungen in der
Form des Rechtes die Verteilung von Grund- und beweglichem Besitz an die Individuen
und socialen Organe. Das heißt: sie normiert die erlaubten und verbotenen Nutzungen
ür die Gegenwart und bestimmt die zulässigen Veränderungen in der künftigen Ver—
leilung durch das Erbrecht, durch die Verträge, die rechtlich zulässigen Erwerbsarten.
Schon die älteren einfachen Eigentumsordnungen bestehen so aus einer großen Zahl
don formalen und materiellen Bestimmungen; je höher die Kultur steigt, desto mannig—
'altiger und komplizierter werden sie, desto mehr erschöpft sich die Eigentumsordnung
rur in einer steigenden Zahl selbständiger Rechts- und Verkehrsinstitutionen.
Die historische Entwickelung des Eigentums und alle spätere formale und materielle
Ausbildung des Eigentumsrechtes, alle Veränderung in der Grenznormierung zwischen
ndividueller und gemeinschaftlicher Sphäre knüpft an praktische Anlaͤfse, an Machtkämpfe,
in die socialen und volkswirtschaftlichen. die politüchen und wiitarüchen Einrichtungen
        <pb n="401" />
        Die verschiedenen Eigentumstheorien.

389

der Zeit an; alle selbstischen und alle sympathischen Motive menschlichen Lebens wirken
da mit, bei der Ausbildung der individuellen Sphäre mehr die selbstischen, bei den
gemeinschaftlichen mehr die höheren Gefühle.
In dem Maße, wie in dieses Spiel der Motive und Interessen denkende Betrachtung
eingriff, haben führende Geister einzelne der mitwirkenden Motive, Gedanken- und
Erscheinungsreihen herausgegriffen und aus ihnen sogenannte Eigentumstheorien
geschaffen, die alle den Zweck verfolgten, mit einer einheitlichen Formel das Wesen des
Eigentums historisch und begrifflich zu erklären und meist zugleich ein bestimmtes Ideal
der Eigentumsordnung aufzustellen. In dem Maße, wie solche Theorien das Glaubens—
bekenntnis ganzer Schulen, Klassen und Parteien wurden, haben sie auf das praktische
Leben wieder maßgebend zurückgewirkt. Über die ursprünglichen Motive aber und die
geschichtlichen Prozesse, welche das Eigentum schufen und umgestalteten, waren die meisten
dieser Eigentumstheoretiker wenig unterrichtet; sie verlegten ihre Gedanken und die vor—
herrschenden Motive ihrer Zeit in die Epoche der Entstehung des Eigentums.
Aber alle diese Theorien find als historische Produkte ihrer Zeit, als Fermente
für die Weiterbildung des Eigentums von Bedeutung. Sie zerfallen der Tendenz nach
wie alle derartigen Theorien über staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen in eine
individualistische und eine centralistische Gruppe; der Motivierung nach knüpfen sie teils
mehr an die materiellen Vorgänge und Thatsachen, teils mehr an die Formen und
Entstehungsgründe des Rechtes überhaupt an. Zu allen Zeiten haben die verschiedenen
Theorien neben einander bestanden; nur findet je nach den Zeitverhältnissen und
Zuständen bald die eine, bald die andere mehr Anhänger.
An der Spitze der individualistischen Eigentumstheorien stehen die
der urgeschichtlichen Wortbildungen, die uns O. Schrader aus der indogermanischen
Sprachwelt vorführt. Wir sehen, daß schon in den ältesten Zeiten das werdende
Eigentum bezeichnet wurde als das „Besessene, Innegehabte, Erarbeitete, Erlangte,
Erbeutete, Uberlassene, dann als das Verborgene, das mit der Hand Ergriffene, das der
Gewalt Untergebene, das zum Leben Gehörige“. An ähnliche Vorstellungen knüpfen
die späteren individualistischen Theorien überwiegend an. Die von A. Wagner sogenannte
natürliche Eigentumstheorie, als deren Hauptvertreter Fichte, Krause, Hegel, Stahl,
Trendelenburg genannt werden können, geht davon aus, daß individuelles Eigentum
Voraussetzung der Entwickelung der Persönlichkeit und daher gerechtfertigt sei. Diesem
an sich ganz richtigen Gedanken wird entgegnet: der Pächter, der auf fremdem Boden,
der Arbeiter, der an fremder Maschine fremden Rohstoff bearbeite, entwickele trotzdem
seine Persönlichkeit, also passe die Theorie nicht auf den Boden und nicht auf das
Kapital; soweit der Satz zutreffe, beweise er nur, wie falsch das Eigentum heute verteilt
sei, indem einzelne zu viel, andere zu wenig Eigentum zu einer sittlich-individunellen
Entwickelung hätten.
Die von A. Wagner als natürlich-ökonomische bezeichnete Theorie, die auf
Nationalbkonomen wie Mill und Roscher zurückgeht, erklärt das individuelle Eigentum
für notwendig, um Fleiß, Sparsamkeit, Kapitalbildung zu erzeugen. Sie bezeichnet
psychologisch zutreffend eine der fundamentalen Vorausseßungen unserer ganzen Kultur—
entwickelung und unserer heutigen Volkswirtschaft, aber sie erklärt und rechtfertigt nicht
jedes bestehende Privateigentum, sie ignoriert alles Gemeinschaftseigentum.
Die römischrechtliche Occupationstheorie, die alles individuelle Eigentum aus
einem individuellen Willensakt ableitet, ist für das ursprünglich meist durch sociale
Gemeinschaften occupierte und verteilte Grundeigentum, und vielfach auch für alle spätere
Eigentumsverteilung gänzlich falsch; sie stammt aus den kriegerischen Beuteerinnerungen
von Männern, die nach Gajus maxime sua esse credebant, quae ex hostibus cepissent.
Viel richtiger erfaßt die von den Niederländern und Locke aufgestellte, von vielen
Nationalökonomen angenommene Arbeitstheorie das Problem. Daß, was ich mit meiner
Hand geschaffen, mir mehr gehört als anderen, ist eine so evidente Wahrheit, daß
sie stets dem natürlichen Gefühl sich aufdrängen mußte. Aber in einer kompliziert zu—
iammenwirkenden arbeitsteiligen Gesellschait begegnete die Durchführung dieses Princips
        <pb n="402" />
        390 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

steigenden Schwierigkeiten. Wie viel von dem Ackerwert hat die Arbeit des Feldmessers,
des Hypothekenrichters, des Gutsbesitzers, des Tagelöhners, wie viel von dem fertigen
Maschinenwert hat der Bergmann, der Eisenproduzent, der Maschinenfabrikant, der
Monteur, der Gießer und der Schmied geschaffen? Der ärmste Arbeiter wie der
Millionär ist heute zu Neunzehntel von Eigentum umgeben, das er nicht geschaffen.
Außerdem aber, soll die Waise und die Witwe nicht das Eigentum des verstorbenen
Vaters oder Mannes erhalten, weil sie es nicht erarbeitet? Hat eine wohlthätige
Stiftung, hat eine Gemeinde ihr Eigentum auf Grund von Arbeit? Kurz, wir kommen
mit dieser Theorie, so Richtiges sie in ihrem Kern enthält, praktisch nicht weit, so wenig
wie mit der in die Reihe der individualistischen Theorien gehörenden Fiktion der Natur—
rechtslehrer (Hugo Grotius), die Menschen seien durch freien Vertrag der Individuen
aus einem ursprünglichen Zustande der allgemeinen Gütergemeinschaft in eine solche des
geteilten individuellen Eigentums übergetreten.
Alle diese Theorien denken ausschließlich an das Privateigentum, sie sind gänzlich
unhistorisch, aber sie greifen aus den Thatsachen der Geschichte und des Seelenlebens
doch die wichtigsten heraus, die in der Ausbildung des privaten Eigentums eine Rolle
gespielt. Sie haben darin recht, daß bei höherer Kultur, bei zunehmender Individuali—
fierung der Menschen die private Eigentumssphäre eine steigende Rolle spielt, sie berühren
sich teilweise in ihren Idealen der Verteilung mit den entgegengesetzten Theorien, die
eine planvolle Ordnung des Eigentums von oben verlangen. Die individualiftische
Gerechtigkeit, die nie allein herrschen kann, die aber einen steigenden Einfluß erlangt,
sordert vom Standpunkt der natürlichen und der Arbeitstheorie, daß jedes vollberechtigte,
jelbständige Individuum einen bestimmten auskömmlichen Anteil am Eigentum erhalte;
sie lehrt, daß eine Eigentumsordnung und »verteilung, welche den Arbeitsleistungen, ja
überhaupt den sittlich und social in Betracht kommenden Eigenschaften und Leiftungen
der Familien und Individuen im großen und ganzen entspreche, welche versuche, sich
solchem Ideal zu nähern, die richtige sei. Aber alles Recht arbeitet mit durchschnitt—
lichen Maßstäben und groben Regeln, kann deshalb nie alle Ungerechtigkeit und
Zufälligkeit der Eigentumsverteilung beseitigen.
Die entgegengesetzten centralistischen Eigentumstheorien stehen auf dem
Boden, der schon in der ältesten Sprachbildung den Besitz als ein Geschenk der Götter
(divitiae) bezeichnete, der das Grundeigentum als ein von den Priestern verwaltetes und
verteiltes Eigentum der Gottheit auffaßte. Von Plato bis zu den heutigen Socialisten
reicht die Kette der Denker, die das Gemeinsame und Zusammenhängende in der Gesell—
schaft im Auge haben und alles von den einzelnen Individuen nicht direkt Geschaffene
der Gesamtheit und ihren Organen vindizieren. Von den neueren Socialisten werden
alle schlechten Eigenschaften der Menschen, Habsucht, Gewinnsucht, Verbrechen, unrecht—
mäßige Abhängigkeit eines Teiles der Bevölkerung vom anderen auf das individuelle
Eigentum zurückgeführt.
Die sogenannte Legaltheorie betont ausschließlich das Formale: alles Eigentum
ist Folge des Gewohnheitsrechtes und des Gesetzes. Zu ihr bekennen sich Hobbes und
Montesquieu, Bentham und Lassalle, neuerdings A. Wagner, also Geister aus den
verschiedensten politischen Lagern. Die Theorie drückt den Gedanken richtig aus, daß
das Eigentum, wie alles Recht, der staatlichen Anerkennung bedürfe, unter staatlicher
Oberhoheit stehe, vom Staate mit Pflichten, wie ein Amt sie erteile, belegt werden
könne; aber sie übersieht, daß die Anfänge der Eigentumsbildung älter sind als jede
eigentliche Staatsgewalt, und sie giebt für die Frage, ob es ein Privateigentum und
wie weit es ein solches geben soll, gar keinen Anhalt, weil sie eben rein formalistische
Theorie ist. Von socialistischer und staatsfocialistischer Seite ist sie neuerdings bevorzugt
worden, weil sie die Konsequenz nahe legt, daß wenn das Eigentum nur durch Gesetz
entstanden, es durch Gefetz auch jederzeit aufgehoben oder beschränkt werden könne. —
Alle diese verschiedenen Theorien enthalten so Elemente der Wahrheit, keine enthält
die volle ganze Wahrheit. Alle gehen von dem falschen Glauben aus, eine so komplizierte,
die ganze Gesellschaftsverfassung beherrschende Einrichtung wie das Eigentum müsse auf
        <pb n="403" />
        Individualität und Gesamtinterefsse, Reform und Revolution in der Eigentumsordnung. 891

zinen einzigen Gedanken sich historisch oder begrifflich zurückführen lassen. Sie über⸗
sehen, daß das Wesen des Eigentums sich nur erschöpft in den gesamten vielgestaltigen
sprialen und wirtschaftlichen Institutionen, in den gesamten Beziehungen zwischen
Individuum und Staat, in den großen historischen Veränderungen, welche die darauf
dezüglichen Einrichtungen durchgemacht haben und immer wieder durchmachen.
Das private und das öffentliche Eigentum sind entstanden und gewachsen in dem
Maße, wie das Individuum und die gesellschaftlichen Organe sich ausbildeten. Der
Schutz des nach den Anschauungen der Zeit wohlerworbenen Eigentums wurde die Vor—
aussetzung des Friedens in der Gesellschaft, der höheren Gesittung, der komplizierteren,
auf Arbeilsteilung und Geldverkehr beruhenden Verfassung. Gewiß konnten die Gerichte
und eine stets uͤnvollkommen bleibende Gesetzgebung nicht jeden unrechten Erwerb
hindern; jeder verjährte Besitz mußte als unangreifbar hingestellt werden, sollte nicht
An Rückfall in barbarische Roheit eintreten. So konnten immer wieder zeitweise
ungesunde Eigentumsverhältnisse entstehen; und niemals ist auch eine an sich gesunde
Figentumsverteilung von allen als solche gleichmäßig anerkannt worden. Wo große
Beränderungen der Technik, der gesellschaftlichen Organisation einzelne oder ganze Klassen
emporhoben, andere herabdrückten, entstand immer wieder die Frage, ist das Resultat
der veränderten Eigeniumsverteilung ein gutes, ein gerechtes? Wo ungerechte Privilegien
und Vorrechte sich zu lange hielten, blieb auch der Sturm der Revolution nicht aus
und suchte kühn und plötzlich in das bestehende Eigentum einzugreifen und zu bessern.
Meist nicht mit gutem Erfolg für die Bedrückten, häufig nur zu Gunsten weniger.
Jedenfalls nur in ganz rohen und einfachen Zuständen konnten Neuverteilungen des
Bodens z. B. denen zum Segen gereichen, die so ausgestattet wurden. Oft wurden
durch, gewaltsame Ausbrüche, durch Beraubungen der Besitzenden, durch Schulderlasse
und Ähnliches die Zustände schlimmer als vorher, wurde durch sie die Kultur des
betreffenden Volkes begraben.
Damit soll nicht behauptet werden, die Widersprüche zwischen Ideal und harter
Wirklichkeit ließen sich immer friedlich löͤsen. Auch die Eigentumsordnung kommt zeit⸗
veise an Punklie, wo die Friedensdämme brechen, und für die veränderten Strömungen
eue Dämme der Ordnung im Sturm der Revolution gebaut werden müssen. Aber
auch in solchen Stürmen wird der Neubau nur gelingen, wenn ein genialer Diktator
den entfessellen Gewalten Halt gebietet, die neuen Eigentumslinien unter Schonung des
Bestehenden zieht. Besser wird die Reform meist durchgeführt, wenn eine feste monarchische
Gewalt sie in die Hand nimmt, dabei die Pole alles gesellschaftlichen Lebens, Einzel—
ind Gesamtinteressen, gleichmäßig und als das wichtigste Ziel das im Auge behält,
daß nicht sowohl die plötzliche Besserung, als die künstig gerechtere Neuordnung der
Figentumsverteilung anzustreben sei. Keine irdische Gewalt kann jemals direkt eine
ganz gerechte Verteilung herbeiführen, sie erhalten, sie immer von neuem schaffen.
Richt die direkten, sondern die indirekten Wege führen, wie so oft, auch hier zum Ziele.
Die Rechtsordnung muß versittlicht, die Zugänge zum Eigentum, die rechtlich zulässigen
Frwerbsarten müssen so geordnet werden, daß daraus eine bessere Eigentumsverteilung
nach und nach von selbst entsteht. Nicht im Umsturz des bestehenden Rechtes, sondern
in der praktischen, auf das Mögliche gerichteten, an die besseren Triebe der Menschen,
an die bessere Sitte appellierenden, von großen Idealen geleiteten Reformarbeit im
rinzelnen liegt das Ziel. Alles vorhandene Eigentum ist dabei heilig zu halten.

6. Die gesellschaftliche Klassenbildung.

Allgemeines: Fergu son, Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. 1768. —
Bensen, Die Proletarier. 1847. — A, Widmann, Die, Gesetze der socialen Bewegung. 1851. —
Riehl, Die bürgerliche Gesellschaft. 1851 ff. — Mundt, Geschichte der Gesellschaft. 1856. —
Stein, Gefellschaftslehre. 1886. — Roßbach, Geschichte der Gesellschaft. 8 Bde. 186821875. —
. Spencer, Principien der Sociologie. 4 Bde. Teutsch 1877 ff. — Schäffle, Bau und Leben
        <pb n="404" />
        392 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

des jocialen Körpers. 4Bde. 1881 ff. — Gumplowicz, Der Rassenkampf. 1888. — Schmoller,
Das Wesen der Arbeitsteilung und der socialen Klafsenbildung. J. f. G. V. 1890. — Simmel,
Aber sociale Differenzierung. 1890. — Roscher, Politik, Geschichtliche Naturlehre der Monarchie,
Aristokratie und Demokratie. 1892. — Bücher, Arbeüsteilung und sociale Klassenbildung in Entst.
der Volkswirtschaft. 1893. — Ders., Arbeitsgliederung und sociale Klassenbildung. Das. 2. Aufl.
1897. — Ammon, Die Gesellschaftsordnung und ihre natuürlichen Grundlagen. 1895 und 1896; dazu
meine Anzeige. J. f. G. V. 1895. — R. Kidd, Sociale Ebolution. Deutsch 1895; dazu meine
Anzeige. J. s. GV. 1895. — Richter, Die Teilung der Erde. J. f. G.V. 1899.
Kastenwesen: Außer einer großen historischen Litteratur: Schlagintweit, Ostindische Kaste
in der Gegenwart. Zeitschr. d. morgenl.-deutsch. Ges. 23. Shering, Hindu tribes and castes
as represented in Benares. 1878. — Nesfield, Brief view of the caste system eéte. 1885.
Antike sociale Entwickelung; Jaißich, Die Gracchen und ihre nächsten Vorgänger. 1847. —
Ders. Geschichte der römischen Republißk 8Bde. 1884 1888. Bücher, Die Aufflände der un—
reien Arbeiter 1432129 v. Chr. 1874. — P. Müller, Die Geldmacht im alten Rom gegen das
Ende der Republit. 1877. — Busolt, Die griechischen Staats- und Rechtsaltertümer. 2. Aufl. 1892. —
Pohlmann, Geschichte des antiken Kommunismus und Soeialismus. 1808. 6. Meyer, Die
virtschaftliche Entwickelung des Altertums. 1895 — 3J. Canuer. Die Stellung der arbeitenden
stlassen in Hellas und Roin. Neue Jahrb. d. klafs. Alterrums 1899.
Sociale Entwickelung der neuen Zeit bis 1800: Hüllmann, Geschichte des Ursprunges der
Stände in Teutschland. 1817 u. 1830 8. Blauc, Metoire de la Teriution françgaise. 1847.
— Schmoller, Die sociale Entwickelung Englands und Deutschlands im Mittelalter. J. f. G.V.
888. — vp. Inama-Sternegg, Geschichte des deutschen Staͤndewesend. H. W. Sup.2. — Kautsky,
Tomas More und seine Utopie i890 Sering, Die sociale Frage in England und Deutschland.
J. j. G.V. 18900. — Kauftsky, Das Erfurter Programm. 1892. — Breysig, Die sociale Ent—
wickelung der führenden Völker Curopas J. . GB.“ I806 u. 1897.
Die neuere sociale Entwickelung: v. Stein, Der Socialismus und Kommunismus Frankreichs.
1842 u. 1848; die oben erwähnten Schriften von Marx, Engels, Rodbertus und die ganze
ocialistische Litteratur. — Lange, Die Arbeiterfrage. 1865 ff— Schmoller, Einige Grund—⸗
ragen ꝛc. 1874 u. 1875. 1898. — v. Treitschke, Der Socialismus und seine Goönner Preuß.
Jahrb. 34. Histor. pol. Aufsätße. — Hitzze, Kapital und Arbeit. 1881. — A. Loria, Die wirtsch.
Brundlagen der herrschenden Gesellschaftsordnung. Deutsch 1805 sin Marrxscher Tendenz, dazu die
Anzeige W. Lexis'. J. f. G.B. 18809. — W. Sombart, Socialismus und sociale Bewegung im
19. Jahrhundert. 1896 ff.

183. Begriff, Wesen und pfychologische Begründung der Klafsen—
bil dung. Wir haben in den Kapiteln über Arbeitsteilung und Eigentum die Grund—
age der socialen Klassenbildung kennen gelernt. Wir verstehen darunter das Zerfallen
der Gesellschaft in eine Anzahl von größeren Gruppen, von Ständen oder Klassen, in
welche je die gleichen oder ähnlichen Individuen und Familien nicht nach Verwandtschaft,
Ortsangehörigkeit, sondern nach Beruf, Arbeit, Besitz, Bildung, häufig auch nach
politischen Rechten sich zu loseren oder geschlosseneren Einheiten zusammenfinden, nicht
um gemeinsame Geschäfte zu treiben, sondern um im Bewußtsein ihrer Gemeinfamkeit
tich zu stärken, die Geselligkeit zu pflegen, die gemeinsamen Intereffen zu verfolgen.
Alle größeren seßhaften Völker, welche die ältere Gentil- und Geschlechtsverfassung über—
punden haben, einer gewissen Berufs- und Arbeitsteilung unterlegen find, bestehen aus
herschiedenen über und neben einander stehenden gesellschaftlichen Klassen, mindestens
aus Adel und Volk oder aus Adel, Volk und Unfreien, aus Äristokratie, Mittelstand
and unteren Klafsen, häufig aber auch aus zahlreicheren Untergruppen. Es find Gruppen⸗
zildungen von Personen und Familien, die man früher, so lange sie rechtlich getrennt
und erblich waren, mehr mit dem Worte „Stände“, heute mehr mit dem der „Klassen“
bezeichnet, ohne daß an diesem Wortunterschiede heute streng festgehalten würde.
PRirgends ist diese Art der Gruppierung, so sehr sie wechselte, von Jahrhundert zu
Jahrhundert sich umbildete, da, wo sie einmal vorhanden war, wieder verschwunden.
Die Scheidung ist dort am schärfsten, wo die Herrschaft kräftigerer über schwächere Rassen
zu einem Staatswesen geführt hat, in dem trotz des Jahrhunderte langen Durcheinander—
vohnens die aus den verschiedenen Rassen entstandenen Klaffen sich noch als Fremde
ühlen. Aber die Klassenbildung fehlt auch da nicht, wo ein einheitlicher Menschenschlag
iich gebildet hat. Sie zeigt sich, wo eine schroffe Rechtsordnung die Klassen trennt, wie
A Rechtsgleichheit und Ehefreiheit, freier Zugang zu allen Berufen und Ämtern
vorhanden ift.
        <pb n="405" />
        Der psychologische Ausgangspunkt der Klassenbildung und Klassenhierarchie. 3983

Eine große beschreibende und untersuchende Litteratur hat seit hundert Jahren die
Grundlage zu einer empirischen Klassenlehre gelegt, hat uns über die Einwirkung der
Arbeitsteilung, des Berufes, der Erziehung, der Besitzverteilung auf die Klassenbildung
große Materialien geliefert, hat uns jedenjalls gezeigt, daß, was auch die wesentlichen
Ürsachen der Entstehung sein mögen, innerhalb jedes größeren Volkes die Klassenbildung
gleichsam Spielarten des Volkscharakters, verschiedene Typen der körperlichen und geistigen
Konstitution schaffe, die durch Generationen hindurch sich erhalten, trotz des Wechsels
der einzelnen Glieder durch Leben und Tod, durch Eintritt und Austritt.
Wir können vor allem heute eines klar übersehen, nämlich, daß psychologische
Ursachen einfacher Art eine solche sociale Gruppenbildung erzeugen, sobald in einer
größeren Gesellschaft die einzelnen Glieder eine erhebliche Verschiedenheit erreicht haben.
Sei die Ursache der Verschiedenheit nun, welche sie wolle, die Verschiedenheit trennt, die
Gleichheit verbindet. Die gleichen oder nahestehenden Interessen, Gefühle, Vorstellungen
und Ideen erzeugen eine Gruppenbildung; gewisse Gedanken treten über die gemeinsame
Schwelle des Bewußtseins und geben den Kitt. Die gleichen Autoritäten beherrschen
die Gleichen. Das Bedürfnis nach Anerkennung läßt sich in einem solchen Stadium der
gesellschaftlichen Entwickelung für die Mehrzahl am leichtesten im Kreise der Berufs—
genossen befriedigen; es entsteht die Standes- und Berufsehre, die wichtigste Wurzel
aͤller Klassenbildung. Indem der einzelne in seinem Selbstgefühl von der Achtung der
Standesgenossen abhängig wird, steigert sich das Gefühl der Zugehörigkeit zur socialen
Gruppe.“ Derartige Anlehnung wird dem einzelnen um so mehr Bedürfnis, je größer
die Volksgemeinschaft geworden, je mehr in ihr die älteren kleineren Unterabteilungen,
die Geschlechts- und Ortsverbände dem Individuum nicht mehr die erwünschte pfychische
Anlehnung und materielle Hülfe in mancherlei Lebenslagen bieten. Es handelt sich um
psychologisch-sociale Bande, welche die einzelnen erst lokal, dann in immer weiterem
Umfange, ursprünglich nur mit einem dunkeln, halb unbewußten Gemeinschaftsgefühl
umschlingen, die bei höherer Kultur je nach dem Maße der Verständigung, des wachsenden
Bewußtseins, des Gegendruckes von außen, des Kampfes um die speciellen Interessen
und der sich vollziehenden äußeren bündischen oder Vereinsorganisation bis zum
schroffsten, exklusivsten, härtesten Klassen- und Standesgeiste sich steigern können.
Ebenso notwendig aber wie die Klafsenbildung scheint die Herausbildung einer
Klassenordnung, einer Hierarchie der Klassen zu sein. Und zwar nicht bloß, weil bei
den meisten großen Fortschritten der Klassenbildung die eine Gruppe emporsteigt, die
andere in ihrer Lage bleibt oder sinkt, nicht bloß, weil Klassenbildung stets Macht—
verteilung ist, meist herrschende und beherrschte Klaffen erzeugt. Das wirkt ja mit und
spielt zeilweise eine große Rolle, aber die Erscheinung wird noch durch eine allgemeinere
psychologische Thatsache erklärt, die selbst eine Hauptursache der verschiedenen Macht-,
Vermögens- und Kinkommensverteilung und der daran sich schließenden Rechtsbildungen
ist. Wir meinen die Notwendigkeit für das menschliche Denken und Fühlen, alle
zusammengehörigen Erscheinungen irgend einer Art in eine Reihe zu bringen und nach
ihrem Werte zu schätzen und zu ordnen. Wie jeder Mensch in seiner Familie, in feinem
nächsten Kreise geschätzt wird nach dem, was er durch seine Perfjsnlichkeit, feinen Besitz,
seine Leistungen diesein Kreise ist, so hat zu allen Zeiten die öffentliche Meinung die
arbeitsteiligen Berufsgruppen und -klassen des ganzen Volkes nach dem gewertet und
in ein Raugverhältnis gebracht, was sie dem Ganzen der Gesellschaft waren oder sind.
Natürlich je nach den Zeitvorsiellungen über das, was in sittlicher, politischer, praktisch—
wirtschaftlicher Beziehung das für die Gesellschaft Wertvollere ist. Die Maßstäbe können
die allerverschiedensten, berechtigten und unberechtigten, rein äußerlichen oder tief in das
Wesen dringenden sein. Nesfield hat uns gezeigt, daß der Rang der indischen Kasten
vor allem auf dem Alter der Beschäftigungen beruht; alle später entstandenen Berufe
pflegen höher zu stehen. G. Simmel haät nachzuweisen gesucht, daß die unteren Klassen
überall mehr eine ältere Zeit mit unentwickelterer Individualität, mit minderwerten
Eigenschaften repräsentieren, daß die höheren Eigenschaften und die größere Leistungs—
fähigkeit der oberen Gesellschaftsschicht mit ihrer Specialisierung und Individualisierung
        <pb n="406" />
        J

394 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

zusammenhänge. Wie dem aber auch sei, was das Urteil der Menschen über einander
beherrsche, die wirkliche Einsicht oder der Schein der Dinge, die Leistung für die Gesell—
schaft oder der äußere sichtbare Erfolg derselben, wie z. B. der Besitz und die Standesabzeichen,
 es muß in jedem Stadium der geistigen und wirtschastlichen Kultur eine
Rangordnung entstehen, und sie muß je nach dem Wechsel der Werturteile über Leistungen
und Erfolge wechseln. Lange Epochen hindurch erschien hier der Priester-, dort der
Kriegerstand als der erste; anderwärts ist es ein Amtsadel, später die Klasse der aus
diesem Stande hervorgehenden großen Grundbesitzer, wieder zu anderer Zeit und an
anderen Orten stehen die großen Kaufleute, die großen Bankiers und Industriellen voran.
Da die Ehre und Rangordnung der Gruppen etwas langsam Wachsendes ist, das im
Ldaufe der Generationen erkämpft, mit Energie festgehalten wird, so drückt sich häufig
in der jeweiligen Ordnung nicht die lebendige Wirklichkeit, sondern eine rückwärts liegende
Vergangenheit aus. Die Nachkommen tapferer Krieger behalten Wappenschilde, Titel,
bevorzugte gesellschaftliche Stellung lange, nachdem sie friedliche Krautjunker und Grund—
besitzer geworden; sie beanspruchen denselben Rang da, wo sie ihren alten Standesrang
durch neue Thätigkeit im Offiziers- oder Beamtenstand, in der ehrenamtlichen Selbstverwaltung
 neu verdient haben, wie da, wo sie nur den Vergnüguugen und Lastern des
vornehmen Lebens, dem Weiber- und Pferdesport, dem Spiele und der Jagd, dem faden
Hofleben sich ergeben. Die schlichte Handarbeit hat man lange unterschäßt, heute sind
gewisse Theorien und Klassen teilweise geneigt, sie zu überschätzen. Die staatliche Gewalt
und ein fürstlicher Hof können durch Rangreglements, durch Titelverleihung, durch
Erteilung politischer Rechte die ganze sociale Rangordnung beeinflussen, ihre hieher
zehörigen Handlungen stehen aber dabei unter demselben psychologischen Gesetz wie die
jreie öffentliche Meinung selbst in der demokratischen Republik. Wenn in den Vereinigten
Staaten heute vor allem der Geldmacher und der Millionär geschätzt wird, so geschieht
es, weil es in der breiten Masse des Volkes noch an Verständnis für den Wert wifsen—
schaftlicher, politischer und anderer Leistungen als der des smart fellow im Geschäftsleben
fsehlt. Überall werden die Berufe und die Leistungen sowie die daran sich schließenden
Besitzgrößen und Besitzarten gewertet nach dem, was jeweilig in den entscheidenden,
ührenden, die öffentliche Meinung beherrschenden Kreisen als das Wichtigere, das für
das Vaterland Wertvollere gilt. Und da keine Zeit kommen wird, in welcher die
Thätigkeit des großen Ministers und die des letzten Bureaudieners, die eines Groß—
industriellen wie Werner Siemens und die des gewöhnlichen Fabrikarbeiters für gleichwertig
gelten, so wird auch nie eine gewisse Uber- und Unterordnung der Stände und Klassen
derschwinden. Wer da weiß, wie die gute Köchin auf das Hausmädchen, der Diener
im gräflichen auf den im bürgerlichen Hause, der gelernte Maurer und Zimmermann
auf den bloßen Handlanger herabsieht, wer da weiß, wie fest solche Rangordnungen in
Anschauung und Einkommen aller Beteiligten trotz alles heutigen Gleichheitsfanatismus
sich ausdrücken, der wird eine gewisse Hierarchie der Stände als eine psychologische
Rotwendigkeit aller Zeiten begreifen.
Wie die sociale Klassenbildung sich äußere, ist in vorstehendem schon gestreift.
Wir fügen darüber noch kurz folgendes bei. Wer zur selben Klasse gehört, nimmt, ob
er höheres oder geringeres Einkommen habe, im ganzen dieselben Ehren in Anspruch;
die Klassengenossen verkehren gesellschaftlich, verehelichen sich überwiegend in ihrer Klasse,
fie tragen gleiche oder ähnliche Kleider, haben ähnliche Gewohnheit des Essens, ähnliche
Sitten und Ceremonien in ihren Zusammenkünften, Spielen, Festen, fahren in derselben
Eisenbahnklasse. Die weitere Konsequenz ist, daß sie in älterer Zeit das gleiche Wehr—
geld, den gleichen Gerichtsstand hatten; Wahlrechte und viele andere Rechte stufen sich
entsprechend ab. — In Indien unterscheiden sich die Kasten wesentlich durch die ver—
schiedenen Speisen und Tiere, die den einen zu essen erlaubt, den anderen verboten ist.
Bis auf unsere Tage ist bei allen Völkern Sitte, daß nur die denselben Klassen An—
gehörigen an demselben Tische mit einander essen und ktrinken. Noch heute gilt überall
die Vornahme gewisser Arbeiten oder ihre Vermeidung als Zeichen der gleichen socialen
Würde: wer den Pflug nicht selbst führt, wer keine Last auf der Straͤße lirägt, diese
        <pb n="407" />
        Die Außerungen und Begründungsversuche der Klassenordnung. 395

oder jene Arbeit nicht oder nicht vor anderen verrichtet (wer seiner Zeit in der Weber—
stadt keine blauen Nägel hatte und damit zeigte, daß er nicht in die Färberküve gegriffen
hatte), der gehört zur höheren Klaffe.
Am sichersten wurden die Klafssengegensätze befestigt, wenn sie in der Phantasie
der Betreffenden als göttliche Einrichtung sich darstellten. In Mikronesten ist es dem
Adel gelungen, nicht nur, was ja auch sonst allgemein vorkommt, die verstorbenen
Häuptlinge zu Göttern zu machen, sondern die Lehre zu verbreiten, daß die unteren
Klasffen keine Seelen hätten, nicht ins Paradies gelangen könnten. Die indische Kasten—
lehre baut sich auf dem Satze auf, daß die Priester aus dem Munde, die Krieger aus
den Armen, die Ackerbauer aus den Schenkeln, die schwarzen unteren Klassen anderer
Rasse aus den Füßen Brahmas stammten, daß alle Auflehnung gegen die Kastenordnung
mit unerschöpflich langen Strafen im Jenseits bestraft würde. Die deutsche Sage und
die Edda läßt die verschiedenen Stände durch den Geschlechtsverkehr des Gottes Heimdall
mit drei ganz verschiedenen Frauen entstehen. Daraus ließ man die Häuptlinge, die
Gemeinfreien und die Sklaven hervorgehen. Und diese naiv-resignierte, vom Glauben
an die Vererbung mütterlicher Eigenschaften ausgehende Auffassung erhält sich noch in
dem Märchen von den ungleichen Kindern Adams und Evas, welches dem 15. und
16. Jahrhundert angehört, welches Baptista Mantuanus, Hans Sachs, Agrikola und
Melanchthon wiederholen, um die Ungleichheit der Stände zu erklären und als göttliche
Einrichtung zu rechtfertigen. Längst waren freilich auf den Höhepunkten des geistigen
debens unter dem Druck unbarmherziger Klassenherrschaft auch die entgegengesetzten
Stimmungen lebendig geworden. Die großen Religionsstifter Buddha und Jesus haben
zie Gleichheit der Menschen vor Gott betont und in gewissem Maße zur Anerkennung
in den kirchlichen Gemeinschaften gebracht. Die Bauernprädikanten des 16. Jahrhunderts
hoffen teils auf eine künftige Gleichheit auf dieser Erde, teils darauf, daß Ritter und
pᷣfaffen zur Hölle fahren, die Bauern allein in den Himmel kommen. Der neuere
Socialismus hofft von der Vernichtung des Kapitalismus die Aufhebung der Klassen—
gegensätze, wie die französische Revolution sie von der politischen Freiheit erwartet hatte.
Der naiven älteren Resignation wie der bitteren neueren Auflehnung gegen die
Klassengegensätze wird in der Zukunft die wissenschaftliche Einsicht in die Notwendigkeit
der socialen Klassenbildung folgen müssen. Und mit ihr wird die Möglichkeit wachsen,
die Härten und Schäden zu mildern, die jeder Klassenbildung anhängen.
Die aufsteigenden socialen Klassen glauben immer leicht wieder im Namen der
Bleichheit aller zu handeln, wie von 1789-1850 das Bürgertum, heute die Arbeiterwelt.
In Wirklichkeit zerfiel das Bürgertum bald wieder in verschiedene Klassen, und die
Arbeiter erleben in der Gegenwart dasselbe. Das hindert aber, wie wir sehen werden,
gewisse Reformen, gewisse Nivellierungsprozesse bei den höheren Kulturvölkern nicht.
134. Die Hauptursachen der Klafsenbil dung: Rafsse, Berufs- und
Arbeitsteilung, Vermögens- und Einkommensverteilung. Die gefell—
schaftliche Klassenbildung hat natürlich-pfychologische und technisch-wirtschaftliche Ur—
achen, welche unabhängig von Staat und Recht sich geltend machen. Aber sie wirken
praktisch nur im Staat, innerhalb des Rechtes, der Schranken und Einrichtungen, so⸗
vie der großen sittlichen Gemeinschaftsprozefse, welche von der Gesamtheit ausgehen, die
Klassenbildung steigern oder mildern und modifizieren können. Wir sehen zunächst von
diesen modifizierenden Elementen ab, bleiben bei Rasse, Berufs— und Arbeitsteilung,
iowie Eigentumsverteilung.
Daß sie bestimmend auf die Klassenbildung einwirken, leugnet heute kaum jemand.
Aber über das Maß des Einflusses dieser drei Gruppen von Ursachen ist Streit und
muß Streit sein, weil es sich um unendlich komplizierte Vorgänge und Wechselwirkungen
handelt. Gobineau und seine Schule führen alle Klassengegenfätze auf die Rasse zurück:
Ale Aristokratien der Welt find indogermanisch, alle unteren Klassen haben Negerblut
in sich. Eine ebenso starke Übertreibung wie diese Lehre ist die der Socialisten, welche an
die Gleichheit der Menschen glauben, die Klassenbildung ganz oder überwiegend auf die
Vermögens- und Einkommensungleichheit zurücksühren. So Marx und jseine Schüler,
        <pb n="408" />
        396 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

und Bücher steht nicht sehr weit ab von solcher Auffassung. Ich habe hauptsächlich den
Einfluß des Berufs und der Arbeitsteilung zu betonen gesucht. Zu abschließenden
Resultaten kann heute die Wissenschaft noch nicht kommen. Suchen wir den Stand
unserer Erkenntnis objektiv wiederzugeben.
Wir haben oben (S. 189 -158) von den Ursachen der Entstehung von Rassen und
Völkern, von dem Problem der Vererbung der Eigenschaften und deren Abwandlung durch
Variabilität gesprochen, haben gesehen, daß der Typus der Rassen und Völker sich erblich
durch Jahrhunderte hindurch erhalte. Wo Rassen- und Völker durcheinander wohnen und
sich noch nicht durch sehr lange Blutsmischungen ausgeglichen haben, da zeigt uns die
Geschichte aller Zeiten, daß die höheren und die unteren Klassen dem höheren und dem
niedrigeren Rassentypus entsprechen. Freilich meist so, daß die höhere Rasse zugleich
zu bestimmten Berufen (der Priester, Krieger, Händler) hinführte und Eigentums—
gegensätze erzeugte. Es bleiben also auch hier immer Zweifel, was vom Brahmanen
auf seine Rafse, was auf seinen Beruf, was vom westeuropäischen Juden auf sein
Semitentum, was auf seine Handelsthätigkeit, was auf seinen Besitz zurückzuführen sei.
Aber daß Rasse und Volkstum für Jahrhunderte klassenbildend wirken, daß die schroffsten
Klafsengegenfätze darauf zurückgehen, daß diese Einflüsse gleichmäßig durch ungezählte
Generationen hindurch fortdauern, wird kein Unbefangener leugnen. Er wird aber weit
entfernt sein, alle Klassengegensätze allein hieraus erklären zu wollen, weil auch dem
Blute nach einheitliche Voͤlker solche zeigen.
Wenn die Rassen- und älteren Völkertypen durch Spaltung entstanden sind unter
der Einwirkung verschiedenen Klimas, verschiedener Ernährung, verschiedener Lebens- und
Arbeitsweise, wenn neue Völkertypen innerhalb der Rassen teils durch die gleichen Ein—
flüsse, teils durch fortgesetzte Blutsmischung innerhalb bestimmter abgesonderter Gruppen
und durch eine nach bestimmter Richtung sich gleichmäßig fortsetzende Variabilität (d. h.
kleine Abweichungen je der folgenden von der älteren Generation) entstanden, so werden
wir schließen können, daß die Berufs- und Arbeitsteilung innerhalb der Völker zwar
in abgeschwächter, aber doch analoger Weise verschiedene erblich sich fortfetzende Spiel—
arten des Volkscharakters unter bestimmten Bedingungen schaffe. Man wird dabei be—⸗
tonen, daß die Einwirkung verschiedenen Klimas nur beschränkt, durch den Gegensatz
von Gebirge und Ebene, durch verschiedene Landesteile in Betracht komme; auch daß
dem Gegensatz der Lebens- und Arbeitsweise andere nivellierende Einflüsse bis auf einen
gewissen Grad entgegenwirken können: so die Blutsmischung, wie sie da und dort
zwischen verschiedenen Klassen stattfindet, so die sonstigen Berührungen und Nachahmungen
und die einheitlichen geistigen Einflüfsfe, soweit sie vorhanden sind. Aber diese Ursachen
können fehlen oder sehr schwach sein; sie werden jedenfalls die Thatsache nicht aufheben,
daß mit der zunehmenden Berufs- und Arbeitsteilung zuerst einzelne für bestimmte
Thätigkeiten und Berufe körperlich und geistig Passende sich ihnen zuwenden, daß in
der Regel ihre Söhne diesen Beruf fortsetzen, daß diese überwiegend Weiber aus den—
selben Kreisen heiraten, daß die Lebens- und Arbeitsweise so Körper und Geist der
Individuen und Klassen beeinflusse, Nerven und Muskeln, Gehirn und Knochen der
speciellen Thätigkeit anpasse. Es kommt dazu, daß meist eine bestimmte Art der Er—
nährung, der Erziehung, der Sitten und Gewohnheiten in dem betreffenden Kreise vor—
herrscht und dazu beiträgt, den Typus zu befestigen. Aus diesen teils durch die Aus—
lese der Personen, teils durch lange Anpassung und Vererbung, teils durch Erziehung
und Milieu geschaffenen Zusammenhängen entspringen dann die übereinstimmenden
typischen Klasseneigenschaften. Sie werden sicherlich da und dort ein sehr verschiedenes
Maß von Festigkeit und Vererblichkeit haben, hier einen klar fixierten, dort einen mehr
schwankenden Typus von Personen erzeugen; das muß je nach der Eigentümlichkeit des
Berufes und der Arbeit, je nach Dauer der vererblichen Einflüsse, se nach den mit—
wirkenden sonstigen Bedingungen (der Ernährung, der Erziehung, der Frauenzufuhr
aus anderen Bezirken und Berufen ꝛc.) verschieden sein. Aber nur Unkenntnis kann
leugnen, daß der Hirtenstab und der Pflug, das Schwert und der Hammer, die Spindel
und der Wehstuhl, die Nadel und der Hobel nicht nur zeitlebens, sondern durch Gene—
        <pb n="409" />
        Der Einfluß der Rasse, d. Arbeitsteilung u. d. Eigentumsverteilung auf d. Klassenbildung. 397

crationen in erblicher Weise geführt, bestimmten Gruppen der Gesellschaft einen eigen⸗
rümlichen Stempel aufdrücken. Solange der Herr und der Knecht dasselbe thaten, ganz
Zleichmäßig lebten, konnte es keinen großen Klassengegensatz zwischen ihnen geben; wo
sber der Ritter aufhörte, den Pflug, der Bauer das Schwert zu führen, bedingte die
Verschiedenheit des Berufes und der Arbeit den socialen Gegensatz.
Die Thatsache der verschiedenen Arbeits- und Berufssphären schafft so verschiedenen
Blutlauf, verschiedene körperliche und geistige Ausbildung, verschiedene Ideale und
debenszwecke. Die bisher Gleichen, die sich vorher als Berwandte und Genossen be—
jandelten, werden sich fremder. Die Umbildung erst der einzelnen, in einer neuen
Specialität thätigen Personen, dann die Variation von Generation zu Generation
nnerhalb einer Gruppe, welche unter dem Einfluß aleicher Faktoren die Abweichung
fixiert, muß so klassenbildend wirken.
Die Fortschritte der Technik, der Arbeit, des geistigen Lebens mußten sich zunächst
sttets auf einzelne, dann auf kleinere Kreise beschränken; sie können unmöglich sofort auf
ganze Stämme und Völker sich übertragen; sie werden teils durch Vererbung, teils
zurch Überlieferung und Unterricht in diesen Kreisen bewahrt, vielfach als Geheimnis und
Monopol gehütet: die Münzer ganz Europas bildeten vom 15. bis 19. Jahrhundert einen
kleinen, eng geschlofsenen Kreis von erblich dazu bestimmten Personen. Was bei diesem
Vorgang auf biologische Vererbung, was auf Erziehung und gesellschaftliche Einrichtung
zurückzuführen sei, läßt sich schwer sagen; aber sicher ist, daß beides mitwirkt, daß so
alle Priester-⸗, Krieger-, Händlerklassen, die Gruppen der Handwerker, die der liberalen
Berufe eutstanden sind, daß so unsere Gutsbesitzer und Bauern, unsere meisten Arbeiter—
typen einen mit dem Beruf und der Arbeitsteilung zusammenhängenden ipeciellen
örperlichen und geistigen Stempel an sich tragen.
Man hat die Wahrheit der vorstehenden Sätze teils mit politischen Parteiargu—
menten angegriffen: sie seien eine Verherrlichung der beati possidentes, des Kasten—
wesens; teils hat man sie durch übertreibende angeblich notwendige Schlußfolgerungen
zus ihnen zu widerlegen gesucht, die, an sich falsch, nichts beweisen.
Ich habe nie gesagt: jede Arbeitsteilung wirke klassenbildend, sondern: „nur die
großen, tief einschneidenden, breitere Teile eines Volkes umfassenden, mit erheblichen
sechnischen, geistigen, moralischen und organisatorischen Verbesserungen verbundenen Phasen
— selbstverständlich, daß der
Philologensohn keine Vokabeln, der Schneidersohn keine Kenntnis des Zuschneidens von
einem Vater erbt. Aber ein so kritischer Forscher wie De Candolle sagt: der Sohn des
Generals hat oft die Neigung zum Befehlen, der des Mathematikers zum Rechnen. Alle
Lehrbücher der Pfychiatrie, sagt Ribot, bilden ein unwiderstehliches Plaidoyer für die
ẽrblichkeit. Ich habe oben schon erwähnt, daß über die Vererbung der von den Eltern
»rworbenen Eigenschaften heute ein noch nicht ausgetragener Streit bestehe, aber auch
daß sie von keiner Seite ganz geleugnet werde. Das zu thun hieße den Fortschritt der
Menschheit vom Wilden zum Kulturmenschen negieren. Auch über die Frage, welche
kigenschaften mehr, welche weniger vererbt werden, ist heute der Streit nicht geschlossen.
Aber die besten Forscher nehmen an, daß in erster Linie die Instinkte und die Fähig—
eit zu Sinneswahrnehmungen, dann die Gefühle und der Charakter, endlich die In—
telligenz vererbt wird, und zwar von dieser die einfachere Form mehr, die kompligziertere
weniger; man hat mit Grund behauptet, die höchste Intelligenz werde als eine seltene
domdination nicht leicht, aber die allgemeinen Richtungen der Intelligenz eines Volkes,
iner Klasse werden regelmäßig im Durchschnitt vererbt. Bei solcher Auffafsung bleibt
der Individualität ihr Recht, aber auch den Erfahrungen der historischen und massen—
pfychologischen Beobachtung.
Man hat mir eingeworfen, die Erblichkeit der Berufsarbeit der deutschen Hand⸗
werker und Pfarrer vom 16.—-18. Jahrhundert habe degenerierend gewirkt; nach meiner
Theorie müßte die Erblichkeit in diesem Berufe Vervollkommnung bedeutet haben. Ich
habe aber die möglichen ungünstigen Folgen der zu einseitigen Ausbildung der Arbeits—
eilung stets betont, und ich habe unterschieden zwischen aufstrebenden und sinkenden
        <pb n="410" />
        398 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Klassen. Die Specialisierung des Berufs in der aufstrebenden Zeit ist ein Element des
Fortschritts, während sie später für sich und im Zusammenhang mit anderen Ursachen
der Degeneration eine Mitursache des Verfalles sein kann. Daß die freie Berufswahl
in unserer Zeit ein ungeheurer Fortschritt sei, habe ich ebenso betont. Ich komme
darauf zurück.
Es ist so selbstverständlich, daß durch die eigentümlichen Einflüsse der Variabilität
aus allen Klassen einer im ganzen hochstehenden Gesellschafi Talente und große Männer
hervorgehen, wie daß die Almosphäre des Mittelstandes oft große Charaktere erzeugt.
Ebenso ist mir wohl bewußt, daß es in allen Klassen aufsteigende Individuen und
Familien und in den oberen entartete giebt, daß ganze Klaffen der Aristokratie durch
Inzucht, falsches und thörichtes Leben, durch übermäßige Genüsse, durch Verzicht auf
Arbeit und Initiative mit der Zeit zu Grunde gehen. Das beweist aber nicht, daß
ihre Vorfahren nicht durch das Gegenteil, durch besondere Vorzüge und Leistungen
emporstiegen, daß nicht im Durchschnitt aller Zeiten und Völker die höheren Klassen sich
durch besondere Fähigkeiten auszeichneten, auch die Mittelklassen über den unteren stehen.
Rach Galtons Untersuchungen über England ftände etwa die Hälfte aller bedeutenden
Männer dieses Staates in verwandtschaftlichen Beziehungen zu ebenso bedeutenden aus
den höheren Ständen; das beweist doch wohl, daß sie aus der kleinen Gruppe der
höher stehenden Kreise hervorgingen, während das ganze übrige Volk die andere Hälfte
der großen Männer stellte, also prozentual viel weniger an solchen hervorbrachte. Zu
ähnlichen Refultaten ist bekanntlich ein Schüler Comtes gekommen.
Der Einwurf, daß die Erziehung sehr mächtig in die sociale Klassenbildung ein—
greife beziehungsweife eingreifen könne, trifft mich nicht; ich habe das mit Energie
betont, komme darauf zuruck. Ich leugne nur, daß das Beispiel eines einzelnen un—
gewöhnlich begabten Tagelöhner- oder Kleinbauernsohnes, der, in andere Umgebung
versetzt, auf höheren Schulen erzogen, ein großer Maler, Gelehrter, Staatsmann wurde,
gegen die Vererbung von Klasseneigenschaften spreche. Man müßte die Zahl solcher
gelungenen Beispiele vergleichen mit der Zahl der nicht gelungenen, um wissenschaftlich
damit zu operieren.
Ich muß daher bei dem allgemeinen Satze bleiben, daß neben dem Rassentypus
die großen historischen Scheidungen des Berufs und der Arbeit den wesentlichsten Anstoß
zur socialen Klassenbildung gaben. Ich glaube auch trotz der gewiß beachtenswerten
kinwendungen Büchers gegen mich über den Einfluß der Besitzverteilung, daß die Berufs—
scheidung häufig und besonders in früheren Zeiten dem verschiedenen Besitz vorausging,
daß die Verschiedenheit des Besitzes auch heute noch vielfach Folge, nicht Ursache der ver—
schiedenen klafsenmäßigen und individuellen Eigenschaften ist. Daß daneben „die Besitzgrößen
und ⸗arten klassenbildend wirken, daß sie eines der wichtigsten Mittel sind, die Klassen⸗
nacht zu stärken, daß sie als Mitursachen in bestimmten Kreifen körperliche, geistige und
noralische Eigenschaften erzeugen und verstärken“, gab ich schon 1889 zu. Ich kann
heute Bücher einräumen, daß er in manchem einzelnen recht hat, besonders in seiner
Betonung des Umstandes, daß die Erziehung — nicht überall, aber vielfach — vom
Finkommen und Besitz der Eltern abhänge. Aber die meisten der historischen Beispiele
Büchers halte ich nicht für überzeugend; doch würde es zu weit führen, darauf einzugehen.
Teilweise werden sie auch durch die beiden vorausgegangenen Kapitel widerlegt; teilweise
vird der Besitzeinfluß, so weit ich ihn für richtig halte, daselbst dargethan.
Das Wesentliche des Zusammenhangs ist wohl so zu formulieren: jeder Schritt
des Emporsteigens des einzelnen und einer Klasse hat häufig gleich ein etwas größeres
Einkommen, unter Umständen auch größeren Besitz zur Folge, und deshalb verbinden
sich nun in der weiteren Entwickelung die beiden Einflüsse der Berufsthätigkeit und des
Finkommens; die Mittel- und höheren Klassen sind ohne größeres Einkommen nicht,
wohl aber ein Teil derselben ohne großen Besitz zu denken. Jedenfalls aber ist ihre
Klassenstellung mit dem Besitz allein nicht erklärt. Es ist nicht unrichtig, die heutigen
Fabrikanten mit den Kaufleuten des 16.—18. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen;
aber es giebt einen gänzlich falschen Sinn, zu sagen, aus den städtischen Rentnern seien
        <pb n="411" />
        Abwägung der Einflüfse auf die Klassenbildung. Die Klassenorganisation. 399

sie hervorgegangen, weil dadurch der Nebensinn entsteht, der Rentenbezug habe etwas ge⸗
macht, was nur Folge besonderer und relativ seltener Eigenschaften sein konnte.
Es giebt nicht leicht reine Besitz- und Nichtbesitzklafsen, wie es auch keine reinen
Kapitalisten und Kapitalbesitzer, oder nur in unendlich kleiner Zahl giebt. Selbst der
Rilterguisbesitzer, der sein Guͤt verkauft, der Bankier, der sein Geschäft aufgegeben hat,
sie bleiben social, geistig, politisch in ihrer Berufssphäre. Die Arbeiter gliedern sich
nach ihrem Beruf als Bergleute, Maschinenarbeiter, Weber, Spinner; vollends die
zroßen Schichten des Mittelstandes erhalten viel mehr durch ihren Beruf, ihr Berufs—
inkommen, als durch ihren Besitz und ihr Besitzeinkommen ihre Signatur. So groß
heute an manchen Punkten der Besitzeinfluß ist, so fehlt heute noch weniger als in
rüheren Zeiten die Möglichkeit, daß Leute „ohne Halm und Ar“ und mäßig begüterte
Kreise und Klassen in Staats- und Volkswirtschaft eine große Rolle spielen.
138. Die Kasten- und Ständebildung alterer Zeiten. Haben wir
in dem Rassecharakter, der Berufs- und Arbeitsteilung sowie in der Vermögens⸗ und
Finkommeneverteilung die grundlegenden Ursachen der Klassenbildung gesehen, so wird
die historische Farbe, die praktische Wirksamkeit jeder gesellschaftlichen Klasse durch die
Art bestimmt, wie sie sich als Verein, Bund, Korporation zu organifieren versteht, wie
Stkaat, Recht, Sitte, öffentliche Meinung diese Organisation dulden, fördern, mit Privi⸗
egien und Vorteilen ausstatten, mit Hemmungen und Schranken umgeben, die Aus—
arlung bekämpfen. Ich werde auf die Klassenkümpfe, auf die Klassenherrschaft, auf die
Gesamtresultate der socialen Entwickelung erst im letzten Buche, wo überhaupt die volks⸗
virtschaftliche Entwickelung im ganzen zur Darstellung kommen soll, eingehen. Hier
aber, wo die Elemente einer focialen Klafsenlehre erörtert werden, müssen die Formen
der Klassenorganisation und ihr Recht besprochen werden. Wir suchen, zuerst die älteren,
das Kastenwesen, das römische und germanische Ständewesen kurz vorzuführen. Es knüpft
iich daran am besten die Erörterung der Erblichkeit der Berufe.
Mit dem portugiesischen Worte Kaste bezeichnen die europäischen Sprachen
die Art der rechtlichen Gesellschaftsgliederung, wie sie in Indien noch heute besteht,
wie sie die Griechen schon dort und in Ägypten fanden oder zu finden glaubten, wie
sie heute wohl noch bei den höher stehenden Negern, Arabern und Völkern ähnlicher
uliurstufe vorkommt. Der oberflächlichen Beobachtung schien die ägyptische und indische
Bevölkerung in drei, vier, fünf, sieben oder mehr Abteilungen zu zerjallen, die in erb⸗
licher Weise ausschließlich bestimmten Berufen oblägen und unter sich keine Ehegemein—
ichaft hätten.
Daran ist zunächst soviel richtig, daß unterdrückte Rafsen von Ureinwohnern, in
zeographischer und geschlechtlicher Abgeschlossenheit lebend, hier wie anderwärts als aus—
schließliche Jäger, Hirten, Fischer, da und dort auch als Handwerker bestimmter Art
viele Jahrhunderte, ja Jahrtaufende lang sich erblich bei demselben Berufe erhalten haben.
Alle ältere Erziehung ist ausschließlich eine solche durch die Eltern, in der Familie,
oder in der Sippe. Daraus entspringt eine thatsächliche Erblichkeit der Berufe, soweit
eine Arbeitsteilung, eine Verschiedenheit der Lebensweise, der technischen Kenntnisse schon
oorhanden ist. Die Beschäftigung des mütterlichen Onkels bei Mutterrecht, des Vaters
bei Vaterrecht überträgt fich stets sicher auf die Sböhne. Es giebt keine andere Art,
etwas zu lernen; wo etwa Priester und Zauberer andere Kinder unterweisen, geschieht
es in der Form der Annahme an Kindesstatt. Auch soweit Wahlen stattfinden, wie
bei Erledigung von Häuptlingsstellen, ist der von Onkel und Vater dazu Erzogene,
Eingeweihle, bisher neben dem Häuptling Wirkende der geborene Kandidat, dem nur
Ib und zu in Verwandten oder in den Haͤuptern rivalisierender Familien Konkurrenten
gegenübertreten. Vollends die in einzelnen Familien traditionell geübten gewerblichen
Zrruse beruhen so gänzlich auf der von Jugend auf erfolgten Einweihung der Kinder
in die technischen Kunstgriffe, daß man schlechthin jeden UÜbergang junger Leute zu
einem anderen Berufe als zu dem der Eltern, des Geschlechts, der Vormünder fuͤr alle
alteren Zeiten als fast unmöglich bezeichnen kann. Noch heute ruht ein erheblicher Teil
Ies Hassenwesens in Alrika und in Alien in der Hauptsache auf dieser einfachen Thatsache.
        <pb n="412" />
        100 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Die Erblichkeit der Berufe und Beschäftigungen ist so in primitiver Zeit überall
vorhanden, und sie erscheint als Gebot der Erhaltung jeder höheren Fertigkeil. Spencer
sagt, Nachfolge durch Vererbung der Stellungen und Funktionen sei das Princip der
socialen Dauerhaftigkeit; er meint damit, wo die Befestigung des Bestehenden die Haupt—
sache sei, werde sie sich einstellen und erhalten, sei sie berechtigt.
Haben wir so eine thatsächliche Erblichkeit der ersten arbeitsteiligen Berufe aller—
wärts anzunehmen, so ist die Frage damit noch nicht entschieden, wie wir uns das
sogenannte ägyptische und indische ältere Kastenwesen zu denken haben. Nach den neueren
Forschungen hat in Agypten wohl auch nur die thatsächliche Regel geherrscht, daß der
Sohn das Gewerbe des Vaters ergriff; es bestand aber kein absoluter Berufszwang
und ebensowenig ein ausschließliches gegenseitiges Eheverbot für alle Kasten, jedenfalls
nicht in der älteren Zeit.
In Indien haben seit den Eroberungen der Arias im Gangesthal (von 1400 bis
gegen 600 v. Chr.) gewisse sich zusammenschließende Priestergeschlechter es verstanden,
sich weit über die Krieger und die Masse des Volkes zu erheben und im Hinblick auf
eine degenerierende Rassenmischung mit den schwarzen Eingeborenen die religiose Lehre zu
verbreiten, daß eine göttliche Ordnung die Klassen der Priester und Krieger vom übrigen
Volke getrennt habe, daß Blutsmischung mit den schwarzen Sudras strafwürdig, daß die
Auflehnung gegen die strenge Kastenscheidung Auflehnung gegen die göttliche Ordnung
der Dinge sei. Als Vorsitzende der Totenmahle der Geschlechtsverbände beherrschten sie
don da bis heute alle Ehen, wie alles Leben der Inder. Jeder Brahmane, der sich
in einem Dorfe von dunkelfarbigen Eingeborenen festsetzt, bringt heute noch die Kasten⸗
anschauung mit sich und zur Geltung. Aber die Ehegemeinschaft zwischen den drei
ersten Klassen, die derselben Rasse angehören, hat bestanden, bis die Priester auf dem
Höhepunkt ihrer Macht angelangt waren, und auch später galt nur der Satz, daß jeder
ieine erste Frau aus seiner Kaste nehmen solle, daß die Kinder von Frauen niederer
Kaste in die niedrigsten unter den Sudras stehenden Kasten fallen. Der Sohn des
Brahmanen wurde Priester nur, wenn er die priesterlichen Schulen durchgemacht hatte,
er konnte stets andere Berufe ergreifen; nur gewisse Thätigkeiten waren als unehrliche
oder unanständige für ihn ausgeschlossen. Die Krieger haben nie in demselben Maße
wie die Priester sich abgeschlossen, haben stets neue Elemente in sich aufgenommen,
haben daneben als Bauern gelebt, andere Berufe ergriffen, ohne freilich damit ihr
Standesgefühl, ihr Standesrecht ganz aufzugeben. Die übrigen Klafsen der arisch⸗
indischen Bevölkerung haben in ältester Zeit wohl nur im Gesetzbuch Menus, nicht
in Wirklichkeit, sich als Kaste gefühlt und entsprechende Sitten und Rechtssahungen
gehabt.
Wenn trotzdem im Laufe der Jahrhunderte die gefellschaftliche Klassenabsonderung
unter dem von den Brahmanen gegebenen Impuls immer weiter und bis zur schärfsten
rechtlichen und geschlechtlichen Absonderung ging, wenn nach der Volkszählung von
1872 fast überall einige Hundert, in Madras 3900 Kasten, zerfallend in 809 Hauptkasten
gezählt wurden, wenn von den 140 Mill. der Hindubevölkerung die großen 149 Kasten
(mit je über 100 000 Mitgliedern) allein 115 Mill. ausmachten, auch von den 40 Mill.
Muhamedanern 12218 in Kastenverbänden leben, so scheint das folgende Ursachen zu
haben. Zunächst haben sich wie kaum irgend wo sonst die uralten Stammes- und
Geschlechtsverbände erhalten; die verschiedenen Brahmanenkasten, die untereinander nicht
zeiraten, sind heute wesentlich solche Gruppen; aber auch sonst sind Rassen⸗, Bluts—,
Familienverbände ein Hauptelement des sogenannten Kastenwesens. Daun wuchert in
Indien in üppigster Weise das Sektenwesen mit seiner Ausschließlichkeit; jede Sekte hat
die Neigung, zur Kaste zu verhärten; ausschließliche religisfe Bräuche bilden ein
wichtiges Element des socialen Lebens in Indien. Endlich, und das scheint die Haupt⸗
jache: die gildenartige Berufsgliederung spielt seit uralten Zeiten eine Rolle, ist aber
bis auf den heutigen Tag eher in Zunahme als in Abnahme begriffen; vielfach mit
Rassen⸗ und Blutsgegensätzen zusammenfallend sind die durch gleiche Beschäftigung
gebildeten Kasten in steter Umbildung, Spaltung, Reuerung begriffen FJebe Hafte sreb⸗
        <pb n="413" />
        Das indische Kastenwesen.

