32 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [490 wurde es üblich, daß der Kaufmann seine Ware dem Schiffer übergab, und dieser die Stelle des Supercargo zugleich übernahm. Noch heute spielen in den Ländern ohne moderne Verkehrsmittel nicht bloß kleine Hausierer, sondern auch größere fahrende Kaufleute die Hauptrolle im Verkehr, so in Sibirien, in Westamerika und anderwärts. Neben dem wandernden Handel, lange in den Händen derselben Personen, entsteht der stehende ansässige Handel, schon im späteren Mittelalter nach und nach in Groß— handel und Kleinhandel sich teilend; der erstere ist noch lange halb ein Wandergewerbe, während der letztere, handwerksmäßig betrieben, sich auf den städtischen Markt beschränkt. In dem Maße, als die Transportgewerbe, die Posten, die neuen Handelsformen des Kommissionshandels sich ausbilden, als die neueren Staaten sich konsolidieren, die ge— schlossenen Territorial- und Volkswirtschaften sich abrunden, rückt der stehende Groß— und Kleinhandel an die erste Stelle; die Förderung des ansäfssigen Handels erscheint vom 16. -19. Jahrhundert als eine öffentliche Aufgabe. Dieser wird von den be—⸗— dächtigen Politikern jener Zeit so unbedingt gegenüber dem fahrenden Handel als ein Fortschritt angesehen, daß ein generelles Vorurteil gegen den Haufierhandel, welchem seit dem 17. und 18. Jahrhundert mehr nur kleine Leute mit dem Pack auf dem Rücken, mit Schubkarren und Packpferd oblagen, wohl verständlich wird. Viele Zweige desselben waren freilich so nützlich, so mit den Jahrmarktseinrichtungen, dem legitimen Fremdenhandel verknüpft, daß alle erschwerende Wirtschaftspolitik ihn nicht ganz unter— drücken konnte. Italienische Hausierer kamen von 1800—1800 mit Südfrüchten und Ähnlichem nach Deutschland, Nürnberger nach Norddeutschland, norddeutsche in die skandinavischen Reiche. Manche neuen abseits gelegenen Gewerbe konnten ihre Waren nur durch hausierende Familienglieder absetzen, wie die böhmischen Glas-, die schwarz⸗ wälder Uhrmacher des 17.—19. Jahrhunderts. Der Neid der stehenden Geschäfte that alles, die ungünstige Stimmung gegen sie zu mehren. Aber auch berechtigte Motive wirkten auf seine Einschränkung. Nach dem 380 jährigen Krieg drohte ein ganzer Teil der Bevölkerung in Vagabundage sich aufzulösen. Zigeuner und andere moralisch zweifelhafte Wanderelemente, die Hehlerei, Dieberei, Betrug aller Art trieben, sich der Polizei und der Besteuerung entzogen, waren lange so zahlreich, daß noch ein so liberaler, weltkluger Mann, wie J. G. Hoffmann, die Fortdauer des Gewerbebetriebes im Umherziehen in dem Deutschland von 1820—850 für eine rätselhafte Erscheinung, die Zunahme der Hausierer für einen sittlichen und gewerblichen Rückschritt hielt. Stark einschränkende Gesetze über Konzessionierung, Kontrollierung, Besteuerung der Hausierer mit engen Vorschriften über die erlaubten Waren hatten allerwärts bis 1830—70, bis zum Siege der Gewerbefreiheit Platz gegriffen. Sie waren in ihrem Kern nicht un— berechtigt, in ihrer Ausführung meist stark übertrieben, verkannten die Bedürfnisse der abgelegenen Konsumenten, des platten Landes. Langsam und sicher dehnten sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die stehenden Groß-⸗ und Kleinhandelsgeschäfte aus; die ersteren auf die Verkehrscentren, Umschlags⸗ und Stapelplätze, fürstliche Residenzen im ganzen beschränkt; die letzteren in den größeren wie kleineren Städten zu Hause, auf das platte Land noch kaum ausgedehnt. Mehr und mehr war das Neztz dieser Geschäfte ein relativ dichtes, es war im ganzen stabil geworden, wie die Handelsbeziehungen, die es schuf. In der kleinen Stadt fand man ein oder zwei Gemischtwarenhandlungen, in der größeren nebeneinander die Höker, Viktualien-, Kolonialwaren-, Manufaktur-⸗, (Gewebe aller Art)⸗, Metallwaren- und Kurzwarenhandlungen; die Arbeitsteilung im Kleinhandel war gering, der Betrieb gemächlich und handwerksmäßig; jeder Laden hatte seine Kunden, die er kannte, nahm, was er brauchte vom befreundelen und nahen Großhändler. Das örtliche Markt- und Innungsrecht sicherte ihm seine Nahrung. Im Großhandel hatte langsam eine gewisse Arbeitsteilung Platz gegriffen. Freilich war noch lange der Geld- und Kredit- zugleich Warenhändler, der Tuch- und Waren⸗ händler zugleich Verleger der hausindustriellen Heimarbeiter. Immer hatte der Kapital⸗ und Kredithandel zuerst in Italien, dann in Deutschland, Holland, Frankreich, England jene halbfürstlichen Kaufleute, von den Medicäern, den Fuggern bis zu den Rothschilds