513) Die Korruption des Handels durch die Konkurrenz. 55 wirtschaftlichen Folgen eines Übermaßes armer Konkurrenten, vor allem der Arbeiter, und das Verschwinden aller Konkurrenz durch Monopolbildung. Der liberale Optimismus hat, als er im ganzen mit Recht Gewerbefreiheit, Handelsfreiheit und alles Derartige erstrebte, angenommen, es werde der bisher im ganzen vorhandene reelle Geist des Geschäftslebens sich erhalten, die Hffentlichkeit werde ihn überall erzwingen, wo etwa der Druck der Konkurrenz den einzelnen zum Gegenteil verführen wolle. Dieser Optimismus hat möglichst alle Organisationen zerstört, welche auf Waren— und Qualitätsprüfung, auf Hintanhaltung des Betrugs im Verkehr hinzielten, und die Besorgung der Nachrichtenverbreitung den einzelnen und den Geschäftsinteressen der Presse allein überlassen. Und die Folge war, daß seit hundert Jahren in den Staaten der wirtschaftlichen Freiheit neben ihren Segnungen eine Korruption und Betrügerei im Handel und Wandel entstand, eine Täuschung und Belügung des Publikums durch Reklame und Schwindelpresse Platz griff, wie sie wohl noch nie bestanden hatte. Gewiß nicht, ohne daß starke Gegenströmungen im Sinne des Anstandes und der Ehrlichkeit von Anfang an vorhanden waren und gegen das Übel kämpften. Aber sie hatten unter der Wucht der ungezügelten Erwerbssucht weiter Kreise und unter der Schwierigkeit zu den die Konkurrenz mit anständigen Mitteln gegen Betrüger und Schwindler zu alten. Die Fälschungen in der Herstellung zahlreicher Warenarten und beim Verkauf haben zu einer förmlichen Wissenschaft des Betrugs, zu Betrugslexiken geführt. Zucker, Kaffee, Gewürze aller Art, Mehl, Backwerk, faft alles wurde gefälscht, gefärbt, mit wertlosen Zusaͤtzen, oft in falschen Gewichtspaketen verkaufit. Falsche Marken und Etiketten, salsche Firmenbezeichnungen sollten täuschen; die Metalllegierungen enthielten eine andere Zusammensetzung als versprochen war; auf Ramschbazaren, auf dem Lande hat man Hosen verkauft, die geleimt, statt genäht waren. Dabei wurde stets der Schein erregt, als ob man der ehrlichste Verkäufer wäre, die „feinste“, „billigste“ Ware nur durch einen Glückszufall begünstigt führen könne. Die einkaufenden Dienstboten werden in Tausenden von Läden bestochen; die verkaufenden Reisenden können ohne alle mög— lichen Geschenke an die Commis der einkaufenden Häuser nicht auskommen. Die kon—⸗ kurrierenden Geschäfte sucht man heimlich oder offen schlecht zu machen; man sucht in ihre Geheimnisse und Vorteile durch Bestechung zu kommen. In allen Ländern weiß man von dem traurigen Verfall einzelner Geschäftszweige zu erzählen, der damit anfing, daß illoyale Konkurrenten begannen, scheinbar ganz dieselbe Ware für geringeren Preis zu geben; in dem betreffenden Paket Futterstoff z. B. waren statt 25 nur 24 Ellen; bald überbot einer den andern; zuletzt waren noch 15 Ellen darin, aber die Industrie war auch ruiniert; niemand nahm jetzt mehr die Pakete. Annoncen, Verteilung von Reklamezetteln, Kauf von Zeitungen oder Spalten in ihnen, um für gewisse Geschäfte Lärm zu schlagen, enthält an sich nichts Unrechtes. In der Tendenz zur Massenproduktion und Großindustrie liegt es, daß man den Markt erobern, die Menschen über die Vorzüge der eigenen Erzeugnisse aufklären muß. Nur wer für einen Artikel von bestimmter Art und Marke über ganze Länder und Erdteile Reklame zu machen weiß, wie es z. B. für die Jägerschen Wollstoffe gelang, macht heute dauernd erheblichen Gewinn. Aber das ganze Reklamewesen ist eine unlautere Kunst geworden, die mehr auf die Täuschung, auf die Leichtgläubigkeit und die Dumm— heit als auf wahre Belehrung spekuliert, die fast mehr durch Lüge als durch Wahrheit wirkt. In den Großstädten glückt fast kein Geschäft mehr anders als durch riesenhafte Reklame der ladenhältende Mittelstand klagt, daß er für Reklame viel mehr als für Steuern ausgeben müsse. In England, dem Lande der wirtschaftlichen Freiheit, hat sich eine gemeinnützige Gesellschaft gebildet mit dem Zweck, es dahin zu bringen, die heutige schamlose Reklame unter den gemeinrechtlichen Begriff der „Nuisance“* zu bringen. Die Kondoner Stockbörse verbietet ihren Mitgliedern, ihre Dienste dem Publikum an— zubieten, und in Deutschland beruht die Ausdehnung eines ungesunden Börsenspiels unter dem nichtsachverständigen Publikum hauptsächlich auf der Art, wie die Firmen