401

nach höherer Ehre, legt sich gern ehrende Namen bei; die Wahrung gemeinsamer
Interessen, Handelsgebräuche, die gemeinsamen Feste, die Geldsammlung zu wohlthätigen
ind religiöbsen Zwecken spielen dabei dieselbe Rolle wie bei unserem mittelalterlichen
Zunftwesen. Es wird in den Censusarbeiten von 1872 berichtet, daß die Herabdrückung
Indiens durch die Engländer zum reinen Ackerbaustaate und die neuerliche Wieder—
belebung vieler Industrien überall große Umwälzungen in diesem gewerblichen Kasten—
vesen verursacht habe. Die Erblichkeit der Beschäftigung ist heute noch in Indien
wie anderwärts selbstverständliche Regel, wo Geheimnisse und Geschicklichkeiten nicht
anders als mündlich überliefert, als Familienbesitz gehütet werden. Der Individualismus
ist noch heute so wenig entwickelt, daß das reich gewordene Mitglied einer niederen
Kaste eher Tausende bezahlt, seine Kaste durch Priesteraussagen zu heben, als daß es
in eine höhere Kaste zu dringen suchte. Aber daneben sind viele Kasten in Auflösung
begriffen, andere bilden sich neu. Priesterliche Sprüche und Weihen machen das mög—
ich, wie sie andererseits den Pulaya zwingen, seine Wohnstätte als Düngerhaufen zu
bezeichnen und sich im Dickicht vor dem Mann der vornehmen Kaste zu verbergen. Von
100 heutigen indischen Kastennamen gehen durchschnittlich 77 auf die Arbeits- und
Berufsthätigkeit, 17 auf Stammnamen, 5 auf geographische, religiöse und andere Ur—
jachen zurück.
Das indische Kastenwesen ist so entfernt nichts Einheitliches, sondern es begreift
eine Summe kirchlicher und Rassesatzungen, eine Fortdauer von Geschlechtsverbänden
uind eine üppige Wucherung von Beschäftigungsgilden; das Ganze hat seinen Impuls
durch die Brahmanen, seine Ausbildung aber in der Zeit sinkender Kultur erhalten,
in einer Zeit, in welcher eine weitgehende Arbeitsteilung und gesellschaftliche Klassen—
spaltung ihre Fortbildung nicht durch starke staatliche Gewalten und eine zielbewußte
Gesetzgebung, sondern durch Gewohnheitsrecht und Sitte im Laufe von Jahrhunderten
empfing.
So ist das indische Kastenwesen nicht, wie man oft behauptete, eine Erscheinung,
die einzig in ihrer Art wäre. Sie hat Ähnlichkeit mit zahlreichen Einrichtungen halb—
sultivierter heute noch bestehender Staaten; sie hat viel Analogien mit den ständischen
Einrichtungen, wie sie in Japan bis in die neuere Zeit bestanden, mit den ständischen
Institutionen unseres Mittelalters und wieder mit denen des sinkenden römischen
Reiches. —
Von der Organisation der griechischen gefsellschaftlichen Klassen wissen wir aus
der Zeit nach der Auflösung der Geschlechtsverbände zu wenig, um ein klares Bild zu
ꝛntwerfen. Wir hören nur, daß die höheren Klassen in der Zeit der Auflösung des
Verfafsungslebens vielfach Hetärien, d. h. Schutzbünde zu politischen Zwecken gebildet
haben, daß, als Griechenland Rom unterthan war, gewerbliche Zünite da und dort
aachweisbar sind.
Die römische Überlieferung erwähnt Handwerkerzünfte schon für jene Zeit, da
neben die alte Geschlechtsverfassung die Einteilung des Volkes nach Vermögensklassen
tritt; wir wissen dann, daß Patricier und Plebejer in der älteren Zeit kastenartig von
zinander getrennt sind, daß die Patricier in den Priestertümern und sonst eine festgeschlofsene
bündische Organisation besitzen. Im übrigen siegt in dem ursprünglich kleinen, fest—
gefügten Staatswesen der Staatsgedanke so gänzlich, daß bald alle größeren Vereine,
ille politischen und religiösen Körperschaften erscheinen, als ob sie wesentlich durch die
Staatsautorität bestünden oder von ihr abhingen. Die societas freilich ist rein privat—
cechtlich, hat ihre Blüte in den Finanzgeschäften und Steuerpachten der Ritter, der
rüheren plebejischen reichen Bürgerschaft. Die sodalitates sind politische Vereine der
Vornehmen, der Begriff des corpus ist ein sehr allgemeiner; dazu gehören die universiates
 öffentlich rechtlicher Art wie die Gemeinden, endlich die collegia, d. h. legalisierte
Vereine mit sakralen Beziehungen. Vereine von Beamten und Priestern, wie von Hand—
werkern, Sterbekassen und Ausstattungsgesellschaften find collegia. Die Handwerkerkollegien
erhalten ihre sacra vom Senat, setzen ausdrückliche oder stillschweigende Staatserlaubnis
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. I. 4-6. Aufl. 26
        <pb n="414" />
        402 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

voraus. Erst in der Zeit vor dem Bürgerkrieg treten sie klar und umfangreich hervor,
nehmen einen socialpolitisch-agitatorischen Charakter an, werden deshalb von Sulla
unterdrückt, von Clodius wieder hergestellt, während Cäsar und Augustus den größeren
und gefährlichen Teil derselben unterdrücken, und jedes Kollegium wieder von da an
der Staatserlaubnis bedarf, jederzeit aufgelöst werden kann. Doch schloß das eine zu—
aehmende Neubildung von lokalen Gewerbezünften nicht aus, besonders im 2. Jahr—
hundert, indem die Staatsverwaltung sie bestimmten Beamten unterstellte, ihnen öffent—
liche Pflichten, wie z. B. den Zimmerleuten das Feuerlöschwesen, übertrug, auch ihre körper—
schaftliche innere Verfassung näher bestimmte. Hauptsächlich Alex. Severus (222-235)
errichteie viele Zunfte; sie nahmen den Charakter städtischer Institute an; während die
collegia der Subalternbeamten öffentliche Körperschaften, die collegia tenuiorum, die
Sterbekassen, freie Vereine waren, und die sodalicia als politische Vereine nach wie vor
nicht geduldet wurden.
Im Laufe des dritten und vierten Jahrhunderts nach Christus nimmt die ganze
Gesellschaft des römischen Reiches, auf dem Standpunkt hoher Arbeitsteilung angekommen,
den Charakter eines vom Staat geordneten erblichen Kastenwesens an, wobei der vor—
herrschende Gesichtspunkt der ist, jeder Klasse bestimmte Lasten für Staat und Gesell—
schaft aufzulegen, ihr dafür bestimmte Privilegien und Befreiungen von anderen Lasten
zuzubilligen, Personen und Vermögen der Betreffenden aber erblich an die staatlich geord—
neten Pflichten zu binden. Natürlich ist diese Entwickelung nicht ausschließlich, ja nicht
einmal wesentlich eine von oben gemachte, sondern ebenso sehr eine durch die natürliche
Erblichkeit der Berufe und die Wucht der egoistischen Klasseninteressen gewordene. Der
Stand der Senatoren und Ritter war längst vorhanden, als das Kaifertum aus den
überlieferten Adels- und Besitzklassen Familiengruppen schuf, in die bei gewissem Ver—
mögen der Kaifer berief, und deren Mitglieder dann zum Eintritt in die Beamtenlauf⸗
bahn verpflichtet waren. Die Possessoren in allen Stadtgebieten waren ein ähnlicher
Amts- und Besitzadel, aus dem den Austritt zu verbieten erst die sinkende Staats—
verfassung und Auflösung aller wirtschaftlichen Verhältnisse Anlaß bot. Die Fesselung
der ländlichen Kolonen an die Scholle, der Zwang für alle Soldatenkinder, wieder
Soldaten zu werden, waren ebenfalls Endergebnisse einer langen Entwickelung der be—
treffenden Institute. Erst ein Jahrhunderte langer Ausbau der großen staatlichen Ver—
kehrsanstalten, Bergwerke und Fabriken endete damit, daß neben Verbrechern, Sklaven und
Freigelafsenen auch Freie, die daselbst arbeiteten, für ihre Person, ihre Familien und ihr
Vermögen einem festhaltenden Zwange unterworfen wurden. Die Nahrungsgewerbe der
Zzrößeren Städte, die Schiffer, Messer und sonst an der Ernährung beteiligten Gewerbe, die
man später als corporati zusammenfaßte, hatten längst Korporationsverfassung, waren
polizeilich reguliert, erhielten für ihre Geschäfte große Staatszuwendungen; und so kam
es, daß ihre Unternehmungen halb den Charakter öffentlicher Anstalten und Stiftungen,
halb den von Vereinen und Genossenschaften annahmen, aus denen man dann zuletzt auch
auszutreten verbot.
Viel selbständiger standen alle übrigen, auch zunftmäßig organisierten Hand⸗
werker da; man faßte sie unter dem Namen der collegiati zusammen; die höheren der⸗
selben — 34 — sind von den Staatsfronen, den sordidis munéribus, befreit; auf
den anderen lasten diese in der spätesten Zeit mit besonders hartem Druck, so daß man,
als fie massenweise aufs Land flohen, auch hier den Austritt für unerlaubt erklärte.
Aber das Wesen dieser Verbände, welche Vermögen, Vorstände, sacra hatten, lag doch
wohl mehr in der vorhergehenden inneren Entwickelung, von der wir freilich nicht viel
wissen, die aber sicher, wie bei den späteren indischen Kasten und bei den Zünften
des Mittelalters, in der Pflege der gemeinschaftlichen Wirtschafsts- und Standes—
interessen ihr treibendes Princip hatte.
Das für die mittelalterliche Entwickelung der germanischen Völker
Eigentümliche scheint mir zu sein, daß sie vor dem Hauche romanisch-christlicher Ideen
und Einrichtungen, am raschesten natürlich im Südwesten, ihre alte Geschlechts— und
Sippenverfassung verloren, ohne doch die Staats-, Gemeinde- und sonstige Rechts—
        <pb n="415" />
        Die spätrömische und die germanische Ständebildung. 403

verfassung der antiken Welt sofort sich asstmilieren zu können, ohne doch aufzuhören,
kindliche, gemütstiefe Naturmenschen zu sein, die des Aufgehens in einem kleinen Kreise
von Genossen nicht entbehren konnten. So entsteht aus Volkscharakter und historischem
Schicksal, unter Einwirkung des zerklüfteten antiken Standesgeistes und nationaler
Genossenschaftsimpulse rasch jene üppige Wucherung einer rechtlichen Ständeordnung und
einer Vereins-, Genossenschafts- und Korporationsbildung, wie sie die antiken Staaten
nicht in gleichem Umfange so frühe gekannt hatten. Mochte die Gleichheit und Einfach—
heii der Lebensweise, die Zuweisung einer Hufe auch an den letzten Hörigen, mochten die
dehren des Christentums die Härte der antiken Klafsengegensätze mildern, Adelige, Freie
und Unfreie treten uns sofort mit dem rechtlichen Unterschiede des 8 fachen Wergeldes
zwischen Freien und Unfreien, des 2—6fachen zwischen Freien und Adeligen entgegen.
Die zu gleichem Stand sich Rechnenden sind Genossame, sind allein ebenbürtig; nur vom
Genossen läßt sich jeder im Gericht beurteilen. Dazu kommen rasch die Ehren der fest—
organisierten Kirche, die Amtsrechte, der Grundbesitzunterschied, der Dienstadel und die
kriegerische Lehnsverfassung, die den Gegensatz zwischen Freiheit und Unfreiheit ver⸗
wischen, um den von rilterlicher und bäuerlicher Lebensart an die Stelle zu setzen.
Balb wird im gleichmäßigen Gang der erblichen Verhältnisse nur der noch als Ritter
angesehen, der von Vater, Mutter und Großeltern her rittermäßig ist; die stets vor—
handene Tendenz, nur ebenbürtige Ehen in allen Ständen zuzulassen, die unebenbürtige
Ehe durch ungünstige Rechtsfolgen zu strafen, wird allgemein. Die feudale Gesellschaft
wird so eine rechtlich fixierte Hierarchie, die dem indischen Kastenwesen kaum nachgiebt:
die Heerschilde des Lehnswesens, die verschiedenen Kreise des hohen und des niederen,
des veltlichen und des geistlichen Adels, in den Städten die Patricier, die Vollbürger,
die hohen und die niederen Gilden und Zünfte, die Schutzgenossen, auf dem Lande die
verschiedenen Kreise freier, halbfreier und höriger Bauern, alle sind mehr oder weniger
gegenseitig durch schwer übersteigbare Rechtsschranken getrennt, haben verschiedenes
Standes Privat-⸗, Ehe- und Erbrecht; der Adelige darf nicht bürgerliche Nahrung
treiben, der Bürgerliche nicht adeligen Grundbesitz erwerben. In einzelnen extremen
Konsequenzen längst bekämpft, dauert diese rechtliche Ständeordnung doch bis ins
19. Jahrhundert und wirkt noch heute in ihren Resten fort.
Eine Hauptursache, daß so die Berufs- und Besitzstände fast durchaus Geburts⸗
stände wurden, lag in der mittelalterlichen Genossenschaftsbildung. Jede Gruppe von
Standesgenossen, die sich häufig sah, zusammen wohnte, gemeinsame Interessen verfolgte,
wurde zur Schwurgenossenschaft, zur Gilde, zum gegenseitigen Hülfs- und Unterstützungs⸗
verein, zum Verein für gemeinsames Seelenheil. Diese Genossenschaftsbildung erzeugte
nach innen sympathische Beziehungen und gewisse Gleichheitstendenzen, nach außen
harten Egoismus, Dünkel und Uberhebung. Je schwächer der Staat im ganzen war,
je weniger romanische Verwaltungseinrichtungen eindrangen, desto umfangreicher war
die Genossenschaftsbildung; daher in England, Norwegen, Dänemark, Niedersachsen ein
reicheres klaffenhaftes Gilde- und Genossenschaftsleben als im Südwesten Deutschlands,
in Frankreich, in Italien. Die Vereine und Schwurgenossenschaften der Geistlichen und
der Laien wurden bald, wie von Karl dem Großen, unterdrückt, bald wieder geduldet
und gepflegt. In den hbheren Gesellschaftskreisen, in der Form kirchlicher Einrichtungen
wurden einzelne bald zu Instituten der öffentlichen Verwaltung und zu Korporationen,
wie die Genossenschaften der Dienstmannen, die Ritterorden, die Kaufmannsgilden, später
auch die gewerblichen Zünfte. Es kam bei jeder solchen aus dem natürlichen Spiel
der gesellschaftlichen Interessengruppierung hervorwachsenden Genossenschaft für ihre
Weiterentwickelung, je kräftiger sie auftrat, desto mehr darauf an, wie sie sich mit den
offentlichen Gewalten auseinandersetzte, wie sie sich ihnen anzupassen, bestimmte Funk—
Ubnen vderselben zu übernehmen verstand. Wenn und so weit ihr dies gelang, wurde
sie nicht nur geduldet, sondern sogar bis zum übermaß rechtlich anerkannt, mit Sonder—
rechten und Privilegien ausgestatiet. Sie empfing hiedurch ihr bestimmtes Gepräge;
so die ständischen Adelsgenossenschaften durch ihre, Verfassungs- und Verwaltungsrechte,
die Kaufmannsgilden durch ihre Handelspolitik, die Handwerkszünfte durch ihre örtlichen
26*
        <pb n="416" />
        404 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Markt-, Gerichts- und Polizeibefugnifse, durch die Konkurrenzregulierung, die in ihren
händen lag.
Die Innungen sind städtische Genossenschaften, welche die Gewerbetreibenden einer
bestimmten Art umfassen. Teils aus hofrechtlichen, von großen Grundherren für ihre
Zwecke geordneten Verbänden und Amtern, teils aus geistlichen Bruderschaften und teils
aus freien Einungen hervorgehend, im Norden da und dort aus den Gilden aller am
Markt Beteiligten als Teile ausgeschieden oder sich loslösend, wurden sie 1100 - 1300
oftmals unterdrückt, aber immer wieder geduldet, zuletzt von Fürsten und Stadträten
anerkannt; sie erstarkten schon 1300—1400 so, daß sie in der Zunftrevolution nach
dem Ratsstuhl greifen konnten, wurden aber von 1400 an meist wieder strenge dem
städtischen Rate untergeordnet. Von 1400 - 1600 bildete sich in Deutschland wenigstens
erst das Innungsrecht im einzelnen aus, dehnte sich von einigen wenigen auf die Mehr—
zahl der besetzteren Gewerbe, ja auf alle möglichen sonstigen Schichten der Gesellschaft,
wie Spielleute, Soldaten ꝛc. aus. Die Innungen wurden in dieser Epoche ebenso sehr
städtische Selbstverwaltungskörper, dem Rate untergeordnete, zu Steuer-⸗, Verwaltungs-,
Wahl-, Militärzwecken gebrauchte Teilgemeinden, wie sie Vereine Gewerbetreibender
waren, die unter bestimmten sittlichen, technischen, rechtlichen, auch Vermögensbedingungen
Besellen aufnahmen und für ihre Mitglieder das ausschließliche Recht des Gewerbe—
betriebes in ihrem Fache und im Stadlbezirk beanspruchten, da und dort auch wohl
sich erblich abschlossen, ihre Wirtschaftsinteressen gemeinsam verfolgten, als Unterstützungs—
oereine und Censurbehörden, sowie im Auftrage des Rates als Gewerbepolizei- und
Gewerbegerichtsbehörden wirkten.
Eine ähnliche genossenschaftliche Verfassung bildeten die Gesellen von 1400 an aus.
Von 1500 an traten durch den zunehmenden Verkehr die einzelstädtischen Innungen,
wie die Gesellenbruderschaften immer mehr zu provinziellen, ja nationalen Bunden
zusammen, bis diese im 18. Jahrhundert mehr oder weniger unterdrückt wurden. Die
nonopolistischen Mißbräuche der einzelnen Innungen und Gesellenbruderschaften erzeugten
vom 16. und 17. Jahrhundert an eine gegen sie gerichtete Landes- und Reichsgesetz—
zebung, welche zuerst sich bemühte, dieselben in eine staatliche Gewerbepolizeiinstitution
zu verwandeln, und sie dann zuletzt ganz beseitigte oder zur Bedeutungslosigkeit herab—
drückte. Es geschah dies von 1600—1869 in den meisten europäischen Staaten unter
der Einwirkung der modernen Geldwirtschaft, der modernen Staatsbildung, des freien
inneren staatlichen Marktes, der interlokalen Arbeitsteilung, der neuen Betriebsformen;
vor allem aber war es die individualistische, mit der Staatsautorität verbündete Ge—
dankenwelt des 18. Jahrhunderts, welche auf volkswirtschaftlichem und socialem Ge—
biete nur noch den Staat und das Individuum dulden wollte. Der leidenschaftliche
stampf gegen alles Ständewesen und alle ständischen Korporationen und Vereine war
das Thor, durch welches der moderne Rechtsstaat allein seinen Einzug halten konnte.
136. Die neuere sociale Gliederung nach Aufhebung der Erblich—
keit und der ständischen Rechtsschranken der Berufe. Das Recht der
Bereinsbildung. Wir können sagen, die überwuchernde Blüte und Vollkraft der
hündischen korporativen Organisation der socialen Klassen, des Ständetums und die
erbliche Ubertragung von Beruf und Ständerecht gehören den Epochen der Geschichte
in, in welchen die alte Gentilverfafsung sich aufloͤst, die bloße Kanton- und Stadt—⸗
gemeindeverfassung die geschiedenen Klasseninteressen nicht mehr befriedigen kann, und der
dentralisierte starke Rechtsstaat, der sie notwendig in gewisse Schranken zurückweist, noch
nicht aufgerichtet ist oder wieder aufgelöst war. Die ständische korporative Organisation
der Klassen, der Priester und Krieger, der Kaufleute und Handwerker, der Bauern und
zewisser höher stehender Arbeiter, z. B. der Berg- und Salinenarbeiter, der Matrosen ꝛc.
hat ebenso viele glänzende und segensreiche Blüten erzeugt wie durch engherzigen Klassen—
»goismus geschadet, zu Revolutionen und vergiftenden Kämpfen Anlaß gegeben.
Was ursprünglich natürlich gewesen war, die Erblichkeit der Berufe, wurde nach
und nach durch Sitte und Recht, durch Privilegium und Erklusivität ein Unrecht und
eine unerträgliche Härte; sie hielt Leute in Berufen fest, zu denen sie nicht paßten; sie
        <pb n="417" />
        Der Kampf gegen die Erblichkeit der Berufe und das Ständetum. 405

ließ in übertriebener enger Arbeitsteilung die Familien und Individuen verknöchern.
Die Erblichkeit und die Vorrechte der höher stehenden Berufe, die einst nötig gewesen
waren, um Erfahrung, Talent und Besitz in gewissen engeren Kreisen anzuhäufen und
zu erhalten, wurden jetzt gegenüber den emporstrebenden anderen Klafsen ein Unrecht.
Die ftändische erbliche Rechtsordnung gab Leuten Klafsenvorrechte, welche weder die
Eigenschaften hatten noch den Beruf mehr übten, wegen dessen die Vorrechte einst erteilt
worden waren. Jede älter gewordene Klassenordnung hat, je mehr sie in Geburts—
und ständischen Vorrechten sich fixiert, desto mehr die Tendenz, alle Amter- und Stellen—
besetzung, alle Zugänge zum Erwerb im egoistischen Sonderinteresse zu fixieren. Je
länger das dauert, desto weniger erhalten sich in diesen Klassen die Eigenschaften der
Ahnen, durch welche diese emporgekommen waren (siehe oben Erbrecht S. 884). Andere
Klassen und die fähigen Talente aus allen Kreisen streben empor; die ständischen Ein—
richtungen wollen das hemmen. Die ganze sociale Rechtsordnung mit ihren erblichen
Vorrechten, ihren Ehehindernissen, ihren Privilegien erscheint als ein großes, nicht mehr
zu duldendes Unrecht.
Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart hat die wirtschaftliche und die Ideen⸗
entwickelung darauf hingearbeitet, die alte ständische Klassenordnung zu beseitigen. Neue
aristokratische Kreise entstanden, die ihre Stellung durch ihre persönlichen Eigenschaften
und Leistungen legitimierten: die Kaufleute, Fabrikanten und Bankiers, der Beamten—
und Offiziersstand; das mittlere Bürgertum erhob sich, lernte rechnen, schreiben, bildete
die Technik und das Geschäftsleben aus, forderte Gleichberechtigung; die arbeitenden
Klassen erlangten persönliche Freiheit, Rechts- und Steuergleichheit mit den höheren;
und wenn sie auch zunächst dem Mittelstande noch nachstehen, heben sie sich doch sicher und
gleichmäßig an Gesittung, Bildung und technischer Leistungsfähigkeit. Edelmann, Bauer
und Bürger erlangen die Freiheit des Grundstücksverkehrs; alle Klassen setzen Frei—
zügigkeit, Ehefreiheit, Gewerbefreiheit, Zugang zu allen Amtern, Berufen und Arbeits⸗
thaͤtigkeiten durch, sofsern der einzelne nur die Vorbedingungen, welche der Beruf an
die Ausbildung stellt, erfüllt. Derartiges entsprach den Ideen des Christentums, des
abstrakten römischen Rechts, den Idealen der Humanität und Aufklärung, wie sie
1700 -1850 vorherrschten. Die Geldwirtschaft und der moderne Verkehr erleichterten
und förderten die neuere Beweglichkeit und Flüssigkeit der Gefellschaft.
Die Möglichkeit zu dieser großen Veränderung trotz der großen Besitzungleichheit,
trotz aller bestehenden Vorurteile, trotz aller sich einstellenden Schwierigkeiten und Miß—
bräuche ergab sich durch das veränderte Erziehungswesen. Wie wir erwähnt, lag alle
ältere menschliche und technische Erziehung bis ins spätere Mittelalter für die Mehrzahl
der Menschen in der Familie. Nur die Kirche hatte in ihren Kirchen- und Kloster—
schulen eine neue Art der Erziehung geschaffen, die neben dem Fürstensohne auch Bauern—
und Tagelöhnersöhne emporhob. Das Institut der handwerksmäßigen Lehrlingschaft,
von 1300 -1800 ausgebildet, war in seinem Kerne familienhaft, hatte aber mehr und
mehr sich auch auf Nachbarskinder in der Stadt, teilweise sogar auf Bauernsöhne aus—
gedehnt. Die Kunst des Lesens, Schreibens und Rechnens, bis ins 14. Jahrhundert
duf Priester beschränkt, ging vom 14.—18. Jahrhundert in den Kloster- und Stadt⸗
schulen auf den Landadel, die Stadtkinder, die Beamten über, hatte gewissermaßen eine
néue, schriftkundige Aristokratie geschaffen. Die höheren Schulen und Universitäten
hatten die Scheidung der homines litterati von den übrigen Menschen gesteigert. Die
nicht daran teilnehmenden unteren Klassen waren dadurch wesentlich noch herabgedrückt
worden. Die Resormation hat dann aber den Gedanken der allgemeinen Volksschule
erzeugt, die folgenden Jahrhunderte, hauptsächlich die Zeit von 17501870, haben ihn
praktisch durchgeführt und damit eine der wichtigsten socialen Scheidewände zwar nicht
beseitigi, aber doch zum Teil abgetragen. Das neuere Volksschulwesen, die wenigstens
teilweise Zugänglichmachung der mittleren und höheren gelehrten und praktischen Schulen
auch für weitere Kreise hat gegenüber der früher engen Art der Überlieferung von
Kenntnifsen und Fähigkeiten eine neue, breitere Bildung, eine nivellierte Gesellschaft da
geschaffen, wo diese Institutionen sachgemäß durchgeführt wurden. So war durch die
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        106 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

neue, das Ständetum beseitigende Rechtsordnung und die neue gesellschaftliche Ordnung
des Bildungs- und Erziehungswesens in der That ein ganz anderer Zustand der Ge—
sellschaftsordnung und Klassenbildung entstanden, der gegenüber der alten Erblichkeit
der Berufe und der ständischen Verfafsung der Gesellschaft eine weltgeschichtliche Wendung
bedeutete; die Klassen schienen aller Schranken entledigt; die Wertschatzung des indi
viduellen Verdienstes schien gekommen; die Härte der bestehenden Klassenordnung hatte
jedenfalls einen erheblichen Teil ihrer schlimmsten Spitzen verloren.
Und doch konnte das neue Recht natürlich weder die Eigenschaften der Menschen,
wie sie in den verschiedenen Klassen abgestuft nun einmal bestanden, noch die bestehenden
Besitzverhältnisse von Grund aus plötzlich ändern. Ja, die neue Wirtschaftsordnung gab—
den Fähigen und Rücksichtslosen freiere Bahn des Erwerbes, nahm den Schwächeren
aus den mittleren und unteren Klassen, die zunächst weder die entsprechende Schul—
und technische Bildung, noch die Fähigkeit hatten, die neue formale Freiheit richtig zu
gebrauchen, viele Stützen und Hülfen, welche ihnen die alte Wirtschafisordnung ge—
geben hatte.
Auch wo diefe Schattenfeiten sich weniger zeigten, konnte der neue Rechtszustand
nicht ändern, daß die Mehrzahl der Kinder wenn nicht im Specialberuf, so doch in
der socialen Klafse der Eltern bleiben. Nur den fähigeren und besseren Kindern ist
heute das Ergreifen anderer Berufe und das Aufrücken möglich, meist auch nur in der
Weise, daß sie in der zweiten oder dritten Generation die höheren Sprossen der gesell⸗
schaftlichen Leiter erreichen, nicht bloß weil es sich um eine langsame koͤrperliche und
geistige Umbildung handelt, sondern auch weil es meist nur den aufopferungsfähigsten
und vom Glück begünstigten Eltern gelingt, ihre Kinder besser zu erziehen, ihnen einen
etwas größeren Besitz als weiteres Mittel des Emporsteigens zu hinterlassen. Nicht die
socialen Klassen sind also beseitigt, sondern mehr nur ihre Abgeschlossenheit. Freilich
ist das schon sehr viel, bedeutet eine gänzlich veränderte Struktur der Gesellschaft; jede
ganz einseitige, mißbräuchliche Klafsenherrschaft ist damit in der Regel beseitigt, zumal
wenn durch weitere Fortschritte im Schulwesen, durch weitere Erleichterungen des Einpor—
steigens der Talente in allen Carrieren, durch höhere Wertschätzung der persönlichen
Eigenschaften und verminderte des Geldbeutels diese Tendenzen noch verstärkt werden.
die freie Berufswahl aller noch mehr zur Wahrheit gemacht wird.
Die socialen Klassen also bleiben; aber sie sind nicht mehr erblich, sie haben das
gegenseitige Connubium; es entsteht damit eine gewisse Blutsmischung durch alle Klassen
hindurch, wenn auch die Ehe innerhalb der Klassen das Vorherrschende bleibt. Die
Klafsen können im heutigen Rechtsstaate weder mehr solche Vorrechte erhalten, noch so
zu exklusiven Korporationen und Ständen sich organisieren wie früher. Schon die
heutige Offentlichkeit, die Presse, der Verkehr erlaubt den Klassen nicht mehr, so sich
in Ständegeist und Exklusivität einzuschließen wie früher. Jede halbwegs gute und
starke Regierung steht heute mit einem starken Beamten- und Rechtsapparate über den
Klassen. Sie und die gesunde öffentliche Meinung bringen in die bornierteste Klassen—
versammlung einige Lichtstrahlen der Gesamtintereffen hinein. Die Organisation der
öffentlichen Meinung hat eine Scham und ein Gewissen gegenüber den Klassenvorurteilen
and ⸗mißbräuchen erzeugt, die in den Zeiten ohne Buchdruck und Presse sehlten.
Das vollständige Aufgehen des Menschen in der Klasse und im Klaffenegoismus
war im Mittelalter möglich und vielfach psychologisch natürlich; heute ist das Gleiche
Menschen, die an der allgemeinen Bildung, am Staatsgefühle teilhaben, weit schwerer;
der obere Teil der Gesellschaft kommt mit andersartigen Klassenelementen mehr in Be—
rührung als früher; die meisten Gebildeten empfinden nur mit einem Bruchleile ihres
Wesens die Klassenzugehörigkeit. Sie sind zu individuelle, vielsach auch zu egoistische
Menschen, um sich ganz an die Klasse hinzugeben. Daß das nicht für alle Kreise, be—
sonders nicht für die unteren Klassen gelte, darauf komme ich gleich.
Auch die letzteren sind durch Schule, Presse, Vereinsleben etwas anderes geworden,
haben viel gesehen und viel gelernt, haben ein besseres Leben, höhere Bedürfnisse, einen
lebendigeren Wissensdrang erhalten. Daraus entspringen ihre Fähigkeiten, mehr zu leisten,
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        2
⸗ * * 3
Die socialen Klassen im Staate der Rechtsgleichheit. Das Vereinswesehen Vrx —— *
3 2
aber auch ihre Wünsche, mehr zu erhalten, ihr starker Drang emporzustice „die Unmöglichkeit,
 in stumpfer Resignation und demütiger Bescheidenheit zu — 52 — wie —
früher. Ihr Klassenbewußtsein ist erwacht und bethätigt sich nun in eind eider· Ny⸗
stehlichen Zuge nach Vereinigung, nach Zusammenschluß. Und da ihre individugkistischett
und egoistischen Gesühle weniger ausgebildet sind als bei den oberen Klassen, da sie
durch Mangel an Besitz und Familienverbindung ꝛc. ein stärkeres Bedürfnis der gesell—
schaftlichen Anlehnung haben, in starken Gemütsimpulsen sich noch naiv und ungebrochen
ihrem Klassenbewußtsein hingeben, so ist in ihren Kreisen ein Vereinsleben, eine Klassen—
organisation entstanden, wie sie einst die oberen Klassen hatten, wie sie heute ihnen
aber nicht mehr so leicht und so allgemein gelingt.
Brentano sagt, das Princip des Zusammenschlusses sei stets das Princip der
Schwachen gewesen, um sich gegen die Starken zu schützen. Ich glaube, die Geschichte
zeigt uns, daß in der ältesten Zeit sich fast nur der Adel, die Priester, die Krieger,
die Kaufleute klassenmäßig organisierten; viel später erst (im Mittelalter) gelang es den
Handwerkern und Bauern, erst neuerdings den unteren Klassen. Diese wichtigste That—
sache aus der Geschichte der socialen Entwickelung der Menschheit, welche für mich einen
der Stützpunkte einer Hoffnung auf fortschreitend gerechtere sociale Entwickelung der
Menschheit bildet, ist psychologisch und gesellschaftlich nicht schwer zu erklären. Jede
Organisation der Klasse fetzt eine gewisse geistig-moralische Entwickelung, aber auch noch
das Vorhandenfein sehr starker Gemeinschaftsgefühle, den Mangel eines intensiven Indivi—
dualismus und die Abwefenheit starker Hemmnisse der Organisation durch den Staat
oder die anderen Klassen voraus. Die oberen Klassen organisierten sich, ehe es eine feste
Staatsgewalt gab, und nahmen sie in die Hand; der Mittelstand konnte sich erst organi—
sieren, als eine gewisse Selbständigkeit der Staatsgewalt neben und über der Aristokratie
entstanden war. Für den Arbeiterstand und sein Aufsteigen ist heute eine Organisation
möglich geworden, weil er emporstieg und doch noch nicht so stark individuglistisch fühlt
wie die oberen Klassen. Ob sie ihm gelingt, wie sie sich gestaltet, wie sie wirkt, das
hängt von den Arbeiterführern, dem Gegendruck der übrigen Klassen, denen das unbequem
ist, und der Staatsgewalt sowie ihrer Gesetzgebung ab.
So steht heute das Problem der Organisation der Arbeiter, in zweiter Linie
auch der übrigen Klassen der Gesellschaft im Vordergrunde der Socialpolitik; die theo—
retische Betrachtung unserer heutigen Klassenordnung und die praktische Erörterung ihrer
Fortbildung hängt an diesem Punkte, also wesentlich an dem Vereinsrecht.
Der Liberalismus dachte zunächst über das politische und das wirtschaft—
liche Vereinswesen ziemlich verschieden. So sehr er die Freiheit des ersteren als selbst⸗
— DDD
gut geordnete Staatsgewalt und ideale Menschen voraussetzte, so sah er keinen Schaden,
den die weitgehendste Vereins- und Versammlungsfreiheit haben könne. In der Wirt—
schaftstheorie aber war er noch ganz in den Anschauungen des aufgeklärten Despotismus
befangen, dessen Aufgabe der Kampf gegen alle Korporationen und Ständebildungen
war.“ Wie man alles Zunftwesen bekämpft hatte, so blieb man bis 1860—75 in den
Anschauungen befangen, jede Vereinigung von Unternehmern und Arbeitern sei ein
unberechtigtes Mittel, künstlich Angebot und Nachfrage in ihrer Wirkung zu beschränken.
Man war also mit den entsprechenden gesetzlichen Verboten der Vereine einverstanden.
Rur für das politische Leben hatte der Liberalismus die Vereinsfreiheit seit 1789
gefordert; da vergaß er, daß weder der römische Rechtsstaat, noch der Absolutismus von
1600 — 1800 sie gekannt, daß der letztere den Ständestaat nur durch die Unterdrückung
aller Vereine und Korporationen überwunden hatte.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Verlangen nach politischer, socialer
und wirtschaftlicher Vereinsfreiheit aber immer dringlicher. Wo die Gewerbefreiheit ge—
fiegt hatte, zeigten sich bald die Anfänge neuer Vereinsbildungen aller Art; die Arbeiter
sahen sich ohne Vereinsfreiheit nach allen Seiten gehemmt. Der Socialismus hatte die
Forderung der Vereinsfreiheit vom Liberalismus als selbstverständliches Urrecht jedes

⸗
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        408

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Menschen übernommen, hoffte er doch mit ihr die bestehende Staats- und Wirtschafts—
ordnung entzwei zu schlagen. Zunächst wurde aber nicht zu viel erreicht.
In England waren Arbeitervereine seit dem 18. und 14. Jahrhundert, religibdse
seit der Reformation verboten; alle Vereine wurden durch die Gesetze von 1795 und
1817 in enge Schranken gewiesen, die Gewerkvereine haben in langsamen Schritten
1795, 1825, 1872 und 1876 die Anerkennung unter beftimmten Rechtsvoraussetzungen
bekommen. Frankreich hatte die Vereinsfreiheit 1789 — 1795. Das scharfe Gesetz gegen
die Vereine von 1834 gilt heute noch; nur die Versammlungsfreiheit ist 1881 erweitert
worden, und den Unterstützungs- und Berufsvereinen (1884) ist unter bestimmten
Voraussetzungen eine gewisse Freiheit der Bewegung gelassen. In Deutschland hat nur
1848-50 volle Vereinsfreiheit bestanden; 1830 kamen in den wichtigsten Staaten sehr
einschränkende Gesetze; die Koalitionsfreiheit wurde 1869 konzediert, aber ohne ent—
sprechende Vereinsfreiheit.
Man ist damit in den weitesten Kreisen der Gesellschaft, die immer dringlicher
volle Vereins- und Versfammlungsfreiheit fordert, ebenso unzufrieden, wie andererseits
die Regierungen sich spröde und zögernd gegenüber den Forderungen verhalten. Was ist
davon zu halten? Ist es richtig, daß die Negation des Vereinsrechtes bei den Römern,
bei den Staatsgewalten des 17. —18. Jahrhunderts, die Vorsicht der heutigen Regierung
nichts wäre als eine unbegreifliche Kette von falscher Angstlichkeit und Bevormundungs
sucht? Ich glaube, der Ünbefangene und historisch Denkende wird nicht so urteilen.
Eine feste, große, über den Parteien und Klassen siehende Staatsgewalt kann wohl in
beruhigten Zeiten, ohne starke politische und sociale Kuͤmpfe, dulden, daß sich die Klassen,
denn um sie handelt es sich vorzugsweise, in Vereinen organisieren; aber sobald große
Kämpfe drohen, ist die Sache zweifelhaft. Gar leicht führt die vereinsmäßige Organi—
sation der socialen Klassen in jeder bewegten Zeit zur Lahmlegung der Staatsgewalt.
Kastenwesen und Ständestaat waren die Folgen der freien Vereinsbildung und Klassen—
organifation. Nur in ruhigen Zeiten kann eine starke Staatsgewalt die weitgehendste
Vereinsfreiheit einräumen, in bewegten müssen die Vereine je nach ihrer Art, je nach
den socialen Klassen, um die es sich handelt, wenigstens gewissen Schranken im Gesamt—
interefse, im Interesse einer gesunden socialen Entwickelung unkerworfen werden, natüuͤrlich
aber so, daß Rechtsgleichheit so weit wie möglich herrscht. Ein Klassenregiment der
oberen Stände, das für diese die Freiheit, für die unteren Klassen das Verbot aller
Vereine durchsetzt, ist so verwerflich wie ein socialistisches Regiment, das die Arbeiter
allein, aber nicht die übrigen Klassen sich organisieren läßt.
Wie liegen die Dinge nun heute? Die oberen Klafsen sind, wie wir sahen, heute
nicht so befähigt, sich zu organisieren wie die Arbeiter; diesen isit eine bündische, partei⸗
und klassenmaͤßige, gewerkschaftliche, genossenschaftliche Vereinigung trotz aller Verbote
und Einschränkungen viel mehr gelungen. Das ist den oberen Klassen unbequem, viel—
jach auch den Regierungen und zwar um so mehr, als sie von jenen Klafsen beeinflußt
oder gar beherrscht sind. Man sucht deshalb das freie Vereinsrecht, soweit es besteht,
einschränkend gegenüber den Arbeitern zu interpretieren, soweit es nicht besteht, seine
Anderung zu hindern.
Dabei hat sich nun aber auch in den oberen Klassen trotz ihres Individualismus'
in den letzten 80 Jahren eine Änderung vollzogen. Neue standische Anschauungen er—
starken, suchen sich in Sitte und Gewohnheit ju befestigen, beftimmte Personen von
bestimmten Berufen auszuschließen. Die Ärbeiterverbände haben Unternehmerverbände
erzeugt. In Handels-, Landwirtschafts-, Handwerkerkammern, Syndikaten, Fabrikanten—
und anderen Verbänden schließen fich die Unternehmer zusammen oder werden von den
Regierungen vereinigt. Geht das so weiter, so werden die oberen Klafsen bald ziemlich
weitgehend organistert sein, so wird damit die Freiheit der Berufswahl und der Gewerbe
mehr oder weniger eingeschränkt; die großen Erwerbs- und Aktiengesellschaften, die Ringe
und Kartelle werden eine Macht, hinter welcher bestimmte Klassen stehen, welche zuleht
die Regierung und die Volkswirtschaft beherrfchen.
Nur kurzsichtige oder Klassenregierungen können die Gefahren übersehen, die da
        <pb n="421" />
        Klassenorganisation und Vereinsfreiheit.

409

drohen: eine uneingeschränkte Vereins⸗, Associations-, Korporationsfreiheit muß, soweit
sie diesen Klassen zu gute kommt, mit der Klassenherrschaft endigen, wie sie das stets
that, wenn man die oberen Klassen sich ganz frei organisieren ließ.
Diese Tendenzen sind aber nicht ganz zu hindern, weil sie doch einen gewissen wirt—
schaftlich-technischen und organisatorischen Fortschritt bedeuten; die großen Erwerbsgefell—
schaften, die Ringe, die Handelskammern und andere Verbände haben — in den richtigen
Schranken gehalten — viele gute Folgen. Man braucht heute wirtschaftliche Interessen—
vertretungen, also muß man sie dulden und fördern, aber im Gesamtinteresse gewissen
Kontrollen und Schranken unterwersfen. Und man muß zugleich als Gegengewicht die
Arbeiterverbände sich freier als bisher entwickeln lassen, natürlich innerhalb gewisser
staatlicher Ordnungen und Kontrollen. Verfährt man dabei richtig, so werden nicht
bloß die Gefahren der Klassenorganisation vermieden, sondern es wird zugleich damit
das sittliche und wirtschaftliche Aufsteigen der Arbeiterklasse befördert. Die Arbeiter
bedürfen heute eines ausgebildeten Vereinswesens, nur durch ein solches werden sie dem
heutigen Staate richtig eingefügt, mit der Regierung und den oberen Klassen versöhnt.
All' das wird aber gehindert durch eine kurzsichtige Unterdrückungspolitik.
Das sind die Gesichtspunkte, von denen aus heute das Vereins- und Korporations—
recht, soweit es die socialen Klassen betrifft, geordnet werden muß. Auf das einzelne
kommen wir im zweiten Teile bei der Besprechung der Arbeiterfrage und der socialen
Entwickelung der Gegenwart.
Nicht die naturrechtlichen Fiktionen und vagen Hoffnungen, daß jede Vereinsfreiheit
von Segen sei, dürfen entscheiden, sondern die konkrete Beurteilung der socialen Zu—
stände und die Einsicht, daß eine vereinsmäßige Organisation heute nicht zu hindern
sei und eben deshalb innerhalb der vom Staate geordneten Bahnen und Schranken sich
vollziehen müsse.
137. Schlußbetrachtung über die sociale Klassenbildung. Wie
wir mehrfach erwähnt, werden wir erst im zweiten Teile auf die sociale Gesamtentwicke—
lung kommen. So haben wir hier nur kurz die Elemente einer socialen Klassenlehre,
die wir zu geben suchten, zusammenzufassen.
„Auf dem Gesetz der Arbeitsteilung,“ sagt Engels, „beruht die Teilung der Ge—
sellschaft in Klassen.“ Wenn dies selbst ein Führer der Socialdemokratie zugiebt, so
werden alle billig Denkenden es nicht leugnen können, daß die höhere Kultur, weil auf
Arbeitsteilung beruhend, auch verschiedene sociale Klassen haben muß. Jede Klassen—
ordnung, welche den Fähigsten und Besten höhere Stellung giebt, erscheint dem naiven
Urteil gerechtfertigt. Und jede Ausbildung einer Klassenordnung hängt mit dem Auf—
steigen der Tüchtigeren, mit der Führerrolle zusammen, welche den Leistungsfähigsten
stets von selbst zufällt. Ohne dieses Aufsteigen, ohne diesen Ausleseprozeß gäbe es
keinen Fortschritt irgend welcher Art. Alle Stämme und Völker sind nur auf diese
Weise vorangeschritten; die fähigen, aktiven, kräftigen Elemente übernahmen die Führung;
es handelte sich dabei überwiegend und im ganzen um die Siege der größeren körper—
lichen oder geistigen Kraft. Die Herrschaft, die diese Elemente üben, wird allgemein
auch zuerst trotz ihrer nie ganz fehlenden Mißbräuche dankbar anerkannt, fie wird mit
Hingebung und Treue belohnt; sie ist in ihrem Kerne stets eine berechtigte, auch wenn
fie auf Gewalt und Unterwerfung beruht. Die Unterwerfung der schwächeren durch die
stärkere und fähigere Rasse, der politisch unfähigen Ackerbauern durch kriegerische Hirten—
stämme war dem Fortschritte dienlich, wenn sie eine bessere Regierung, geistige, technische,
moralische Erziehung, besseren Schutz nach außen brachte. Die Herrschaft des ritterlichen
Feudaladels vom 11. —16. Jahrhundert, die Leitung der Städte durch das Patriciat,
die Organifation der Unternehmungen durch die Kaufleute vom 17.-19. Jahrhundert
waren lauter Siege höherer Klassen, welche zugleich der Gesamtheit dienten, sie förderten.
Wie der Radikale F. A. Lange die Aristokratien damit rechtfertigt, daß sie die Muster
und Vorbilder für alles weitere Streben, für alle späteren Generationen und Völker
lieferten, so können wir heute sagen, keine Demokratie, keine Arbeiterklasse hätte Führer
und Ideen, wenn sie nicht dieselben ganz oder teilweise aus den oberen Klassen beziehen
        <pb n="422" />
        410 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

könnte. Bedeutende Kulturhistoriker haben die freilich noch nicht bewiesene Hypothese
aufgestellt, das Zurücksinken und Altern ganzer Völker und Kulturen beruhe stets
wesentlich auf dem Verluste ihrer Aristokratie, auf der zu geringen Fortpflanzung der—
selben, auf der Verbannung und Hinrichtung der Fähigsten, auf der politischen Ver—
folgung aller Höherstehenden (so Gobineau, Lapouge, Seeck, Ammon). Jedenfalls
werden wir zugeben, daß wir keine höhere Kultur kennen, ohne daß gewisse aristokratische
Kreise eine leitende Stellung einnehmen. In diesem Sinne hat Schäffle recht, wenn er
sagt, daß jede Aristokratie besser sei als die Abwesenheit jeder Aristokratie.
Aber nicht bloß die oberen Klassen, auch die mittleren und unteren erscheinen mit
ihren eigentümlichen Berufssphären, ihren eigentümlichen Eigenschaften, Tugenden und
Trieben als eine Bereicherung der socialen Gemeinschaft. Ein großes Kulturvolk braucht
verschiedene Menschentypen, wie nur die verschiedenen Klassen und ihre Organisation sie
liefern. Dazu gehört der Fleiß, die Ehrbarkeit, die Familienzucht des Mittelstandes,
das lebendige Gemütsleben und die Aufopferungsfähigkeit der unteren Klassen ebenso
wie die Geisteskraft und das Selbstbewußtsein der oberen. Die Ausbildung des Indivi—
dualismus, des feineren Nervenlebens, der Wissenschaft, die Schaffung von Menschen
mit Herrscherwillen und Unbeugsamkeit, von Ubermenschen, wie man seit Nietzsche sagt
und sie übermäßig verherrlicht, ist Sache der mittleren und oberen Stände, die der
Gemein⸗, der religiösen und sympathischen Gefühle, der derben Körperkraft, der gesunden
Muskeln Sache der unteren Klassen. Darum konnte Treitschke mit Recht sagen, letztere
seien der Jungbrunnen der Gesellschaft; durch sie erhält sich das Gemüt, die Kraft und
die Gesundheit, durch die oberen die Gesittung, der Geist, der Fortschritt, die Genialität,
die Thatkraft.
Wenn und wo die oberen Klassen nach Ablauf von Generationen und Jahr—
hunderten degenerieren, wie das ein allgemeines Gesetz der Geschichte zu sein scheint, so
ist in den mittleren und unteren, die von den Fehlern und Entartungen der oberen
vielfach frei bleiben, der Ersatz gegeben; ihre Talente dringen als einzelne in die
Aristokratie ein, verjüngen sie, teilweise steigen sie als Gesamtheit oder in größeren
GBruppen empor. Keine Gesellschaft kann ohne ein solches Aufsteigen, das verschiedene
Klassen voraussetzt, bestehen. Die Klassenhierarchie mit ihrer Verschiedenheit der Ehre,
der Macht, des Besitzes ist das wesentliche Instrument, das den gesellschaftlichen Fort⸗
schritt in Bewegung erhält. Wenn es für den einzelnen kein Ziel des Aufstrebens,
keine erreichbare höhere Stellung mehr giebt, so erlahmt alle Energie, versiegt aller Wett—
bewerb; volle sociale Gleichheit wäre der Tod der Gesellschaft. Wenn der Mensch keine
Hoffnung mehr hat, jeine Lage zu verbessern, so verdrängt Mutlosigkeit und Indolenz
alles Streben.
Jede Klasse ist auch für sich durch die Zusammenfassung und Unterordnung der
einzelnen unter ihre Tendenzen ein Instrument sittlicher Ordnung wie jede andere Ge—
meinschaft. Die Klassensitte und die Klassenehre erzieht, sittigt, zwingt zu Opfern, zu
Zucht, zu Gehorsam.
Freilich steht diesen Wahrheiten nun eine andere nicht minder sichere entgegen:
die zunehmenden Klassengegenfätze werden so groß, daß die Einheit des Volkes, die
sympathische Wechselwirkung zwischen den Klassen, der Friede in der Gesellschaft bebroht
ist. Jede normale Gesellschaft kann nur bestehen, wenn eine gewisse Einheit, sei es der
Religion, sei es der Staatsgesinnung, sei es der Bildung und Gesittung, trotz aller
Verschiedenheit sich erhält. Die übermäßig zunehmenden Verschiedenheiten werden nun
aber weiter durch Mißbrauch, durch falsche Rechtsentwickelung unter Umständen bis zur
Unerträglichkeit gesteigert. Wo diese Erscheinungen sich zeigen, da wird mit den wachsenden
Gegensätzeen der Erziehung und der Lebenshaltung, des Besitzes und der Macht, der Ehre
und des Rechtes erst die Entfremdung und das Mißverständnis, dann der Haß und der
Neid immer mehr zunehmen; es konnen sich so zuletzt die verschiedenen Klassen wie
Todfeinde gegenüberstehen, jede Klasse mit der gleichen des Auslandes sympathischer sich
berührend als mit den verfeindeten Klassen der eigenen Heimat. Und fällt nun mit
den harten und frivolen Mißbräuchen der Herrschenden ein Erwachen des Selbstbewußt—
        <pb n="423" />
        Allgemeine Würdigung der socialen Klassenbildung. 411

seins der unteren Klassen, die Ersetzung der Resignation durch kühne aktive Hoffnungen
zusammen, so entsteht der gewaltthätige Klassenkampf, die Revolution, der Bürgerkrieg.
Das Gemeinwesen geht zu Grunde oder gelangt erst durch allerlei Kämpfe, Umbildungen
und Refsormen nach und nach wieder zu leidlichen Friedenszuständen, wenn es gelingt,
den einenden Elementen der Kultur wieder die Oberhand über die trennenden zu ver—
schaffen, die Entartung des Klassenregimentes, das ein aristokratisches oder ein demo—
kratisches sein kann, jeweilig zu beseitigen oder zu mildern. Wir kommen darauf zurück.
Hier schließen wir mit der vorläufigen Erkenntnis: keine höhere Kultur ohne
Klassen und ihre Wechselwirkung; die Klafsfenordnung ist normal, wenn sie den ver—
schiedenen durchschnittlichen Fähigkeiten und Leistungen entspricht; das ist häufiger bei
einer neuen Klassenbildung der Fall als bei einer alten, versteinerten; jede einseitig
zur Herrschaft kommende Klasse versucht das Recht und die Institutionen in egoistischem
Sinne umzubilden; die Mißbräuche einer siegenden Aristokratie sind andere als die
einer zur Herrschaft kommenden Demokratie, aber es fragt sich, welche größer sind und
das Gesamtwohl mehr schädigen. Je weiter eine herrschende Klasse mißbräuchlich Besitz
und Macht, Ehre und Einfluß anders verteilt, als es den durchschnittlichen Eigen—
schaften der Menschen entspricht, desto schlimmer werden die Zustände. Jede zur Herr—
schaft gelangende Klasse steht, bis sie ihren Höhepunkt erreicht hat, im Dienste der
Gesamtentwickelung; ob und wie lange sie sich auf dieser Höhe erhält, hängt von der
Frage ab, ob ihre Fähigkeiten und Tugenden dieselben bleiben, ob sie rasch entartet,
eine zu große Zahl unfähiger Elemente in sich birgt, ob sie ihre Pflichten vernachlässigt,
einem trägen Genußleben sich ergiebt, in schmutziger Weise sich bereichert, ob ihr Ver—
mögen und Einkommen in zu großen Gegensatz zu ihren Leistungen tritt. Die mittleren
und unteren Klassen kommen nicht so leicht und so oft in die Lage, ihre Stellung zu
mißbrauchen; aber die großen politischen Siege der Demokratie, welche wir in Griechen—
land und Rom, im Mittelalter und in der neueren Zeit erlebten, zeigen uns, daß
diese Klassen entweder sofort der Herrschaft eines populären Diktators anheimfallen oder
die Macht und die Finanzen des Staates zerrütten, zu gesunden Reformen und Neu—
gestaltungen unfähig sind und nach kürzerer oder längerer Zeit, nach ungeschickten oder
heillosen Experimenten wieder der Herrschaft verlustig gehen.
Das ganze Problem ist ein sittlich-psychologisches auf der einen Seite, ein solches
der wirtschaftlichen und politischen Institutionen und ihrer Fortbildung auf der anderen.
Der Versuch, aus der Technik und der Besitzverteilung allein die Klassenbildung und
alle ihre Folgen abzuleiten, ist so verfehlt wie der, aus diesen selben Ursachen eine
künftige Beseitigung aller socialen Klassen beweisen zu wollen.

7. Die Unternehmung. Die Entwickelung der Geschäfts- und Betriebsformen.
—3 Roscher, Die Industrie im Großen und Kleinen, Gegenwart 10, 1855, und
Ansichten d. B.W. 8. Aufl. 2. 1879. Schäffle, Das gesellschaftliche System der menschlichen
Wirtschaft. 2. Aufl. 1867, 8 1072 115. 3. Aufl. 1878, 8 211ff. — Ders., Die Anwendbarkeit
der derschiedenen Unternehmungsformen. 3. f. St. 1869. — Derse, Kapitalismus und Sociglismus.
1870. Thun, Die Industrie am Niederrhein. 2 Bde. 1879. — Schmoller, Die geschichtliche
Entwickelung der Unternehmung. 18 Abhandlungen. J. f, G. B. 1800-1893. — Bücher, Gewerbe.
Im H.W. 1892 u. 1900. — Ders, Die gewerblichen Betriebssysteme in ihrer geschichtlichen Entwickelung,
ntsiehung d. B.W. 1898 u. 1897. — Sombart, Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation.
A. j. soc. G. 14, 1899. — Gahn) Tie berufliche und sociale Gliederung des deutschen Volkes nach
der Berufsgaählung v. 14. Juni 1805. Stat. d. d, Reiches. N. F. 111, 1889. — (Zahmn) Gewerbe
und Handel im deutschen Reich. Stat. d. d. Reiches. N. F. 119, 1899.
Altere Arbeitsgenossenschaften: Stieda, Die Artele in Rußland. J. f. N. 2. F3 6 18838. —
Stähr, über Ursprung, Geschichte, Wesen und Bedeutung des russischen Artels. 1890 u. 1891. —
Schmoller, Die ältere Arbeitsgenossenschaft. J. f. G. V. 1890.
Das Handwerk, ältere Zeit: S, Hirsch, Das Handwerk und die Zünfte in der christlichen
Gesellschafi. 1834. — Arnold, Das Auftommen des Handwerkerstandes im Mittelalter. 1861. —
Sfhöonberg, Zur wirtschaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesens. J. f. N. 1. F. 9, 1868. —
Schmoller, Straßburg zur Zeit der Zunftkämpfe. 1875. — Ders., Die Straßburger Tuchex- und
Weberzunft. 1879. — Ders. Das brandenburgisch-preußische Innungswesen 1640 1800. Forsch.
brand.-preuß, Gesch. 1, 1888, und U. U. 1888. — Sttleda, Die Entstehung des deutschen Zunfi⸗—
desens. F. f. N. 1. F. 27. 1876. — Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes. 1, 1892.
        <pb n="424" />
        412 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Das Handwerk, 19. Jahrhundert: (J. G. Hoffmann) Daß Interesse des Menschen und
Bürgers bei den bestehenden Zunftverfassungen. 1808. — Rauß üÜber das Zunftwesen und die
Folgen seiner Aufhebung. 1816. — J. G. Hoffmann, Die Befugnis zum Gewerbebetrieb. 1848. —
Mascher, Das deutsche Gewerbewesen. 1866. Schmoller, Zur Geschichte der deuischen Klein—
gewerbe. 1870. — Dannenberg, Das deutsche anewert 1872 — Keller, Das deutsche Hand⸗
werk. 1878. — Francke, Die Schuhmacherei in Bahern. 1888. — Untersuchungen über die Lage
des Handwerks in Deutschland und Esterreich. S. V. f. S. 62—71, 18061807 Dazu Büchers
Referat und die Verhandlung über die Handwerkerfrage in Bd. 76 das. 1898. — Grandke,
Altes und neues Handwerk. Preuß. Jahrb 86, 18966 — Ders. Zufammenfassende Darstellung der
Untersuchungen d. V. f. S. über die VLage des Handwerks. J. f. GC B. 18097. 39 Voigt, Haupt—⸗
ergebnisse der deutschen Ddrerrend von 1895, ebenda. — Stieda, Die nen hie des
Handwerks. 1897. —, Wiedfeldt, Statistische Siudien zur Enlwicklungsgeschichte der Verliner
Induftrie von 1720 — 1890. 1898.
Die Hausindustrie: Uber sie ist in der älteren Litteratur meist nur gelegentlich gehandelt;
ebenso in den Industriebeschreibungen bis 18785. Wartmann, Indusirie und Iee des Kantons
St. Gallen in geschichtlicher Darstellung. 1875. — E Sax, Die Hausindustrie in An ngen.
2 Bde. 1882-1884. — 8. Bein, Die Industrie des sächfischen Voigtlandes. 2 Bde. 1884. —
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Blüte und Verfall des Leinengewerbes in Schlesten. 18885. — Schmollker, Die Au e und
ihre älteren Ordnungen und Reglements. Jof G.V. 1887. — Moore, Das Sweatingsystem in
England. A. f. FG. 1, 1888. — Stieda, Lilteratur, heutige Zufiände und Entstehung der deutschen
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in Deutschland. A. f. s. G. 6, 1891. — Derst, Hausindustrie, Im H. W. 1892 u. 1900 (mit umfang⸗
reicher Litteraturangabe). — Fiuge Die Schweizer Stickereiindustrie und ihre Organisation. If.
.V. 1894. — Schwiedland, Kleingewerbe und Hausinduftrie in Osterreich. A Bde. 1894. —
Grandke, Entstehung der Berliner Waͤscheindustrie. J. f. G. B. 1806 Feig, Hausgewerbe und
Fabritbetrieb in der Berliner Wäscheindustrie. 1806 — Hausindustrie und Heimarbeit in Deutschland
and Osterreich, nebst Verhandlung der Generalversammlung darüber. SeB. 6 84-88, 1899.
Dazu Anzeige neuer Hausindustrielitteratur von Schmoller J.f. GB. i900 — Lohmann,
Die staatliche Regelung der englischen Wollindustrie vom 15.—18. Jahrhundert. 1900.
Großbetrieb, moderne Unternehmung: Zu vergleichen ist zunächst die Litteratur über die moderne
Technik S. 188. Dann: Marx, Das Kapital. 1, 1867. — 86. Schwarz, Die Betriebsformen der
modernen Großindustrie. 8. f. St. W. 1860 — Herkner, Die oberelsaͤssische Baumwollindustrie
und ihre Arbeiter. 1887. — Schmoller, Über Wesen und Verfassung der großen Unternehmungen.
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bildung. Preuß. Jahrb. 69, 1892. — Migerka, Rückblicke auf die Schafwollwarenindustrie Brünns
1765—8 1864. 1890. — G. v. Schulze⸗Gaͤvernitz, Zum socialen Frieden. 2Böder is90. Derf.,
Der Großbetrieb, ein wirtschaftlicher und socialer Fortschriit. 1892. — Ders., Die Moskau—
Wladimirsche Baumwollindustrie. IJ. f. G. V. 1896. — Ders, Der Fortschritt vom Kleinbetrieb zum
Broßbetrieb in der Schweiz. J. .G.VB. 1896. — Sering, Arbeiterausschüsse in der deutschen
Industrie. S. V. f. S. 46, 18900. — Sosch, Nationale Produktion und natinale Berufsgliederung.
892. — Sinzheimer, Über die Grenze der Weiterbildung des fabrikmäßigen Großbetriebes in
Deutschland. 1883 — Struve, Die Entwickelung des bayrischen Braugewerbes im 19. Jahrhundert.
1893. — Atlanticus, Produktion und Konfumtion im Soöcialstagi.“ 18988. — Mohr, Die Ent—
wickelung des Großbetriebes in der Getreidemüllerei Deutschlands. 1809.
Gesellschaften: Jacques Savary, Le parfait négociant. 8 éd. 1717. — Ders. Dictionnaire
unixersel du commerce. Nouv, éæl, 1760. 8 Bde. — Büsch, Darstellung der Handlung. 2 Bde.
1792. Zusätze. 8 Bde. 1797-1800. — (Schäffle) Die Aktlengesellschaften, volkswirtsch. und pol.
betrachtet. Deutsche V. J. Sch. 4, 1856. — Fick, Begriff und Geschichte der Aktiengesellschaften. 3. f.
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Das Aktiengesellschaftzwesen. J. f. N. 1.F. 21, 1878. — Engel, Die erwerbsthätigen juristischen
Personen im preußischen Staate, insbesondere die Aktiengesellschaften. 8. d. pr. stat. B. 1875. —
Primker, in Endemanns Handb. d. deutschen Handels-— Wechsel- und Sterechtes. 1881ff. —
JF. G. Schmidt, Handelsgefellschaften in den deutschen Siadtrechtscquellen des Mittelalters 1883. —
Ri. Weber, Zur Geschichte der Handelsgesellschaften im Mittelalter 1880. Schmoller, Die
Fendee ee en des Altertums, die des Mittelalters und der Renaissancezeit, die des 17. und
8. Jahrhunderts. J. f. G.V. 1898 — 1893 (daselbst eingehende Litteratur). — LGoldsch midt, Alte
und neue Formen der Handelsgesellschaften. 1892. — K. Lehmann, Die geschichtliche Entwickelung
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Die Entwickelung des Genoffenschaflswesens in Deutschland. 1870. — V. A. Huber, Genossenschaft⸗
liche Briefe aus Belgien. Frankreich und Englaud. 2 Bde. 1854 u. 1835. ders.Die gewerb—⸗
        <pb n="425" />
        Litteratur und Begriff der Unternehmung. 413

lichen und wirtschaftlichen Genossenschaften der arbeitenden Klassen in England, Frankreich und
Deutschland. 3. f. St. 1888. — Dexs., Die genossenschaftliche Selbsthülfe der arbeslenden Klassen.
1864. — Raiffseisen, Die Darlehnskassenvereine. 1866 ff. — Gierke, Die Rechtsgeschichte der deutschen
Genossenschaft. 1868. — The history of cooperation in England. 2 Bde. 1875 u.
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Ztudies 6, 1888; vergl. J. f. GV. 1890 v. Schönebeck. — Faßbender, die ländlichen Spar- und
Darlehnskassen-Vereine nach Raiffeisenschem Systeme. 1890. — CTrüger, Die Erwerbs- und Wirtschaftszenofsfenschaften
 in den einzelnen Ländern. 1892 — Ders., Der heutige Stand der Erwerbs- und Wirt⸗
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der deutschen Genossenschaftsbewegung der Neuzeit. 1888. — Sidney Webb, Die britische Genoössen—
schaftsbewegung. Deutsch 1883; dazu Schmoller, J. f. G. V. 1893. — Knittel, Beiträge zur Ge—
schichte der deutschen Genofsenschaften. 18885. — Hantschke, Die gewerbliche Produktivgenossenschaft
in Deutschland. 1895. — Derx Personalkredit des ländlichen Grundbesitzes in Deutschland und sterreich.
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development of undertaking genius. Vale Review Febr. 1900. Jenks, The trust problem. 1900.

