302 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [760 zu machen, was er für Lohnzahlungen braucht, und wie er das Kapital hiefür schaffe; es hängen seine diesbezüglichen Dispositionen mit den Bewegungen und Kreditvorgängen des Kapitalmarktes zusammen; aber diese sind nicht das Ausschlaggebende. Schon Hermann hatte die Lehre bekämpft, dann Thornton so nachdrücklich, daß Mill seine Ausführungen förmlich widerrief (1860). Brentano zeigte, daß der Versuch Seniors, den sogenannten Lohnfonds quantitativ zu bestimmen, einen Cirkelschluß enthalte. Walker erinnerte daran, daß in den kapitalreichsten Ländern der Lohn tief, in den kapitalärmsten hoch stehe, daß die Arbeiter in den Vereinigten Staaten vielfach erst nach Verkauf des Produktes bezahlt werden. Die socialistischen Thebrien haben das Verdienst, den Blick auf die ungleiche Macht im Konkurrenzkampf zwischen Unternehmern und Lohnarbeitern, auf die Be— deutung der socialen Klassen überhaupt, auf den Einfluß der Maschinen und der Krisen hingelenkt zu haben. Ihr wesentlicher Zug ist eine pessimistische Anklage, ihr Zweck ist, theoretische Beweise für die Notwendigkeit zu erbringen, daß die gegenwärtige Ver— fafsung der Volkswirtschaft zunächst die Verelendung der Massen, dann die Revolution und die Beseitigung des Lohnsysfiems zur Folge haben werde. Dabei verfahren sie teilweise noch abstrakter als ihre Gegner, mit denen sie lange das wissenschaftliche Rüstzeug gemeinsam haben. Sie glauben vielfach an die Lohnsondstheorie, jedenfalls zglauben sie wie Rodbertus daran, daß der Anteil der Arbeiter am Gesamtprodukt mit dem Steigen der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität immer kleiner werden müsse. Lafssalle will nicht leugnen, daß in Jahrhunderten die Lebenshaltung und der Lohn etwas gestiegen sei; aber für die Gegenwart nimmt er einen kümmerlichen Lohn an, der nicht steigen könne, weil jede kleine Verbesserung rasch eine entsprechende Be— völkerungszunahme herbeiführe. Er ruft: „Die Beschränkung des durchschnittlichen Arbeitslohnes auf die in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Erxistenz und zur Fortpflanzung ersorderliche Lebensnotdurft, das ist das eherne und grausame Gefetz, welches den Arbeitslohn unter den heutigen Verhältnissen beherrscht.“ Ihre Grundgedanken entnimmt die socialistische Theorie dem Gegensatz des Lohn— (Arbeits-)Einkommens und des arbeitslosen Einkommens und der vagen Vorstellung, daß alle von einer Nation zu verzehrenden Güter von den Arbeitern hergestellt, zu einem erheblichen, ja zum größeren Teile von den Nichtarbeitern verzehrt werden. Grundrente, Kapitalzins, Unternehmergewinn erscheinen als ungerechte Abzüge vom Arbeitsertrag. Der Arme arbeitet, sagt Charles Hall (1805), von acht Stunden eine für sich, sieben für die höheren Klassen. William Thompson, der Freund Owens, bezeichnet 1825 das den Arbeitern entgehende, unrechtmäßiger Weise an die Grund— und Kapitaleigentümer gelangende Ergebnis der Arbeit als surplus value, Mehrwert; er hat die Gedanken und Worte geschaffen, deren sich dann Rodbertus, Marx und seine Schüler bedienten. Von Hall und Thompson bis zu den neueren Socialisten reicht die Kette der Schriststeller, welche mit dem Schlagwort, daß die Arbeit die Güter und den Wert erzeuge, ausschließlich oder hauptsächlich an die mechanische, durch Arbeits— lohn entgoltene Thätigkeit der Lohnarbeiter denken. Dabei wird, wo von Gütererzeugen, Produzieren, steigender Produktivität der Arbeit die Rede ist, nie genauer untersucht, welchen kausalen und quantitativen Anteil daran die Lohnarbeiter, die Beamten, die Unternehmer, die übrigen Klassen etwa haben, welche frühere Arbeit im Boden, in den Kapitalien, in den Plänen, Entwürfen und Vorarbeiten stecke. Höchstens wird, wie von Marx, den Leitern der Unternehmung oder den Beamten ein etwas höherer Lohn zugestanden und wird zugegeben, daß vom Gesamtertrag und seinem Werte für Kapital— bildung, Staats- und Gemeindeleitung, liberale Berufe etwas abzuziehen sei. Auch die Formel Thünens, daß der Lohn die Quadratwurzel aus den Bedürfnissen des Arbeiters G. B. 800 Mk. jährlich) multipliziert mit dem Wert seines Arbeitserzeugnisses (z. B. 1000 jährlich, also y 860 1000 — nicht ganz 900) sein solle, hat nur einen Sinn, wenn der Wert dieses Erzeugnisses wesentlich höher als der Unterhaltsbedarf an— genommen und kausal auf den Lohnarbeiter, nicht auf den, welcher Plan und Entwurf der Arbeit machte, sie leitete und auf den Markt brachte, zurückgeführt wird. Noch