1771 Alteste Markteinrichtung. Scheidung der Marktarten. 19 Aus all' diesen Ursachen wird es erklärlich, daß Jahrtausende und Jahrhunderte lang das Marktwesen und seine konventionelle Ordnung die Verkehrsseite der Volks— wirtschaft beherrschte. Es wird mit diesen Bemerkungen über die Formen alles be⸗ deutenderen aͤlteren Handelsverkehrs aber auch ein ganz allgemeines Princip deutlich bewiesen: nämlich, daß aller Handel und Verkehr zwar von den Individuen, ihren Bedürfnissen, bald auch von ihrem Erwerbstrieb ausgeht, aber eine staatlich geordnete Gesellschaft und gesellschaftliche Institkutionen voraussetzt. Aller Handel ist gesellschaft⸗ liche Berührung mehrerer; er kann nur gedeihen, wo eine Mehrzahl von Verkäufern und Käufern in regelmäßige Berührung kommt. Es sind von Anfang an Volks— genossen und Fremde, Mächtige und Schwäche, sie kommen unter gesellschaftlichem Frieden, unter bestimmtem Schutz, unter öffenilichen Ordnungen zusammen. Ihr Geschäft ge— deiht nur unter dem Lichte der Offentlichteit, unter Ausschluß von Gewalt und Betrug, unter der gesellschaftlichen Ordnung des Marktwesens, des Maß⸗, Gewichts- und Münz— wesens, unker einer Kontrolle, welche Personen und Waren prüft, sie bald zuläßt, bald ausschließt. Nie können deshalb auf irgend einem Markte bloß egoistische Triebe, bloß Gewinnabsichten walten; gesellschaftliche Instinkte und Rücksichten, Sitten und Ordnungen müfsen fie irgendwie einschränken, und zwar um so mehr, je verschiedener die Menschen auf dem Markte sind, je mehr sie nicht Verwandte und Nachbarn, sondern nur ves Geschäfts wegen zusammenkommende Personen sind. Werfen wir jetzt einen Blick auf die Art, wie in der zweiten und dritten unserer Verkehrsepochen das Marktwesen sich im einzelnen gestaltet und differenziert hat. 153. Die Differenzierung der älteren Märkte. Die ältesten Märkte der Kulturvölker waren meist die jührlich ein- bis dreimal gehaltenen; in der christlichen Zeit liegen sie häufig zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Die tria kora gehen den tribus placitis, den drei ordentlichen Gerichtsversammlungen parallel. Viele dieser Märkte sind älter als alle Städtebildung und haben lange existiert, ohne Städte zu erzeugen. Noch heute giebt es solche Märkte in Afrika und Afien, wo jährlich Taufsende vorübergehend zusammenkommen, und nach Ablauf des Marktes kaum ein paat Menschen am Orte zu treffen sind. Wo aber gerade durch den „Jahrmarkt“ neben der bischöf— lichen Kirche, dem fürstlichen Fronhof, dem Kloster sich ein größerer Ort bildete, da entstand in Deutschland seit Ende des 10. Jahrhunderts, hauptsächlich aber im 12. - 14., neben dem forum annuale das septimanalte oder hebdomanale; die Landleute der Um— gegend kamen nun jede Woche ein⸗- oder zweimal zu Markte und tauschten da mit Kaufleuten und Hanbwerkern. Und daraus entstand mit der Zeit der taͤgliche Markt, d. h. die gewerbuͤchen Meister, die Höker und die Kaufleute begannen nun täglich zu verkaufen, wenn auch das Hauptgeschäft nur einmal in der Woche in Anwesenheit der Bauern und Ritter der Umgegend stattfand. So haben wir vom 13. Jahrhundert an den Jahrmarkt für die weitere Umgegend und die fremden Handler, den Wochenmarkt für die nuüchste Umgebung, den taglichen Markt für die Stadtbewohner. Und die Differenzierung geht noch weiter: in den größeren Orten sucht man Linzelnen Jahrmätkten durch besondere Privilegien und Ein— richtungen eine erhoͤhte Bedeutung zu geben; sie werden als nundinae universales, als Messen bezeichnet, dauern 8514 Tage, wollen die Kaufleute von weiter heranziehen. Die Bezeichnung „Messe“ knüpft an das Worl ann nsu ee occlesia, womit der Priester die geistliche Handlung schloß. Sie erhalten hauptsächlich vom späteren Mittelalter an bis ins 19. Jahrhundert eine große Bedeutung als Centralpunkte des Warenumsatzes im großen zwischen den Händlern verschiedener Gegenden und Länder und als Stationen und Mittelpunkte des Zahlungs- und Kreditgeschäftes. Die Messen der Champagne sind die ersten ganz großen Messen dieser Art, ihr folgen die von Genf, dann sind in Frankreich die von Paris, Lyon und Besangon, in Spanien die von Medinga del Campo von Bedeutung; in Italien sind später die von Piacenza und Sinigaglia, in Deutsch— land die von Bozen, Frankfurt a. M., Leipzig, Frankfurt a. O. berühmt geworden; in Rußland blüht heule noch die von Nishnij⸗Rowgorod. Die Ordnung dieser verichiedenen Marktarten“ knupft an dieselben äußeren Ein—