138. Begriff der Unternehmung. Ihre Ausgangspunkte: Handel,
Arbeitsgenossenschaft, Familie. Die Ausbisdung der landwirt—
schaftlichen Unternehmung. Während die Familien und die Gebietskörperschaften
überall mit der Seßhaftigkeit zunächst als die socialen Organe erscheinen, welche die
wesentlich wirtschaftlichen Funktionen vollziehen, entstehen nach und nach mit der Geld—
wirtschaft, der steigenden Arbeitsteilung und Klassenbildung, dem Verkehr- und Markt—
wesen diejenigen socialen Organe, welche heute die eigentlichen Träger des Handels und
der Produktion sind, die Unternehmungen, die wirtschaftlichen Geschäfte.
Wo einzelne Personen, Familien oder kollektive Perfönlichkeiten in irgend welcher
dauernden, durch Sitte und Recht normierten Form beginnen, regelmäßig Leistungen
oder Warenlieferungen für den Markt zu übernehmen, Arbeit und Kapital mit der
Absicht einsetzen und verwenden, um durch Kauf und Verkauf einen Gewinn zu machen,
davon zu leben, mindestens sich den Aufwand ersetzen zu lassen, da sprechen wir von
einer Unternehmung. Es handelt sich bei der Unternehmung stets um ein doppeltes:
1. um die technisch-persönliche Organisation, die Beschaffung der Räume, der Mittel,
der Perfonen und ihre Ineinanderpassung, und 2. um die Verkehrsseite, den Ein- und
Verkauf, den Zusammenhang mit dem Markt und der übrigen Gesellschaft. Wirken
mehrere Personen zusammen, so müssen sie als Familienglieder, Genossen, Arbeitgeber
und Arbeiter, kurz irgendwie rechtlich in ihrem Verhältnis zu einander, in Bezug auf
Leistung, Bezahlung, Teilung des Ertrages geordnet sein. Der die Initiative Ergreifende,
privatrechtlich die Gefahr Tragende ist der Unternehmer; er ist der Mittelpunkt und
Leiter der Unternehmung, die aber als ein zusammengeordnetes System von Produktions⸗
mitteln und Arbeitskräften durch ihren dauernden Zweck, d. h. durch die Übernahme
        <pb n="426" />
        414 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

eines bestimmten Handels oder einer bestimmten specialisierten Produktion von Waren
zu einer selbständigen Anstalt mit bestimmter Verfassung, mit eigenem Lebensinteresse
wird. Nur in den späteren Stadien der antiken und in den letzten Jahrhunderten der
europäischen und der von ihr abhängigen kolonialen Kultur haben sich diese Unter—
nehmungen voll und ganz ausgebildet, während vorher nur Ansätze dazu, hauptsächlich
in den Handelsgeschäften, dann auch im Handwerk, in gewissen landwirtschaftlichen
Betrieben vorhanden waren, und ähnlich noch heute in allen Ländern niedriger oder
halbentwickelter Kultur nur solche Anfänge der Unternehmung bestehen.
Es ist daher begreiflich, daß erst die beginnende Volkswirtschaftslehre des 18. Jahr—
hunderts von einem Unternehmer sprach, daß sie in ihrer Richtung auf Untersuchung
der Einkommensverteilung wesentlich die Frage erörterte, welche Natur der Unternehmer—
zewinn habe. Die Engländer sahen in ihm wesentlich einen Kapitalgewinn, identifizierten
ihn vielfach mit der Kapitalrente; die Franzosen sahen in ihm eine Art Arbeitslohn. Die
Deutschen begannen ihn als eine selbständige Einkommensart aufzujassen. Nachdem der
Socialismus gegen das Wesen der Unternehmung, als der Organisationsform, welche
den innersten Kern, den Pol der heutigen Volkswirtschaft ausmache, welche aus dem
Dienste der Gefamtheit private Gewinne für die Leiter herausschlage, seine heftigen
Angriffe gerichtet hatte, konnte die Wissenschaft nicht mehr bei der Frage stehen bleiben,
ob der Unternehmergewinn unter diese oder jene privatrechtliche oder wirtschaftliche
Kategorie falle; sie mußte beginnen, die verschiedenen Arten der Unternehmung zu
beschreiben, sie psychologisch und historisch, technisch und wirtschaftlich aus ihren Ursachen
zu erklären, um so zu einem abschließenden Urteil über ihr Wesen, ihre Entwickelung
und Berechtigung zu kommen, sie im Zusammenhang der ganzen socialen und gesell—
ichaftlichen Organisationsfragen zu begreifen. —
Wir werfen zuerst einen Blick auf die Ausgangspunkte, aus denen heraus die
Unternehmung sich historisch entwickeln konnte: wo Handel und Verkehr Platz greifen,
Nomaden und Schiffer auf Beute und Gewinn ausziehen, Märkte entstehen, da bildet
sich mit dem Tausch, mit der Erkenntnis der großen örtlichen Preisdifferenzen, mit der
Erspähung der verschiedenen Bedürfnisse da und dort der Sinn für den Handelsgewinn;
er ist der pfychologische Keim der Geschäftsseite aller Unternehmung.
In die Wirtschaftsführung der Mensthen und Familien kommt damit ein neues
anderes Element; der bisher ausschließlich auf die Hauswirtschaft gerichtete Sinn, der
nur Vorräte für den Gebrauch, nur ihre Herrichtung für den eigenen Bedarf kannte,
greift jetzt über diesen Kreis hinaus; er will erwerben, erbeuten, einkaufen, um fremden
Menschen die Ware zuzuführen, und damit einen Gewinn machen. Dazu gehört Welt—
und Menschenkenntnis, wagender Mut, rechnender Verstand (vergl. oben S. 335). Die
bisher nur mit Familien und Stammesgenossen freundlich, mit Fremden feindlich
Verkehrenden kommen nun beim Tausch und Handel mit Fremden und bald auch mit
den Stammesgenossen in jene den Tauschverkehr charakterisierende Berührung, die
einerseits Sympathie und Rücksichtnahme zurücktreten läßt, andererseits den Verzicht
auf Tötung und Beraubung nach und nach fordert: man macht ein Geschäft, man hat
eine persönlich gleichgültige Berührung; Käufer und Verkäufer stehen sich gleichsam in
abstrakter Ferne gegenüber, ohne daß nähere sittliche Bande aus dem Geschäft entstehen,
wie sie bisher innerhalb der Familie, der Gens, des Stammes alle wirtschaftliche
Berührung begleitet hatten. Nur der lockende Gewinn, der sich dem Egoismus, dem
Erwerbstrieb darbietet, konnte den Umweg bilden, auf dem Fremde in andere als feindliche
Berührung kamen, einander dienstbar wurden. Aber die Art, wie sie sich dienstbar
wurden, wie sie in immer größerer Zahl vorübergehend, flüchtig, ohne näheres Kennen—
lernen, ohne dauernde Beziehung durch Tausch und Verkehr sich berührten, schloß auch
das engere Verbundensein, die weitergehenden gegenseitigen Pflichten qus, wie sie in
den engeren gesellschaftlichen Verbänden bisher gesordert wurden; Übervorteilung,
Täuschung, Bewucherung, ja unter Umständen List und Gewalt galten lange im Handel
als erlaubt. Sein Zwedist nicht, einen Freund, einen Verwandten zu versorgen, sondern
einen Gewinn, ein rentierendes Geschäft zu machen, das Kapital einzusetzen, die Leiden—
        <pb n="427" />
        Der Handel als Keim der Unternehmung. Die ältere Arbeitsgenofssenschaft. 415

schaften und Schwächen der Menschen zu nützen, die Preisdifferenzen zu verfolgen, sich
bezahlen zu lassen in einer Weise, daß auch die Gegengabe wieder Vorteil bringe. Es
ist eine gänzlich andere moralisch-psychologische Atmosphäre, die mit dem Handel ent—
steht, die erst langsam und nach und nach ihre Sitte, ihr Recht, ihre Moral, ihre
socialen Schranken erhielt. Die Auffassung der socialen Beziehungen zu allen ferner
Stehenden unter dem Gesichtswinkel des Gelderwerbes, die damit verbundene Geistes—
thätigkeit und Willensrichtung wird das zunächst rohe, aber unentbehrliche Hülfsmittel,
um nach und nach die ganze Produktion umzugestalten, die Volkswirtschaft und in
weiterer Linie den Welthandel zu schaffen. Diese bestimmte psychologisch-geistige Atmo—
sphäre ist noch heute die Voraussetzung des überwiegenden privatwirtschaftlichen Geschäfts—
zetriebes; sie kann, mit moralischen Elementen durchsetzt, nach und nach selbst eine ver—
sittlichte werden. Nur darf man von ihr nicht den Verzicht auch auf den reellen Gewinn
fordern. Wer allen Gewinn als „Profitwut“ anklagi und aus der Volkswirtschaft
entfernen will, tötet ihre Seele und muß nachweisen, welch' andere Seele erihr einzu—
hauchen im stande sei.
Wie, durch welche Stadien, Einrichtungen, mit Hülfe welcher Anordnungen von
Gemeinde und Staat der Handelsgeist sich nach und nach entwickele, haben wir hier
nicht zu verfolgen. Nur das sei noch betont, daß aller Tausch und aller Handel, so
sehr er der Organisation von Genossenschaften, Sippen, Karawanen, Gemeinden und
Staaten bedarf, doch von Haus aus Sache der Individuen, zuerst der Häuptlinge, oft
der großen Grundbesitzer, dann der Händler ist, und daß naturgemäß die Familien—
glieder, die Sklaven und Diener der Betreffenden zu Gehülfen des Handelsgeschäftes
dabei werden. Dazu braucht der Händler die Fähigkeiten und die Eigenschaften, die
später überhaupt für jeden Unternehmer größerer Geschäfte nötig sind: die Kunst,
Menschen zu behandeln und an sich zu ketten, vielköpfige Anstalten einheitlich zu leiten,
richtig zu befehlen und Gehorsam zu finden.
Haben wir so eine Vorstellung, wie an die Geschäftsseite der Unternehmung,
welche mit dem Handel mistatt die organisatorische Zusammenfassung mehrerer sich
anschließt, so ist, um sie richtig und ganz zu verstehen, von der Frage auszugehen,
welche Rolle die älteren Formen socialer Organisation dabei gespielt haben, die genoffen—
schaftliche, wie sie mit der Sippe, die herrschaäftliche, wie sie mit der Familie gegeben war.
Die älteren Gentilverbände, die Sippen haben wir oben (S. 286—289) kennen
gelernt: sie beruhen auf sehr starken Gemeingefühlen, sie fassen in einer Zeit ohne erheb—
lichen individuellen und Familienbesitz je eine größere Zahl Männer zu Kriegs- und
Beutezügen, zu Schiffs- und Hausbau, zu Rodung und Feldgemeinschaft zusammen.
Als Unternehmungen können wir sie nicht bezeichnen, sie wollen keinen Gewinn machen;
aber sie sind Arbeitsgenossenschaften und schulen die Menschen in gemeinsamer Thätigkeit.
In der historischen Zeit der Kulturvölker sind sie meist in Auflösung begriffen oder in
Mark- und Dorfgenossenschaften umgebildet, der wichtigere Teil aller wirtschaftlichen
Arbeit ist jetzt auf die Familien übergegangen. Aber die alten Sitten des gruppen—
weisen Zusammenarbeitens dauern doch in bestimmten Fällen da und dort umfangreich
fort: eine Anzahl Männer jagen und fischen gemeinsam, arbeiten als Flößer und
Schiffer zusammen, brechen Steine, bauen Erzgruben ab, übernehmen Fuhren, arbeiten
später als Träger, Packer, Unterkäufer oder sonstwie gemeinschaftlich. Es handelt sich um
lauter relativ einfache Arbeitsthätigkeiten, die, außerhalb der Hauswirtschaft geübt, das Zu—
sammenwirken mehrerer nötig machen. Männer mit einfachen Werkzeugen, gleicher Kraft
und Geschicklichkeit, ohne ausgebildeten Erwerbstrieb, ohne eigentliche Arbeitsteilung,
als Verwandte, Nachbarn, Freunde und durch die Schule der gemeinsamen Arbeit von
einem naiven Gemeinschaftsgefühl beherrscht, treten ohne schristlichen Vertrag unter
einfachen Formen, z. B. unter Küssung eines Heiligenbildes, unter Trunk aus einem
gemeinsamen Becher zusammen; damit ist der Bund unter den herkömmlichen, jedem
bekannten Bedingungen geschlossen; ein Führer wird gewählt; oft wird für die Zeit
der gemeinsamen Arbeit gemeinsames Mahl gehalten. Eine Kasse, ein gemeinsames
Vermögen, eine Buchführung bestehen meist nicht oder nur in kümmerlichen Anfängen.
        <pb n="428" />
        116 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Die erzielten Produkte, die Jagdbeute, die erzielten Erze, die gefangenen Fische werden
in natura geteilt, jedem bleibt überlafsen, ob er seinen Anteil verzehren oder verkaufen
will. Es sind in älterer Zeit rein naturalwirtschaftliche Arbeitsgenossen—
schaften, auch heute noch haben sie teilweise diesen Charakter, teilweise sind sie zu
Genoffenschaften von Lohnarbeitern geworden, die gemeinsame Arbeiten übernehmen, in
den Dienst eines Unternehmers treten. Der Verdienst wird nach Köpfen geteilt, dem
Führer, dem Koch, dem Steuermann wird eine Vorzugsportion überlassen. Diese
Genofssenschaften waren in älterer Zeit viel zahlreicher als später, sie kommen heute noch,
z. B. als sogenannte Artels in Rußland, dann in China sehr häufig vor. Teilweise sind
aus ihnen in der Folge anderweite kompliziertere Unternehmerorganisationen erwachsen.
Unsere ganze Bergwerksverfassung entsprang dem gruppenweisen Zusammenarbeiten von
4, 8, 16 Erzgräbern, die noch bis ins 14. Jahrhundert ihren Verdienst in dem be—
treffenden Erzanteil hatten, den sie teilten. In der Fischerei arbeiten noch heute in
vielen Ländern einige Männer genossenschaftlich zusammen und teilen den Fang. Die
ganze Geschichte der Matrosenlöhnung ist nur verständlich als allmähliche Umbildung
des genossenschaftlichen Anteils an der Fracht und des Rechts jedes Genossen, Waren
mitzuführen, in den späteren Geldlohn, die Heuer. Die Lippeschen Ziegelarbeiter, die
italienischen Maurer, in gewissem Sinne alle Gruppenaccorde gehören diesem Typus
der Organisation an. Noch heute wird besonders bei gefahrvollen Beschäftigungen die
große Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit solcher Arbeitsgenossenschaften gerühmt; es
lebt in diesen Gruppen ein straffes Ehrgefühl, eine strenge Auslese, die nur tüchtige
Leute aufnimmt, da jeder Faule oder Unzuverlässige allen schadet.
Aber es ist festzuhalten, daß für die meisten technischen Arbeitsoperationen über—
haupt in älterer Zeit keine solche Gruppen von Männern nötig waren; der Ackerbau
und die gewöhnlichen Gewerbe forderten nichts derart, sie lagen in den Händen von
einzelnen oder Familien. Alle Handelsentwickelung ruht auf dem individuellen Erwerbs—
trieb. Die zur Meerfahrt ausziehenden Wikinger schworen, die Beute zu teilen, den Handelsgewinn
 jedoch jedem persönlich zu lassen. Aber wo der Großhändler, der Plantagen- und
Bergwerksbesitzer eine gröäßere Zahl zum Zusammenarbeiten eingeschulter dienender Kräfte
bedarf, werden wir uns seine Leute, seine Sklaven vielfach als solche Arbeitsgenossen—
schaften zu denken haben.
So weit in älterer Zeit solche Arbeitsgenossenschaften in größerer Zahl blühten
und selbständig thätig waren, ihre Produkte verkauften, kam stets leicht für fie die Zeit,
wo ihre Organisation versagte, eben weil sie keine eigentlichen Unternehmungen waren
und zu solchen nicht werden konnten. Sie waren zu technischem Fortschritt, zur Arbeits—
teilung, zu reicherer Kapitalanwendung nicht fähig, noch weniger zur kaufmännischen
Ausnützung ihrer Thätigkeit. Auch heute beobachten wir den Prozeß der Auflösung
bei den noch so zahlreichen Fischereigenossenschaften; wo größere Schiffe nötig sind,
tritt ein kapitalistischer Unternehmer an die Spitze; die genossenschaftlichen Fischer sind
zum Verkauf ihrer Fische, zur Aufsuchung besserer Märkte unfähig, fallen dabei Wucherern
in die Hände; sie verbessern heute ihre Lage häufig, wenn sie geldgelohnte Arbeiter
werden. Erst wo die Betreffenden durch die Schule des individualistischen Erwerbs—
lebens mit all' seinen Einrichtungen, seiner Buchführung, seiner Marktkenntnis hindurch—
gegangen sind, kann der genossenschaftliche Geist wieder neue kräftige Blüten treiben,
zu lebensfähigen Unternehmungen kommen. In Ländern wie Rußland, Italien und
anderwärts, wo der moderne Individualismus noch wenig Herrschaft errungen hat,
knüpft die neueste Agitation für Genossenschaftswesen mannigfach an die Reste diefer
uralten Arbeitsgruppen an.
Im ganzen aber haben nicht die brüderlichen Traditionen der Sippe, sondern die
herrschaftlichen der Familie die Grundlage für die Unternehmungen gegeben.
Wir haben oben (S. 289-244) die Entstehung der patriarchalischen
Famihie und ihre Funktion als wirtschaftliches Organ kennen gelernt; sie faßt eine
Anzahl Menschen zu gemeinsamer Arbeit zusammen, hat eine feste monarchische Spitze
m Familienvater, der allen Gliedern ihre Aufgabe zuweist, sie kontrolliert, zur Thätigkeit
        <pb n="429" />
        Die Entwickelung der Familienwirtschaft zur Unternehmung. 417

zwingt; sie ist ein Organ, das Herden-, Land-, Kapitalbesitz zu sammeln, zu verwalten,
von Geschlecht zu Geschlecht zu überliefern versteht.
Aber ihre Hauswirtschaft hat ursprünglich nur die eigene Versorgung der Familie
zum Zweck, nicht eine Überschußproduktion für den Markt; höchstens so viel suchen die
Familien außer für den eigenen Bedarf zu schaffen, wie für Gemeinde und Grund—
herrn, für Kirche und Staat noch nötig ist; denn an diese gefellschaftlichen Verbände
muß die Familie Dienste und Naturalabgaben liefern; so groß ist ihre Hufe bemessen,
daß fie das kann; und auch der größere Vieh- oder Landbesitzer, der Grundherr, das
Kloster, fie haben in älterer Zeit nicht sowohl eine Überschußproduktion und Gewinn—
erzielung im Auge als eine so große Eigenproduktion, daß die lokalen Verwaltungs—
zwecke, die Zwecke einer militärischen, kirchlichen, aristokratischen Familienorganisation,
die mit dem größeren Besitz verbunden ist, befriedigt werden, so und so viel Diener,
Ritter, Klosterbrüder wie notig behaust, gespeist und sonst unterhalten werden können.
Die Haus- und Familienwirtschaft der älteren Zeit ist so keine Unter—
nehmung, es fehlt ihr die Geschäftsseite, die Verbindung mit dem Markt; ihr Zweck
ist nicht Gewinn, sondern Unterhalt. Aber sie hat eine feste, klare, leistungssaͤhige
Organisation, sie bildet eine Arbeitsteilung aus; sie lehrt die Menschen, planvoll fuür
die Zukunft arbeiten und sparen; sie ist ein ausgezeichnetes Mittel der Schulung und
Heranziehung jüngerer Arbeitskräfte; sie hat in dem unbestrittenen Kommando des
Familienvaters das einfachste Mittel, mehrere, ja viele ohne Reibung zufammen wirken
und die Fähigkeiten des Befehlenden zu vollstem Effekt gelangen zu lafsen. Sie ist
hierin der Arbeitsgenossenschaft unendlich überlegen. Und deshalb wird fie für Jahr—
hunderte und Jahrtausende nicht bloß das Organ der menschlichen Fortpflanzung, des
Wohnens und des Haushalts, des sittlichen Lebens, sondern auch der Keimpunkt, an
den sich ganz überwiegend die entstehende Unternehmung ansetzt.
Die Familienwirtschaften, die zu Unternehmungen werden, tragen
sehr lange Zeit noch überwiegend den Stempel der Haus- und Familienwirtschaft mit dem
Zweck der Eigenproduktion an sich; nur langsam knüpft sich je nach den Naturverhältnissen,
je nach den produzierten Früchten und Tieren, Geräten und Gegenständen ein Verkaufs—
geschäft, eine Uberschußproduktion an sie an; aber letzteres bleibt Nebensache; die ganze
Organisation, die Wohnung, die Arbeitsstätten, die Sinnes- und Lebensweise der Betreffenden
bleibt die familienwirtschaftliche. Die Fischer und Zeidler, die Köhler und Salzsieder des
älteren Mittelalters haben früher und mehr zu verkaufen als der Bauer; aber alle leben
in erster Linie von den Erzeugnissen ihres Fleißes, stellen fich Wohnung, Kleidung und
Esfsen, ja die Mehrzahl der Werkzeuge selbst her. Auch der Handwerker, der Berg—
arbeiter, der Kaufmann hat vielfach noch lange in erster Linie eine agrarische Haus—
wirtschaft, seine anderweite Thätigkeit ist lange nur ein Anhängsel dieser. Aber doch
gelangt, der Natur dieser auf den Markt gerichteten Thätigkeiten entsprechend, das
„foro rerum venalium studere“ nach und nach zu einer Bedeutung, die es beim Bauer
nicht hat, oder erst in unsern Tagen der vollendeten Geld- und Verkehrswirtschaft da
und dort bekommt. So lange der Kleinbauer, sei er Eigentümer, vertreibbarer Stellen⸗
inhaber oder Halbpächter, seine etwaigen Überschüsse in natura dem Grundherrn abliefern
muß, kann das, was er zu Markt liefert, nicht viel sein; er hat darum auch wenig
Sinn für technischen Fortschritt, Kapitalbildung, Gewinn; hat er gelegentlich übriges
Geld, so legt er es in den Schrank oder kauft Land oder verspielt und vertrinkt es.
Muß er aber staatliche Geldsteuern aufbringen, entstehen Märkte, Verkehr, Geldwirtschaft
in seiner Nähe, so beginnt er doch, in steigendem Maße für den Verkauf zu produzieren;
zuerst und lange handelt es sich nur um einige Prozente seiner Früchte, die er verkauft,
heute können wir jedenfalls annehmen, daß es in Deutschland die Hälfte seiner Pro—
duktion, vielfach auch mehr fei. Der heutige Bauer ist damit auch zum halben Unternehmer
geworden und kommt täglich mehr unter die Gewalt der Gesichtspunkte, die mit der
Unternehmung an sich gegeben sind. Am meisten der Gärtner, der vorstädtische, der
Tabaks-, der Gemüsebauer.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. IJI. 4.26. Aufl.
        <pb n="430" />
        418 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft.

Früher als er kommt der größere Herden- und Grundbesitzer so weit; die
römische und die englische Grundaristokratie haben, wie uns geistreiche Historiker gezeigt,
wesentlich durch vergrößerte Viehzucht und den Verkauf von Wolle und Vieh ihren
Wohlstand begründet. Auch die mitteleuropäischen Grundherren des Mittelalters, die
Klöster und Bischöfe begannen schon seit den Tagen Karls d. Gr., einzelne Produkte,
an denen sie Überschuß hatten, zu versilbern; aber doch erst in den späteren Zeiten der
Geldwirtschaft wurde der Großgrundbesitzer eigentlicher Kornz-, Woll- und Viehproduzent,
mit kaufmännischem, ja teilweise spekulativem Charakter. So die römische Aristokratie
in der letzten Zeit der Republik und den ersten Jahrhunderten des Principats. Es
waren Gruͤndbesitzer, die zugleich Kaufleute, Feldherren, Verwalter von Staatsämtern,
Pächter von Steuern waren, in der Herrschaft über unterworfene Lande zu befehlen und
Geschäfte in großem Stil zu treiben gelernt hatten, die Hunderte und Tausende von
Sklaven besaßen, und zwar teilweise technisch Hochstehende. Damit waren sie befähigt,
zroße Unternehmer zu werden, ihren Landbau, ihre Bergwerke, ihre Fabriken und den
Handel unter Anwendung großer Kapitalien und technischer Fortschritte, mit Hülfe
shrer wohlgegliederten und disciplinierten Sklaven, ihrer familia urbana und rustica
zum höchsten Ertrag und Gewinn zu bringen. In den neueren Zeiten haben die
Europäer in ihren Kolonien mit Sklaven eine ähnliche Plantagen- und Unternehmer—
wirtschaft organisiert. In Europa ist die ältere Grundherrschaft nie zur eigentlichen
Unternehmung geworden; wohl aber haben die Gutsbesitzer Englands, Ostdeutschlands,
Rußlands vom 16. Jahrhundert an solches erstrebt; die englischen gleich mit freien
Arbeitern, die mitteleuropäischen mit erbunterthänigen, teilweise mit Bauern, die auf
erblicher oder nicht erblicher Hufe saßen. Das Gutsland ist vergrößert, meist aus dem
Gemenge gezogen, mit dem Vieh, den Hand- und Spanndiensten der Bauern wurde
eine Art Großbetrieb vom Gutsbesitzer organisiert, der viel mehr den Markt als die Ver—
lorgung der gutsherrlichen Familie oder die Lokalverwaltung im Auge hat. Knapp
fieht deshalb hier den Anfang des kapitalistischen Betriebes, d. h. der modernen Unter—
nehmung. Nur war diese gutsherrliche Unternehmung dadurch gehemmt, daß die obern
Schichten ihrer Arbeiter, die Hufner, einen eigenen Hof hatten, und daß alle Arbeiter
nur innerhalb fester, gewohnheitsmäßiger oder vom Staate gesetzter Rechtsschranken zu
Diensten verpflichtet waren.
Daher beginnt die eigentliche landwirtschaftliche Unternehmung doch erst da, wo
der größere Besitzer oder Pächter mit freien Arbeitern für den Markt produziert. Die
Familienwirtschaft der Inhaber, oft auch die einiger Beamten und einer Anzahl noch
halb in Naturalien bezahlter Arbeiter bleiben zwar in der Regel auf dem Gute und
mit seinem Betrieb verknüpft; die Arbeiter sinken für den anständigen Landwirt nicht
zu „Händen“ herab, fie bleiben mehr als in der Stadt Nachbarn und Gemeindegenossen,
wenn sie nicht bloß für die Bestell- und Erntezeit aus der Fremde kommen. Nicht leicht
siegen die, rein geschäftsmäßigen Gesichtspunkte so wie in der großstädtischen Fabrik.
Aber andererseits ist ein solch' moderner Betrieb doch spekulative Unternehmung geworden:
das Kapital soll sich verzinsen, ein Gewinn erzielt werden; der Buchwert des Grund—
kapitals äußert seine große Bedeutung, er steigt oder fällt und verhält sich demgemäß
zünstig oder ungünstig zu der festen Höhe der eingetragenen Hypotheken, der schuldigen
Zinsen, die herausgewirtschaftet werden sollen. Der technische Fortschritt wird in den
Dienst der besseren und billigeren Produktion gestellt; die betreffenden Landwirte sind
die Führer und Träger dieses Fortschrittes und deshalb eben dem Bauer überlegen, bis
dieser beginnt, ähnliche Wege zu wandeln. Am deutlichsten tritt dieses hervor bei den
großen Pächtern; sie sind als Nichtgrundbesitzer keine Aristokraten mit dem sicheren
Gefühl des Rentenbezuges, sondern ganz Geschäftsleute, die erwerben wollen.
Die kleineren Pächter dagegen produzieren wie die Bauern und Kleinstellenbesitzer
überwiegend für die eigene Wirtschaft; ihre Landwirtschaft bleibt vieliach mehr Anhängsel
der Haus- und Familienwirtschaft als Unternehmung.
139. Das Handwerk. Ist so die Ausbildung landwirtschaftlicher Unter—
nehmungen ein sehr langsam sich vollziehender Prozeß, sind heute noch fast alle land—
        <pb n="431" />
        Die landwirtschaftliche Unternehmung. Das Handwerk. 419

wirtschaftlichen Betriebe an Familienwirtschaften angelehnt, so gilt im gewerblichen Leben
Ahnliches, so lange es die Stuse des Handwerks nicht überschreitet.
Wir verstehen unter einem Hand werksbetrieb das kleine, mit der Familien⸗
wirtschaft des Inhabers verbundene Geschäft eines durch irgend eine besondere technisch—
gewerbliche Geschicklichkeit sich auszeichnenden Meisters, der allein oder mit seiner
Familie oder wenigen Gehülfen für Kunden arbeitet, an sie seine Arbeit oder seine
Produkte verkauft. Wir haben oben (S. 8349 —8350) die Entstehung des Handwerks auf
dem Boden der Arbeitsteilung, die sociale Stellung der Handwerker, die Zeit ihrer
Hauptblüte kennen gelernt; hier haben wir von dem Handwerk als einer Betriebs⸗ Und
Unternehmungsform, als dem Ansatz und Keim der fpaͤteren vollen gewerblichen Unter—
nehmung zu sprechen; es versteht sich, daß wir dabei wefsentlich das Handwerk in der
Epoche seiner vollen Ausbildung im Auge haben; es handelt sich hauptsächlich um das
städtische Handwerk, wie es nach Ausbildung der Geldwirtschaft sich entwickelie, fpäter
auch auf das platte Land sich ausdehnte.
Der Handwerker ist ein Mann, der durch bestimmte, eigentümliche, technische
Kunstfertigkeit sich von seinen Stammes- und Gemeindegenofsen unterscheidet, von seiner
Arbeit und Kunst zu leben sucht. Er thut es, indem er hausierend oder an seinem
Wohnort und in der Umgebung seine Dienste anbietet, in der Hauswirtschaft anderer
Familien als technischer Hülfsarbeiter, als Schneider, Schlächter, Küfer gegen Kost und
Bezahlung mithilft, dann aber, indem er mit seinem einfachen Handwerkszeug zu Hause
in seiner kleinen Werkstatt fur Kunden auf Bestellung arbeitet oder einige Waren auf
Vorrat für den örtlichen Markt und die nächstliegenden Jahrmärkte herstellt und zu
verkaufen sucht. Wo er seßhaft geworden ist, läßt er sich bei seiner Arbeit von Frau
und Kindern, ist sie etwas umsangreicher, von Lehrling und Gesellen helfen. Sein
Geschäft bleibt meist in engster Verbindung mit der Familienwirtschaft; Wohnung und
Werkstatt fallen nicht immer, aber sehr häufig zusammen; Lehrling und Geselle werden
als Familienglieder behandelt. Anderes Kapital als die Werkzeuge und etwas Rohstoffe
sind nicht vorhanden; glücklich, wenn der Meister noch Häuschen und Gartenstück besitzt;
oft wohnt er zur Miete; die Werkstatt oder Bude gehört teilweise der Stadt, der
Zunft oder einem anderen Herrn. Mag er vielfach nebenher durch Besitz und Eigen—
wirtschaft eine wirtschaftliche Sicherung der Existenz haben, im ganzen will er von
seiner Arbeit, seinem Gewerbe leben; und er kann es, wenn er eine genügende Kunden—
zahl findet; seine Stellung als Geschäftsmaun beruht wesentlich darauf, daß er direkt
für die ihm bekannten, oftmals befreundeten Kunden arbeitet, direkt ohne kaufmännische
Zwischenglieder an die Kunden verkauft. Die persönlichen direkten Beziehungen des
Meisters als Produzenten zu den Konsumenten auf dem Markt der Stadt und in der
nächsten Umgebung unterscheidet die Betriebsform des Handwerks von der Hausindustrie
und der Großindustrie. Daß er viel mehr als der Baͤuer von dem Markte lebt, unter⸗
scheidet ihn von diesem. Der Handwerksmeister hat ein Geschäft, der Bauer einen Haushalt.
Freilich das Geschäft ist klein und beschränkt; es kennt keine wesentliche Arbeits⸗
teilung, kein großes Risiko. Der Meister, der sich zu Wohlstand und Hausbesitz auf—
arbeitet, dankt es mehr seiner Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit, als dem wagenden Mut,
der Fähigkeit, den Absatz zu organisieren, wie Kaufmann und Fabrikant. Deshalb will
Sombart das Handwerk nicht als Unternehmung gelten lassen. Aber immer muß der Meister
Werkzeuge und Rohstoffe anschaffen, er muß ein- und verkaufen, Gehülfen und Kunden
behandeln können. Das Handwerk hat nur da geblüht, wo ein gewisser Unternehmer—
geist sich mit technischem Geschick, mit Klugheit und sittlicher Tüchtigkeit verband; ohne
Gewinnabsicht kann es nicht existieren, wenn es auch nicht kaufmännisch spekuliert.
Man könnte hinzufügen, es habe da geblüht, wo es richtig eingefügt war in den
Zusammenhang einer Zunfl- und Stadtorganisation, die ihm das gab, was der spätere
Großunternehmer sich selbst verschaffte: gesicherten Absatz. Aus bruderschaftlichen Ver—
einigungen der das gleiche Handwerk treibenden Genossen und aus Markteinrichtungen
war die Institution der Zünfte hervorgegangen (s. oben S. 404). Das Wohnen oder
Feilbieten der Handwerker gleichen Berufes neben einander auf bestimmten Teilen des
O7 x
        <pb n="432" />
        20 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Marktes oder der ihm nächstgelegenen Straßen, eine amtliche Warenschau, Preissetzung
und andere Maßnahmen der Marktpolizei erzeugten eine Organisation des Absatzes,
welche die Innung selbst nach und nach in die Hand bekam; es lag darin eine Art
Konkurrenzregulierung, die dem einzelnen Schranken auferlegte, ihn aber auch erzog
und seinen Erwerb erleichterte. Die städtische, später die territoriale und staatliche
Gewalt mußte nach Ausbildung des Zunftwesens suchen, die Oberleitung im Interesse
der Gesamtheit in die Hand zu bekommen, den Handwerkern ihr Marktgebiet und ihren
Absatz zu sichern. Nur wer der Zunft am Orte angehörte, durfte das Handwerk selb—
ständig treiben, und er wurde nur aufgenommen, wenn er bei einem Gewerbsmeister
als Lehrling gelernt, wenn er dann gewisse Jahre Geselle gewesen, gewandert war, ein
Meisterstück gemacht hatte. Da der Meister zugleich nur Lehrlinge und Gefsellen seines
Handwerks und stets nur in beschränkter Zahl halten durfte, so war damit erreicht, daß
Meister und Gehülfen sich als eine gemeinsame Klasse fühlten, daß die arbeitenden
Besellen mit der Aussicht auf die Meisterschaft nicht eigentlich zu einem besonderen
Lohnarbeiterstand wurden, daß nur kleine Geschäfte mit Meistern an ihrer Spitze be—
standen, die mehr technische Arbeiter als Kapitalbesitzer und Kaufleute waren. Durch
zeitweilige oder dauernde Fernhaltung fremder Konkurrenz, durch das Verbot des Land—
hdandwerks, durch oft jahrelange Einschränkung der Zulassung zum Meisterwerden oder
gar durch eine geschlossene Meisterzahl wurde vollends der Nahrungsstand der Meister
gesichert, aber auch eine Art Monopol erzeugt.
Die Erhaltung der kleinen Geschäfte mit höchstens 128 Gehülfen lag in der
Natur der damaligen Werkstatttechnik, in dem mäßigen Kapital jener Tage, in der
Ratur des Kundenabsatzes; aber andere Faktoren wirkten mit: so das Verbot, daß
kaufmännische Kräfte an die Spitze träten, daß ein Meister zwei Läden oder Werkstätten
habe, die Produkte der Mitmeister aufkaufe, mit dem Rohstoff spekuliere; so die Be—
grenzung der Lehrlings- und Gesellenzahl, das Verbot der Frauenarbeit, die wöchentliche
Maximalgrenze für die Produktion.
So lange diese gesamten Einrichtungen dem Verkehr und der Technik ihrer Zeit
im ganzen angemessen waren, haben sie die Ehre, die Ausbildung, den Wohlstand der
Handwerker gefördert. Seit dem 16. und 17. Jahrhundert, seit die interlokale Arbeits—
teilung und der Fernabsatz da und dort begann, war an einzelnen Stellen diese alte
Handwerksverfassung bedroht und überlebt; für den weitaus größeren Teil Europas
aber blieb bis gegen 1850, ja 1870 der lokale gewerbliche Kundenmarkt die Hauptsache,
und konnte daher das Handwerk zunehmen. Auch die Gewerbefreiheit hat, wo sie vor
1860 eingeführt wurde, wohl ein Landhandwerk geschaffen, aber das Stadthandwerk nicht
befeitigt. Für viele Teile Deutschlands liegt die Entstehung und die Blüte des Hand—
werks sogar erst in der Zeit von 1700 - 1870, der steigende Wohlstand zeigte sich bis
1860 in Deutschland vielfach in einer Zunahme der Handwerksmeister und ihrer
Gesellen. Man kann ziemlich sicher schätzen, daß im heutigen Deutschland 1816 eiwa
O,s Mill., 1861 1 Mill., 1895 1,3 Mill. Handwerksmeister vorhanden waren. Nach
sehr wahrscheinlichen Berechnungen kamen auf 1000 Einwohner in Preußen und
Deutschland:
Handwerksmeister Meister und Gehülfen
24,0 30,8
28,3 59,0
2617 56,9.

Im Jahre 1895 kamen auf 1000 Einwohner:

in Städten mit
Gebieten
solchen —

über 100 000 Einwohnern.
20- 100 000 ⸗
100 - 150
25—50

pro Geviertkilometer

Meister Meister u. Gehülfen
13,4 46
27,0 83
37,6 68
22,6 34
        <pb n="433" />
        Vorzug und Schwäche“ des Handwerks. Seine neuere Lage. 421

Bei den 1,3 Mill. Handwerksmeistern 1895 darf man nicht vergeffen, daß die
Mehrzahl auf das Land und die kleinen Städte kommt, daß ein sehr großer Teil nur
noch als Lohnarbeiter für Magazine, als Hausindustrielle ihr Dasein fristen. Die seit
1840-50 dauernde, seit 1875—290 immer stärker einsetzende Handwerkerkrisis ist trotz
dieser Zahl vorhanden. Wir sehen, daß es in den großen Städten, wo die Entwickelung
weiter ist, nur noch halb so viel Meister giebt wie in den Mittelstädten. Aber die
Abnahme hier wird teilweise noch durch die Zunahme auf dem Lande, zumal wo dichte
Bevölkerung ist, ausgeglichen.
Im ganzen mußten die Groß- und die Hausindustrie, sowie die städtischen
Magazine immer weitere Teile des Handwerks zuruͤckdrängen, gerade weil es noch nicht
eine volle Unternehmung mit ihren wirtschaftlichen Vorzügen darstellt. Das Handwerksgeschäft
 alten Stils ist von der Form und den Sitten der Familienwirtschaft beherrscht;
darin liegt seine Kraft und fseine Schwäche. Der Meister ist Familienvater, Unter—
nehmer, technischer Arbeiter, Besitzer des kleinen Kapitals zugleich; der Meister besitzt
sein eigenes Werkzeug, das ihn sittlich erzieht, indem er es technisch bemeistern lernt;
Körper und Geist, Gemüt und Sinn der Mitarbeitenden werden durch die Einfügung
in Familie und Werkstatt zugleich in einem normalen Gleichgewicht erhalten und richtig
erzogen. Der Handwerker kennt seinen Kunden, für den er arbeitet; er fühlt sich ihm
verantwortlich; das Verhältnis erhält damit einen ethischen Charakter, der später weg—
fällt, wo Produzent und Konsument sich nicht mehr kennen. Aber die Arbeitsteilung
fehlt, häufig auch die wissenschaftliche Kenntnis, die höhere, feinere Technik; der Sinn
für technischen Fortschritt erlahmt in der Routine; mechanische Kräfte und erhebliche
Kapitale werden nicht angewandt; der Betrieb bleibt Jahrhunderte lang gleich einfach
und elementar. Das Verkaufsgeschäft, dem lokalen, engen Marktverkehr angepaßt, ist
technisch noch unvollkommener. Die Technik der Produktion und das Verkehrs- und
Absatzbedürfnis mußten mit der Zeit über die alte Form des Handwerksbetriebes hinaus—
drängen, wo es große Märkte, einen Absatz in die Ferne zu erobern galt.
Ein Teil der alten Handwerker, die Spinner und Weber, die Böticher und Seiler,
die Brauer und die Seifensieder, die Nagelschmiede und andere Metallarbeiter sind bei—
nahe ganz verschwunden; ein anderer Teil ist erst neuerdings bedroht: die Schuhmacher,
Tischler, Schmiede, Stellmacher, sie sind im Begriff, ihre Thätigkeit an Fabriken,
Hausindustrien, Magazine abzugeben. Ein dritter Teil ist stabil geblieben, weil ihre
Geschäfte heute noch überwiegend nach ihrer Technik und ihrem Markt lokale sind: die
Bau- und Anbringungsgewerbe, die Buchbinder, die Sattler, auch ein Teil der Schneider,
so viel sie auch schon an die großen Konfektionsgeschäfte verloren. Endlich hat ein
vierter Teil der alten Handwerke sich noch mit Bevölkerung und Wohlstand vermehrt,
weil sie Kundengeschäfte sind und bleiben: die Bäcker, die Fleischer, die Tapezierer, die
Barbiere ꝛc. In allen Branchen halten sich kleine Handwerker als Laden- und Flick—
geschäfte. In sehr vielen konservieren sie sich dann, wenn die intelligenten Meister so
viel kaufmännischen Sinn und Marktkenntnis erwerben, um sich das Wichtigste für
heute, einen guten Absatz nah und fern zu erwerben und zu erhalten. Aber immer
bleibt die Thatsache, daß unter den 1,8 Mill. Meistern von 1895 wohl drei Viertel
allein ohne Gesellen, also kümmerlich ihr Gewerbe treiben; neben ihnen stehen aber
in der Gewerbestatistik von 1895 nun O,«6—-0,1 Mill. Gewerbetreibende, die 2—5 Per⸗
fonen beschäftigen; sie repräsentieren immer noch einen breiten gewerblichen Mittelstand
in Deutschland, der allerdings auch schon ziemlich umfangreich Maschinen unb Arbeits—
teilung anwendet, mit Kapital und Kredit arbeitet.
Die Gewerbefreiheit, welche die kleinen Gewerbetreibenden von den Schranken des
Zunftwesens befreite, kaufmännische Leiter und allerlei Arbeiter in allen Gewerben
zuließ, hat die Umwälzung befördert, aber nicht erzeugt; sie liegt in der Hauptfache
in den Forderungen der Technik, des Absatzes, der Kapitalanwendung, der kaufmännischen
Leitung.
So. Die Ansätze zu größeren Betrieben und Organisationen in
genossenschaftlicher und korporativer Form bis gegen 1800. War im
        <pb n="434" />
        422 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Altertum und in der neueren Zeit bis in unser Jahrhundert ein Geschäftsleben und
eine Marktproduktion eigentlich nur in Anlehnung an die Familienwirtschaft vor—
handen, so drängte gerade die Beschränktheit dieser Form doch an manchen Siellen auf
die Schaffung von geschäfts- und unternehmerartigen Organisationen neuer und größerer
Art: die Technik, die über die einfache Werkstatt hinausging, erzeugte sie hier, dort
waren es Absatzbedürfnisse, welche zu neuen Gestaltungen führten.
Wie die Dorfgenossenschaften Wege, Brunnen, Wald, auch Backhaus und Mühle
gemeinsam verwalteten, so sind an einzelnen Stellen Waldgenossenschaften dazu ge—
kommen, Sägemühlen und Floßanstalten einzurichten, Flößerei und Holzhandel gemein—
sam zu treiben. Wir treffen daneben Mühlen- und Fischereigenossenschaften, Haus—
genossenschaften der Münzer mit eigentümlicher Organisation, mit Anteilsrechten,
korporativer Gemeinwirtschaft oder kartellartiger Leitung der Einzelbetriebe. Die Zuͤnfte
haben mancherlei Versuche zu genofsenschaftlichen Einrichtungen gemacht; sie bestehen
teilweise in gemeinsamen Verkausshäusern, Walken, Färbehäusern, dann in Bleichen und
Teichrahmen; man versucht sich im gemeinsamen Einkauf des Rohstoffes, auch im gemein⸗
samen Absatz; es wollte freilich nicht recht gelingen. Eher haben die Magistrate in—
direkt, durch Verhandlungen den Absatz, der aber ein solcher auf Rechnung der einzelnen
blieb, gefördert. Die Handelsgilden hatten in ihren Hallen, Krahnen, Quais und
anderem einen gemeinsamen Besitz, sowie in den gemeinsamen Fahrten und handels—
politischen Maßregeln ein Element der Genossenschaft sowohl als Ansätze zu einer gemein—
samen Großunternehmung; die sogenannten regulierten Handelscompagnien des 14. bis
17. Jahrhunderts waren genossenschaftliche, kartellartige Verbände von Kaufleuten und
Reedern, wobei die einzelnen die Geschäfte für ihre Rechnung, aber unter Kontrolle und
nach Vorschrift des Vorstandes machten. Wir kommen darauf zurück.
Eine besonders eigentümliche Entwickelung hat das genossenschaftliche und korpo—
rative Leben in der älteren Brauerei, dem Salinenwesen und dem Bergwerksbetrieb
erhalten.
Das Brauen, ursprünglich hauptsächlich städtisches Nebengewerbe der Wohl—
habenden, wurde in Deutschland aus feuerpolizeilichen und monopolistischen Gründen
ein erbliches Vorrecht der patricischen größeren Hausbesitzer, die zu einer Gilde, einem
Kartellverband zusammentraten, um gemeinsam Produktion und Absatz zu ordnen; so
kamen sie teilweise zu einem Reihebrauen, wie ja auch die Schlächter und Bäcker vielfach
als kartellartige Verabredung eine Reiheproduktion eingeführt hatten, dann zur An—
stellung gemeinsamer Braumeister, oft auch zum Besitz gemeinsamer Braukessel, die
herumgingen, und endlich zum Bau von gemeinsamen Brauhäusern, die jeder der Reihe
nach benutzte. Diese zu fester Rechtsorganisation gewordenen und verknöcherten Ein—
richtungen versagten trotz zahlreicher bureaukratischer Reformen schon im 17. und 18. Jahr—
hundert den Dienst, lieferten zu schlechtes Bier, erlagen erst der Konkurrenz der länd—
lichen größeren Brauereien der Rittergüter, mit der Gewerbefreiheit der der freien
städtischen Unternehmungen. Zur eigentlichen Großunternehmung war die Entwickelung
nicht gelangt; auch im gemeinsamen Brauhaus sott jede Woche ein anderer Brau—
berechtigter auf eigene Rechnung und mußte dann oft 122 Jahre warten, bis das
Brauen wieder an ihn kam. Die Ursache, daß in vielen Städten die einst blühende
Brauerei mit einer solchen Verfassung zu Grunde ging, lag darin, daß das Brauen für
jeden Berechtigten doch ein Anhaͤngsel seiner Hauswirtschaft blieb: man entschloß sich
zu einer gemeinsamen Pfanne, einem gemeinsamen Brauhaus, einem gemeinsamen Brau—
meister, aber nicht zu einem gemeinsamen Betrieb und Absatz. Und so fehlte der wirk—
liche technische Fortschritt und die lebendige kaufmännische Absatzgewinnung.
Die älteren Salinen bestanden aus einem oder mehreren gemeinsamen Sool—
brunnen nebst Leitungen und Schöpfeinrichtungen, sowie aus einer Anzahl oft mehr als
100 kleinen Siedehäusern, den sogenannten Koten. Das Eigentum an den Soolbrunnen
stand ursprünglich dem König oder anderen Großen, später allen möglichen Belehnten,
Kirchen, Adeligen oder Bürgern zu, die, in eine oder mehrere Genossenschaften oder
Korporationen gegliedert, schon frühe bloße Rentenbezieher ohne Einfluß auf die Saline
        <pb n="435" />
        Die ältere Brau⸗-, Salinen-, Bergwerksverfassung. 428

wurden. Die das Salz siedenden, die Koten und Pfannen besitzenden Pächter der Soole,
die sogenannten Pfänner, waren Kleinunternehmer, später oft auch Eigentümer eines
Teiles der Soole und reiche städtische sogenannte Salzjunker; genossenschaftlich organisiert,
ließen sie in ihren Kreis nur Leute der Stadt mit bestimmten Eigenschaften zu, ordneten
kartellartig Produktion und Absatz, kauften gemeinsam Holz zum Sieden ein, risfen
den Haupleinfluß bei Leitung des Gesamtwerkes an sich, waährend der Betrieb in der
Kote, das Salzsieden Sache des einzelnen Pfänners blieb. Das Salzwerk hatte in der
Regel eine komplizierte korporative Verfassung, eigenes Gericht und Polizei, Vorstände;
auch die zahlreichen Arbeiter, die teils für das gesamte Werk, teils für die einzelnen
Pfänner thätig waren, hatten eine genossenschaftliche und korporative Verfafsung mit
behaglichem Auskommen. Vom 185. und 16. Jahrhundert an wurde mit dem erleichterten
Verkehr ein Absatz in größere Entsernung möglich; viele der kleinen schlechten Salinen
zingen ein, die großen machten gute Geschäfte, hatten steigenden Absatz. Die verbesserte
Technik sollte durchgeführt werden: Pumpwerke statt des Schöpfens und Tragens der
Soole in Eimern, Gradierwerke, größere und verbesserte Siedehäuser sollten von 1550
bis 1800 gebaut werden. Im ganzen zeigten sich die komplizierten alten pfännerschaft⸗
lichen Korporationen und ihre Leiter vollstündig unfähig, diese Verbesserungen durch⸗
zusühren. Die Pfänner konnten sich nicht zur Aufgabe ihrer kleinen, unvollkommenen
Betriebe entschließen. Überall griff der Staat ein, administrierte, kaufte oder pachtete
die Salinen, vollzog die technischen Fortschritte; den Absat ordnete er meist in Form
des staatlichen Salzregals.
Der Bergbau, der im Mittelalter hauptsächlch Silbererze förderte, erhielt die
Form seines Betriebes dadurch, daß die als Regal des Königs oder der Fürsten geltenden
Erzlager an Genossenschaften von 4, 8, 16, 83 Bergarbeitern verliehen wurden, welche
unler Aufficht des herrschaftlichen Bergmeisters und unter der Bedingung ununter—
brochenen Betriebes die Erze förderten, einen Teil derselben, später den Zehnten an den
Regalherrn ablieferten, den Rest unter sich teilten. Die Erze wurden von kleinen
Anlernehmern, den sogenannten Hüttenherren, in den kleinen Schmelzhütten entweder
auf Rechnung der Bergarbeiter verschmolzen oder ihnen von den Hüttenherren abgekauft.
Das fertige Silber und Kupfer mußte zu bestimmtem Preise wieder an den Regalherrn
verkauft werden; der Absatz war sicher, brachte aber einen sehr mäßigen Gewinn. Das
Recht. der Bergarbeiter konnte als erbliches Leihe- und Nutzungsrecht in der zweiten
und dritten Generation nicht stets in einer Hand und vollends nicht immer in einer
solchen bleiben, die die Grubenarbeit besorgte. Die erbenden Nutzungsberechtigten schickten
arbeitende Stellvertreter gegen Kost, beziehungsweise Kostgeld für sich, und so kamen bis
gegen 1500 die meisten einträglichen Gruben und Zechen in den Besitz von sogenannten
Gewerken, d. h. rentenbeziehenden Anteilbesitzern, die die sogenannte Ausbeute erhielten
oder auch Zubuße zahlten, die Bergarbeiter gegen Lohn beschäftigten. Aus Arbeits⸗
genofsenschaften waren kleinbürgerliche einfache Kapitalgenossenschaften geworden, die
wöchentlich zusammentretend mit ihrem Schichtmeister als ihrem Beamten und ihren
Bergleuten abrechneten, ihre Geldgeschäfte durch den herrschaftlichen Münzer oder Zehnter
besorgen ließen, um den Äbsatz und die Schmelzung der Erze sich nicht viel zu kümmern
brauchten. Als im 16. Jahrhundert mit dem Aufschwung des Bergbaues die Gruben
größer und die Technik komplizierter wurde, immer mehr fremdes Kapital, hauptsächlich
solches aus den großen Handelsstädten herangezogen werden mußte, als damit die ein—
flußreichsten Gewerke aus sachverständigen Buürgern der Bergstädte fremde Kapitalisten
wurden, da versagte die alte Form der Gewerkschaft; solche Gewerke konnten sich nicht
mehr wöchentlich, sondern höchstens vierteljährlich oder jährlich versammeln, mußten
ihren sie betrügenden Schichtmeistern alles überlafsen. Da schufen die sächsischen Berg⸗
ordnungen von 1477 —-1600 jenes Bergrecht, das in und außer Deutschland recipiert
bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Hauptfache galt. Es legte mit Rücksicht
auf die Unfähigkeit der Gewerkschaftsversammlungen die Leitung des Betriebes, die
Rechnungsprüfung und die Anstellung der Arbeiter in die Hände der Bergämter und
der von ihnen abhängigen Werkbeamten. Es war eine Resorm, die nach dem Maß der
        <pb n="436" />
        24 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Fähigkeit der Bergbehörden den Bergbau zunächst hob und zur Blüte brachte, auch nach
Schaffung eines durch Bergschulen vorgebildeten höheren Bergbeamtentums von 1750
zis 1850 nochmals eine Hebung desselben erzeugte. Die Reform hatte zugleich einen
privilegierten, korporativ organisierten, tüchtigen Bergarbeiterstand geschaffen, aber sie
endete doch zuletzt in bureaukratischer Routine. Die große neue Technik des 19. Jahr—
hunderts, die jetzt eröffneten Absatzmöglichkeiten forderten viel größere, maschinell ein—
gerichtete, kaufmännische Betriebe; die alten Gewerkschaften unter bureaukratischer Vor—
mundschaft konnten dem nicht genügen; sie brachten auch die großen Kapitalmittel nicht
auf. Die Losung der Zeit von 1840—70 war: freie, private, spekulative Unternehmung,
eine neue unabhängige Form der Gewerkschaft, Aktienbetrieb, Freierklärung des Berg—
baues, Verzicht des Staates auf seine Regalrechte und die Oberleitung der Betriebe.
Die Richtung dieser Bergwerksreform war notwendig und heilsam; der große Aufschwung
des deutschen Bergbaues ging aus ihr und den freien modernisierten Betrieben hervor.
NRur hätte der Staat seine bisherigen finanziellen Rechte, sowie die Aufsicht über die
sociale Seite der Bergwerke besser wahren sollen; er hätte von den großen Monopol—
gewinnen aus den unterirdischen Schätzen der Gesamtheit, dem Staate einen erheblichen
Teil vorbehalten sollen.
141. Die Hausindustrie (das Verlagssystem). Haben wir im bis—
— DD
Bebilde, mit Hülfe von staatlicher Intervention, die Produktion über den alten Rahmen
der Familienwirtschaft hinauszuheben, und wurden wir uns dabei der Schwierigkeiten
klar, größere wirtschaftliche Gebilde und Unternehmungen überhaupt zu schaffen, so haben
wir jetzt einen Weg zu betrachten, der zeitlich parallel mit diesen Versuchen betreten
vpurde: die Hausindustrie, d. h. die Tendenz, die gewerbliche Überschußproduktion des
Familienhauses und der Meisterwerkstatt auf größere Märkte durch das Zwischenglied
des Handels zu führen. Wir werden sehen, daß es sich auch hiebei noch nicht um 'eine
vollkommene Lösung des Unternehmungsproblems handelte, aber um eine historisch not—
wendige Zwischenform, die zuerst mehr von günstigen, später überwiegend von ungünstigen
Folgen begleitet war.
Gewisse leicht transportabele, eigentümliche und allgemein begehrte Produkte des
häuslichen Fleißes und des Handwerks sind schon in frühen Zeiten, vollends zur Blüte—
zeit griechischer und römischer Kultur teils von Händlern, teils von größeren Produzenten
ielbst auf fremde Märkte gebracht worden. Im Mittelalter beginnt dasselbe in Italien
vom 12. und 18. Jahrhundert an, aber erst vom 15. und 16. an erreicht die lokale
Arbeitsteilung und der Verkehr nördlich der Alpen eine solche Ausdehnung, daß daraus
die Hausindustrie als besondere Betriebsform hervorgehen konnte. Sie bildet im 17. und
18. Jahrhundert die Hauptform der für den Absatz im Großen thätigen Industrie.
Ihre Entstehung und ihre Blüte ist damals das Hauptzeichen der fortschreitenden volks—
wirtschaftlichen Entwickelung und des Wohlstandes gewesen. Auch in unserem Jahr—
hundert entsteht fie überall noch neu, wo die häusliche und handwerksmäßige Thätigkeit
zu einem großen Absatz in der Nähe oder in der Ferne übergeht, und hat sich, wo sie
früher bestand, noch da und dort in breiter Ausdehnung erhalten. Aber vielfach ist sie
nuch schon von den höheren Formen des Betriebes, den Manusakturen und Fabriken
verdrängt worden, stellt nicht mehr so wie früher einen Fortschritt sondern eher ein für
den Verleger bequemes, aber socialpolitisch unerwünschtes Auskunftsmittel dar.
Wir fassen dabei unter dem Begriff der Hausindustrie die Art der Produktion und
des Absatzes zusammen, welche die im Hause, in der Familie, in der handwerksmäßigen
Werkstatt mit einfacher Technik hergestellten Produkte nicht mehr einem Kunden, sondern
zinem Händler, einer Zwischenperson übergiebt, um sie in den Handel zu bringen. Die
Thätigkeit ländlicher Spinner und Weber, armer Gebirgsbewohner, die Holz schnitzen
und Spitzen klöppeln, die der russischen und anderen osteuropäischen Bauern, die alles
Mögliche nebenher produzieren, wie die aller städtischen Handwerke, neuerdings die von
Tausenden von Frauen und Männern, die für städtische Magazine und Exportfirmen zu
Bbaufe arbeiten, gehören hierher, so verschieden ihre Lage sonst sein mag. Ob man die
        <pb n="437" />
        Entstehung und Wesen der Hausindustrie. 425

noch immer zahlreichen, besonders auf dem Lande, im Gebirge verbreiteten kleinen
Produzenten, die oft hausierend durch Familienglieder gewerbliche Produkte an anderen
Orten vertreiben, zur Hausindustrie rechnen soll, ist eine untergeordnete Frage. Ihre
Zahl ist nicht sehr groß.
Das Wesentliche der Entstehung dieser Betriebsform ist, daß eine alte hergebrachte
Technik und Produktionsweise durch Handel und Verkehr einen besseren Absatz erhielt,
daß ein häuslicher oder handwerksmäßiger Körper einen kaufmännischen Kopf bekam.
Zwei sociale Klassen, häusliche Produzenten und kaufmännische Vermittler sind auf⸗—
einander angewiesen: hier Kleinmeister, Bauern, Weiber und Kinder, vielfach bisher Be—
schäftigungslose, die ohne viel Kapital, ohne viel Arbeitsteilung mit beschränktem
Gesichtskreis froh sind, mit häuslicher, herkömmlicher Technik etwas zu verdienen und
dabei in den gewohnten Lebensgeleisen zu bleiben; dort kühne Haufierer, spekulative
Fuhrleute, kluge und reichere Meister, welche die Produkte ihrer Mitmeister aufkaufen
und die Jahrmärkte beziehen, hauptsächlich aber lokale Krämer und Kaufleute aus den
größeren Städten, kurz lauter intelligente und wagende Leute, die mit einem gewissen
Kapital, hauptsächlich aber durch ihre Marktkenntnis, ihre Zahlungsfähigkeit, ihren Kredit
und ihre Verbindungen den Absatz schaffen; es sind Perfönlichkeiten, die man im 17. Jahr—
hundert als die nützlichsten Glieder der Gesellschaft feiert, welche Tausenden Nahrung geben.
Sie machen die großen Gewinne, steigen empor, werden reich; sie heißen Verleger, weil
sie Vorschuß, Verlag geben können. Schon weil stets zur Verlegerstellung nur wenige,
zur Stellung des Heimarbeiters sehr viele brauchbar find, zeigen alle Hausindustrien
dieselbe sociale Struktur, die je nach dem Überfluß der Arbeitskräfle, ihrer Bildung, ihrem
Besitz, ihrer örtlichen Zerstreuung, je nach der rechtlichen und sittlichen Ordnung der
Hausindustrie, je nach der Weite und Schroffheit des Abstandes zwischen Verleger und
Heimarbeiter, teils ein Bild glücklicher, socialer Organisation, teils ein solches harter,
wucherischer Ausbeutung bietet.
Die Hausindustrien sind nicht mehr, wie das Handwerk, lokal überall und gleich—
mäßig angesiedelt; sie erblühen in einzelnen Städten, Gegenden, Thälern und Gebirgen,
wo sie guͤnstige Vorbedingungen finden, und vertreiben von da ihre Waren. Eine
lokale Verkehrs- und Absatzorganisation ist auf eine Anzahl Meilen nötig für das
Zusammenwirken von Verlegern und Heimarbeitern, eine solche auf Dutzende und
Hunderte von Meilen für den Warenvertrieb. Im Mittelpunkt sitzen die großen Ver—
legergeschäfte mit ihren Comptoiren und Warenlagern; sie haben teilweise bereits
technische Hülfsanstalten, um die Produkte fertig machen, färben, appretieren, zusammen—
setzen zu lassen, oft Zweigniederlassungen an anderen Orten und Weltteilen. Sie bestellen
oder kaufen teilweise die Waren nicht bei denen, die sie herstellen, sondern beziehen sie
von kleinen Verlegern, wie in Remscheid. Oft haben sie reisende Commis, oft Annahme—
und Abgabestellen in den umliegenden Dörfern; häufig besorgen von ihnen abhängige
oder selbständige Faktoren (Fercher), Zwischenmeister die Vermittelung zwischen ihnen
und den Heimarbeitern. Diese sind vielfach harte, wucherische Persönlichkeiten, welche
die Heimarbeiter ausbeuten, ihnen den Rohstoff zu teuer anrechnen, am Verdienst oder
Lohn so viel wie möglich abziehen. Das in den Verlegergeschäften angelegte Kapital
ist wesentlich umlaufendes: Geldkapital, um die Heimarbeiter zu lohnen und fertige
Waren zu kaufen, Rohstoff, um ihn an die Arbeiter auszugeben. Das Geschäft ist ein
überwiegend kaufmännisches, beruht ursprünglich ausschließlich auf Wareneinkauf und
⸗vertrieb, erzeugt also an sich keine näheren persönlichen Bande zwischen den Kontra—
henten, also auch keine Verpflichtung dauernder Beschäftigung, regelmäßiger Abnahme
der von den Heimarbeitern hergestellten Waren. Wo Zwischenglieder vermitteln, kennt
der große Verleger die Dutzende oder Hunderte von Heimarbeitern, die er beschäftigt,
ar nicht.
⸗ Dennoch haben sich früher und teilweise auch heute noch patriarchalische Beziehungen
zwischen Verleger und Heimarbeiter gebildet, die auf eine möglichst gleichmäßige Be—
schäftigung hinwirkten; bis zur Einsührung der Gewerbefreiheit haben die staatlichen
Reglements und die Staatsverwaltung mit Energie auf dieses Ziel hingearbeitet. In
        <pb n="438" />
        426 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

manchen Hausindustrien waren die Verleger entweder allein zu Zünften vereint, oder
waren sie Zunftgenossen der Heimarbeiter, mußten z. B. in Lyon zehn Jahre Lehrlings—
aund Gesellenzeit am Webstuhl durchgemacht haben. Diente das da und dort auch zu
Verabredungen und Maßnahmen im egoistischen Interesse der Verleger, im ganzen
suchten die Regierungen durch die Organisation und durch die Reglements die Schleuder—
konkurrenz zu hindern, unanständige Elemente aus dem Kreis der Verleger fern zu
halten, den Verlegern mancherlei Pflichten gegenüber den Heimarbeitern aufzuerlegen.
Man köonnte diese früher weit verbreitete Organisation der Hausindustrie ein Mittelding
zwischen Zunft, Gewerkverein und Kartell nennen. Soweit mit ihnen und durch sie eine
kartellartige Konkurrenzregulierung entstand, wirkte sie mannigfach wohlthätig; jedem
zu monopolistischen Treiben der Verleger traten die Regierungen entgegen; oft wurde
ein UÜberangebot von Arbeitskräften so verhindert. Hauptsächlich dem leicht wucherischen
Treiben der vermittelnden Faktoren, Garnhändler ꝛc. suchten die Reglements durch
stonzessionszwang entgegenzutreten; oft mit, oft ohne Erfolg.
Diese staatlichen Reglements der Hausindustrie sind meist nach Anhörung aller
Beteiligten von den Regierungen erlassen worden; sie waren für die Hausindustrie, was
das Zunftrecht für die Handwerke war, was die Arbeiterschutzgesetzgebung für die heutige
Broßindustrie ist. Wo die Hausindustrie erblühen sollte, mußte zuerst häufig das
bestehende hindernde Zunftrecht mit seinen veralteten technischen und Betriebsvorschriften
beseitigt werden; aber dieser gewerbefreiheitlichen Strömung folgte rasch das Bedürfnis
neuer Ordnung, einer Ordnung, die mehrere Gewerbe, Stadt und Land, ganze Gegenden
umfaßte, das technische und wirtschaftliche Zusammenwirken so vieler zerstreuter Einzel—
kräfte und gute reelle Produktion einheitlicher Waren garantierte, die Verleger vor
Veruntreuung, die Heimarbeiter vor Übervorteilung, Druck und Ausbeutung schützte.
Als die Großindustrie aber aufkam und die Gewerbefreiheit fiegte, mußten naturgemäß
die meisten Reglements fallen, weil alle ihre Bestimmungen nur auf die Haus- oder
Werkstattarbeit zugeschnitten waren, und man diesen zu Liebe die Technik höher stehender
Fabriken nicht verbieten konnte; einige der Reglements waren auch längst veraltet; viele
aber hatten sehr segensreich gewirkt, hauptsächlich die Heimarbeiter wesentlich gehoben.
Die wirklich traurigen Zeiten für die Heimarbeiter begannen allerwärts erst nach ihrer
Aufhebung im 19. Jahrhundert.
Ihre wirtschaftliche Lage und ihr Einkommen waren früher und sind heute von
ihrer Bildung, ihrem Besitz, ihrer stärkeren oder schwächeren Stellung im Konkurrenzkampfe
 gegenüber den Verlegern und Faktoren abhängig. Wo die Heimarbeiter noch
nicht verschuldet sind, wo sie auf dem Lande über ein Häuschen und ein Ackerstückchen
zum Kartoffelbau verfügen, sind sie natürlich in ganz anderer Lage als befitzlose Mieter,
die verhungern, wenn der Faktor nicht Beschäftigung brinat. Wo die Heimarbeiter
jelbst noch eine Unternehmerstellung, eventuell anderen Verdienst haben, ihre Arbeit
oder ihre Waren auch selbst verkaufen, z. B. auf Jahrmärkten vertreiben können, ist ihre
Lage ebenfalls noch besser, als wo ihre zerstreute Lage, ihre Marktunkenntnis, ihre
Unfähigkeit zu anderer Arbeit sie ganz vom Verleger abhängig macht. Je höher ihre
technische Kunst steht, desto weniger haben sie bei jeder Haussekonjunktur zu fürchten,
daß alle möglichen Kräfte sich ihrer Beschäftigung zuwenden. Wo sie, wie in den aus
dem Handwerk entstandenen Hausindustrien, noch Werkzeuge eigen haben, den Rohstoff
einkaufen, ein fertiges Produkt verkaufen (Kaufsystem), ist ihre Lage natürlich im Durch⸗
schnitt befser, weil unabhängiger, als wo sie für den Webstuhl teure Miete zahlen, den
Rohstoff geliefert und angerechnet bekommen, das fertige Produkt gegen Lohn abliefern
Lohnsystem). Letzteres ist neuerdings das Häufigere: hier verlegt der Verleger die
Heimarbeiter in der That mit dem Rohstoff, dieser ist Lohnarbeiter desselben, obwohl
er in seiner Wohnung arbeitet. Wo der Verleger dieses System geschaffen hat, die
Heimarbeiter nach seinen Mustern seinen Rohstoff verarbeiten, da kanu man allenfalls
die Hausindustrie decentralifierten Großbetrieb nennen; besser scheint es, diesen Begriff
auf die gewerblichen Betriebe zu beschräͤnken, welche den Arbeiter aus seiner Wohnung
und Werkstatt in die des Arbeitgebers versetzen.
        <pb n="439" />
        Ältere und neuere Verfassung der Hausindustrie. 427

