62 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [520 die Technik wenig entwickelt war. Auch eine Anordnung der Gemeinde oder des Fürsten über sie war kaum nötig, da die Sitte und die gleichen Namen in der Sprache aus— reichten, ungefähr gleich Großes gleich zu benennen. Mit höherer Technik, größerem Verkehr und dem Bedürfnis der besseren Zeit— messung wurde das aber anders. Ob nun die Gestirnbeobachtung und das Bedürfnis der Jahreseinteilung in Zusammenhang mit den Anfängen der Mathematik, oder das Bedürfnis der Feldmeßkunst, wie es vor allem in den seweilig überschwemmten Niede— rungen des Nils und der Ströme des Pendschab sich geltend machte, oder die Fortschritte der Baukunst oder die des Metallverkehrs das treibende Motiv waren, ob, wie wahr— scheinlich, diese Ursachen nebeneinander und zusammen wirkten, wollen wir nicht unter—⸗ suchen; sicher ist, daß zuerst bei den hochkultivierten Völkern Vorderasiens, hauptfächlich bei den Babyloniern und Assyrern, sowie bei den Agyptern aus diesen bunt gemischten, durch die Sitte vereinheitlichten Naturalmaßen Systeme einheitlicher, konventioneller Maße und Gewichte heraus sich entwickelten, welche von Priestern und Regierungen auf Grund großer technisch-mathematischer Kenntnisse ersonnen, auf in Tempeln niedergelegten Urmaßen und -Gewichten basiert, den Versuch machten, in größeren Kreisen und ganzen Staaten durch das Verbot anderer Maße, die gleichmäßige Anwendung der so her— gestellten Maße und Gewichte zu erzwingen. —ADD— und Gewichtssystems ohne Zweifel an die bestehenden Sitten und Naturalmaße anschloß, jo groß war doch der Fortschritt. Alle Naturalmaße konnten nur grobe, ungefähre Quantitätsvorstellungen erzeugen; ewig wechselnd und unsicher gestatteten sie keine höhere Technik, keine Sicherheit der Ackerbesitzer, keine Treue und Ehrlichkeit im Verkehr. Sie entwickelten sich an jedem Orte, in jedem gesellschaftlichen Kreise anders. Es gab kein Mittel, sie zu prüfen, zu kontrollieren, ihren Wandel in der Zeit zu hindern. Sie standen unter sich in keinem Zusammenhang: das Längenmaß nicht mit dem Flächen- maß, beide nicht mit dem Gewicht. Für alle drei Messungsaufgaben entwickelten sich, so lange man nur Naturalmaße hatte, je nach den Waren und Bedürfnissen, die ver— schiedensten Gewichte, Längen- und Flächenmaße neben einander. Erst ein offizielles und konventionelles Maß- und Gewichtssystem konnte alle diese Übelstände beseitigen, aber seine Entstehung war so wenig leicht wie seine Durchführung. Es setzte einen sehr hohen Stand des Wissens und Könnens bei den Priestern, eine fehr starke, energische Staatsgewalt voraus. Es handelt sich dabei um einen der stärksten Einschnitte in die wirtschaftliche Freiheit, um eine der maßgebendsten Regulierungen alles Verkehrs, aller Technik im Gesamtinteresse der Gefellschaft. Die große Neuerung hat sich überall nur langsam gegenüber den Naturalmaßen und der Ortssitte durchsetzen können. Aber wo ein solches System auch nur einigermaßen Platz griff, da gab es nun feste, sichere, gleichmäßige, nach gewissen Urmaßen immer wieder zu kontrollierende Maße und Ge— wichte. Es war damit die erste Voraussetzung für alle höhere Technik, ihre Über— lieferung und Durchführung, für allen Verkehr und Handel erfüllt; es war das größte Mittel, um Streit, Übervorteilung, Täuschung auf dem Markt zu beseitigen, die Ehrlich— keit in Handel und Wandel, zwischen Grundherrn und Leibeigenen zu fördern. Es konnten mun die verschiedenen Maße für Gewichte, Länge, Fläche, Hohlmaß, in cichtige Übereinstimmung gebracht werden. Es war, wie die Sprache, ein Hauptmittel der Vergesellschaftung und gesellschaftlichen Vereinheitlichung weiterer Kreise. Es ist bei der Durchführung ohne harten Zwang und Strafe niemals abgegangen. Wir können bei jedem Volk den ersten großen Sieg des konventionellen Systems in den beginnenden Strafen für falsches Maß und Gewicht beobachten. Die historisch erste Durchführung eines solchen Systems wird man neben der Bildung der chaldäischen Priester der despotischen Ällgewalt der asiatischen Großtönige zuzuschreiben haben. Wenn Dr. Lehmann recht hat, so zeigte das babylonische Maß— und Gewichtssystem vor 5000 Jahren in seiner Anlage dieselbe innere Einheit, welche das heutige metrische System auszeichnet: das Zehntel der babylonischen Doppelelle war die Basis des Hohlmaßes. dessen Wassergewicht die Mine als Grundgewicht ergab.