16 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [474 Bahnen. Dieses positive Vertragsrecht verbindet sich heute allerwärts mit einer Unzahl Geschäftssitten und Usancen, mit ebensoviel Statuten und geschäftlichen Verabredungen, welche seine Ausführung bis in alle Einzelheiten enthalten. Und daran schließt sich weiter das ganze Straf- und Verwaltungsrecht, das Gewerbe-, Agrar-, Bau⸗, Nieder— — DDD der Selbstverwaltungskörper und Vereine. Und aus all' dem zusammen entsteht das große System gesellschaftlicher Normierung des ganzen volkswirtschaftlichen Prozesses, aller Güterübertragung, aller Dienstübernahme, alles Verkehrs. Es ist ein System von Rormen, von Dämmen, Richtlinien, Ge- und Verboten, die den Strom des wirtschaft— lichen Lebens regulieren, indem sie dies und jenes in den Verabredungen für strafbar oder für rechtsunverbindlich erklären, hier Unklagbarkeit, dort Nichtigkeit oder Anfecht⸗— barkeit der Verträge festsetzen. An der einen Stelle werden sormlose Verträge gestattet, an der anderen — beim Wechsel, bei der Hypothek — wird die Gültigkeit an feste Formen gebunden. Hier sind die Ge- und Verbote, die Sitten und Rechtsregeln sehr weit— gehend, formalistisch entwickelt, an der anderen ist dem freien Belieben der Geschäftswelt größerer Spielraum eingeräumt. Stets sind unsittliche Verträge, Verträge, die man allgemein für schädlich hält, z. B. heute die Arbeitsverträge erblicher Art oder mit Bindung für übermäßig lange Zeit ohne Kündigungsrecht, die Bezahlung der Fabrikarbeiter in Waren statt in Geld, verboten oder unter Strafe gestellt. Stets ist die letzte Tendenz dieser Ordnung des Verkehrs, durch Sitte und Recht eine gewisse freie Ausübung der Eigenmacht zu gestatten, aber doch das Gesamtinteresse und den Schwächeren zu schützen, die Bethätigung unsittlicher Eigenmacht zu hindern; es handelt sich darum, in den ungeheuren Mechanismus dieses Verkehrs so viel sittliche Uberlegungen und Motive einzufügen, so viel Vertrauen und Rechtlichkeit zu erzeugen, daß er möglichst ohne Strafen, ohne Erbitterung, ohne zu brutalen Kampf sich abspielen kann. Nur ein hohes Maß gegenseitigen Ver— trauens erlaubt einen großen und raschen Verkehr, und dieses Vertrauen ist die feinste psychologische Folge einer uralten, durch Jahrtausende fortgesetzten, sittlich-rechtlichen Kulturarbeit, eines unendlich langen Kampfes für das Gute und Rechtie. Die Impulse zu allem Verkehr gehen aus von den Bedürfnissen der einzelnen, der Familien, der übrigen Organe, die mit ihren Trieben und egoistischen Strebungen, mit ihrem Erwerbssinn in den Strom dieses Verkehrs eintreten, mit ihm schwimmen, in ihm voran- und obenauf kommen wollen; sie haben dabei stets, nach der Nähe der neben ihnen Schwimmenden, nach der Erreichbarkeit der ihnen vorschwebenden Ziele einen gewissen Spielraum freier Bewegung; aber stets find ihnen zugleich Fesseln gesellschaft— licher Art in der Form sittlicher und rechtlicher, genossenschaftlicher und sigailicher Schranken angelegt, die besagen: darnach darfft du greifen, und darnach nicht, mit diesen Mitteln darfst du deinen Nachbarn zuvorkommen, mit jenen nicht. Und so hat es niemals einen absolut freien Verkehr gegeben, niemals eine absolut freie wirtschaft⸗ liche Bewegung. Stets war diese Freiheit der Bewegung einmal thatsächlich abhängig von der Zahl der Kräfte und der Fähigkeiten der Verkehrenden, von der Nähe und Geneigtheit ihrer Mitmenschen, mit ihnen zu verkehren, und dann social von der ge— samten fittlich-rechtlichen Ordnung, welche den realen thatsächlichen Verhältnissen ent⸗ sprungen und ihnen angepaßt fein muß, aber sie selbst wieder formt, gestaltet, nach gewissen Richtungen hinleitet (vergl. auch J, 802). „„So wenig wir, wie erwähnt, alle diese Gewohnheiten und Ordnungen hier vorflhren und studieren können, so passend scheint es, den Kern aller wirtschaftlichen Verkehrsinstitutionen, das Marklwesen zu erbrlern, d. h. die rechtliche und Verwaltungs— institution, welche Wert und Preis, Angebot und Nachfrage, auch alle Konkurrenz erzeugt hat, die Erscheinung, welche ebenso sehr als ein Komplex wirtschaftlicher Vor— gänge wie als die Ordnung derselben durch die Gesellschaft sich darstellt. Was berstehen wir unter Markt? Wir brauchen das Wort „Markt“ zunächst als Bezeichnung des Ortes und der Zeit, welche tauschende Käufer und Verkäufer zu vereinigen pflegt. Wir schließen dann in den Begriff alle diejenigen Veranstaltungen und Anosdnungen ein, die genoffenschafi—