In den letzten zwei Menschenaltern hat die Konkurrenz mit der technisch und meist
auch social überlegenen Großindustrie den Verdienst in den wichtigsten westeuropäischen
Hausindustrien so herabgedrückt, daß zumal in Gegenden starker Bevölkerungszunahme
und bei Leuten, die anderem Erwerb sich nicht zuwenden konnten, die furchtbarste Ver—
längerung der Arbeitszeit, die traurigste Ausbeutung der Kinder und Frauen, die
kümmerlichste Ernährung und das elendeste Wohnen, kurz die schlimmsten proletarischen
Zustände entstanden. Wo es so steht, ist der Übergang zur Fabrikarheit ein technischer
und socialer Fortschritt. Er hat sich in Westeuropa schon ganz in der Spinnerei, zum
großen Teil in der Weberei, teilweise auch in den Bekleidungs- und Konfektionsgewerben,
in der Uhrmacherei, der Eisenverarbeitung, der Holzindustrie vollzogen.
Die heute noch vorkommenden Formen der Hausindustrie sind, von den Klein—
produzenten abgesehen, welche ihre eigenen Hausierer sind und teilweise genossenschaftlichen
 Absatz sich neuerdings geschaffen haben, durch technische und kaufmännische Schulung
über das durchschnittliche hausindustrielle Niveau überhaupt am leichtesten herausgehoben
werden können, folgende: 1. die städtischen geringeren Handwerke, welche übersetzt, durch.
frühes Heiraten der Gesellen vermehrt, keinen eigenen Absatz mehr finden, für Magazine,
Verleger, größere Meister und Fabrikanten arbeiten. Die Schuhmacherei, Schneiderei
und Tischlerei, welche mehr und mehr aus allerwärts verbreiteten Lokalgewerben kon—
zentrierte Industrien an begünstigten Orten werden, sind die Hauptrepräsentanten dieser
Form. Wo die alten Werkstatt- und Handwerkstraditionen noch vorhalten, der Meister
mit Gefellen und Familie arbeitet, ist ihre Lage noch nicht so kümmerlich wie da, wo
die Werkstatt sich ganz auflöst, die Gesellen, irgendwo eingemietet, isoliert arbeiten,
neben ihnen die verschiedensten Arbeitskräfte sich in das Gewerbe drängen. Die Heim—
arbeiter dieser Art sind heute überwiegend bloße Lohnarbeiter, welche nur den Arbeits—
raum und einige Hülfsstoffe stellen, den Rohstoff zugeschnitten erhalten, ganz nach der
Vorschrift des Magazins arbeiten. Ihre Lage kann da eine etwas bessere werden, wo
Fentralwerkstätten mit billiger Platz- eventuell Kraftvermietung als selbständige oder
städtische Unternehmungen bestehen und sie aufnehmen.
2. Die zahlreichen ländlichen Hausindustrien, welche in Gegenden dichter Be—
völkerung oder im Gebirge die freie Zeit von Kleinbauern und Tagelöhnern nebst ihren
Familien ausnützen wollen; sie ziehen teilweise auch einem billigen deceutralisierten Roh⸗
stoff nach und liefern, hauptsächlich im Gebirge, für die kümmerlichen sonstigen Nahrungsquellen
 die unentbehrliche Ergänzung. Die Technik ist meist eine einfache und primitive,
da und dort auch eine durch Gewerbeschulen gehobene. Auf diesem Boden ist teilweise
noch die Verbindung der Acker- und Gartenarbeit mit der gewerblichen für Gesundheit
und Familienleben förderlich; die Lage kann noch leidlich sein, wenigstens wo die Zahl
der Hausindustriellen nicht übermäßig angewachfen ist, wo nicht die Mehrzahl als ganz.
besitzlose Mieter der Bauern ihr Dasein fristet. Wo das der Fall ist, erzeugt diese
ländliche Hausindustrie auch schlimme proletarische Zustände.
3. Die jüngere Hauptzunahme der Hausindustrie fällt auf neu ausgebildete Gewerbszweige,
 welche von der Maschinentechnik noch nicht erfaßt, von handwerksmäßigen Traditionen
nicht berührt, die billigen Arbeitskräfte der großen Städte, besonders die weiblichen, oft
das zugewanderte Proletariat, in London die Juden, in Newyork die Italiener aus—
aützen wollen. Die Konfektion, die Wäsche- und Kleider-, die Schuhindustrie sind ihre
Hauptbeispiele. Die Magazine und Exportgeschäfte beschäftigen diese Kräfte meist
durch sogenannte Zwischenmeister, welche teilweise eigene Werkstätten für 2 bis 20 Personen
haben, teilweise die Arbeit den Frauen ins Haus geben. Das Elend dieser Arbeiter
hat in England zu der Bezeichnung des Schwitzsystems (sweating) geführt. Der starke
Zuzug nach den Städten, der zu geringe Verdienst der Familienväter, das Schicksal von
Witwen, die um jeden Preis einen Verdienst suchen müssen, hat zur Ausbildung dieser
Betriebsform ebenso hingeführt wie der Vorteil für den Unternehmer, der Fabrik und
Werkstatt damit spart. Die wenigen etwas feineren Arbeiten werden in die Zwischen—
meisterwerkstatt verlegt, im übrigen wird durch die weitgehendste Arbeitsteilung bei der
Ausgabe der Arbeit eine sehr billige Produktion ermöglicht. Die Folgen sind vielfach
        <pb n="440" />
        28 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

so ungünstig für diese ÄArmsten der Armen, daß man teilweise die künftige Beseitigung
dieser Art der Heimarbeit, einen gefetzlichen Zwang zur Verlegung derselben in Werkstatt
und Fabrik verlangt hat. Doch dürften solche Wünsche in absehbarer Zeit keine Hoff—
nung auf Durchführung haben; man nähme Tausenden von armen Familien ihren
letzten Verdienst. Es darf nicht übersehen werden, daß heute in der ganzen Haus—
industrie 1. die schwächlichsten Arbeiter und 2. die beschäftigt werden, die ihrer Familien—
stellung, ihrem sonstigen Erwerb nach keine volle Arbeitsstellung, sondern nur einen
Nebenerwerb suchen können.
Auf den Versuch, die Abnahme der Hausindufstrie, ihr teilweises Wiederanwachsen
historisch-statistisch darzulegen, müssen wir im ganzen verzichten. Das Material dazu
ist zu unsicher; die direkten deutschen Erhebungen geben offenbar nug einen Teil der
Hausindustrie. Daß sie in Osteuropa noch viel umfangreicher ist alssin England und
bei uns, ist sicher. Ich bemerke nur, daß die selbständigen Hausindustriellen (ohne
ihre Gehülfen) in Deutschland von 1882-95 von 8320 644 auf 287 389 (— 18,80 6/0)
nach den amtlichen Zahlen abgenommen haben, daß sie 1895 mit Gehülfen und mit—
helfenden Familienangehörigen noch 4—5500 000 Personen ausmachten, während für Oster—
reich St. Bauer auf 2,24 Mill. gewerblich thätige Arbeiter O,os Mill. großindustrielle
(42 0/0), O,ss Mill. handwerksmäßige (270/0) und 0,71 Mill. hausindustrielle (310/0)
schätzen will. In der Schweiz sollen 190/0 der Arbeitenden der Hausindustrie angehören,
in Rußland die 6—7fache Zahl der Fabrikarbeiter.
Die Hausindustrie unterscheidet sich vom Handwerk dadurch, daß sie nicht mehr
Kundenabsatz, sondern Massenabsatz bezweckt, daß die kaufmännische Leitung und die
gewerbliche Arbeit ganz getrennt ist, daß dem Hausindustriellen, auch wenn er noch
eine Werkstatt leitet und eine Ware verkauft, doch der größere Teil der Unternehmer
thätigkeit und damit auch der Unternehmergewinn entzogen ist. Immer sind in der
Hausindustrie noch zahlreiche Mittelglieder zwischen der Unternehmer- und Arbeiter—
stellung; daneben aber auch viel tieferstehende Arbeiter als in der Großindustrie.
Für den Unternehmer ist die Hausindustrie kapitalsparend; er kann viel leichter
als beim Fabrikbetrieb sein Geschäft ausdehnen und einschränken, er wälzt einen Teil
des Risikos auf die an sich schwächeren Arbeiter ab. Dafür hat er mit der Schwierigkeit
zu rechnen, Dutzende, Hunderte und Tausende von Arbeitern zu einheitlichem Thun zu
verbinden; es fehlt die sichere Einheitlichkeit und Planmäßigkeit des großindustriellen
Arbeitsprozesses; Maschinenanwendung ist nur in geringem Maße möglich; nur Produkte,
wobei diese zu entbehren ist, lassen sich hausindustriell herstellen.
Die Hausindustrie wird nicht ganz verschwinden; sie wird vielleicht durch die
Flektricität, durch Centralwerkstätten, durch technische Schulung, auch da und dort durch
Ubervölkerung noch zunehmen; sie hat auch nicht überall die socialen Nachteile der Über—
und Kinderarbeit, des Lohndruckes, der Proletarisierung; sie kann unter bestimmten
Verhältnissen, zumal wenn eine innere Organisation der Heimarbeiter und der Verleger
gelingen sollte, dann bei nicht ganz Besitzlosen, auf dem Lande, im Gebirge, auch 'in
—DDD
heute sein. Im ganzen aber ist sie mehr eine Form der Vergangenheit, des Überganges
zur Großindustrie.
142. Die moderne Unternehmung, hauptfächlich der Großbetrieb.
Die Fabrik. Wo in den Staaten des klassischen Altertums aus dem Haus- der
Bergwerks-, Plantagen-, Fabriksklave wurde, da entstanden große, wesentlich auf Gewinn
bedachte Geschäftsbetriebe. Wie Nikias von Athen 1000 Sklaven in den laurischen
Bergwerken hatte, so zählten die sogenannten familias reicher römischer Ritter und Frei⸗—
gelassener bis 5, 10 und 20000 Sklaven; es waren halb fürstliche Haushaltungen,
halb hart disciplinierte Großunternehmungen, welche Handel, Verkehr und Kredit,
landwirtschaftliche und gewerbliche Produktion mit großen Kapitalien und vollendeter
Technik zu glänzender Entwickelung brachten, bedeutende Gewinne abwarfen (vergl. oben
S. 339 -340, S. 418).
        <pb n="441" />
        Rückgang der Hausindustrie. Entstehung und Wesen des Großbetriebes. 429

Das ganze Mittelalter war von Ähnlichem weit entfernt, wenn auch auf einzelnen
Fronhöfen und in manchen Klöstern Werk- und Arbeitshäuser mit einem Dutzend
Arbeiler und mehr sich fanden. Einzelne größere Handels- und Bankhäuser haben sich
dann zuerst in Italien, später im Rorden gebildet. Aber im ganzen blieb der kleine,
von der Familienwirtschaft beherrschte agrarische, gewerbliche Handelsbetrieb vorherrschend
bis in die letzten Generationen; Technik und Absatz, Sitte und Recht forderten es so
und ließen lange anderes nicht recht zu. Doch entstehen mit der Renaissancezeit in
den großen italienischen Kommunen neben Handwerk und Hausindustrie große gewerb—
liche, da und dort beginnen im Norden die größeren Gutsbetriebe; vollends Handel,
Schiffahrt, Bankwesen konzentrieren sich relativ früh; die kleinen Salzkoten und Erz—
gruben verschmelzen zu größeren; größere Hüttenwerke werden begründet (S. 210). Die
Italiener, später die Franzosen und Hollaͤnder bringen mit ihren Wanderungen auch
die neuen Formen des Geschäftsbetriebes nach den Ländern ihrer Einwanderung. Im
18. Jahrhundert treffen wir in den europäischen Kulturstaaten da und dort schon große
Geschäfie mit 10, 30, ja über 100 Arbeitern, zumal in neuen bisher unzünftigen
Zweigen der Induͤstrie; man fördert sie durch Konzeffionen und Privilegien, teilweise
egen sie in der Hand des Staates; sie erscheinen als eine höhere Form des wirtschait—
lichen Lebens.
Aber doch erst im Laufe des 19. Jahrhunderts und hauptsächlich seit 1880 hat
der Großbetrieb eine erheblichere Verbreitung in Westeuropa und den Vereinigten
Staaten gefunden. Auch heute noch beschränkt er sich wesentlich auf bestimmte Geschäfts—
branchen: Bank-, Verkehrs-, Versicherungswesen, Bergwerke und Hütten, Spinnerei,
Maschinenindustrie, chemische, Papier-, Zuckerindustrie, einzelne Handels- und Land—
wirtschaftszweige; aber die Tendenzen erstrecken sich viel weiter, dringen auch in Tausende
kleiner und miltlerer Geschäfte ein; es sind die Tendenzen der spekulativen Markt-, Kurs—
und Kapitalausnutzung und der Kraftsteigerung durch möglichst geschickte Kombination der
Arbeitskräͤfte mit vollendeter Technik, mit Kraft- und Arbeitsmaschinen; erstere gelangen
im Bankgeschäft, diese in der Fabrik zum vollendetsten Ausdruck.
Wir koͤnnen so die moderne Geschäftsunternehmung, welche im Groß—
betrieb gewöhnlich ihre Natur am prägnantesten ausbildet, definieren als die selb—
ständige, von der Familienwirtschast der Unternehmer, Beamten und Arbeiter äußerlich,
lokal osgelbste Geschäftsanstalt, welche nach rein kaufmännischen und technischen Gesichts—
punkten angelegt und betrieben, in der Hand des das Kapital beschaffenden oder
besitzenden Unternehmers mit Hülfe geldgelohnter Beamter, Commis, Techniker und
Arbeiter einen Zweig des Handels oder der Produktion auf ihre Gefahr übernimmt,
für den großen Markt, oft einen nationalen und internationalen, arbeitet, aber in erster
Linie einen Gewinn machen will. Sie unterscheidet sich von dem mit einer Hauswirt⸗
schaft verbundenen landwirtschaftlichen Betriebe, wie vom handwerks- und hausindustriellen
Geschäft eben durch die Vorherrschaft der rein geschäftlichen Tendenzen; sie will nicht
Familienglieder und Kinder versorgen, sondern nur Gewinn erzielen; die Geschäftszwecke
find hier Selbstzweck geworden, und darum ist hier die räumliche und bauliche An—
ordnung, die Kapital-, die Maschinenanwendung, die Technik, die Menschenbehandlung,
die Organisation des Absatzes klar und unbehindert, zielbewußt und folgerichtig. Es
konnte mit dieser Betriebsform erst eine gleichsam wirtschaftlich vollendete Produktion,
ein virtuos ausgebildeter Handel entstehen. Das ist die weltgeschichtliche Bedeutung
der modernen Geschäftsunternehmung, wie sie auch vom Socialismus anerkannt wird.
Nicht die Zahl der beschäftigien Personen bestimmt ihre Natur, sondern die in ihr
lebenden Tendenzen, ihre Struktur, ihre Art, die Beschäftigten zu behandeln und zu
verbinden, ihr Verhältnis zur übrigen Volkswirtschaft und zum Familienleben. Manche
Geschäfte von 6—206 Personen gehören dazu, jedenfalls aber die, welche regelmäßig über
50 beschäftigen.
Die Entstehung solcher Betriebe hing von sfolgenden Vorbedingungen ab: a) ein
entwickeltes Verkehrswesen und größere Staaten, eine glückliche Handels- und Kolonial—
politik mußte große, leicht zugängliche Märkte geschaffen haben; die inneren Schranken
        <pb n="442" />
        130 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

des Verkehrs und der Konkurrenz, wie sie in dem älteren Stadt⸗, Markt- und Fremden—
recht, im Zunftwesen, in der älteren Agrar- und Bergverfafsung lagen, mußten fallen;
Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit, Handelsfreiheit, Freiheit des Eigentums und der
Person, Beseitigung des handwerksmäßigen und hausinduftriellen Arbeitsrechtes, das
dem Großbetrieb Schranken auferlegte, waren die Schlagworte und Tendenzen, für welche
die Begründer der großen Betriebe als ihren Interessen dienlich kämpften. Kurz es
mußte die rechte Absatzmöglichkeit, die freie Bewegung für den Handel vorhanden sein,
wenn einzelne die konzentrierle Produktion für eine steigende Menschenzahl und ferne
Orte in die Hand nehmen sollten.
b) Es mußte der Handel ein tüchtiges selbstbewußtes Bürgertum geschaffen, einen
lebendigen Handels- und Unternehmungsgeist erzeugt haben; es mußte ein Geschlecht
von Männern erwachsen sein, die fähig waren, die sich fsammelnden Kapitalien zu dem
kühnen Wagnis privater Geschäfte zu verwenden, die Fortschritte des Verkehrs, der
Technik, des Maschinenwesens in dem Dienste dieser Geschäfte richtig zu verwerten, den
Absatz ebenso zu organisieren wie zu Haufe die persönlichen mitwirkenden Kräfte. Die
neuen Großunternehmer waren teilweise auch Grundherren und Handwerker oder frühere
Werkmeister, aber in der Hauptsache waren es Faktoren, hausindustrielle Verleger, Kauf—⸗
leute; in der Landwirtschaft waren es die größeren Pächter und die mit kaufmännischem
Geist und moderner technischer Bildung versehenen größeren Gutsbesitzer; alle, denen es als
Großunternehmer gelang emporzukommen, mußten ganz besondere spekulative und organi—
satorische, geistige und Charaktereigenschaften haben, mit besonderer Energie, teilweise auch
mit Rückfichtslosigkeit ihren Weg gehen; manche verfolgten ihn auch, vom Erwerbstrieb
ausschließlich beherrscht, von der Konkurrenz gedrängt, mit Härte und Schamlosigkeit.
c) Je größer die Geschäfte wurden, desto mehr mußten die Unternehmer erhebliche
Kapitalien befitzen oder durch den Kredit erhalten. Nur in reichen Ländern ist der
Großbetrieb möglich, denn er fordert, wie wir bei der Arbeitsteilung (S. 860) sahen,
sehr viel mehr und meist festgelegte Mittel als Handwerk und Hausindustrie. Aber es
müssen nicht bloß an sich die Mittel da sein; es muß auch einen Kapital- und Kredit—
markt, eine Kreditorganisation geben, die die ersparten Mittel sammelt, kaufmännisch
— Stellen zuführt. Ohne das ist keine Groß—
industrie, sind ihre neuen und komplizierten Formen, ihr glatter Geschäftsgang nicht
denkbar. Insofern ist es nicht falsch, wenn man den Großindustrien einen kapitaliftischen
Charakter zugeschrieben hat. Aber wenn man sich einbildet, die ungleiche Kapital—
verteilung an sich erzeuge die Großbetriebe; wenn man sich vorstellte, weil die Erben
glücklicher Unternehmer in der zweiten und dritten Generation vor allein als Kapital⸗
besitzer erschienen, der Kapitalbesitz habe die Unternehmungen geschaffen, so ist das ganz
falsch. Was sie schafft und erhält, bleiben immer die persönlichen Eigenschaften; jeder
Mangel an denselben rächt sich durch Verluste, oft durch den völligen Bankerott. Wird
man doch kaum zu viel sagen, daß die Gefahr des Mißlingens und die Chance des
Gewinnes in der Unternehmung durch die wachsenden Schwierigkeiten der Organisation
und des Absatzes so verteilt seien, daß fast die Hälfte aller gewerblichen und Handels⸗
geschäfte unter Verlust ihres Kapitals bald wieder zu Grunde gehen.
d) Daß die Ausbildung aller größeren socialen Organisationen mit der Ent—
wickelung der Technik zusammenhänge, haben wir oben darzulegen versucht (S. 208
bis 225): die höhere Ausbildung der Familienwirtschaft war nicht ohne den Hausbau,
die der Städte nicht ohne den Mauer- Straßen-, Wasserbau, die ersten größeren festen
Staaten nicht ohne die asiatisch-römische Großtechnik möglich. Die Fortschritte im
Mühlenwesen, im Bergbau und Eisengewerbe, im Munzwesen, in der Kredittechnik und
anderes mehr ermöglichten die volkswirtschafiliche Entwickelung von 1400 — 1800; die
verbesserten Wasserräder, die Dampf- und die elektrischen Kraftmaschinen, die Spinn—
und die Webstühle, die Dampfhämmer sind die wichtigsten Erscheinungen aus der großen
oben (S. 211-218) geschilderten technischen Revolution von 1770 bis zur Gegenwart,
welche den Großbetrieb herbeiführte. Die Metall und Werkzeugtechnik der Zeit 4000 v. Chr.
bis 1700 und 1800 n. Chr. hatte die Hauswirtschaften und kleinbetrieblichen handwerks⸗
        <pb n="443" />
        Die Voraussetzungen und Ursachen des Großbetriebes. 431

mäßigen oder hausindustriellen Werkstätten geschaffen, hatte den ersteren auf dem Lande
einzelne größere Betriebe mit Sklaven und Hörigen angehängt. Aber erst die neuere
Maschinentechnik, gestützt auf die neue Verkehrstechnik, schuf für einen steigenden Teil
des privaten wirtschaftlichen Lebens den Großbetrieb. Seine Begründer verfügten über
so viel Kapital und Kredit, daß sie die für einen einheitlichen Geschäftszweck nötigen
Kraft- und Arbeitsmaschinen direkt nebeneinander stellen, den Arbeitsprozeß in die ent—
sprechenden Stationen zerlegen und doch richtig aneinander fügen konnten. Die
Maschinenanwendung wird haͤufig um so billiger, je größer der Betrieb ist. Der Klein—
betrieb kann oft die mechanische Kraft, selten die teueren Arbeitsmaschinen sich verschaffen.
Der heutige Großbetrieb kann sich immer mehr auf einzelne Waren und Geschäfte
specialifteren und damit unendlich viel an Arbeit, an Vorbereitungskosten, Maschinen
sparen gegenüber dem kleinen Geschäft, das vielerlet produziert. Er kann daneben an
anderer passender Stelle verschiedene Arbeitsprozesse kombinieren, die in einer Hand
Feuerung, Transportkosten und kaufmännische Spesen ersparen, die Arbeitsprozesse
erleichtern, Abfälle und Nebenprodukte besser zur Verwertung bringen, den ruhigen
gleichmäßigen Gang des Geschäftes, die Versorgung mit Halbstoffen erleichtern. Je
weiter freilich die Mechanisierung des Arbeitsprozesses, ihre Begründung auf eine
Summe großer teurer Maschinen geht, desto mehr setzt das einen gesicherten Absatz für
längere Zeiträume voraus, in welchen die großen Kosten sich erst amortisieren. Alle
wirtschaftliche Produktion, aller Verkehr und Handel im Großen ist so für Jahre fest—
gelegt, kann sich nicht wie die Hauswirtschaft, das Handwerk, die Hausindustrie stetig
dem wechselnden Bedarf anpassen.
e) So weit früher größere Organisationen in Familie, Gemeinde und Staat,
auch in Landwirtschaft und Gewerbe entstanden, hat man sie nur mit Sklaven und
Hörigen zustande gebracht, weil sie als herrschaftliche Gebilde so viel leichter gelingen
wie als genossenschaftliche, weil sie den Befehl eines Höherstehenden, die Ausführung
durch Gehorchende voräussetzen. Die Entstehung des neueren privatwirtschaftlichen
Großbetriebes fiel zusammen mit dem Sieg der persönlichen Freiheit, aber auch mit
einer althergebrachten weitgehenden Klassendifferenzierung. Daß er in den Händen
gleichstehender Genossen unendliche Schwierigkeit bietet, zeigt heute noch jede Produktiv—
genoffenschaft, in der man selten den rechten Leiter, ebenso selten den rechten Gehorsam
bei den übrigen Genossen findet. Aus den Kreifen der Kleinbürger, der Handwerker,
der Bauern konnte der neue Großbetrieb nicht hervorgehen; er konnte nur entstehen,
wenn die zur Leitung Befähigten in einer besitzlosen Arbeiterschaft die mechanisch aus—
führenden Hülfskräfte fanden, sie disciplinierten, ihre Arbeit zerlegten und wieder richtig
kombinierten. Die größten Fortschritte der Arbeitsteilung konnten mit ihren Folgen
nur so durchgeführt werden. Diesen Neuerungen' widerstrebten nun aber die Arbeits⸗
kräfte meist ebenso, wie der straffen Disciplin, der Ordnung, dem Mechanismus, ohne
den der größere Betrieb nicht bestehen kann; nur wen die Not trieb, wer sonst keine
Eristenz sand, ging als Lohnarbeiter auf den Gutshof und in die Fabrik. Aber da
es doch im ganzen viele solcher Kräfte gab, während die Zahl der fähigen Leiter
gering war, so ergab sich als sociale Struktur der großen Unternehmung eben die
in der Hauptsache heute noch vorhandene: ein Unternehmer, der auf seine Gefahr das
Geschäft ins Leben ruft, Gewinne macht oder alles verliert, jedenfalls den mittleren
und höheren Schichten der Gesellschaft angehört oder in sie eintritt, und unter seiner
Leitung die von ihm engagierten, meist den untersten Klafsen angehörigen Arbeiter; sie
erhalten sicher ihren festen Lohn, ob das Geschäft einen Gewinn abwirft oder nicht;
derselbe ist nur für eine kleine Elite reichlich, für eine größere Zahl auskömmlich, für
viele kärglich; und die geringeren Arbeiter riskieren immer, bei ungünstiger Koniunktur
brotlos zu werden.
Das Rechtsverhältnis, welches die innere sociale Struktur des Großbetriebes
neuerdings beherrscht, hauptsächlich der freie kündbare Arbeitsvertrag, entspricht den
socialen Verhältnissen, den überlieferten Sitten und Rechtsinstituten, dem praktischen
Bedürfnis. Es ruht auf sehr einfachen, sicher wirkenden Motiven und einfacheren Rechts—
        <pb n="444" />
        1382 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft.

jätzen als jedes andere kompliziertere Verhältnis. Es führt trotz seiner Schattenseiten das
schwierige Zusammenwirken vieler Freier in demselben Geschäft auf die einfachste Weise
herbei. Wir kommen gleich darauf zurück.
) Liegen so die Vorbedingungen für den Großbetrieb in allgemein staatlichen,
wirtschaftlich-technischen und socialen, sowie rechtlichen Verhältnissen und ihren Folgen, so
ist die speciell treibende Ursache, die ihn Schritt für Schritt weiter ausdehnt, die Kou—
kurrenz einerseits, die Vereinheitlichung der Bedürfnisse, der begehrten Waren in immer
weiteren Gebieten andererseits. Nur soweit Tausende und Millionen dasselbe begehren,
kann man es in großen Betrieben für sie herstellen. Aller individuelle Bedarf erfordert
eine specialisierte, d. h. eine Produktion in kleinem Umfang. Die Vereinheitlichung der
Bedürfnisse wird heute durch den Verkehr, die Presse, das Reisen gefördert, vor allem
aber dadurch, daß die besseren und billigeren Produkte, soweit sie leicht transportabel sind,
durch die zunehmende Konkurrenz überall angeboten werden. Der Druck der Konkurrenz
wäre nicht möglich, wenn nicht der große Betrieb an so vielen Punkten besser und
billiger produzierte. Er kann es, weil er leistungsfähigere, dauerhafte, sociale Körper
darstellt, mit kaufmännischen und technischen Intelligenzen an der Spitze, mit gut ein—
zeschulten, hoch bezahlten Werkmeiftern und Arbeitern produziert, Markt, Bedarfj,
Kreditverhältnisse besser kennt und benutzt, die neuesten, besten technischen Methoden
anwendet, über größere Kapitalien, bessere Reklame verfügt als die kleinen Geschäfte. —
Immer ist die Gestaltung des Großbetriebes in den verschiedenen Zweigen der
Volkswirtschaft eine sehr verschiedene, und seiner Zunahme stehen in vielen Gebieien teils
historische, teils dauernde Hindernisse im Wege. Darüber noch einige Worte.
In der Landwirtschaft erzeugt der Großbetrieb wohl auch ein System nebeneinander
liegender Ställe, Vorratshäuser, Werkstätten und Maschinenräume, eine vermehrte Kapital—
anwendung, aber keine Centralisierung der Arbeit in Fabrikgebäuden; die wichtigsten
Arbeiten bleiben decentralisiert, wie noch mehr im großen Forstbetrieb. Daß der Groß—
betrieb der Landwirtschaft den kleinen nicht beseitigt, sahen wir schon mehrfach; er stellt
gegenüber dem rationell verbesserten Kleinbetrieb mehr eine bloße Summierung als eine
Steigerung der Kräfte und Produktionsmittel dar, während dder kleine Forstbetrieb meist
unvollkommen bleibt, schon weil er eine Schlageinteilung in 30—120 Schläge, von
velchen einer jährlich abgetrieben wird, nicht gestattet. Das große Bergwerk hat seine
Maschinen und Förderhäuser, aber die technische Arbeit ist unten in den Schächten und
weit auseinander liegenden Gängen decentralifiert. Sein Kapital und seine Technik ist
aber so ausgebildet, daß der kleine Betrieb verschwinden muß. Die Großbetriebe des
Verkehrs haben centrale Anlagen für Wagenparks, Schiffe, Werkstätten, aber die
Thätigkeit zerstreut sich über die Eisenbahn- und Schiffslinien. Die Hamburg-Amerika—
Ldinie hat auf dem Lande heute ein Personal von 8145, auf 80 Oceandampfern ein
solches von 6120 Personen. Die Verkehrsorganisation strebt heute am allermeisten nach
Broßbetrieb und Centralisation; immer aber erhalten fich auch viele kleine lotale Ver—
kehrsgeschäfte; die Beherbergungsgewerbe, die unsere Statistik zum Verkehr rechnet, sind
üäberwiegend Klein- und Mittelbetriebe, weil sie dem örtlichen Bedarfe dienen. Die
großen Bankbetriebe, vielleicht die ältesten der neueren Großbetriebsentwickelung, haben
weder einen großen Maschinenapparat und feste Kapitalanlagen, noch ein so sehr großes
Personal, ihr Schwerpunkt liegt in ihrem umlaufenden Kapital; decentralisiert und doch
einheitlich war ihre Geschäftsthätigkeit frühe; die Florentiner Gesellschaft der Peruzzi
hatte Anfang des 14. Jahrhunderts schon 14 Filialen und 150 Faktoren in der ganzen
Welt. Die Deutsche Bank in Berlin beschäftigte 1895 am Orte in ihren Riesengebäuden
und 16 Depositenstellen 1005 Personen, 617 in ihren außerhalb Berlins befindlichen
Filialen und Niederlassungen. Das kleine Bankgeschäft geht heute rasch zurück; aber
inmer erhält es sich für bestimmte Klassen und Bedürfnisse; die örtliche Personen- und
Sachkenntnis ist am sichersten von kleinen Ortsgeschäften, freilich teilweise auch von
Filialen großer Geschäste zu erreichen. Die großen Warenhäuser der neuesten Zeit, die
Fiesenbazare, die großen Verkaufsgeschäfte haben bedeutende lechnisch- maschinelle Ein—
richtungen, aber im übrigen liegt ihr Schwerpunkt in ihrem Pegona! und ihrem
        <pb n="445" />
        Der Fortschritt des Großbetriebes im einzelnen. Manufaktur und Fabrik. 433

Kapital, das nur zum kleinen Teil festgelegt ist; das Personal des Wertheimschen
Warenhauses in Berlin ist in wenigen Jahren bis auf 4670 Angestellte gestiegen. Im
übrigen ist trotz des raschen neuesten Wachstums der größeren Verkaufsgeschäfte im
Handel der Klein- und Mittelbetrieb noch im ganzen vorherrschend; freilich werden viele
der kleinen Verkaufsgeschäfte durch Kredit und Leichtsinn entstandene, vorübergehende
Bründungen sein. Es bestanden Handels- und Verkehrsgeschäfte in Deutschland (ohne
Post und Eisenbahnen):

1882 1895
mit über 50 Personen.. 463 960
mit 6—50 Personen.... 26331 49 271
Behülfenbetriebe bis 5 Personen . 246 418 450 918
Alleinbetriebe 429 825 454 540.

Also kleine Geschäfte mit bis zu 5 Personen 1882 0,6 Mill., 1895 0,s Mill., während
die großen von 26994 auf 50 231 stiegen.
In den Gewerben haben sich größere Betriebe von 1770 -1850 hauptsächlich in
der Form gebildet, die man seit Marr sich gewöhnt hat, als Manufaktur zu bezeichnen.
Wo man statt 22.4 15—830 Webstühle in einem Saale aufstellte, sparte man Bau—
kosten, Licht, Aufsicht: man fing teilweise an, sie durch mechanische Kraft zu bewegen;
man verbesserte die Werkzeuge, zerlegte die Arbeit, kontrollierte sie besser, vermied Ver—
untreuungen und andere Schattenseiten der Hausindustrie. Aber man hatte in diesen
Manufakturen, in diesen vergrößerten Werkstätten oder kleinen Fabriken mit ihren
5—650 Arbeitern doch vielfach mehr geschäftsmäßige als technische Einheiten. Ihre
Zahl ist heute noch eine sehr große, und in sehr vielen Zweigen der Produktion, in
welchen die vollendetste Mechanisierung und Centralisierung des Betriebes aus technischen,
Absatz- und anderen Gründen nicht möglich ist, werden sie sich auch künftig erhalten.
Wo die neuere Technik mit ihren mechanischen Kräften, mit einem vollendeten
System von Arbeitsmaschinen die gewerbliche Produktion ganz ergriffen, wo der Absatz
im großen gesiegt hat, da entstehen die eigentlichen Fabriken als große geschlofsene
Etablissements, als einheitliche riesenhafte Bauanlagen mit möglichst passender Neben—
und Aufeinanderfügung der Räume für die einzelnen sich folgenden Arbeitsprozesse; sie
sind rein nach technisch-geschäftlichen Rücksichten angeordnet, dahin verlegt, wo die Absatzoder
 Produktionsbedingungen am günstigsten sind. Sie folgen teilweise den Wasser—
kräften, der Kohle, den Erzschätzen, teilweise den Orten, wo die technische Bildung, die
Arbeitskräfte, die entsprechenden Zweige des Maschinenbaues für sie am günstigsten
sind. Sie konzentrieren sich an wenigen Punkten und versorgen von da ganze Länder
und Erdteile. Von ihnen gilt, was man meist vom Großbetrieb überhaupt sagt:
höchste Ausbildung des maschinellen Prozesses, hauptsächlich auch der Arbeitsmaschinen,
zrößte Ersparnis an menschlicher Arbeit, weitgehendste Anwendung fixen Kapitals. Sie
erweitern sich in den neuen Riesenunternehmungen zu ganzen Stadtteilen. Freilich, wo
diese aus kaufmännischen oder technischen Grüunden, aus Monopolabsichten bis über
10000 Arbeiter hinausgehen, wo sie in der Hand von Kartellen oder Trusts aus bisher
zerstreut liegenden Etablissements entstehen, da sehen wir, daß diese kombinierten Unter—
nehmungen meist aus einer Summe örtlich weit auseinander liegender Betriebe bestehen.
Krupp mit seinem Personal von 44000 Personen hat heute außer seiner Gußstahlfabrik
in Essen (25 617 Personen) das Grusonwerk in Buckau (3749 Personen), die Germania—
werft in Kiel (6882 Personen); er besitzt 500 Eisensteingruben im Aus- und Inland,
1 Kohlenbergwerke, 4 Hochofenanlagen, 8 Seedampfer, in Essen selbst zur Beförderung
auf seinem Werke eine Eisenbahn mit 40 Lokomotiven, 480 Dampfmaschinen mit
36561 Pferdekräften, 1183 Dampfhämmer, 1100 Drehbänke und 400 Bohrmaschinen,
22 Walzstraßen sind auf seinen Werken im Gange.
Die Vergrößerungstendenz der Großbetriebe, so sehr sie an Kosten spart, die Ein—
heitlichkeit der Leitung fördert, hat gewisse Schranken. So haben die englischen und
ranzösischen großen Fabriken, teilweise auch die deutschen, das eigentliche Absatzgeschäft,
8chmoller. Grundrißk der Volkswirtschaftslehre. J. 4 —6. Aufh.' 2
        <pb n="446" />
        434 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

zumal das ins Ausland, besonderen Großhändlern und Agenten übergeben. Freilich
die Trusts und Kartelle ziehen es teilweise wieder an sich. Die ursprüngliche Tendenz
der großen Fabriken war häufig die, den Kreis der produgierten Waren auszudehnen.
Aber sehr viele sahen ein, daß sie besser gewisse Außenschläge ihres Arbeitsfeldes
besonderen Geschäften überließen, und daß sie besser sich mit ihren Konkurrenten in die
Produktion teilen, mit höchster Specialisierung nur einzelnes machen. Große Fabriken
mit Hunderten von Arbeitern machen heute nicht mehr Puppen, sondern nur Augen
für Puppenkbpfe.
Run noch einige Zahlen über den Fortschritt des Großbetriebes: in Deutschland
hat man 1888 und 18885 etwas über s Mill. landwirtschaftliche Haupt- und Neben—
bbetriebe gezählt, wovon etwa 25 000 Großbetriebe über 100 ha, 5—600 über 1000 ha
bewirlschaten; neben ihnen stehen 281000 größere Bauernbetriebe, welche 30 — 100 ha,
an miltleren und kleineren Bauernbetrieben je fast 1 Mill., welche 5520 und 225 ha
bewirtschaften, und ca. 8 Mill. Parzellenbetriebe; von 188295 fand keine wesentliche
Veränderung statt; nur die beiden Gruppen der mittleren und kleinen Bauern wuchsen
um 838 000“ und 72000. An gewerblichen Großbetrieben mit über 50 Personen (in
Gaͤrtnerei, Fischzucht, Gewerbe, Vergbau, Handel und Verkehr, wie sie unsere Gewerbe—
statistik zusammenfaßt) zählte man in Deutschland 1861 etwa 4000, 1875 7800, 1882
9900, 1895 18 955; an Riesenbetrieben mit über 1000 Personen 1882 127, 1895 255;
aber Post und Eisenbahn sind dabei nicht mitbegriffen; die Riefsenbetriebe wären um
ein Fuͤnstel zahlreicher, wenn die kombinierten Großunternehmungen als ganze und nicht
in ihren einzelnen Teilen gezählt wären. In den Großbetrieben arbeiteten aber 1882
von 7 Mill. Personen 1,68, 18985 von 10 Mill. 8 Mill. Fügt man noch die Mittel⸗
betriebe von 6250 Personen zu den Großbetrieben, so waren diese Betriebe 1882 -1898
von 121000 auf 210000, ihr Personal von 2,0 auf 5,4 Mill. Menschen gestiegen; mit
der Post und den Eisenbahnen wären es etwa 6 Mill. Betrugen die Allein⸗ und
Kleinbeiriebe auch noch 1882 2,8 mit 4,86 Mill., 1895 2,0 mit 4,1 Mill. Menschen, so
lag doch der persönliche Schwerpunkt der gewerblichen Produktion schon 1882, noch
mehr 1895 auf den größeren Betrieben mit 6 und mehr Personen; ihrer Produktivkraft
nach waren die großen Betriebe natürlich weit überlegen, schon weil sie ganz anders
mit Motoren und Kraftmaschinen ausgestattet sind. Rechnet man die Pferdekraft in den
Großbetrieben 1895 zu 15 Menschenkräften, so verfügten sie statt über 8 über 41 Mill.
Krufte, also über die 6—7 fache Zahl der sämtlichen übrigen Gewerbebetriebe.
Daß eine weitere Zunahme des gewerblichen und handelsmäßigen Großbetriebes
zu erwarten steht, darüber kann nach den Veränderungen von 1882 —95 kein Zweifel
sein; aber es ist schwer zu sagen, wo und in welchem Maße sie eintreten wird. Daß
aber auch der handwerksmäßige und hausindustrielle Betrieb, noch mehr der Mittel—
betrieb in breitem Maße sich erhalten wird, dafür sprechen alle Anzeichen.
In Großbritannien und den Vereinigten Staaten hat der Großbetrieb sich schon
weiter als in Deutschland ausgedehnt, Frankreich wird Deutschland nahe stehen, Hsterreich,
Rußland, Italien sind auf dieser Bahn noch erheblich zurück, noch viel mehr die Länder
der Halbkultur wie Japan, während in den europäischen Kolonien das Gewerbe und
der Handelsbetrieb sich rasch centralisieren.
143. Das gesellschafthiche Problem des Großbetriebes. Zwei bis
fünf Personen zu gemeinsamer Arbeit oder zu gemeinsamem Leben in dauernder Form
zu verbinden, ist immer schon nicht ganz leicht gewesen, wo nicht besondere sympathische
Bande, Unterordnungs- und Treuverhältnisse oder Derartiges sie verknüpfte. Aber zehn,
hundert, tausend so zu verbinden, daß sie ohne zu viel Reibung und Konflikte zusammen—
wirken, sich ineinander passen, einheitliche Zwecke harmonisch verfolgen, hat bei allen
Kennern des Lebens und der menschlichen Seele stets als ein sociales Kunstwerk gegolten.
Die Sippe und die patriarchalische Familie, später die Gemeinden, die kirchlichen Ge⸗
nossenschaften, die militärischen Körper, endlich ganze Staaten zu organisieren, das war
stets ein schwieriges Problenn, an dem oft Jahrhunderte vergeblich arbeiteten; es ist
erst nach langen Versuchen der Sitte, dem Recht, den Institutionen der höher stehenden
        <pb n="447" />
        Statistik des Großbetriebes. Das gesellschaftliche Problem desselben. 435
Rassen und Völker gelungen. Sollte es leichter gewesen sein, Dutzende, Hunderte, jetzt
bereits Tausende im Großbetrieb zu einheitlicher Arbeit zu verbinden?
Wir sahen, daß die Familienwirtschaft, die patriarchalische Gewalt des Hausvaters
über Kinder und Gesinde und der an Stelle von Sklaven und Hörigkeit tretende freie
Arbeitsvertrag die Grundlage für die Ausbildung des Großbetriebes war. Und wo
es sich um Geschäfte von mäßigerem Umfang handelt, reichen diese Traditionen und
Rechtsbeziehungen auch aus, eine kleine Zahl von Arbeitskräften zu dem einheitlichen
Zusammenwirken, wie es das Geschäftsleben erfordert, zu bringen, wenn auch die
Schwierigkeiten in dem Maße sich steigern, wie erwachsene, verheiratete Mitarbeiter in
den Kreis eintreten, wie es sich um verschiedene Klassen und Menschen, um zunehmende
Interessengegenfätze handelt. Wo aber 530—100 und mehr Personen in Betracht kommen,
wo die Zahl sich gar auf Tausende steigert, da ist die rechte Organisation und Disciplin,
das pünktliche und sichere Ineinandergreifen so vieler verschiedener Menschen mit teil—
weise niedriger Bildung, mit starken Leidenschaften und gewecktem Selbstgefühl nicht
leicht zu erreichen. Die Ansprüche an persönliche Freiheit, achtungsvolle Behandlung
wachsen; und im selben Maße muß im Riesenbetrieb die Ehrlichkeit, die Unterordnung,
die Pünktlichkeit, die Kontrolle zunehmen. Eine Hierarchie von Stellungen und Ämtern
muß sich bilden; komplizierte Geschäfts- und Arbeitsordnungen müssen thatsächlich ent—
stehen, schriftlich fixiert werden und in Fleisch und Blut übergehen. Der Großbetrieb,
als Riesenanstalt, gewinnt ein Leben, eine Tradition, ein Gesamtinteresse für fich, das
über dem des privaten zufälligen Eigentümers steht, mit den Absichten und Gefühlen
des letzteren in Konflikt kommen kann.
Drei große Fragen sind es hauptsächlich, die im Zusammenhang mit diesen Er—
wägungen entstehen: 1. Kann und soll der Großbetrieb in den Händen individueller
persönlicher Eigentümer bleiben? soll ihr privates Schicksal die Anstalten in Mitleiden—
schaft ziehen? 2. In den Großbetrieben schiebt sich zwischen die Chefs und die Arbeiter
eine steigende Anzahl Beamter, Ingenieure, kaufmännischer Angestellter, Werkmeister;
wie soll ihre Stellung, ihre Carriere, ihre Vorbildung geordnet werden? Der Groß—
betrieb hat hier die gleichen schwierigen Aufgaben zu lösen wie Staat und Gemeinde.
3. Das Rechtsverhältnis der steigenden Arbeiterzahl bedarf einer reformierenden Ordnung,
wenn nicht die Reibung und die Konflikte hier ebenso wie einst bei der Sklaverei und
Leibeigenschaft zu einem Punkte der Unerträglichkeit, der Bedrohung der Großbetriebe
und der ganzen Gesellschaft führen sollen.
ad 1. Seit den letzten 5000 Jahren beruhte überall der wichtigste Teil des
Kulturfortschrittes auf herrschaftlichen Organisationen; und diese waren immer am
leistungsfähigsten, wenn einzelne dazu Geeignete befahlen, eine steigende Zahl ihnen
gehorchte. Aber an einer wachsenden Zahl von Stellen hat man doch auch aus dem
einen ein Kollegium, eine gegliederte kollektive Persönlichkeit gemacht, um die Leiden—
schaften und Fehler, die Einseitigkeit des einen durch den Charakter und die Kenntnisse
mehrerer zu ergänzen, um die befehlende Spitze stetiger, dauerhafter zu machen. Ahnliches
sehen wir auch in der Welt der wirtschaftlichen Unternehmungen. Neben den Einzel—
unternehmer, welcher für die Mehrzahl aller kleinen und mittleren Betriebe heute noch
seine unzweifelhaften Vorzüge hat, treten fuccessiv an die Spitze der größeren Unter—
nehmungen kollektive Perfönlichkeiten.
Der unternehmende einzelne Handwerker, Kaufmann, Landwirt und Fabrikant hat
als Geschäftseigentümer und Betriebsleiter, wo die Technik, das Geschäft, das Kapital
nicht zu groß, zu kompliziert ist, den unendlichen Vorzug ungeteilter Verantwortung
und einheitlichster Leitung; ihn beseelt ein Erwerbstrieb wie nie einen Beamten; an der
guten Leitung des Geschäftes hängt sein Vermögen, seine Ehre, seine Zukunft. Er hat
niemandem Rechenschaft abzulegen; ihm ist rasches und kühnes Handeln möglich wie nie
einer Mehrheit von Personen. Er kann sich, wenn er nur leidlich Menschen zu behandeln
versteht, bei seinen Leuten eine Autorität verschaffen wie keine vielkbpfige Leitung; er
kann die Friktionen der Mitarbeitenden leichter überwinden, den Absatz gut organifieren,
den richtigen Kredit finden, weil er als Versönlichkeit sich einsetzt. Vertrauen erwirbt.
30 *
        <pb n="448" />
        36 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Sobald aber das Geschäft einen gewissen Umfang erreicht, fallen viele dieser
günstigen Folgen weg; der Herr kann nicht mehr alles sehen, nicht mehr seine Leute im
einzelnen kennen; er muß alles Mögliche seinen Untergebenen überlassen. Die Schatten—
seiten des reinen Privatgeschäftes treten mehr hervor. Das größere Geschäft ist leicht
auf fremdes Kapital angewiesen, das ihm gekündigt werden kann. Zufällige Familien—
schicksale bedrohen es stets; der frühe Tod des Inhabers führt zu einer Auflösung oder
zu einem Verkauf. Die Auflösung zerstört die Kundenbeziehung, die Tradition, die
Erfahrungen, die hier gesammelt waren, macht Angestellte und Arbeiter brotlos. Der
Verkauf bringt einen neuen Herrn, mit dem die alten Diener sich nicht stellen können.
Durch Erbschaft kommt das Geschäft oft in die Hände eines unfähigen Sohnes.
So wachsen für die größeren Unternehmungen die Anlässe, die Impulse, sie in
kollektive Hände überzuführen. Wir besprechen das Entstehen der Handels- und Aktien—
gesellschaften, der Genossenschaften, der Kartelle in den folgenden Paragraphen. Hier
fügen wir nur noch die statistische Thatsache bei, daß unsere Gewerbestatistik von 1895
schon 70 050 Unternehmungen zählt, welche in kollektiven Händen liegen; das erscheint
nicht viel gegenüber 1,4 Mill. Gehülfenbetrieben, wohl aber gegenüber 18938 Betrieben
mit über 50 und gegenüber 210000 mit über 10 Personen; und es kommen auf sie
schon 2,8 Mill. (1882 1,7) Personen; rechnete man dazu noch die Post und die Eisen—
bahnen, so würden es etwa 83,4 Millionen sein gegenüber einer Gesamtzahl von etwas über
10 Mill., welche in gewerblichen Betrieben mit Gehülfen (einschließlich Post und Eisen—
bahn) thätig sind. Unter den 70050 Kollektivbetrieben sind 55 239 offene Handels—
gejellschaften mit fast 1,8 Mill. Personen. Auch die anderen Formen der Kollektiv—
betriebe haben also bereits eine erhebliche Bedeutung; und sie sind entfernt nicht voll
von der Statistik erfaßt. Es fehlen einige Tausend Genossenschaften, wahrscheinlich auch
viele Gemeindeanstalten. Der staatliche Forstbetrieb, die ganze Heeresverwaltung ist
nicht einbegriffen.
Auf weitere Einzelheiten hier einzugehen, würde zu weit führen. Auch davon
will ich hier nicht weiter sprechen, daß jede solche kollektive Geschäftsleitung neue andere
Schwierigkeiten erzeugt, als sie in der Einzelunternehmung vorliegen. Wir kommen
darauf teilweise weiterhin zurück. Nur das möchte ich hier noch betonen: die Geschäfte mit
derartiger Spitze haben in ihrer komplizierten Leitung die Einsachheit und Schlagfertigleit
der herrschaftlichen Einzelunternehmung eingebüßt; ihre Leiter werden nicht mehr von
so einfachen Motiven beherrscht, sie müssen sich vertragen, einem Gesamtinteresse unter—
ordnen. Deshalb können kollektive Geschäftsleitungen nur glücklich fungieren, wenn
psychologisch-sittliche Entwickelungsreihen und eigentümliche rechtliche und institutionelle
Prozesse in aufwärtsgehender Linie sich vollzogen haben.
ad 2. Die Einschiebung eines geschäftlichen Beamtentums zwischen die Inhaber
der Geschäfte und die Arbeiter ist ein Resultat des Großbetriebes. Die Zahl solcher
Angestellter betrug nach der Berufsstatistik

1882 1895
in der Land- und Forstwirtschaft 66 644 96 173
in den Gewerben... 99 076 263 745
im Handel und Verkehr. .. 41 548 261907
Summa 3807 268 621825.

In der deutschen Gewerbestatistik (die Gärtnerei, Tierzucht, Gewerbe, Handel
und Verkehr umfaßt) zählte man 1895 auf 3 Mill. Selbständiger (d. h. Unternehmer),
wovon 1,7 Miil. Allein-, 1,8 Mill. Gehülfenbetriebe waren, O,s Mill. Angestellte,
s8,8s Mill. Arbeiter; also die Unternehmer in den Gehülfenbetrieben betrugen nur noch
das 21/2 fache ihrer Beamten; nach den gewerbestatistischen Zahlen haben von 1882 bis
1895 die Unternehmer in den Gehülfenbetrieben um 1,3 0/0, die Arbeiter um 62,6, die
Beamten um 118,09/0 zugenommen. Daraus erhellt die rasch wachsende Bedentung
dieser Elemente unferer heutigen größeren Betriebe. Sie spielen in den Aktiengesellschaften
und Genossenschaften eine noch größere Rolle als in den großen Privatgeschäften. An
        <pb n="449" />
        Großbetriebe in Kollektirhänden. Das Beamtentum des Großbetriebes. 437

sie denkt die Socialdemokratie, wenn sie behauptet, die das Kapital besitzenden Eigen—
tümer der Geschäfte könnten heute jeden Tag entbehrt werden. Wir werden sehen, wie
falsch das auch für die Aktiengesellschaften ist. Aber ein Korn Wahrheit, und zwar
ein erhebliches steckt darin. Das Gedeihen größerer Geschäfte hängt heute wefsentlich
an diesem Beamtentum. Einer der genialsten, klügsten und ehrenhaftesten deutschen
Leiter riesenhafter Aktiengesellschaften und Kartelle sagte mir einst, die ganze Arbeit
seines Lebens stecke in den Bemühungen, ein kaufmännisch-technisches Beamtentum zu
erziehen, das fähig sei, fremdes Kapital pflichttreu und gewinnbringend zu verwalten.
Der gewöhnliche Erwerbstrieb lenkt diese Menschen nicht in erster Linie, auch wenn sie
Tantiemen erhalten. Andere Motive müssen das Beste thun: das Interesse am Geschäft,
—DD—
VLebenszeit. Zugleich ist klar, daß der Unterschied der großen Geschäfte, welche eine
erhebliche Zahl solcher Angestellten beschäftigen, von Gemeinde- und Staatsbetrieben
zwar nicht ganz verschwindet, aber sehr abnimmt. Der Schlendrian, die Neigung, bei
festem Gehalt sich nicht mehr zu sehr anzustrengen, auch die großen Mißstände wie
Unterschlagungen, Untreue aller Art, müssen mit diesem System ebenso zunehmen, wie
eine komplizierte Uberwachung und Kontrolle. Die Kosten für Kontrolle (z. B. durch
ein kompliziertes Buchungssystem, das jede Unregelmäßigkeit rasch zu Tage bringt)
sind außerordentlich groß. Der Leiter einer unserer größten Aktienbanken sagte mir,
ohne diese Kontrollen könnte seine Bank fast mit der Hälfte des Personals auskommen.
Auch darf nicht unterschätzt werden, welche Summe von Intriguen, Reibungen, Kon—
flikten, Patronage unfähiger Verwandter in jedes große Geschäft durch die steigende
Schwerfälligkeit des Beamtenapparates kommt, wie viel schwerer es hier ist als im
Staate mit seinen Prüfungen und seiner alten Tradition, gerecht, unvarteiisch, sachgemäß
die Beförderungen und Stellenbesetzungen vorzunehmen.
Die großen technischen und geschäftlichen Vorteile des Großbetriebes stehen so einer
erheblichen Summe von Kosten und Schwierigkeiten gegenüber; sie werden in gut geleiteten
Geschäften die Vorteile nicht erreichen, sonst rentierten diese nicht, sonst nähme der
Großbetrieb nicht zu. Aber sie sind ein wichtiges Element der Entwickelung, sie können
an bestimmten Punkten immer den Großbetrieb unmöglich machen.
ad 8. Die Frage der Arbeiterbehandlung im Großbetrieb können wir hier nicht
erschöpfen wollen. Auf die wichtigsten Einzelheiten des Arbeitsrechts und der socialen
Reform kommen wir ohnedies im folgenden Buche. Aber die eine große principielle
Frage haben wir hier kurz zu erledigen: warum ist die patriarchalische Verfassung der
Großindustrie zunächst entstanden. warum und wo wird sie verschwinden und durch eine
andere ersetzt werden?
Als in der Zeit von 1770 -1850 sich der Großbetrieb in Westeuropa verbreitete,
sich in der Hauptsache dabei freier, besitzloser Arbeiter bediente und sie in freiem Arbeits—
vertrag den Geschäften angliederte, da konnte zunächst ein anderes Verhältnis als das
patriarchalische nicht leicht entstehen. Das heißt, die meisten Geschäfte bildeten sich in
Anlehnung an die Familienwirtschaft des Unternehmers; dieser kannte kein anderes
Herrschaftsverhältnis gegenüber helfenden und dienenden Kräften als dasjenige, wie es
der Hausvater gegen Gesinde, Lehrlinge, Gesellen und Knechte hatte. Die Arbeiter
hatten kein Selbstbewußtsein, in demütiger Unterordnung standen sie den Unternehmern
gegenüber. Auch die Gesetzgebung und Verwaltung kannte kein anderes Verhältnis.
Für die meisten Arbeiter jener Tage war eine gewisse Bevormundung und Leitung
durch die Unternehmer angezeigt; und so lange die Geschäfte klein, die Arbeiter aus
der Gegend, als Nachbarn und Gemeindegenossen dem Unternehmer bekannt waren,
entsprach eine patriarchalische Behandlung den Verhältnissen. Das wurde aber anders,
als die Geschäfte größer, Arbeiter von außen herangezogen wurden, als die Beschäftigung
von älteren, verheirateten Arbeitern zunahm, als die Wohnungen der Arbeiter sich
räumlich meist weiter von den Arbeitsstätten entfernten, die menschlichen und Nachbar—
beziehungen zwischen dem Arbeitgeber und seiner Familie einerseits, den Arbeitern und
deren Familien andererseits seltener und loser wurden. Der bewealiche Arbeitsmarkt.
        <pb n="450" />
        438 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

die Freizügigkeit, bald auch die Lohnkämpfe, die Sitte, rücksichtslos überflüssige Arbeits—
kräfte zu entlassen, erzeugten in steigendem Maße die Auflösung der alten menschlichen
Beziehungen zwischen Arbeitgeber und tnehmer, zumal in den Groß- und Fabrikstädten.
Das patriarchalische Verhältnis wurde durch das rein geschäftliche Vertragsverhältnis
abgelöst. Die sympathischen Gefühle in der oberen Schicht, die der hingebenden Treue
und Unterordnung in der unteren wurden seltener. Die Härte der Disciplin mußte
mit der Größe der Geschäfte wachsen und zerstörte die alten Beziehungen. Andererseits
wuchs das Selbstbewußtsein der Arbeiter mit der Schulbildung, mit dem Vereinsrecht
und der Vereinsbildung, dem Wahlrecht, der ganzen politisch-liberalen und radikalen
Atmosphäre der Zeit; Gefühle der Bitterkeit über geringen Lohn und demütigende
Behandlung entstanden in breiten Schichten des Arbeiterstandes. Die Arbeiter wollten
keine Wohlthaten mehr, sondern ihr gutes Recht, das sie in besserem Lohn, kürzerer
Arbeitszeit, in ihrer Organifation, in ihrem Mitreden beim Arbeitsvertrag sahen.
Betonte man ihnen gegenüber die Vorzüge des patriarchalischen Systems, erklärte man
gar, der Unternehmer habe in der Fabrik dasselbe Hausrecht wie der Familienvater im
Haufe, so fanden die Arbeiter nicht mit Unrecht, daß die Zeiten sich geändert, daß eine
Fabrik mit 1000 Arbeitern keine Familienstube sei, daß für viele Arbeitgeber das Lob
des patriarchalischen Systems nur eine unwahre Phrase sei.
Immer werden auch heute alle kleinen Geschaͤfte gewisse patriarchalische Züge
behalten, weil sie in der Natur der Sache liegen, weun Menschen im engssen Kreise sich
täglich menschlich berühren. Und auch aus den großen Unternehmungen wird das
System nicht ganz verschwinden. Auf dem platten Lande, auf jedem isoliert liegenden
Gutshof, im Gebirge, auf allen einsam liegenden Großbetrieben, überall, wo sehr hoch
stehende, edle und humane Unternehmer einer wenig entwickelten Arbeiterschaft gegen—
über stehen, wo Arbeitgeber und Arbeiter noch Nachbarn sind, sich genau persoönlich
kennen, in einem kleinen Gemeindeverbande durch die Aufgaben der Kirche, Schule,
Armen- und Krankenpflege täglich menschlich zusammengeführt werden, da wird auch
heute viel von der patriarchalischen Verfassung des Großbetriebes sich erhalten, da wird
eine andere Verfassung gar nicht möglich sein, da wird das patriarchalische System gut
wirken, d. h. die Arbeiter moralisch, intellektuell, technisch und wirtschaftlich heben und
erziehen, das Zusammenarbeiten von beiden socialen Schichten fördern und erleichtern.
Wo aber diese Bedingungen verschwunden sind oder nie vorhanden waren, wie
in den meisten Industriegegenden und in den großen Städten, wo das demokratische
Selbstbewußtfein der Arbeiter durch geistige und wirtschaftliche Hebung gestiegen ist,
wo die Unternehmer durch allerlei Geschäfte überhäuft oder vornehme Kavaliere geworden
ind, welche dem Sport leben, Rennställe halten, den größeren Teil des Jahres in der
Hauptstadt oder an der Riviera leben, da muß es verschwinden, da müssen andere
rechtliche Beziehungen entstehen, andere psychologische Faktoren in Thätigkeit treten.
Die Verfassung des Großbetriebes, die nun entsteht, ist mit dem Schlagwort des
freien Arbeitsvertrages und der privatrechtlichen Gleichheit der Kontrahenten freilich
aoch nicht charakterisiert. Ebenso wenig ist die Verweisung auf den socialen Kampf
wischen Unternehmer und Arbeiter, so wenig sich dieser vermeiden läßt, mehr als ein
Verlegenheitstrost; denn es fragt sich eben, zu was man durch den Kampf komme. Und
die socialdemokratische Hoffnung, daß die Arbeiter siegen, die Unternehmer beherrschen
oder beseitigen, alle Großbetriebe sich in socialistische oder staatliche Organisationen ver—
wandeln werden, ist eine pfychologische Utopie. Es handelt sich darum, welche sociale
und rechtliche Ordnung die Großbetriebe unter der Voraussetzung der heutigen wenn
auch gemilderten Klassengegensätze erhalten werden, also unter der Voraussetzung, daß
die höhere Klasse im ganzen die technische und kaufmännische Leitung, die untere die
ausführende Arbeit behalte, daß eine herrschaftliche Organisation vorherrschend bleibe,
und das Eigentum der Besitzenden in der Form des Privat- oder Aktienkapitals nicht
verschwinde, sondern nur auf eine größere Zahl von Interessenten sich verteile.
Wer davon ausgeht, daß mit diesen Voraussetzungen in den nächsten Generationen
zu rechnen sei, aber zugleich die Schattenseiten und Gefahren der jetzigen Großbetriebs—
        <pb n="451" />
        Die patriarchalische Verfassung des Großbetriebes, ihr Zurückweichen, ihr Ersatz. 439

verfaffung einsieht, der wird bei näherer Prüfung zu dem Schlusse kommen, daß nicht
alles so bleiben kann, wie es ist, daß eine neue Art der Verfassung kommen müsse,
wenn auch die bisherige Gestaltung ihm begreiflich erscheint.
Die Unternehiner der ersten Generation, welche die Großbetriebe unter unsäglichen
Schwierigkeiten, im heftigen Konkurrenzkampf gründeten, auf dem gesetzlichen Boden
einer einseitigen Freiheitslehre die bisher ungeschulten Massen als Arbeiter in die Fabrik
zogen und füͤr die dortigen Aufgaben disciplinierten, konnten dies Ziel nur erreichen,
die neue Technik und die neuen Absatzwege nur organifieren durch die außerordentliche
UÜbermacht, welche ihnen Intelligenz, kaufmännische Gewandtheit und großer Besitz gaben,
durch die weitgehende herrschastliche Autorität, welche sie über die unorganisierten,
besitzlosen Arbeiter durch die Fabrikdisciplin und das beliebige Entlassungsrecht übten.
Man köonnte sagen, die rücksichtslose Geschäftsenergie habe so einen geschäftlichen Neubau
der Volkswirtschaft vollzogen, technisch und kaufmännisch dabei das Höchste geleistet,
aber auch durch Überspannung der Konkurrenz und Gewinnsucht viel Unheil gestiftet
und durch die Richtrücksichtnahme auf Leben und Gesundheit, Bildung und Familien—
interessen der Arbeiter, durch die übermäßige Ausdehnun;g der Arbeitszeit, durch über⸗
mäßige Frauen- und Kinderarbeit, durch Lohndruck und Ausbeutung der unteren Klassen
in die moderne, private, rein auf den Gewinn arbeitende Unternehmung Keime der
Reibung und des Kampfes gelegt, die nach und nach zu einer Umgestaltung und Reform
führen mußten.
Die Reform hat in erster Linie davon auszugehen, daß die großen Betriebe nicht
mehr unter demselben Recht stehen können wie die Hauswirtschaft, daß sie mehr und
mehr der Gegenftand des öffentlichen Interesses sind. Von ihrer Verfafsung und Ein⸗
richtung hängt das wirtschaftliche und moralische Wohl des Ortes, der Gegend, der
Gesellschaft ab. Sie gleichen Gemeinden, ja teilweise kleinen Staaten eher als Familien;
wo 1000 40 000 Personen in einem Großbetrieb arbeiten, handelt es sich direkt um
die Existenz von 8000-200 000 Menschen, indirekt um noch viel mehr. Sie sind,
auch in privaten Händen, dauernde Anstalten mit halb öffentlichem Charakter; sie
beherrschen das Leben, das Gedeihen, die Existenz ganzer Gegenden und Provinzen, sie
beeinflussen ost sogar die Staatsgewalt. Ihre Organisation hat durch die neue Form
des Genossenschafts- und Gesellschaftsrechts, wovon wir gleich eingehender reden, durch
die ganze staalliche Fabrik-, Bergwerks-, Arbeiterschutzgesetzgebung und die daran sich
knupfende staatliche Äufficht, durch die Fortbildung des Arbeitsvertrags, durch die feinere
Ausbildung der Lohnzahlungsformen einen gemeindeartigen Charakter erhalten. Die
Entstehung von Arbeiterausschüssen und Altestenkollegien in den Großbetrieben zum
Zweck der Verhandlung mit den Unternehmern über die Arbeitsordnung, die Lohnform,
die Hülfskassen und anderes, zur Verwaltung von Wohlfahrtseinrichtungen, zur Beauf⸗
fichtigung und Erziehung der jungen Arbeiter, hat bescheiden die Anfänge einer Arbeiter⸗
bertretung in den Großbetrieben geschaffen. Die Entstehung der Gewerk-⸗ und Fach—
vereine hat natürlich zunächst vielfach die socialen Kämpfe gesteigert und wird bis heute
bon den Vertretern des patriarchalischen Systems nur als eine Hinderung der Autorität
angesehen. Sie kann es gewiß jein. Aber bei richtiger Leitung der Vereine und richtiger
Verhandlung mit ihnen können sie, wie die daran sich knüpfenden Einigungsämter und
Schiedsgerichte, eine Stärkung der Ordnung und Autorität und das beste Hülfsmittel
werden, den Frieden wieder herzustellen.
Gewiß liegt der Hauptteil dieser großen Aufgaben noch in der Zukunft. Wir
stehen mitten inne in dem Ringen nach den neuen besseren, aber auch viel komplizierteren
Formen des Großbetriebes. Wir werden sie nur erhalten, wenn die leitenden und die
ausführenden Kraͤfte mehr und mehr auf einen höheren intellektuellen und moralischen
Standpuntt sich stellen, in ihren gesamten Eigenschaften fich heben, wenn sie fähig werden,
neben den Intereffengegensätzen die gemeinsamen Ziele zu suchen und zu verfolgen.
Aber unmoglich ist hier nicht, was in der Gemeinde und im Staate möglich war:
eine friedliche konstitutionelle Verfaffung, wobei jeder Teil in seiner Sphäre gewisse
Rechte ausübt und Pflichten erfüllt.
        <pb n="452" />
        440 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

