48 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [1506 harmonische Interesse, den Einkauf einzuschränken; ihr Einzelinteresse stimmt mit dem Besamtinteresse; die Verkäufer haben umgekehrt bei finkendem Preise nicht ebenso als einzelne ein Interesse, das mit ihrem Gesamtinteresse übereinstimmte; statt daß alle die Produktion einschränkten, dehnen die, welche es können, sie aus, um an der größeren Verkaufsmenge bei sinkenden Preisen den alten oder einen größeren Profit zu machen. Daraus sucht er zu beweisen, daß die Käufer untereinander stets nur in freundschaftlich friedlichem Wettbewerbe, die Verkäufer in feindlichem Wettkampf stehen. In seinen geistvollen Ausführungen ist sehr viel Richtiges, aber auch viel generalisierend und konstruierend Übertriebenes. Ich kann auf seine Schlußfolgerungen hier nicht näher ringehen. Auch Herr und Frau Webb haben in ihrem bedeutsamen Buche „Industrial Democracy“ die Grade der Konkurrenz in der heutigen Volkswirtschaft nach dem Schema von Verkäufer und Käufer zu bemessen gesucht: der Käufer erscheint ihnen stets als der, welcher warten kann, der Verkäufer als der, welcher das Geschäft möglichst rasch und um jeden Preis abschließen muß. So zuerst der Arbeiter, der seine Arbeit an den Fabrikanten verkauft; dann aber — sagen sie — ist der Fabrikant gegenüber dem Großhändler in ähnlich dringlicher Lage; der Großhändler wieder als Verkäufer zgegenüber dem Kleinhändler und dieser gegenüber dem Konsumenten. Die Webbs fuchen den lawinenartig anschwellenden Druck der Konkurrenz, der in dieser Kette des Verkehrs zusammenhängend sich von Glied zu Glied vom Konsumenten bis zum Arbeiter steigern soll, möglichst drastisch damit zur Anschauung zu bringen. So viel Wahres ihre Dar—⸗ stellung enthält, so ist sie doch zu schematisch, um ganz wahr zu sein oder für alle Verhältnisse zuzutreffen. Daß der Konsumenl stets dem Kleinhändler, dieser stets dem Sroßhändler überlegen sei, ist nicht richtig; die Webbs führen selbst Ausnahmen an. UÜberhaupt ist mit dem abstrakten Unterschied von Käufer und Verkäufer nicht das Wefentliche bezeichnet. Man kann nur sagen: häufig werden die Verkänfer mehr kon⸗ urrieren als die Käufer. Oft aber sind auch letztere in einer Lage, daß sie — sei es aus Not, sei es aus entwickeltem Erwerbstrieb — stärker konkurrieren. Eine andere oft besprochene Unterscheidung in Bezug auf die Konkurrenz ist die zwischen Landwirt und Fabrikant oder Kaufmann, die noch neuerdings Ministerial⸗ direktor Thiel so formuliert: „Es fehlt der Landwirtschaft der Stachel des Wettbewerbs, des Kampfes ums Dasein ... Der fleißigste und tüchtigste Landwirt und der faulste und dümmste können jahrelang die nächften Nachbarn sein, ohne sich einander zwingend zu beeinflussen.“ Es ist das soweit wahr, wie der Landwirt keine Schuldzinfen zu zahlen hat, nicht vom Markt abhängig ist, nicht Vermögen erwerben will, sondern wesentlich von seinen Produkten lebt, in guten und schlechten Jahren auskomit, ob er aun etwas mehr oder weniger verkauft hat. Oppenheimer fügt bei: der Landwirt ist aicht, wie der Gewerbtreibende, am Preise einer Ware interessiert, sondern an dem dieler; er kann bei sinkendem Preise die Produktion nicht so steigern und den Markt o überführen wie jener. Ich möchte sagen: er ist nicht so in die Zusammenhänge der Volkswirtschaft verflochten, er kann nie so spekulieren; sein Erwerbstrieb bleibt immer ein anderer; seine sittlich-psychologische Atmosphäre unterscheidet sich von der des Städters immer im ganzen so, daß er nicht leicht an der Konkurrenz sich stark beteiligt, nie so auf die Abwege der feindlichen Konkurrenz kommen kann, aber auch meist nicht die Thatkraft, die wirtschaftliche Energie und Findigkeit zeigt wie jener. Wir haben damit die Unterschiede der socialen Klassen überhaupt in der Konkurrenz berührt. Sie liegen auf der Hand, sind oft von Praktikern und Theoretikern erwähnt und besprochen worden. Soweit die verschiedenen Klaffen einander im Konkurrenzkampf gegenüberstehen, ist meist die eine die überlegene, sach- und marktkundigere, reichere, kräftigere, wie z. B. der Kreditvermittler gegenüber dem Bauern, der Verleger und Faktor gegenüber dem Heimarbeiter, der Großunternehmer gegenüber dem Arbeiter, der Kleinhändler gegenüber der armen Hausfrau, während z. B. Groß- und Kleinhändler, Roheisenverkäufer und Maschinenfabrikanten sich in der Hauptsache wenigstens als gleich marktkundig gegenüberstehen. Wir haben dieie Gegensaͤtze teilweise schon berührt und