144. Die offenen Handels- und die Aktiengesellschaften. Wir
haben gesehen, daß an die Stelle der Einzelunternehmer heute in großer Zahl Kollektiv—
persönlichkeiten treten: Staat und Gemeinde, Innungen und Vereine, Korporationen
der verschiedensten Art, vor allem aber die kaufmännischen Gesellschaften und die neueren
Genossenschaften, nebst den höheren Zusammenfassungen und Verbänden beider, die
Kartelle und Centralgenossenschaften kommen da in Betracht. Von diesen letzteren Formen
haben wir hier noch zu reden. Ihre rasche und großartige Entwickelung seit den letzten
50 Jahren giebt mehr und mehr der ganzen Volkswirtschaft und speciell dem Charakter
des Unternehmungswesens eine andere Gestalt und Farbe.
Alle diese neueren Gesellschaften und Genossenschaften haben gewisse gemeinsame
Wurzeln und Züge. Sie knüpfen teils an sehr alte sippen- und familienartige Ver—
bindungen an, teils sind sie das Ergebnis neuerer Geschäfts- und Kreditgepflogenheiten
und Institutionen. Sie ruhen auf praktisch wirtschaftlichen Bedürfnissen, aber ihre
—A
Besetzen bestimmt. Psychologisch setzen sie die Entwickelung des modernen Erwerbstriebes
und kaufmännischer Gewinnabsichten sowie die Gewohnheiten der Geldwirtschaft voraus;
aber das Charakteristische für sie ist die Verbindung dieser Motive und Strebungen
mit höheren Gefühlen, mit Pflichttreue und Hingebung an engere oder weitere Kreise. —
Wir betrachten zunächst das kaufmännische Gesellschaftswesen und zwar dessen wichtigste
Formen, die offene Handelsgesellschaft und die Aktiengesellschaft. Die unwichtigeren
Formen, wie die Kommanditgesellschaft, die neuen deutschen Gesellschaften mit beschränkter
Haftung müssen wir ebenso übergehen, wie wir selbstverständlich auf die Einzelheiten
der Gesetzgebung der verschiedenen Länder nicht eingehen können.
In den antiken Staaten haben wahrscheinlich zeitweise Bildungen dieser Art sich
auch in reicher Fülle entwickelt, aber sie sind unter dem Druck der zügellosen egoistischen
Gewinnsucht, der Sklavenwirtschaft, der späteren großen fiskalischen Betriebe — abgesehen
von den zu halb öffentlichen Korporationen gewordenen Steuer- und Domänenpachtgesellschaften
 — rasch verkümmert und zurückgetreten; das spätrömische Recht kennt
eigentlich nur die Gelegenheitsgesellschaft für einzelne Spekulationen. Viel reicher hat
in den mittelalterlichen und neueren Staaten die langsamere psychologische und sociale
Entwickelung das Gesellschaftswesen ausgebildet..
Wir sehen aus den uralten Fischer- und Schiffahrtsgenossenschaften im Mittelmeer
und in den nördlichen Meeren vom 11. - 18. Jahrhundert das Institut der Schiffs—
partnerschaft sich entwickeln; es bildete sich als ein Societätsverhältnis zwischen einer
kleinen Zahl von Personen; sie gehören den besitzenden, Handel und Schiffahrt treibenden
Klafsen der Seestädte an; mehrere sich persönlich nahe stehende und auf die Geschäfts—
sührung Einfluß habende Partner umgeben den an der Spitze stehenden Patron, der
häufig Haupteigentümer des Schiffes ist und es führt; die Anteile gelten als Kapital—
anlage und sind beliebt, weil sie leicht veräußerlich sind.
Aus der Familien- und Hausgemeinschaft entwickelt sich zuerst sichtbar in Italien
vom 12. — 14. Jahrhundert die Brot- und Arbeitsgemeinschaft mehrerer Familienglieder,
welche gemeinsam einen Handel oder ein Handwerk treiben; sie wächst aber im 14. und
15. Jahrhundert durch Vertrag und Eintragung der Socii in ein öffentliches Gesellschafts—
register, durch die Ausbildung der Firma und des gesonderten Firmenregisters über die
Familiengemeinschaft hinaus, nimmt andere Socii auf, wird so zum Kerne der offenen
Handelsgesellschaft; diese verbreitet sich dann vom 15.—18. Jahrhundert über ganz
Europa.
Daneben spielt in den italienischen Geschäftshäusern des 14. — 16. Jahrhunderts
die Bezahlung der Handlungsgehülfen durch Gewinnanteile und das Kapitaldarlehen
zegen Gewinnanteil eine große Rolle: Verhältnisse, die schon frühe vorkamen, zur
societas maris, der stillen und Kommanditgesellschaft führten und fähig waren, die
blühenden Handelsgesellschaften des 15. — 18. Jahrhunderts mit größeren Kapitalien und
mit passenden Gehülfen zu versehen. Nur auf dem Boden der städtischen Kreditentwickelung
sener Tage waren die besten, meist befreundeten und verwandten Elemente des städtisch—
        <pb n="453" />
        Die Entstehung des Gesellschaftswesens. Die offene Handels- und die Aktiengesellschaft. 441

kaufmännischen Patriciats fähig, die offenen Handelsgesellschaften, die Kommanditgesell⸗
jchaften und die großen Compagnien des 17. —18. Jahrhunderts, die Vorläufer der
Aktiengesellschaften zu schaffen.
Die offene Handelsgesellschaft, wie sie sich im heutigen europäischen Rechte
konsolidiert und in neuerer Zeit immer weiter ausgedehnt hat, gedeiht auch in der
Begenwart noch am besten in den Händen von Verwandlien; sie stellt den gemeinsamen
Betrieb eines Geschäftes durch mehrere gleichberechtigte Gesellschafter unter voller Haft
derfelben dar. Eine einheitliche Firma und ein vom Privatvermögen der Gesellschafter
getrenntes Gesellschaftsvermögen stellt die Einheit nach außen in viel stärkerer Weise
als einst in der römischen societas her; Tod, Austriti, Bankerott eines Gesellschafters
endigt das Geschäft nicht notwendig; meist seßen es die Erben fort; die innere Einheit
ist am besten gewahrt, wenn die an sich gleichberechtigten Socii doch einem, dem Vater,
dem Altesten oder Fähigsten sich thatsächlich fügen. Die offene Handelsgesellschaft erhält
die Geschäfte durch Generationen, verstärkt das Geschäftskapital, verhindert Auszahlung
an Miterben; sie setzt an die Stelle des einen mehrere Leiter, die passend sich in die
Geschäfte teilen können, während das Risiko und der Erwerbstrieb doch ähnliche bleiben
wie im Privatgeschäft mit einem Leiter. Immer ist die Schlagfertigkeit und Energie
der Leitung geringer; die inneren Reibungen bringen eine große Zahl der neugegründeten
Handelsgesellschaften stets wieder zu rascher Auflösung. In Preußen waren in den
achtziger Jahren von 102000 - 111000 ins Handelsregister eingetragenen Firmen
etwa der vierte Teil, 21 -25 000 Handelsgesellschaften, von letzteren wurden jährlich
2300 - 8500 neu eingetragen, 1700 -3100 gelöscht. In Deutschland zählte man 1888
51108, 1895 55 289 offene Handelsgesellschaften, von welchen 82216 auf die Gewerbe
mit 1,286 Mill. Personen, 22426 auf Handel und Verkehr mit O,em Mill. Personen
kamen. Im Gebiete des Handels ist diese Form des vergrößerten Leitungsapparates
der Geschäfte älter, verbreiteter, schon bei geringerer Zahl der beschäftigten Personen
angezeigt; eine offene Handelsgesellschaft umfaßt im ganzen hier O—10, in den Gewerben
39—40 Personen; 1882 waren es 7 und 28.
Die Aktiengesellschaften sind erwachsen aus der Geschästspraxis und den
Privilegien der großen Compagnien des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese waren teils
im Anschluß an die Sitten der älteren Handelsgesellschaften und Schiffspartnerschaften
entstanden, teils hatten sie anderen Einrichtungen einzelnes entnommen: so die Teilung
eines großen Kapitals in viele kleinere, gleichgroße Anteile den älteren italienischen
Staatsanleihen, den gleichzeitigen Betrieb großer Handelsgeschäfte nach gemeinsamen
Regeln und mit Unterstützung gemeinsamer Einrichtungen denjenigen späteren Handels—
gilden, die man als regulierte Compagnien bezeichnet; wie wir schon erwähnten, waren
das Genossenschaften von Kaufleuten und Reedern, welche mit getrenntem Kapital und
auf Rechnung der einzelnen, aber unter einheitlicher Leitung von Vorstehern einen
bestimmten Zweig des Handels betrieben, ihre Gemeinsamkeit unter Umständen bis zur
Zusammenlegung ihrer Fonds steigerten und auf gemeinsame Gefahr ihre Geschäaͤfte
machten. Viele der wirklichen Compagnien waren halb oder ganz Staatsanstalten;
einzelne führten nur eine Scheinexistenz als private Handels- oder Produktionsgeschäfte,
sie waren in Wahrheit Staatsanleihen, wobei ein Gläubigerausschuß die Verwaltung
hatte. Fast alle waren mit staatlichen Vorrechten, viele mit Handelsmonopolen ver—
jehen; die wichtigsten waren im Kolonialhandel erwachsen. Einzelne verfügten schon
über sehr große Kapitalien und ein Personal von 10 — 80000 Personen (Matrosen,
Schiffspersonal, kaufmännische Verwalter, Kolonialbeamte). Von den meisten (68 —100)
ist keine nähere Nachricht zu erhalten. Sie wurden im 17. Jahrhundert ebenso von
Praxis und Theorie als das wichtigste Mittel, Handel und Industrie emporzubringen,
gerühmt, wie von 1750 an von der individualistischen Tagesmeinung verurteilt: die
Mißbräuche der Beamten, die Unterschlagungen, die teure Wirtschaft des großen Apparates
hatte 1700—1800viele bis zum Bankerott gebracht. Von Savary bis zu A. Smith und
Büsch hören wir nur Verurteilungen des Systems; die französische Revolution verbietet
1793 alle Aktiengesellschaften; Büsch schließt sich dem Ausspruch eines Hamburger
        <pb n="454" />
        442 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Kaufmanns an: „Cumpani is Lumperi“. Die individualistische Aufklärung kann sich
nicht denken, daß eine Gesellschaft von Kapitalisten die richtigen Leiter finde: den
Direktoren, sagt Smith, fehlt Fleiß, Umsicht, Fähigkeit, den Beamten die Ehrlichkeit;
beide verwalten ja fremdes, nicht eigenes Vermögen; sie wirtschaften leichtfinnig, wie
die Kammerdiener reicher Leute. Die Lähmung des Wirtschaftslebens durch die Kriegs—
zeit und die lange nachfolgende Erholungszeit bis gegen 1880 — 40 schien solchen
Stimmen recht zu geben. Erst von 1840 — 60 begann das Bedürfnis nach großen
dauernden lebensfähigen Geschäftsanstalten mit riesenhaften Kapitalien wieder sich geltend
zu machen: die neue Technik, die neuen Verkehrs- und Krediteinrichtungen drängten
dahin, ein neuer Aufschwung kam in das Altiengesellschaftswesen.
Die Gesetzgebung der meisten Staaten versuchte in wiederholten Anläufen, die
neuen Bildungen einem gleichmäßigen Rechte zu unterwerfen, die beschränkte Haft der
Aktie einerseits, die Entstehung und die Pflichten der Organe der Gesellschaft andererseits
zu normieren, die Gesellschaften einer gewissen Offentlichkeit zu unterwerfen, z. B. dem
Zwange, ihre Gesellschaftsberichte wahrheitsgetreu zu publizieren, sich anzumelden und
in ein öffentliches Register eintragen zu lassen. Die älteren Gesetze knüpften die Entstehung
meist noch an eine staatliche Konzession; doch ließ man diese 1844 —-85 in den meisten
Staaten fallen; ähnlich die laufende Aufsicht durch Staatsbeamte. Nur für gewisse
Arten, z. B. Eisenbahnen, Notenbanken, Versicherungsgesellschaften u. s. w. behielt man
überwiegend staatliche Konzession und Aufsicht bei. Die Freigebung suchte man durch ver—
stärkte Publizität und gesteigerte gesetzliche Normativbestimmungen über die Begründung
der Gesellschaften, die Verantwortlichkeit der Gründer, der Vorstände und Beamten
zu ersetzen.
Teils mit dem Wechsel der Gesetzgebung, teils mit den geschäftlichen Aufschwungs—
perioden hing die steigende Ausbreitung der Aktiengesellschaften zusammen. Nach den
Mißbräuchen in den Epochen des geschäftlichen Schwindels angeklagt und diskreditiert,
zeitweise abnehmend oder stillstehend, haben sie immer bald wieder zugenommen. Unsere
heutige Großindustrie, unsere großen Verkehrs- und Kreditanstalten sind ohne die Aktien—
gesellschaft nicht zu denken. Was stellen fie nun dar?
Die heutigen Aktiengesellschaften sind von privaten Personen gegründete und ver—
waltete Vereine mit juristischer Persönlichkeit, welche in der Weise feste gleiche Kapital—
beiträge zu einem bestimmten, genau fixierten Geschäftszwecke zusammenlegen, daß die
Mitglieder nur mit diesen haften, sie aber auch während des Bestehens nicht zurück—
ziehen dürsen, daß Gewinn und Verlust auf diese Beiträge verteilt wird, und daß die
Geschäftsleitung durch Majoritätsbeschlüsse und Wahl von Vorständen nach dem Maß—
stab der Beiträge herbeigeführt wird. Die über diese Beiträge ausgestellten Urkunden
heißen Aktien, sie lauten meist auf den Inhaber, sind so leicht verkäuflich. Die Gleichheit
des Aktienbetrages schließt nicht aus, daß einzelne Mitglieder sehr viele, andere sehr
wenige oder nur eine Aktie haben. Meist gedeihen die Aktiengesellschaften am besten, deren
Hauptaktienstamm in wenigen geschäftskundigen Händen ist; wie überhaupt thatsächlich
das gleiche Recht jeder Aktie nur eine juristische Fiktion darstellt; fast überall handelt
es sich um die Verbindung zwei ganz verschiedener Gruppen von Aktionären: einerseits
um die geschäftsunkundigen Privatleute, die in der Aktie nur die Kapitalanlage sehen, und
andererseits um die geschäftskundigen Aktionäre, welche die Initiative bei der Begründung
hatten, die Gesellschaft und das Geschäft beherrschen und leiten. Die Aktiengesellschaft
hat ihre Wurzel im privaten Geschäftsleben; einzelne durch Wahl berufene Geschäftsleute
führen als Aufsichtsräte und Direktoren die Verwaltung in ähnlicher Weise wie
private Geschäfte. Aber die Größe ihrer Zwecke, ihres Kapitals, ihrer dauernden Anlagen,
ihr großes Personal, ihre Tausende von Arbeitern, oft ihre monopolartige Stellung
zeben der Aktiengesellschaft, jedenfalls der größeren, thatsfächlich eine halböffentliche
Stellung, eine Bedeutung, wie sie sonst nur eine große Stadt- oder Kreisverwaltung
haben kann. Wie können dem ihre Organe gerecht werden?
Die jährlich einmal berufene, ein bis zwei Stunden tagende Generalversammlung
der Aktionäre hat das wichtige Recht, den Aufsichtsrat und eventuell auch den Vorstand
        <pb n="455" />
        Die Verfassung, die Vorzüge und Schattenseiten der Aktiengesellschaften. 443.

zu wählen, die Rechnung zu prüfen, die Gewinnverteilung zu genehmigen. Außer in
besonderen Fällen erscheinen aber die Aktionäre nicht; auch wenn sie erscheinen, bestehen
sie aus Kapitalisten, die sich nicht kennen, die verschiedenen Berufen, Orten, Staalen
angehören. Die meisten Generalversammlungen sind, so lange die Geschäfte gut gehen,
schlecht besuchte Komodien, die von den Leitern der Form wegen rasch abgespielt werden.
Aber die Generalversammlung ist nötig, um eventuell eine schlechte Leitung zu stürzen,
Mißbräuche zur Sprache zu bringen, eine Minorität der Aktionäre in eine Majorität
zu verwandeln. Sie ist das Organ der Stimmungsausgleichung zwischen den leitenden
Perfönlichkeiten und den rentenbeziehenden Kapitalisten.
Der Schwerpunkt jeder Aktiengesellschaft kann nur in einer kleinen Zahl leitender
Perfönlichkeiten liegen; sie gliedern sich meist a) in den Vorstand, der aus einem oder
mehreren Direktoren besteht und mit Hülfe von Beamten die laufenden Geschäfte führt,
d) in den Aufsichtsrat, welcher meist den Vorstand wählt, sich häufig versammelt, die
wichtigsten Fragen mit dem Vorstande entscheidet und den letzteren kontrollieren soll.
Alles Gedeihen und alle Blüte der Aktiengesellschaften hängt davon ab, daß in diesen
Organen die rechten Leute sitzen, d. h. Leute mit so viel Geschäftskenntnis, Energie,
Interesse zur Sache und Ehrlichkeit, daß sie mit Geschick, Hingebung und Treue für
die Gesellschaft arbeiten. Sie müsfen teils gut bezahlt, teils durch großen Aktienbesitz—
interessiert sein; ihre Pflichten müssen privat- und strafrechtlich, durch Instruktionen
richtig bestimmt sein. Sie und die wachsende Zahl der Beamten müssen fähig sein,
zute Geschäfte, technische Fortschritte, organisatorische und kaufmännische Verbesserungen
hurchzuführen und doch zugleich sich als Verwalter fremden Vermögens, wie der Rechts—
anwalt, der Vormund, der Konkursverwalter, der Staatsbeamte fühlen. Es handelt
fich um das sittliche und pädagogische Problem, ob es möglich sei, Leute zu finden und
zu erziehen, welche Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit mit Energie, Geschäftsklugheit,
Organisations- und Spekulationstalent verbinden.
Das Problem ist deshalb so schwierig zu lösen, weil von der Gründung an für
diese Kreise die Möglichkeit vorhanden ist, mit kleinen Unredlichkeiten oder gar nur mit
formal unantastbaren Schlauheiten große Gewinne zu machen. Man gruͤndet Gesellschaften,
 nur um die Altien mit Agio zu verkaufen, um eigene Kapitalien und Geschäfte
der Aktiengesellschaft hoch anzurechnen; man übernimmt die Leitung, um sich regelmäßigen
einträglichen Absatz oder billigen Kredit oder sonst Vorteile der Art zu verschaffen, um
ein Patronage für Verwandte auszuüben, um Aufsichtsratstantiemen ohne viel Arbeit
einzustreichen, die Ministergehalte übersteigen.
Aber trotz alledem bleibt es wahr, daß seit den Tagen der großen älteren Compagnien
es gut geleitete Aktiengesellschaften gab; es waren die, in welchen die sogenannten
Hauptparticipanten, die großen und reichen Kaufleute, Reeder, Bankiers, welche die
Aktiengesellschaft gegründet hatten, auch dauernd den größeren Teil des Kapitals und
die Hauptstellen in der Leitung behielten, sich verantwortlich fühlten. Seit die Gründung
von Aktiengesellschaften arbeitsteilig ein Hauptgeschäft bestimmter großer Banken geworden
ist, erscheint es als deren Pflicht und Ehre, für gute und pflichttreue Direktoren zu
orgen, einen leitenden und kontrollierenden Einfluß zu behalten. Viel kann auch eine
gesunde kaufmännische Presse und die ganze Offentlichkeit, eine richtig geleitete Börsen—
spekulation thun, welche die Aktien je nach der Qualität der guten oder schlechten
Leitung wertet, sowie eine Staatsverwaltung und Rechtsprechung, welche die Mißstände
bekämpft und bestraft. Im ganzen wird man immer sagen können: so sehr die Aktien—
gesellschaften den Reiz der Spekulation und Agiotage steigerten, große Mißbräuche in
der Gründung und Verwaltung ermöglichten, so ist es doch nach und nach gelungen,
anständige und reelle Gepflogenheiten in den besseren Gesellschaften zum Siege zu bringen,
durch ehrliche Direktoren und Aufsichtsräte, die zugleich Hauptteilhaber und große
Geschäftstalente waren, die ganze Institution zu legitimieren.
Und so groß die Schattenseiten auch heute noch sein mögen, die Vorteile für die
Volkswirtschaft zeigten sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt stärker. Sie liegen in dem
zroßen Kapital und Kredit, welche nie von privaten Einzelunternehmern so zu beschaffen
        <pb n="456" />
        2

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

sind, in der ewigen Dauer der Anstalten, in der ganz selbständigen Organisation, in
der Fähigkeit, die größten Talente zu gewinnen, die neueste und beste Technik anzu—
wenden, in der Belebung des Unternehmungsgeistes, in der Teilung des Risikos, in der
Heranziehung des kleinen Kapitals zu den Gewinnen des großen. Die Aktiengesellschaften
haben ein neues, gewissermaßen höheres Element in das Getriebe der Volkswirtschaft
eingeführt; die große Unternehmung in der Hand von Vertrauensmännern und Beamten
nähert sich der Gemeinde- und Staatsverwaltung; sie erhält den Charakter einer öffent—
lichen Anstalt, ihre Leiter werden sich allgemeiner Pflichten gegen die Gesamtheit mehr
und mehr bewußt, sie behandeln häufig ihre Arbeiter besser als Privatunternehmer,
erheben die tüchtigsten zu Beamten. Und wenn die Form zunächst am besten paßte auf
Geschäfte mit mechanisch gleichmäßigem Betrieb, an die sich schon allgemeine Interessen
knüpften, so zeigt doch die neueste Entwickelung ihre Ausdehnung auf alle möglichen
Handels⸗, Verkehrs- und Industriegeschäfte. Wo Staat und Kommune einen Teil des
Kapitals besitzen oder die Ernennung der wichtigsten Direktoren und Beamten sich
vorbehalten oder indirekt beherrschen, da werden die Aktiengesellschaften vollends ein
Mittelding zwischen öffentlicher, gemeinnütziger Verwaltung und Privatgeschäft. Bei
Staatsbanken, Eisenbahnen und sonst hat sich diese gemischte Organisationssorm ausgezeichnet
 bewährt.
Eine gute, vollständige Statistik der Aktiengesellschaften giebt es nicht; aber doch
so zuverlässige Nachrichten, daß wir ihre allgemeine Zunahme und ebenso den großen
jährlichen Wechsel in ihrer Gründung, das rasche Verschwinden zahlreicher Neugründungen
übersehen können.
In Großbritannien und Irland zählte man Neugründungen: 1844 119, 1845
1520, 1848 123, 1852 464, 1865 1001, 1868 448, 1878 1207, 1878 836, 1886
1809; von 31951 in den Jahren 1844-86 gegründeten Gesellschaften bestanden 1886
noch 9471. Im Jahre 1884 zählte man 8692 mit 475, 1896 21228 mit 1145 Mill. F
Kapital. Im Jahre 1885 hatte R. Giffen das ganze Volksvermögen auf 10037 Mill. F
geschätzt; eine Annahme von 1887 geht dahin, ein Drittel des in der Industrie
angelegten Kapitals gehöre schon der Aktiensorm an. In Frankreich wurden 1840 -65
jährlich nicht über 1—53 Dutzend Altiengesellschaften errichtet, seither schwanken die
Zahlen der Neugründungen zwischen 300 und 1000.
Im preußischen Staate entstanden je in dem ganzen Zeitraume 1801 -25 16,
1826—-50 102, 1831- 70 295, 1870-74 857, 1876-883 1620, die Zahl der für
Deutschland im „Okonomist“ nachgewiesenen Aktiengesellschaften war im Gruͤnderjahre
1872 479, ging 1876—79 auf 42-45 zurück, stieg dann wieder bis 18883 auf 192,
war 1885 wieder bloß 70, 1889 360, 1894 92 und stieg seither wieder dauernd, 1899
auf 364; die Schwankungen entsprechen den Konjunkturen; das jährlich neu aufgelegte
Aktienkapital schwankte in den letzten 20 Jahren zwischen 856 und 800 -1000 Mull.
Mark. Für das Jahr 1883 schätzt der „Okonomist“ die bestehenden deutschen Gesellschaften
auf 1311 mit fast 4 Milliarden Kapital, für 1890 auf fast 3000 mit 5,6 Milliarden;
1900 dürften es 455000 mit 8-10 Milliarden sein. Wenn das deutsche Volksvermögen
175 —200 Milliarden Mark beträgt, so wären das etwa 50/0; es wären 100/0, die
doppelte Zahl, wenn die sämtlichen Eisenbahnen in Aktienhänden wären. Die öster—
reichischen Gesellschaften giebt Juraschek für 1866 auf 137 mit 689 Mill. fl., für 1893
auf 465 mit 1597 Mill. fl. an. Die deutsche Gewerbestatistik zählt 1895 über 6000
einzelne Betriebe (nicht Unternehmungen) von Aktien-, Aktienkommanditgesellschaften und
Gesellschaften mit beschräukter Haftung (darunter 4749 Aktienbetriebe) mit 0,» Mill.
Personen, also auf einen Betrieb 150 Personen. Über je 200 Personen beschäftigten
nur 3331 deutsche Gewerbebetriebe überhaupt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diesfe
großen Betriebe mit über 200 Personen überwiegend einer dieser drei verwandten
Rechtsformen angehörten, in erster Linie Aktiengesellschaften waren.
145. Die neueren wirtschaftlichen Genossenschaften. Während die
Handelsgesellschaften die Formen darstellen, in welchen sich die höheren handel- und
gewerbetreibenden Klassen das mit gemeinsamem Besitz verbundene Zusammenwirken
        <pb n="457" />
        Statistik der Aktiengesellschaften. Entstehung der Genosfenschaften. 445

mehrerer an der Spitze der großen Unternehmungen geschaffen haben, sehen wir in den
neueren Genossenschaften die Formen, in welchen die mittleren und unteren Klassen, die
Arbeiter, Handwerker, Bauern und Landwirte, sich zu gemeinsamen Unternehmungen
zusammenfanden. Es ist ein überaus merkwürdiges, unser volkswirtschaftliches Leben
und Treiben gewissermaßen auf einen anderen Boden stellendes Princip, was hier sich
durchringt. Freilich schon in der offenen Handels- und in der Altiengesellschaft ist es
richt der egoistische Erwerbstrieb allein, der die Betriebe beherrscht und ermöglicht, aber
doch hat er noch eine überwiegende Bedeutung. Die Genossenschaft will auch geschäfts—
näßig verfahren und kaufmännisch erziehen, aber sie will stets zugleich auf brüderlichem
Beiste beruhen, ihre psychologischen und sittlichen Elemente sind um ein gutes Stück
andere als dort. Sie erwuchs in den Kreisen der Gesellschaft, in welchen der moderne
Erwerbstrieb noch nicht seine volle Ausbildung erhalten, die noch stärker von lebendigen
Bemeinschaftsgefühlen beherrscht waren. Sie entstand in den Kreisen, die von der
nodernen Wirtschaftsentwickelung bedroht waren. Die alten Mittelstände in Stadt und
Land sahen sich in die Notwendigkeit versetzt, entweder in den alten Betriebsformen
unterzugehen oder sich technisch und kaufmännisch zu vervollkommnen und dabei sich
genossenschaftlich zu sammeln. Die bereits zum Lohnarbeiter Herabgedrückten waren
dem Waren- und Wohnungswucher, dem Lohndrucke, der Ausbeutung ausgesetzt. Mit
dem Siege der Geld- und Kreditwirtschaft, der neuen Technik begann in diesen Kreisen
zin lebendiges Vereinswesen zu erblühen, das zur Vorschule für das Genossenschaftswesen
vpurde. Ideale Apostel der Selbsthülfe und des genossenschaftlichen Geistes, wie Schulze
und Raiffeisen, ganze nund halbe Socialisten, wie R. Owen und Buchez, christliche
Socialisten, wie Maurice, Ludlow, Holyoake, V. A. Huber, stellten sich an die Spitze
don kräftigen Agitationen, die eine Reform aller menschlichen Motive, wie aller volks—
wirtschaftlichen Organisation erhofften. Von diesen Idealen wurde nur ein Teil erreicht,
und konnte es nur ein Teil. Die Welt ließ sich nicht plötzlich ändern. Das Geschäfts—
leben läßt sich nicht bloß auf ideale Antriebe gründen. Auch die sogenannte „Selbsthülfe“
 konnte nur den Sinn haben, daß die Betreffenden sich nicht rein von oben
organisieren und leiten ließen, daß sie mit männlicher Aktivität, wenn auch unter den
Impulsen aus höheren Kreifen, selbst Hand anlegten. Zu den idealistischen Strömungen
der hochherzigen Brüderlichkeit, die die Bewegung belebten, kam das erwachende Standes—
und Klassenbewußtsein, die radikale Entrüstung über die Mißbräuche des Bestehenden
and ebenso die Hoffnung auf Gewinn und Dividende, auf bessere und billigere Waren,
auf besseren Absatz, erleichterten Verdienst. Es geht nirgends in der Welt ohne die
Mischung höherer und niederer Motive. Es kommt nur darauf an, die Mischung zu
finden, welche die Menschen nicht bloß wirtschaftlich, sondern auch moralisch und gesell—
schaftlich vorwärts bringt und treibt.
Die teilweise schon 1820 -50 versuchten, 188070 in England und Deutschland,
1870 —1900 in allen wichtigeren Kulturstaaten zu Hunderten und Tausenden entstandenen
wirtschaftlichen Genossenschaften (societes coopératives, provident and industrial societies)
sind Vereine überwiegend lokalen Charakters, deren Mitglieder zuerst wesentlich den
unteren und mittleren Klassen angehörten; sie schießen meist in kleinen Teilzahlungen,
oft mit Hülfe des Sparzwanges ein kleines Kapital zusammen und begründen gemeinsame
Geschäfte zur Förderung ihres Erwerbes und ihrer Wirtschaft; weder das Kapital, noch
die Mitgliederzahl ist geschlossen wie bei der Aktiengesellschaft: der Schwerpunkt der
Vereinigung liegt nicht, wie bei jener, im Kapital, sondern iu der persönlichen Ver—
einigung; sie faßt nicht 2—68 Gesellschafter zu einem Geschäft zusammen, wie in der
offenen Handelsgesellschaft, sondern Dutzende, oft Hunderte; ein gewählter Ausschuß,
ein Vorstand führt die Geschäfte, nicht die Gesamtheit der Genossen, welche ihre Rechte
ausschließlich in der Generalversammlung ausübt.
Die Zwecke der Genossenschaften sind nun im einzelnen ebenso verschieden wie die
Zahl der Mitglieder und das Maß der Beteiligung, das die Genossen ihnen widmen.
der Konsumverein ist ein genossenschaftliches Detailverkaufsgeschäft, das an die Mitglieder
qute, unverfälschte, preiswerte Waren verkaufen, sie teilweise auch selbst herstellen, einen
        <pb n="458" />
        146 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Gewinn erzielen will, der an die Mitglieder meist nach dem Maße ihrer Einkäufe ver—
teilt wird. Die Vorschuß- und Darlehnskassen, wesentlich dem Handwerker⸗, Klein—
kaufmanns;, Bauernstande entsprossen, sammeln von ihren Mitgliedern in kleinen Bei—
trägen ein eigenes Kapital, entleihen daneben fremdes und geben damit den Genossen
Personalkredit. Die Rohstoffgenossenschaften kaufen Roh- und Hülfsstoffe für Handwerker
und Landwirte ein, um sie ihnen gut und billig zu liefern; sie haben auf dem Lande
vielfach auch den Verkauf von Maschinen und Geräten übernommen. Wo sie dem
Landwirte seine Produkte abnehmen, werden sie zu Verwertungs⸗, Kornhausgenossen⸗
schaften ꝛc. Die Magazingenossenschaften suchen dem städtischen Handwerker, z. B. dem
Tischler, den Absatz ans Publikum abzunehmen. Einzelne schwierige Teile des technischen
Prozesses, häufig einschließlich des Verkaufes, nehmen die Werkgenossenschaften den
kleinen Produzenten, teilweise auch schon den mittleren und größeren Landwirten ab:
so die genossenschaftlichen Mühlen und Bäckereien, die Schlächtere en, die Obstverwertungs⸗
vereine, die Zuchtgenossenschafien; am großartigften haben sich neuerdings die Molkerei—
und Winzergenossenschaften entwickelt; sie konzentrieren in technisch vollendeten, gemein—
'amen Anstalten die Butter-, Käse- und Weinbereitung und übernehmen den Vertrieb
ür die Genossen. Die Baugenossenschaften sammeln teilweise nur Kapital, um es ihren
Mitgliedern zum Bau zu leihen, teilweise bauen sie selbst Einzelhäuser, die sie an ihre
Mitglieder vermieten oder verkaufen, oder große Logierhäuser, die in erster Linie ihren
Mitgliedern zur Miete angeboten werden. Die Produktivgenossenschaften endlich gehen
weiter, sie vereinigen eine Anzahl Schuhmacher, Schneider, Buchdrucker, Tischler, teil—
weise auch Fabrik- und Erdarbeiter zu einem Geschäft, in welchem die Genossen allein
oder mit Lohnarbeitern thätig sind, mit eigenem und fremdem Kapital wie andere Unter—
nehmungen für den Markt arbeiten.
Wenn die Produktivgenossenschaften bis jetzt am wenigsten gediehen, so ist das
natürlich; die Leitung und Geschäftsführung, die Gefahren und die inneren Reibungen
sind am größten, viel stärker als bei den sämtlichen anderen Formen, die nur dem
Arbeiter seine Familienwirtschaft, dem Bauer und Handwerker sein Geschäft erleichtern
wollen, wie die Konsum- und Vorschußvereine. Die meisten Genossenschaften sind so
nicht ein Ersatz der bisherigen bestehenden wirtschaftlichen Organe und Geschäfte, sondern
tur Hülfsorgane für sie. Die Genossen verlassen ihre Stellung und Lebenssphäre nicht,
londern treten nur zusammen, um einen Aufsichtsrat und Vorsiand zu wählen; Beiträge
zu sammeln, die Leiter zu kontrollieren.
Die Rechtsformen, welche erst das praktische Leben und die Sitte für die Genossen⸗
schaften schufen, dann in Gesetzen firiert wurden, sind teils der offenen Handelsgesellschaft,
teils der Aktiengesellschaft entlehnt. Aber der Geist war doch ein anderer, am die allen
brüderlichen Sippen sich anschließender. Suchen wir ihn und in Zusammenhang damit
die für Genossenschaften so wichtige Solidarhaft kurz zu charakterisieren und daran einige
Bemerkungen über die Verfassung der Genofsfenschaften zu knüpfen.
Die übrige Geschäftswelt, wo sie einfeitig und schroff, ohne sittliche Schranken
dem Erwerbstriebe folgt, arbeitet mit der Losung: jeder fuͤr sich, jeder gegen seinen
Bruder, und den letzten beißen die Hunde; die Genossenschaft mit der Losung: einer
ür alle und alle für einen. Dort der volle Kampf ums Dasein, hier seine Aufhebung
im Kreise der Genossen und auch darüber hinaus reelle, gerechte Gegenseitigkeit und
Ehrlichkeit; dort der Egoismus, hier die Sympathie, dort Niederwerfung der Schwachen,
hier Hebung und Erziehung derselben. Diese Tendenzen finden nun ihren lebendigsten
Ausdruck in der solidarischen Haftung aller Genossen für das Geschäft. Sie setzt voraus,
daß man sich kennt, schätzt und helfen will, sie ist voll und ganz im kleinen Kreise
von Gleichen und Bekannien angemessen; fie gedieh stets besser in der kleinen Stadt,
m Dorfe, im Gebirge, als im Treiben der egoistischen Weltstadt. Die Handwerker und
leinbürger deutscher Mittelstädte, das puritanisch ernste Geschlecht der englischen Weber
und Fabrikarbeiter im gebirgigen Nordwesten, die Elte französischer Industriearbeiter
and Werkmeister, jetzt die rheinhessischen und westdeutschen Bauern, sie gaben den Kern
der Bewegung, sie hatten die sittliche Kraft für die Solidarhaft. Und sie waren daneben
        <pb n="459" />
        Art, Zweck, Verfafsung der Genossenschaften. 447

doch schon so einsichtig und geschäftsgeschult, daß sie begriffen, ihr Unternehmen könne
nur auf dem Boden modernen Geld- und Kreditverkehrs, kaufmännischer Buchführung
und Gewinnberechnung, solider Barzahlung, unter dem selbst aufgelegten Joch des
Sparzwanges gedeihen.
Die Mehrzahl aller Genossenschaften hat heute noch nicht mehr als 80 bis
300 Mitglieder, die an einem Orte oder in der Nachbarschaft wohnen, sich in die
Fenster, in die Taschen, in die Herzen sehen. Sie nehmen nur auf, wer für sie paßt;
ihr Verein erbt gleichsam den gemeinnützigen Geist der alten genossenschaftlichen Gemeinde.
Wo aber die Mitglieder auf 1000, ja bis 20000 steigen, die in großen Städten oder
verschiedenen Orten wohnen, da tritt die Solidarhaft in Widerspruch zu den vorhandenen
sittlich-psychologischen Voraussetzungen. Geschäftlich war die Solidarhaft für den Konfum—
verein nie so nötig wie für die Kreditgenossenschaft; stets waren die Armeren für die
Solidarhaft, die Reicheren für ihre Beschränkung. In Deutschland setzte Schulze durch,
daß bis 1889 keine Genossenschaft ohne Solidarhaft in das amtliche Genossenschaftsregister
eingetragen wurde. Dann ließ man auch bei uns, wie vorher schon in anderen Ländern,
folche mit beschränkter Hastpflicht zu, um das Genossenschaftswesen auf weitere Kreise,
auf etwas höhere Schichten der Gesellschaft auszudehnen, um Genossenschaften von
Genossenschasten als zusammenfassende Organe möglich zu machen. Es hat sich bewährt.
Aber die Blüte der Genossenschaft liegt noch heute da, wo man an der Solidarhaft
festhält; die Mehrzahl der deutschen Genossenschaften hat sie heute noch.
Aus der Mitgliederzahl, ihrem Charakter und der Solidarhaft ergiebt sich auch
die Verfassung und Verwaltung der Genossenschaft. Das beschließende Organ
ist auch hier die Generalversammlung; aber sie tritt herkömmlich öfter zusammen,
hat viel lebendigere Interessen und dadurch größeren Einfluß als in der Aktiengesellschaft.
Schulze suchte auf jede Weise ihre Bedeutung zu erhöhen. Wo unbeschränkte Haftpflicht
ist, darf jeber Genosse nur einen Anteil haben; und jeder verfügt, ob beschränkte oder
unbeschränkte Haftpflicht gilt, ob im ersteren Falle einer zehn, der andere einen Anteil
habe, über gleiches Stimmrecht in der Generalversammlung. Nicht das Kapital und
seine Größe soll herrschen, sondern die Personen nach dem Gewicht ihres Charakters
und der Güte ihrer Gründe. Die Kapitalanteile find ohnedies meist klein, oft nur
2—10 Mark, neuerdings freilich auch bis 100, 200, ja 500 Mark. Freilich konnte
sich das Gewicht der Generalversammlung nicht gleichmäßig erhalten. Je größer sie
vird, desto unfähiger zeigt sie sich auch hier. Je bedeutsamer die Geschäfte werden,
desto einflußreicher wird der Vorstand. Zwei oder drei Genossen führen das Amt
des Vorstandes, fünf bis sieben das eines Aufsichtsrates; sie sind in der kleinen Ge⸗
nossenschaft meist noch unbezahlt; sie haften als Mitglieder solidarisch. Auch die bezahlten
Rechner und sonstigen Beamten läßt man Mitglieder werden, um sie haften zu
sassen. Über die Frage, wie weit man ehrenamtliche, unentgeltliche Dienste, inwieweit
man bezahlte, eventuell mit Tantiemen gelohnte vorziehen soll, wird vielfach gestritten;
benso über die Art der Wahl, die Amtsdauer. Die Aufgabe ist, die pflichttreue
Jenossenschaftliche Opferbereitschaft und Fähigkeit der besten und intelligentesten Mit—
jlieder zu verbinden mit der Erziehung einer genossenschaftlich-kaufmännisch geschulten,
— Aufsichtsrat führt, wird
berstärkt durch die periodische Revision von angestellten Revisoren, welche zuerst in
England entstanden, dann in Deutschland, von Schulze empfohlen, von den Genossenschafts⸗
derbänden übernonmimen, durch das Gesetz von 1889 obligatorisch gemacht wurde. Die
Einordnung der Genossenschaften in Provinzialverbände, ihre Zusammenfafsung in große
Anwaltschasten hat die Entwickelung in gleichmäßigen Bahnen gehalten und hat sehr
diel gethan, den genossenschaftlichen Geist und die geschäftliche Solidität zu stärken
und zu stützen. Die Zahl der Konkurse und der Veruntreuungen durch Vorstände und
Beamte ist in der Welt der Genossenschaften unendlich viel kleiner als bei den Altien—
gesellschaften und großen Privatgeschäften.
In Großbritannien haben sich hauptsächlich die Konsumvereine, dann auch die
Baugenossenschaften entwickelt. Im Jahre 1830 soll es von ersteren schon 22300 gegeben
        <pb n="460" />
        148 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

haben; 1854 wieder 300 mit 25 000 Mitgliedern: 1878 berichteten 1084, 1888 1204
Konsumvereine mit O,s und O,s Mill. Mitgliedern; 1897 hatten die registrierten 1,5 Mill.
Mitglieder, 408 Mill. Mark Vermögen, 1182 Mill. Mark Absatz, 128 Mill. Mark
Gewinn. An Baugenossenschaften zählte man 1887 2404 mit 06 Mill. Personen,
36 Mill. eigenem, 15 Mill. fremdem Kapital. Seit den 60er Jahren haben die Konsum—
vereine in Schottland und England zwei riesenhafte Großhandelsgeseilschaften errichtet,
welche im ganzen Reiche eigene Fabriken, eigene Seedampfer, Einkäufer in allen Welt—
teilen haben.
In Frankreich hat die Genossenschaftsbewegung 1882, 1848, 1863 —69 und dann
wieder seit 1882 und diesmal kräftiger als früher eingesetzt. Produktiv-Genofssenschaften
und Vorschußvereine stehen im Vordergrunde. In Belgien hat seit den letzten 15 Jahren
sich die socialdemokratische Arbeiterbewegung der Sache bemächtigt und geradezu Staunens—
wertes geleistet. In Italien, der Schweiz, Osterreich geht das Genosfenschastsleben auch
rüstig voran.
In Deutschland war der erste Anstoß Schulze-Delitzsch, seinen Vorschußvereinen
und Handwerkergenossenschaften von 1849—53 an zu danken? man schätzte 1868 1250,
18738 4100 Genossenschaften mit 1,3 Mill. Mitgliedern, 140 Mill.“ Mark eigenem
Kapital, 2250 Mill. Mark Geschäftsumsatz. Nun folgte ein gewisser Stillstand, bis in
den 80 er Jahren die landwirtschaftlichen Genossenschaften ihre selten glänzende Aus—
dehnung und Entwickelung erfuhren; an solchen gab es 1890 8000, 1900 18 000; die
Gesamtzahl aller deutschen Genossenschaften wird jetzt 17000 — 18000 erreicht haben,
von welchen drei Viertel noch die Solidarhaft haben; die Mitgliederzahl wird über
3 Mill. betragen. H. Crüger rechnete pro 81. März 1899 10850 Kreditgenofsenschaften,
1275 Rohstoffgenossenschaften (1193 landw.), 516 Werkgenossenschaften (482 landw.),
278. Magazingenossenschaften (106 landw.), 1373 Konsumvereine, 244 Baugenossenschaften,
 2210 Produktivgenossenschaften (2017 landw., hauptsächlich Molkerei-, Winzer-ꝛc.
Ben.). Von 827 berichtenden Kreditgenossenschaften wurden fast 2 Milliarden Kredite
1898 gewährt. Die Genosfenschaften fassen sich in eine Reihe von Provinzial- und
Landesverbänden, in Centralkaffen und ähnliche Organisationen zusammen. Die preußische
Tentralgenofsenschaftskasse stützte sich 1809 auf 7454 eingetragene Genossenschaften
mit O,s Mill. Genossen. Das preußische Genossenschaftskataster zahlte 1898 Lu Mill.
enossenschaftsmitglieder. Der Raiffeisensche Neuwieder Genossenschaftsverband umfaßte
1. Juli 1899 12 Verbands-bezirke und 3273 Vereine.
Kann weder das eigene Kapital, noch die Zahl der von den Genossenschaften direkt
beschäftigten Personen mit denen der Aktiengesellschaften verglichen werden, so ist ihre
allgemeine Bedeutung für die Signatur der Volkswirtschaft doch eine außerordentlich
große. Die Genossenschaftsbewegung erstreckt sich mit ihren Folgen auf den ganzen
Mittel- und Arbeiterstand, teilwesse schon auch auf die höheren Schichten der Landwirte,
der Konsumenten. Ihre allgemeine Bedeutung liegt in dem siegreichen Kampf für ehrliche
Geschäftsmaximen, für Barzahlung, für Sparsamkeit, in der Bekämpfung des Wuchers
und der Warenfälschung, in der geschäftlichen und sittlichen Erziehung der unteren und
mittleren Klassen, in der glücklichen Verbindung von Erwerbstrieb und sympat hisch⸗
genossenschaftlichen Gefühlen, auf denen sie beruhen, die sie fördern. Sie können die
Tausende von teilnehmenden Kleinbürgern und Arbeitern nicht plötzlich zu etwas ganz
anderem machen; aber sie heben sie technisch, geschäftlich, social empor; sie schaffen eine
große Zahl von neuen Organen, die modern wirtschafien, teilweise einen vollendeten
Mittel⸗ und Großbetrieb haben und doch in Leitung, Mitgliedschaft und Besitzanteilen
bis in die untersten Kreise hinabreichen; sie erhalten die bestehenden kleinen und mittleren
zefunden Betriebe und füllen die sociale Kluft zwischen den großen Privatunternehmern
und kleinen Leuten aus. Sie sind im eminenten Sinne ein konservatives Element, das
doch ausschließlich dem socialen Fortschritt dient und noch eine große Zukunft hat.
146. Die Verbände der Händler und Unternehmer, die Kartelle,
Ringe und Trusts. Wo eine größere Zahl von Händlern und Unternehmern einen
Markt versorgten. da haben fie stets je nach Volkscharakter, je nach egoistischen und
        <pb n="461" />
        Würdigung der Genossenschaften. Ältere kartellartige Bildungen. 449

ympathischen Gefühlen, auch je nach Zeit und Geschäftslage einerseits mit einander
konkurriert, andererseits Anläufe gemacht, sich zu verabreden und zu verbinden, um die
Konkurrenz zu ermäßigen, sich gute Preise zu sichern, fremde Konkurrenz, wenn es ging,
ern zu halten. Schon der älteste Karawanenhandel zeigt solche Züge. In Ostasien
wird die unzweifelhafte partielle Überlegenheit des Chinesen über den Europäer darauf
zurückgeführt, daß ersterer fast stets, leßterer selten in geschlossenen Organisationen auf
dem Markte auftritt. Der ältere Handel zur See in gemeinsamen Flolten führte viel
jach zu einem gemeinsamen gildenartigen Auftreten; wo Händler im Auslande Stationen
und Niederlagen erwarben, wie die Italiener des Mittelalters im Orient, die Hansen
im Norden Europas, da haben sie Verabredungen getroffen, den Markt nicht zu über—
sühren. Die mehr erwähnten regulierten Compagnien, welche vom 14. -517. Jahrhundert
thätig waren, wie die englische Staplergesellschaft, die wagenden Kaufleute und viele
andere, waren Gesellschaften von Händlern und Reedern, deren jeder für sich Geschäfte
machte, die aber mit ihren Vorständen, Abgaben, Aufnahmeerschwerungen wesentlich eine
Konkurrenzregulierung erstrebten, oft sogar die Gewinne der einzelnen Geschäfte aus—
glichen, Gefahren auf die gemeinsame Kasse übernahmen; sie waren etwas ganz Ähnliches
wie heute die Kartelle; sie haben teilweise, wie die holländische und englische ostindische
Compagnie, zuletzt ihre Kapitalien zusammengelegt, sich fusioniert wie die heutigen aus
Kartellen erwachsenen Riefenaktiengesellschaften.
Daß auch die Zünfte eine örtliche Konkurrenzregulierung, Preishaltung, Beschränkung
des Angebotes erstrebten, haben wir gesehen, ebenso daß die Salinen eine solche Ver—
affung hatten; jahrhundertelang hat der Salzgraf in Halle a.S. jeden Sonnabend die
Pfänner versammelt, um zu beschließen, welches Quantum Salz jeder die folgende Woche
sieden dürfe. Auch die ähnlichen Bestrebungen der organisierien Verleger der Haus—
industrie haben wir kennen gelernt. An die Monopole, Preiserhöhungen, engherzigen
Ausschließungstendenzen aller dieser älteren Bildungen dachte A. Smith, als er weh—
klagend von den Verschwörungen der Unternehmer gegen das Publikum sprach, an sie
dachte die ganze individualistische Aufklärung, als sie Beseitigung aller dieser Verbände
und Korporationen forderte und durchsetzte. Ihre früheren guten Seiten kannte man
nicht mehr. Man sah von 1750 —- 1870 nur, daß fie, aus älteren technischen, socialen
und Verkehrsverhältnissen stammend, die aufstrebenden Talente abhielten, neue größere
und technisch vollkommenere Unternehmungen zu schaffen. Freie Bewegung und freie
Konkurrenz war damals vor allem nötig. Und was im Moment richtig war, hielt man
ür die ewig richtige Rechtsbasis und Verfassung der Volkswirtschaft. Sah man doch,
daß die neuen am besten geleiteten Unternehmungen, Handels- und Kreditgeschäfte in
ebendigem inneren und äußeren Konkurrenzkampf emporkamen. Ihn zu fördern, jede
Verbindung von Händlern und Produzenten zu erschweren oder zu verbieten, schien
von 1789 — 1870 der volkswirtschaftlichen Weisheit letzter Schluß; hatte doch schon
das römische Recht und seither oftmals die Gesetzgebung alle Preisverabredungen zu
derbieten gesucht.
Man erreichte mit dieser Gesetzgebung, was zunächst den Verhältnissen entsprach,
eine Belebung der Konkurrenz, des Unternehmungsgeistes, aber nicht ein vollständiges
Verschwinden aller gemeinsamen Marktverabredungen. Hatten sich doch die alten Innungen
aur da aufgelöst, wo man sie verboten oder ihr Vermögen den Mitgliedern zur Plünderung
äüberwiesen hatte. In Frankreich ließ man die Bäcker- und Fleischerinnungen bald
vieder als kartellartige Institute der Konkurrenzregulierung zu. Die französischen
Syndikate der Unternehmer wuchsen 1840—84 schon in großer Zahl, seit ihrer gesetz—
lichen Zulassung 1884 zu Hunderten. In Deutschland setzte seit 1879 eine neue
Innungsbewegung ein, die in provinziellen und staatlichen Innungsverbänden gipfelte,
und ihr parallel entwickelten sich die Verbände der einzelnen Großindustrien, welche
ebenfalls in provinziellen und centralen Gesamtorganisationen sich zusammenfaßten:
Beneralsekretäre, große Büreaus, Fachzeitschriften, Beeinflussung der Presse, der Handels—
tammern, der Parlamente, der Regierungen, große öffentliche Tagungen, das waren die
Mittel, mit denen man für die wirtschaftlichen Sonderinteressen der Gruppe wirkte.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 29
        <pb n="462" />
        50 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Die Landwirtschaft und der Zwischenhandel blieben nicht zurück und organisierten sich in
zhnlicher Weise. Wo schwache Ministerien bestanden, die sich vor diesen Organisationen
fürchteten, da traten sie um so kräftiger auf. Auch die amtlichen Interessenvertretungen,
die man schuf, Handels⸗, Landwirtschafts-, Handwerkerkammern verstärkten die Bewegung.
In Deutschland hat man zum Zweck der Unfallversicherung alle großen gewerblichen
nternehmer in Berufsgenossenschaften mit Unterverbänden gegliedert.
„Wo die Arbeiter sich in Gewerkschaften verbunden hatten, war die notwendige
Folge, daß die Unternehmer zu Gegenverbänden zusammentraten. Kurz, auf allen
Gebseien hatte sich langsam und schüchtern von 1840—78, immer stärker seit 1875 eine
geue Vereins- und Verbandsorganisation der Unternehmer und der Geschäfte hergestellt.
Sie verfolgten vielfach die legiümsten Zwecke, zeigten sich nützlich und förderlich für die
Interessen der Mitglieder. Von der Preis-, Absatz- und Konkurrenzregulierung hatten
se sich meist noch zurückgehalten, teils weil die Gesetzgebung dagegen war, teils weil
es dem Geiste der Zeit widerfprach, ein sehr dringliches praktisches Bedürfnis noch
nicht vorlag.
Das 'wurde nach der großen Aufschwungsperiode von 1880 — 73 und der ihr
olgenden jahrelangen Stockung anders. Die Märkte schienen allerwärts verteilt und
überführt, ein neuer Aufschwung wollte lange nicht kommen; der übermäßige Konkurrenz—
zruck hielt jahrelang an. Warum sollte man nicht versuchen, statt allgemein über
Fachinteressen zu debattieren, den entscheidenden Punkt gemeinsam anzufassen: die Absatz⸗
ind Konkurrenzregulierung, die gemeinsame Preisfestsetzung, die Sorge für auskömmlichen
Gewinn, für genügende Verzinsung des Kapitals, für gleichmäßige Beschäftigung der
Arbeiter. Man wuüßte nichts davon, daß Derartiges früher oft in großem Maßstabe
Jeschehen war. Man hatte ein dunkles Gefühl, daß man mit solchem Beginnen,
Monopole schaffend, ein Unrecht thue; man hüllte sich möglichst in den Schleier des
Geheimnisfses. Aber die Not drängte. Man handelte.
So sind hauptsächlich von 1875 an die Kartelle, Konventionen, Ringe, Trusts
entstanden und haben sich allmählich eine festere Verfassung gegeben. Die vorstehend
geschilderten fachlichen Vereinigungen haben sie in der Regel nicht direkt gebildet, wohl
sber sie vorbereitet; auch die leitenden Bankkreise, die ihre finanzielle Seite geordnet,
ft sie ins Leben gerufen haben, sind nicht mit ihnen identisch. Wir verstehen unter
den heutigen Kartellen die durch besondere, auf bestimmte Zeit geschlossene Verträge
zwischen einer größeren Zahl von gleichartigen Unternehmungen hergestellten Verbände;
fie haben den Zweck, durch Vereinbarung über Angebot, Preise und Verkaufsbedingungen
die Größe der Produktion, den Markt und den Gewinn zu beherrschen. Wir rechnen
die verwandten Gebilde, z. B. die Spekulantenringe, welche während kurzer Zeit durch
Aufkauf und Zurückhaltung einer Ware den Preis bestimmen wollen, die Syndikate
bon Banken zu Gründungen und Anlehensunterbringung nicht dazu. Die Kartelle
wollen dauernd die Warenproduktion beherrschen und unter eine gewisse einheitliche
Kontrolle bringen; sie stellen dauernde organische Einrichtungen der Volkswirtschaft dar.
Sie unterscheiden sich von älteren analogen Anläufen, z. B. den Zünften, den organisierten
VBerlegern, den regulierten Compagnien dadurch, daß es sich heute nicht um Kaufleute
ind Kleinmeister, sondern um Großbetriebe mit Maschinenanwendung, meist um Aktien—
gesellschaften mit sehr großen Kapitalien und um sehr viel größere Märkte, um die
Märkte ganzer Großstaaten oder Weltteile handelt.
Die Kartellbildung beginnt mit teilweise harmlosen Verabredungen über Lieferungs⸗
bedingungen und endigt zuleht da und dort mit vollständiger Fusion, mit der Entstehung
von Riesenaktiengesellschaften, welche einige Dutzend bisher selbstündiger Geschäfte in sich
vereinigen. Dazwischen liegen die verschiedensten Phasen des Kartells mit wachsender
Bindung und Centralisieruug der Leitung. Da es sich zunächst um verschiedene
Interessenkreise, um eine Reihe selbständiger Personen, um große und kleine, gut und
chlecht eingerichtete Werke handelt, da der Vorteil für die einzelnen sehr verschieden ist,
die ganz großen Geschäfte die Stütze des Kartells häufig nicht nötig haben, da mit
dem Bruch der Verabredungen für einzelne Geschäfte oft große Gewinne sich ergeben,
        <pb n="463" />
        Entstehung, Wesen und Verfafsung der Kartelle. 451

so ist klar, wie schwierig die Verhandlungen sein mußten, wie häufig sie scheiterten,
wie oft bestehende Kartelle sich wieder auflösten. Meist hat erst die bittere Not 60 bis
900/0 der gesamten Produktion des Gebietes auf den Standpunkt der Vereinigung hin—
gedrängt; wenn nicht so viele beitraten, war der Erfolg meist in Frage gestellt. Auch
ist klar, daß nur Geschäfte ohne zu viel Schwierigkeiten sich einigen konnten, die gleich—
mäßige, vertretbare Waren, hauptsächlich Halbstoffe erzeugen, wie Kohle, Eisen, Schienen,
Salz, Chemikalien, Petroleum, Zucker, Branntwein oder Eisenbahn- und Telegraphen⸗
gesellschaften ꝛc. Die Versuche in der keramischen, Wirkwaren-, Chokoladen- Glacé—
handschuhfabrikation scheiterten bisher. Auch wo es sich um Tausende von kleinen und
mittleren Produzenten handelt, ist die Sache sehr viel schwieriger, als wo eine kleinere
Zahl großer Fabriken den Markt beherrscht.
Die Phasen der Kartellentwickelung lassen sich kurz so charakteristeren: 1. Verab⸗
redungen über Kreditgewährung, Zahlungsbedingungen und Ähnliches, 2. solche über
Maximalpreise, welche man für Rohstoffe zahlt, über Minimalpreise, die man beim
Verkauf fordert; 3. Hinzufügung des Ehrenwortes und bald von Geldstrafen bei Ver—
letzung, welche man durch hinterlegte Wechsel leicht einziehbar macht; auch das reicht
meist nicht aus; also 4. Verteilung des Marktes durch Demarkationslinien, die bei
Strafe eingehalten werden müssen, und 5. Verabredungen über das einheitliche Vorgehen
bei Submissionen; nur eain Werk bietet, die anderen höchstens zum Schein; 6. feste
Verabredungen über die Größe der Produktion jedes Werkes nach seiner bisherigen
Kapacität, entweder überhaupt oder wenigstens fürs Inland, häufig so, daß für Minder—
produktion eine Prämie gezahlt, für eine gewisse Mehrproduktion eine Strafe erhoben
wird; diese Verabredung verbindet sich meist mit Preisfestsetzungen; 7. reicht auch das
nicht, so wird aller Verkauf der Produkte auf eine Centralstelle übertragen, welche die
Natur einer gemeinsamen Agentur haben kann oder die einer selbständigen Aktiengesell⸗—
schaft, deren Aktionäre nur die beteiligten Werke sein können. Ist die Centralisation
so weit gediehen, so können auch weitere Maßnahmen getroffen werden: die Stillstellung
teilnehmender oder gepachteter Werke, der Ankauf von nicht beigetretenen, die Verhinderung
der Entstehung neuer Werke, wobei man in den Mitteln teilweise nicht wählerisch ist.
Die juristische Natur der Verbindungen und der Centralstellen kann sehr ver—
jchieden sein; in Amerika hat man die Form gewählt, daß ein kleines Vertrauenskomitee,
die sogenannten trustées, die Aktien der beteiligten Werke in die Hand und damit die
unbedingte Verfügung über Generalversammlungen und Vorstände, über technisches und
kaufmännisches Gebaren der Gesellschaften bekommen; sie stellen den Aktionären an Stelle
der Aktien Certifikate aus, oft im 224fachen Betrag der Aktien, um die gezahlten
Dividenden niedriger erscheinen zu lafsen.
Außer dem direkten Zwecke der Konkurrenz und Preisregulierung, der Herstellung
von Monopolen und hohen Gewinnen haben die Kartelle in großartiger Weise Versuchsstationen,
 Bibliotheken, Nachrichtenbüreaus errichtet, den technischen Fortschritt gefördert,
die Verkehrsanstalten beeinflußt, die Regierungen und Parlamente, wie die öffentliche
Meinung bvearbeitet, oft auch mit enormen Summen einzelne Personen für sich gewonnen.
In Schutzzollländern war die Herstellung der Kartelle durch die Abhaltung der
fremden Konkurrenz wohl etwas erleichtert; im ganzen haben sie sich in allen Ländern
mit maschinellem Großbetrieb, starker Konkurrenz, entwickeltem Verkehr gebildet. Am
weitgehendflen wohl in den Vereinigten Staaten, wo sie auch die Politik und die
Eisenbahnen am meisten beherrschen; es existieren dort zahlreiche Trusts mit 60—90 Mill.
Dollars Kapital; aber auch in England, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Italien
bestehen zahlreiche Kartelle; in Deutschland zählte man 1887 70, 1896 137. Eine
Reihe großer internationaler Kartelle beherrschen den Weltmarkt, wie der amerikanische
Standart Oil Trust, der die dortige Petroleumproduktion, und das Haus Rothschild,
das die russische kontrolliert. Jeder derartige Verband wirkt leicht darauf hin, daß
die mit ihm verkehrenden Produktionskreise sich ähnlich organisieren, um nicht bei jeder
Belegenheit von der Übermacht des anderen Teiles gedrückt zu werden. Die Groß- und
90*
        <pb n="464" />
        452 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirtschaft.

die Detailhändler der betreffenden Waren sinken leicht zu Agenten oder Kommissionären
oder gar zu Beamten der Kartelle herab.
Das Urteil über diese neue centralistische Ordnung großer Gebiete der Produktion
schwankt naturgemäß: die einen sehen darin nur einen Rückfall in alte Mißbräuche und
Monopole, rufen nach Polizei und verbietenden Gesetzen; sie klagen, daß die Konkurrenz
und die Gewerbefreiheit mit ihnen verschwände, daß sie die Preise und die Gewinne
unmäßig erhöhten, das Publikum schamlos ausbeuteten, einen steigenden Druck auf die
Arbeiter ausübten. Die alten Freihändler, der kleinbürgerliche Radikalismus urteilen
so; die Socialisten, die Socialreformer, teilweise auch konservative Politiker, vollends
die Vertreter des großen Kapitals sehen auch die günstigen Seiten und vielfach nur
diese. Als solche erscheinen die großen technischen, Verkehrs- und Organisationsfortschritte,
welche die genialen Leiter vieler Kartelle herbeigeführt haben; manche derselben sind
freilich zugleich die geriebensten Geldmacher, ja kaufmännische Spitzbuben. Daß Miß—
bräuche im großen Maßstabe sich an einzelne Kartelle knüpfen, Pressekorruption, unlautere
Spekulation, Börsentreibereien, Ausbeutung des Publikums durch das Monopol, wird
sich nicht leugnen lafsfen. Die Verteidiger der Kartelle betonen aber vor allem, daß die
Preise durch die Karlelle teilweise ermaͤßigt, keineswegs allgemein erhöht wurden, daß
jedenfalls die großen Schwankungen in Produktion und Absatz durch sie sehr ermäßigt
worden feien. Das ist ihr weitaus wichtigster Vorzug.
Im ganzen wird man sagen können, sie seien so segensreich oder so unheilvoll,
wie die Leiler maßvoll und staatsmännisch oder kurzsichtig und habsüchtig find. Die
Kartelle sind eine Erscheinung, die mit Notwendigkeit aus derselben Tendenz erwuchs,
welche den maschinellen Großbetrieb, den heutigen Verkehr, die Kreditentwickelung und
Spekulation schuf. Die Großbetriebe mit ihren festen Anlagen auf Jahre, mit ihrer
notwendigen Spekulation auf die Zukunft mußten, durch gegenseitige übermäßige
Konkurrenz gepeinigt, durch den Wechsel der Nachfrage und die Krisen bedroht, auf den
Ausweg der Kartellierung kommen, gerade wo große kaufmännische und organisatorische
Talente an der Spitze standen. Die Kartelle wiederholen nur, was immer in ähnlichen
Fällen früher geschah, was auch heute auf der Börse und sonst mit mehr Verheimlichung
und weniger Berechtigung vorkommt.
Es ist ein Entwickelungsprozeß, der unserer Zeit, ihren materiellen, wirtschaftlichen
Bedingungen, ihren organisatorischen Tendenzen entspricht. Er kann entarten zu geführ⸗
lichen monopoliftischen Mißbräuchen, zu wucherischer Riesenvermögensbildung für wenige.
Er kann aber auch in die rechten Wege gelenkt werden, wenn es beizeiten gelingt, volle
Sffentlichkeit in das Verfahren und in die Gewinnbildung zu bringen, und wenn in
die Leitung dieser centralistischen Organisationen mehr weitblickende und staatsmännische
Patrioten als Geldmacher und neben den Kapitalvertretern solche der Allgemeinheit,
Vertreter des Staates, vielleicht später auch einmal der Arbeiter kommen, wenn die
Monopolgewinne zu einem entsprechenden Teil der Allgemeinheit zugeführt werden. Die
Organisation des deutschen Kalikartells mit den in demselben dem preußischen Handels—
minister vorbehaltenen weitgehenden Rechten ist ein Beispiel für richtige Staatseinmischung.
Auch die Versassung der deutschen Reichsbank mit ihren halb vom Staate berufenen,
halb von den Anteilseignern gewählten Organen, zeigt den Weg, der zu gehen ist.
Die Verfassung der zu einem Riesenbetrieb verschmolzenen Pariser Omnibus- und
Straßenbahngefellschaften zeigt, wie man Gemeinde und Staat größere Vorteile als den
Aktionären züwenden kann. Es wird schwere Kämpfe geben, bis diese Ziele erreicht
find; die bisherigen Anläufe einer die Kartelle beschränkenden Gesetzgebung waren refultat⸗
lios, waren hölzerne Schüreisen. Nur große und starke, die Zukunft richtig erkennende
Regierungen werden im Bunde mit einer gesunden öffentlichen Meinung, mit den
besseren Kräften der Kartellleiter und der Geschäftswelt, sowie mit den aufgeklärtesten
Arbeiterführern das Ziel erreichen: die Kartelle nicht zu vernichten, sondern sie aus den
heute teilweise falschen Bahnen hinüber zu lenken in gesunde, so daß sie als die richtigen
Organe einer höheren Form der vergesellschafteten Volkswirtschast, als die berufenen
centralen Steuerungssorgane der Produüktion gelten können.
        <pb n="465" />
        Beurteilung und Würdigung der Kartelle. 453

Erinnern wir uns zugleich, wie neben den Kartellen weitere Teile der volkswirt—
schaftlichen Organe unter eine freiwillige, aber sehr stark wirkende centralistische Leitung
kommen: die Genossenschaften stehen unter der technischen, kaufmännischen und kredit—
nächtigen Kontrolle ihrer Verbände und Centralkassen. Das ganze Kreditsystem übt
in steigender Weise über alle Unternehmungen eine Kontrolle aus; man bucht bei allen
Kreditorganen die guten und schlechten Eigenschaften jedes Geschäftsmannes und erteilt
darnach Kredit. Jedes untere Kreditorgan kommt so in wachsende Abhängigkeit von
den höheren, die zuletzt in den großen Centralkreditanstalten sich zusammenfassen. Das
Verkehrssystem centralisiert sich nicht minder und schreibt durch seine Tarife und Be—
dingungen jedem Geschäft vor, bis wohin es seine Waren bringen kann. Außerdem
zrinnern wir an die oben (S. 319 3821) geschilderte starke Zunahme der wirtschaftlichen
Funktionen von Gemeinde und Staat.
So wird sich nicht leugnen lassen, daß auch durch das privatwirtschaftliche Getriebe
wie durch die ganze Volkswirtschaft heute ein centralistischer Zug geht; nicht willkürliche
Staatsinteressen schaffen ihn, sondern die Geschäftswelt selbst dräͤngt dahin. Nicht
plumpe Reglementierung greift Platz, sondern eine Anpassung und Fügung gegenüber
'ollektiven Organen findet statt, die über größere Talente und größere Erfahrung ver—
rzügen, auf höherer Warte stehen. Die wirtschaftliche Freiheit verschwindet damit nicht,
aber an gewissen Stellen macht sie allerdings der richtigen Leitung und Vorschrift von
oben Platz. Nicht das Kapital hat diese centralistischen Organe erzeugt, sondern die
ähigsten Geschäftsleute und Staatsmänner bauen sie auf, allerdings mit Hülfe des
Kapitals und der neuen Technik, aber ebenso und noch mehr mit moralisch-politischen
EFigenschaften und Faktoren und unter dem Beifall der Massen, hauptsächlich der Arbeiter.
Was so entsteht, hebt nicht den Stand der privaten Unternehmer auf, sondern differenziert
und gliedert ihn, giebt seinen Spitzen, seinen genialsten kaufmännischen und technischen
Talenten eine größere Macht und vermindert so die Fehlgriffe der Produktion und des
Handels, die nie ganz zu vermeiden sind. Eine Volkswirtschaft ohne Kartelle produziert
aicht anarchisch, eine solche mit Kartellen nicht mit kommunistischer Centralisation; der
Begensatz ist nur der, daß für die Voraussicht und den Überblick, der auch vorher auf
dem Markt nicht ganz fehlte, an einigen Stellen bessere, einheitlichere und einflußreichere
Vertreter durch die Kartelle entstehen.
147. Schlußergebnis. Gesamtbild der gesellschaftlichen Ver—
fassung der Volkswirtschaft, speciell des Unternehmungswesens. Die
heutige Volkswirtschaft beruht auf dem Zusammenwirken der Familie, der Unternehmung,
der Gemeinde und des Staates. Es sind drei Gruppen von Organen, welche alle drei
aach innen gegliederte Einheiten mit einer gewissen friedlich harmonisierten Verfassung,
nach außen egoistische Körper mit besonderen Interessen darstellen. Nur ruht die
harmonisierte innere Verfassung bei der Familie überwiegend auf Sympathie, Verwandtichaft
 und Liebe, bei der Gebietskörperschaft auf Nachbarschaft, Staatsgefühl, Recht und
Zwang, bei der Unternehmung auf privatrechtlichen Verträgen, welche dem Erwerbstrieb
relativ freien Spielraum lassen. Die Familienwirtschaft will ihre Glieder menschlich
mit wirtschaftlichen Gütern versorgen; aber auch ein großer Teil des Produktions⸗
prozesses, besonders des landwirtschaftlichen und des kleingewerblichen, ruht noch auf
ihr; sie hat nicht dieselben, aber doch auch gewisse Gewinnabsichten, wie die Unter—
nehmung. Diese hat einen steigenden Teil der Warenproduktion und des Handels
übernommen und führt diese Aufgabe, wesentlich durch Gewinnabsichten gelockt, in ihren
Betrieben durch, welche ihre Waren auf den Markt unter dem Spiel konkurrierender
sräfte liefern. Man wirft ihr vor, sie vergesse über den Gewinnabsichten alle Pflichten
zegenüber den Arbeitern, den Konsumenten, der übrigen Gesellschaft; sie diene dem
Feind wie dem Freund, verkaufe Scheren, die nicht schneiden, und Kleider, die nicht
wärmen, wenn sie nur damit gewinne. Es ist wahr, daß sie in den Dienst der
Gesamtheit nur auf dem Umwege des egoistischen Gewinnes tritt, daß dieser auch zu
vielem Mißbrauch verleitet. Aber 1. bleiben die Unternehmer durch Moral, Sitte und
Recht beherrschte Menschen, so viel sie im einzelnen auch durch Habsucht fehlen mögen,
        <pb n="466" />
        154 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

und 2. ist der dauernde Gewinn im ganzen doch nur möglich, wenn die Unternehmer
die Bedürfnisse gut und preiswert befriedigen. Staat und Gemeinde sind als Organe
der Macht⸗ und' Rechtsorganisation entstanden, mußten aber stets und mit steigender
Kultur in erhöhtem Maße gewisse Nachbarschaftsbedürfnisse befriedigen, sich wirtschaftlich
in den Dienst größerer höherer Bedürfnisse (S. 818) stellen. Ihr Vorzug ist es, daß
sie dabei gemeinnützig wirken, an die Zukunft und die Gesamtinteressen denken, mit
ganz anderem Nachdrück, mit einheitlichen Organen auf ihrem Gebiete auftreten können,
in der Regel gerecht verfahren, zu vielen Aufgaben der höheren wirtschaftlichen Kultur
teils allein, teils besonders geschickt find. Aber die großen Anstalten, die in ihren
Händen enistehen, unterliegen dem Mißbrauch der Herrschenden, sind fast immer schwer—
ͤllig und vielfach teuer, sie leisten Gutes nur, wenn eine glückliche Entwickelung ein
tüchtiges Beamtenpersonal geschaffen hat. Oft fehlt ihnen die rechte Kontrolle, wie sie
die Unternehmung darin hat, daß der Markt ihr die schlechten und teuren Produkte
nicht abnimmt. Die wirtschaftliche Staats- und Gemeindeanstalt tritt thatsächlich oder
rechtlich meist monopolistisch auf, wendet nicht immer aber vielfach den Zwang an; der
Bürger hat ihr gegenüber meist keine Wahl; ob sie Ausgezeichnetes leistet und gerecht
verfährt oder nicht, sie kann nur durch einen sehr harten Druck der öffentlichen Meinung,
durch eine Änderung in den Regierungskreisen in andere, in neue Bahnen gebracht
werden, was stets sehr schwer ist.
Die Familie ist das älteste, sie bleibt das natürlichste und einfachste Wirtschaftsorgan.
 Slaat und Gemeinde sind in ihren Macht- und Rechtsfunktionen gleichfalls
sehr alt, in ihrer umfassenden wirtschaftlichen Thätigkeit aber relativ jung, in ihrer
Organisation siets kompliziert und schwierig herzustellen. Die Unternehmungen sind
das jüngste Organ; sie sind mit ihrem Appell an den wirtschaftlichen Egoismus, mit
ihrem auf die Arbeitszeit beschränkten Zusammenwirken verschiedener, sich sonst fern—
slehender Menschen nicht so einfach wie die Familie, aber im ganzen doch viel leichter
als die Wirtschaftsanstalten von Staat und Gemeinde zu organisieren. Wo sie einen
sehr großen Umfang erreichen, wird das Problem freilich viel schwieriger, teilweise ein
der Gemeinde- und Staatsbildung ähnliches. Aber ihr sociales Gefüge bleibt doch er—
heblich loser und beweglicher, und ihre Mißbräuche, ihr möglicher Zusammenbruch ziehen
die Gesamtheit nicht so in Mitleidenschaft wie die Fehler der Gemeinde- und Staats—
anstalten. Indem die Verantwortlichkeit in der Unternehmung auf private Schultern
gelegt wird, indem die Unternehmer mit Ehre und Vermögen für ihr Thun einstehen,
geliügt hier eine Auslese der Persönlichkeiten und eine Krästeanspannung, wie sie der
Staal und die Gemeinde nicht so leicht oder wenigstens nur auf den Höhepunkten
moralisch⸗-socialer Zucht erzeugen: der Staatsbeamte wird getadelt, versetzt, sehr selten
kafsiert, wenn er falsch gewirtschaftet hat, der Unternehmer macht Bankerott.
Familie, Gemeinde und Staat dienen noch anderen Zwecken, sind nicht ausschließlich
für das wirtschaftliche Leben geschaffen und eingerichtet, die Unternehmung dient nur
wirtschaftlichen Zwecken, ist ihnen ganz und voll angepaßt; sie ist das specifische, das
differenzierteste Wirtschaftsorgan.
Die heutige Volkswirtschaft bedarf gleichmäßig der drei Gruppen von Organen,
ihres Ineinandergreifens, ihrer Arbeitsteilung, ihres Zusammenwirkens. Jede Gruppe
ruht auf anderen pfychologischen Motiven, auf anderen Sitten und Rechtsregeln, hat
ihre Vorzüge und Nachteile, ihre große gesellschaftliche und wirtschaftliche Funktion, in
der sie unersetzlich ist. Keine dieser Gruppen wird mit ihrem eigentümlichen Leben, mit
ihren besonderen Aufgaben verschwinden. Die Familie hat viel an die Unternehmung
abgegeben, aber ebenso Wichtiges ist ihr geblieben; neue höhere Aufgaben sind ihr zu—
gewachsen. Gemeinde und Staat haben zeitweise manches, was sie früher in der Hand
hatten, den Unternehmungen abgegeben, anderes ihnen neuestens wieder mit Recht ent—
zogen; ihr Hauptgebiet in Bezug auf das wirtschaftliche Leben sind die neuentstandenen
höheren centralen Aufgaben, wie Schule, Verkehr, Kredit, Versicherung, denen die private
Unternehmung nicht ebenso gewachsen ist. Die Unternehmung hatte erst der Familie,
dann auch dem Staate manches abgenommen; so vieles man derselben später auch nahm,
        <pb n="467" />
        Die Teilung der wirtschaftlichen Funktionen zwischen Familie, Staat und Unternehmung. 455

hr Umfang ist stets gewachsen; der Volkswirtschaft des 19. Jahrhunderts gab sie die
Signatur. Wenn ihre Groß- und Riesenbetriebe sich der Gemeinde und dem Staate
genähert haben, so geschah dies mehr in der äußerlichen Verfaffung, in der Behandlung
der dienenden Kräfte, teilweise auch in dem Monopol, das viele erlangen; es erscheint
nur erträglich in Privathänden, wenn die Anstalten große Pflichten übernehmen, einen
erheblichen Gewinnanteil an die Gesamtheit abgeben. In der freien Bewegung, in der
Möglichkeit, ohne zu viel Zwang, Rechtsschablone, parlamentarische Streitigkeit zu
versahren, in der Notwendigkeit, kaufmännisch sich dem Angebot, dem Markte anzupassen,
bleibt die Aktiengesellschaft und das Kartell vom Staatsbetrieb verschieden und ihm
aberlegen. Für alle kleinen Unternehmungen, für die gewöhnliche landwirtschaftliche und
gewerbliche Güterproduktion, die gewöhnlichen Handelsgeschäfte wäre die Kommunalisierung
ind Verstaatlichung eine verteuernde Absurditüt, eine künstliche Erzeugung von Reibung,
von Schwerfälligkeit, von Umwegen, wie wir schon oben (S. 321-3824) sahen.
So Vieles sich also in der gesellschaftlichen Verfassung der Volkswirtschaft in den
letzten Jahrzehnten geändert hat, so sehr, wie wir eben betonten, durch ihre komplizierteren
Teile ein Zug der Centralisation geht, so wenig spricht die Wahrscheinlichkeit dafür,
daß in abjehbaren Zeiten eine ganz socialistische oder kommunistische Verfassung siegen
vperde. Gewiß, die socialistischen Einzelzuge werden da und dort noch wachsen, und
wer das nicht begreift, sollte heute weder als Minister, noch als Parlamentarier weiter
eine Rolle spielen, aber ebenso sicher werden die verschiedenen wirtschaftlichen Aufgaben
immer verschiedene Organisationsprincipien erzeugen, und das Resultat wird nicht eine
rentralistische Riesenwirtschaft des Staates, sondern das komplizierte Nebeneinander—
bestehen und Zusammenwirken verschiedener Organe, verschiedener Motive, verschiedener
Institutionen sein.
Nur schablonenhafter Doktrinarismus kann es überraschend oder gar widerspruchs⸗
voll finden, daß heute neben Staatsbahn, Staatspost und Staatstelegraphen große
private Kartelle und Aktienbetriebe, neben zahlreichen kommunalen Wirtschaftsbetrieben
die Einzelgeschäfte und die Genossenschaften, neben Großindustrie und Fabrik Haus—
ndustrie und Handwerk, neben den großen Gutsbetrieben die Bauern- und Parzellenwirtschaften
 stehen, daß fich neben der Produktion für den Markt in breiter Weise die
Figenwirtschaft, neben kostenloser Darreichung einzelner Leistungen die überwiegende
Bezahlung der Waren und Leistungen erhält. Jede Form und Art des wirtschaftlichen
debens hal ihre Bedingungen und Voraussetzungen und erhält fich, wo letztere vorhanden
find. Der Großbetrieb, das Kartell, der Staatsbetrieb ist an manchen Stellen dem
leinbetrieb, dem Privatgeschäft sehr weit überlegen, aber produziert an anderen teurer
und nicht besser. Alle höheren Formen der wirtschaftlichen Organisation haben zu
ihrer gedeihlichen Wirksamkeit höhere psychologische und inftitutionelle Voraussetzungen,
jo daß schon deshalb die Entwickelung derselben nur eine langsame, von Rückschlägen
hegleilete, in gewissen festen Grenzen sich bewegende sein muß. —
Wirtschaften heißt, die äußeren materiellen Mittel für unsere Existenz beschaffen.
Der einzelne Mensch that es einstens allein, und zwar auf die direkteste Weise und
im Augenblicke des Bedarfs. Alle höhere Kultur besteht darin, die Mittel gemeinsam,
zesicherler, auf indirekte Weise und so im voraus zu beschaffen, daß die Menschen nicht
Rot Teiden. Alle höhere Technik, alle Anwendung früherer Mittel (des Kapitals) bei
der Beschaffung hat dies im Auge. Für viele Jahrtausende war die Wirtschaft und
die Technik der Familie und ihre Vorratshaltung das beste und fast das einzige
Mittel, um reichlich und nachhaltig die Bedürfnisse zu befriedigen. Aber das Organ
reichte doch nicht ganz aus, die Wechselfälle der Natur zu beschwören, die Bedürfnisse
der größeren differenzierten Gesellschaften zu befriedigen. Die Gebietskörperschaften
und ihre Spitzen waren fernsichtiger, reicher, kräftiger; sie konnten zuerst Heer-, Gerichts⸗
vesen und Verwaltung, dann auch eine Summe rein wirtschaftlicher Aufgaben über—
nehmen, aber sie erlahmten doch bald wieder auf letzterem Gebiete, weil die führenden
Spitzen sich zu viel aufgeladen hatten, weil ihre Organe den meisten wirtschaftlichen
Zwarfnifsen zu fern standen und sie nur mit allzu großem Aufwand und Mißbräuchen
        <pb n="468" />
        156 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

aller Art, oft mit ungerechter Verteilung an die Bürger befriedigen konnten. Sie gaben
deshalb von 1780—–1870 den privaten Unternehmungen wieder freiere Bahn;
die heutige Güterversorgung, die heutige Technik, der heutige Verkehr konnten damit
entstehen. Erst neuestens, als die Schattenseiten und Mißbräuche der Unternehmungen
stark hervortraten, haben Staat und Gemeinden sie teils unter Kontrolle gestellt, teils
hnen gewifse Funktionen wieder abgenommen. Die Unternehmungswelt erwuchs von
1750 bis zur Gegenwart zu solcher Größe und Leistungsfähigkeit, weil sie einen steigenden
Personenkreis, wachsende Kapitalien zu einheitlichem wirtschaftlichem Effekt zusammen—
faßte und doch frei auf dem Markt sich bewegte, durch die Gewinnchancen zu höchster
Austrengung veranlaßt wurde. Sie verlangt auf dem Markte Ersatz ihres Aufwandes
und Gewinn, sie richtet sich nach den erzielten Preisen. Ersetzen die Preise den Auf—
wand, die Kosten nicht, so stellt sie die Produktion ein oder schränkt sie ein, weil sie
den Verlust nicht ertragen will; ersetzen die Preise die Kosten reichlich, so steigt der
Gewinn, und dieses Steigen des Gewinnes verlockt die Produktion zur Ausdehnung.
So entstand mit der Unternehmung jenes freie Spiel von Verträgen, von Zu— und
Abnahme des Angebots und der Nachfrage. Der Handel kommt hinzu, die Vorräte an
den rechten Ort, zu rechter Zeit zu bringen, die Vorratshaltung zu übernehmen; auch
das geschah mehr und mehr am leichtesten, wenn die Unternehmung es übernahm. Ein
Mechanismus der freien gesellschaftlichen Marktversorgung entstand, der durch das stete
Steigen und Fallen der Preise, durch die Gewinnprämie für richtige, billige, gute
Produktion, die Verluststrafe für falsche, zu teure schlechte Produktion den größeren Teil
der Warenerzeugung und den Handel in den rechten Bahnen erhielt. Natürlich nur
in dem Maße, wie das nach der Größe und Isoliertheit des Marktes, nach der Fähigkeit
der Menschen, nach den Zufällen der Natur und des Schicksals möglich war. In kleinen
Staaten und Gebieten war es leichter als in großen Nationalstaaten und gar in der
heutigen Weltwirtschaft. Mit der Kompliziertheit der Technik, den Entfernungen des
Verkehrs, der wachsenden Größe der Betriebe wurde die Produktion für den Markt und
die Vorratshaltung in der Hand der Unternehmer auf der einen Seite freilich erleichtert,
auf der anderen aber wurde die Beurteilung des Bedarfs erschwert, weil man für die
ganze Welt und die ferne Zukunft spekulativ ihn fassen sollte. Daher neben der besseren
Versorgung im ganzen doch die wachsenden Klagen über Krisen und Arbeitslosigkeit,
über Hausse und Baisse. Die harte Korrektur der falschen Spekulation und Produktion
durch Bankerotte mußte als starker Mißstand empfunden werden. Unlautere Gewinn—
absichten konnten in das immer kompliziertere Spiel des Marktes leichter eingreifen.
Schamlose Gewinnfucht, rücksichtslose harte Konkurrenz, brutale Niederwerfung der
Schwachen konnte fündigen, wie kaum je früher.
Der Socialismus 'erklärte deshalb: die Unternehmung taugt nicht; sie will nur
Wuchergewinn machen; sie ist herzlos und gleichgültig; sie versagt, wenn der Gewinn
auf 1i—20/0 sinkt, sie wird erst bei 1009/0 kühn, bei 800/0 waghalsig, bei 100 */0 stampft
fie alle menschlichen Gesetze unter die Füße, bei 8300/0 erlaubt sie sich jedes Verbrechen.
Gewiß liegen nach dieser Seite die dunkeln Schatten der Unternehmerthätigkeit. Aber
es ist nicht falsch, daß sie bei 10/0 erlahmt, bei 8—10 energisch wird; zu mehr kommt
fie nur selten. Es ist eine Verkennung aller menschlichen Natur zu verlangen, daß der
Mensch nicht nach Gewinn strebe, nur muß die Moral- und die Rechtsregel dieses
Streben im Zaume halten. Durch Riesengewinne lassen sich nicht bloß Unternehmer,
'ondern die meisten Menschen bestechen.
über einen Teil der Unvollkommenheit der bisherigen Unternehmungen können die
Kartelle mit ihrer nationalen und internationalen Ausdehnung uns weghelfen. Ihre
Schattenseiten und Monopolmißbräuche verschwinden, wenn sie in die rechte Verfassung
gebracht werden. Ob es omnipotente, staatliche, kommunistische Organisationen
besser vermöchten, zumal in wechfelnden demokratischen Händen, das ist eben die Frage,
welche die Socialisten bejahen, alle Kenner der Geschichte und der Menschen verneinen,
Noch viel unwahrscheinlicher ist, daß es gelingen sollte, eine socialistische Central⸗
lettkung der Weltwirtschaft zu schaffen, was doch bei der heutigen geographischen
        <pb n="469" />
        Die Unternehmer unter der Kontrolle der Preise und dem Drucke der Gesamtinterefssen. 457

Arbeitsteilung- nötig wäre, wenn man die Unternehmungen und Kartelle überflüssig
machen wollte. Und daher erscheint die Verfassung der Volkswirtschaft heute als die
normalste, welche die Bedürfnisbefriedigung, die über die Familienwirtschaft hinausgeht,
zwischen den Gebietskörperschaften und den Unternehmungen teilt, so daß beide Systeme
einander ergänzen. Die Vorzüge des einen Systems werden dabei stets als Vorbild
für das andere, ihre Fehler als abschreckendes Mittel wirken. So weit die Güter—
produktion und der Handel in privaten Händen, in denen von kleinen und großen
Geschäften bleiben, werden sie allerdings immer mehr unter die indirekte Kontrolle der
Gefamtheit und des Staates kommen. Diese wird durch die ganze Handels-, Verkehrs⸗,
Social⸗, Bau-, Markt⸗, Geld-, Kreditpolitik, wie durch die Thätigkeit der großen staat—
lichen Wirtschaftsinstitutionen ausgeübt. Sie entsteht ferner in gewisser Weise dadurch,
daß immer mehr die Masse der Bürger Aktien und Anteile von Gesellschaften und
Genossenschaften in Händen hat, und daß die organisierten Arbeiter einen gewissen
Einfluß auf die Unternehmungen erhalten. Die Verantwortlichkeit und Freiheit der
Unternehmer kann und soll dabei aber im ganzen fortbestehen; nur die Schranken sollen
ihrer Gewinnsucht gezogen, die Direktiven ihrem Handeln gegeben werden, die im
Gesamtinteresse der Nation und ihrer gesunden Entwickelung liegen.
Je mehr so ein wirklich großes Unternehmertum entsteht, wird es im Einklang mit
dem Staat und den unteren Klassen sich fühlen können, wird es einsehen, daß man
die Volkswirtschaft oder den wichtigsten Teil derselben nicht leiten kann ohne große
öffentliche Pflichten zu erfüllen, ohne daß die großen Unternehmungen — auch ohne
Staatsanstalten zu sein — im Geiste der großen allgemeinen Interessen und nicht im
Geiste habsüchtiger Bereicherung geführt werden müssen.
Eine wachsende Vergesellschaftung und Centralisation wird dabei vorhanden sein,
aber nicht in der Art, daß Staat, Gemeinde und Unternehmungen zusammenfallen,
sondern in der, daß die reformierte Unternehmungswelt, einschließlich der Genossenschaften
und Kartelle, sich immer mehr in einheitlichen Spitzen zusammenfaßt, daß neben und
über ihr die politischen Gewalten ebenso einer zunehmenden Centralisation unterliegen.
Nur an gewissen obersten Stellen wird die Geschäftswelt sich der Staatsgewalt unter⸗
ordnen müssen. Soweit Gemeinde und Staat unternehmerartig auftreten, werden fie
aber auch am besten verfahren, wenn sie ihren Verkehrs-, Kredit⸗, Versicherungsanftalten,
ihren eigentlichen Geschäftsbetrieben eine gewisse Selbständigkeit gegenüber den politischen
Gewalten geben. Vor allem den Staatseisenbahnen, den großen Centralbanken thut
das not.
So wie die Menschen heute sind und in absehbarer Zeit bleiben, ist die auf eigene
Verantwortung wirtschaftende, das Risiko tragende Unternehmung mit den sie bedingenden
Institutionen, auch mit all' ihren Spekulationssünden, mit all' ihrer die Habsucht
fleigernden Tendenz, mit ihrer socialen Wirkung und ihrer Beeinflussung der Einkommens—
verteilung doch das notwendige Instrument, welches in den entscheidenden Kreisen das
höchste Maß von wirtschaftlichen Fähigkeiten, von Fleiß und Energie, von technischem
uͤnd organisatorischem Fortschritt erzeugt. Sie ist zugleich die gesellschaftliche Form,
welche in breiten Schichten diejenige persönliche Freiheit und wirtschaftliche Unabhängig—
keit ermöglicht, die nur der eigene Besitz, das Vertrauen auf die eigene Kraft und auf
selbständige Leistungen geben kann.
Wir mögen unser Beamtentum und seine großen Tugenden, unsere liberalen Berufe
mit ihrem Idealismus, unser Bauerntum mit seinen kernhaften Muskeln und schlichten
Gemülseigenschaften, unsere aufstrebende Arbeiterwelt mit ihrem Bildungstrieb, ihrer
technischen Tüchtigkeit, ihrer aufopfernden Vereinsthätigkeit noch so hoch schätzen, sie
bedürfen als Ergänzung der ganz anders gearteten, aber nicht minder wertvollen pfy—
chischen und gefellschaftlichen Kräfte der Geschäftswelt ebenso, wie diese ohne jene
anderen gesellschaftlichen Kräfte und Tendenzen nicht glücklich wirken könnte.
        <pb n="470" />
        Register

zum ersten Teil des Grundrisses.

Die Zahlen geben die Seiten an. — Dehnt sich die Erörterung des Themas über mehrere Seiten aus, so ist nur die
erste und letzte Seitenzahl, getrennt durch einen schrägen Strich, genannt, z. B. 1,4. — Zur Erleichterung des Auf—⸗
indens ist der Seitenzahl eine kurze Andeutung des Zufsammenhanges beigefügt, in dem das Stichwort behandelt wird;
hei nur einmaligem Vorkommen des Stichwortes ist die Angabe des Zufammenhanges unterblieben. — Aist bei Ae,
Hebei De u. s. w. eingeordnet.

I. PVersonen⸗Register.

Die Autoren aus den vor den einzelnen Abschnitten angeführten Litteraturangaben sind hier nicht wiederholt; nur die im
Text erwähnten Personen sind hier verzeichnet.

Achenwall 112.
Agrikola 895.
Alexander Severus 402.
Althusius, Vertreter des Natur⸗
rechts, sein Hauptwerk 82;
Fintreten für Volkssouveräni—
tät 83.
Ammianus Marcellinus, alle⸗
mannische Grenzdörfer des
4. Jahrhunderts 207; Ein⸗
druck städtischer Mauern auf
die Germanen 263.
Ammon 410.
Anton 118.
Aristoteles, geselliger Trieb 273;
erster empirischer Ethiker 71/72;
Stellung in der Geschichte
der Staatswissenschaften, seine
Volkswirtschaftslehre 77/78;
Kindsmord und Freigebung der
Kinderzeugung 173; körperliche
Folgen der Handarbeit 356.
Arkwright, R. 214.
Arndt, E. M. 156.
Arndt, O. 119.
Arnold, W., Bedeutung für die
deutsche Wirtschaftsgeschichte
114; Schilderung des Wasser—
nühlenbaues im 13.-14. Jahr⸗
jundert durch deutsche Klöster
und Städte 209; Siedelung
nach Hof⸗ oder Dorfsystem 261.
Ashley, W. J. 120.

Asinius Pollio 18.
Audiganne 121.
Augustin 71.
Angustus, Bibliotheksgründung
in Rom 13; Unterdrückung der
Handwerkerkollegien 402.

Baboeuf 93.
Bachofen, philologisch historische
Studien über das Mutterrecht
231; Annahme einer regellosen
Beschlechtsgemeinschaft oder all⸗
zemeiner Gruppenehen am An⸗
fang der menschlichen Ent—
wickelung 234.
Bacon, de Doh des Natur⸗
rechts 82; lex naturalis 83.
Bär, K. E. v., Einfluß der Natur—
verhältnisse auf die Menschen
127; Zurückführung der wirt⸗
schaftlichen Kultur auf Boden
und Klima 188.
Barbaret, J. 121.
Bastian 116.
Bastiat, Fr. 92.
Baudrillart, Untersuchung über
den Luxus 23; französischer
Wirtschaftshistoriker 121.
Bauer, St. 428.
Bazard 94.
Bebel, Standpunkt in der Be—
völkerungsfrage 175; ein—
seitiger Optimist in der Be—

urteilung des Maschinenzeit⸗
alters 224.
Becher, Johann Joachim, Be—
deutung als deutscher Merkan⸗
tilist, sein Lehrbuch 87; einer
der ersten Vertreter empirischer
Nationalskonomie 112; opti—
Dmisscher Bevölkerungspolitiker
Beck, Wichtigkeit der Metallwerk⸗
zeuge für die Herrschaft der
Menschen 201; Zeitpunkt der
Erfindung und Verbreitung der
Holzsägemühle 209.
Beckmann 118.
Beesly 120.
Behm 171.
Beloch, Bedeutung für die Me—
thode der Bepölkerungsstatistik
103; Bevölkerungsgröße ver—
schiedener antiker Reiche 170;
Bevölkerungszahl der Stadt
Rom vor Christi Geburt 259.
Benecke 71.
Bentham, Messung der Gefühle
28; wirtschaftliche Theorie des
Selbstinteresses 82; sensua⸗
listisch-materialistischer Ethiker
71; Vertreter der Legaltheorie
in der Eigentumsfrage 390.
Bernoulli 159.
Bernstein 98.
Bessemer 216.
        <pb n="471" />
        Bismarck, Urteil über die Be—
einflussung der Staatsleitung
durch jüdische Geschäftsleute
152; Folgen der privaten deut⸗
schen Eisenbahnen 821.
Blanec, Louis 95.
Block, Maurice 1185.
Blumenbach 140.
Bodinus, Vertreter des Natur—⸗
rechts und sein Hauptwerk 82;
Fintreten für monarchische
Staatsallmacht 83.
Bodio, Luigi, Leiter der italie—
aischen Statistik 115; Statistik
über Anteil der Urproduktion
und Gewerbe an der Bevölke—
rung 358; Zahlen für ver—
schiedene Besetzung verschiedener
iberaler Berufe in verschie⸗
denen Ländern 3859.
Böckh, A. 116.
Böhm-Vawerk, v., Stellung als
aationalökonomischer Forscher
119; Identifizierung von kapi⸗—
aliftischer und moderner Ma⸗
schinenproduktion 226.
Böhmert, Victor, 119.
Boisguillebert 88.
Bonaid, L. G. A., Vicomte de 118.
Booth 120.
Bratring 349.
Braun, H. 112.
Brentand, L. Hauptarbeiten
1198; Städtebevölkerung 276;
Princip des Zusammenschlusses
das Princip der Schwachen 407.
Bright 92.
Brissot 93.
dwenderser 128.
Buchez 445.
Buckland 1383.
Buckle 127.
Bücher, K., Bedeutung für die
Methode der Bevölkerungs—
tatiftik 103; Vertreter der
nonographischen deutschenWirt⸗
schaftsgefchichte 118; Mitar⸗
heiter des A. Wagnerschen Lehr⸗
zuches 128; Grad der Mobili—
ierung der Bevölkerung; Wir—⸗
ung des Zuges nach der Stadt
2725; Untersuchung über gewerb⸗
iche Arbeitsteilung 8325; Be⸗
ichreibung und Klassifikation
der Arbeitsteilung 326; Zahl
der Handwerke in Frankfurt
m Jahre 1887 349; Termi⸗
nologie der gewerblichen Ar—⸗
beitsteilung 350; Berufsählung
 fuͤr Basel im Jahre
1880 852; historisch⸗statistische
Erfassung der Berufsgliederung
in dem Buch über die Be—
bölkerung Frankfurts 358;
Theorie der Klassenbildung
395; Besprechung der von B.
gegen die Schmollersche Theorie

Register.

der Klassenbildung erhobenen
Einwände 398.
ßüsch, J. G., hervorragender
ilterer Specialschriftsteller, seine
Werke 113; über die einer Stadt
durch Beziehungskosten von Holz
u. s. w. gezogenen Grenzen 267;
efurteilung der Compagnien
—6
Züsching 112.
Züttner 370.
Bunsen 216.
Zurckhardt, Einwohnerzahl italie⸗
nischer Städte im 14. und 15.
Jaͤhrhundert 266; Charakte⸗
ristit fahrender Gelehrter des
15. Jahrhunderts 3538.
ßurke 118.
Butter, Nathaniel 14.
Täsar 402.
Tarey 261.
Farlyle, Th. 120.
Tauweèes, Führer der neuen fran—
ösischen Nationalökonomie und
derausgeber der Revue d'écoomie
 politique 121; seine
Werke als solche, welche den
gedanken und Zielen der neueren
deutschen Volkswirtschaftslehre
nahe stehen 128.
Thevalier, Michel, Berechnung
——
droduktiven Kraft in verschie—
»enen Gewerben 221; ein—
eitiger Optimist in der Beur—
hing des Maschinenzeitalters
Thild, Josiah, Vertreter des
Merkantilismus, seine Haupt-⸗
verke 87; Betonung der Grenzen
der Bevölkerung in der Er—⸗
nährungsmöglichkeit 174.
Fhwolson 151.
kibrario 266.
zicero 198.
Flément, Pierre 121.
Slodius 402.
Fobden 92.
kohn, G., Bedeutung des Bluts⸗
uͤsammenhanges gegenüber dem
ohen Egoismus 28; Wirt—
chaftshistoriker Englands 119;
ein Lehrbuch als solches, in
em sich die Anschauungen der
seutigen deutschen National—
zkonomik am deutlichsten spie—
geln 123.
cFolbert, Beispiel fur das Streben
des Merkantilismus nach Her—
zeiführung einheitlicher wirt—
schaftlicher Ordnung im Staat
35; Pflege des Kammergutes
304.
Fomte, Auguste, metaphysisch⸗
dealistischer Ethiker 71; Socio⸗
oge 72; seine Stellung und die
des Positivismus in der Ge—

459

chichte der Nationalökonomie
20; Anhänger einer Zurück⸗
ührung der wirtschaftlichen und
sonstigen Kultur auf äußere
Naturverhältnisse 188.
Tondorcet 138.
Tonfutse 151.
Conrad, J., Agrarpolitiker 1175
Jahrbücher fuür Nationalbkono—
nie und Statistik 119; Hand—
wörterbuch der Staatswissen⸗
schaften 120.
Tonsidérant, Victor 95.
Coot 140.
Cotta, Untersuchung über den
Zusammenhang der Bodenver⸗
sältnisse mit der wirtschaft⸗
liichen Entwickelung unter Be—
ugnahme auf Sachsen 133;
Sonderung der Menschen nach
den Gebirgsformationen 144.
Crompton, 8. 120.
Trompton, S. 214.
Früger 448.
Tunningham, W., Stellung in
der Geschichte der National—
oͤkonomik 120; Faktoren, nach
denen der maschinelle Betrieb
einzurichten 224.
Tuuow 281.
Turtius, E. 127.
Dargun, Stellung in der Litte⸗
ratur über die älteste Familien⸗
verfassung 231; individuelles
Bodeneigentum älter als kollek—
tives 369.
Darwin, Ch., Lehre vom Kampf
ums Dasein und das Princip
der Zuchtwahl 64/65; Konstanz
der Tierrassen 141; Vererbung
ugendhafter Neigungen 1415;
Bejahung des einheitlichen Ur—
prunges aller Menschen 142;
das Üngenügende seiner Er—
pn der Rassenscheidung
142/148; UÜberschätzung der
Pererbung erworbener Eigen⸗
chaften 143; die Sieger im
dampf ums Geld nicht immer
die Besten und Klügsten 881.
Davenant, Charles, Vertreter
des Merkantilismus, sein Haupt⸗
verk 87; Staatseinkünfte der
—&amp;amp; im 17. Jahrhundert
Davis 374
de Candolle, Zukunft der euro—
»äischen Kultur, falls die
Staaten nach dem Ideal der
Juden eingerichtet würden 152;
Erblichkeit von Neigungen 397.
Delbrück, d 169.
depping 121.
diesel 218.
dieteriei 102.
dietzel, Erwerbstrieb als wirt—
schaftlicher Sinn 33; einer der
        <pb n="472" />
        60

Ausläufer der englischen deduk⸗
iven Schule 110; Mitarbeiter
3 A. Wagnerschen Lehrbuches
dilthey 62.
Diodor, über die Schrift 12; die
Bevölkerungsabnahme Agyp—
tens durch die Fremdherrschaft
zur Zeit Alexanders 170.
Dove 127.
Drude, Naturforscher, dessen Ar—
beiten die Kenntnis vom Einfluß
der Natur auf das Menschen—
eben gefördert haben 127; das
Verhältnis zwischen der geo—
zraphischen Verbreitung von
Tier und Pflanze 137.
Ducpétiaux 121.
dühring 98.
Dürckheim, sociologische Behand—
lung der Arbeitsteilung 825;
beschränkte Richtigkeit seines
Satzes, daß zunehmende Ar—
beitsteilung wachsende Soli—
darität bedeute 362.
Duncker 282.
Dunoyer, Charles 91.

Elster 120.
kEmin Pascha 1683.
Encyelopüdisten 71.
Enfantin 98495.
Engel, Ernst, Stellung als Sta—
tistiker 118; Berechnung über
den Altersaufbau der preußi—
schen Bevölkerung 161; Kosten⸗
obeerechnung für verschiedene
Arten mechanischer Kraft im
Verkehr 219; Pessimist hinsicht⸗
lich der städtischen Wohnweise
276; Statistik der preußischen
Staatsbeamten 313.
Engels, Friedrich, Vertreter des
Socialismus 95/98; Stand—
punkt gegenüber dem Bevölke—
rungsproblem 175; Verur—
teilung der Arbeitsteilung 365;
Berechtigung des Privateigen—
tums an produktivem Kapital,
das mit individuell körperlicher
Arbeit des Eigentümers zu—
ammenhängt 381; Arbeits⸗
teilung als Ursache der Klassen—⸗
bildung 409.
Fpicur, sensualistisch-materia⸗
listischer Ethiker 71; Stellung
der epicureischen Schule in der
Beschichte der Staatswissen⸗
schaften 78; Einfluß auf die
staatswissenschaftlichen Lehren
des Mittelalters 80.
Frasmus 857.
Eulenburg 263.
5 Jul. 92.
Faucher, Léͤon 121.
Fechner 22.
Feil 349.

Register.

erguson 325.
euerbach 71.
ichte, seine beiden staatswissen⸗
schaftlichen Hauptwerke 93;
individualistischer Eigentums⸗
theoretiker 389.
Fischer 295.
Flürscheim 98.
rorbonnais 88.
rorssac 199.
e Werke und socialistische
Lehre 985; einseitiger Optimist
in der eraiet des Ma—
schinenzeitalters 224.
zrancke, E. 119.
»ranklin 190.
franz 269.
izi der Große 68.
Fuchs, Carl Johannes, Agrar⸗
historiker 119; Kenner ameri⸗
kanischer Volkswirtschaft 119.
A
Baliani 118.
Balton, Francis, Stellung zur
— erworbener Eigen⸗
chaften 1483; Untersuchung uͤber
Blutsverwandtschaft bedeuten⸗
der Männer zu andern bedeut.
Männern 398.
Banilh 113.
Vans 230.
Bassendi 71.
Beering, Tr., Vertreter mono⸗
graphischer deutscher Wirt—
schaftsgeschichte 118; Zahl der
Berufsarten in der Baseler
Safranzunft 349.
Beiger, L. 192.
Benovesi, Antonio 87.
RBeorge, Henry 98.
Bérando 121.
Berland 195.
Hide, Führer der neueren fran—
sösischen Nationalökonomik und
herausgeber der Revue d'écoiomie
 politique 121; seine
Werke als solche, welche den
ßedanken und Zielen der neueren
deutschen Volkswirtschaftslehre
nahe stehen 123.
Viffen, R. 444.
Bneist, R. v. 264.
Bgobineau, Graf, Rassentheorie
140; zusammenfassende Resul⸗
ate über die Rassenfrage 158;
Zurückführung der Klassen—
gegenfätze 8 die Rasse 395;
Zurücksinken ganzer Völker auf
dem Verlust ihrer Aristokratie
beruhend 410.
Bodin 95.
Bodwin 93.
Boethe 366.
Bothein 133.
Braunt, John 112.
Brimm 342.
Brisebach 127.

SFrosse 231.
Brotins, Hugo, geselliger Trieb
27; metaphysisch-idealistischer
Ethiker 71; Vertreter des Natur⸗
rechts; Hauptwerk 82; socialer
Trieb 83; Eigentumstheorie
390.
Brünberg 119.
BSuérard 121.
Buillaumin 121.
vuizot 121.
Buttenberg 18.
Buyot, A. 127.
Hahn, Ed., Naturforscher, dessen
Arbeiten die Kenntnis vom
Einfluß der Natur auf das
Menschenleben gefördert haben
127; zeitliche Folge von okku—
zatorischer Thätigkeit, Hackbau,
Liehzähmung, Ackerbau und
Viehwirtschaft 195; Hypothese
iber die Entstehung der Vieh—
zähmung 196; Wertschätzung
der ältesten Fortschritte des
Landbaues 201; Rinderherden
zuerst geheiligtes Stammes—
eigentum 370.
Zalle, v. 119.
daller, K. L. v. 118.
halley 112.
ann 127.
Hansen, G. 276.
Zanssen, G. 117.
dargreaves, J. 214.
barrison, F. 120.
Hartenstein, über Öffentlichkeit
15; liberalistische Auffafsung
über Institutionen 63.
dartley 28.
hasbach, W. 119.
Zausmann 275.
harthausen, das Verhältnis der
Rentabilität zwischen einem
Bute in Rußland und Mittel—
ꝛuropa 132; Specialunter⸗
suchung über den Zusammen—
Jang der Bodenverhaͤltnisse mit
der wirtschaftlichen Entwicke—
lung unter Bezugnahme auf
Westpreußen 133.
deckel 310.
decker 172.
deeren, der Göttinger kultur⸗
historischen Schule zugehörig
113; Auffassung über den Zu—
sammenhang der wirtschaft⸗
lichen und sonstigen Kultur
mit den Naturverhältnissen 1838.
degel, öffentliche Meinung 14;
Institutionen 63; metaphysisch—
dealistischer Ethiker 71; Stel⸗
lung in der Geschichte der
Staatswissenschaften 113; Be—
rufsteilung 366; individua⸗
eer Eigentumstheoretiker
hegewisch 1183.
        <pb n="473" />
        Hehn, Naturforscher, dessen Ar—
beiten die Kenninis vom Ein⸗
fluß der Natur auf das Menschen⸗
leben gefördert haben 127;
Zurückfuͤhrung des Unterganges
des römischen Reiches auf die
Rafsenmischung 147.
einrich J., König, 264.
eld, A. 119.
elferich, E. v. 119.
elvetius, Bedeutung als Theo⸗
retiker des Egoismus 32;
Neigung, den Volkscharakter
auf die geistigen Kollektivkräfte
zurückzuführen 145.
Henning 262.
dun 77.
erbart, die Bedeutung der
Sprache für die menschliche
Gesellfchaft 11; empirischer
Ethiker 72.
838— von Cherbury 882.
erder, Sprache und Schrift 12
die Zusammenhänge zwischen
Natur und Völkerleben 127
Anhänger der Zurückführung
der wirtschaftlichen und sonstigen
Kultur auf die Naturverhält—
nisse 188; Versuch, die Rassen⸗
und Völkerunterschiede zu er⸗
fassen 140.
Herkner, Verfasser einer In—
dustrie⸗ und Arbeiterschilderung
119; Behandlung Neuzuziehen⸗
der in Mühlhausen 2955 pro—
centualer Anteil der Arbeiter
und Unternehmer an der Be—
völkerung Frankreichs 345.
Hermann, E., Vergleich zwischen
menschlichem Körper und Ma—
schine 190; Frage nach der
Bedeutung der modernen Tech—
nik 220.
hermann, F. B. W., Altruis⸗
mus und Egoismus zur Er—⸗
klärung wirtschaftlicher Hand—
lungen 883; individualistischer
Nationalökonom, sein Haupt—
werk 91.
Hertzka 98.
ettner 133.
ighs, Th. 214.
ildebrand, Bruno, Bedeutung
für die historische National⸗
zkonomie, Hauptarbeit 117;
Jahrbücher für Nationalöko—
nomie und Statistik 119; Zahl
der landwirtschaftlichen und
gemischten Betriebe eines
chüringischen Bezirkes 346.
ildebrand, R. 371.
illebrand 154.
irth 119.
obbes, Bedingtheit des Sitt—
lichen 43; Quelle von Moral
und Recht 63; sensualistisch—
materialistischer Ethiker 71;:

Register.

Vertreter des Naturrechts,
dauptwerk 82; Eintreten für
monarchische Staatsallmacht 83:
Vertreter der Legaltheorie in
der Eigentumsfrage 390.
Hobson, Kritik seines Schlusses
alle Großtechnik gehöre in die
hände öffentlicher Korpora—
onen 222; wissenschaftlicher
Beurteiler des Maschinenzeit
alters 224.
dölderlin 365.
Hoffmann, J. G. seine realisti
schen Schristen, seine Verdienste
um die Ausbildung der Statistil
115; Berechnungen über die
Zunahme der Bevölkerung 168
dolyoake 445.
domer 199.
dorn 269.
orwiez 72.
owe, Elias 215.
oweil, G. 120.
uber, B. A. 465.
übbe⸗Schleiden 182.
hüllmann 113.
Humboldt, A. v., Bedeutung
für die Erdkunde und die rea—
listische Forschung 116; Ver—
zleich zwischen der Nährfähig—
eit eines Bananen-⸗ und Weizen⸗
eldes 181; Vergleich zwischen
der Abhängigkeit der Menschen
und Tiere und Pflanzen von
der Natur 137; starker Knaben⸗
geburtenüberschuß in Neu—
panien 168; Araber als Be—
gründer der pyhysikalischer
Wissenschaften 207.
Hume, David, empirischer Ethiker
72; individualistischer National⸗
zkonom 90; Bedeutung für die
Bevölkerungslehre 159; dasselbe
ür die Methode der Bevölke—
rungsstatistik 102; ideglistische
Auffassung über den Zusammen—
hang der menschlichen Eigen—
chaften mit der äußeren Natur
1373 Neigung, den Volks—
charakter auf die geistigen
—33 zurückzuführen
Hutcheson 72.
Hutten 357.

Jannasch 359.
ybn Batutu 256.
dellinek 57.
zevons 28.
Fhering, R.v., Wanderbrauch der
Indogermanen, nachgewiesen
am ver sacrum der Roömer 177
Überschätzung des Überganges
vom Holz⸗ zuͤm Steinbau 204
Inama-Sternegg, K. Th. v.,
Bedeutung fuͤr die deutsche
Wirtschaftsgeschichte 118:Siede⸗—

461

zng nach Dorf⸗- und Hofsystem
Ingram, J. K. 120.
Fones, Lloyd 120.
Jonns, Moreau de 115.
Fung 259.
Juraschek, Zahl und Kapital
der öfterreichischen Aktiengesell⸗
schaften 444.
Justi, J. H. G. v., merkan⸗
tiliftische Lehrbücher 874/88;
optimistischer Bevölkerungs—
politiker 174.

Kant 71.
Kapp, E. 127.
darl der Große 408.
Karl V. 288.
daufmann 310.
Kanisky, Vertreter des deutschen
Soeidlismus 98; Charakteri—
sierung der Gewinne kauf—⸗
männifcher Fabrikleiter 837.
Kawelin 379.
Kay, John 214.
Keußler, Nachweisung des Vor—
kommens von kleinen Dörfern
und Höfen nebeneinander in
Rußland bis ins 16. Jahr—
hundert ꝛc. 262; Einwohner⸗
ahl russischer Dörfer im 16.
Jaͤhrhundert und jetzt 2683;
zeitpunkt des Beginns wirklich
fädtischen Lebens in Rußland
Isge Landpolitik für Rußland
379.
dindliuger 260.
dnapp, G. F., Statistiker 115;
Agrarhistoriker 117/119; Be—
denken gegen die Meitzensche
Siedelungstheorie 262; Groß—
betrieb der Gutsherrschaft als
Anfang kapitalistischen Be—
triebes 418.
dnies, Karl, Altruismus und
Egoismus zur Erklärung wirt⸗
schaftlicher Handlungen 38;
Arbeit über die Stalistik als
Wissenschaft 115; Bedeutung
für die historische National—
zkonomie, Hauptwerke 117.
ohl, J. G., Stellung zur Frage
des Zusammenhanges zwischen
Natut und Geschichte 127;
Untersuchungen über die Ab—
hängigkeit der Verkehrslinien
bon“ der GErdoberfläche 183;
über das englische Wesen 156.
sraus, Ch. J. 91.
Krause, K. Eh. Fr. 389.
Krünitz, J. G. 112.
strupp 438.
Laboulaye 230.
damarck, Überschätzung der Ver—
erbung erworbener Eigenschaften
148;3 . Neigung, den Volks—
charakter auf die geistigen
        <pb n="474" />
        62

Kollektivkräfte ꝛc. zurückzufüh—
ren 145.
Lamprecht, K. Bedeutung für die
deutsche Wirtschaftsgeschichte
118; bevölkerungsstatistische Be—
rechnungen des Trierischen Ge—
hietes 168;3 Errichtung von
Wassermühlen durch die deut—
schen Dorfgenossenschaften 208;
Bröße der Allmende im Trieri—
schen Gebiet im 18. Jahrh. 371.
Landau 261.
Lange, F. A. 409.
Lapouge 410.
Lassalle, Bedürfnislosigkeit 26;
versönliche Freiheit und Rechts—
regulierung 58; Anlehnung an
Ricardo 95; Würdigung als
Sozialist 963 Bedeutung von
Stoff und Gedanke zur För—
derung der Erkenntnis 103;
Vertreter der Legaltheorie in
der Eigentumsfrage 890.
Laurent, E. 121.
Laveleye, Emil de 121.
Laves 356.
Lazarus 49.
Leibniz 71.
Lenormant, F. 348.
Le Play, hervorragende Be—
deutung für die Beschreibung
der socialen Gegenwart, Haus⸗
haltungsbudgets 121; social⸗
politische Behandlung der
Frauen⸗ und Familienfrage
231; mangelnde Stabilität des
Jeutigen Familienlebens 247.
Leroy-Beaulien 182.
Leslie, Th. E. Cliffe, 120.
Levasseur, Ernest, führende
Stellung in der französischen
Statistik, dies bezügliches Haupt⸗
werk 115; französischer Wirt—
chaftshistoriker, einschlägige
Hauptarbeit 121; Schätzung
der Einwohnerzahl von Paris
gegen 1300 266; Statistik der
Bröße und Einwohnerzahl ver⸗
schiedener Staaten 2838.
dexis, W., Statistiker 115; Ar—⸗
dbeiten über französische Volks—
virtschaft 119; monographischer
Specialforscher auf dem Gebiet
des Geld-⸗, Bank- und Börsen⸗
wesens 119.
Liebig 220.
Lippert 198.
List, Friedrich 116/117.
Livingstone 145.
Locke, Bedingtheit des Sittlichen
43; sensualistisch⸗-materialisti⸗
scher Ethiker 71; Vertreter des
Naturrechts und sein Haupt—
verk 82; angeborener socialer
Trieb, Stellung unter den Ver⸗
tretern des Naturrechts 83;
Eintreten für Volkssoun*

Register.

33; Stellung zur individua—
istischen Volkswirtschaftslehre
38/89; Neigung, auf die geistigen
Kollektivkräfte den Volks—
charakter zurückzuführen 145;
Begründung des Eigentums
durch die „Arbeitstheorie“ 889
Longstaff 276.
Lotz, J. F. E., wirtschaftliche
Theorie des Selbstinteresses
32; individualistischer National⸗
okonom, Hauptwerk 91.
Lotz, W. 119.
Lotze, Trachten nach Lust als
Triebfeder praktischer Wirk—
amkeit 20; Gefühle 21; Rück
ichtnahme auf das Urteil an⸗
derer als Stellvertreter des
ꝛigenen Gewissens 31; gesell—
chaftliche Organbildung 62
mmpirischer Ethiker 72; Wert
einer Kenntnis der Thatsachen
103; Grundlage der technischen
Entwickelung des Menschen 190
dubbock, Fehlen sittlicher Urteile
43; persoͤnliche Freiheit bei den
Wilden 49; Bedeutung für die
realistische Forschung 116; An⸗
nahme einer regellosen Ge—
chlechtsgemeinschaft oder all⸗
jemeiner Gruppenehen am An—
tang der menschlichen Ent—
wickelung 234.
Ludlow, J. M., seine Stellung
in der Geschichte der National—
zkonomik 120; genossenschaft⸗
licher Agitator 445.
zuther, über seine Wirtschafts—
und Socialpolitik 80; Schätzung
des Einkommens eines Grafen,
Fürsten und Königs seiner Zeit
323; Geringachtung der Kauf⸗
leute 357.
dur 214
Lnell 189.
Mably 93.
Macchiavelli 85.
Macculloch 172.
Mac Lennan 234.
Maine, H., Stellung der In—
stitutionen in der Entwickelung
der Gesellschaft 68;3 Bedeutung
ür die realistische Forschung,
Hauptwerke 116; Begründer
der wissenschaftlichen Geschichte
der patriarchalischen Familien—
derfassung 281; Händler des
Dorfes in Indien nicht Ge—
meindemitglied 834; älteste
zrisch-keltische Eigentumsver—
hältnisse 370; Zurückführung
der Stellung der keltischen
Equites, attischen Eupatriden
und römischen Patricier auf
Viehbesitz 371.
Maistre, J. de, sein Einfluß auf

die französischen Socialisten und
A. Comte 118.
Malthus, sein Auftreten als einer
der ersten und wichtigsten
Schritte zu einer wissenschaft⸗
lichen Bevölkerungslehre 159;
bevölkerungspolitisches Ideal,
das er in Norwegen ꝛc. fand
174; Lehre, Würdigung, Folgen
175; Unwirksamkeit seiner Em—
dhehlung „der Enthaltsamkeit
Mantuanus 895.
Marheinecke 49.
Marlo 98.
Maroussem, Graf 121.
Marres, de la 112.
Marshall 224.
Martin 216.
Marx, Karl, Anlehnung an Ri—
cardo 95; Hauptwerke, Lehre
und Kritik 96/98; Wuürdigung
seiner socialen Theorien in Zu⸗
sammenhang mit seiner Raffen⸗
zugehörigkeit 152; Standpunkt
gegenüber dem Bevölkerungs—
oroblem 175; einseitiger Pessi—
nist in der Beurteilung des
Maschinenzeitalters 224; Er—
veiterung der früheren Be—
bachtungen über Arbeitsteilung
325; Arbeitszerlegung — Ar—
beitsteilung der Manufaktur—
periode 351; Kritik seiner Be—
hauptung bezügl. Folgen stei—
gender Maschinenanwendung
352; Verlangen nach centra—
istisch geleiteter Arbeitsteilung
363; Berechtigung des Privat⸗
eigentums an produktivem Ka—
pital, das mit individuell kör—
perlicher Arbeit des Eigen⸗
tümers zusammenhängt 381;
Zurückführung der KAlassen—
bildung auf Vermögens- und
Einkommensungleichheit 8395;
Terminus-Manufaktur 483.
Maurice 445.
Maury, F 212.
Mayr, Georg v., Statistiker,
seine Hakptwerke 115; Tabelle
3 Altersaufbaues nach v. M.
Mehring 98.
Meiners 118.
Meitzen, August, Statistiker,
Hauptarbeit 115; Agrarhisto—
riker, Hauptwerke 117; Weide—
genossenschaften der Kelten und
Germanen zur Zeit überwie—
gender Viehzucht 198; Be—
urteilung der Markgenossen⸗
schaft 237; Theorie uͤber die
Siedelungsweisen verschiedener
Völker, Dorf- und Hofsystem
261/262; Rindvieh bei den
keltischen Viehweidegenossen—
        <pb n="475" />
        schaften teils diesen, teils den
ꝛinzelnen gehörig 370; Hypo—
these über die zur Zeit des
Tacitus nach dem Viehbesitz
differenzierten Germanen 371.
Melanchthon, Stellung zur sog.
natürlichen Religion 82; Er⸗
klärung der Ungleichheit der
Stände 395.
Melon 88.
Menger, Carl, Ausläufer der
Aguischen deduktiven Schule
110; Stellung als national⸗
ökonomischer Forscher 119.
Meyer, Ed. 14.
Miaskowski, A. v. 117.
Michaelis, O. 92.
Mill, J. St., Verlangen nach
Reichtum als Ursache der Volks⸗
wirtfschaft 33; sensualistisch⸗
materialistischer Ethiker 71;
Theoretiker des Utilitarismus
73; individualistischer National⸗
õkonom, sein Hauptwerk 91/92;
Stellung in der Methodenlehre,
namentlich zur Induktion und
Deduktion 110; Negation eines
allgemein menschlichen Charak—⸗
ers; Streben, die Volkswirt⸗
schaftslehre aus einem überall
zleichen Erwerbstriebe abzu—
eiten 140; Verhältnis des Eng
länders zur Arbeit und Lang—
weile 156; pessimistische Be—
völkerungspolitik 175; Unwirk—
amkeit seiner Empfehlung der
Enthaltsamkeit im Geschlechts—
derkehr 176; socialpolitische
Behandlung der drauen und
Familienfräge 2831; Entbehr⸗
ichkeit von 8/10 der englischen
Detailhändler 364; Vertreter der
aatürlich-ökonomischen Eigen—⸗
tumstheorie 389.
Mirabeau 174.
Mischler, E. 115.
Möser, Justus, Bedeutung für
die nationalökonomische Litte—
raturgeschichte 113; das Hof⸗
ystem als ursprüngliche Siede—
lungsweise 260.
Mohl, RM. v., Verhältnis zur
heutigen Sociologie 72; Ein—
sügung der Familienwirtschaft
in das System. der National—
ökonomie 231.
Dommsen, Th., Bedeutung für
die historisch⸗realistische Forsch⸗
ung 116; Entwickelung des
individuellen Eigentums bei
den Römern nicht an Liegen⸗
schaften, sondern an Sklaven
und Vieh 369.
Mone, Siedelung nach Hof⸗ oder
Dorfsystem 2615; die Einwohner⸗
zahl badischer Dörfer im 15.,
8und 197 Jahrhundert 683

Register.

Nontesquien, über die Zusam—
nenhänge zwischen Natur und
Menschenleben 127; Anhänger
»er Zurückführung der wirt—
chaftlichen und sonstigen Kultur
uif Boden und Klma 188;
Vertreter der Legaltheorie in
der Eigentumsfrage 390.
Norelly 98.
Morgan, Lewis H., Bedeutung
ür die realistische Forschung,
ein urgeschichtliches Hauptwerk
16; Mitteilung über die
Nenschenzahl der Indianer—
8gunde 169; Auffassung über
die Bedeutung der Erfindung
»er Töpferei 194; dasselbe
iber die der Eisengewinnung
01; Rolle seiner Untersuch⸗
ingen über die älteste Familien⸗
erfassung 231; Annahme einer
egellosen Geschlechtsgemein⸗
chaft oder allgemeiner Gruppen⸗
hen am Anfang der mensch⸗
lichen ene 234.
Norus, Thomas 93.
Nühry 127.
Nüller, A. 118.
HNun, Thomas 87.
apoleon J. 307.
Kasmyth 216.
Nasse, E. 119.
ꝛecker 118.
resfield 893.
enmann, J. F. 105.
eumann, Kaspar 112.
dicholson 224.
eiebuhr, B. G. 116.
gissen 258.
Nitzsch, Bedeutung für die
aationalbkonomisch- realistische
Forschung 116; dasselbe für
die deutsche Wirtschaftsgeschichte
118; Tribur als Mittelpunkt
der Reichsverwaltung, ohne
Stadt zu sein 264.
stovacki, A. 195.
JZettingen, v. 115.
Zwen, Robert, praktischer Be—
zründer des englischen Socig⸗—
ismus, sein Hauptwerk 94;
zenossenschaftlicher Agitator
245.
baasche 349.
ßapin 212.
dassy 224.
baul, L. 214.
zaulsen 72.
ausanias 257.
zeel 307.
zeruzzi 432.
beschel, Forscher, dessen Arbeiten
die Frage nach dem Einfluß
der Natur auf das Menschen⸗
leben gefördert haben 127;
Furopa dankt seinem schlechten

463

Wetter seine hohe Kultur 129;
Auffafsung über den Zusammen⸗
jang der Volkswirtschaft mit
her äußeren Natur 137; Ein—
luß auf die Indogermanen,
alls diefe an der nordwestlichen
Durchfahrt säßen 144; Be—
deutung der planmäßigen Zucht
von Pflanzen und Tieren 195.
ßetty, William, Vertreter des
Merkantilismus, Hauptwerke
37; einer der ersten Vertreter
empirischer Nationalökonomik
112; Totenlisten der Stadt
London 112.
Zhilippovich, E. v. 123.
Zictet 116.
indar 133/184.
itt 307.
lato, metaphysisch-idealistischer
Ethiker 71; Stellung in der
Beschichte der Stagatswissen⸗
chaften 77; Vorschläge über
Kindsmord und staatliche Regu⸗
lierung der Kinderzahl 173;
Verachtung des Handels 856;
rentralistischer Eigentumstheo⸗
retiker 390.
Prince Smith 92.
Proudhon 95.
263.
ufendorf, Hauptwerk über das
Naturrecht 82; vermittelnde
Stellung unter den Vertretern
des Naturrechts 83; Eintreten
r monarchische Staatsallmacht

Quesnay, Frangçois 89.
Auetelet, K. A. J., Bedeutung
suür die velgische Statistik 1153
einer der ersten Vertreter
wissenschaftlicher Bevölkerunas⸗
lehre 159.

Raleigh, Sir Walter 174.
Ranke, L. v., Bedeutung als Histo⸗
riker 116;3 Abhängigkeit der
ägyptischen und persischen Reli⸗
gion von der geographischen
Lage der Länder 189.
Rathgen 259.
Ratzei, F., Bedeutung für die
realistische Forschung, Haupt⸗
werke 116; Geograph, dessen
Arbeiten die Frage nach dem
Sinfluß der Natur auf das
Menschenleben gefördert haben
127; Specialisierung der Unter⸗
uchung des Einflusses der
sNaturverhältnisse auf Mensch
und Wirtschaft 129; Einfluß
»es südlichen Klimas auf die
Sigenschaften der Menschen 131;
eine Zusammenfassung der Zu⸗
ammenhänge der Bodenverhaͤlt⸗
nisse mit der wirtschaftlichen
Entwickelung 133; Zusammen⸗
        <pb n="476" />
        fassung des Einflusses der Natur—
verhältnisse auf die Rassen- und
Völkerbildung 144; Beispiele
für die Wirkung der Beschäf⸗
tigung auf den Rassentypus
145; Ursachen der schlechten
Eigenschaften der Mischlinge
Suͤdafrikas 147; Mitteilung
von starken Abweichungen im
Gesamtgleichgewicht der Ge—⸗
schlechter bei Halbkulturvölkern
163; Aufstellung über die
typische Wichtigkeit der Be—
völkerung auf verschiedenen
Stufen ökonomischer Kultur
183; Auffassung über die Be—
deutung der Erfindung der
Töpferei 194; wirtschaftliche
Eigenschaften des Nomaden 197.
Rau, wirtschaftliche Theorie des
Selbstinteresses 32/33; indi⸗
vidualistischer Nationalökonom,
Hauptwerk 91; Einteilung der
Volkswirtschaftslehre 124.
Rawson 166.
Redtenbacher 218.
Renan, Ernest 151.
Reuleaux, Charakteristik der Ma—
schine 191; Wasserversorgung
des alten Rom und heutigen
London 207; einseitiger Opti⸗
mist in der Beurteilung des
Maschinenzeitalters 224.
Reybaud 121.
Ribot, Unterschied der Gesamt—
nervenmasse der Wilden und der
Kulturmenschen 144; Wirkung
der Erziehung auf den Charakter
146; Erblichkeit persönlichern
Eigenschaften 397.
Ricardo, David, individualisti—
scher Nationalßkonom, Haupt-⸗
werk 91; englische Schriftsteller,
die zuerst das ungenügende
seiner Theorie empfindend, sich
—DDD—
wandten 120.
Riehl, Volkscharakter der Pfälzer
155; socialpolitische Behand—
lung der Frauenfrage 231.
patriarchalische Familie 241.
Ritter, K., Bedeutung für die
Erdkunde und die realistische
Forschung 116; Abhängigkeit
menschlicher Kultur von der
natürlichen Gestaltung der Erde
127; Vergleich zwischen der
Nährfähigkeit eines Bananen⸗
und Weizenfeldes 131.
Roberts, R. 214.
Rodbertus, persönliche Freiheit
und Rechtsregulierung 88; An—
lehnung an Ricardo 95; Wür—
digung als Socialist, Haupt—
werke 96; Ablösung der Volks—
durch Staatswirtschaft 803.
Rogers. Th. E. Sutarbeifen

—34

Register.

uind Stellung in der Geschichte
der englischen Nationalökonomil
120; Angaben über Einwohner
ahl englischer Städte im 14.
Jahrhundert 266; Anteil der
städtischen Bevölkerung an der
Gesamtbevölkerung Englands
im Jahre 1377 267.
Koscher, Untersuchung über den
Luxus 28; Altruismus und
Egoisssmus zur Erklärung wirt⸗
chaftlicher Handlungen 33
Anknüpfen an die Gdttingen
ulturhistorische Schule 1183
Bedeutung für die historische
sationalökonomik, Hauptwerke
117/118; seine Werke als solche
velche sich in der Richtung der
Bedanken und Ziele der neueren
holkswirtschaftslehre bewegen
23; zeitliche Verhältnisse der
jistorischen Epochen der Vieh—
szucht und des Ackerbaues 195
Wertschätzung des Ackerbaues
zei den Alten 200; Hofsystem
ils Ausnahme der Siedelungs⸗
weise auf niederer Kulturstufe
260; Hinweisung auf und
Beurteilung der verhältnis—
näßigen Besetzung verschie—
dener Berufe 357; Erzeugung
don Bankerotten durch Über—
setzung des englischen Detail—
handels 364; Vertreter einer
natürlich-ökonomischen Eigen
tumstheorie 389.
Rougemont 192.
Rousseau, optimistischer Bevöl—
kerungspolitiker 174; seine
Naturschwärmerei ein Protest
gegen Arbeitsteilung 865.
Rümelin, Gustav, Statistiker
115; Beispiele für die Größe
der Zeiträume, die schon eine
geringe Zahl von Generationen
umfaßt 148; schwäbischer Volks⸗
charakter 155; Normalzahl der
Eheschließungen 164; Städte—
bevölkerung 276; Umfang des
Nebenerwerbes landwirtschaft⸗
sier Familien in Württemberg
Ruskin 120.
Sacharoff 170.
Zachs, Hans, Geringachtung der
Kaufleute 8357; Erklärung der
Ungleichheit der Stände 395.
———3—663 Vicomte de
Zaint Simon 94/95.
Zartorius 118.
vartoriu⸗ von Waltershaufen
Zavary, als einer der ersten
Vertreter empirischer National—
zkonomie 112; Zahl der Pariser
Bewerbekorporationen im Jahr⸗

1760 8349; Verurteilung der
Kompagnien 41.
Sax, Emanuel Hans 119.
Zax, Emil, Einleilung der Be—
dürfnisse 23; Altruismus und
Egoismus zur Erklärung wirt⸗
schaftlicher Handlungen 38.
Say, J. B., individualistischer
Nationalökonom, sein Haupt—
werk 91; Verdeutlichung der
Arbeitszerlegung an der Spiel⸗
kartenfabrikation 851.
Zay, Louis 118.
Zchäffle, A. v., Ideal socialer
Mechanik 60; Verdienst um die
Lehre von den socialen Organen
63; Sociologe 72; Zeitschrift für
die gesamte Staatswissenschaft
119; Wurdigung; seine Werke
als solche, welche die Ziele und
Bedanken neuerer Volkswirt-⸗
chaftslehre mit am deutlichsten
wiederspiegeln 123; Bedeutung
des Ackerbaues für die Ver—
nunftentwickelung 200; Versuch
einer Einfügung der Familien—
wirtschaft in das System der
Nationalökonomik 231; staatswissenschaftliche
 Verwertung
der biologischen Gedankenreihen
über Arbeitsteilung 325; Wich—
tigkeit der Aristokratien für
höhere Kultur 410.
—A—
nands 119; Finanzarchiv
Schelling, metaphysisch-⸗idealisti—
scher Ethiker 71; Einfluß auf
deutsche Socialisten 118.
Scherer, W. 11.
Schiller 365.
Schlözer 112.
Schmoller, G., Vertreter der mo—
nographischen deutschen Wirt—
schaftsgeschichte 118; Jahrbuch
für Gesetzgebung, Verwaltung
und Volkswirtschaft im Deut—
schen Reich 119; Arbeit über
Arbeitsteilung aus dem Jahre
1889 325; fruͤhere Auslassung
über die klassenbildende Wirkung
der Arbeitsteilung 397.
Schnapper⸗Arndt 119.
Schönberg, G. v., Vertreter
der monographischen deutschen
Wirtschaftsgeschichte 118; Hand⸗
ne der politischen Okonomie
Schönlank 98.
Schrader, O., Bedeutung für die
realistische Forschung, Haupt—
werke 116; individualistische
Eigentumstheorie, anknüpfend
an“ urgeschichtliche Wortbil⸗
dungen 389.
—A
licher Agitatior 445;: Eintreten
        <pb n="477" />
        für Solidarhaft, Erhöhung der
Bedeutung der Generalver—
ammlung, Empfehlung peri—
odischer Revistonen 447.
Schumacher, H. 119.
Schwabe 276.
Senior 32.
Sering, M., Agrarpolitiker 119;
Kenner amerikanischer Volks—
wirtschaft 119.
Serra, Antonio 87.
Settegast 196.
Shaftesbury, empirischer Ethiker
72; im Sinne des Naturrechts
natürliche und unnatürliche
Neigungen 83.
ZSiemens, W. v., Erfindung
verbesserter Stahlgewinnung
216; hervorragender Großin⸗
dustrieller 394.
Simmel, sociologische Behand—
iung der Arbeitsteilung 8325;
die unteren Klassen repräsen—
tieren eine rückständige Zeit 398.
Zismondi, Vertreter des So—
cialismus, sein Hauptwerk 93;
auf christlicher Grundlage
fußend 113; sein Wirken im
Begensatz zur Sayschen Schule
1217; einseitiger Pessimist in
der Beurteilung des Maschinen—
zeitalters 224.
Sivert, H. 127.
Smith, A., Bedeutung der Sym⸗
pathie der Menschen 30; über—
triebener Einfluß, den er dem
Streben nach Anerkennung bei—
mißt 31; Stellung in der Ge—
schichte der Lehre vom Selbst—
nteresse 32; empirischer Ethiker
72; individualistischer National—
zkonom, Bedeutung für die
Volkswirtschaftslehre 9091
optimistischer Bevölkerungspoli—
tiker 174; Ausführungen über
Städtewesen, Kritik 274; Selbst⸗
verständlichkeit gut eingerichteter
Staats- und Finanzverwaltung
281; Begründer der Auffassung,
daß übermäßige und ungerechte
Steuern die Volkswirtschaft be—
drohen 308; Unterschätzung der
Beamtenwirtschaft 312; Stu—
dien über Arbeitsteilung 325;
Ausgangspunkt der Arbeitsteilung
 327; Verdeutlichung der
Arbeitszerlegung an der Steck—
nadelfabrikation 351; Land—
wirtschaft produktiver als Ge—
werbe und Handel 357; Ver—
urteilung der Compagnien und
ihrer Direktoren 441; desgl. der
Unternehmerverbände 449.
Soetbeer, monographischer Spe—
zialforscher 119; gleichzeitige
Niederschlagung von Steuern
und Staatszinszahlungen 310.
5chbmoller., Giundriß der Volkswie

Register.

Zokrates 3885.
Zolon 356.
A
zonnenfels 174.
AR
lichen 43; sensualistisch-mate—
rialistische Ethiker 71; Stellung
in der Geschichte der Staats—
wissenschaften 77.
Zpencer, H. Kontrolle der mensch⸗
sichen Handlungen 45; em—
airischer Ethiker 72; Sociologe
72; Bedeutung für die histo—
ische und sonstige realistische
Forschung 116; angeborene
Ddenkformen 141; ethnogra—
»hische Beschreibung der nie—
»ersten Rassentypen im An—
chluß an H. Sp. 148/150;
Lergleich zwischen Tierarten
ind Völkern verschiedener Kul—
urhöhe bezüglich der Opfer,
ie die Nachkommenserzeugung
en Eltern bereitet 161; Stand—
unkt in der Bevölkerungsfrage
75; Wichtigkeit der zunehmen⸗—
en Lebensdauer der Eltern in
der patriarchalischen Familie
ür die höheren Kulturleistungen
242; politische und sociale
Folgen zerstreuter und dichter
Ziedelung 275; Zusammen—
virken verschieden beanlagter
Nenschen in Gruppen 280;
taatswissenschaftliche Verwer—
ung der biologischen Gedanken—
eihen über Arbeitsteilung 325;
Vichtigkeit des Vertrauens der
—
zei primitiver Kultur 330;
folgen der Arbeitsteilung 365;
Jererbung von Stellung und
funktion als Princip socialer
Dauerhaftigkeit 400.
zpinoza, Vertreter des sogen.
Naturrechts 82; Selbstsucht 83;
rintreten für Volkssouveräni—
tät 83.
zpittler 113.
ztahl 389.
ztarke 231.
5tein, Lorenz v., Hauptwerke
113; Charakteristik, Bedeutung
ür die Wissenschaft 114; Werke
ils solche, welche sich in der
tichtung der Gedanken und
ziele der neueren Volkswirt—
chaftslehre bewegen 123; Ver—⸗
uch einer Einfügung der Fa—
nilienwirtschaft in das System
»er Nationalökonomie 231.
euart, James, wirtschaftlicher
Mechanismus ein Werk des
Staatsmannes 85; hervor—
agendster Vertreter des eng—
ischen Merkantilismus, Haupt—
Haftslehre. J. 4—6. Aufl

465

wverk 87/88; Betonung der in
»er Ernährungsmöglichkeit ge—
gebenen Grenzen der Bevoöl—
terung 174.
Stieda, W., Vertreter der mono—
graphischen deutschen Wirt—
schaftsgeschichte 118;3 Höhe
städtischer Etats im 14. Jahr—
hundert 282.
ztruck 119.
ztruensee 113.
züßmilch, Johann Peter, Haupt⸗
werk, Bedeutung für die em—
airische Forschung und Statistik
112/113; erster, der den Ver—
uch einer Bevölkerungslehre
internahm 159; ältere Zahlen
iber Eheschließungen 165;
»esgl. über Todesfälle 166;
Schätzung der Bevölkerung der
zanzen Erde 171; optimistischer
Bevölkerungspolitiker 174; pessi⸗
nistische Auffassung über
städtische Wohnweise 276.
zulla 402.
Zully 304.
Zzupan 171.
5yme, D. 120.
kacitus, Unmöglichkeit, auf ihn
die Annahme des Hof- oder
Dorfsystems bei den Germanen
zu stützen 262; Geringe und
Mächtige mit gleichem Besitz
375.
darde 10.
demple, Sir William, einer der
ersten Vertreter empirischer
Nationalökonomik 112; opti—
muscher Bevölkerungspolitiker
Thierry, hervorragender Histo—
riker und dadurch Anreger
der französischent Wirtschafts⸗
geschichte 121.
Thomas von Aquino 71.
Thompson, William 94.
8 120.
Zhünen, A. v., Bedeutung für
die Volkswirtschaftslehre 117;
Unrentabilität landwirtschaft—
icher Grundstücke wegen zu
veiter Entfernung von den
Wohnstätten 272; 'örtliche Ar—
beitsteilung 354.
hukydides 77.
khun 119.
Tooke, Th. 120.
dories 87.
Toynbee, A. 120.
zreitschke, v. 410.
crendelenburg 389
durgot 89/90.
kylor 116.
Unger 230.
Urquhart 365.
Zauban, individualistischer Volks—
        <pb n="478" />
        —166

wirt, sein Hauptwerk 88; op⸗
timistischer Bevölkerungspoli—
tiker 174.
Berri 86.
—A
Bierkandt, Charakteristik der Se—
miten 152; Autor, der ab—
schließende Zusammenfassungen
über die Rassenfragen unter—
nommen hat 158.
Billermée 121.
Bollgraf 140.
Vossius, Isaac 171.
Wagner, Adolf, Einteilung der
Bedürfnisse 28; monographischer
Specialforscher 119: sein Lehr⸗
duch als solches, in dem sich
die Gedanken und Ziele neuerer
Volkswirtschaftslehre mit am
deutlichsten spiegeln, Stellung
in der Nationalökonomik 128;
»esonderes caritatives System
neben Privat- und Gemein—
virtschast 317; Terminologie
der Eigentumstheorien 889;
Vertreter der Legaltheorie in
der Eigentumsfrage 390.
Wagner, Moritz, Migrations⸗
theorie 129; Erklärung der
Rassenscheidung 142/143; Be⸗
deutung der Migrationstheorie
176; Ürsache der ersten tech—
nischen Fortschritte 191.
Waitz, Th., Bedeutung als re⸗
aliftischer Forscher und Anthro—
pologe, Hauptwerk 116; Ver—
treter einer mehr ideagaliftischen

Register.

Auffassung über den Zusammen⸗
jang der Civilisation mit der
äußeren Natur 137.
Wallace, A., Naturforscher, dessen
Arbeiten die Kenntnis vom
Finfluß der Natur auf das
Menschenleben gefördert haben
eg Konstanz der Tierrassen
Wallon, H. 121.
Wappäus, Bevölkerungsstatistiker
II , pefsimiftsche Auf⸗—
sassung über städtische Wohn⸗
weise 276.
Webb, Beatrice und Sidney,
Würdigung 98; Stellung in
der Geschichte der englischen
Nationalökonomik 1205 pro—
entualer Anteil der Arbeiter
an der englischen Gesamt—
bevölkerung 345.
Weber, M., Agrarpolitiker 119;
Ersetzung der römischen Hufen—
derfassung mit Feldgemeinschaft
durch freies Bodeneigentum und
ihre Folgen 8378.
Veismann 148.
Wellhausen 329.
Wells, Procentsatz der in ver—
schiedenen Industrien der Ver—
einigten Staaten durch die
reuesten technischen Fortschritte
iberflüssig werdenden Arbeiter
223; Verhältnis zwischen
Staatsausgaben und National⸗
Infommen Großbritanniens

Wertheim 4883.
Westergaard, W. 115.
Westermarck, Abweichungen im
Gesamtgleichgewicht der Ge—
schlechter bei halbkultivierten
Völkern 163; Stellung in der
ditteratur über die älteste
Familienverfassung 281; sein
Bebrauch des Begriffs Ehe
231; Annahme einer befestigten
patriarchalischen Familienver—
fassung bei größeren primitiven
Stämmen 234.
Whigs 87.
Vinkelblech s. Marlo.
wituch T18.
Woeikoff 127.
Wolf, Christian, Vertreter des
Naturrechts, Hauptwerk 82;
Fintreten für monarchische
Staatsallmacht 83; Merkan—
tilist 88.
Wolf, Julius 122.
Wright, Th. 120.
Wundt, empirischer Ethiker 72;
Gegensatz des Geistes zu den
Naturwissenschaften 111.

kenophon, Stellung in der Ge—
schichte der Staatswissenschaften
—7 Staatseinnahmen Attikas

—RW
Zahn 332
Seus 79.

II. HSach-Register.

Absatz, Abhängigkeit vom Klima
132; beim Handwerk 419; in der
dausindustrie 425; im Groß⸗
betrieb 429/430, 432, 433/434;
Regulierung durch Zünfte
419/420; dasselbe durch Kar⸗
telle 449, 450/451; Regelung
auf dem freien Markt 456.
Abzugsrecht, unter der Grund—
schat 291; nach Stadtrecht

Ackerbau, Abhängigkeit der Ent—
stehung von den Bodenverhält—
nissen 132; A. folgt dem Wasser
134; Einfluß auf die Wande—
rungen 177; verschiedene An—
sichten über historische Auf—

inanderfolge der Epochen des
A. und Viehzucht 195; Hack⸗
‚au Hahnscher Terminus für
rimitiven A. 195; Entstehung
»es A. mit Pflug u. Zugvieh
m Anschluß an das Gelingen
der Rindviehzähmung 1964197;
M. die weiblichen u. friedlichen
rigenschaften der Stämme för⸗
zernd 198; Unterschied zum
hackbau 198; Bedeutung des
4. für Entwickelung der Technik
ind Kultur 199/200; verschie⸗
»ene Systeme des A. 200/201;
Sklaven⸗ und Vieheigentum
ilterer A.“Stämme 369,371;
iltere Grundeigentums-Ver—
assung der A.Völker 371/373.

er und Industriestaatsfrage
359.
Agrarwesen, die deutschen Haupt⸗
autoren des A. 117, 118/119.
Aktiengesellschaft, historische Vor⸗
läufer 441; Wandelung des
A.⸗Rechts 442; Wesen u. Ver—
fassung 442/443; Sowicrig.
eiten und Schattenseiten 443;
Vorzüge 444; Statistik 444.
AngemelneVolawietschaftalehre
Allmende, Verschwinden der römi—
schen A im ager publicus 258;
Stellung in Dorf- und Mark⸗
genossenschaft 287/288; Teilung
ind Folgen für den Bauer 289;
Rolle in der Stadtwirtschaft
        <pb n="479" />
        297; im Eigentum moderner
Sinwohnergemeinden 316, 377;
Größe im Trierischen Lande im
48. Jahrhundert 371.
Ultersaufbau, A. in verschiedenen
Staaten 160; verschiedene Be—
etzung der Altersklassen nach
dem Stande der Kultur 162;
Unterschied zwischen Stadt und
Land 162; Bedeutung für die
Sterblichkeit 167.
Altersklassen, wirtschaftliche
Stellung u. numerische Be—
deutung der verschiedenen A.
160/ 161; Wichtigkeit der reife⸗
ren A. für die Kultur 161/162.
Altersverhältnisse der Bevölke—
rung 159/162.
Amtsbezirk 285.
Anerkennungstrieb, allgemeine
Schilderung u. Würdigung 30;
A. sittliches Zuchtmittel 45;
Zusammenhang mit der Klassen⸗
oildung 393.
Arbeit, Definition 38; Erziehung
zur A. 38/39; Bedeutung als
wirtschaftliche Tugend 395 Be—
einflussung der Zu- oder Ab⸗
nahme der Arbeitsgelegenheit
u. ihrer Regelmäßigkeit durch
die Maschine 228; Beein—
lussung durch die Arbeits—
leilung 364/365.
Arbeiter, Arbeiterstand, Ent—
stehung eines breiten Lohna.
im Anschluß an die Großtechnik
228; Wirkung der Maschine
auf Lebenshaltung, Gesundheit,
Kraft, Bildung der A. 223/224;
allgem. Gesichtspunkte über die
Entstehung eines gehorchenden
A. 337/338; unfreie u. halb—
freie A. 339/342; Entstehung
des neueren freien A. 342/3483
Wesen des letzteren 344; Ele—
mente u. Größe des A. in
Preußen im Laufe des Jahr—⸗
hunderts 344; procentualer
Anteil an der derdutn in
verschiedenen Staaten 344345;
zgegenwärtiges Zahlenverhält⸗
nis in Deutschland zwischen
Unternehmern, Beamten u. A.
345, 352; landwirtschaftliche
Thätigkeit industrieller Lohna.
347; gelernte u. ungelernte A.,
Statistik 352/353; notwendige
Forderungen für die A. gegen—
über den schädlichen Folgen der
Arbeitsteilung 367; das heutige
Problem der Organisation der
A. 407/409; Rechtsverhältnis
der A. im Großbetriebe: patri—
archalische Verfassung 437/438;
freier Arbeitsvertrag 488/439;
Reform 4399.
Arbeitsgenossenschaften, 415/416.

Register.

Urbeitsmaschine, im Gegensatz
zur Kraftmaschine 218; Charak—
eristik der Voraussetzungen u.
Wirkungen 219.
Arbeitsteilung, frühe in den
Mittelpunkten der asiatischen
keiche 205; Vorläuferin der
Arbeitsmaschine 219; eine Art
A. zwischen Mann und Frau
n den frühesten Zuständen
erstreuten Wohnens 232; die
atriarchalische Familie als Er—
eugerin einer natürlichen, ein⸗
eitlich geleiteten A. 242; Or⸗
janisation der A. in der patri—
irchalischen Familie 243; A. in
der modernen Familie 249,250;
jewisse A. Bedingung der
Ztädtebildung 265; A. in der
grundherrschaftl. Verwaltung
90/291; gesellschaftl. u. wirt⸗
chaftl. A. 324/367; Dogmen⸗
geschichte 825; Entstehung u.
Vesen 326/327; Stoffeinteilung
28/329; Thatsachen der A.
328/859; Priester⸗ und Krieger⸗
um 329/333; Händler 333/8337;
üntstehung eines Arbeiter—
tandes 337/3383 Sklaven
38/340; halbfreie Arbeiter
40/342; neuerer freier Ar—
eiterstand 342/345; Scheidung
»on Gewerbe und Landbau
346/317 landwirtschaftliche A.
347/348; gewerbl. A.; Wesen
ind Termini; Zahl der ver—
chiedenen Gewerbe; Würdigung
348/353; A. der liberalen Be—
ufe 3583/354; räumliche A.
354/356; ältere Beurteilung
»er A.; Altertum, Kirchen—
äter, Physiokraten, Smith
56/3573 zahlenmäßige Er—
afsung 358/359; vier Typen
esellschaftlicher Ordnung der
1. 360/362; technisch-⸗wirtschaft⸗
iche Bedingungen 359360;
ociale Institutionen als Vorbe—
ingung862; psychologische Vor⸗
edingungen, Komplizierung der
aenschlichen Motive 362/363;
Ursachen 3860; Zusammen—
afsung der Ursachen u. Bedin—
ungen 363/364; sociale Resul⸗
ate 362; gesellschaftliche Folgen
64/365; individuelle Folgen
365/366; Schattenseiten, not—
vendige Forderungen für die
Arbeiter ihnen gegenüber 867;
ocialistische Beurteilung 3683,
365, 366/367; manchesierliche
Beurteilung 363; Anklagen
nom individuellen Standpunkt
365/367; Einfluß auf Klassen—
bildung 396/398.
Arbeitsverschiebung 350.
Arbeitszerlegung, Begriff 350;

467

Schilderung und Würdigung
351/352.
Aristokratie, Entstehung u. Herr—
schaft der Priester-A. 330,331;
Krieger⸗A., Entstehung u. Um—
wvandlung 331/332; Haändler⸗A.
383, 3835, 337; Mittel des
?mporkommens, procentualer
Anteil an der Bevpölkerung,
Stütze durch dienende Kräfte
338; Arbeitsteilung zwischen
A. und Hörigen 841; Kriterium
er Berechtigung ihres großen
grundbesitzes 378; Erbrecht u.
A. 384/385; Rechtfertigung
ourch F. A. Lange u. a., Be—
deutung für Emporsteigen der
Völker 409410.
Irmenpflegerkongreß 119.
Lrrondissement 284.
susland, Verbindung mit ihm
durch völkerrechtl. Abmachungen
uind Handelsverträge 286/287;
Teil des für ausländische Waren
ausgegebenen deutschen Natio—
naleinkommens 356.
luswanderung, geschichtliche
Rolle in der Bevölkerungs—
politik 177/179; Statistik der
neueren A. 180/182; staatliche
A.Politik 181.

Bankwesen, deutsche Haupt—⸗
autoren 119; arbeitsteilige Ent⸗
stehung aus Nebenerwerb 335;
Broßbetriebe im B. 432; cen⸗
tralistische Tendenzen 453.
ßauer, Veränderung durch Um—
bildung der genossenschaftlichen
Dorfwirtschaft in Sonderwirt—
schaft 289/290; Lage des un—
freien B. unter der Grund—
herrschaft 291/292.
Baugewerbe 380.
Baumwolle, Statistik der B.⸗
Spindeln 214; Chevaliers Be—
rechnung der Steigerung der
oroduktiven Kraft in der B.⸗
Verarbeitung 221.
zaumwollspinumaschine 214.
zeamte, Bedeutung für die
staatliche Wirtschaft 312; Größe
des B.Personals in verschie—
denen Staaten u. Verwaltungen
312/313; Schwierigkeit der Or⸗
janisation des B.-Apparates
313; gegenwärtiges Zahlen—
erhältnis in Deutschland
wischen Unternehmern, B. u.
Irbeitern 345, 352; Zahl der
3. 1882 u. 1895 in Landwirt—
chaft, Gewerben, Handel und
Berkehr 486; Beamtentum des
Großbetriebes 436/437.
Bedürfnis, Litteratur 20; ge—
neinsame B. Bildner wirtschaft⸗
icher Bewußtseinskreise 19;
ndividuelle B. 22/26;Defi—
v
        <pb n="480" />
        168

nition 28; B.Befriedigung
Ausgangspunkt alles Handelns
28; Einteilung 23; Erklärung
24; Berechtigung der wirt—
chaftlichen B-Steigerung 25;
sefahren der B.-Steigerung
25/26; Vereinheitlichung der
B. treibende Ursache des Groß—
vetriebes 482.
Begriffsbildunug, Zweig der
Methodenlehre 108105; Auf—
gabe und Bedingungen 108;
zIAllgemeine Begriffe; häufige
Überschätzung; Begriffsschema—
tismus 104; Bedeutung für
die Volkswirtschaftslehre 105.
zeobachtung, wissenschaftliche
Methode 100/103; Definition
der wissenschaftlichen B. 100;
Objekte und Hilfsmittel 101;
Lerhältnis zu Induktion und
Deduktion 102.
Bergbau, Verwendung der Wasser⸗
kraft im 14. u. 15. Jahrhundert
209; Großbetrieb 482.
Bergwerk, Veräußerung staatl.
B. von 1800 ab 304/305; Rolle
m Etat verschiedener Staaten,
305; ältere Verfassung 428;
neuere Reform 424.
beruf, Versuche einer Klassi—
fikation 356/357; Verhältnis—
mäßigkeit der Besetzung 857;
Erblichkeit 399/400; Berufserb—
ichkeit im indischen u. römischen
Kastenwesen 400/402; Kritik
der Erblichkeit, Kampf dagegen
104,405; Aufhebung der Erb⸗
ichkeit u. ihre Ursachen 405/406;
freie Berufswahl 406.
Berufsstatistik 358/3509.
berufsteilung, frühe in den
Mittelpunkten der asiatischen
Reiche 205; Wesen u. Begriff
349/350; Wesen u. Begriff der
Specialisation der B. 250;
historisch-statistische Erfassung
358/359; Einfluß auf Klassen⸗
bildung 396/398.
Beschäftigung, Rassentypus 145.
Beschreibung, wissenschaftliche
Méthode 100/103; Definition
101; Verhältnis zur Beobach—
tung 101/102; Vergleichung
als Hülfsmittel der B. 102.
zevölkerung, merkantilistische Re—
gelung 85; Verteilung auf die
nördliche und südliche Hälfte
der Erde 128; Abhängigkeit
von Flora und Fauna 135/137;
durch natürliche Fruchtbarkeit
des Bodens und Klimas be—
dingte Verschiedenheit der Dich⸗
igkeit 136; Altersverhältnisse
159/162; Geschlechtsverhältnis
und Verehelichung 162/165;
Geburten u Todesfälle 165/168

Register.

zunahme u. Abnahme 168/169;
ibsolute Größe der B. ver—
hiedener Völker und Länder
u verschiedenen Zeiten 169,171:
zemmungen 171/1763 Aus—
reitung nach außen, Eroberung,
dolonisationen, Wanderungen
76/182; Schätzung der voraus⸗
ichtlichen B. einzelner Nationen
ach hundert Jahren 182; Ver⸗
ichtung der B. 182/186; Ver⸗
eilung auf Stadt und Land
m Mittelalter 267; relative
ind absolute Verteilung der B.
uf Stadt u. Land, verschiedene
zevölkerungsgzunahme; Sta—
istik 269/2715 Anteil der B.,
er bei verschiedener Kultur—
tufe und Militärverfassung
driegsdienst thut 332; Einfluß
»er Bevölkerungszunahme auf
die Bildung der Hausindustrie
ind des modernen Arbeiter—⸗
tandes 348; Teilung nach Be⸗
rufen 358/859.
Bevölkerungslehre, ihr Gegen—
tand und die Anfänge einer
vissenschaftlichen Behandlung
159; Malthus 175.
devölkerungspolitik, Hemmun—
zen Sbei primitiven Völkern
73; B. des aufgeklärten Des—
otismus 174; pessimistische
8. vertreten durch Malthus,
Mill ec.; in ihrer Folge mancher⸗
ei die Bevölkerungszunahme
„sindernde Gesetze 175; Wan—
»erungen ganzer Stämme bei
oheren Naturpölkern 1773;
dolonisation seßhafter Völker
77/178; Richtlinien für eine
deutsche B. der Gegenwart 187.
Bevölkerungsproblem, B. und
die Wege seiner Lösung 171/187.
ßevölkerungsverdichtung, Sta—
istik der B. 182/184; die na—
ürlichen Bedingungen der B.
84; technische, wirtschaftlich⸗
irganisatorische Vervollkomm⸗
iung als Verdichtungsbedin—
ung 188/186; Bedeutung und
ßrenzen der B. 186; B. Be—
ingung der Städtegründung
65; Verhältnis der verschie—
enen Wohnplätze zur Bevöl—
erungsdichtigkeit; Statistik
69/27 1.
wußtseinskreise, Litteratur,
5; sallgemeines Wesen 16/17;
ie einzelnen B. 18/20; re—
igiös⸗kirchliche B. 19; wirt—
schaftliche B. 19/20.
Biologie, Einfluß auf die Lehre
von der Arbeitsteilung 325.
Blutsmischung, sociale B. 145;
ails Ursache neuer Rassentypen
46/147.

*

Blutszusammenhang, als Princip
gesellschaftlicher Gruppierung 7.
zodenverhältnisse 133.
zörsenwesen, die deutschen Haupt⸗
autoren 119.
grauerei 422.
Srennwirtschaft 200.
ßronze 202.
Bürgermeisterei 285.
Bürgerschaft, Zusammensetzung
in der älteren Stadt, Rechte
der Mitglieder 295; Natural⸗
dienstleistungen in der älteren
Stadt 297.
zurg, älterer deutscher Gebrauch
des Namens 263; Beziehungen
zwischen Burgbau und Städte—
gründung 264.
Büschmünner 148.
Laritatives System 317.
Tentralistisch, Steigerung des e.
Zuges in der Leitung der Volks⸗
wirtschaft 453, 455, 457; Be—
urteilung 455.
Thinesen, ethnographische Be—
schreibung; Bedeutung ihrer
Konkurrenz für Europa 150/151.
Lhristentum, Einfluß auf die
Staatswissenschaften und seine
Ztellung in ihrer Geschichte
9/80; Stellung zur Bevöl—
erungsfrage 174.
Lobdenklub 92.
zollegia 401.
;ollegiati 402.
Lompagnien, ihre Rolle bei der
Auswanderung 178; Wesen,
deistungen, Umfang der re—
zulierten C. 441; Urteile über
setztere 441/442.

Ddampf, als Kraftquelle 212;
Vorzüge gegenüber Wasser und
Wind, Schattenseiten 213; die
Ddampfkräfte Deutschlands im
Lergleich zur Größe anderer
nechanischer Kräfte 218; Kosten
»er Dampfkraft im Vergleich
zu anderer im Verkehr 219.
dampfmaschine, Überblick über
hre Entwickelung 212; Ver—
zreitung, technische gdesinrge
wirtschaftliche Bedeutung 213.
Dampfschiff, sein Übergewicht in
——— Handelsmarine
212.
Deduktion, als wissenschaftliche
Methode 109; Zusammenwirken
nit der Induktion 109/110.
finition, siehe auch Begriffsbil⸗
)ung; als Zweig der Methoden⸗
ehre 103/1053; 8weck, Be—
»ingungen, Grenzen, Beispiele
03; Möglichkeit verschiedener
I os⸗ Rominal⸗ und Real⸗D.
104.
deutsche 154/156.
        <pb n="481" />
        Deutschland, Abhängigkeit seines
Ackerbaulebens von seiner geo—
graphischen Lage 129; Größe
seines zusammenhängenden
Landgebietes und deren Be—
ziehungen zur geographischen
Lage 129.
Detailhandel 364.
Dieselsche Wärmemaschine 218.
Differenzieruug, Anerkennung,
daß zu große D. der socialen
hen die Gegenwart bedrobhe
Domänen, Veräußerung von 1800
ab 304/305; Rolle im Etat ver⸗
schiedener Staaten 8305.
Domänenwirtschaft, Vorzüge
gegenüber der Naturaldienst-—
verfassung304; Würdigung 8305.
Dorf, allgemeine natürliche Be—
dingungen 133; Hackbau als
Erzeuger 200; Definition des
Begriffes 255; dem vorwie—
genden Leben des Hack- und
Ackerbaues entsprechend 256;
Finwohnerzahl badischer und
russischer D., dasselbe von 58
Pfälzer D. im 15. 18. und
19. Jahrhundert 263; Zahl der
Familien nach Meitzen, welche
bei den Germanen gemeinsam
Dorffluren erwerben und D.
anlegen 261; kleine D. früher,
als Höfe 262; Statistik der mo—
dernen Einwohnerzahl 268,271;
Verhältnis zur Markgenossen—
schaft 287/288.
Dorfgenossenschaft, Verfassung,
Organe, Eigentumsrecht, Ge—
samtwirtschaft der alten D.
288/289; Umbildung in die
neuere Einwohner- und Orts—
gemeinde 289.
Dorfsystem, Streitfrage, ob Dorf⸗
oder Hofsystem das ältere
260,262; Vorzüge des D. und
Prognose seiner zukünftigen
Ausdehnung 262/2633; statistische
Erfassung des territorialen
Gegensatzes von Hof- und Dorf⸗
system 268.
Dorfwirtschaft, wesentl. Merk—
mal früheren Wirtschaftslebens
4; Zwecke, Ferasenn Wesen
der aͤlteren D. 287/290.
Dreifelderwirtschaft 200.
économie politique 300.
Egoismus, s. Selbstliebe.
Ehe, Statistik der Verehelichun—
gen, Ursachen der zeitlichen und
geographischen Schwankungen
163/165; Kontrolle der Ehe—
schließung durch den Herrn bei
Sklaven, Halbfreien als Be—
völkerungshemmnis 174; Er—
leichterung der E. unter dem
aufaeklärten Despotismus zur

Register.

Förderung der Volksvermeh⸗
ung 1745 steigende Ehelosig—
eit ꝛc. als bedenkliches Symp⸗
om unserer volkswirtschaft⸗
ichen und soeialen Organisa—
tion 176; Richtlinien einer
Shepolitik als Bestandteil einer
deutschen Bevölkerungspolitik
187; Begriff 231; Fehlen der
F. in den frühesten Zuständen
erstreuten Wohnens und in der
dorde 232,233; Annahme von
ruppenehen am Anfang
menschlicher Entwickelung 2843
Ambildung des Eherechtes 248;
zewisse moderne Strömungen
hezügl. der Eheschließung und
scheidung 251.
fherecht, unter der Grundherr—
schaft 291; nach Stadtrecht
295; im Kastenwesen 400; Ein⸗
jfluß der germanischen Stände—
bildung 403.
Fhre 17.
Fhrenamt 8313/314.
*igenproduktion, E. und Haus—
wirtschaft 204/205; in der
patriarchalischen Familie 242
zis 243; während der älteren
Dorfwirtschaft 288; während der
Brundherrschaft 290; während
der Stadtwirtschaft, Ubergang
zur Kundenproduktion 296;
AUmfang der E. im heutigen
Deutschland an Kartoffeln, Brot,
Schweinefleisch 322.
Figentum, über Grundeigentum
siehe dieses; Wesen und Grund—
züge der Verteilung 867/391;
Bßedeutung und Begriff 368
rstes Vorkommen des Eigen⸗
umsbegriffes und ⸗schutzes bei
Jägern und Hackbauern 368
sis 369; individuelles E. frü—
her als kollektives 369; Ent—
vickelung individuellen E. am
Liehstand 369,370; Sklaven⸗
ind Vieheigentum älterer Acker⸗
»auer und Hirten 3694371;
tädtisches Grundeigentum 379
zis 380; Privateigentum am
dapitalbesitz, Angriffe dagegen;
eine Notwendigkeit u. die Mög—
ichkeit einer Demokratisierung
380/383; Zusammenfassung
iber die antike Entwickelung
385/386; dasselbe bezügl. der
ieueren 3863 Würdigung der
zestehenden Eigentumsordnung
387/1388; Definitionen 888;
ndividualistische Eigentums—
heorien 389/390; centralistische
sigentumstheorien 390; Legal⸗
heorie 390; Einfluß der Eigen—
umsverteilung auf sociale
klassenbildung 398; Anerken—
rung. daß bei steigender Ver—

469

gesellschaftung die Freiheit des
F. nicht verschwindet 122;
Ansammlung größeren E. als
Brund für die Ausbildung des
Vaterrechtes 289; Frage nach
der dem Großbelrieb ange—
messenen Eigentumsform 485
bis 436.
Finfelderwirtschaft 200.
ringeborener 180.
Sinkommen, procentuale Inan—
spruchnahme durch die Kleidung
215; dasselbe durch Ernährung
und Wohnung 220; Einfluß
der Einkommensverteilung auf
Klassenbildung 398.
Einkommensverteilung, Aner⸗
kennung der Notwendigkeit
neuer Formen der E. 122; Be⸗—
onung der ungleichen E. durch
Sismondi und manche Socia—
iisten in der Bevölkerungsfrage
175; Hinarbeiten auf gleich—
mäßigere E. als Bedingung der
Bevölkerungsverdichtung 187;
E. und Arbeitsteilung 8362.
visen, E. im Besitz der Afrikaner,
'olange ihre Geschichte bekannt
192; Wichtigkeit der Eisen—
produktion fuͤr die Menschheit
201; Geschichte der ältesten
Eisenbereitung und -Verwen⸗
dung 202/208; dasselbe fort⸗
geführt bis in die letzten Jahr—
junderte 209,210; Entstehung
zon Specialbetrieben bei der
Fisenherstellung 210; Eisenver⸗
zrauch im 16. —17. Jahrhundert
210; Statistik der Produktion
1. Fortschritte der Gewinnungs-⸗
technik im 18. u. 19. Jahrhundert
216/217, Chevaliers Berechnung
der Steigerung der produktiven
Kraft in der Eisenbereitung
seit 485 Jahrhunderten 221.
Fisenbahn, Wirkung auf Größen⸗
klassen der Städte 271; Vor—
züge der Verstaatlichung 321.
Elektricitüt, Bedeutung für die
Ausnutzung derWasserkraft212;
Verwendung und Wichtigkeit
als Kraftquelle 213/214; mög⸗
licher Einfluß auf die Haus—
industrie 428.
Elemente der Volkswirtschaft
125/228.
Eltern, Entstehung der Fürsorge
für die E. 242.
Empirisch, empirische Ethik 71/723
empirische Beobachtung und In⸗
duktion 110; Anfänge einer
empirischen Wissenschaft der
Volkswirtschaftslehre 112/114.
Endogamie, s. Inzucht.
England, deutsche Gelehrte, die
über seine Volkswirtschaft ge—
schrieben haben 119: die histo—
        <pb n="482" />
        70

risch⸗ oder sonst realistisch⸗
nationalökonomische Forschung
in E. 121.
Engländer 156/157.
Entwickelungsgedanke, seine An⸗
erkennung als beherrschende
wvissenschaftliche Idee unseres
Zeitalters, eines der gemein⸗
samen Merkmale der besten
neueren volkswirtschaftlichen
Werke 122.
Erbrecht, in der Sippenverfassung
238; in der patriarchalischen
Familie 241; Vorkommen auf
den ältesten Stufen menschlicher
Wirtschaft; unter Mutterrecht
369; Ursprung, allgem. Recht⸗
jertigung 888; Folgen, Be—
dingungen der Berechtigung
384 388; Reformvorschläge 3885.
Erbschaftssteuer, in der aͤlteren
Stadtwirtschaft 295; als Mo—
difikation des Erbrechts 8385.
Erdoberfläche, Raumfläche, Ver—
teilung von Land und Wasser
ec. 188; Entstehung 182; Er—
gebnis der an die E. anknüpf—
enden volkswirtschaftlich-geo⸗
graphischen Betrachtung 134.
Frnührung, Wirkung auf die
Rassenbildung 145; 'erste tech⸗
aische Fortschritte der E. durch
Gebrauch des Feuers 193; Her⸗
manns Zweifel, ob die gegen—
wärtige E. besser sei als die
der Griechen 220; procentuale
Ausgabe des Einkommens für
E. 220; Einfluß besserer E.
auf die Art des Geschlechtsver—
kehrs 283/234.
Erwerbsthätige, die in Deutsch—
and 1895 im Hauptberuf E.
246; Procentsatz der stehenden
Heere von den E. 83832; Zahl
der E. mit Nebenerwerb 1895
346.
Frwerbstrieb, Litteraturs2; Dog⸗
mengeschichtliches 32/383; Fehlen
auf den ersten Wirtschaftsstufen
33/34; Entstehung 34/35; geo⸗
graphische Verbreitung 85; Ver⸗
breitung über die verschiedenen
Klassen 835; Grundlagen für
successive Ausbildung 85; Ent⸗
artung 85/36; wirtschaftliche
and sittliche Würdigung 836/88;
Steigerung durch das Maschi—
aenzeitalter 225; Rolle bei der
Entstehung der Unternehmung
414/415; dasselbe beim Groß⸗
betrieb 480; Entwickelung des
E. Voraussetzung aller neueren
Anternehmungs-Gesellschaften
440.
Frziehung, als Zweck socialer
Bemeinschaften 9; Werts chätzung
durch Aristoteleß 78: Einfluß

Register.

nuf den Rassentypus u. Über—
chätzung desselben durch die
Zocialisten und manche Socio—
ogen 145/1463 Gewinnung
ichtiger Kompromisse zwischen
»en Erziehungs-, Produktions⸗
ind Familieninteressen 147; E.
her Frauen 251, 253; socialisti⸗
ches E.«Ideal 251,252; Ein—
luß auf Klassenbildung 898;
iltere E. ausschließlich in der
Familie; Begünstigung der
dastenbildung 399; Anderung
»es Erziehungswesens als Ur⸗
ache für Aufloͤsung des Stände—
tums 405/406.
Etat, siehe Haushalt, Finanz⸗
wirtschaft.
xẽthik 71/72.
xẽthnographische Einzelbeschrei⸗
jung, die niedrigsten Rässen
48/149; Neger und verwandte
Ztämme 149,150; Mongolen
50/151; mittelländische Rassen,
Zemiten 151/152; Indogerma⸗
nen, Russen, Italiener, Fran⸗
osen 152/154; germanische Völ⸗
er, Deutsche 154/1563 Eng—
änder und Nordamerikaner
156/158.
Frogamie 2833..
fabian soeiety 98.
Fabrik, Zusammenhang derF. In—
dustrie mit den Bodenverhaͤlt⸗
nissen 188; Begriff und Wesen
483.
Familie, Gleichgewicht der beiden
Beschlechter als Grundbeding⸗
ing des Familienlebens 168;
Lerschiebung zwischen den
Funktionen von F., Gebiets—
drperschaft und Unternehmung
222, 4583/457; Litteratur
280/231; Begriff 282; älteste
Fxamilienverfassung 232/286;
Vichtigkeit des Princips der
ẽxogamie 233; Fehlen der F
ur Zeit des Mutterrechts 288;
unktionen der Familie in der
ippenverfassung 288; Groß-F.
'ehe patriarchalische F.; Um—
ildung der patriarchalischen F.
n die neuere verkleinerte, Größe
nd Aufgaben der letzteren
4/245; Wirtschaft der neueren
246; Statistik der deutschen
amilienhaushalte und ihrer
ingehörigen 246; Problem, die
Inforderungen der Familien—
zirtschaft und der arbeits—
eiligen Thätigkeit ihrer
zlieder in Verbindung zu
ringen 247; Gewinnung rich⸗
iger Kompromisse zwischen den
y., Erziehungs- und Produk—
donsinteressen 247; Umbildung
es Familien-. Ehe- 2c. Rechteẽ

248; Leitung der modernen Fa⸗
nilienwirtschaft 249; Arbeits⸗
eilung in der modernen F.
249/250; wirtschaftl. und sittl.
Fortschritte in der heutigen F.⸗
Lerfassung. 248/250; Gefahr
iner Auflösung der Familieu—
virtschaft 250/253; Verbindung
hrer Eigenwirtschaft mit der
zenossenschaftlichen der älteren
Dorfwirtschast 288; Familien⸗
virtschaft als Ausgangspunkt
der Unternehmung: Entwicke—
ung dazu 416/417.
eldgemeinschaft, genossenschaft⸗
liche Folge des Hack⸗ und
Ackerbaues 199; primitive Form
des agrarischen Lebens; Hin⸗
veis auf das Dorfsystem als
ursprüngliche Siedelungsweise
8 Reste in der Gegenwart
Feldgraswirtschaft 200.
uer, Bedeutung für die Ver—
hreitungsmöglichkeit des Men⸗
chen über die Erde 192; Frage
nach erster Benutzung; Zu—
ammenhang mit Priestertum
ind Magie 192/198; Bewahrung
ind Frage nach erster künst—
icher Art des Feuermachens
193; erste wirtschaftliche Ver—
wendungen 198.
Finanzbehörden 310/311.
Finanzverwaltung, Organe 310
bis 311, 312; Schwierigkeiten,
historisch⸗statistische Belege für
die letzteren 311/312; Wichtigkeit
von Schrifttum, Buchführuüng,
Ftatsaufstellung 318.
nanzwirtschaft, Entstehung der
tagtl. F. und ihre Aufgaben
280/2815 historischer Überblick
iber F. der Gebietskörper—
chaften 282/285; F. der Grund⸗
jerrschaft 291; F. der älteren
Stadt 297/298; Naturalab—
jaben⸗ und Dienstverfassung
08/304; Domänenwirtschafit
04/305; Regalwirtschaft 805;
geldsteuersystem 306/308;
Ztaatsschatz, Staatskredit,
Staatsschulden 8098/310; Münz⸗
erschlechterung und Papier⸗
zeldausgabe 309; Zinslast und
hr Verhältnis zum Überschuß
der privatwirtschaftl. Staats—
innahmen in verschiedenen
Staaten 310; Finanzbehörden
und die Schwierigkeit aller
Finanzverwaltung 310/314; F.
der modernen Einwohnerge⸗
meinde 316/317.
Finanzwissenschaft, F. u. Volks⸗
wirtschaftslehre 278.
Fischfang, Steigerung seines Er—
trages durch qute Werkzeuge,
        <pb n="483" />
        Bedeutung des F. für die Ver—
breitungsmöglichkeit des Men—
schen über die Erde 192; Er—
zeuger eines gewissen Wohl—
standes 195.
Fleiß 39.
Flurzwang, als genossenschaftl
Folge des Hack- und Acker⸗
baues 199; Wesen 288.
Forsten, Veräußerung staatl. F.
von 1800 ab 304/308; Rolle im
Etat verschiedener Staaten 305
Frachtgewerbe 335.
Frankreich, deutsche Gelehrte, die
über seine Volkswirtschaft ge—
schrieben haben 119; die hisio
risch- oder sonstige realistisch—
nationalökonomische Forschung
in F. 121; Größe seines zu—
sammenhängenden Landgebietes
und deren Beziehung zur geo—
graphischen Lage 129; Anteil
der Stadtbewohner an der Be⸗
völkerung 259.
Franzosen 153/154.
Frau, numerisches Verhältnis zu
den Männern 162/163; auf nie—
derer Kulturstufe Bewahrerin
des Feuers 183; Verhältnis
zum Mann in den frühesten
Zuständen zerstreuten Wohnens
232; dasselbe in der Horde
232/233; bessere Ernährung auf
primitiver Stufe ihr Verdienst
234; unter dem Mutterrecht
234/236; Verschlechterung ihrer
Stellung durch die patriarcha—
lische Familie, Ausbildung des
Frauenkaufes 240; Rolle in
der patriarchalischen Familie
241/242; Arbeitsteilung zwi—⸗
schen Mann und F. in der
patriarchalischen Familie 243;
allmähliche Erhebung d. Frauen⸗
stellung seit Umbildung der
patriarchalischen Familie in die
verkleinerte Familie 248; Ar—
beitsteilung zwischen F. und
Mann in der modernen Familie
249/250; Ideal der Gleichheii
von Mann und F., der So—
cialismus 251/258; Frauen⸗
frage 251/253.
Freihändlerische Theorie in Eng⸗
land 92; in Frankreich 92.
Freiheit, persönliche F. begründet
in der Trennung der sittlichen
Regeln in Moral, Sitte und
Recht 57; wirtschaftliche und
politische F. bedingt durch
die Grenzregulierung zwischen
Moral, Sitte und Recht 58;
Forderung nach F., teils be—
rechtigtes Ideal, teils gefähr—
liches Mittel der Ausbeutung
und Majorisierung 74; An—
erkennung, daß die F. des In—

Register.

dividuums und des Eigentums
nicht wieder verschwinden könne
122; Zusammenfallen des neuen
privatwirtschaftl. Großbetriebes
mit dem Siege der persönlichen
F. 481; Einschränkung wirt⸗
schaftl. F. durch centralistische
Leitung 453.
rreizügigkeit, unter der Grund—
herrschaft 291; nach Stadtrecht
295; F. und Großbetrieb
437/489.
Friedens- und Kriegsgemein—
schaften 748.
ere 215/216.
Fronhof, als Mittelpunkt späterer
Städte 264; Stellung in der
Grundherrschaft 290.
Basmaschine 218.
Bebietsbildung, natürliche Ein—
flüsse 129; wirtschaftliche Be—
deutung der Größe und Gren—
zen für Gebietskörperschaften
286/287.
Gebietskörperschaft, erste Siede—
lungs- und Wirtschaftsgemein—⸗
jchaften 8; Verschiebung zwischen
den Funktionen von Familie,
G. und Unternehmung durch die
noderne Technik 222; Ent—
stehung der Wirtschaft 279
Wesen und Ursachen 279,280
gistorischer Überblick über terri—
orialen Umfang, Einwohner—
zahl und Größe der Finanzen
282/285; verschiedene Gemeinde⸗
hil dungen verschiedener Staaten
284/285; historische Entwicke⸗
lung größerer und kleinerer G.
neben u. über einander 285/286
wirtschaftliche Bedeutung der
Bröße und Abgrenzung der G.
2861287; Markgenossenschaft
erster Familienverband, der G.
wird 2873; ältere Dorfwirtschaft
287/290; Grundherrschaft und
'hre Wirtschaftsorganisation
290/293; ältere Stadtwirtschaft
293/298; der Staat und seine
Wirtschaft 298/314; moderne
Einwohnergemeinde 3144317
Teilung der wirtschaftl. Funk—
tionen zwischen G., Unter
nehmung, Familie 318,8319
—453/457; die bei dieser Teilung
den G. zufallenden Aufgaben
319/324.
Bebirge 128.
Bebrechliche 161.
Bebühr, Entstehung und Wesen
306; ihre stärkere Ausbildung
als Pflicht der Gemeinden 816
Geburten, bei Naturvölkern höhert
Geburtenzahl als bei Kultur
völkern 161; Verhältnis der
beiden Geschlechter bei Kultur—
völkern 168: Überwiegen der

471

Mädchengeburten bei verschie—
denen Völkern 1683; physiologisch
mögliche Geburtenzahl 168;
thatsächliche Geburtenzahlen
168/164; Ursachen der Schwan—⸗
kungen 164; Geburtenzahl und
Sterblichkeit 167/168.
2 198.
Gefühle, Litteratur 90; s. a. Ge⸗
meingefühle; individuelle G.
20/22; G. als vom Intellekt zu
regulierende Wegweiser 21;
Wertung der G. 22.
Geistig 331. J
Gantoembrasische Atmosphüre
Geld 885.
Geldwesen, die deutschen Haupt—
autoren 119.
Bemeinde, Einwohnerzahlen 269;
territorialer Umfang der ver—
schiedenen Gemeindebildungen
versch. Staaten 284; Finanz⸗
wirtschaft 285; Umbildung der
Dorfgenossenschaft in die neuere
Einwohner⸗ u. Ortsgemeinde
289; rechtl. Stellung u. Ver—
fassung der modernen Ein—
wohnergemeinde 314315; ihre
Aufgaben u. deren Abgrenzung
von den Staatsaufgaben 3155
moderne G.-Finanzwirtschaft;
LVermögen, Schulden, Ein—
nahmen 316/317; Teilung der
wirtschaftl. Funktionen zwischen
Familie, Unternehmung,. G.,
Staat 222, 318/319, 463/4573
die der G. hierbei zufallenden
Funktionen 319/320.
Bemeinderschaft 241.
Bemeingefühle 9.
Benerationswechsel 159/160.
Benossenschaft, G. der stark wan⸗
dernden Nomaden 198; mittel⸗
alterl. germanische G. 403/404;
Entstehung u. Ideale der neue—
ren wirtschaftlichen G.4444453
Zwecke und Arten 445/446;
Recht u. Verfafsung 446/4473;
Statistik 447/448.
Gens, s. Sippe.
Gentilverfassung, s. Sippenver⸗
fassung.
Geographie 127.
Geographisch, g. Eigenschaften der
verschiedenen Erdteile u. Län—
der 128/130; Einfluß der g.
Lage auf die Kultur u. Größe
des zusammenhängenden Land—
gebietes der Staaten 129; der
g. Nachbareinfluß auf die Wirt—
schaft der Volker und der Wan—⸗
dergang der Kultur 130.
Beologische Verhältnissel82/188.
Gerechtigkeit, Princip der G.
kein einfaches, aus dem alle
ihre Forderungen sicher abzu—
        <pb n="484" />
        72

leiten sind 74775; Idee der G.
mehr individualistisch als die
Gesamtheit in den Vordergrund
rückend 74.
Gerichtswesen 320.
Germanen 260/263.
Geschlecht, Geschlechtsverbindung
als Princip gesellschaftlicher
Gruppierung 7; Gleichgewicht
der beiden Geschlechter in der
Bevölkerung 168; Abweichum
gen davon 163; vermutete Ur—
sachen der Geschlechtsbestim—
mung 163; Geschlechtsbeziehun—⸗
gen der zerstreut wohnenden
Menschen 232; dasselbe in der
Horde 232/238; allgemeine Re—
geln der Geschlechtsvermischunç
in frühester Zeit 283; Einfluß
des näheren Züsammenwohnens,
besserer Ernährung ꝛc. auf den
Geschlechtsverkehr 2333/2345 Ge⸗
schlechtsverkehr unter dem Mut—
terrecht 234/335; Schranken u.
Regelung, des Geschlechtsver—
Ine in der Sippenverfassung
Geschlechtstrieb 28.
Gesellenbraderschaften 404.
Gesellschaft, Gesellschaftswesen,
die pfychischen, fittlichen und
rechtlichen Grundlagen der G.
6,75; Zwecke und Mittel des
gesellschaftl. Zusammenschlusses
6,10; Litteratur hierüber 6;
g. Tadel als sittliches Zuchtmittel
453 8. Institutionen u. Organe
61/64; vier Typen gesellschaftl.
Organisation der Arbeitsteilung
360362; Arbeitsteilung ein ge⸗
sellschaftl. Prozeß; ihr gesell—
—
Problem des Großbetriebes
434/489; Gesellschaftswesen im
Altertum u. Mittelalter 440;
moderne Gesellschaftsformen
441/453.
Gesetze 108/109.
Gesundheitspflege 9.
Getreidespenden 259.
Gewerbe, deutsche Hauptautoren
der Gewerbegeschichte und Po—
litik 118; Abhängigkeit der G.
von Flußläufen ?c. 133; Wir—
kung der modernen Technik
219/220; Veränderung im
Standort der gewerbl. Unter—
nehmungen durch neuere Technik
und Verkehr 221/222; Schei⸗
dung von G. und Landwirt—
schaft; Zahl der gemischten Be—
triebe 1895 346347; Begriff
der gewerbl. Thätigkeit; Ent—
stehung aus der Arbeitsteilung
348; Wesen und Termini der
gewerbl. Arbeitsteilung, Wür—
digung, Zahl der verschiedenen

Register.

8. zu verschiedenen Zeiten
348/353; interlokale Arbeits
eilung 8355/356; . Anteil an
der Bevölkerung 858/859; g.
Unternehmungsformen, s. Unter⸗
nehmung; g. Großbetrieb,
Manufaktur, Fabrik 438; Sta—
tistik über Zahl und Größe
der Betriebe in Deutschland
1882 u. 1895 433 434.
Hewohnheit 49.
Blas 194.
Bleichheit, Forderung der G. als
Ausfluß eines sittlichen Ideals,
eils segensreicher Reformge⸗
danke, teils die höhere Eñt—
vickelung bedrohender Fanatis⸗
nus 74; natürliche G. aller
Menschen als Ausgangspunkt
heror Volkswirtschaftslehre
Flückslehre 73.
Buttinger kulturhistor. Schule
Bottesdienst 9.
Grafschaft 284.
Brenzbildung 286/287.
Broßbetrieb, Anfänge des G. im
zusammenhang mit der besseren
derstellung des Eisens 210
Begünstigung durch die moderne
Technik und seine Folgen 222
n der Landwirtschaft 386, 432
nfänge 428,429; Begriff 429:
horbedingungen: Verkehrs⸗
vesen 489/430, Handelsgeist,
dapital, Kredit 430, Technüf
80481, persönl. Freiheit unt
tlassendifferenzierüng 481/482
reibende Ursachen 482; ver
chiedene Gestaltung in versch.
Bewerben 432/483; Verbindung
der kaufmännischen und tech—
nischen Seite 483; Statistik der
Fortschritte 484; gesellschaftl.
Problem des G.: in indibidu—
ellem Privat- oder in Kollektiv—
ꝛigentum 485./436, Beamtentum
136/487, Rechtsverhältnis der
Arbeiter 437/489; Reform der
Verfassung 489.
Broßstädte 221/222.
Broßfamilie 232.
Brundeigentum, Veräußerung in
der Dorfgenossenschaft 289;
Leräußerung unter der Grund⸗
jerrschaft 291; Hypothese von
dem früheren Vorkommen indi—
diduellen als kollektiven G.
369; ältere Grundeigentums—
»erfassung der Ackerbau⸗- und
dirtenvölker, einschließlich der
intiken 371/378; Schwierigkeit
»on Neuverteilungen des G.
372373; Ausbildung des neue⸗
cen kleinen G. der Germanen
and Slaven 373/375: Ent—

K

tehung des großen G. 875/376;
Urfachen und Wirkungen der
erschiedenen Grundeigentums—
derteilung 376/377; heutiges
ʒrundeigentumsrecht 877/378;
steformvorschläge 378387; G.
eform in Rußland, Indien;
Landpolitik der Vereinigten
Staaten 378/379; Kriterium
der Berechtigung weitgehender
Ungleichheit der Gruudeigen—
tumsverteilung 378; städtisches
B., Reformvorschläge 379,380.
vrundherrschaft, Verhältnis zur
Markgenossenschaft 287/288;
Wesen, territoriale Größe, Ein—
vohnerzahl, wirtschaftl. Ver—
assung 290291; Besteuerungs⸗
cecht 291; kulturhistorische Be—
deutung 291/292; Eintrilt und
Austritt in den Verband der
8. 291; Umbildung zur Guts—
herrschaft 291/292; Würdigung
292; Voraussetzungen 292/298
Auflösung 293
rundrente, Beurteilung durch
Ipounwson 94; durch Enfantin
Brundriß, wissenschaftl. Stand—
punkt dieses G. 122/123; seine
Stoffeinteilung u. -abgrenzung
128/125.
Brundsteuer, die einzige G. der
Physiokraten 89; Vorliebe der
Gemeindepolitiker für sie 316
in Preußeun den Gemeinden
überlassen 317.
Grundstückspekulation 275.
Gruppenbildung 6/7; s. a. Klas—
senbildung.
But 3.
Butsbezirk 269.
hutsherrschaft, Entstehung als
Form der Grundherrschaft, Be—
griff 291/292; Würdigung, Fol—⸗
gen 293.

Hackbau, Abhängigkeit der Ent—
stehung von den Vodenverhält—
nissen 132; Hahnscher Terminus
ür primitiven Ackerbau 195;
Entstehung 194/195; Höhe der
zurch ihn hervorgerufenen wirt—
chaftlichen Kultur 195; erste
Viehzähmung in der Gpoche des
d. 196; die mit dem H. eintre—
ende Veränderung d. Familien—
organisation u. des Geschlechtserkehrs
 234; Siedelungs- uͤnd
Wohnweise der Hackbauern 256
dis 257; Eigentum bei primiti—
ven Hackbauftämmen 368/369.
äudler, Fremde als H. 334;
Spoche der im Nebenamtthätigen
d. 334; Entstehung der arbeits⸗
ceilig thätigen H. 335/336; Be—
deutung und fortgesetzte dee
zung des Einfluͤsses der H.,
        <pb n="485" />
        ihre Machtmittel, Gegengewichte
336337; Mißachtung 356/857.
zalbfreiheit, Halbfreie; drei
facher Ursprung 340; Rechts—
verhältnis, Ordnung des Ar—
beitsverhältnisses, Arbeitstei—
lung zwischen Aristokraten und
.,. Befreiung der H. 841;
Zahlenverhältnis zur sonstigen
Bevölkerung 342.
Handel, Rolle der Metalltechnik
203; Einfluß der modernen
Maschinen 219; Veränderung
m Standort der händlerischeũ
Unternehmung durch neuere
Technik und Verkehr 221; Ent—
stehung u. Schilderuͤng des ersten
H. ohne Händler 3383; H. durch
Fremde 333; H. als Nebenerwerb
in Verbindung mit anderen Er—
werbsarten 334; Entstehung
des selbständigen H. 335/336;
Specialisierung nach der Be—
rufs- und Gewerbestatistik 336;
Streit über seine Produktivität,
Entscheidung 357; Anteil an
der Bevölkerung 359; Keim der
Unternehmung 414415; ent⸗
wickelter H. und Handelsgeist
Vorbedingung des Großbetrie⸗
bes 480; Großbetrieb im H.
482; Größe und Zahl der
Handelsgeschäfte in Deutschland
1882 u. 1895 4338.
Handelsbilanz 85/86.
Handelsgesellschaften, Rolle bei
der Auswanderung 178; wirt—
schaftliche Leistungen, Zahl und
Größe der offenen H. in Deutschland
 441; ältere H. 441.
Zandelspolitik, H. des Merkan—
tilismus 85/86; richtige H. Be⸗
dingung der Bevölkerungsver—
dichtung 187.
handwerk, Handwerker, entstan⸗
den in den Mittelpunkten der
alten westasiatischen Reiche 205;
Bedürfnis nach H. Bedingung
der Städtebildung 265; die
ersten H. 348/349; 8Sahl der
Handwerke zu verschiedenen
Zeiten an verschiedenen Orten
349; handwerksmäßige Berufs⸗
u. Produktionsteilung 348/350;
Organisation im indischen Kas—
tenwesen 400,401; dasselbe in
Rom 401/402; mittelalterliche
Innungen 404; Begriff 419;
Schilderung als Unterneh—
mungsform 419; Bedingungen
seiner Blüte 419/420; Statistik
des deutschen und preußischen
H. im 19. Jahrhundert 420/421;
Vorzüge und Schwächen 421;
gegenwärtige Lage 421.
Haus, Entwickelung in Anknüpf—
ung an den Feuerherd der

Register.

Frau 183; definitive Seßhaftig—
keit verbunden mit Hausbau
199; technische Entwickelung
204; Baumaterial des deutschen
H. im 12. - 13. u. 13-16. Jahr⸗
hundert 207; städtisches Haus—
eigentum, Reformen 379/880.
haushalt, Haushaltetat verschie⸗
dener Städte, Staaten, Fürsten
c. 282/285; H. der älteren
Stadtwirtschaft 297/298; Ent—
tehung großer Staatshaus—
jalte 83005 zunehmende Bedeu—
ung des Staatshaushaltes
302/303; Naturalabgaben und
Dienstverfassung 303304; Do—
mänenwirtschaft 304/305; Rolle
der Steuern, Domänen und
Forsten in verschiedenen Staats⸗
Jaushalten 305; Regalwirt-—
chaft 305; Geldstenersystem
306/308; Wichtigkeit der Auf—⸗
stellung von Haushaltetats für
die Finanzwirtschaft 318; Ver—
hältnis zwischen H. und Volks—
vermögen in England und
Preußen 322.
zausindustrie, Definition 103:
in ihr zuerst Abnahme der regel⸗
näßigen Arbeitsgelegenheit
228; Wurzel 343; Vorkommen
und Begriff 424; Schilderung
als Unternehmungsform 425
ältere Verfassung, Reglements
125/426; wirtschaftliche Lage
der Heimarbeiter 426/427: heu⸗
tige Formen 427/428; heutiger
Umfang 428; Würdigung 428
hauskommunion, s. Zadruga u
patriarchalische Familie.
daustiere 196.
dauswirtschaft, wesentl. Merk⸗
mal früheren Wirtschaftslebens
4; Technik der H. der patriar—
halischen Familie 204/205;
Auflösung 245/246; Ausgangspunkt
 der Unternehmung 416
bis 417.
deer 332.
heimarbeiter 426/428.
deirat, Heiratsalter in verschie—
denen Ländern 164; H. unter der
Grundherrschaft291; nachStadt—⸗
recht 295; im Kastenwesen 400.
deloten 340.
Hirten, Siedelungs- und Wohn⸗
weise 255/256; Sklaven- und
Vieheigentum ältererH.869/87 1
iltere Grundeigentumsverfas
sung der Hirtenvölker 371,378
distorische Forschung in der
Nationalökonomie, Übersicht
iber Litteratur und Hauptver—
reter 116/121; Bedeutung für
die nationalökonomische Wissen—
schaft 116; ältere historische
Schule 116/118; jüngere histo—

473

rische Schule Deutschlands
118/120; Hauptvertreter lin
England 120; Hauptvertreter
in Frankreich 121.
Historische Perioden 195—
Historische Staats- und Gesell—⸗
schaftsauffassung 118 ff.
Hochofen, Entstehung und Wich—
tigkeit für die Eisenherstellung
209; neuere technische Ent—
wickelung 216.
Hörigkeit, Begriff 340; siehe
Halbfreiheit.
Hof, Begriff 255; Größe der
römischen Höfe (villae) 259.
Hoffystem, mitwirkende Nachteile
260; Streitfrage, ob H. oder
Dorfsystem das ältere 260/262;
wirtschaftliche Vorzüge des H.
und Prognose für seine künf—
tige Ausdehnung 262/263; sta⸗
tistische Erfassung des terri—
torialen Gegensatzes von H.
und Dorfsystem 268.
dorde, Begriff, Größe, Verhält—
nis zum Stamm 231; Größe,
Bedingungen des Vorkommens,
Geschlechtsbeziehungen, Eintei—
lung 232/2388.
hüttenindustrie 215/216.
zue Wirtschaft, Größe 288/289;
Grundeigentumsverfassung in
der Hufenverfassung 373/374.

Ideale 7375.
Idealistisch, Vertreter i. Moral⸗
systeme 71; Formeln u. Zweck⸗
gedanken der i. Moralsysteme 73.
Incest 238.
Indianer, ethnographische Be—
schreibung 149; von allen nie—
deren Rassen die größte bündisch—
völ kerrechtliche Menschenvereini⸗
gung gelungen 169; ihre demo—
kratisch⸗kriegerische Rechtsgleichheit
 auf Abwesenheit des Vieh—
besitzes beruhend 370.
Individnalistische Volkswirt⸗
schaftslehre, ihre Hauptver—
treter 88193; ihre Anfänge und
Brundlagen 88/89; die franzö—
sischen Physiokraten, namentlich
Quesnay und Turgot 89/903;
die englischen Vertreter des
18. Jahrhunderts, namentlich
Hume, Smith 90/91; das 19.
Jahrhundert 91; die freihänd—
lerischen Ausläufer 92; Wür—
digung 92/93.
Indogermanen, ethnographische
Beschreibung 152/157; organi—
siertes Fortwandern überschüssi—
ger Volksteile 177; Siedelungs—
und Wohnweise in älterer Zeit
257.
Induktion 110.
Junungen 404.
Institution, gesellschaftliche J.
        <pb n="486" />
        J
244

31/64; Definition 61; Bedeutung
der J. für die Auffassung des
Merkantilismus und der Ka—
neralistik 63; Ansicht des Libe⸗
zalismus 63; Überschätzung der
J. durch den älteren Socialis-—
mus und Stellung der Social⸗
demokratie 63;. Stellung und
Rolle in einem vollendeten
socialen Zustande 64; Bedeu—
tung des Studiums der J—. für
die Erkenntnis des socialen
kKörpers 64; wirtschaftl. Fort⸗
chritt gebunden an gute J.
34; Argumentieren aus ihnen
jeraus Fortschritt der Volks—
wirtschastslehre 108;3 Bedeu—
tung der richtigen Ausbildung
f. das Bevölkerungsproblem 176.
Zuteressensphären 180.
Inzucht 233.
Italiener 158.
Jäger, Familienverfassung der
J.; Stämme 233; Eigentum
primitiver Jägerstämme368/369.
Fagd 194/195.
journal des Peonomistes 121.
Juden, Wirkung des jüdischen
Rassenelementes in den Kultur⸗
taaten 147; ethnographische
Beschreibung 151/152; Stellung
zur Bevölkerungsfrage 174.
Fürgens Tretspinnrad 214.
Kameralistik 64.
Kammergut, Bedeutung im Mit—
elalter 304; Veräußerung von
1800 ab 304/305; Rolle im
Ftat verschiedener Staaten 305;
Bröße im preußischen Staat
des 18. Jahrhunderts 8305.
Kkampf ums Dasein 64/69; Dar⸗
wins Lehre, Übertragung auf
zesellschaftliche Erscheinungen
34/65; jede sociale Gruppen⸗
dildung Modifikation des K.
u. D. 65/66; Unzulässigkeit
direkter Ubertragung des für
das Tier- und Pflanzenleben
Beltenden auf die menschliche
Besellschaft 66; Beurteilung des
Kampfgedankens durch die ver—
schiedenen wirtschaftlichen Theo—
rien 6667; K. u. D. als psy—
hologisch, gesellschaftl. wirt—
chaftlicher Prozeß 67; Aufgabe
der Streitordnungen 67; Not—
vendigkeit und Zulässigkeit der
Regelung des K. u. D. durch
Sitte, Moral u. Recht 68; K.
u. D. und Zuchtwahl keine Er—
klärung für die Verschieden—
heiten der Rassen 142.
Tapital, Beurteilung durch
Thompson 94; Kapitalist und
Kebei Marx, Kritik 9735 stei⸗—
gender Kapitalüberfluß als
iußerliches Hauptergebnis der

Register.

Maschinentechnik221; vermehrte
dapitalaufwendung bei fort—
chreitender Technik 226; er⸗
jeblicher Kapitalbesitz Vorbe—⸗
dingung des Großbetriebes 4830
dapitalbildung 266.
dapitalgewinn 94.
dartell, ältere kartellartige Bil—
zungen und ältere Urteile über
ie 449; staatliche Behandlung
49/450; Veranlassung zu neu⸗
ꝛren Bildungen 450; Begriff
1. Entstehung der modernen K.
50/451; Phasen der Entwicke⸗
ung 451; Verfassung, Aufgaben
1515 Vorkommen 451/452; Be⸗
irteilung 452/458; Beseitigung
iniger Unvollkommenheiten der
Anternehmungen durch sie
456/457.
daste, Definition 399; Ursachen
399/400; indische Kastenwesen
400/401; Kastenwesen im römi—
schen Reich 401/402
dausalität 107.
delten 260268.
dempten, Hochstift 262.
dind, Kindersterblichkeit, Ge—
urtenzahl und Bevölkerungs—
zunahme 167/168; Kindersterb⸗
ichkeit der Kulturvölker im
Mittelalter 172; Rolle des
dindsmordes als Bevölkerungs⸗
jemmnis 173; steigende Kinder⸗
ürsorge in der patriarchalischen
Familie 242.
dirchspiel 284.
dlan 289.
assen, sociale, Anerkennung,
daß zu starke Differenzierung
der socialen K. die Gegenwart
zedrohe 123; Einfluß der mo—
dernen Technik auf die Stellung
der socialen K. 221; im Stände—
ind Kastenwesen 400,404; im
3taate der Rechtsgleichheit
106/409; weitgehende Diffe⸗
renzierung der K. Vorbedingung
des Großbetriebes 4831.
dassenbildung, soeiale, Fort⸗
etzung der durch Lebensweise,
Zzeschaͤftigung und Ernährung
jervorgerufenen Verschiedenheit
er Völkertypen 145; Definition
92; Vorkommen 3092; psycho⸗
ogische Ursachen 393; Wesen u.
lußerung 394; Zurückführung
er Klassenunterschiede auf gött⸗
iche Einrichtungen 395; Haupt⸗
ursachen 395/399; Einfluß der
Rasse 396; Einfluß der Berufs—
ind Arbeitsteilung 3964398;
kinfluß der Erziehung, Ein—
ommens⸗ und Besitzverteilung
398/399; Kasten- und Stände—
zildung älterer Zeit 399,404;
teuere sociale Gliederung

105,407; starke oder schwache
Elemente zuerstKlassen bildend?
407; kulturgeschichtl. Bedeutung
409/410; allgemeine Würdigung
410/4 11.
dassenordnung, Begriff und psy⸗
chologische Ursachen 393; Maß—⸗
stäbe 393/394; Rangordnung
verschiedener Klassen 394.
dlassenstandpunkt 122.
dlafsifikation, Zweig der Me—
thodenlehre 104; analytische
und genetische K. 104/105.
dleidung 215.
dleinbürger 295.
Tlima, Definition 180; in ver—
schiedenen Zonen 181; Wir—
kungen auf das wirtschaftliche
Leben 1831/182; Einfluß auf
die Rassen- und Völkerbildung
144145.
Zdlimatologie 127.
ollektiveigentum, später als in⸗
dividuelles 369; Entstehung an
Brund und Boden 372; Groß⸗
betrieb im K. 485/436.
dollektivkräfte, geistige, Litte—
ratur 15; allgemeines Wesen
15/18; Einfluß auf Rasse und
Völkertypus 145.
Zolonien, Stellung im Merkan⸗
tilismus 85/86; Gründung im
Altertum zur Herbeiführung
des Menschenabschubes 177/1783
K. der neuen Welt, zunächst
nicht zur Siedelung benutzt 178;
Definition, verschiedene Arten
179/180.
dolonisation, aus bevölkerungs⸗
olitischen Gründen bei seßhaften
Völkern 177,178; innere K. 179;
Wirkung der neueren K. auf
die Bevölkerungsverhältnisse
180/182.
dome 257.
donkurrenz, Ursache des Groß⸗
betriebes 432; Belebung durch
Beschränkung der Unternehmer—
ꝛc.⸗Verbände 449; Regulierung
durch Kartelle ꝛc. 450.
dontinente 128/130.
Zraft, Charakteristik der Kraft—
maschine 218; mechanische K.
der Menschen in Deutschland
zerglichen mit der Tier-, Dampf⸗
c.⸗Kraft 218/219; Steigerung
u. Verbilligung der produktiven
K. durch die Kraftmaschinen
219; Michel Chevaliers Be—
rechnung der Steigerung der
nenschlichen produktiven K. in
verschiedenen Gewerben 221.
draftstuhl 215.
dreis 284.
dreuzzüge 178.
drieg, Beispiele der Menschen⸗
vernichtung durch K. 173: hoch—
        <pb n="487" />
        tehende Kriegstechnik der alten
vestasiatischen Völker 203, 205;
Bedeutung der besseren Eisen—
Jerstellung im 16. bis 17. Jahr⸗
enderr für die Kriegstechnik
drieger, Entstehung arbeitsteilig
thaͤtiger Kr. 331383; heutiger
Finfluß im Vergleich zu dem der
Priester und Händler 387.
driegs⸗ und Friedensgemein—
schaften 7/8.
Zriegsverfassung 332338.
drisen, Erklärung durch Rod⸗
bertus 96; Einfluß auf die Ge⸗
burtenzahl 166.
Kruppsches Stahlwerk 217.
Küste 128/129.
Kultur, Bestimmung ihrer Rich—
tung durch die natürlich-geo—
Larhischen Bedingungen 129;
Beziehungen ihres Wander—
ganges zu den Nachbarbezieh—
ungen 1830; gemäßigte Zone
als Wiege 132; höhere viel—
seitige K.meist nur in Vor—
bergen und Stufenländern 133;
Vordringen von den Küsten und
Flußmündungen die Thäler
aufwärts 134; mit steigender
K. kein Loslösen des Menschen
von der Natur, sondern inni—
gere Verbindung 189; Wichtig—⸗
keit einer reichlichen Besetzung
der reiferen Altersklassen 161
bis 162; höhere Kultur durch
die Völker mit größerer Be—
völkerung erreicht 172; Ver—
dichtung der Bevölkerung Vor—
aussetzung höherer K. 182/184;
Lipperts Zurückführung der
höheren K. der nördlichen Raf⸗
sen auf ihre bessere Feuerpflege
193; Bedeutung des Ackerbaues
199/200; Verhältnis zwischen
höherer K. und höherer Technik
226/227; Definition 228; De⸗
finition von Halb⸗ und Ganz—
kulturvölkern 228; Wichtigkeit
der zunehmenden Lebensdauer
der Eltern in der patriarchali—
schen Familie 242; Städtebil—
dung und höhere K. 263; kom—
pliziertes Kulturleben Folge
der Arbeitsteilung 365; höhere
K. verschiedene sociale Klassen
dedingend 409.
dulturgeschichte 127.
Kunst 9.
Laud, Anteil an der Erdober—
fläche, davon bebau— und be—
wohnbar 128; Anteil der heißen
Zone 131; Größe des landwirt—
schaftlich bebaubaren Teiles
133; Sterblichkeit in Stadt und
2. 167; relative und absolute
Verteilung der Bevölkerung auf

Register.

Ztadt und L. 269,271; Gründe
»er Überlegenheit der Stadt
iber das platte L. 275; körper⸗
iche und psychologische Folgen
des Wohnens auf dem L. 276
bis 277.
dandflucht, Ausgehen von isolier⸗
ten Wohnungen 262; Betrach⸗
tung unter Berücksichtigung
der absoluten Zahlen der Land⸗
bevölkerung und Grundbesitz⸗
verteilung 270; Folgen für das
Individuum, Ziel und Umfang
der Wanderungen, allgemeine
Ursachen 272.
dandgemeinde 269.
dandwirtschaft, s. a. Ackerbau,
der der L. zugängliche Teil der
Erdoberfläche 128; in Rücksicht
auf die geologischen Verhält-⸗
risse bebaubarer Teil 133;
Schwierigkeiten des landwirt—
chaftlichen Fortschrittes, Be—
deutung für die Bevölkerungs—
erdichtung 185; landwirtschaft⸗
iches System 200,201; die
euesten technischen Fortschritte
17/218; Rolle der modernen
Naschinentechnik 220; räum—
iche Veränderung im Stand⸗
zrt der landwirtschaftlichen
Unternehmungen durch neueren
herkehr u. Technik 221; Schei—
ung von L. und Gewerbe,
zahl der gemischten Betriebe
895 346/347; Arbeitsteilung
n der L. 347/348; räumliche
Arbeitsteilung, Einwirkung der
Transportkosten 354; Anteil
an der Bevölkerung 358; Groß⸗
betrieb 386, 432.
debenshaltung, Einfluß der Ma—
schinen 223,224; Steigerung
im Gefolge der modernen Tech—
nik 225.
Lebensweise 145.
Lehn, Größe der L. der grund⸗
herrschaftlichen Dienstleute ꝛc.
290; L. im Zusammenhang mit
der Entstehung des Großgrund⸗
eigentums 375.
dehrbücher 1238.
diberale Berufe, Nichtbezahlung
und Bezahlung 353; Entsteh—
ung der Arbeitsteilung, gesell—
schaftliche Bedeutung 353/354;
Anteil an der Bevölkerung 859.
Liberalismus, individualistischer,
Auffassung über Institutionen
33; Anlehnung an d. Naturrecht
33; verschiedene Auffassung
über politisches und wirtschaft⸗
liches Vereinswesen 407.
riten 340.
dohn 221.
dustgefühle 20/22.
duxus 23.

475

Machtsphären 180.
Malaye 149.
Manchesterschule 92; Stellung
zum Bevölkerungsproblem 17535
reeitums der Arbeitsteilung
Mann, numerisches Verhältnis
zu den Frauen 162/163; Ver⸗—
hältnis zwischen M. und Frau
in den frühesten Zuständen
erstreuten Wohnens 2332; das⸗
elbe in der Horde 232/238;
unter dem Mutterrecht 234/235;
Steigerung seines Einflusses
zurch die von ihm ausgehende
viehzähmung, den besseren
Hausbau 239; Stellung in der
hatriarchalischen Familie 240
bis 241; Arbeitsteilung zwischen
M. und Frau in der patriar—
halischen Familie 243; das⸗
selbe in der modernen Familie
249/250; gleiche Stellung von
M. und Frau, der Socialis—
mus 251/258.
Manufaktur 433.
Mark, Größe der germanischen
M. (nach Meitzen) 261, 284.
Markgenossenschaft, Zahl ihrer
Familien und Seelen 237;
Bröße und Rolle bei der Siede—
ung 261; Zusammenfallen mit
der Hundertschaft, erster Fa—
nilienverband, der zur Gebiets⸗
örperschaft wird 287; wirt—
chaftliche Zwecke, Verfassung,
territoriale Größe, Einwohner—
zahl, Zurücktreten gegenüber
Dorf und Grundherrschaft
287/288.
Markt, Beziehungen zwischen
Marktverleihungen und Städte—
gründungen 264; Bedürfnis
nach Marktwesen als Bedin—
gung der Städteentwickelung
265.
Maschine, Hermanns Vergleich
mit dem menschlichen Koͤrper
190; Reuleaur' Charakteristik
191; komplizierte Kriegsma—
—
205, 207; Beschreibung des
nodernen westeurop. amerikan.
Maschinenzeitalters 211/218;
rrne des Maschinenzeit—
alters 218,225; Unterschied
wischen Werkzeug und Ma—
schine, Arbeits- und Kraft—
naschine 218; Wesen und pro—
duktive Wirkungen der Maschine
218,/221; Begünstigung des
Großbetriebes 222; Einfluß
auf die Arbeiter 228/224; Zu—
sammenfassendes Urteil über das
Maschinenzeitalter 224/228.
Massenerscheinungen der Volks—
wirtschaft 125/288.
        <pb n="488" />
        176

Materialismus, ökonomischer
96/97.
Matriarchat 234.
Meier 290.
Meliorationen 132.
Merkantilismus, Auffassung
über Institutionen 63; An—
lehnung an das Naturrecht 88;
volkswirtschaftlicher, Stand—
zunkt 84/86; Litteratur und
dauptvertreter 86/88; hervor⸗
retende Besonderheiten des
solländischen Merkantilismus
286/87; dasselbe vom italieni⸗
cchen, englischen 873 vom
deutschen 87/88; vom französi⸗
schen 88.
Melall, Bedeutung und Ge—
chichte der verschiedenen Metalle
201/202; wirtschaftliche Folgen
der Metalltechnik 203.
Meteorologie 127.
Methoden der Volkswirtschafts⸗
lehre 99/111; Litteratur 998/100;
Beobachtung und Beschreibung
100/108; Begriffsbildung 108
qzis 105; typische Reihen und
Formen, ihre Erklärung, die
rsachen 105/108; Gesetze, in⸗
duktive und deduktive Methoden
108,111.
Migrationstheorie, die für die
ursprünglichsten Wanderungen
und Ausbildung eigentümlicher
Tier- und Pflanzenarten be—
stimmenden Faktoren 129; ihre
Erklärung der Rassenscheidung
142/143: die ihr von M. Wagner
zeigemessene Bedeutung für die
Weltgeschichte 176.
Milieu 145.
milites agrarii 265.
Ptittelläudische Rassen 151/152.
Mongolen, ethnographische Be—
schreibung 150/151; mongolische
Nomadenwirtschaft 197/198.
Moral, Entstehung neben und
über Sitte und Recht 55/57;
Abhängigkeit von religiösen
Blaubenssystemen 56; Defini⸗
tion 58; Aufgabe 56; Bildung
berschiedener Moralsysteme 563
Selbständigkeit gegenüber Sitte
und Recht, Verhaͤltnis zu diesen
beiden 56/57; Bedeutung der
Differenzierung von Sitte,
Recht und Moral 57/59; die
neuere Volkswirtschaftslehre
eine moral-⸗-politische Wissen—
schaft 188
Moralsysteme, der sie schaffende
geistig⸗emethodologische Prozeß
39/70; Erfahrung,u, Hypothese
in den M. 70; Möglichkeit ver⸗
schiedener M. neben einander 70;
die sensualistisch-materialisti—
ichen und metaphysisch-idealisti—

Register.

chen M. 71; empirische Ethik
71,72; Leitideen und Ziele der
oerschiedenen M. und ihre Be—
deutung für das volkswirt—
schaftliche Leben 73.
Mühlen, Mahlen des Altertums
208; Verbreitung der Wasser—⸗
mühlen in Deutschland vom
13. Jahrhundert ab 208/209;
Zahl der jährlichen Normal—
arbeitstage der Windmühlen
212; Chevaliers Berechnung
der Steigerung der produktiven
Kraft in der Mehlbereitung
seit Homer 221.
Nünzverschlechterung 309.
MNuttergruppe, Begriff 282
Wirtschaft, Stellung, Recht 235
Funktionen in der Sippenver
fassung 238.
Nutterrecht, Entstehung und
wesentlicher Inhalt 234/236;
Bründe der Beseitigung 289;
Auflösung überall, wo Islam
und Christentum eindringen
240; Erbrecht 369.
Nachahmung 9/10.
Nahrungsgewinnung, Einfluß
auf die Art des Geschlechts—
verkehrs, das Stammesleben,
die Wohn- und Wirtschaftsweise
 233/234.
Rationaldomänen 180.
Nationalökonomie, s. a. Volks—
wirtschaftslehre 122.
Natürlich, Theorie einer n. Ge—
sellschaft unden. Volkswirtschaft
und ihre Verkennung der Be—
deutung von Moral, Sitte und
Recht 58; historische Erklärung
dieser Theorie 58; n. Kräfte
59/60.
Naturalabgaben- und Natural—
dienstverfassung, Vorkommen,
Wesen, Würdigung 3034304;
Imbildung in ein Geldsteuer—
ystem 304; Übergang zur
domänenwirtschaft 304/305;
Naturalabgaben u. -leistungen
in der Gegenwart 305/306.
aturleben 126/127.
saturlehre, individualistische der
Volkswirtschaft 88/93; Reaktion
zegen die N. der Volkswirt—
schaft 112/114; kritisches Ver—
halten der N. gegenüber bei
—— des Berechtigten
422.
Pr-Murrecht, allgemeine philo—
sophische Grundlagen 82; Haupt—
vertreter u. Lehre 82/83; die
beiden sich entgegengesetzten
oraktischen Ideale seiner Ver—
treter: monarchische Staats—
allmacht und Volkssouveränität
83; Würdigung 83/84.
staturverhältnisse, Abhängigkeit

der Volkswirtschaft von den
iußeren N. 126/139; Behand—
lung in der bisherigen Litte—
ratur 127; der Einfluß der N.
auf Rassen- und Völkerbildung
1443
aturvölker, ethnographische Ein—
zelbeschreibung 148/150; jeden⸗
falls wesentlich jugendlicherer
Altersaufbau als bei Kultur—
oölkern 162; Geschlechtsverhält⸗
nis und Verehelichung 162/164;
Bevölkerungshemmungen 173.
seger, ethnographische Beschrei—
bung 149/150; Emin Paschas
Mitkeilung vom Überschuß der
Mädchengeburten 163; Größe
ihrer Stämme 169; Siedelungs—
und Wohnweise 255/256.
Keumalthusiauismus 176.
—
Tomaden, Nomadenwirtschaft,
natürliche Bedingungen 136;
zeitliches Verhältnis von N.
und Ackerbau 195; Frage, ob
N. den Ackerbau mit Rindvieh
und Pflug begründeten 196/1973;
mongolische N. 197/ 198; Vor—⸗
aussetzungen des Entstehens
und heutigen Bestehens 197;
Siedelungs⸗ und Wohnweise
255/256.
Nordamerikaner 157/158.
Zberämter 284.
Affentliche Meinung 14.
Zkonomischer Materialismus
B8697.
Imühlen 209.
Osterreichische Schule 119.
Organ, gesellschaftliche O. 61/64;
Definition 61; Geschlechtsge—
meinschaft als Ausgangspunkt
aller gesellschaftl. Organbildung
61; Struktur u. Verfassung 62
Anterscheidungsmerkmale und
Zusammenwirken verschiedener
D. 62/63; Bedeutung des Stu⸗
diums der O. für die Erkennt—
nis des socialen Körpers 64;
wirtschaftl. Fortschritt gebunden
an komplizierte Organbildung
64; die drei hauptsächlichen
Gruppen socialer O 2303; stei⸗
gende centralistische Leitung
volkswirtschaftl. O. 452/458.
Organisativn, Notwendigkeit
einer der veränderten Technik
entsprechenden wirtschaftl. O.
225/226; Verhältnis zwischen
oolkswirtschaftlicher O. und
Technik 227; starke od. schwache
Flemente sich zuerst organi—
sierend? 407; gegenwärtige
Fähigkeit der verschiedenen
Klässen zur O. 408; heutiges
Problem der Organisation der
        <pb n="489" />
        Arbeiter und übrigen Klassen
407/409; Ansätze zu größeren
zewerbl. O. in genossenschaftl.
und korporativer Form bis
gegen 1800 421424.
ODrtsgemeinde 288.
Papiergeldausgabe 309.
Papiermühlen 209.
Papuna 149.
patriarchalische Familie, Regu—
lierung der Bevölkerung in be—
schränkendem Sinn 174; keine
p. Familienverfassung bei grö—
zeren Stämmen vor der Zeit
des Hackbaues u. der Rodungen
284; Größe 239, 241; Ent—
tehung, Gründe dafür 239/240;
Organisation, Wirtschaft, histo—
rische Bedeutung 240/244.
Periöken, Ursprung ihrer Hörig—
keit 340; Vorkommen in Städten
und gewerbl. Betrieben 341.
Pfälzer 155.
pferd 197.
Pflanzen 185/187.
Iflanzengeographie 127.
Phalansterien 95.
Phratrie 232.
Physiokraten 89/90.
Polygamie 240, 241.
Postwesen, Verstaatlichung 321;
imn Altertum im Dienste des
Staates; Entstehung im Dienste
des Verkehrs 3385.
Preis, Regulierung durch Zünfte
425; dasselbe in der Haus—
industrie 425; durch Kartelle
449, 450/451; Regulator und
Kontrolleur der Produktion
456/457.
Griester, P. und Richter in einer
Person 52; Entstehung 829/330;
Entstehung und Bedeutung der
Priesterherrschaft 3301331; Be⸗
eitigung letzterer 331; heutiger
Einfluß im Vergleich mit dem
der Krieger und Händler 8337.
Brivatwirtschaft, Abgrenzung
zwischen privater und öffent—
icher Thätigkeit; Zahlenbei—
piele 321/328; centralistischer
Zug in heutiger P. 4583; Un—
intbehrlichkeit der privatwirt⸗
schafti. Unternehmungen 457.
Broduktion, Abhängigkeit vom
Klima 181; Vermehrung und
Verbilligung durch die moderne
Technik 219/221; indirekte Be—
zinflussung der P. eines er—
heblichen Teiles des Volkes
durch die Maschinentechnik 221;
Verlängerung des Produktions—
weges bei fortschreitender Tech⸗
nik 226; in der Dorfwirtschaft
289; Grundherrschaft 290;
Stadtwirtschaft 296; Anteil der
Bevölkerung an verschiedenen

Register.

Wweigen 358/359; Einfluß der
Arbeitsteilung 364/365; hand
verksmäßige 419, 421; haus
ndustrielle 424,425; im Groß⸗
zetriebe 429; Festlegung durch
etzteren 431; in Manufaktur
und Fabrik433; Regelung durch
Kartelle 451; dasselbe durch
die Preise 456.
zroduktionsteilung 850.
zroduktivitätslehre 357.
zrostitution, im Zusammenhang
mit Bevölkerungshemmungen
173; bedenkliches Symptom
unserer volkswirtschaftl. und
socialen Organisation 176.
brotektoratsländer, s. Schutz
länder.
osychologie, psychologisch, Schlüs—
'el zu allen Geisteswissenschaften
107; Notwendigkeit einer ps.
VBölker- und Klassenkunde 107;
os.esittliche Betrachtung, Eigen—
chaft der besten neueren na—
ionalökonomischen Werke 122;
ps. Völkerbilder s. ethnogra—
ohische Einzelbeschreibungen;
ps. Vorbedingungen der Ar—
beitsteilung 362/363.
ßbuddelprozeß 216.
Kasse, Feststellung der eigentüm—
ichen Züge der verschiedenen
R. Schlüssel für die Erkennt—
nis verschiedenen wirtschaftl.
dandelns 139/140; die ver—
chiedenen R. und das Princip
er Vererbung 140/144; verchhiedene
 Theorien der Ent—
tehung der R. 142/144; die
inzelnen Ursachen der Rassen—
»ildung 144/146; Folgen eines
kindringens niederer R. für
die höherstehenden 147; ethno—
zraphische Einzelbeschreibung
der wichtigsten R. 148/158;
Einfluß auf Klassenbildung 8396.
stasseumischung, Definition und
Vorkommen 146; Einfluß auf
die Variation der R. 146; Ent—
stehung neuer Rassentypen:
Beispiele; Würdigung 146/147.
Rassentheorie, R. von Vollgraf
und Gobineau 140.
Rat der Stadt 294.
Kecht, Entstehung 51; ältere Ver
bindung zwischen Sitte u. R.
51/52; Grenze zwischen Sitte
u. R. 52, 55; Scheidung von
R. u. Sitte 53; Definition:
Ziele 54; formale Natur 54;
Bedeutung der Differenzierung
von Sitte, R. u. Moral 57/59.
steformation, Bedeutung für die
Staatswissfenschaft 80; R. und
die Anfänge der neueren Wissen—
schaft 81.
éforme sociale 121.

477

Regalwirtschaft 305.
Regenmenge 131.
Reinertrag, landwirtschaftlicher
132; Gesetz der abnehmenden
Bodenerträge 220.
Religion, Erzeugerin großer, ein—
heitlicher Bewußtseins⸗ und
Gesittungskreise 18; religiöse
Vorstellungen als Ursache sitt—
licher Umbildungen 46/48; Be⸗
deutung des Verblassens der
religiösen Vorstellungen 47/48.
epn d'économie politique
Rindvieh 196.
Rivalitätstrieb 31/82.
Rußland, Größe seines zusammen⸗
haͤngenden Landgebietes und
deren Beziehungen zur geogra—
phischen Lage 129; ethnogra—
phische Beschreibung seiner Be—
völkerung 152/153; Grundeigen⸗
tumsrecht 378379.

Zäuglinge 161.
Zalinen 422/428.
Samtgemeinde 285.
A
—chiffspartnerschaft 440.
Schlosserei 210.
S„chmerzgefühle 20/22.
-„chmied, Urtypus des Gewerbs—
mannes 203; Aufblühen des
Schmiedehandwerks im 16. bis
17. Jahrhundert durch bessere
Technik der Eisenherstellung 210.
Schnellschütze 214.
A
zchrift, Litteratur 10; Sch. als
pfsychologisches Mittel mensch—
icher Verständigung 11/12;
Verbreitung und Vervielfälti—
gung 183.
Schule 13.
deie Kinder 161.
S„chulwesen 321.
Schutzländer 180.
—„chwabe 155.
Zegelschiff 212.
Zelbsterhaltungstrieb 27/28.
Zelbstliebe, Dogmengeschichtliches
32; Erwerbstrieb und S. 36;
Grundprincip von Moralsyste—
men 78.
Zelbstverwaltungskörper, siehe
Gebietskörperschaft, Entstehung
von S. zwischen Staat und
Gemeinde 284.
Zemiten 151/152.
Zept 239.
Zeßhaftigkeit 199.
Siedelung, Bedeutung der Kennt—
nis der natürlichen Bedingun—
gen für das Verständnis der
S. 138/134; S. der heutigen
Barbaren und asiatischen Halb—
kulturvölker 255/256; Siede—
ungsweise der Germanen und
        <pb n="490" />
        78

delten 260263; Begriffe der
Siedelungsstatistik 268; Er—⸗
gebnisse moderner Siedelungs⸗
tatistik 269,/271; Motive für
'onzentrierte und zerstreute S.
272/273; Zusammenwirken von
Individuum und öffentlicher
Bewalt bei S. 273/274; Siede—
lungsreformen 275; Folgen
der verschiedenen S. 275/277.
A
Sippe, Begriff, Verhältnis zum
Stamm 2313; Größe 231, 237;
Unterscheidung von Vater- und
Muttersippe, Zweck, Princip
der Einteilung 231/232: Furcht
vor blutsnahen Geschlechtsver—
bindungen als Veranlassung der
Sippenbildung bisher getrenn⸗
ter Horden 233; Entstehung
des Sippeneigentums durch ge⸗
meinsame Rodung der Man—
ner 234; stärkere Ansätze zur
Sippeneinteilung des Stammes,
meist in der uterinen Form,
mnit Ausbreitung des Hackbaues
und der Rodungen 234; Rolle
und Entstehung der uterinen
S. im Mutterrecht 234/235;
Entstehung der Vatersippe 2386;
Zahl der S. eines Stammes
2336/237; gemeinsame Veran⸗
taltungen 237/238; Recht der
Vormundschaft und Erbfolgen
238; Funktionen der S. gegen⸗
über Muttergruppe u. Familie
238; Übergang zur patriarcha—
lischen Familie 239.
Sippenverfassung, Entstehung
in der uterinen Form 2343
Entstehung der späteren Vater—
sippe 2365 Darstellung, Vor—
aussetzungen der Blüte, Wür—⸗
digung 236/239.
Sitte, Definition 49; Gewohn—
heit und S. 49/50; äußeres
Leben als Objekt der S. 50;
üͤber kulturgeschichtliche Her—
leitung der einzelnen Form 50;
Entstehung 5051; volkswirt⸗
schaftliche Bedeutung 51; ältere
Verbindung mit dem Recht 51
zis 53; Grenze zwischen S.
and Recht 52, 55; Scheidung
von S. und Recht 53; Bedeu—
tung der Differenzierung von
S. Recht und Moral 57459.
Sittliche, das, Wesen des S
tI/48; sittliches Handeln 41/42
sittliches Urteil 42/48; historiche
 Entwickelung des S. 43/44;
Ziele des S. 14/45; sittliche
Zuchtmittel 45/48; sittliche Um⸗
oildung durch religiöse Vor—
tellungen 46; sittliche Ordnun⸗
en des gesellschaftlichen Lebens
1859: Normen des sittlichen

Register.

zandelns 48; allgemeiner Zu⸗
ammenhang zwischen volks⸗
virtschaftlichem und sittlichem
ꝛ2eben 59/75; sittliche Kräfte
3061; sittliche Ideale teils
u heilsamem Fortschritt, teils
u falscher Beurteilung des
thestehenden und zu thörichten
Forderungen führend 7875;
ioch fehlende sittliche Lebens—
»rdnung für die richtige Be—
autzung der neuen Technik 225.
5klaverei, Sklaven, indirekte
demmung der Bevölkerungs—
unahme 174; Wurzeln, Vor—
iussetzungen der Familienver—
assung und Technik, Recht—
ertigung in der Rassendiffe—
enz, die durch sie herbeige—
ührte Arbeitsteilung, techni—
che Leistungen, verschiedene
dechtslagen und Formen 339;
UImbildung und Aufhebung
40; Zahlenverhältnis zur son⸗
tigen Bevölkerung 341; Skla—
»eneigentum der älteren Acker⸗
bauer und Hirten 3694/371.
s3lacht 289.
Zoeiale Körper, Entstehung 8
279/280.
S5ocialer Trieb, kein selbständiger
Trieb 30; Ansicht über ihn
dei Hugo Grotius, Pufendorf,
5*8 überhaupt im Naturrecht
Socialismus, Auffassung über
Institutionen 63; Anlehnung
in das Naturrecht 83; Litteraur
 93/98; ältere socialistische
sedanken 98; steigende Bedeu—
ung und Ausbildung mit dem
dervortreten gewisser wirt—
schaftlicher und socialer Er—
cheinungen 93; englische Ver—
reter 94; franzosische Vertreter
4/95; deutsche Vertreter 95/98;
WBürdigung und Kritik 98/99;
ritisches Verhalten dem S.
segenüber bei Anerkennung des
Zerechtigten 122; Neigung, auf
ie geistigen Kollektivkräfte,
Nilieun und Erziehung den
ßolkscharakter und den des
jyndividuums zurückzuführen
45; Standpunkt gegenüber
em Bevölkerungsproblem 175;
5. u. Familie 250/253; Gesell⸗
chaftsform, die ohne Steuern
estehen kann 308; Kritik seiner
Beurteilung des Handels 337;
Beurteilung der Arbeitsteilung
zös goöß 866367; gugestanb
nisse hinsichtlich des Privateigen⸗
ums an Gütern des persön—⸗
ichen Gebrauchs und Kapital⸗
zütern des Bauern und Hand—
verkers 381; über Folgen des

ndividuellen Eigentums 390;
Auffassung über Vereinsrecht
107/408; Beurteilung der pri—
pzaten Unternehmung 456; Aus⸗
ichten und Kritik seiner Ver—
fafsungsvorschläge des Unter—
nehmungswesens 455.
ocietas 401.
Zociologen 145.
Sociologie, Aufgabe 72; als
Stütze für eine empirische Ethik
und die allgemeinen Fragen
Wialer Specitalwissenschaften
odalitates 401.
Zöldnerwesen 178.
Zolidarhaft 466/447.
3parsamkeit, Teil der Wirtschaft—
lichkeit 40; Bedingungen 40.
Angeenle Volkswirtschaftslehre
Spinnerei, technische Entwicke—
ung der mechanischen Sp.;
Statistik der Spindeln 214/215;
VBerhältnis der Leistungsfähigkeit
 zwischen Hand- u. mecha—
nischer Sp. 215.
z3prache, Litteratur hierüber 10;
psychologisches Mittel mensch—
licher Verständigung 10/11.
3taat, wirtschaftlich⸗gesellschaftiche
 Veranstaltung, Bedingung
»er Volkswirtschaft 6; staatliche
Strafen als sittliche Zuchtmittel
145/46; Verknüpfung von St.
u. Volkswirtschaft im Merkan—
ilismus 85; Beziehungen zwi—⸗
schen der Natur, bes. geo—
zraphischen Lage der St. und
ihrer Größe 129; historischer
Iberblick über Größe, Ein—
vohnerzahl, Finanzen verschie—
ener St. 282/285; wirtschaft⸗
iche Seite des Strebens der
Zt. nach Selbständigkeit, Ver—
rößerung, zweckmäßiger Grenz⸗
ildung 286/287; staatliche Fi⸗
ianzwirtschaft 298/314; Teilung
»er wirtschaftlichen Funktionen
wischen St. Gemeinde, Unter⸗
rehmung, Familie 222, 818/319,
153/4575 die dem St. hierbei
zufallenden Funktionen und
hre Vergrößerung 3204324;
Zustand der Staatsorganisation
zur Zeit des Ständetums 404.
Ztaatliche oder sonst öffentliche
Wirtschaft, Bedeutung der Be—
amten, ihre Zahl in verschiede—
nen Staaten und Verwaltungen
312/313; Schwierigkeiten und
dilfsmittel 38183/314; Abgren⸗
ung zwischen privater u. öffent⸗
icher wirtschaftl. Thätigkeit,
Zahlenbeispiele 321/328; außer⸗
Identl. Ausdehnung in der
        <pb n="491" />
        Neuzeit, in verschiedenen Staa—
ten verschieden, Gründe dafür
282/283, 322324.
Staatsallmacht, Naturrecht und
St. 83; Merkantilismus und
St. 85.
Staatsbildung, in der Regel den
Nomaden früher und besser ge—
ungen als Hack⸗ und Acker—
dauern 198; Entstehung 280.
Staatsgewalt 280/281.
Staatshaushalt, siehe Haushalt.
Staatskredit 809.
Staatspraxis, Charakteristik u.
Würdigung der merkantilisti—
chen St.“300,301; dasselbe
von der liberalen St. 301/802.
Staatsschatz 309.
Staatsschulden, Beurteilung nach
Verwendung uͤ. Vermögenslage
des Staates 309; St. verschie—
dener Staaten und ganz Euro⸗—
ↄas 310; sociale Wirkung 310;
Zinslast versch.Staaten809/310.
Ztaatswirtschaft, Entstehung des
Terminus 300; Bedeutung des
Terminus im 18. Jahrhundert,
dasselbe gegenwärtig 303.
Stadt, Bedeutung der Kenntnis
der natürlichen ünd geologischen
Bedingungen für das Ver—
—
dung der St. 133; allgemeine
volkswirtschaftliche Wahrheiten
über die natürl. Bedingungen
größerer oder kleinerer St. 183;
Entstehung größerer St. durch
den Wasserverkehr 134; Unter—
chied im Altersaufbau zwischen
St. u. Land 162; Sterblichkeit
in St. u. Land 167; Ackerbau
als Erzeuger der St. 200;
Aussehen der deutschen St. des
12. und 13. Jahrhunderts 207;
Fortschritte d. städtischen Technik
des 11. bis 17. Jahrhunderts
208; Begriffsdefinition 255;
antike Städtebildung, St. und
Stadtbezirk, Größe und Ein—
wohnerzahl einiger St. 257/259;
Vorliebe in den Mittelmeer—
ändern für städtisches Leben
u. Wohnen 259;: Größe badischer
St. im 16. u. 19. Jahrhundert
263; Städtewesen vom Mittel—
alter bis 1800 263267; Ent⸗
stehungszeit d. älteren deutschen
St. 263/265; Entstehungszeit
der Bezeichnung „Stadt“ 264;
Wesen, Entstehungsgründe und
bedingungen 265; Privilegien
der älteren deutschen St. 265;
Entwickelung u. Bedeutung der
Städtefreiheit 266; Einwohner—
zahl einiger älterer deutscher u.
anderer St. 266; Ursachen des
Aufblühens der deutschen St.

Register.

on 1200 - 1500 u. des späteren
Ztillstandes 266/267; Städte⸗
ntwickelung anderer Länder
267; Anteil der städtischen an
. Gesamtbevölkerung im Mittel⸗
ilter 267; steigende Speciali—
ation 278; Gruͤnde der Über⸗
egenheit der St. über das platte
rand 275; psychologische und
örperliche Folgen d. städtischen
Vohnens 276/2377; historischer
Werblick üb. territoriale Größe,
kinwohnerzahl, Finanzen ver—
chiedener St. 282; ältere
Ztädtewirtschaft 293,298; Rat
294; Bürgerschaft 295; Aus—
ritt 295; Stadtwirtschafts-»olitik
 296; Stadthaushalt
297/298.
adtgebietswirtschaft, Begriff
35 Entstehung, Schilderung
5tadtrecht, Begriff 265; Inhalt
294/298.
—A
dreierlei zu unterscheiden 294;
Anterschied gegenüber der Wirt⸗
chaft des Dorfes u. der Grund⸗
jerrschaft 293; Organisation
294/298; Würdigung 298.
ztände, römische Ständebildung
101/402; gerimanische Stände⸗
hildung 403/404; Zustand der
illgemeinen Staatsorganisation
ur Zeit des Ständetums 404;
dampf gegen das Ständetum
104/4057 Aufhebung und ihre
rsachen 405/406.
3tahl, Geschichte seiner Technik
216; Statistik der Produktion
und Konsumtion 217.
?amm, Stammeswirtschaft, we—
entliches Merkmal früheren
Virtschaftslebens 4; Stammes⸗
ündnisse in der Regel Nomaden
züher gelungen als Ackerbauern
98; Begriff, Verhältnis zu
»orde, Sippe, Volk 231; Ent—
tehung von Stammeseigentum
»urch Stammesokkupation 234;
Lorzüge d. Stammesverfassung
jegenüber den Horden 238;
Figentumsrecht im St. primi—⸗
civer Völker 3608/378.
Ztapelrecht 265.
3tation 180.
3tatiftik, Wertschätzung im Mer—
'antilismus 85; Methode em—
girisch-⸗realistischer Forschung
114; Grenzen ihrer Leistungs⸗
ähigkeit, Bedeutung 114/115;
dauptvertreter in den verschie⸗
denen Ländern 115; Bevöl—
kerungs⸗St. 160/187.
Zterblichkeit, Statistik u. Ursachen
der Verschiedenheiten 167/16831

2

479

Beispiele für zeitweise außer—
ordentliche St. 172/173.
Steuer, Entstehung und Wesen
306; Schwierigkeiten der Um—
egung 307; Schwierigkeit, alle
Staasausgaben auf St. zu
dasieren 307; Steuerhoheits-1.
 Bewilligungsrecht 307; Be—
griff u. Wirkung indirekter St.
308; St. und die Volkswirt⸗
schaft 308.
Zton, ihre metaphysisch-idealisti—
sche Ethik 71; Stellung in der
Beschichte der Staatswissen⸗
schaften 78; Einfluß auf die
staatswissenschaftlichen Lehren
des Mittelalters 80.
Ztoffeinteilung s. Systematik.
—A
Stückofen 209.
Zympathie 232.
S„ynoikismos 257.
Systematik, Bedingungen, unter
denen jede S. berechtigt ist 124;
S. dieses Grundrisses 125.
ableau économique von Quesnay
 89.
Tadel 45.
Tagelöhner 246.
Trust 451.
Technik, technische Fortschritte
erschiedener Art als Bedingung
der Bevölkerungsverdichtung
185/186; Entwickelung der T.
n ihrer volkswirtschaftlichen
BZedeutung 187/228; Definitton
89; verschiedene Einteilung
echnischer Perioden 190; all—
gemeine Ursachen derT. 190/192;
Vanderung der T. 191; die
ersten technischen Fortschritte,
ilteste Waffen und Werkzeuge,
Feuer, Töpferei 192/194; aͤltefte
Fortschritte der Ernährungs—
echnik 194/197; Nomadenwirtchaft
 und Ackerbau 197/201;
zedeutung des Ackerbaues für
»ie Entwickelung der T. 199;
veschichte der älteren Metall—
echnik 201/203; drei große
echnische Fortschritte der alten
vestasiatischen Vöolker 203; T.
des Hausbaues daselbst 204;
T. der Staatsbauten der west⸗
aisiatischen Völker, Verteidi—
ungs-⸗ und Kriegstechnik 205;
ßerhältnis zwischen Höhe der
d. und Kraft der Völker 205/206;
d. der Griechen 206; T. der
dömer 207; arabische T. 207;
nittelalterlich -Aabendländische
. 207/211; Einführung der
Vasserkraft in die T. 208,210;
Beschreibung des modernen west⸗
uropäisch⸗amerikanischen Ma—
chinenzeitalters 211/218; Wur—
digaung des lekteren 218,225:
        <pb n="492" />
        —B

Linfluß auf Vermehrung und
Verbilligung der Produktion
218/2215 Grenzen des technischen
Fortschrittes 221; andere Wir—
ungen der modernen T. 221/222;
WVirkung auf die Arbeiter 223
his 224; zusammenfassendes
Arteil über das Maschinenzeit—
alter 224/225; Notwendigkeit
einer neuen sittlichen Lebens—
ordnung zur richtigen Be—
nutzung der technischen Fort—
chritte 225; steigende Kapital⸗
aufwendung und Verlängerung
des Produktionsweges bei fort⸗
chreitender T. 226; Verhältnis
zwischen höherer Kultur und
höherer T. 226/227; Verhältnis
zwischen volkswirtschaftlicher
Irganisation und T. 227;
Wechselwirkung zwischen den
ꝛinzelnen Elementen der T.228;
entwickelte T. Vorbedingung des
Broßbetriebes 430/431.
Territorialwirtschaft, Voraus—
setzungen des gemeinsamen
virtschaftlichen Lebens 299;
Entstehung und Wesen 300.
Textilindustrie 214215.
Thaͤtigkeitstrieb 28/29.
Tthemas-Gilchristsche Verfahren
Tiere, Verteilung u. wirtschaft—
liche Rolle 185/137; Zähmung
zuerst bei Hackbauern 195/196.
Tiergeographie 127.
Todesfälle, Statistik der T. in
verschiedenen Zeiten u. Ländern
166/1677 Deutung und Be—
— der Sterbeziffern
—167/168.
Töpferei 194.
bowuship, Stellung in der ameri—
kanischen Selbstverwaltung,
Bröße und Einwohnerzahl 2853;
Brundeigentum im Westen der
Vereinigten Staaten als Schul⸗
fonds 316.
Triebe, Litteratur 20; Definition
und Erklärung 26f; historische
Entwickelung des Trieblebens
27; Klassifikation 27; Schilde—
rung verschiedener Triebe 27/82;
Trieblehre des Naturrechts 83.
Triebhandlungen 27.
Tropen 132.
Tugenden, wirtschaftliche, Regu—
latoren des Erwerbstriebes
37/38; verschiedene w. T.
38.41.
Typische Reihen und Formen,
ihre Erfassung erster Schritt
zu wissenschaftlicher Erkenntnis
105; Ursacherklärung 106.
übervölkerung, relative U. als
Ursache der Auswanderung 181:
absolute und relative U. 186/187

Register.

imniversitates 401.
tuternehmer, Anteil der größeren
U. an der Schaffung des mo—
dernen Arbeiterstandes 3483;
gegenwärtiges Zahlenverhältnis
in Deutschland zwischen U.,
Beamten und Arbeitern 345
352; Begriff 413; unter Kon—
trolle der Preise u. Druck der
Gesamtinteressen 456/457.
Internehmergewinn 414.
Unternehmung, Verschiebung
zwischen den Funktionen von
Familie, Gebietskörperschaft u.
d. durch die moderne Technik
222; dasselbe als Folge zu—
iehmender Vergesellschaftung
1833 48348373—vegrif
t183/414; Ausgangspunkte: Han⸗
el 414,415, ältere Arbeits—
zenossenschaft 415/416, Familie
16/417; landwirtschaftliche U.
e18; gewerbliche U: Handwerk
119/421, Ansätze zu größeren
Betrieben bis gegen 1800
121/424, Hausindustrie 424/428
Broßbetrieb, Fabrik 428/439
offene Handels- u. Aktiengesell—
schaft 440/444; neuere wirt—
schaftliche Genossenschaften 444
bis 448; Kartelle, Ringe, Trusts
148/453; Gesamtbild des Unter⸗
nehmungswesens 453/457.
Unternehmuugsgeist, Entstehung
und Bedeutung 40441; ent—
wickelter U. Vorbedingung des
Großbetriebes 480.
arbes regales 2634.
Urproduktion 358.
Arsacherklärung, Hauptaufgabe
der Wissenschaft 106; Ursache,
Folge, Bedingungen 106; volks—
wirtschaftliche Erscheinungen
bedingt durch materielle und
zeistige Ursachen 106/107; Me—
thoden der U. in der Volks—
wirtschaftslehre 107/111.
Utilitarismus 73.
Bariabilität, Princip der V. 141;
Voraussetzungen der V. und
das Zustandekommen von Vari—
itionen 141/142; V. als Grund—
age der einheitlichen Entstehung
der Rassen 142/1483: Maß der
V. 148/145; Wirkung der
Rassenmischung auf die Vari—
ation 146; Entstehung neuer
Rassentypen, Beispiele, Wür—
digung 146/147.
zaterrecht, sein Sieg der Über—
gang zur patriarchalischen
Familie, Grund der Aus—
bildung 239/240; V. überall,
wo Islam und Christentum
eindringen, 240.
Legetatiouszeit 132.
Berein für Socialpolitik 119.

Bereinsbisdung, im alten Rom
401/402; zuerst seitens der
starken oder schwachen Ele—
mente vorgenommen? 407.
bereinsrecht, im alten Rom
401,402; im deutschen Mittel—
alter 403/404; Auffassung des
Liberalismus und Socialismus
107/408; Gefchichte des moder⸗
nen V. 408; Verlangen nach
V.⸗-Freiheit; Kritik 408/409.
hererbung, Princip der V. und
Rassenbildung 140/144; Prin⸗
cip der V. begrenzt durch das
der Variabilität 141.
Lergesellschaftung, Anerkennung
einer steigenden wirtschaftlichen
Vergesellschaftung 122; zu—
nehmende wirtschaftliche Thätig—
keit öffentlicher Organe als Er—
gebnis wachsender V. 317/324;
steigende V. durch die Arbeitsteilung
 364/365; wachsende V.
des Unternehmungswesens 457.
Hergleichung 102.
herkehr, Abhängigkeit vom Klima
132; Abhängigkeit von den
Bodenverhältnissen u. Wasser—
läufen 133/184; Rolle der Me—
talltechnik 203; Fortschritte bis
1700 210; Dampfkraft 213;
Kosten der verschiedenen ihm
dienenden mechanischen Kraft
219; Verkehrserleichterung als
größte Wirkung der modernen
Maschinen 219; Veränderung
im Standort der landwirt—
chaftl., gewerbl. und händleri—
schen Unternehmungen ꝛc. durch
herbesserten V. 221; Entwicke⸗
lung der verschiedenen Verkehrs⸗
mittel 267; Anteil an der Be—
oölkerung 359; V. u. Arbeits⸗
teilung 362; entwickelter V.
Vorbedingung des Großbetrie—
bes 429/430; Großbetrieb im
V. 432; Größe und Zahl der
deutschen Verkehrsgeschäfte 433.
Bermögen, Ungleichheit mit dem
Viehbesitz beginnend 870; erste
Unterschiede des Besitzes auf
persönlichen Unterschieden be—
ruhend 371; Einfluß des Erb—
rechts auf die Vermögensver—
teilung 384.
Verschuldung 378.
Berstaäatlichung, Kritik der V.
des Grundbesitzes 380, 386;
s. a. Staat.
Berständignugsmittel 14.
Verwandtschaft, Definition der
Begriffe der wichtigsten Ver—
wandtschaftsgruppen 231/232.
VBieh, verschiedene Ansichten über
die historische Aufeinanderfolge
der Epochen der Viehzucht u. des
Ackerbaues 195; Entstehung der
        <pb n="493" />
        Register.

Viehzähmung bei Hackbauern
195/ 196; Ed. Hahns Hypothese
iber Entstehung der Viehzucht
196; Viehhaltung die männlich⸗
riegerischen Eigenschaften der
Stämme fördernd 188; Stei—
zerung des Einflusses des Man—
es durch die Viehzähmung 239;
Vieheigentum der älteren Acker—
bauern und Hirten 369,371.
ßielmännerei, Vorkommen und
Ursachen 163;3 in Zusammen—
hang mit Bevölkerungshem—
mungen 173.
—A
Bölkerleben 126/127.
Bölkerschaften, absolute Größe
der V. verschiedener Rassen u.
Zeiten 169,170, Größe in
Gallien zu Cäsars Zeit 257.
Völkerscheidung, Theorien ihrer
Entstehung 142/148; die ein- Kärme 131/132. F
zelnen Ursachen 144/147. Waffe, Identität und Differen
Volk, einheitl. Bewußtseinskreis gerung von Werkzeug und W.
1819; physiologisch-pfycholo⸗ Definition, die ältesten W. 192;
gische Einheit 139; die ver— W. aus Metall 201/203; Fort⸗
hiedenen Völker u. das Princip (hritt der Waffentechnik zur
der Vererbung 140/144; eihno- Kunst 210.
graphische Einzelbeschreibung Wald 185/186.
der wichtigsten V. 148,158; Wanderungen, geographische Fak⸗
Definition der Begriffe Halb— toren bestimmend für die ur—
und Ganzkulturvölker 228; Be- prünglichsten W. der Pflanzen,
griff; Verhältnis zu Horde, diere und Menschen 129; Ab—
Sippe, Stamm; Entstehung hängigkeit des Wanderganges
231. —
Bolkseinkommen 322. »en natürlichen Nachbarbezieh—
Bolksgeist, die Summe der nach ingen 130; Bedeutung der
Einheit drängenden Bewußt— nenschlichen W. für die Be—
einskreise 16; die einheitlichen ölkerungsgröße der Länder
Gefühle eines Volkes 18. 68; die halb und ganz Friege—
Bolkswirtschaft, Litteratur über ischen W. der rohen Natur—
den Begriff 1; staatswissen⸗ ölker in ganzen Stämmen
schaftlither Kollektivbegriff 1; 73 W. der seßhaften Völker
Analyse des Vegriffes 2ff. n, Form, von staatlicher Kolo—
— — isation 177178; moderne W.
der Wedie gefellschaftliche Gee inzelner Indipiduen und Fa—
raltung der wirtschaftl. Vor— nilien 178/179; Ursachen der
aͤnge 816; Staat Vorbebingung, B. des 18. und 18. Jahrhun⸗
z pfychische, futtiche u echte derts 181; Umfang ‚und Be—
liche Grundlagen 6773; Ele- deutung moderner WHZug
mente ud Roffenerscheinungen nach der Stadt“ 271/272.
125,/228; Abhängigkeit von Varenhaus 482/483.
den äußeren Naturverhältnissen Vasser, Anteil an der Erdober—
126/139; Veränderung durch kläche 128; Bedeutung seiner
die moderne Großtechnik 2223; Berteilung, der Quellen, Flüsse,
Verhältnis zwischen volkswirt⸗ Meeresküsten für die wirtschaft—
schaftl. Leben und Technik iche Entwickelung 1383; Wasser⸗
227; gesellschaftliche Verfassung echnik, Wafssermühlen, Be—
229/457; Vorausfetzungen des utzung der Wasserkraft im
zemeinsamen wirtschaftl. Le— Zergbau 208,209; Rolle als
bens W9; vier histor. Epochen Kraftquelle 212; Entstehungs-299;
 heutige Bedeutung des zeit der Wassermühlen 214.
Terminus 308; V. und Steuer Veberei 215.
308; heutige V. Ergebnis der Wehrpflicht 338.
Arbeitsteilung 3655 Gesamt- Wehrpflichtige, ihr procentualer
bild der gesellschaftl. Verfassung Anteil an der Bevölkerung
der V. 453/457. Deutschlands 161; dasselbe
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4. -6. Aufl.

pawireichescticher Kongreß
golkswirtschaftliche Organisa⸗
tion, Hauptzweck 346; Schluß⸗
ergebnis und Gesamtbild 453
bis 457.
holkswirtschaftslehre, Anfänge
76; Definition 76; geschicht—
iche Entwickelung der Littera—
ur 77124; Methoden 99/1103;
Zedeutung des Überblickes über
——
saupt einer universalen Bil—
»ung 111; Ausreifung zur
Wissenschaft im 19. Jahrhun—
»ert 111/124; heutiger wissen—
chaftlicher Standpunkt 122
»is 123: Einteilung durch Rau
124; Einteilung in diesem
Brundriß 124.

481]

durchschnittlich auf verschiedener
Kulturstufe 332/333.
Weidegenossenschaft 261.
Weidewirtschaft 200.
Weiler 258.
Weltwirtschaft, Begriff 53 An—
erkennung, daß eine steigende
Annäherung im Sinne der
W. stattzufinden habe 1283;
dierte historische Epoche der
Wirtschaftsorganisation der
neuen Zeit 299; Entstehung
zroßer W. 800; heutige W.
Frgebnis der Arbeitsteilung
356, 365; Aussichten einer
sociglistischen Centralleitung
456/457.
Werkzeug, Entstehung 190/191;
Identität und Differenzierung
von Waffe und W. Definitionen,
die ältesten W. 192; W. aus
Metall 201/203; Unterschied
zwischen W. und Maschine 218.
Wind 212.
Wirtschaft, Begriff des Wirt—
schaftens 23; Begriff der W.
als gesellschaftliches Organ 3/6;
Begensatz von privater und
zffentl. W.; Teilung der Funk—
tionen 318/319, 322/324; s. a.
Privatwirtschaft, staatl. W.
Wirtschaftliches Handeln, erste
Veranlassungen 383; Wichtigkeit
der Feststellung der eigentuͤml.
Züge der verschiedenen Rassen
für die Erkenntnis verschiedenen
w. H. 139/140.
Wirtschaftlichkeit, Definition 89;
Bedingungen 40; wirtschaftl.
Tugend 40; W. und Erwerbs⸗
trieb 40.
Wirtschaftsgemeinschaften 8/9.
Wirtschaftsgeschichte, Haupt—
autoren in Deutschland 118/119;
dasselbe in England 120; das—
selbe in Frankreich 121.
Wissenschaft, Anfänge der neue—
ren W. 8082; Vorwiegen prak—
tischer Ideale während der ersten
Anfänge 80; Aufgaben der
trengeren W. des 19. Jahrh.
100; Aufeinanderwirken der an⸗
inandergrenzenden W. 102/ 108;
Bedeutung der Begriffe für die
W. 105; Feststellung der Ur—
achen die wichtigste Aufgabe
06; Ausreifung der Volks—
virtschaftslehre zur W. im
19. Jahrh. 111/124; heutiger
Standpunkt der nationalökono—
mischen W. 122; in den besten
neueren volkswirtschaftlichen
Werken die Nationalökonomie
eine moral⸗-politische W. 122.
Wohlstand 225.
Wohnplätze, Definition verschie—
dener Begriffe 255; britisch—
        <pb n="494" />
        82

indischer Census der W. 256;
Verhältnis der verschiedenen
W. zur Fläche u. Bevölkerungs⸗
dichtigkeit 269; Motive für
koncentrierte u. zerstreute W.
272/278; wachsende Differen⸗
zierung der Eigentümlichkeiten
und Typen 218.
Wohnung, Wohnweise, die älteren
menschlichen W. 2083/204; pro⸗
rentuale Inanspruchnahme des
Sinkommens durch die Aus—
gaben für W. 220; Hermanns
Zweifel, ob unsere W. besser
ei als die der Griechen 220;
Einfluß des näheren Zusammen⸗
wohnens in frühester Zeit auf
die Art des Geschlechtsverkehrs

Register.

33/284; Wohnweise der älteren
zölker besonders zur Zeit des
Nutterrechts 235; dasselbe
inter der patriarchalischen
zamilienverfassung 243; Ver—
sleich der älteren und modernen
V. 248/249; Einfluß der In—
»ividuen und öffentlichen Ge—
valten, Reform der W.278/275;
»sychologische und körperliche
Folgen der zerstreuten und
dichten W. 275/277.
Vüsten 128.
Zadruga, Größe 241; Grund—
eigentumsverfassung im Gebiet
ihres Vorkommens 875.
zeitschriften 119/120.

Zeitung, Litteratur 10; Geschichte
und Bedeutung 14.
zins, sinkender Z. in Zusammen⸗
hang mit der modernen Ma—
chinentechnik 221; Zinslast
erschiedener Staaten, procen—
unales Verhältnis ersterer zum
überschuß der privatwirtschaftl.
Staatseinnahmen 809/310.
zone, Einteilung der Erde in
3. 130; Klima, Fruchtbarkeit
uͤnd wirtschaftl. Bedingungen
der verschiedenen Zonen 181/ 132.
Zünfte, Fortsetzung der Sippen
239; römische 83. 4201/402; s. a.
Innungen.
WeeeeeWes 200.
weikindersystem 176.

Druckfehßlerverzeich nis.
S. 17 Zeile 24 von unten lies statt „nicht unschwer“ unschwer
S. 21 Zeile 15 von oben lies Lustvermeidung.
s. 64 Zeile 4 von unten lies statt „überlebt sich“ überlebt.

Pierer' sche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp;amp; Co. in Altenburg.

Tbobu
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        130
332
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8

2 D
5
7

J—

3
50

Allgemeine Würdigung der socialen Klassenbildung. 411

eins der unteren Klassen, die Ersetzung der Resignation durch kühne aktive Hoffnungen
usammen, so entsteht der gewaltthätige Klassenkampf, die Rebolution, der Bürgerkrieg.
Das Gemeinwesen geht zu Grunde oder gelangt erst durch allerlei Kämpfe, Umbildungen
ind Reformen nach und nach wieder zu leidlichen Friedenszuständen, wenn es gelingt,
en einenden Elementen der Kultur wieder die Oberhand über die trennenden zu ver—
chaffen, die Entartung des Klassenregimentes, das ein aristokratisches oder ein demo—
ratisches sein kann, jeweilig zu beseitigen oder zu mildern. Wir kommen darauf zurück.
Hier schließen wir mit der vorläufigen Erkenntnis: keine höhere Kultur ohne
klassen und ihre Wechselwirkung; die Klassenordnung ist normal, wenn sie den ver—
chiedenen durchschnittlichen Fähigkeiten und Leistungen entspricht; das ist häufiger bei
iner neuen Klassenbildung der Fall als bei einer alten, versteinerten; jede einseitig
ur Herrschaft kommende Klasse versucht das Recht und die Institutionen in egoistischem
Sinne umzubilden; die Mißbräuche einer siegenden Aristokratie sind andere als die
iner zur Herrschaft kommenden Demokratie, aber es fragt sich, welche größer sind und
as Gesamtwohl mehr schädigen. Je weiter eine herrschende Klasse mißbräuchlich Besitz
ind Macht, Ehre und Einfluß anders verteilt, als es den durchschnittlichen Eigen—
chaften der Menschen entspricht, desto schlimmer werden die Zustände. Jede zur Herr—
chaft gelangende Klasse steht, bis fie ihren Höhepunkt erreicht hat, im Dienste der
ßesamtentwickelung; ob und wie lange sie sich auf dieser Höhe erhält, hängt von der
Frage ab, ob ihre Fähigkeiten und Tugenden dieselben bleiben, ob fie rasch entartet,
ne zu große Zahl unfähiger Elemente in sich birgt, ob sie ihre Pflichten vernachläsfigt,
inem trägen Genußleben sich ergiebt, in schmutziger Weise sich bereichert, ob ihr Ver⸗
nögen und Einkommen in zu großen Gegenfatz zu ihren Leistungen tritt. Die mittleren
ind unteren Klassen kommen nicht so leicht und so oft in die Lage, ihre Stellung zu
nißbrauchen; aber die großen politischen Siege der Demokratie, welche wir in Griechen—
and und Rom, im Mittelalter und in der neueren Zeit erlebten, zeigen uns, daß
diese Klassen eniweder sofort der Herrschaft eines populaten Diktators anheimfallen oder
die Macht und die Finanzen des Staates zerrütten, zu gesunden Reformen und Neu—
zestaltungen unfähig sind und nach kürzerer oder längerer Zeit, nach ungeschickten oder
jeillosen Experimenten wieder der Herrschaft verlustig gehen.
Das ganze Problem ist ein süͤttlich-pfychologisches auf der einen Seite, ein solches
der wirtschaftlichen und politischen Instilutionen und ihrer Fortbildung auf der anderen.
Der Versuch, aus der Technik und der Besitzverteilung allein die Klassenbildung und
alle ihre Folgen abzuleiten, ist so verfehlt wie der, aus diesen selben Ursachen eine
ünftige Beseitigung aller socialen Klassen beweisen zu wollen.

J. Die Unternehmung. Die Entwickelung der Geschäfts- und Betriebsformen.
Aulgeme inpe: Roscher, Die Industrie im Großen und Kleinen. Gegenwart 10, 1885, und
Ansichten b. B. W. 8. Aufl. *. 1878. Schäffle, Das geseilschaftliche System der menschlichen
Virtschaft. 2. Aufl. 1867, 8 1072 115. 3. Suft. 1878, 8 311 ff. dDers Die Anwendbarkeit
er verschiedenen Unternehninngsformen. 3. f. St 1860 — Ferfe, Kapilalismus und Socialismus.
870. — Thun, Die Industrie am Riederrhein. 2 Bde. 1879. — Schmoller; die geschichtliche
zntwickelung der Unternehmung. 13 Abhanblungen. J. f. G.B. 1800 1888. — Büch er, Gewerbe.
Im H; W. 1892 u. 1900. — Ders. Die gewerblichen Bettiebssysteme in ihrer geschichtlichen Entwickelung,
Intstehung d. V. W. 1803 u. 1897. Sombart, Ddie gewerbliche Arbeit und ihre Organisation,
M. f„ soc. G. 14, 1899. — (Zahn) Die berufliche und soctale Gliederung des deutschen Volkes nach
der Berufszählung v. 14. Inni 1895. Stat. d. d. Reiches. R. F. 111, 1899. — (Zahmn) Gewerbe
uind Handel im deutschen Reich. Stat. d. d. Reiches. N. F. 119, 1899.
Altere Arbeitsgenossenschaften: Stieda, Die Artele in Rußland. J. f. N. 2. F. 6, 1888. —
Stähr, ÜÄber Ursprung, Geschichte, Wesen und Bedeutung des russischen Artels. 1890 u. 1891. —
Schmoller, Die ältere Arbeitsgenossenschaft. J. f. G.V. 1890.
Das pwerh ältere Zeit: S. Hirsch, Das Handwerk und die Zünfte in der christlichen
Gesellschaft. 1834. — Arnold, Das Auftommen des Handwerkerstandes Im Mittelalter. 1861.
Schönberg, Zur wirtschaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesens. J. f. N. J. F. 9, 1868. —
Schmoller, Straßburg zur Zeit der Zunfstkämpfe. 1875. — Derf, Die Straßburger Tucher- und
Weberzunft. 1879. — Ders. Das brändenburgisch-preußische Innungswesen 1640 1800. Forsch.
brand.epreuß. Gesch. 1, 1888, und U. U. 1898. - Stleda, die Entstehung des deutschen Zunft⸗
»esens. J. f. N. J. F. 27. 1876. — Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes 11893

2
—
D
*3
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      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
